Vorsätze

Ich setze sie
so Jahr für Jahr –
und teilweis’ auch mal
zwischendurch.

Ich glaube dran
und will sie auch!
Sie leuchten ein,
sie klingen gut.

Dann sitz ich da
und überdenke,
sehe mich
und diesen Plan.

Und merke dann,
das bin ich nicht!
Ich lass’ sie fallen,
Stück für Stück.

Nun sitz ich da
und bleibe halt
die, die ich bin
bis nächstes Jahr.

Rezension: Lori Ostlund: Das Leben ist ein merkwürdiger Ort

Die Suche nach dem eigenen Leben

Am liebsten wäre er sofort losgefahren, fand die Vorstellung, so spät noch aufzubrechen, dann aber doch nicht so gut. Dass der Transporter voll beladen in der Einfahrt stand, reichte schliesslich als Beweis seiner Absicht.

Aaron Englund ist 42 und er fängt ein neues Leben an. Er reist nach San Francisco, wo er eine Stelle als Sprachehrer für Fremdsprachige hat. Es ist das erste Mal, dass er einen Weg alleine geht, dass er tut, was er tun will, ohne sich von anderen leiten zu lassen oder sich denen anzupassen. Als Kind waren da sein cholerischer Vater und seine labile Mutter, denen er es recht machen wollte, später dann Walter. Walter lernte er kennen, als er noch ein Teenager war, und er lebte über 20 Jahre mit ihm zusammen.

Walter sah aus dem Fenster, eine gefühlte halbe Ewigkeit lang. „Ich habe dich gerettet, Aaron“, sagte er schliesslich. Sein Kopf sank auf die Tischplatte, schwer von Erinnerungen.

Aaron war dankbar für alles, was Walter für ihn gemacht hatte. Walter hatte ihn gerettet, aber in dieser Rettung lag auch eine Verpflichtung. Diese prägt die Rollen in einer Beziehung. Aaron musste diese Ketten sprengen.

…dankbar zu sein und Dankbarkeit abverlangt zu bekommen, waren zwei Paar Schuhe.

Das Leben ist ein merkwürdiger Ort ist die Geschichte eines Mannes, der sich auf die Suche nach sich selber macht. Er lässt sein ganzes Leben hinter sich, wobei sich mit der Zeit die Frage stellt, was genau SEIN Leben war. In Rückblicken erfährt man mehr über seine Vergangenheit: Eine trostlose Kindheit geprägt von einem Vater, welcher mit seiner cholerischen Art mehr Schrecken als Halt war und geprägt von einer Mutter, welche ihn eher als Last denn als Freude sah und irgendwann einfach weg war. Später dann ein Leben geprägt von Walter, der ihn gerettet hatte und fortan sein Leben bestimmte. Er tat dies nicht dominant oder gar bösartig, es waren einfach die Rollen, in welche die beiden gewachsen waren.

Aaron ist ein stiller, eher passiver Charakter, der die Menschen zwar mag, sie aber kaum an sich ranlässt. Trotzdem trifft er immer wieder auf welche, die sich ihm annehmen und ihm helfen. Aarons Leben richtet sich immer wieder in gefestigten Bahnen ein, denen er dann getreu folgt, das ändert auch nach seinem Ausbruch in eine eigene Welt nicht. In vielen Rückblicken erfährt man als Leser, was Aaron in seinem Leben schon alles erlebt hat – und es ist viel. Fast ein wenig zuviel in der Summe. Fast mutet es an, als ob man sämtliche menschlichen Schwierigkeiten in Aarons Geschichte vereint habe: ein überdominanter Vater, eine labile Mutter, fanatisch religiöse Verwandte, körperliche Strafen, Sinn- und Selbstsuche, der Umgang mit der eigenen Homosexualität und einiges mehr.

Lori Ostlund hat eine tiefgründige, philosophisch und psychologisch dichte Geschichte in eine klare, leise und flüssig lesbare Sprache gepackt. Es ist ihr gelungen, vor allem den Protagonisten fass- und erlebbar darzustellen. Mitunter ist die Geschichte etwas langatmig, auch geschieht der Wechsel zwischen den Zeiten oft gar abrupt, indem einfach ein Satz aus einer anderen Zeit in die aktuelle Erzählzeit eingebaut wird. Trotzdem ist es ein sehr eingängiges Buch, eines, das tief geht und nachhallt.

