Michael Kibler – Nachgefragt

©Ralf Kopp
©Ralf Kopp

Michael Kibler wurde 1963 in Heilbronn geboren, studierte an der Johann Wolfgang Goethe Universität in Frankfurt, im Hauptfach Germanistik mit den Nebenfächern Filmwissenschaft und Psychologie. 2005 veröffentlichte er den ersten Krimi Madonnenkinder, es folgen weitere Darmstadt-Krimis mit dem Ermittlerteam um Margot Hesgart und Steffen Horndeich. Neben den Krimis schreibt Kibler schreibt auch Sachbücher, hat schon einige Krimi-Kurzgeschichten veröffentlicht und zudem als Texter und PR-Profi tätig. Michael Kibler lebt in Darmstadt, wo er Lesungen, Stadtführungen durch Darmstadt und Schreib-Workshops anbietet. Von ihm erschienen sind Madonnenkinder, Opfergrube, Sterbenszeit u. v. m.

Michael Kibler hat sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu sich und seinem Schreiben zu beantworten:

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Ich versuche mal, das auf zehn Stichpunkte zu reduzieren: Geboren im Sternzeichen Fisch – viele Umzüge in der Kindheit – in Darmstadt Heimat gefunden – leidliches Abi, guter Studienabschluss – Artikel in McDonald‘s-Kino News erster bezahlter Text – Groschenromane für Bastei – Festanstellung in Öffentlichkeitsarbeit, aber nur kurz – freiberuflich Texter Vollzeit – erfolgreiche Krimireihe – Schriftsteller Teilzeit.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Während der Schulzeit haben mir Deutscharbeiten immer dann Spaß gemacht, wenn ich eine Geschichte erzählen durfte. Erst mit knapp 20 habe ich dann angefangen, eigene fiktive Geschichten zu schreiben.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Natürlich braucht es Phatasie, aber gerade beim Schreiben von Kriminalliteratur geht ohne Handwerk überhaupt nichts. Man muss wissen, wann man wie Wendungen einbaut, Erzählenswertes von nicht Erzählenswertem trennt, Spannung erzeugt et cetera. Dazu hat weniger mein Germanistikstudium beigetragen, als das Nebenfachstudium der „Filmwissenschaft“. Ich habe mich über Alfred Hitchcock prüfen lassen – da habe ich etwa sehr viel über das Geschichtenerzählen gelernt. Und ich habe mir sofort fünf McGuffins gekauft. Ansonsten lernt man sehr viel über jedes ernst gemeinte Lektorat.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Bevor ich die erste Zeile des Buches schreibe, ist die Geschichte bereits komplett recherchiert. Das liegt auch daran, dass meine Krimiplots eher komplexer Natur sind. Wenn ich diese Geschichte sauber erzählen will und ohne lose Enden zu Ende bringen möchte, kann ich auf ein Drehbuch beim Schreiben nicht verzichten.

Wann und wo schreiben Sie?

Das Wann ist nicht so festgelegt, wobei ich tendenziell das eigentliche Buchschreiben eher in den Abendstunden praktiziere. Ich schreibe meistens an meinem Schreibtisch. Da ich angefangen habe, mit einem Spracherkennungsprogramm zu arbeiten, geht das im Moment auch kaum woanders, denn am Schreibtisch steht der schnelle Rechner. Gut, dass ich mich dort wohlfühle.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Ich bin bekennender Serien-Junkie, wobei beim Seriengucken der Übergang zwischen Abschalten und Fortbildung fließend ist. Dank der modernen Smartphones hat man inzwischen auch immer einen Notizblock dabei – sehr praktisch. Ja, ich bin durchaus in der Lage, mir selbst freizugeben. Ironischerweise kommen mir immer dann die besten Ideen.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Autor zu sein heißt, dass für mich der Beruf Berufung ist. Aber die Berufung ist ja auch Beruf – und muss damit professionell ausgeübt werden, damit man davon seine Existenz bestreiten kann. Wie jeder Autor, welcher der Spiegel-Bestsellerliste nicht mit jedem Buch einen Besuch unter den ersten zehn Plätzen abstattet, ist der Kampf auch immer wieder ein materieller. Ebenfalls, und ich denke da geht es den meisten Kollegen gleich, ist es anstrengend, stets die nötige Selbstdisziplin und Selbstmotivation aufzubringen. Die Freuden? Der Lohn ist nicht nur ein materieller: Wenn mir Leser erzählen, dass bestimmte Stellen meiner Bücher sie sehr berührt haben, dass meine Geschichten gerne gelesen werden – das ist einfach unbeschreiblich.

