Joachim Ringelnatz (*7. August 1883)

Hans Gustav Bötticher, wie Joachim Ringelnatz eigentlich heisst, wird am 7. August 1883 in Wurzen, einem Ort bei Leipzig, in ein künstlerisches Elternhaus geboren. 1886 folgt der Umzug nach Leipzig. Der Vater schreibt humoristische Verse und Kinderbücher und veröffentlicht über vierzig Bücher, die Mutter stellt Puppenkleidung her. Die Familie Bötticher ist finanziell gut gestellt. Klein Hans strebt dem Vater nach, ein Streben, das ihn zeit seines Lebens verfolgen soll, da er sich immer hinter dem zurückstehend sieht in Anbetracht von dessen akademischem Hintergrund. Trotzdem steht er ihm näher als der Mutter, deren Liebe ihm fehlt.

Die Schulzeit stellt ein eher düsteres Kapitel für Ringelnatz, wie wir ihn fortan nennen wollen, dar. Einerseits wird er von den Mitschülern wegen seines Aussehens gehänselt, andererseits fühlt er sich unwohl in Bezug auf die Lehrer, welche er als „respektfordernde Dunkelmenschen“[1] sieht. Sein Aussehen wird noch sein Leben lang an ihm nagen, viele seiner Schwierigkeiten im Leben führt er darauf zurück. Nach einem Vorfall in der Schule fliegt Ringelnatz von Gymnasium, setzt seine Schulkarriere in einer Privat-Realschule fort, beendet aber auch diese Lebensetappe wenig erfolgreich, indem er neben schlechten Noten den Eintrag „Schulrüpel ersten Ranges“[2] heimträgt.

Ringelnatz hat den Traum, Seemann zu werden, sieht aber schon nach fünf Monaten als Schiffsjunge, dass er als eher kleiner, feiner Jüngling in der harten Seemannswelt einen schlechten Stand hat. Es folgt Arbeitslosigkeit im Wechsel mit diversen Jobs im Seemannsbereich. Weitere Versuche, beruflichen Erfolg zu finden, sind ebenfalls nicht vom Glück gekrönt, Höhepunkt eines solchen Versuchs ist sogar eine Inhaftierung. Unter all diesen unerfreulichen Lebensumständen veröffentlicht Ringelnatz Gedichte, Witze und Anekdoten in einer satirischen Zeitschrift.

1909 tritt Joachim Ringelnatz in der Münchner Künstlerkneipe Simpilicissimus auf und legt damit den Grundstein zu seiner Künstlerlaufbahn. Schnell wird er zum Hausdichter des Etablissements, verkehrt fortan mit Künstlern wie Erich Mühsam, Bruno Frank, Ludwig Thoma, Frank Wedekind, und vielen mehr. Wegen der schlechten Bezahlung auf der Suche nach anderen Einnahmequellen, versucht sich Ringelnatz als Dichter von Reklameversen – auch das ohne finanziellen Erfolg. Es folgen Veröffentlichungen von Gedichten und Essays unter verschiedenen Pseudonymen in der angesehenen Satirezeitschrift Simplicissimus sowie zwei Kinderbücher und ein Gedichtband.

Um seinen Bildungsmangel zu beheben und nicht länger hinter seinen Künstlerkollegen zurückzustehen, nimmt Ringelnatz Privatunterricht in Latein, Geschichte, Literaturgeschichte und weiteren Fächern, verschlingt zudem Werke der Weltliteratur. Schon bald fehlt das Geld, sein Bohème-Leben weiterzuführen, so dass er fortan als Wahrsagerin verkleidet den Prostituierten in Bordellen die Zukunft vorhersagt. Die finanzielle Lage bleibt prekär, der Winter ist hart, ihm entspringt der erste Band seiner autobiographischen Bücher. Weitere Arbeitsversuche führen ihn 1912 zu einer Anstellung als Bibliothekar, zu einem Job als Fremdenführer und schliesslich zur Arbeit als Schaufensterdekorateur (für die Dauer eines Schaufensters, danach sieht er seine zu unorthodoxe Dekorationskunst ein und gibt auf).

Obwohl Ringelnatz in dieser Zeit einiges veröffentlichen kann, unter anderem seine Gedichtsammlung Die Schnupftabakdose, hat er kaum Einnahmen aus seiner Schriftstellerei. Zu Kriegsbeginn meldet er sich freiwillig zur Marine, darf aber zu seiner Enttäuschung nicht am Getümmel teilnehmen, versucht aber alles, um die Karriereleiter in der Armee hochzusteigen. Auch der Krieg lässt Ringelnatz ernüchtert zurück. Im Jahr 1918 erschüttert ihn der Tod seines Vaters schwer. 1920 heiratet Ringelnatz, das Paar wohnt erst in München, dann in Berlin, seine Frau Leonharda unterstützt ihn in seinem Schreiben, doch das Paar ist weiterhin in ständiger Geldnot. Ringelnatz versucht das durch eine Aushilfsstelle bei der Post und Auftritte im Simplicissimus aufzufangen, was nur leidlich gelingt. Auch die erfolgreichen Gedichtsammlungen, Auftritte in verschiedenen Kabaretts und weitere Bücher bringen nur Achtungs- kaum Gelderfolg.

Vollends verarmen Ringelnatz und seine Frau nach 1933, als die an die Macht gekommenen Nationalsozialisten ihm ein Auftrittsverbot auferlegen und später auch seine Bücher verbrennen. In dieser Zeit zeigen sich erste Zeichen von Tuberkulose, woran Joachim 17. November in seiner Wohnung stirbt.

Sein Werk

Lange Zeit beschränkt sich das Hauptinteresse von Ringelnatz’ Leserschaft vornehmlich auf seine Lebensgeschichte, was in Anbetracht dieses sehr umtriebigen Lebens nicht erstaunt. Die Literaturwissenschaft spricht seiner Lyrik zeitweise Rang und Wert ab, befindet sie als höheren Ansprüchen nicht genügend.

Joachim Ringelnatz’ Schaffen ist stark geprägt vom literarischen Kabarett der Jahrhundertwende, es findet sich in seinem Schreiben oft eine Ähnlichkeit mit Christian Morgenstern, aber auch Frank Wedekind, Carl von Maassen und andere haben auf ihn eingewirkt. Anders als bei Morgenstern wird bei Ringelnatz Reales in den Gedichten umgesetzt. In der Figur des Kuttel Daddeldu verarbeitet Ringelnatz zum Beispiel viel Autobiographisches:

So erzählt Kuttel Daddeldu heiter, –
Märchen, die er ganz selber erfunden.
Und säuft. – Es verfliessen die Stunden.
Die Kinder weinen. Die Märchen lallen.
Die Mutter ist längst untern Tisch gefallen,
und Kuttel – bemüht, sie aufzuheben –
Hat sich schon zweimal dabei übergeben.
Und um die Ruhe nicht länger zu stören,
Verlässt er leise Mutter und Göhren.[3]

Ringelnatz’ Werk vereint schwarzen Humor, Groteske, die Sicht auf das reale Leben und die Zeit, es umfasst exotische Erzählungen, Lügenmärchen, Seemannsphilosophie sowie Gedichte und Balladen, welche die verschiedensten Gefühlslagen von Lebenslust bis hinein in die tiefen Niederungen der Befindlichkeit widerspiegeln. Die Moral, welche Ringelnatz der Welt zuschreibt, klingt sowohl banal als auch nüchtern, manchmal gar brutal und zynisch:

Vier Treppen hoch bei Dämmerung

Du mußt die Leute in die Fresse knacken.
Dann, wenn sie aufmerksam geworden sind, –
Vielleicht nach einer Eisenstange packen, –
Mußt du zu ihnen wie zu einem Kind
Ganz schamlos fromm und ärmlich einfach reden

Von Dingen, die du eben noch nicht wußtest.
Und bittst sie um Verzeihung – einzeln jeden –,
Daß du sie in die Fresse schlagen mußtest.
Und wenn du siegst: so sollst du traurig gehen,
Mit einem Witz. Und sie nie wieder sehen.


[1] Günther: Joachim Ringelnatz in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten.
[2] Friederike Schmidt-Möbus: Joachim Ringelnatz – Leben und Werk
[3] Kuttel Daddeldu und die Kinder aus: Joachim Ringelnatz: Gedichte Prosa Bilder

Mascha Kaléko (1907 – 1975)

RosenkranzKalekoMascha Kaléko wird am 7. Juni 1907 im galizischen Chrzanów (damals Österreich-Ungarn, heute Polen) als nichteheliches Kind des jüdisch-russischen Kaufmanns Fischel Engel und der österreichisch-jüdischen Rozalia Chaja Reisel Aufen geboren (Die Eltern heiraten 1922 und der Vater adoptiert Mascha).

1914 reist die Mutter mit Mascha und deren Schwester Lea nach Frankfurt, um den Pogromen in ihrer Heimat zu entgehen, Mascha besucht hier die Volksschule. Weil Maschas Vater die russische Staatsbürgerschaft hat, wird er als feindlicher Ausländer verhaftet, kommt aber bald darauf wieder frei. Die Familie zieht 1916 nach Marburg um, 1918 folgt der Umzug nach Berlin. Mascha leidet unter den vielen Umzügen, das Gefühl von Heimat geht ihr verloren. Dieser Verlust wird sie zeitlebens prägen und auch Gegenstand ihrer Gedichte sein.

IMG_2417Mascha hätte gerne studiert, doch ihr Vater fand das für ein Mädchen unnötig, so dass sie 1925 im Arbeiterfürsorgeamt der jüdischen Organisationen Deutschlands eine Bürolehre beginnt und nebenbei an der Universität Abendkurse belegt. Nebenher schreibt sie immer schon Gedichte, als Inspiration dient ihr der Brotberuf und das Berliner Grossstadtleben, sie schreibt aus dessen Mitte heraus über die Gefühle der normalen Menschen auf der Strasse. Dafür wird sie geliebt, denn die Menschen erkennen sich wieder, sie sehen in Mascha jemanden, der ihre Sprache spricht, der sie versteht.

Am 31. Juli 1928 heiratet Mascha den Hebräischlehrer Saul Aaron Kaléko. 1929 veröffentlicht Mascha ihr erstes Buch, welches ein Erfolg wird. Lesungen folgen, sie verkehrt im Romanischen Café mit anderen Literaten Berlins. Als Hitler an die Macht kommt, wird das Leben für jüdische Künstler schwieriger. Mascha ist noch nicht betroffen, auch von der Bücherverbrennung wird sie verschont. Erst 1935 stellt das Regime fest, dass Mascha Jüdin ist, ihr Erfolg nimmt ein jähes Ende.

Im selben Jahr lernt sie den Dirigenten und Musikwissenschaftler Chemjo Vinaver kennen und lieben. Die beiden erwrten bald darauf ein Kind, Avitar Alexander Kaléko erblickt im Dezember 1936 das Licht der Welt – denn verheiratet ist Mascha immer noch mit Saul Aaron Kaléko, der als Vater eingetragen ist. Mascha leidet unter der Lebenslüge, die sie wohl 1937 aufdeckt. Kaléko will von einer Scheidung nichts wissen, zu sehr liebt er Mascha. 1938 werden die beiden dann doch rechtsgültig geschieden (im Oktober 1937 waren sie schon religiös geschieden worden) und Mascha und Chemjo können im Juni 1938 heiraten.

Die Ehe ist nicht nur einfach, trotz der grossen Liebe. Chemio scheint sehr impulsiv und aufbrausend zu sein, es kommt oft zu Streit. 1938 verlässt die kleine Familie Berlin und tritt die Emigration in die USA an. Mascha fühlt sich hier nie zu Hause, sie vermisst ihre Sprache, sie vermisst ihre Ausdrucksmöglichkeit. Zudem ordnet sie ihre eigenen Wünsche und Pläne ihrem Mann unter und versucht, ihn in seiner Karriere zu unterstützen. Ihre Familie ist ihr immer das Wichtigste, obwohl sie auch ihre Erfolge als Dichterin vermisst.

Nach dem Krieg können Maschas Gedichte in Deutschland wieder gelesen und neu aufgelegt werden. Eine Reise nach Deutschland kann sie sich aber lange nicht vorstellen. Erst 1955 wird sie die ehemalige Heimat wieder sehen. Sie sieht viel Vertrautes, aber merkt auch, dass es das Berlin, wie sie es kannte, nicht mehr gibt.

1960 wandern Mascha und Chemjo nach Palästina aus – auch dieser Schritt geschieht Chemjo zuliebe. Mascha leidet unter dem erneuten Wechsel und sie fühlt sich in nun noch isolierter als in Amerika, zumal sie die Sprache nicht spricht. Als 1968 ihr Sohn nach einer schweren Krankheit stirbt, zerbricht etwas in Mascha. Sie wird sich von dem Verlust nicht mehr ganz erholen.

Vor meinem eigenen Tod ist mir nicht bang
Nur vor dem Tod derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?[1]

Sie selber ist auch schon seit längerer Zeit immer wieder krank, auch Chemjo kämpft mit seiner Gesundheit. Eine grosse Müdigkeit lastet auf Mascha. Chemjo stirbt am 16. Dezember 1973.

1974 bricht sie nochmals auf eine ausgedehnte Europareise auf, besucht nochmals Berlin, überlegt sogar, hier eine kleine Zweitwohnung zu nehmen. Dazu soll es nicht mehr kommen. Als sie auf dem Weg zurück nach Jerusalem in Zürich Halt macht, muss sie ins Krankenhaus, wo sie am 21. Januar 1975 stirbt.

Ausgewählte Werke

  • Das lyrische Stenogrammheft (1933)
  • Kleines Lesebuch für Grosse (1935)
  • Verse für Zeitgenossen (1945)
  • Der Papagei, die Mamagei und andere komische Tiere (1961)
  • Verse in Dur und Moll (1967)
  • Das himmelgraue Poesiealbum der Mascha Kaléko (1968)
  • Feine Pflänzchen (Posthum, 1976)
  • In meinen Träumen läutet es Sturm (Posthum, 1977)

Weiteres zu Mascha Kaléko

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[1] Memento, zitiert nach Jutta Rosenkranz, Mascha Kaléko

Thomas Mann (6. Juni 1875 – 1955)

IMG_2401.JPGPaul Thomas Mann, wie Thomas Mann eigentlich hiess, wird am 6. Juni 1875 in Lübeck geboren. Seine Familie gehört zur besseren Gesellschaft, der Vater ist Inhaber einer Getreidehandlung, hat später verschiedene Ämter inne, seine Mutter stammt aus einer wohlhabenden deutsch-brasilianischen Kaufmannsfamilie. Neben Thomas hat die Familie noch folgende Kinder: Heinrich (1871), Julia (1877), Carla (1881) und Viktor (1890).

Man kann seine Kindheit wohl eine – der Zeit ensprechend – unbeschwerte nennen, schwieriger wird es in der Schule, wo er eher mässig begabt oder interessiert ist, so dass er verschiedene Klassen mehrfach absolviert und schliesslich 1894 ohne Abitur abgeht. Er ist mit dieser Schulkarriere nicht allein, schon Heinrich ist vor dem Abitur ausgetreten und arbeitet beim Schulaustritt seines Bruders bereits als Volontär beim S. Fischer Verlag in Berlin. Bis zum Schulaustritt lebt Thomas bei verschiedenen Lehrern in Pension, ist doch seine Mutter nach dem Tod ihres Mannes, Thomas Manns Vater, und dem testamentarisch verfügten Verkauf der Getreidefirma, mit den drei Jüngsten Kindern nach München gezogen, wohin Thomas Mann 1894 folgt.