Fazit
Die tiefgründig und einfühlsam geschriebene Geschichte eines Mannes, der sich aufmacht, sein eigenes Leben zu suchen. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor und Übersetzer:
Lori Ostlund wuchs in Minnesota auf. Nach ihrem Studium in Minnesota und New Mexico arbeitete sie als Antiquitätenhändlerin und Englischlehrerin, u. a. in New Mexico, Spanien und Malaysia. Ihr Erzählungsband ›The Bigness of the World‹ erschien 2009 bei University of Georgia Press und wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Flannery O’Connor Award for Short Fiction. ›Das Leben ist ein merkwürdiger Ort‹ ist ihr erster Roman. Lori Ostlund lebt und schreibt in San Francisco.

Pieke Biermann, geboren 1950, studierte Deutsche Literatur und Sprache bei Hans Mayer sowie Anglistik und Politische Wissenschaft in Hannover und Padua. Sie lebt in Berlin und ist seit 1976 freie Schriftstellerin und Übersetzerin, u.a. von Stefano Benni, Andrea Bajani, Dorothy Parker, Anya Ulinich, Tom Rachman und Ben Fountain. Ihre Bücher wurden mehrfach ausgezeichnet, drei Mal erhielt sie den Deutschen Krimipreis.

Angaben zum Buch:
ostlundlebenGebundene Ausgabe: 416 Seiten
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft (26. August 2016)
Übersetzung: Pieke Biermann
ISBN: 978-3423280778
Preis: EUR: 22 ; CHF 28.90
Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Jahresrückblick – erster Teil

Gestern kam es eiskalt über mich: Es ist so weit. Zeit, in mich zu gehen und zurückzublicken. Auf das Jahr, das war. Ich erinnere mich noch gut an letztes Jahr. Ich dachte, dass es schlimmer nicht kommen könne, was schon fast eine positive Sicht war. Zumindest eine Hoffnung.

Es kam anders. Das laufende Jahr war wohl das härteste, das ich je erlebt habe. Und das auf allen Ebenen. Und trotzdem musste es immer irgendwie weiter gehen. Und es ging weiter. Das allein ist schon ein Gewinn. Zu sehen, dass man Dinge bewältigen kann, dass einen nichts unterkriegen kann. Natürlich hätte ich gerne auf den Beweis verzichtet, ich hätte gut ohne leben können. Aber nun denn. Es kam, wie es kam. Und ich (er-)trug es.

Mein Leben ist nicht schlecht. Ganz vieles ist sicher ganz gut. Anderes weniger. Man neigt natürlich dazu, das zu sehen, das plagt. Der Rest ist gut, den sieht man nicht. Muss man ja nicht, denn er funktioniert ja. Es bleibt der Fokus auf dem, das Einsatz fordert. Und das ist meist das, was runterzieht. Nur: Wenn der Blick nur noch auf der Abwärtsspirale ist, wo soll die Kraft herkommen, oben zu bleiben? Das klappt nicht.

Ich bin also dankbar dafür, dass ich immer wieder all das sehen konnte, was gut war. Und da gab es doch einiges. Manchmal ganz kleine Dinge, manchmal wunderbare Gesten von wundervollen Menschen. Ab und an einfach so eine Blume am Wegesrand, dann wieder ein liebes Wort. Sie waren wir Knaufe an einer Kletterwand. Der Abgrund war da, aber ich hielt mich, weil sie mich hielten. Und ich einen nach dem andern fassen konnte.

Und da stehe ich nun. Und blicke zurück. Es war kein schönes Jahr. Kein einfaches Jahr. Es war grausam und einiges steht noch bevor. Und doch. Es gab viel Schönes. Und das hat mich gehalten. Ich hielt mich daran. Und das Schöne geht weiter. Und ich möchte es weiter sehen.