Wie ist das Verhältnis zu den Verlagen? Hat sich das verändert in den letzten Jahren? Man hört viele kritischen und anklagenden Stimmen, was ist deine Sicht der Dinge?

Das ist ganz klar der berufliche Teil der Berufung. Verlage sind Wirtschaftsunternehmen, die, um zu existieren, schwarze Zahlen schreiben wollen und müssen. Ebenfalls müssen Autoren ein angemessenes Honorar bekommen, unabhängig davon, ob sie vom Schreiben leben oder es nebenberuflich betreiben. Dass diese beiden gegensätzlichen Positionen nicht ohne Konflikte ausgetragen werden, ist völlig klar. Das Verlagswesen verändert sich, ganz besonders durch die Digitalisierung der Bücher. Ich denke nicht, dass das Verlagswesen am Ende ist, aber es wird neben der klassischen Lieferkette Autor-Verlag-Leser weitere, neue Vertriebswege geben. Wohin die Reise geht, kann ich auch nicht sagen.

Sie wohnen in Darmstadt, schreiben Krimis in und um Darmstadt. Beschränkt das nicht ein wenig die kritische Sicht, weil man zu nah dran ist? Nehmen Sie Rücksicht, um niemandem auf die Füsse zu treten?

Mit „Sterbenszeit“ habe ich ja nun einen Krimi veröffentlicht, dessen Handlung sich über die ganze Bundesrepublik zieht. Die Motivation: „Endlich mal niemandem auf die Füße treten, den ich kenne.“ Im Ernst: Meine Krimis beschäftigen sich mit Menschen, ihren Motivationen, ihren Nöten, ihren Affekten. Dass sich diese Geschichte in meinem persönlichen Umfeld ansiedeln kann, hat aus meiner Sicht viele Vorteile, eben weil man das Umfeld kennt. Ich halte jedoch ganz bewusst stadtspolitische Aspekte aus meinen Büchern heraus. Erstens bin ich kein Politiker und zweitens wären die Themen bereits oft erledigt, wenn das Buch in Druck ginge. Ansonsten bin ich da ganz pragmatisch: Orte, an denen etwas Positives passiert, werden mit richtigem Namen genannt, Orte, bei denen das nicht so ist, bekommen ein fiktiven Namen. So bleiben meine Füße heil und die Leser können sich ganz auf die Geschichte konzentrieren.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Jede meiner Geschichten hat quasi einen Startschuss im Kopf: eine Begebenheit, eine Nachricht aus dem Radio, ein geschichtliches Ereignis. Um nach diesem Startschuss den Marathon zu laufen respektive zu schreiben, braucht es drei Dinge: erstens Fantasie, zweitens (Lebens-) Erfahrung, die die Fantasie speisen kann, und drittens saubere Recherche. Wichtig, gerade im Zeitalter des ewigen Löschens und Verbesserns ist die Disziplin, eine Geschichte zu Ende zu erzählen und dieses Ende dann als solches zu akzeptieren. Erst dann ist wieder Platz für die kommende Geschichte.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Michael Kibler steckt in Ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Ich behaupte immer, meine Geschichten und meine Figuren seien in keiner Weise autobiografisch. Und ich kann bis heute nicht verstehen, warum die Menschen, die mich ein wenig besser kennen, dann immer breit grinsen. Ich denke, und das meine ich jetzt ohne Scherz, dass sich in jedem meiner Bücher meine grundsätzliche Lebenseinstellung und auch meine Werteskala wieder finden. Sicher kann ich Figuren beschreiben, die diese Werte nicht teilen, aber die kommen dann entweder nicht gut weg, oder die Geschichte basiert auf rabenschwarzem Humor. Und wenn ich meine Bekannten darum bitte, ihr Grinsen zu erklären, dann muss ich schon feststellen, dass die eine oder andere Eigenheit meiner Person auch auf meine Figuren abfärbt. Was definitiv der Fall ist: Keine meine Figuren ist ein Alter Ego.

Wieso schreiben Sie Krimis? Ist es das, was Sie auch am liebsten lesen oder kann man dabei die eigenen bösen Seiten ausleben, die man im realen Leben eher unterdrückt?