IMG_2400.JPGSchon während seiner Schulzeit hat Thomas Mann geschrieben, allerdings keine langen Romane wie später im Leben, sondern – eher schwülstige, von leidenschaftlicher Verliebtheit (zu einem Mitschüler) geprägte – Gedichte (Eine Erinnerung daran findet sich wohl im Tonio Kröger und der Bleistiftszene wieder.). Ein kurzer Ausflug in die Arbeitswelt – Thomas Mann hat eine Stelle als Volontär bei einer Feuerversicherung angenommen und schnell wieder gekündigt – kündigt sich in ihm wohl der Entschluss an, Schriftsteller werden zu wollen. Eine erste Erzählung mit dem Titel Gefallen wird auch sofort in einer Zeitschrift veröffentlicht, es folgen Besuche von Vorlesungen in Literaturgeschichte, Geschichte, Mythologie und mehr als Gasthörer an der Technischen Hochschule sowie weitere literarische Versuche, welche aber von weniger Erfolg gekrönt sind. Trotzdem hatte sein Ersterfolg Thomas Mann die Türen zur Literaturszene Münchens geöffnet.

1895 reist Thomas Mann mit seinem Bruder Heinrich für einige Monate nach Italien. Im Jahr 1896 folgt ein längerer Aufenthalt ebenda, die beiden Brüder bleiben bis im April 1898 und Thomas Mann verfasst mehrere kleinere Arbeiten und beginnt 1897 mit den Buddenbrooks. Zurück in München arbeitet er als Lektor, arbeitet daneben weiter am Verfall der Familie Buddenbrook, bis er diese im August 1900 an Samuel Fischer schickt, welcher den Druck beschliesst.   War bislang Heinrich der erfolgreichere Schreiber, überholt ihn Thomas mit seinem Erstling. Dieser Umstand sowie die für den Bonvivant Heinrich zu bürgerliche Existenz von Thomas führt wohl zu einem angespannten Verhältnis zwischen den Brüdern, das sich lange nicht mehr erholen soll.

1903 lernt Thomas Mann Katia Pringsheim kennen, welche er am 11. Februar 1905 heiratet. Schlag auf Schlag folgen vier Kinder: Erika (1905), Klaus (1906), Golo (1909) und Monika (1910), später dann noch Elisabeth (1918) und Michael (1919). (Mehr zu Thomas Mann als Vater findet sich HIER)

Die Jahre von 1905 bis 1914 sind für Thomas Mann gute Jahre (ausser dem Selbstmord seiner Schwester Carla 1910). Er hat Erfolg, der Familie geht es gut. Unterbrochen wird das eigentlich ruhige Leben nur durch einen Kuraufenthalt Katja Manns in Davos, wo Thomas Mann sie besucht und dadurch auf die Idee zum Zauberbergt kommt. Die ersten Kapitel entstehen noch vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs (Der Zauberberg erscheint Ende 1924). Anfänglich bejubelt Thomas Mann den Kriegsausbruch, womit er in guter Gesellschaft ist, allerdings ist er nicht diensttauglich. Er steuert schriftliche Gedanken zum Geschehen bei, lebt ansonsten wie vor dem Krieg weiter, ausser dass ihn häufige Krankheiten plagen. Zwischen den Kriegen passiert wenig Erwähnenswertes, das Leben nimmt seinen Lauf. Auch die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 ändert daran nicht viel.

Thomas Mann ist gerade in Arosa, als er von diversen Verhaftungen in München erfährt und beschliesst, nicht gleich nach Hause zu reisen. Es kommt in der Zeit zur Denunziation Manns in München, die Aufmerksamkeit der Polizei liegt nun auf ihm, was zu einer Hausdurchsuchung führt. Wäre Thomas Mann jetzt heimgekehrt, wäre er in der Tat verhaftet worden. Thomas Mann schlägt seine Zelte in Küsnacht in der Schweiz auf. Unterzwischen ist sein Haus in München beschlagnahmt worden. 1936 verliert Thomas Mann die deutsche Staatsbürgerschaft und wird tschechoslowakischer Bürger. Bis dahin schreibt er fleissig weiter, immer öfter auch antifaschistische Stellungnahmen. In der Zeit arbeitet er auch an seinen Joseph-Büchern.

Es folgen Reisen nach Amerika, 1938 bleibt er schliesslich ganz. 1939 unternimmt Thomas Mann eine grosse Europareise, der Kriegsausbruch erschwert schliesslich die Rückkehr, aber er schafft es zurück über den grossen Teich. In Amerika unterrichtet er in Princeton als „Lecturer in the Humanities“ bis 1940. Daneben ist er ein mehr als fleissiger Schreiber. Noch immer schreibt er an seinen Joseph-Romanen.

1941 folgt der Umzug der Familie Mann nach Pacific Palisades in Kalifornien, 1943 beginnt Thomas Mann mit dem Doktor Faustus. Durch diese Arbeit findet er auch den Kontakt zu Theodor W. Adorno, welcher ein wichtiger Berater für den Roman wird.

Am 7 .Mai 1945 kapituliert Deutschland, kurz darauf geht Klaus Mann als amerikanischer Soldat nach München und berichtet seinem Vater von den Zuständen vor Ort. Thomas Mann will von einer Reise nach Deutschland nichts wissen. Er arbeitet weiter am Faustus, welcher 1947 erscheint. Im selben Jahr reist er auch zum ersten Mal wieder nach Europa – allerdings nicht nach Deutschland. 1948 beginnt die Arbeit an Der Erwählte, im Goethejahr 1949 folgt der erste Besuch in Deutschland.

1950 stirbt Thomas Manns Bruder Heinrich. Im selben Jahr reist Mann in die Schweiz nach Zürich. Seine Schaffenskraft ist noch immer ungebrochen: Er fängt mit Felix Krull an, engagiert sich für politische Gefangene in der Sowietzone und unternimmt weitere Reisen. 1952 kommt es zum (ursprünglich nicht geplanten) Umzug nach Erlenbach am Zürichsee, dem einer 1954 nach Kilchberg folgt, wo 1955 noch die Goldene Hochzeit gefeiert wird. Kurz darauf stirbt Thomas Mann, nachdem er schon länger öfters krank war, am 12. August 1955 im Krankenhaus in Zürich.

Ausgewählte Werke

Romane

  • Buddenbrooks (1901)
  • Königliche Hoheit (1909)
  • Der Zauberberg (1924)
  • Joseph und seine Brüder (1933 – 1943)
  • Lotte in Weimar (1939)
  • Doktor Faustus (1947)
  • Der Erwählte (1951)
  • Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull (1954)

Erzählungen und Novellen

  • Gefallen (1894)
  • Der Wille zum Glück (1896)
  • Tonio Kröger (1903)
  • Tod in Venedig (1911)
  • Unordnung und frühes Leid (1926)
  • Mario und der Zauberer (1930)
  • Die Betrogene (1953)

Essays

  • Berachtungen eines Unpolitischen (1918)
  • Theodor Fontane (1928)
  • Bruder Hitler (1938)
  • Deutschland und die Deutschen (1947)
  • Nietzsches Philosophie im Lichte unserer Erfahrung (1947)

Bücher zu Thomas Mann

Weitere Artikel zu Thomas Mann:

Claudia Rossbacher – Nachgefragt

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Foto: Sarah Koska

Claudia Rossbacher, geboren in Wien, zog es nach ihrem Tourismusmanagementstudium in die Modemetropolen der Welt, wo sie als Model im Scheinwerferlicht stand. Danach war sie Texterin, später Kreativdirektorin in internationalen Werbeagenturen. Seit 2006 arbeitet sie als freie Autorin in Wien, seit 2015 auch in der Steiermark und schreibt vorwiegend Kriminalromane und Kurzkrimis. Ihr erster Steirerkrimi „Steirerblut“ wurde von Wolfgang Murnberger als ORF-Landkrimi verfilmt. Weitere Verfilmungen ihrer Bestseller-Serie mit LKA-Ermittlerin Sandra Mohr sind in den nächsten Staffeln im TV zu sehen. Der vierte Band »Steirerkreuz« wurde mit dem österreichischen Publikumspreis »Buchliebling 2014« ausgezeichnet.

Wer mehr über Claudia Rossbacher erfahren will, dem sei die Homepage empfohlen: http://www.claudia-rossbacher.com

Claudia Rossbacher hat sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu beantworten:

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Ich bin eine viel und weit gereiste gebürtige Wienerin, die nach Lehr- und Wanderjahren als Model, Werbetexterin und Kreativdirektorin nunmehr als Schriftstellerin angekommen ist. Die meiste Zeit lebe ich mit meinem Mann Hannes Rossbacher, einem begnadeten Maler, in einer idyllisch gelegenen Waldhütte auf 1.000 Metern Seehöhe in meiner steirischen Wahlheimat.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Auslöser war der Wunsch nach beruflicher Veränderung (die Begeisterung für die Werbung war mir mit den Jahren abhanden gekommen) sowie die Idee für einen Karibik-Thriller. Die Printausgabe meines Debütromans „Hillarys Blut“ ist inzwischen vergriffen, das e-Book zehn Jahre nach dessen Entstehung in einer überarbeiteten Fassung im Gmeiner Verlag erschienen.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt, zu schreiben?

Das Handwerk muss man, egal wie und wo, lernen. Möge das sprachlich-kreative Talent noch so außergewöhnlich sein. Umgekehrt nützt das Handwerk ohne die Begabung nur bedingt. Verfügt man über beides, sollte man ständig damit arbeiten, um besser zu werden. Wie Sportler müssen auch Schriftsteller regelmäßig trainieren und sich quälen, wollen sie konstant gute Leistungen erzielen. Selbstverständlich kann man auch nur aus Spaß schreiben. Mein Anspruch war es aber immer, in angemessener Zeit von meinen Büchern leben zu können. Das habe ich mit Disziplin, Zielstrebigkeit, Fleiß und dem nötigen Quäntchen Glück geschafft. Wäre mir das nicht gelungen, hätte ich mich längst einer anderen Profession zugewandt. Ausruhen darf ich mich aber nicht auf meinem Erfolg. Im Gegenteil: Ich arbeite weiterhin hart daran.

Wo ich das Schreiben gelernt habe? In der Schule, beim exzessiven Hören von Hörspielen, Bücherlesen und Geschichten erfinden, später beim Texten von Werbekampagnen. Bis auf einige wenige Kreativ-Workshops als Werberin und ein Drehbuchseminar basiert bei mir alles auf Learning by Doing.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Ich recherchiere erst einmal am Handlungsschauplatz, lasse mich dort inspirieren und suche nach einer reizvollen und tragfähigen Idee. Viel mehr als einen Klappentext habe ich nicht, wenn ich zu schreiben beginne. Ich lasse mich dann von den Figuren und der Handlung vorantreiben. Das hat den Vorteil, dass ich selbst oft überrascht werde. Dasselbe geschieht dann auch bei den Lesern. Vielleicht gelingt es mir deshalb, sie bei der Stange zu halten, weil meine Geschichten eben nicht konstruiert sind. Der große Nachteil an dieser Methode ist, dass ich in der Schreibphase immer wieder nachdenken und nachjustieren muss. Oftmals bekomme ich Panik, weil ich nicht sicher bin, ob sich am Ende alles ausgeht.

Wann und wo schreiben Sie?

Zuhause an meinem Schreibtisch. Ich brauche Ruhe und Zeit. Unterwegs kann ich nicht schreiben. Es sei denn, ich halte mich länger an einem Ort auf, der mir beides bietet.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Mittlerweile kann ich ganz gut abschalten. In der Natur, mit Freunden, beim Tennis spielen. Bloß nicht zu lange, sonst muss ich wieder von vorn anfangen, um in die Geschichte hineinzufinden. Zwischen zwei Romanen bereitet mir das Abschalten überhaupt keine Probleme.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Ich ringe ausschließlich um den Plot und kämpfe mit meinen Texten. Ansonsten liebe ich meinen Beruf, der mir so viel Abwechslung, außergewöhnliche Begegnungen und besondere Glücksmomente beschert. Ich schreibe, um meine Leser gut zu unterhalten, freue mich, dass es inzwischen so viele sind, die meine Bücher mögen. Einerseits genieße ich die Aufmerksamkeit und das Rampenlicht, andererseits mein stilles Kämmerlein, in dem ich vor mich hinschreiben kann, ohne dass mir jemand dreinredet. Was mich stört? Destruktive negative Kritiken. Obwohl ich die immer schneller verdaue, auch wenn sie schmerzen, zumal die positiven Meinungen stets überwiegen.

Wieso haben Sie sich für das Genre Krimi entschieden?

Auch als Leserin hatte ich schon immer ein Faible für spannende und gruselige Geschichten. Außerdem konnte aus der Idee zu meinem ersten Roman gar nichts anderes als ein Thriller werden.

Sie schreiben (unter anderem) Steirerkrimis. Wieso die Steiermark? Wäre das FBI in USA nicht knackiger? Oder wenigstens eine Grossstadt, zumal Sie ja früher oft in den verschiedenen Weltmetropolen gewesen sind?

Das dachte ich anfangs auch. Und habe mit einem Karibik-Thriller begonnen. Mein zweiter Thriller „Drehschluss“ ist auf Mallorca und in Berlin angesiedelt. Leider haben beide Bücher kaum jemanden interessiert, obwohl ich sie immer noch gelungen finde. Mit den Steirerkrimis habe ich dafür auf Anhieb ins Schwarze getroffen. Dabei wusste ich erst noch gar nicht, wo genau mein Opfer durch den Wald läuft, um seinem Mörder zu entkommen. Dann habe ich mich an meine Ferienlager in der Steiermark erinnert, dem waldreichsten Bundesland Österreichs. Zudem ist mein Mann gebürtiger Steirer, der aber die meiste Zeit seines Lebens in Wien verbracht hat. Inzwischen bin ich nicht nur Wahlsteirerin, sondern habe auch den verlorenen Sohn heimgeführt. Heute leben wir in der Nähe des Ferienlagers meiner Kindheit am Reinischkogel.

  1. Wie viele Steirerkrimis gibt es von Ihnen schon? Und wie viele sollen noch folgen?

Am 8.2.2017 erscheint mit „Steirerpakt“ der siebte Fall für mein ungleiches Ermittlerduo Sandra Mohr und Sascha Bergmann vom LKA Steiermark. Am achten schreibe ich bereits. Wie viele Bände es noch geben wird, weiß ich selbst nicht. So lange mir noch etwas Brauchbares einfällt und dermaßen viele begeisterte Leser auf Fortsetzungen warten, wäre es aber wahnwitzig, diese Serie zu beenden.

Österreich ist im Vergleich zu Deutschland eher klein (mit einem Zehntel der Einwohner). Empfinden Sie das als Nachteil (gerade durch die Ausrichtung der Landkrimis) oder sehen sie das sogar als Chance?

Erst einmal freue ich mich über die soliden Verkaufszahlen im eigenen Land, die keineswegs selbstverständlich sind. Und etliche Exemplare gehen ja auch über bundesdeutsche Ladentische und Online-Plattformen weg. Natürlich hätte ich nichts dagegen, zehnmal so viele Bücher wie jetzt zu verkaufen. Eine Umsatzsteigerung in Deutschland könnte demnächst drin sein, wenn der TV-Film „Steirerblut“ am 11. März 2017 erstmals zur Primetime in der ARD ausgestrahlt wird. Für Nachschub wird auch gesorgt: Der zweite Film „Steirerkind“ wird gerade für ARD und ORF nach meinem gleichnamigen Roman gedreht, ein dritter „Steirerkreuz“ soll folgen. Wir werden ja sehen … Auf alle Fälle sind österreichische Krimiautoren in Deutschland im Kommen, so sie nicht schon dort sind wie etwa Wolf Haas, Marc Elsberg, Andreas Gruber, Ursula Poznanski und Bernhard Aichner.

Was ist das für ein Gefühl, wenn Ihre Bücher verfilmt werden? Stolz, weil die Krimis offensichtlich ankommen? Auch etwas Angst, weil man doch einen Teil der Kontrolle über die eigenen Geschichten aufgibt?

Ein wenig stolz bin ich schon, weil die Bücher nicht ganz so schlecht sein können, wie manche Kritiker behaupten. Mir ist aber auch klar, wie viel Glück dabei war, als von hunderttausenden Büchern ausgerechnet meine zur Verfilmung auserkoren wurden. Dass ich mit dem Verkauf der Filmrechte die Kontrolle größtenteils abgebe, war mir von Anfang an klar. Auch hatte ich keine Lust, meinen Roman selbst zu zerfleddern, um ein Drehbuch daraus zu machen, bei dem viel zu viele Leute mitreden. Außerdem: Was habe ich als Romanautorin schon zu verlieren? Schlimmstenfalls finden die Leute meine Bücher besser als die Filme.

Haben sie Mitspracherechte am Set?

Ich könnte in der Drehbuchphase Bedenken anmelden. Am Set ist es dafür zu spät.

Die nächste Criminale steht vor der Tür, Sie sind in der Wettbewerbs-Jury. Was reizt Sie an der Aufgabe?

Ich bin nicht nur in der Jury für den besten Debütroman, sondern auch in der SOKO, dem lokalen Organisationsteam, und fungiere zudem als Herausgeberin der Criminale-Anthologie „SOKO Graz – Steiermark“, die im April im Gmeiner Verlag erscheint. Für die Juryarbeit habe ich mich gemeldet, um diese Erfahrung einmal gemacht zu haben. Außerdem interessiert es mich, welche neuen Autoren nachkommen, und ob sie vielleicht außergewöhnliche Herangehensweisen an das Genre haben. Immerhin zwei von rund 90 Autor/innen konnten mich mit ihren Büchern begeistern, darunter auch der/die Preisträger/in.

Selfpublishing und E-Books haben den Buchmarkt in Aufregung versetzt. Man hört kritische Stimmen gegen Verlage wie auch abschätzige gegen Selfpublisher. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Es gibt viel zu viele schlechte Verlage und schlechte Autoren. Ich für meinen Teil fühle mich beim Gmeiner Verlag sehr gut aufgehoben, was Autoren über ihre Verlage ja eher selten behaupten, meistens zu recht. Wäre es anders, würde ich mich nach einem renommierten Verlag umsehen, dessen Bücher in den Buchhandlungen gut repräsentiert sind und der mich als Autorin wertschätzt und unterstützt, bevor ich meine Bücher um 99 Cent übers Internet verschleudere. Wäre ich Anfängerin und würde keinen Verlag für mein Werk finden, wäre ich vermutlich auch unter den abertausenden Selfpublishern, um mein Glück zu versuchen, in der Hoffnung, dass sich Qualität irgendwann durchsetzt.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Es muss mich von Anfang in die Handlung hineinziehen, mich unterhalten und am besten nicht mehr loslassen. Egal, ob es sich um Belletristik oder Sachbuch handelt. Komplizierte Satzkonstrukte und gekünstelte Sprache mag ich überhaupt nicht, auch kein ausuferndes Geschwafel, dass nicht der Handlung oder der Figurenentwicklung dient.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

  • das Handwerk beherrschen beobachten,

  • zuhören und dazulernen

  • akribisch anTexten feilen

  • seine Leserschaft kennen und wertschätzen

  • sich für alle Anforderungen des Berufs rüsten, Schreiben im stillen Kämmerlein reicht schon lange nicht mehr. Um als Schriftsteller erfolgreich zu sein, braucht es ein umfassendes Gesamtpaket.

Herzlichen Dank für diese Antworten!

Kurt Tucholsky (1890 – 1935)

img_0865Kurt Tucholsky kommt am 9. Januar 1890 in Berlin-Moabit zur Welt. Weil sein Vater aus beruflichen Gründen nach Stettin muss, verbringt der kleine Kurt seine frühe Kindheit dort. Kurt Tucholsky verehrt seinen Vater, mit der Mutter ist es schwieriger. Umso mehr trifft ihn der frühe Tod seines Vaters im Jahr 1905, Kurt Tucholsky ist gerade mal 15 Jahre alt. Durch eine beachtliche Hinterlassenschaft mangelt es der Familie wenigstens finanziell an nichts.

Nach seinem Abitur 1909 wechselt Tucholsky an die Universität in Berlin, wo er ein Jurastudium beginnt. Allerdings interessiert er sich auch während des Studiums mehr für Literatur als für trockene Paragraphen. Statt in staubigen Lesesälen zu versauern, reist er lieber mit Freunden durch die Welt und besucht Schriftsteller. Es verwundert nicht, dass er das Staatsexamen ablehnt und somit auf eine Anwaltskarriere verzichtet. Mit Ach und Krach schafft er es, eine mehrfach abgelehnte Dissertation durchzubringen, so dass er doch noch einen Studienabschluss hat – immerhin cum laude.

img_0866Schon zu Schulzeiten veröffentlicht er kurze journalistische Schriften und Satiren, zieht die journalistische Arbeit auch während des Studiums weiter.

1915 wird Tucholsky in den Krieg eingezogen, wo er ab 1916 die Feldzeitung Der Flieger herausbringt. Im Dezember 1918 wird Tucholsky Chefredaktor der satirischen Beilage des Berliner Tagblatts, des Ulk. Da Tucholsky bald für verschiedene Blätter und in unterschiedlichen Themengebieten arbeitet, legt er sich eine Vielzahl an Pseudonymen zu: Theobald Tiger, Peter Panter, Ignaz Wrobel und Karl Hauser.

Tucholsky zeigt sich immer wieder gegen den Krieg und gegen das Militär eingestellt, er prangert die zahlreichen politischen Anschläge an linken, pazifistischen oder liberalen Politikern und Publizisten an: Rosa von Luxemburg, Karl Liebknecht und Maximilian Harden, um nur einige zu nennen. Ebenso unnachsichtig ist er mit demokratischen Politikern, welche ihre Gegner zu sehr mit Samthandschuhen anfassen. Gegen all das schreibt Tucholsky mit spitzer Feder an und engagiert sich auch direkt politisch.

Zusammenfassend kann gesagt werden: die Nationalökonomie ist die Metaphysik des Pokerspielers.[1]

1922 gerät sein Schreiben ins Stocken. Einerseits zwingen ihn finanzielle Probleme (auch durch die herrschende Inflation) zu einer wirtschaftlicheren Arbeit, andererseits gerät er in eine Depression, welche ihm sein Schreiben als sinnfrei erscheinen lässt. Ein Selbstmordversuch fällt in diese Zeit. 1924 führt sein Weg nach Paris, er lässt sich im selben Jahr von Frau eins (Else Weil) scheiden und heiratet Frau zwei (Mary Gerold). Tucholsky kommt nur noch sporadisch nach Deutschland zurück, die meiste Zeit verbringt er im Ausland. Trotzdem schaut er immer wieder mit kritischem Blick nach Deutschland.

Auch die zweite Ehe wird geschieden, 1927 lernt er Lisa Matthias kennen. Einem Urlaub mit ihr in Schweden verdanken wir den 1931 erschienen Kurzroman Schloss Gripsholm. Politisch engagiert er sich 1929 mit Deutschland, Deutschland über alles nochmals.

Es ist ein hartes Wort, und dennoch sag ich’s, weil es Wahrheit ist: ich kann kein Volk mir denken, das zerrissener wäre, wie die Deutschen. Handwerker siehst du, aber keine Menschen, Denker, aber keine Menschen, Priester, aber keine Menschen, Herren und Knechte, Jungen und gesetzte Leute, aber keine Menschen – ist es nicht wie ein Schlachtfeld, wo Hände und Arme und alle Glieder untereinander liegen, indessen das vergossene Lebensblut im Sande zerrinnt?[2]

Im gleichen Jahr verlegt er seinen Wohnsitz nach Schweden. Tucholsky kann schlecht damit umgehen, dass seine vielen Warnungen, seine Vorahnungen ungehört bleiben. Wie deutlich sieht er die von Hitler ausgehende Gefahr und muss zusehen, wie Deutschland ins Unglück rennt.

Ihr fühlt die Not – aber ihr könnt sie nicht beheben, weil ihr ihre Quelle nicht sehen wollt.[3]

1931 verstummt Tucholsky publizistisch. Seine Trennung von Lisa Matthias, der Tod eines Freundes sowie gesundheitliche Probleme lassen ihn immer mehr resignieren. Es erscheinen 1933 noch seine Schnipsel genannten Aphorismen, 1933 eine kleine Notiz, ein Romanmanuskript wird wegen der politischen Lage in Deutschland abgelehnt. 1933 werden seine Bücher verbrannt und Tucholsky die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt.

Tucholsky glaubt nicht an ein schnelles Ende des Schreckens. Vom Exil aus beobachtet er die Lage besorgt. Darüber geben posthum veröffentliche Briefe Auskunft. Gesundheitliche Probleme machen ihm das Leben zusätzlich schwer. Am 20. Dezember 1935 nimmt er in seiner Exilheimat in Hindås, Schweden eine Überdosis Tabletten, an welcher er am 21. Dezember stirbt. Es ist nicht ganz sicher, ob es Absicht oder ein Versehen war.

Sein Werk
Tucholsky selber bezeichnet sich als linker, liberaler Intellektueller. Seine politischen Texte sind sehr kritisch gegen die Weimarer Republik sowie auch gegen die Gesellschaft als brave Gefolgschaft einer verantwortungslosen Politik gegenüber.

Es scheint wirklich so, als ob die meisten Menschen hierzulande einen Hund nur deshalb besässen, um och einen „unter sich zu haben“.

Diverse politische Mitgliedschaften sind jeweils von kurzer Dauer, vermutlich, weil er, sobald er mehr Einsichten in die Strukturen hatte, überall mit Kritik reagiert.

Tucholsky war auch ein grosser Literaturkritiker. Er hat mehr als 500 Werke rezensiert, wobei auch die Texte nicht frei von seiner politischen Meinung sind. Als Lyriker sieht sich Tucholsky als Talent, sieht sich aber nicht in der gleichen Liga wie den von ihm sehr verehrten Heinrich Heine. Er ist Verfasser von „Gebrauchslyrik“, versucht aber auch, Chansons und Couplets in der deutschen Sprache zu beheimaten.

An Bekanntesten ist Tucholsky wohl als Satiriker. Die Satire ist aber kein gesonderter Teil in seinem Werk, sondern, sondern sie durchzieht es. Tucholsky ist der Ansicht, dass Satire alles darf und ein „eine durchaus positive Sache“[4] ist.

Der Satiriker ist ein gekränkter Idealist: er will die Welt gut haben, sie ist schlecht, und nun rennt er gegen das Schlechte an.

________________

[1] Kurt Tucholsky: Dürfen darf man alles, S. 55.

[2] Zitat von Hölderlin als Vorwort zu Tucholskys „Deutschland, Deutschland über alles“, S. 9

[3] ebd., S. 128

[4] Aus „Was darf Satire?“, in: Kurt Tucholsky: Das grosse Lesebuch, S. 15

Bernhard Aichner – Nachgefragt

2Bernhard Aichner (geb. 1972) lebt als Schriftsteller und Fotograf in Innsbruck/Österreich. Aichner schreibt Romane, Hörspiele und Theaterstücke. Für seine Arbeit wurde er mit mehreren Literaturpreisen und Stipendien ausgezeichnet. Nach den Spannungsromanen Nur Blau (2006) und Schnee kommt (2009) erschienen bei Haymon die Max-Broll-Krimis Die Schöne und der Tod (2010), Für immer tot (2011) und Leichenspiele (2012). Totenfrau ist der erste Thriller, der bei btb erscheint. Für die Recherche dazu arbeitete Aichner ein halbes Jahr bei einem Bestattungsinstitut als Aushilfe.

Bernhard Aichner hat sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu beantworten:

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Ich bin Schriftsteller. Seit ich 15 Jahre alt bin, habe ich davon geträumt, eines Tages vom Schreiben leben zu können. Meine Träume haben sich erfüllt. Ich bin ein glücklich, liebender Mensch, der die allergrößte Freude daran hat, seine Leserinnen zu unterhalten.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt, zu schreiben?

Schreiben ist Leidenschaft, Übung, Scheitern, Ausprobieren, Talent, das man pflegen muss. Schreiben fordert Fleiß, Durchhaltevermögen, Biss. All das sollte man mitbringen, bevor man eine Schreibschule betritt. Wenn man das unbedingt möchte.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Ich plane sehr genau. Überlege Monate lang bevor ich zu schrieben beginne. Plot, Erzählstruktur, Ausarbeitung der Charaktere, Stil, Rhythmus, Klang. Erst wenn ich weiß, wo die Reise hingeht, setze ich mich hin und schreibe den ersten Satz eines Romans.

Wann und wo schreiben Sie?

Überall. Im Zug, in Hotel, in Bars, in der Sauna. Ich höre Musik dabei, tauche ab in meine „andere“ Welt und verschwinde in meinem Buch.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Das Schreiben begleitet mich immer. Es ist überlebensnotwendig für mich und daher immer präsent.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Schreiben bedeutet Glück für mich. Etwas zu schaffen, ist für mich neben der Liebe das Schönste, was es gibt auf der Welt.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Ich bin ein leidenschaftlicher Beobachter, ich sauge die Welt auf und lasse sie in meine „Bücherwelt“ einfließen. Ich lese Zeitung, spreche mit Menschen, ich mische alles mit meiner Fantasie und raus kommt am Ende ein Buch.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel von Ihnen steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Alles was ich geschrieben habe ist von mir einmal gelebt, einmal gefühlt worden, es hat also sehr viel mit mir zu tun. Das tatsächlich Geschehene und auch das Erfundene. Alles bin ich. Mein Roman bin ich. Und das ist gut so.

Mit Totenrausch erscheint im Januar der dritte Band der Trilogie um die Bestatterin Brünhilde Blum. War von Anfang an klar, dass es eine Trilogie werden soll oder wuchs das während des Schreibens?

Es war von Anfang an klar, dass es drei Bücher werden, das Konzept lag auf dem Tisch, als ich begonnen habe, an Totenfrau zu schreiben. Ich hatte also das Ende im Kopf, als das Ganze begonnen hat

Was denken Sie, ist wichtiger für einen guten Roman: Eine interessante Protagonistin, so dass der Leser mit ihr durch die Geschichte gehen will, oder aber eine packende Geschichte, die ihren eigenen Sog entwickelt?

Beides ist wichtig. Und noch vieles mehr. Sprache zum Beispiel. Ein Buch zu schreiben ist wesentlich schwieriger, als eines zu lesen. Die Zutaten kann man oft nicht herausschmecken, aber das Genusserlebnis ist da…

Viele Autoren äußern sich politisch, verpacken auch politische Meinungen in Ihre Bücher. Hat ein Schriftsteller einen politischen Auftrag?

Jeder Mensch hat das.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Die Sprache muss schön sein, literarisch. Der Rhythmus muss stimmen, der Klang. Geschichte, Figuren, Aufbau sowieso. Feuer und Leidenschaft muss es haben, ich will etwas fühlen, wenn ich ein Buch lese.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Schreiben, schreiben, schreiben, schreiben, schreiben !

Herzlichen Dank für diese Antworten!