Zunächst hat der Krimi einen großen Vorteil: Per Definition ist ein Spannungsbogen vorgegeben. Meist steht die Frage „Wer war es?“ im Vordergrund, manchmal auch die Frage „Warum tat er es?“. Wenn ich nun beim Schreiben nicht die ersten 20 Seiten völlig verbocke, habe ich eine gute Chance, dass der Leser meine Geschichte bis zur letzten Seite verfolgt. Das Schöne daran: Rund um den Spannungsbogen kann ich Geschichten und Themen einflechten, die mir persönlich wichtig sind. Via Krimi die bösen Seiten ausleben zu können – das halte ich für ein Klischee. Denn es steckt viel zu viel Arbeit, Recherche und Konstruktion in der Geschichte, um damit spontane Affekte, Hinterhältigkeit oder Wut zu befeuern. Ich kann mir allerdings vorstellen, woher dieses Klischee stammt: Hat man beim Schreiben alles richtig gemacht, schimmern Arbeit, Recherche und Konstruktion nicht mehr zwischen den Worten hervor. Was nicht heißt, dass nicht der eine oder andere Seitenhieb zwischen den Zeilen versteckt sein könnte, den die entsprechenden Personen auch durchaus identifizieren können. Don’t mess with a writer! 😉

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Nein. Einen politischen Auftrag haben Politiker. Ein Autor hat einen anderen Auftrag: eine gute Geschichte zu erzählen. Das ist sein Job. Dass darin politische Themen aufgegriffen werden können ist eine Möglichkeit, aber keine Verpflichtung. Politische Ereignisse spiegeln sich in meinen Büchern eher weniger, sehr wohl aber gesellschaftliche Fragen. Dabei ist es mir wichtiger, unterschiedliche Sichtweisen auf ein Problem zu beleuchten als einseitig Position zu beziehen. Ich halte es da mit Steven Spielberg, dessen Satz in einem Interview mir sehr gefallen hat: „Ich weigere mich, auf komplizierte Fragen einfache Antworten zu geben.“

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht? Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Einer der Autoren, die ich am aller liebsten lese, ist Steven King. Ihm gelingt meist, was ich an Büchern am meisten schätze: Wenn ich die Buchdeckel zuschlage, habe ich das Gefühl, Menschen und ihre Geschichte kennengelernt zu haben. Wenn mich die Personen fesseln, kann ich Schwächen in der Geschichte billigend in Kauf nehmen. Kings epische Beschreibungen von Horror sind überhaupt nicht mein Ding, dennoch lese ich seine Bücher. Zu sagen, er habe mich geprägt – nun, vielleicht pathetisch, auf der anderen Seite jedoch: ja.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Schreibe. Schriftsteller unterscheiden sich von Nicht-Schriftstellern genau dadurch. Und nicht dadurch, dass sie sagen, sie müssten mal ein Buch schreiben.

Schreibe zu Ende. Richtigen Platz im Kopf für die nächste Geschichte gibt es immer erst, wenn die vorige zu Ende erzählt worden ist.

Schreibe weiter. Auch wenn du beim Schreiben nicht das Gefühl hast, dass dir jetzt gerade der Meisterwurf gelingt. Das ist unerheblich. Denn sonst wirst du Punkt Zwei nie erfüllen.

Suche dir Sparring-Partner. Das Bild ist wörtlich zu nehmen: Ohne Training wird man nicht besser. Ach ja, wenn du boxen lernen willst, brauchst du als Sparringpartner einen Boxer. Wenn du schreiben lernen willst, einen, der mit Texten zu tun hat.

Trainiere für den Marathon im dicken Fell. Möchtest du erreichen, dass der Rest der Welt an deinen Texten teilhat, trittst du vom Spielfeld des reinen Schreibens auf das größere und härtere Spielfeld mit dem Namen „Literaturmarkt“. Ein dickes Fell ist hier hilfreich, Ausdauer, Beharrlichkeit und eine Packung Schmerztabletten sind unerlässlich.

Ich bedanke mich herzlich für dieses Interview!

3 Comments

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  1. Die fünf Tipps unterschreibe ich sofort, aber ich muss feststellen, dass ich noch nie einen Autor getroffen habe, der ein identisches Schreibkonzept hat, mit wem auch immer. Wie heißt es doch so schön – Alle Wege führen nach Rom 🙂

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    • Arno, ich habe ja Schreibprozesse (und deren Theorie) im Rahmen meines Studiums erforscht – daher kommt wohl mein Interesse und darum auch die Fragen hier immer wieder. Ich finde genau das spannend: Zu zeigen, dass jeder für sich einen Weg findet und ihn geht. Dass das Gehen das relevante ist, da ohne das jeder Weg ziellos ist. Und dass es ganz viele Wege gibt, ein Ziel zu erreichen. Ich mag diese Reihe sehr und bin dankbar, kriege ich so viele tolle Antworten von ganz verschiedenen Autoren.

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