Friedrich Dürrenmatt (1921 – 1990)

Ich glaube, dass alles Wichtige, alles Entscheidende sich auf die Jugend zurückführt. Dies ist keine Erkenntnis, die ich – etwa von der Psychoanalyse – übernommen, sondern eine Erfahrung, die ich selber gemacht habe, indem ich über meine Werke, meine Ideen, meine Arbeit nachdachte.[1]

durrenmattFriedrich Reinhold Dürrenmatt kam am 5. Januar 1921 als erstes Kind eines reformierten Pfarrers und dessen Frau in Stalden im Emmental (Schweiz) zur Welt. So viel Verständnis der bibeltreue Vater für seine Schäfchen hatte, so wenig brachte er für die Interessen seines Sohnes auf, zumal sich dieser auch nicht wie ein artiger Pfarrerssohn aufführte, sondern in der Schule eher durch aufmüpfiges Verhalten denn durch gute Noten brillierte. Trotz (oder gerade wegen?) der Konflikte, die nicht ausblieben, prägten die ländliche Idylle des Emmentals und die patriarchalischen Strukturen am Familientisch Friedrich Dürrenmatt und dessen Werk Zeit seines Lebens.

Mein Leben begann in einer gespenstischen Idylle, und diese Idylle empfand ich als labyrinthisch.[2]

1941 legte Dürrenmatt die Matur knapp genügend ab und war froh, die von ihm selber als wohl übelste Zeit seines Lebens bezeichnete Etappe auf seinem Weg hinter sich zu haben.

durrenmatt2Dürrenmatt hat schon früh zu zeichnen und zu malen begonnen, überlegte sogar eine Weile, eine Ausbildung als Kunstmaler zu machen, entschied sich dann aber für das Studium der Philosophie, Naturwissenschaften und Germanistik. Das Malen und Zeichnen gab er aber nie auf, sondern verlegte es auf die Nächte. Auch illustrierte er einige seiner Werke später selber.

Wer nun denkt, aus dem eher lernfaulen Schüler sei ein pflichtbewusster Student geworden, täuscht sich. Dürrenmatt selber bezeichnete sich als „verbummelten Studenten“[3]. Schon während des Studiums entstanden erste Texte. 1946 beendete er sein Studium, verzichtete auf eine eigentlich geplante Dissertation über Søren Kierkegaard und beschloss, Schriftsteller zu werden. Noch im selben Jahr heiratete er auch die Schauspielerin Lotti Geissler, mit welcher er nach Basel, später an den Bielersee zog. Dort entstand auch sein Roman Der Richter und sein Henker. In den ersten Jahren seiner Schriftstellerkarriere waren Friedrich Dürrenmatt und seine fünfköpfige Familie (es waren über die Jahre drei Kinder zur Welt gekommen) trotz verschiedener Romane, Erzählungen und Bühnenstücke nicht auf Rosen gebettet. Dies änderte erst, als Dürrenmatt Aufträge für Hörspiele erhielt.

1952 zog die Familie Dürrenmatt nach Neuenburg. In der Folge durfte der fleissige Schriftsteller verschiedene Erfolge mit seinen Bühnenstücken feiern, erhielt1954 den Literaturpreis der Stadt Bern, sowie 1957 einen Hörspielpreis, um nur einige zu nennen. Neben all seinen literarischen Werken brachte sich Dürrenmatt immer wieder auch politisch ein. In verschiedenen Essays, Vorträgen und Reden bezog er direkt und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, Stellung zur politischen Lage der Welt.

Ein grosser Schicksalsschlag für Friedrich Dürrenmatt war der Tod seiner Frau Lotti am 16. Januar 1983. Zum Glück erholte er sich davon und heiratete 1984 Charlotte Kerr, mit welcher er den Film Porträt eines Planeten sowie das Theaterstück Rollenspiele herausbrachte. Friedrich Dürrenmatt starb am 14. Dezember 1990 in Neuchâtel. Er war 69 Jahre alt, als sein Herz versagte.

Das Werk

Friedrich Dürrenmatt hinterlässt ein sehr vielfältiges Werk aus Erzählungen, Romanen (auch Kriminalromanen) und Theaterstücken. Viele seiner Bücher wurden als Hörspiele vertont. Ein Leitthema seiner Stücke ist – Friedrich Dürrenmatt sagte es selber im oben erwähnten Zitat – das erlebte Labyrinth seiner Kindheit und Jugend. Dies wird vor allem in seinem Theaterstück Der Besuch der alten Dame deutlich: Eine zur Milliardärin gewordene ehemalige Bewohnerin eines kleinen Dorfes kehrt zurück. Statt das verarmte Dorf mit Geld zu segnen, will sie sich für ihr erlittenes Unrecht rächen. Mit viel Witz und Scharfblick entwickelt Dürrenmatt die Geschichte um die „alte Dame“, zwei Zutaten, die in keinem seiner Werke fehlen.

Friedrich Dürrenmatt verstand es in seinem literarischen Werk immer wieder, die menschlichen Befindlichkeiten, die gesellschaftlichen Zwänge und Urteile offenzulegen, ohne zu sehr psychologisierend zu wirken. Fast beiläufig entwickelt er in einer einfachen und leicht lesbaren Sprache seine Geschichten, zieht den Leser hinein und entlässt ihn am Ende um viele Erfahrungen und Einblicke reicher.

Bekannte Werke Dürrenmatts

Romane

  • Der Richter und sein Henker (1951)
  • Der Verdacht )1953)
  • Grieche sucht Griechin (1955)
  • Die Panne (1956)

Theaterstücke

  • Der Besuch der alten Dame (1956)
  • Die Physiker (1962)
  • Der Meteor (1966)

Dies nur einige einer langen Liste.

Wer mehr über den Menschen Friedrich Dürrenmatt erfahren möchte, dem sei der Film Dürrenmatt – Eine Liebesgeschichte von Sabine Gisiger empfohlen.

______________________

[1] Friedrich Dürrenmatt: Gespräch mit Heinz Ludwig Arnold, Zürich 1976, S. 9
[2] ebd., S. 11
[3] Friedrich Dürrenmatt: Philosophie und Naturwissenschaft, Band 18, der Werkausgabe, Zürich 1980, S. 9

Theodor Fontane (1819-1898)

„Ohne Vermögen, ohne Familienanhang, ohne Schulung und Wissen, ohne robuste Gesundheit bin ich ins Leben getreten, mit nichts ausgerüstet als einem poetischen Talent und einer schlechtsitzenden Hose.“ (Brief an Georg Friedländer, 3. Oktober 1893)

Theodor Fontane wird am 30. Dezember 1819 in Neuruppin geboren, wo er später auch das Gymnasium besucht. Nach einem abgebrochenen Besuch der Gewerbeschule beginnt er 1836 eine Ausbildung zum Apotheker, um in die Fussstapfen seines Vaters zu treten und arbeitet nach deren Abschluss als Apothekergehilfe. Daneben erscheinen bereits erste literarische Werke. 1849 hängt er den Apothekerberuf an den Nagel, um als freier Schriftsteller zu arbeiten.

Es ist immer dasselbe Lied: wer durchaus Schriftsteller werden muss, der wer’ es; er wird schliesslich in dem Gefühl, an der ihm einzig passenden Stelle zu stehen, auch seinen Trost, ja, sein Glück finden. Aber wer nicht ganz dafür geboren ist, der bleibe davon. (aus einem Brief Fontanes, zit. nach Thomas Mann, Der alte Fontane)

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Theodor Fontane (1883), Gemälde von Carl Breitbach

Aufträge sind Mangelware und so lässt er sich von der Zentralstelle für Presseangelegenheiten anstellen. In deren Auftrag reist er nach London und berichtet von da unter anderem über Kunstausstellungen. Er verfasst auch Reisebücher und Theaterkritiken, doch all das befriedigt ihn nicht. Aus dem Grund ist der Entschluss nicht verwunderlich, wieder als freier Schriftsteller arbeiten zu wollen. Diesem Entschluss haben wir eine Reihe bis heute bekannter Bücher zu verdanken. Theodor Fontane stirbt am 20. September 1898 in Berlin.

Die Romane

Theodor Fontanes Romane werden dem poetischen Realismus zugeordnet. Er beschreibt in seinen Büchern das Leben von ganz normalen Menschen, zeigt ihre Befindlichkeiten und Schwierigkeiten. Es sind stille Bücher, die trotzdem eine grosse Tragkraft haben und in denen immer wieder Fontanes ironischer Humor durchkommt. Seine Bücher beginnen meistens gleich: Man fährt – wie bei der Kameraführung im Film – die Strasse entlang zum Haus, in den Garten, die Treppe hoch in die Wohnung und wird dann mit den Hauptfiguren des Romans bekannt. Man lernt ihre Stube kennen, die Bilder an der Wand, erfährt von einem auktorialen Erzähler einiges über ihre Geschichte und ihr aktuelles Leben.

Theodor Fontane ist aber nicht nur ein Meister der Beschreibungen, er ist auch ein Meister der Lücken. Ganz viel steht bei ihm zwischen den Zeilen, man kann es erahnen, sieht sich aber erst später in dieser Ahnung bestätigt. Teilweise sind es gerade die wichtigsten Dinge, die sich in Lücken befinden – man denke nur an Effi Briests Seitensprung.

Die meisten grossen Romane Fontanes sind erst nach seinem 60. Geburtstag entstanden. Was Thomas Mann in seinem Essay Der alte Fontane in Bezug auf dessen Briefe schrieb, könnte auch bei den Romanen gelten:

Scheint es nicht, dass er alt, sehr alt werden musste, um ganz er selbst zu werden?

Bekannte Werke Fontanes sind unter anderem Wanderungen durch die Mark Brandenburg (1862), Vor dem Sturm (1878), Grete Minde (1880), L’Adultera (1882), Irrungen, Wirrungen (1888), Unwiederbringlich (1892), Effi Briest (1896), Die Poggenpuhls (1896), Der Stechlin (1899).

Auch unbedingt lesenswert sind die Briefe Fontanes, allen voran seine Ehebriefe.

Beate Maxian – Nachgefragt

b-maxian_credit-michael-maritsch-0386Die Österreicherin Beate Maxian wurde in München geboren und verbrachte ihre Jugend u.a. in Bayern und im arabischen Raum. Heute lebt sie mit ihrer Familie abwechselnd in Oberösterreich und Wien und arbeitet neben dem Schreiben als Moderatorin und Journalistin sowie als Dozentin an der Talenteakademie. Ihre in Wien angesiedelten Krimis um die Journalistin Sarah Pauli haben eine treue Leserschaft erobert und sind Bestseller in Österreich. Des Weiteren ist Beate Maxian die Initiatorin und Organisatorin des ersten österreichischen Krimifestivals: Krimi-Literatur-Festival.at

Beate Maxian stand mir für ein paar Fragen Red und Antwort:

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Ich bin eine in Bayern geborene österreichische Autorin. Der Beruf meines Vaters hat mich schon als Kind in die Arabischen Emirate, nach Jordanien und Afrika geführt. Möglich, dass ich deshalb an der Historie von Völkern und Epochen so interessiert bin. Generell bin ich ein sehr weltoffener, neugieriger Mensch, verliere mein Herz schnell an liebe Mitmenschen, die Tierwelt, schöne Regionen und Kulturstätten. Mein beruflicher Weg hat mich zuerst in die Spielfilmindustrie und zum Fernsehen geführt und danach Schriftstellerin werden lassen.

 Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Bücher und die darin enthaltenen Geschichten haben mich schon als Kind fasziniert. Für mich gab es keine schöneren Geschenke als Bücher. Das ist noch heute so. Mit sieben Jahren hab ich meine Eltern wissen lassen, Schriftstellerin werden zu wollen. Ich lebe somit meinen Kindheitstraum und bin sehr froh, dass es so gekommen ist.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt, zu schreiben?

Ich glaube, dass es nur bis zu einem bestimmten Punkt Handwerk ist. Denn wenn man Romane und Kurzgeschichten ausschließlich nach einem vorgegebenen Schema aufbaut, nimmt man dem Erzählten seine Seele und das merken Leser/Leserinnen. Letztendlich machte es die richtige Mischung aus Sprache, Erzählkunst und Handwerk aus.

Ich hab schon immer viel gelesen. So denke ich, bekommt man ein gutes Gespür für Sprache und den Aufbau von Geschichten. Da ich als Regieassistentin und Produktionsleiterin für die Filmproduktion gearbeitet habe, waren mir Dramaturgie und Erzählstruktur vertraut. Und Sprache hat mich schon immer begeistert.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Leonardo da Vinci soll einmal gesagt haben: Er behaue nicht den Marmor, er lege die Figur frei, die darin steckt. So ähnlich ist meine Herangehensweise. Ich schreibe nicht strukturiert, nach einem vorab erarbeiteten Exposee, weil mich das meiner Kreativität beraubt. Ich habe ein Thema, eine Idee, einen Ausgangspunkt, eine oder zwei Figuren. Dann beginne ich zu recherchieren, mache Notizen und zeitgleich beginne ich die Geschichte zu erzählen. Anfangs oftmals unstrukturiert. Ich reihe Szenen aneinander, wie Filmsequenzen und lege so nach und nach die Geschichte frei. Ich begleite letztlich meine Figuren auf ihrer Reise, beobachte und lenke, je nachdem, was gerade wichtig ist. Natürlich muss ich meine Figuren kennen, eine Bindung zu ihnen haben, um sie die Geschichte, die ich mir ausgedacht habe, wirklich erleben zu lassen. Aber diese Bindung ergibt sich, weil die Figuren ja ein Teil meiner Gedankenwelt sind.

Wann und wo schreiben Sie?

Ich schreibe zumeist zuhause an meinem Schreibtisch, umgeben von wandhohen Bücherregalen. Für mich der perfekt Ort. Wenn ich mit einem Roman beginne, schreibe ich durchwegs tagsüber, etwa zwischen fünf und zehn Stunden täglich. Sobald es in die Endphase geht, schreibe ich nahezu rund um die Uhr.

 Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Ich liebe meinen Beruf und genieße das Schreiben, daher stellt sich die Frage nach Feierabend oder Ferien nicht wirklich. Ich schreibe, wenn ich schreibe und hab frei, wenn ich meine, für heute fertig zu sein. Mein Notizblock und mein Laptop begleiten mich sogar in den Urlaub.

Abschalten kann ich wunderbaren in Museen, wobei mir auch dort Geschichten einfallen. Denn das Denken kann man ja zum Glück nicht abstellen.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Ich kämpfe nicht, aber ich fordere mich täglich heraus, die passenden Wörter zu finden. Es ist ein bisschen wie komponieren, denn es kommt auf die Sprachmelodie an, ob mir eine Szene gefällt oder ob ich sie umschreibe. Aus dem Grund lese ich mir meine Kapitel auch laut vor.

Geschichten zu erfinden und erzählen zu können, macht mir Freude. Und wenn Leser/Leserinnen mir schreiben oder zu Lesungen kommen und mir erzählen, wie viele vergnügliche, spannende … Stunden sie mit meinen Büchern verbracht haben, dann freut mich das ebenfalls sehr.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Die Geschichten liegen auf der Straße. Man muss nur mit offenen Augen und Ohren durch die Welt gehen, beobachten und zuhören. Oftmals sind es nur Sätze, die mich inspirieren, dann wieder Ereignisse. Die Idee zu Tödliches Rendezvous z.B. war eine Mischung aus der Tatsache, dass arbeitslose Frauen über 40 schwer einen neuen Job bekommen und einer für mich erschreckenden Folge der Kinderserie „Die Dinos“. In einer Folge mussten Dinosaurier an ihrem 70. Geburtstag in den Vulkan springen, um den anderen Dinosauriern nicht zur Last zu fallen. Die Aussage, fand ich schon sehr scheußlich, doppelt erschreckend, dass das in einer Sendung für Kinder verpackt wurde. Aus dem heraus hat sich dann der erste Fall für meine Journalistin Sarah Pauli entwickelt.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel von Ihnen steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Eine Leserin meinte: Sie glaubt, dass ich ein sehr warmherziger Mensch bin, weil meine Hauptfigur Sarah Pauli oft empathisch reagiert.

Tatsächlich ist Empathie für mich persönlich sehr wichtig im Umgang miteinander. So gesehen, steckt dieser Teil von mir in Sarah Pauli. Auch gewisse Rituale, die sie pflegt, wie etwa zu Silvester rote Unterwäsche zu tragen, hat sie von mir.

Mit „Mord in Schönbrunn“ erschien gerade der sechste Band einer Reihe um die Journalistin Sarah Pauli. War von Anfang an klar, dass es eine Reihe werden sollte oder hat sich das so entwickelt?

Als ich den ersten Band geschrieben habe, war nicht klar, dass es eine Reihe werden wird. Doch meinem Verlag und den Leser/Leserinnen hat meine Sarah Pauli so gut gefallen, dass es nach Erscheinen des ersten Falls bald klar war, dass wir weitermachen. Dafür bin ich dankbar, denn Sarah ist mir sehr ans Herz gewachsen.

Alle Ihre Figuren kämpfen mit Beziehungsproblemen, so hat es zumindest den Anschein. Ist das Zufall oder sind Liebe und Beziehungen immer die Grundmotive allen Handelns?

Liebe und Beziehungen begleiten uns ein ganzes Leben, ebenso die damit verbundenen Höhen und Tiefen. Mich interessiert, wie Menschen miteinander umgehen. Wie sie reagieren. Wobei ich bis jetzt nicht das Gefühl hatte, dass alle meine Figuren mit Beziehungsproblemen kämpfen. Das sollte ich mal beobachten. J

Es gibt die Unterscheidung zwischen großer Literatur und Unterhaltungsliteratur. Krimis sind da meist dem zweiten Bereich zugeordnet. Was halten Sie von solchen Kategorien?

Ich halte nichts davon Literatur in Kategorien einzuteilen. Für mich ist das eine verstaubte Darstellung. Wer zieht den Strich zwischen E- und U-Literatur und weshalb? Die Grenzen sind längst verwischt und überholt. Der Schreibstil des Autors/der Autorin gefällt mir oder gefällt mir nicht. Die Geschichte spricht mich an oder nicht.

Sie schreiben Krimis – wieso haben Sie sich für das Genre entschieden? Wären Liebesromane nicht erbaulicher?

Diese Frage hat sich mir nie gestellt. Ich schreibe Krimis, weil ich sie selbst gerne lese. Ich schreibe unter meinem Pseudonym Marlene Lucas Familienromane (der erste erscheint im Herbst 2017 im Heyne Verlag), weil ich sie gerne lese.

Ich überlege mir beim Schreiben nicht welches Genre ich bediene, sondern nur, welche Geschichte ich erzählen möchte. Gut möglich, dass ich irgendwann einmal einen Thriller oder einen Liebesroman schreibe. Ideen dazu habe ich jedenfalls.

Ich las kürzlich, Liebesromane müsste es auf Rezept geben, denn sie seien Heilung für die Herzen der Leser. Was sind so gesehen Kriminalromane und Thriller?

Sie sind ein spannendes Abenteuer ohne selbst in Gefahr zu geraten. Generell ist lesen etwas Wunderbares und jedes Buch, egal welches Genre, sollte die Herzen der Leser/Leserinnen heilen und berühren.

Selfpublishing und E-Books haben den Buchmarkt in Aufregung versetzt. Man hört kritische Stimmen gegen Verlage wie auch abschätzige gegen Selfpublisher. Wie ist deine Meinung dazu?

Ich hab mich mit dem Thema Selfpublishing bis jetzt nicht auseinandergesetzt, kann daher auch kein seriöses Statement abgeben. Kann aber verstehen, dass man diesen Weg wählt, wenn man keinen Verlag bekommt. Und einige Autoren haben damit ziemlichen Erfolg.

Ich persönlich habe das Glück mit Goldmann und Heyne zwei großartige Verlage gefunden zu haben. Ich fühl mich dort wohl, habe tolle Lektorinnen und eine perfekte literarische Heimat für meine Figuren.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Die Geschichte und die Figuren müssen mich faszinieren, begeistern und unterhalten.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die Sie geprägt haben?

Da gibt es eine ganze Reihe und ich entdecke auch heute noch viele neue. Es sind zu viele, um sie aufzählen zu können, deshalb nur einige, die mich schon in jungen Jahren nachhaltig begeistert haben: Milan Kundera, Gerhard Roth, John Irving, Agatha Christie, Pearl S. Buck, Ruth Rendell …

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Schreiben.

Nie aufhören an sich selbst zu glauben.

Schreiben.

Kritisch mit dem eigenen Text umgehen.

Schreiben.

Herzlichen Dank für dieses Interview!

Illustratoren vorgestellt: Vitali Konstantinov

VK_portrait01Vitali Konstantinov wurde bei Odessa (damals UdSSR, heute Ukraine). Nach dem Studium der Architektur, Grafik, Malerei und Kunstgeschichte in der UdSSR und in Deutschland arbeitet er heute als freier Illustrator in den Bereichen Belletristik für Kinder und Erwachsene, Sachillustration und Editorial für deutsche und internationale Verlage. Er hat in dieser Zeit zahlreiche Bilderbücher und Illustrationen in vielen Ländern realisiert sowie auch klassische Texte bebildert. Mehrfach nahm er auch an internationalen Illustrations-Ausstellungen teil (Belgrad, Bologna, Bratislava, New York, Tokyo) und gewann einige Auszeichnungen: Premio Stepan Zavrel (Italien), Buchmesse Bologna (Italien), Stiftung Buchkunst »die schönsten deutschen Bücher«, 3X3 Children’s Book Show (USA), Nominierung für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2011, The White Ravens 2012. Neben der freien Illustrationstätigkeit unterrichtete Vitali Konstantinov am Institut für Bildende Kunst der Universität Marburg (2012-2013), an der Bauhaus-Universität Weimar (2011), der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (2009-2010) und leitet zahlreiche Sommerkurse und Workshops für Illustration und Comic in Deutschland, Italien, Spanien, Schweiz.

Vitali_DasFestWaren Sie das Kind, das immer und überall mit Zeichenstiften bewaffnet auftrat?

 Angeblich war ich nicht mal 1 Jahr alt, als ich meine ersten bewussten Linien gezogen habe und dabei von enormer Begeisterung meiner Mutter (ihres Zeichens Bildhauerin (sic) und Kunsthistorikerin (also!) ) überschüttet wurde. Da kleine Kinder zumeist wie Äffchen von den Einflüssen der Aussenwelt gesteuert und geformt werden, hat diese zu frühe und zu positive Verstärkung wohl den weiteren Weg bestimmt. Seitdem ist das Zeichnen mein Instrument auf der Suche nach Zuneigung, Bestätigung und Bewunderung ;-).

Wie sah Ihr Weg in die Illustration aus?

 Zufällig… Oder doch vorbestimmt… Im Elternhaus gab es sehr viele Bücher, Kunstbücher, Bilderbücher, auch Kunstwerke etc. Als Kind habe ich obsessiv gezeichnet, (zu) viel gelesen und mich natürlich auch beim Illustrieren der Lieblingsbücher versucht. Ich war etwa 14, als meine erste „editorial-Arbeit“ in einer lokalen Zeitung erschien und meine Illustrationen zu Voltaire’s „Candide“ im professionellen Kontext ausgestellt wurden. Studiert habe ich dann aber doch Architektur, immerhin wurde man dabei fünf Jahre lang exzessiv in realistischem Zeichnen und Malen gedrillt. Als „russischer Architekt“ in Deutschland gelandet, durfte ich meinen Beruf erstmal nicht ausüben, studierte Kunst, freundete mich per Zufall mit einer Design-Firma an, für die ich ein paar Motive zeichnete. Diese Motive wurden in Bologna (wichtigste jurierte Illustratoren-Ausstellung und Buchmesse) gezeigt. Gleich darauf kamen Verlagsanfragen aus USA, Brasilien, Taiwan und danach die ersten Veröffentlichungen. Ich war begeistert. Hätte ich bloß damals gewusst, …

RodariIst eine Ausbildung zum Illustratoren unabdingbar oder lernt man Illustration eher im Stil von learning by doing? Oder anders gefragt: Alles Talent oder kann man es überhaupt lernen?

Das fragen Sie denjenigen, der Illustration nie studiert hat und trotzdem über 100 Bücher in 35 Ländern veröffentlichen konnte und an deutschen Hochschulen Illustration und Comic unterrichten durfte? ;-]

Was macht einen guten Illustratoren aus?

 Er muss den Text lesen und ihm danach folgen können (möglichst auf der Überholspur ;-). „Gute Illustration“ hat nicht viel bzw. gar keinen Platz für künstlerische Selbstsucht, in erster Linie ist sie die Kunst der Interpretation und des (Mit)Erzählens.

main_alch_coverIst Illustration Kunst oder Handwerk?

 Weiss jemand überhaupt, wo das Handwerk aufhört und die Kunst beginnt? …

Haben die elektronischen Medien den Beruf schwerer gemacht oder beflügelt?

 Die „Medien“ sind selbstverständlicher Bestandteil des heutigen Lebens – wie beheiztes Wasserklosett o.ä. Darauf würden wir jetzt auch ungern verzichten und trotzdem sind wir nicht bei jedem Klobesuch maßlos „beflügelt“, oder? 😉

Was zeichnet Ihren Stil aus?

 Habe ich etwa einen „Stil“? „Stil“ wäre etwas Angekünsteltes, Bemühtes. Ich kann bloß meine natürliche Motorik und Sehgewohnheit vorweisen. Nix Stil da.

main_alch_MendelejewHaben Sie Lieblingsmedien (welche?) oder passen Sie diese immer dem jeweiligen Thema/Auftrag an?

 Mein allerliebstes Medium ist eigentlich meine Ukulele.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

Etwa wie bei Fjodor Mischailowitsch Dostojewski, mit dem Unterschied: Ich rauche nicht und mache stattdessen viel Sport 😉

Können Sie Ihren Weg von der ersten Idee bis hin zur fertigen Illustration beschreiben?

 Vorfreude – Ahnungslosigkeit – Angst zu versagen – Verzweifeln – zufälliger Einfall – Stolz auf Entstehendes – Enttäuschung. Und alles von vorn.

Wie ist das Klima zwischen Illustratoren? Ist jeder ein potentieller Konkurrent, den man meidet, oder ein Kollege im selben Arbeitsumfeld, mit dem man netzwerkt?

 Die Atmosphäre unter Illustratoren ist von Sympathie, Austausch und Anerkennung geprägt – und das wirklich international über alle Grenzen und Sprachen hinweg. Man kennt sich, man gehört schliesslich zu einer seltenen und stets bedrohten Gattung. Ausserdem ist jeder Künstler so fest von seiner eigenen Individualität und Unaustauschbarkeit überzeugt, dass ein Konkurrenz-Gedanke als absoluter Nonsens erscheint.

Was raten Sie jemandem, der Illustrator werden will?

 Das nochmal zu überdenken und eventuell einen anderen – anständigen und Geld bringenden – Beruf zu lernen. Es sei denn, er taugt für nichts anderes und kann sich das Leben ohne Illustrieren nicht vorstellen. Dann soll er Visitenkarten drucken, die ihn als Illustrator/in ausweisen, und loslegen. Easy.

Welchen Illustrator soll ich hier noch vorstellen?

 Hm… nur eine/n? und ausschliesslich deutschsprachige/n? … Ich will keine/n vorziehen. Es gibt sehr viele, die ich bewundere, persönlich mag etc. Soll ich eine Liste zusammenstellen?

Ich bedanke mich sehr herzlich für diese humorvollen Antworten, für diesen Einblick in den Illustratorenalltag, und freue mich schon auf die Liste.

Homepage von Vitali Konstantinov: pittore.de

Nachgefragt – bei mir

Kürzlich kam es zu einem Rollentausch – ich war die Befragte. Sabine Ibing (sie war unlängst meine Interviewpartnerin und hat Einblicke in ihren Autorenalltag gewährt) stellte mir Fragen und ich stand Red und Antwort – ab und an ein wenig sehr ausschweifend.

Interview mit Sandra Matteotti (von Sabine Ibing)

Sandra, ich würde dich der Einfachheit halber als Allrounder und Lebenskünstlerin vorstellen. Du bist Dr. der Philosophie, hast einen Master in Germanistik, arbeitest als freie Journalistin und Lektorin, führst einen Blog namens Denkzeiten: Philosophie, Literatur und das ganz normale Leben. Dort berichtest du über Bücher, Schriftsteller und gibst uns mit deinen täglichen philosophischen Gedanken manch Nachdenkliches auf. Du hast zu zeichnen begonnen und neu häkelst du auch noch. War das dein Ziel, als du damals dein Studium begonnen hast?

Ein konkretes Ziel hatte ich sicher nicht, zumindest dachte ich nicht, dass ich dann irgendwann mal gerne häkeln werde, als ich mich für ein Studium an der philosophischen Fakultät entschied (nachdem ich mich zuerst für Medizin eingeschrieben hatte, dann aber wegen der vielen Chemie mit Juristerei begann und nach der absolvierten Zwischenprüfung beschloss, dass ich lieber etwas Schöngeistiges hätte statt trockener Paragraphen). Die Juristerei streifte ich dann im Rahmen meiner Dissertation nochmals und befand sie dann als gar nicht mehr so trocken, im Gegenteil. Ich habe mir das Studium mit Deutsch- und EDV-Unterricht verdient, war als freischaffende Journalistin auf der Piste, arbeitete als Datenbankentwicklerin in einer Privatbank und als Paralegal Tax in einer Wirtschaftskanzlei. Ich bin wohl vom Naturell her einfach sehr neugierig und interessiert. Den Rest erspar ich hier mal, da ich wohl eh schon weit abgeschweift bin (eine Schwäche…).

Kurze Antwort: Ja und nein… irgendwie 😉

Sag ich doch, Allrounder, Lebenskünstler …

Du rezensierst Bücher. Bei dir finde ich glücklicherweise gute Literatur, solche Bücher sind in der Bloggerwelt heute nicht so einfach aufzuspüren. Vor Kurzem hast du mit dem Malen begonnen und sehr viel Häme erhalten, als du die Erstlingswerke präsentiert hast. Ich fand es sehr mutig, die Gehversuche ins Netz zu stellen. Selfpublisher stellen oft ihre unlektorierten, fehlerhaften Bücher ins Netz. Kann man das vergleichen?

Ich denke nicht, aus verschiedenen Gründen. Beim Malen gibt es nicht grundsätzlich richtig oder falsch (klar gibt es Techniken, die man lernen kann und bei denen man Dinge dann richtig oder falsch machen kann). Es gibt ganz viele verschiedene Stile, es kommt immer drauf an, was man will. Ich will kein realistischer Maler sein, dazu fotografiere ich zu gut und zu gerne. Ich mag Illustrationen, mag es, Dinge zu vereinfachen. Vor allem mag ich es, Dinge schnell zu Papier zu bringen. Wer dann meint, er müsse irgendwelche Perspektiven beanstanden, die in seinen Augen nicht da sind, dann zeigt der eher seine Natur als dass er meine Zeichnung disqualifiziert. Ich kann alle Perspektivenarten zeichnen – einwandfrei, habe das lange genug geübt. Das ist aber schlicht nicht mein Anspruch in einem „quick sketch“. Und nein, ich bin nicht perfekt, es ist ein weiter Weg dahin, wo ICH hinwill. Wer mich wo anders haben will, soll am besten ganz weit weg von mir. 😉

Nun aber zu den Büchern: Grammatik ist leider nicht so frei wie die Malerei, hier gibt es richtig oder falsch. Beim Aufbau einer Geschichte gibt es zwar grundsätzlich viel mehr Offenheit, aber auch da gibt es etwas, das eine Geschichte haben muss: Sie muss packen – und zwar den Leser. Ich habe mal ein Buch fürs Lektorat erhalten, das strotzte vor Fehlern. Ich schrieb dem Autoren, dass er doch wenigstens einmal drüber lesen solle, denn da seien plötzlich Figuren im Zimmer, die nie reingekommen sind, Menschen wechseln ihre Namen, etc. Der gute Mann meinte, das sei sein Stil, der müsse UNBEDINGT so bleiben. Ich habe das Lektorat abgelehnt. Denn: Das ist vielleicht Stil, aber ganz schlechter.

Heute wird wenig Wert auf Lektorat und Korrektorat gelegt. Jeder denkt, er könne ja schreiben (und ja, grundsätzlich klappt das gut, einfach Buchstaben aneinanderreihen), das reiche schon. Wer einen möge, der lese sicher gütig über die Fehler hinweg. Das mag bei Orthographie stimmen, da viele Leser die auch nicht beherrschen, bei grammatischen Fehler wird es schwieriger und beim Aufbau der Geschichte, der Wahl der Konflikte, deren Auflösung, etc…. da wird es ganz eng. Und da trotz allem immer Herzblut in einem Buch steckt, finde ich es halt sehr schade, wenn Bücher durch die Maschen fallen, weil sie grundlegende (und korrigierbare) Dinge vernachlässigen.

Schwierig ist halt auch, einen Lektoren zu finden, der wirklich weiß, was er tut. Irgendwie scheint es heute so zu sein, dass jeder, der gerne liest, denkt, er wäre deswegen auch ein guter Lektor. Das führt oft zu Frustrationen bei den Autoren und sie denken sich (verständlicherweise), dass sie so das Geld auch sparen könnten.

Auch wichtig zu wissen: Ein Lektorat ist noch kein Korrektorat. Auch da gibt es gerne Vermischungen. Ich korrigiere zwar Fehler auch während des Lektorats, wenn sie mir auffallen, allerdings fallen sie mir beim Lektorat viel weniger auf, als wenn ich einfach normal ein Buch lese – da sticht mir jeder Fehler ins Auge. Wieso? Weil ich mich beim Lektorat auf ganz andere Dinge konzentriere. Dabei werde ich ein wenig betriebsblind (wie man es auch bei eigenen Texten oft wird).

Nach welchen Kriterien suchst du Bücher aus? Welche Romane interessieren dich? Du bekommst auch Verlagsbücher zugesandt, liest du sie alle?

Ich suche Bücher nach ihren Themen aus. Wenn mich ein Thema, das behandelt wird, anspricht, kommt das Buch in meine Auswahl. Ganz selten reicht schon ein Autor, der mich in der Vergangenheit überzeugte. Die Bücher, die ich von Verlagen kriege, lese ich alle an. Wenn sie mich nicht packen, leg ich sie weg.

Wie viel Seiten gibst du einem Buch? Brichst du Bücher ab? Wenn ja, warum? Und bewertest du auch angelesene Bücher?

Mir die Zeit erstens zu schade, sie mit nicht lesbaren Büchern zu verschwenden, zweitens würde daraus sowieso keine positive Rezension, insofern ist der Verlag wohl fast besser dran, wenn ich es weglege. Ich habe mal begonnen, Rezensionen von nicht fertig gelesenen Büchern zu schreiben. Ich denke ja nicht grundsätzlich, dass diese Bücher keinem gefallen, oft ist es auch Geschmacksache, aber ich habe es dann doch gelassen. Zu schreiben, aus welchen Gründen mir ein Buch nicht gefällt, hilft einem Leser wohl auch nicht wirklich weiter, da soll er besser ganz frei an das Buch herangehen.

Es hat noch nie so viele Bücher wie heute gegeben. Der Massendruck hat zur Verflachung des Buchmarkts geführt, meine Meinung. Und deine? Wie findet man gute Bücher?

Sehe ich genauso. Ich frage mich bei vielen Büchern, was ein Lektor darin gesehen hat, als er sie durchwinkte und damit in den Verlag aufnahm. Schreiben ist ein bisschen zu einem Jekami geworden. Das macht die Büchersuche um einiges schwieriger als sie früher war. Online Romane zu kaufen finde ich grundsätzlich immer schwieriger, es sei denn, man hat eine Rezension gesehen, die einen wirklich überzeugte. In der Buchhandlung kann man wenigstens in Bücher reinlesen – das hilft ab und an doch, da ich einige Bücher schon nach den ersten Seiten weglege… Es gibt Romane, da weiß ich schon beim ersten Satz, dass das mit uns nichts wird. Ein wenig mehr Zeit gebe ich dem Buch. Aber meistens bestätigt sich der Eindruck.

Leider sprechen mich immer weniger Bücher an. Ob das an mir liegt oder daran, dass es immer mehr nichtssagende und verwirrende Bücher gibt, weiß ich nicht. Oft habe ich das Gefühl, Autoren bemühen sich heute, so zu schreiben, dass man gar nicht mehr weiß, was einem da überhaupt erzählt werden soll. Ich frage mich dann immer, wieso man nicht einfach erzählt, was man erzählen will, sondern es in unglaublich bemühende Strukturen packt. Das ist vielleicht so ein neumodischer Trend, weil man immer wieder denkt, das Rad neu erfinden zu müssen. Ich persönlich mag runde Räder.

Was würdest du einem Selfpublisher empfehlen, zu tun, bevor er dir sein Buch zur Kritik freigibt?

Er soll mich erst mal fragen, ob ich es überhaupt haben will. Und er muss mir auch nicht erzählen, dass ich sein Buch sicher lieben werde und überhaupt etwas verpassen würde, wenn ich es nicht lesen würde. Und er soll mir das Buch nicht in einem Massenmail anbieten, ich werde – wenn schon – gerne selber angeschrieben. Sonst klingt es etwas unglaubwürdig, dass das Buch exakt meinen Geschmack trifft…E-Books muss man mir gar nicht anbieten, die lese ich schlicht nicht. Das hat nichts mit Nostalgie zu tun, ich lese einfach sehr ungern am Bildschirm.

Du bist Lektorin, eine ziemlich gute, wie ich finde. Das ist ein Job und der Autor ist dein Kunde. Man muss nicht mögen, was man liest. Ist es schwer etwas zu lektorieren, zu dem man keinen Bezug findet? Erzähl mir ein wenig über kauzige und uneinsichtige Autoren, du musst keine Namen nennen.

Danke für die Blumen! Ein Beispiel brachte ich oben. Ich habe einmal eine Kindergeschichte lektoriert, mit deren Inhalt ich wenig anfangen konnte. Trotzdem fand ich den Aufbau grundsätzlich gut, es war alles drin, was eine Geschichte braucht, es war kindgerecht. Ergo: Der Autor hat alles richtig gemacht. Wir haben das Buch durch das Lektorat noch klarer gemacht, die Geschichte hat dadurch gewonnen. Das ist ein schönes Erlebnis, wenn der Autor nachher sagt: Jetzt gefällt es mir wirklich, so ist es super, genau das wollte ich. Deswegen liebe ich diese Arbeit.

Es gibt in der Tat Genres, die ich nicht lese. Ob ich sie lektorieren würde? Ich tendiere zu nein, denn ich bin mit den Strukturen da nicht so vertraut, wie ich es für meine Arbeit und meine Ansprüche erwarte. Klar kenne ich die theoretischen Aufbaumaximen, aber ich sehe Lektorat nicht als mechanisches Abarbeiten von Theorien. Bücher müssen leben, sie verdienen ein Lektorat, das alles aus ihnen herausholt, was in ihnen steckt. Ich bleibe da lieber in meinen vertrauten und geliebten Gewässern und überlasse andere anderen. Ich denke aber, man merkt es einem Buch an, ob ein Lektor hinter dem Text und dem Genre steht oder nicht.

Hast du es schon einmal abgelehnt, ein Buch zu lektorieren und warum?

Ja, schon mehrfach. Ich lehne dann ab, wenn ich meinen Namen nicht unter ein Buch setzen möchte, weil es mir vom Inhalt her nicht passt (Gründe dafür können vielfältig sein). Unterbezahlt arbeite ich auch nicht, ich überlasse Lektoren mit Hungerlohnpreisen gerne dieses Feld, um das sie mit immer noch tieferen Preisen buhlen, und nutze die Zeit selber für etwas anderes. Das Argument, das Autoren gerne ins Feld führen, dass sie leben müssen und drum nicht mehr zahlen können, gebe ich gerne so zurück: Ich habe auch meine Rechnungen zu zahlen.

Nun hätte ich es fast vergessen! Herzlichen Glückwunsch! Die Schweizer Wirtschaftszeitung hat dich auf Platz 13 bewertet, von den Menschen, die am präsentesten, bzw. bekanntesten in der Social Media in der Schweiz agieren. Du bist eine Berühmtheit! Ist es dir wichtig, dich mitzuteilen, in der Öffentlichkeit zu stehen?

Mich mitzuteilen ist mir ein Bedürfnis, ja. Ich habe viele Ideen, ich interagiere gerne, ich diskutiere gerne. In der Öffentlichkeit will und muss ich nicht stehen, das liegt mir nicht wirklich und war auch nie ein Anliegen von mir. Meine Internetpräsenz wuchs eigentlich aus der Lage heraus, dass ich als alleinerziehende Mutter mit einem SNF-Projekt für meine Dissertation mehrheitlich allein zu Hause saß und das Internet die einzige Möglichkeit für einen Austausch war. Am Anfang tobte ich mich in Elternforen aus, dann kam Facebook irgendwann – und meine Blogs natürlich. Ich muss schreiben, ich kann nicht ohne. Und mittlerweile gilt das auch fürs Zeichnen und Häkeln. Das Leben ist bunt, das Leben ist schön. Eine Statistik macht das nicht aus, es sind mehr die Inhalte, die man dem Leben selber gibt.

Welche drei Bücher haben dich in den letzten drei Jahren so richtig begeistert? Welchen druckfrischen Roman würdest mir raten zu lesen und von welchem soll ich lieber die Finger lassen?

Huff – ich habe ein Spatzenhirn – oder ein Nudelsieb anstelle des Gehirns. Ich kann dir wohl kaum Titel nennen…. da mich immer wieder neue Bücher begeistern oder eben auch frustrieren. Aber ich geh mal in meinen Blog und suche 😉

Bin mal schnell weg – Wieder da:

Die Liste ist sehr willkürlich und absolut nicht die Realität wiederspiegelnd, da selektiv und aus dem Bauch heraus hier und heute entschieden 😉

Finger weg? Die habe ich sowieso vergessen, da gleich weggelegt. Nur einer ist mir noch im Kopf: Ein neues Buch über die Familie von Thomas Mann. Ich habe mich freudig draufgestürzt, da ich alles über Thomas Mann lese (und alles von ihm gelesen habe), nur: Es war eine herbe Enttäuschung. Plätscherte so dahin, streifte kleine, nichtssagende Geschichtchen und hatte gar nichts vom Charakter, vom Flair Thomas Manns und dessen Familie.

Ich danke dir, dass du dir Zeit genommen hast, meine Fragen zu beantworten.

Sehr gerne!

Hanni Münzer – Nachgefragt

Hanni sehr schönes PortraitHanni Münzer hatte schon immer eine lebhafte Fantasie (zum Leidwesen von Eltern und Lehrern) und verschlang bereits als Sechsjährige jedes Buch. Nicht alles war jugendfrei. Aus der Leidenschaft zu lesen, entwickelte sich die Leidenschaft zu schreiben.
2013 veröffentlichte die in Wolfratshausen Geborene ihr Debüt Die Seelenfischer. Es war ein Experiment, das versehentlich gelang. Plötzlich war sie Autorin. Ihr neuster Roman: Honigtot.

Hanni Münzer hat sich die Zeit genommen, mir ein paar Fragen zu beantworten:

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Eine ganz normal Verrückte aus Bayern, glücklich verheiratet, zwei Kinder, ein Hund. Sie ist vorlaut, mit der Neigung zum zivilen Ungehorsam, erzählt gern schmutzige Witze (Spitzname:„Dirty Hanni“), nimmt sich aber selbst nicht zu ernst. Und sie liebt und lebt in ihren Geschichten.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Ich habe schon immer geschrieben. Da könnte man mich genauso fragen, was mich zum Essen, Trinken oder Lieben anhält. Schreiben ist für mich ein natürlicher Reflex, ich entkomme ihm nicht.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

„Talent ist zwar eine Voraussetzung, aber Können muss man sich hart erarbeiten.“ Das ist das Zitat eines fiktiven Musiklehrers aus meinem Buch „HONIGTOT“. Es ist wahr, für eine gute Geschichte muss man sich schinden. Recherche ist das A und O und: lesen, lesen, lesen. Man sollte nie aufhören zu lernen, vor allem von den Großen des Genres. Einen Schreibkurs habe ich nie besucht.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Erst die Idee, dann die Recherche. Das ist der schönste Part: Ich marschiere mit der Liste der Bücher, die ich dazu lesen muss in meine Buchhandlung vor Ort, und komme mit doppelt so vielen wieder heraus. Mindestens. Bücher sind für mich wie Schuhe, ich muss sie alle haben. Hier endet die Vorbereitung. Ich gestehe: Am Anfang steht die Planung, am Ende regiert das Chaos.

Wann und wo schreiben Sie?

So oft ich kann, verschwinde ich in meinen Schreibkeller.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Ich muss nicht abschalten. Schreiben ist für mich Entspannung pur, mein Gehirn hat immer Ferien. Die Geschichten und Ideen suchen mich zu jeder Tages- und Nachtzeit heim. Oft treibt es mich mitten in der Nacht an den PC. Mein Mann schimpft. Ich höre erst auf zu schreiben, wenn er nach einer warmen Mahlzeit verlangt. Oder der Hund mir die Leine vor die Füße legt. Mein Mann behauptet ja, ich könne mich nicht „Abschalten“, weil ich im wahrsten Sinne des Wortes eine Schreibmaschine wäre. Stimmt nicht, ich genieße die Zeit mit ihm, meiner Familie, meinen Freunden, dem Hund, dem Garten, dem Sport. Nicht zuletzt mit einem guten Buch. Und tausend anderen Dingen …

Hanni mit HundWas bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Ich habe das große Glück, dass aus einem Hobby, das für mich Berufung war, ein Beruf geworden ist, von dem ich derzeit sogar leben kann. Das Einzige, womit ich als Autor kämpfe, ist die Zeit. Sie zerrinnt mir zwischen den Händen.

Die größte Freude, die ich als Autor erlebe, ist der direkte Kontakt zu meinen Lesern. Gerade zu „HONIGTOT“ haben mich viele Leser angeschrieben, weil das Buch sie berührt hat, darunter auch einige Zeitzeugen. Für diese Sternstunden lebe und schreibe ich und dafür bin ich vor allem zutiefst dankbar. Kürzlich schrieb mir eine Leserin, meine erfundene Geschichte von Adam und Eva und der ersten Ameise Moriah aus „Honigtot“, habe es sogar als Hauptthema in die Predigt eines Pfarrers gebracht, der sie mit der Bergpredigt verknüpft hat. Wenn das mein alter Pfarrer Braun wüsste: Der ist daran verzweifelt, dass er mich nicht zum Glauben hinführen konnte.

Wie ist das Verhältnis zu den Verlagen? Hat sich das verändert in den letzten Jahren? Man hört viele kritischen und anklagenden Stimmen, was ist Ihre Sicht der Dinge?

 Diese Stimmen kenne ich nur vom Hörensagen. Verlage sind Unternehmen und müssen wirtschaftlich arbeiten, davon hängt die Zahl ihrer Arbeitsplätze ab. Die Konkurrenz ist groß und die veränderten Marktbedingungen machen es nicht leichter. Dass hier, wie in jeder anderen Branche auch, hart um und mit der Ware „Autor“ gefeilscht wird, ist nachvollziehbar. Es geht immer um Umsatz und Gewinn. Auch der Autor ist Unternehmer. Etwas Methusalix finde ich das Abrechnungssystem im Computerzeitalter. Verlage könnten wenigstens quartalsweise abrechnen. Doch vorwiegend gilt die jährliche Abrechnungsweise mit Zahlungsziel 30-60 Tage, selten die halbjährliche, für die muss man kämpfen. Ich für meinen Teil kann jedoch sagen, dass ich bei meinem Wunschverlag Piper untergekommen bin und sehr glücklich über die bisherige Zusammenarbeit bin.

Ihr Roman Honigtot greift ein historisches Thema auf. Was hat Sie an diesem Thema gereizt?

Alles. Wieviel Zeit haben Sie?

Die Erzählungen meiner Stiefoma weckten in mir sehr früh das Interesse für die deutsche Vergangenheit. Wir sind mütterlicherseits Sudetendeutsche, väterlicherseits stamme ich zu einem Drittel von einer mobilen, ethnischen Gruppe ab. (So nennt man jetzt politisch korrekt ‚Zigeuner‘). Denkt man an diesen unsäglichen 2. Weltkrieg hat man sogleich die Bilder von Tod und Zerstörung im Kopf: Rollende Panzer, marschierende Soldaten, Bombenhagel, verwüstete Städte und Landstriche, vor allem aber auch Auschwitz mit seinen entsetzlichen Leichenbergen.

Diese Bilder wollte ich nicht heraufbeschwören. Ich wollte zeigen, was der Krieg mit den Seelen der Menschen machte, die das braune Regime damals zu unerwünschten Kreaturen erklärt hat. Wie diese Familien die Zeit erlebten, wie sie fühlten und litten und ums Überleben kämpften.

Und ich wollte den mutigen Frauen jener Zeit ein Denkmal setzen.„Honigtot“ lebt von seinen starken Frauengestalten. Elisabeth, die wie eine Löwin um ihre Liebe und später um ihre Kinder kämpft, ihre leidenschaftliche Tochter Deborah, die, um ihren Bruder zu schützen, zu allem bereit ist, und ihre toughe Freundin Marlene, die Widerstandskämpferin. Sie stehen stellvertretend für all jene Frauen, die in der heutigen Zeit ebenso für ihre Liebe, ihre Familie und ihre Kinder kämpfen müssen. Das ist der eigentliche Irrsinn: Es gibt immer noch zu viel Krieg und Unrecht auf dieser Welt. Der Mensch bleibt sich in seinen schlechten Taten treu, er lernt nicht dazu.

Hatten Sie auch Bedenken deswegen?

Niemals. Der Feind der Erinnerung ist das Vergessen. Die Erinnerung, zu welch furchtbaren Taten der Mensch fähig ist, sei es aus Machtgier, ideologischer Verblendung oder, weil jemand wie Hitler und seine Helfershelfer das anarchistische Umfeld geschaffen haben, das diese Monster damals straffrei wirken ließ, muss wachgehalten werden. Ich bin nur eine kleine Stimme, aber es ist eine Stimme.

Im Roman sieht man sich mit einer sehr prägenden Vergangenheit konfrontiert – sie prägt sogar, wenn man die genauen Hintergründe nicht kennt. Kann man seiner Vergangenheit entkommen oder ist sie immer präsent?

Mein Buch behandelt ja auch die Themen Schuld und Sühne und die Frage: Gibt es so etwas wie eine Erbsünde? Wie sehr wirkt sich das geistige Erbe, das vier Generationen Frauen in „Honigtot“ einander weitergeben, aus? Ist die Schuld unserer Väter vielleicht unsere Erbsünde? Wird es unserer Generation der Kriegsenkel je möglich sein, diese Schuld zu büßen?

Kürzlich fragte mich jemand dazu sinngemäß: Wenn uns die historischen Ereignisse wie eine unaufhaltsame Strömung treiben, sind wir noch für unsere Taten verantwortlich?

Ja, das sind wir.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Inspirationen und Ideen kommen, wenn sie wollen, nicht, wenn ich es will. Ich bin ihnen daher hilflos ausgeliefert. Natürlich hat die Idee zu einer Geschichte viele Wurzeln, sie wächst durch die eigenen Gedanken, Erlebnisse und Begegnungen, Gefühle und Emotionen.

Auch folge ich einem unbändigen Trieb der Neugierde, lese gerne, unterhalte mich gerne, reise gerne und interessiere mich für alles, insbesondere die unterschiedlichen Kulturen und Religionen. Es beschäftigt mich sehr, nachzuvollziehen, warum der einzelne Mensch ist, wie er ist. Woher kommt das Böse, wie entsteht das Gute? Wie vorher erwähnt, recherchiere ich mit Leidenschaft. Oft ergeben sich dadurch neue Anregungen, ich entdecke einen Namen, dessen Schicksal ich weiterverfolge, knüpfe Gedankenfäden, die ich weiterspinne. So entstehen Geschichten.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Hanni Münzer steckt in Ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Das ist eine hinterlistige Frage. Ich liebe sie alle; auch die Bösen. Die Guten müssen ja in der Relation gut sein können. Natürlich habe ich besonders an meiner Protagonistin im „SEELENFISCHER“, der Journalistin Rabea Rosenthal, gefeilt, eine kämpferische Weltverbesserin mit Idealismus-Virus:-). Sie hat auf meiner Webpage sogar ihre eigene Form der Zehn Gebote. Mir steht auch der Jesuit Simone nahe. Er hat einen unmöglichen Kleidungsstil, kocht gerne, zitiert Shakespeare und erzählt noch unter Folter Jesuitenwitze. Besonders aber beschäftigen mich meine vier Protagonistinnen in „HONIGTOT“, ich kann sie nicht loslassen. (Siehe oben zum historischen Thema.)

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Nein, warum? Buch ist Buch und Meinung ist Meinung. Die habe ich auch, als Bürger. Ich wünsche mir weniger Politik und Staat und dafür mehr Volksentscheide. Die Iren haben es uns gerade wunderbar vorgemacht mit ihrer Abstimmung für die Homo-Ehe.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht? Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Wenn ich könnte, würde ich Tag und Nacht lesen, meine Lektüre ist auch stark stimmungsabhängig. An melancholischen Tagen lese ich Orhan Pamuk, Michel Houllebecq, Toni Morrison. Aber oft will ich vor allem eines: lernen. Ach, es gibt so viele großartige Kollegen, deren Bücher mich berühren und zum Nachdenken anregen. Alle aufzuzählen, würde den Rahmen sprengen. Es ist kein Geheimnis, dass ich J.R.R. Tolkien verehre, sein sprachliches Spektrum ist genial. Er hat im Ersten Weltkrieg als Soldat das Gemetzel an der Somme mitgemacht und seine Erlebnisse in der Ring-Trilogie verarbeitet. Ich bewundere auch Richard Adams. Sein „Watership down“ ist magisch. Adams engagiert sich stark für den Tierschutz. Tiere sind ebenso Gottesgeschöpfe und ich finde, eine Gesellschaft sollte sich auch daran messen lassen, wie sie mit seinen Tieren und der Natur umgeht. Ansonsten lese ich sehr bunt. Jane Austen, weil sie zeitlos ist, Mark Twain, wegen seiner scharfen Zunge, aber vornehmlich Biographien von Zeitzeugen wie die von Egon Hanfstängl oder Hannah Arendt. Sehr lehrreich ist Robert Dallek´s „Kennedy – Ein unvollendetes Leben“. Es lässt die Verknüpfungen von Militär und Wirtschaft in den USA aufscheinen, auf die bereits Eisenhower in seiner berühmten Abschiedsrede 1961 hingewiesen hat. Auch Evelyne Levers „Madame de Pompadour“ ist ein Leseerlebnis. Die Pompadour war eine bewundernswerte Frau mit einem starken Charakter, künstlerisch multibegabt und von hoher intuitiver Intelligenz. In der heutigen Zeit wäre sie eine erfolgreiche Geschäftsfrau oder ein gefeierter Impressario geworden. Eine wenig differenzierte Welt erinnert sich heute an sie mit Vorliebe als Matratze eines Königs.Das ist traurig.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

  1. Das Wichtigste: Nehmen Sie sich Zeit! Eine Geschichte muss wachsen.

  2. Recherche, Recherche, Recherche – aus Büchern, nicht aus dem Internet. Da steht zuviel Blödsinn.

  3. Bloß kein W-Lan am Arbeitsplatz …

  4. Sätze nicht überfrachten. Muss der Leser wirklich wissen, ob Ihre Figur, „lange, dunkle, leicht gelockte Haare“ hat, auf dem „schief ein avantgardistisch anmutendes Hütchen sitzt, dessen schillernde Pfauenfeder sich sacht im vom smaragdblauen Meer herüberwehenden Wind bewegt“? (Seufz, ich wünschte, ich würde das selber genauso beherzigen)

  5. Schreiben Sie keinen Thriller, wenn Sie kein Blut sehen können.

  6. Machen Sie sich auf Kritik gefasst, die Welt hat nicht auf ihr Buch gewartet…

Oh, das waren jetzt sechs …

Ich bedanke mich sehr herzlich für diese sehr ausführlichen, spannenden und aufschlussreichen Antworten.

Michael Kibler – Nachgefragt

©Ralf Kopp
©Ralf Kopp

Michael Kibler wurde 1963 in Heilbronn geboren, studierte an der Johann Wolfgang Goethe Universität in Frankfurt, im Hauptfach Germanistik mit den Nebenfächern Filmwissenschaft und Psychologie. 2005 veröffentlichte er den ersten Krimi Madonnenkinder, es folgen weitere Darmstadt-Krimis mit dem Ermittlerteam um Margot Hesgart und Steffen Horndeich. Neben den Krimis schreibt Kibler schreibt auch Sachbücher, hat schon einige Krimi-Kurzgeschichten veröffentlicht und zudem als Texter und PR-Profi tätig. Michael Kibler lebt in Darmstadt, wo er Lesungen, Stadtführungen durch Darmstadt und Schreib-Workshops anbietet. Von ihm erschienen sind Madonnenkinder, Opfergrube, Sterbenszeit u. v. m.

Michael Kibler hat sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu sich und seinem Schreiben zu beantworten:

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Ich versuche mal, das auf zehn Stichpunkte zu reduzieren: Geboren im Sternzeichen Fisch – viele Umzüge in der Kindheit – in Darmstadt Heimat gefunden – leidliches Abi, guter Studienabschluss – Artikel in McDonald‘s-Kino News erster bezahlter Text – Groschenromane für Bastei – Festanstellung in Öffentlichkeitsarbeit, aber nur kurz – freiberuflich Texter Vollzeit – erfolgreiche Krimireihe – Schriftsteller Teilzeit.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Während der Schulzeit haben mir Deutscharbeiten immer dann Spaß gemacht, wenn ich eine Geschichte erzählen durfte. Erst mit knapp 20 habe ich dann angefangen, eigene fiktive Geschichten zu schreiben.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Natürlich braucht es Phatasie, aber gerade beim Schreiben von Kriminalliteratur geht ohne Handwerk überhaupt nichts. Man muss wissen, wann man wie Wendungen einbaut, Erzählenswertes von nicht Erzählenswertem trennt, Spannung erzeugt et cetera. Dazu hat weniger mein Germanistikstudium beigetragen, als das Nebenfachstudium der „Filmwissenschaft“. Ich habe mich über Alfred Hitchcock prüfen lassen – da habe ich etwa sehr viel über das Geschichtenerzählen gelernt. Und ich habe mir sofort fünf McGuffins gekauft. Ansonsten lernt man sehr viel über jedes ernst gemeinte Lektorat.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Bevor ich die erste Zeile des Buches schreibe, ist die Geschichte bereits komplett recherchiert. Das liegt auch daran, dass meine Krimiplots eher komplexer Natur sind. Wenn ich diese Geschichte sauber erzählen will und ohne lose Enden zu Ende bringen möchte, kann ich auf ein Drehbuch beim Schreiben nicht verzichten.

Wann und wo schreiben Sie?

Das Wann ist nicht so festgelegt, wobei ich tendenziell das eigentliche Buchschreiben eher in den Abendstunden praktiziere. Ich schreibe meistens an meinem Schreibtisch. Da ich angefangen habe, mit einem Spracherkennungsprogramm zu arbeiten, geht das im Moment auch kaum woanders, denn am Schreibtisch steht der schnelle Rechner. Gut, dass ich mich dort wohlfühle.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Ich bin bekennender Serien-Junkie, wobei beim Seriengucken der Übergang zwischen Abschalten und Fortbildung fließend ist. Dank der modernen Smartphones hat man inzwischen auch immer einen Notizblock dabei – sehr praktisch. Ja, ich bin durchaus in der Lage, mir selbst freizugeben. Ironischerweise kommen mir immer dann die besten Ideen.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Autor zu sein heißt, dass für mich der Beruf Berufung ist. Aber die Berufung ist ja auch Beruf – und muss damit professionell ausgeübt werden, damit man davon seine Existenz bestreiten kann. Wie jeder Autor, welcher der Spiegel-Bestsellerliste nicht mit jedem Buch einen Besuch unter den ersten zehn Plätzen abstattet, ist der Kampf auch immer wieder ein materieller. Ebenfalls, und ich denke da geht es den meisten Kollegen gleich, ist es anstrengend, stets die nötige Selbstdisziplin und Selbstmotivation aufzubringen. Die Freuden? Der Lohn ist nicht nur ein materieller: Wenn mir Leser erzählen, dass bestimmte Stellen meiner Bücher sie sehr berührt haben, dass meine Geschichten gerne gelesen werden – das ist einfach unbeschreiblich.

Wie ist das Verhältnis zu den Verlagen? Hat sich das verändert in den letzten Jahren? Man hört viele kritischen und anklagenden Stimmen, was ist deine Sicht der Dinge?

Das ist ganz klar der berufliche Teil der Berufung. Verlage sind Wirtschaftsunternehmen, die, um zu existieren, schwarze Zahlen schreiben wollen und müssen. Ebenfalls müssen Autoren ein angemessenes Honorar bekommen, unabhängig davon, ob sie vom Schreiben leben oder es nebenberuflich betreiben. Dass diese beiden gegensätzlichen Positionen nicht ohne Konflikte ausgetragen werden, ist völlig klar. Das Verlagswesen verändert sich, ganz besonders durch die Digitalisierung der Bücher. Ich denke nicht, dass das Verlagswesen am Ende ist, aber es wird neben der klassischen Lieferkette Autor-Verlag-Leser weitere, neue Vertriebswege geben. Wohin die Reise geht, kann ich auch nicht sagen.

Sie wohnen in Darmstadt, schreiben Krimis in und um Darmstadt. Beschränkt das nicht ein wenig die kritische Sicht, weil man zu nah dran ist? Nehmen Sie Rücksicht, um niemandem auf die Füsse zu treten?

Mit „Sterbenszeit“ habe ich ja nun einen Krimi veröffentlicht, dessen Handlung sich über die ganze Bundesrepublik zieht. Die Motivation: „Endlich mal niemandem auf die Füße treten, den ich kenne.“ Im Ernst: Meine Krimis beschäftigen sich mit Menschen, ihren Motivationen, ihren Nöten, ihren Affekten. Dass sich diese Geschichte in meinem persönlichen Umfeld ansiedeln kann, hat aus meiner Sicht viele Vorteile, eben weil man das Umfeld kennt. Ich halte jedoch ganz bewusst stadtspolitische Aspekte aus meinen Büchern heraus. Erstens bin ich kein Politiker und zweitens wären die Themen bereits oft erledigt, wenn das Buch in Druck ginge. Ansonsten bin ich da ganz pragmatisch: Orte, an denen etwas Positives passiert, werden mit richtigem Namen genannt, Orte, bei denen das nicht so ist, bekommen ein fiktiven Namen. So bleiben meine Füße heil und die Leser können sich ganz auf die Geschichte konzentrieren.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Jede meiner Geschichten hat quasi einen Startschuss im Kopf: eine Begebenheit, eine Nachricht aus dem Radio, ein geschichtliches Ereignis. Um nach diesem Startschuss den Marathon zu laufen respektive zu schreiben, braucht es drei Dinge: erstens Fantasie, zweitens (Lebens-) Erfahrung, die die Fantasie speisen kann, und drittens saubere Recherche. Wichtig, gerade im Zeitalter des ewigen Löschens und Verbesserns ist die Disziplin, eine Geschichte zu Ende zu erzählen und dieses Ende dann als solches zu akzeptieren. Erst dann ist wieder Platz für die kommende Geschichte.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Michael Kibler steckt in Ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Ich behaupte immer, meine Geschichten und meine Figuren seien in keiner Weise autobiografisch. Und ich kann bis heute nicht verstehen, warum die Menschen, die mich ein wenig besser kennen, dann immer breit grinsen. Ich denke, und das meine ich jetzt ohne Scherz, dass sich in jedem meiner Bücher meine grundsätzliche Lebenseinstellung und auch meine Werteskala wieder finden. Sicher kann ich Figuren beschreiben, die diese Werte nicht teilen, aber die kommen dann entweder nicht gut weg, oder die Geschichte basiert auf rabenschwarzem Humor. Und wenn ich meine Bekannten darum bitte, ihr Grinsen zu erklären, dann muss ich schon feststellen, dass die eine oder andere Eigenheit meiner Person auch auf meine Figuren abfärbt. Was definitiv der Fall ist: Keine meine Figuren ist ein Alter Ego.

Wieso schreiben Sie Krimis? Ist es das, was Sie auch am liebsten lesen oder kann man dabei die eigenen bösen Seiten ausleben, die man im realen Leben eher unterdrückt?

Zunächst hat der Krimi einen großen Vorteil: Per Definition ist ein Spannungsbogen vorgegeben. Meist steht die Frage „Wer war es?“ im Vordergrund, manchmal auch die Frage „Warum tat er es?“. Wenn ich nun beim Schreiben nicht die ersten 20 Seiten völlig verbocke, habe ich eine gute Chance, dass der Leser meine Geschichte bis zur letzten Seite verfolgt. Das Schöne daran: Rund um den Spannungsbogen kann ich Geschichten und Themen einflechten, die mir persönlich wichtig sind. Via Krimi die bösen Seiten ausleben zu können – das halte ich für ein Klischee. Denn es steckt viel zu viel Arbeit, Recherche und Konstruktion in der Geschichte, um damit spontane Affekte, Hinterhältigkeit oder Wut zu befeuern. Ich kann mir allerdings vorstellen, woher dieses Klischee stammt: Hat man beim Schreiben alles richtig gemacht, schimmern Arbeit, Recherche und Konstruktion nicht mehr zwischen den Worten hervor. Was nicht heißt, dass nicht der eine oder andere Seitenhieb zwischen den Zeilen versteckt sein könnte, den die entsprechenden Personen auch durchaus identifizieren können. Don’t mess with a writer! 😉

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Nein. Einen politischen Auftrag haben Politiker. Ein Autor hat einen anderen Auftrag: eine gute Geschichte zu erzählen. Das ist sein Job. Dass darin politische Themen aufgegriffen werden können ist eine Möglichkeit, aber keine Verpflichtung. Politische Ereignisse spiegeln sich in meinen Büchern eher weniger, sehr wohl aber gesellschaftliche Fragen. Dabei ist es mir wichtiger, unterschiedliche Sichtweisen auf ein Problem zu beleuchten als einseitig Position zu beziehen. Ich halte es da mit Steven Spielberg, dessen Satz in einem Interview mir sehr gefallen hat: „Ich weigere mich, auf komplizierte Fragen einfache Antworten zu geben.“

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht? Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Einer der Autoren, die ich am aller liebsten lese, ist Steven King. Ihm gelingt meist, was ich an Büchern am meisten schätze: Wenn ich die Buchdeckel zuschlage, habe ich das Gefühl, Menschen und ihre Geschichte kennengelernt zu haben. Wenn mich die Personen fesseln, kann ich Schwächen in der Geschichte billigend in Kauf nehmen. Kings epische Beschreibungen von Horror sind überhaupt nicht mein Ding, dennoch lese ich seine Bücher. Zu sagen, er habe mich geprägt – nun, vielleicht pathetisch, auf der anderen Seite jedoch: ja.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Schreibe. Schriftsteller unterscheiden sich von Nicht-Schriftstellern genau dadurch. Und nicht dadurch, dass sie sagen, sie müssten mal ein Buch schreiben.

Schreibe zu Ende. Richtigen Platz im Kopf für die nächste Geschichte gibt es immer erst, wenn die vorige zu Ende erzählt worden ist.

Schreibe weiter. Auch wenn du beim Schreiben nicht das Gefühl hast, dass dir jetzt gerade der Meisterwurf gelingt. Das ist unerheblich. Denn sonst wirst du Punkt Zwei nie erfüllen.

Suche dir Sparring-Partner. Das Bild ist wörtlich zu nehmen: Ohne Training wird man nicht besser. Ach ja, wenn du boxen lernen willst, brauchst du als Sparringpartner einen Boxer. Wenn du schreiben lernen willst, einen, der mit Texten zu tun hat.

Trainiere für den Marathon im dicken Fell. Möchtest du erreichen, dass der Rest der Welt an deinen Texten teilhat, trittst du vom Spielfeld des reinen Schreibens auf das größere und härtere Spielfeld mit dem Namen „Literaturmarkt“. Ein dickes Fell ist hier hilfreich, Ausdauer, Beharrlichkeit und eine Packung Schmerztabletten sind unerlässlich.

Ich bedanke mich herzlich für dieses Interview!

Thommie Bayer – Nachgefragt

BayerThommieThommie Bayer, 1953 in Esslingen geboren, studierte Malerei und war Liedermacher, bevor er 1984 begann, Stories, Gedichte und Romane zu schreiben. Neben anderen erschienen von ihm Die gefährliche Frau, Singvogel, der für den Deutschen Buchpreis nominierte Roman Eine kurze Geschichte vom Glück und zuletzt Die kurzen und die langen Jahre.

Thommie Bayer hat sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu seinem Schreiben und zu seinem neusten Roman Die kurzen und die langen Jahre zu beantworten:

 

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Ich war ein liebes, aber freches Kind, habe die Schule vor dem Abitur verlassen, Malerei studiert, Rockmusik gemacht und dann mit dreißig das Schreiben entdeckt. Ich habe meine große Liebe gefunden, bin seit fast dreißig Jahren mit ihr verheiratet und lebe seit ebenfalls fast dreißig Jahren am richtigen Ort.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Etwas anderes als Songtexte zu schreiben war lange ein Traum, gewagt habe ich es erst, als mein damaliges Leben in die Brüche ging.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Ich bin nicht der Typ, der zuerst lernt und dann loslegt, ich muss gleich loslegen und dann aus jedem Fehler, den ich mache, lernen. Die besonderen Bücher sind nie nur Handwerk, aber ohne Handwerk wären sie nichts.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Ich mache nur minimale Pläne und minimale Notizen – es fügt sich fast alles beim Schreiben.

Wann und wo schreiben Sie?

Immer zuhause an meinem Schreibtisch. Unterwegs kann ich allenfalls überarbeiten, kontrollieren, korrigieren. Entstehen muss es zuhause.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Ich habe entweder immer Ferien oder nie, je nach Definition. Ich glaube, ich schalte nicht ab. Ich bin glücklich, wenn es läuft und halte aus, wenn es nicht läuft. Es schaltet sich sozusagen manchmal von selbst ab. Oder mich.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Ich glaube, es bedeutet für mich, aufmerksam zu sein, auf Menschen, auf Sprache, auf Motive, Haltungen, Entwicklungen, Selbsttäuschung, Demagogie, Rhetorik… Ich kämpfe mit der Angst, mich zu wiederholen, und freue mich, wenn die Leser immer wieder das Bündnis mit mir eingehen.

Wie ist das Verhältnis zu den Verlagen? Hat sich das verändert in den letzten Jahren? Man hört viele kritischen und anklagenden Stimmen, was ist deine Sicht der Dinge?

Ich habe Glück gehabt. Es geht mir gut mit meinem Verlag, ich fühle mich dort gemocht und geschätzt und unterstützt. Natürlich will jeder Künstler mehr (Werbung, Lob, Vorschuss), aber die Verlage müssen existieren, und Aufmerksamsein heißt auch, die Interessen und Notwendigkeiten anderer zu kapieren.

Was ist in Ihren Worten das Thema von Die kurzen und die langen Jahre ?

Eine platonische Liebe. Verlust. Die Ankunft im eigenen Leben.

Sie zeichnen in dem Buch eine eher düstere Sicht der Liebe. Eigentlich jede Liebesgeschichte, wie sie im Buche steht, ist meilenweit entfernt. Ist die Liebe so düster?

Auch. Ja. Als Urlaub vom Leben wäre die Liebe missverstanden. Sie ist das Leben selbst, und das ist oft auch düster.

Ist eine der Figuren in dieser Geschichte je glücklich? Sylvie schreibt in einem ihrer Briefe, sie sei es ab und an gewesen. Wo aber sind die Glücksmomente im Buch?

Sie sind schon da, aber wir erfahren mehr von den Verlusten. Diese Verluste wären aber keine, wenn nicht das Glück verloren ginge.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Das weiß ich nicht. Ideen kommen. Zum Glück.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Thommie Bayer steckt in Ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Meine männlichen Hauptfiguren sind oft eine Art Mischwesen aus der ausgedachten Figur und mir selbst. Ich bevölkere mich mit denen und bevölkere sie mit mir.

„Das Leben ist eines der schrecklichsten und es endet meistens mit dem Tod“ oder „Das Leben ist eines der besten“ – was passt? Würden Sie sich als Optimisten oder Pessimisten sehen?

Trauriger Optimist. Oder skeptischer Optimist. Oder zufriedener Querulant.

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Nein. Kunst darf zwar alles, auch die Menschheit erziehen oder belehren wollen, aber mich persönlich interessiert nur die Kunst, die einfach existieren will. Das Bild, das gemalt werden will, die Geschichte, die erzählt sein will, die Musik, die gehört werden will.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Seele. Sprache. Haltung.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die Sie geprägt haben?

Ohja. Die Liste wäre lang. Wobei das mit der Prägung wohl keine so große Rolle spielt, jedenfalls nicht mehr. Anfangs war das sicher Kurt Vonnegut, aber inzwischen bewundere ich viele Kollegen, eifere aber keinem mehr nach.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Keine Angst vor Freundlichkeit. Keine Angst vor Liebe. Keine langen Aufzählungen. Keine langen Beschreibungen. Kein fünfter Tipp.

Ich bedanke mich herzlich für diesen Einblick in Ihr Schreiben. Ich wüsste gerne, wer am Schluss die Tipps nochmals nachzählt.

Husch Josten – Nachgefragt

Husch Josten
josten_web_rechtsHusch Josten wurde 1969 in Köln geboren, studierte Geschichte und Staatsrecht und arbeitete als Journalistin. Mit ihrem Debütroman In Sachen Joseph (2010) wurde sie für den aspekte-Literaturpreis nominiert. 2012 erschien ihr zweiter Roman, Das Glück von Frau Pfeffer, 2013 die Kurzgeschichten Fragen Sie nach Fritz. Husch Josten lebt als Schriftstellerin in Köln.

Husch Josten hat mir ein paar Fragen zu ihrem Schreiben und ihrem neusten Buch Der tadellose Herr Taft beantwortet. Dafür möchte ich mich herzlich bedanken.

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

1969 in Köln geboren. Rheinländerin. In Paris und Köln studiert. In diesen Städten wie auch in London als Journalistin gearbeitet – und das sehr gerne. Dann der erste Roman – ein Glück.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Ich wollte nie etwas anderes tun, was, aus heutiger Sicht, ein Geschenk ist: so früh zu wissen, was man wirklich machen möchte mit seinem Leben. Im Alter von sechs Jahren die erste Schreibmaschine zu Weihnachten: Eine blaue Plastikmaschine aus dem Spielwarenladen. Mit Farbband.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Durchs Lesen und Schreiben. Ich habe viel gelesen und immer geschrieben, geübt, probiert, experimentiert. Das Handwerk habe ich dann von der Pieke auf in der Lokalredaktion gelernt – vor allem durch einen Kollegen, Uli heißt er, der redigierte. Ihn rufe ich noch heute an, wenn es eine heikle, strittige Frage zur Grammatik gibt.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Ich denke eine Geschichte von Anfang bis Ende. Dann recherchiere und notiere ich viel. Erst danach beginne ich zu schreiben.

Wann und wo schreiben Sie?

Ich habe ein Büro, mein Schreibzimmer, wo ich außerhalb meines Zuhauses jeden Tag arbeite.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Beim Lesen, Feiern, Kochen, im Gespräch… Aber natürlich arbeitet es danach oder manchmal auch dabei, ganz unbemerkt, in mir weiter und ich denke schon wieder erste Sätze…

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Die Inspiration kann in jedem winzigen Detail stecken. Ehrlich: Ich kann diese Frage nicht beantworten. Es passiert einfach.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Husch Josten steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Es ist das alte, unlösbare Rätsel: Was ist wahr, was nicht, kann überhaupt etwas Geschriebenes nicht wahr sein? Mit Sicherheit kann ich sagen, dass manche Themen, über die ich schreibe, mich schon lange vorher bewegt haben und in der einen oder anderen Gestalt immer wieder vor mir aufgetaucht sind.

Was ist in Ihren Augen die Botschaft von Der tadellose Herr Taft?

Ich habe keine Botschaft, das ist für mich nicht die Aufgabe der Literatur. Ich erzähle seine Geschichte.

Ist die heutige Welt gedankenlos, dass sie Themen kaufen muss, über die sie sich Gedanken machen kann?

Auf jeden Fall glaube ich, dass uns viele Gedanken nur streifen und wir sie schnell weglegen, insbesondere dann, wenn sie unbequem sind, schwierig.

Verkaufte Taft vielleicht Themen, weil er sich selber nicht mehr darum kümmern konnte nach Veronikas Weggang? Verlegte er damit quasi nach Aussen, was er im Innern verloren hatte?

Möglicherweise. Das hängt davon ab, wer die Geschichte in welcher Verfassung liest. Jeder Leser findet in Daniel Taft etwas anderes, er ist eine Projektionsfläche. Mit seinen Ideenkarten findet er jedenfalls die ihm wichtige Gelegenheit, “von sich Reden zu machen”.

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Schriftsteller tragen Verantwortung, natürlich, aber das muss nicht notwendig eine politische sein. Dass sie aber hinsehen, beobachten, benennen – in anderer Sprache und Form als es die Journalisten tagtäglich tun – das liegt ihrer Arbeit meines Erachtens bestenfalls zugrunde.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Eine gute Geschichte und eine schöne, besondere Sprache.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Das sind vor allem zwei: Thomas Mann und Philip Roth. Aber ich lese auch sehr gern Maeve Brennan, Thomas Bernhard, John Cheever, Saul Bellow, Ingeborg Bachmann…

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Mir fallen nur zwei ein, die mir aber wesentlich erscheinen: Es ernst meinen und anfangen.