Thomas Mann: Lotte in Weimar

Besuch bei Goethe

Mit der ordinären Post von Gotha trafen an diesem Tage, morgens kurz nach 8 Uhr, drei Frauenzimmer vor dem renommierten Hause am Markte ein, denen auf den ersten Blick – und auch auf den zweiten noch – nichts Sonderliches anzumerken gewesen war.

Bei den drei Frauenzimmern handelt es sich um Charlotte Kestner samt Tochter und Zofe. Unter dem Vorwand, ihre Schwester besuchen zu wollen, ist die in die Jahre gekommene Lotte nach Weimar gereist und lässt sich im Gasthof „Zum Elephanten“ nieder. Der hauseigene Kellner kann sein Glück kaum fassen, dem Urbild von Werthers Lotte gegenüber zu stehen. Auch eine Zeichnerin buhlt um ihre Gunst. Viele weitere Besuche tragen die Aura und das Werk Goethes in Kestners Hotelzimmer, vom grossen Meister und eigentlichem Grund des Besuchs in Weimar fehlt aber bis zum 7. Kapitel jede leibliche Spur.

Im 7. Kapitel erwacht Goethe zum Leben, im wahrsten Sinne des Wortes, indem man ihn nämlich im Bett liegend und in einem Seiten langen Monolog über Tod, Teufel, Zeit und Leben nachdenkend erlebt. Von seinem Sohn erfährt er von Charlottens Ankunft, seine Reaktion ist wenig erfreut:

Konnt‘ sie sich’s nicht verkneifen, die Alte, und mir’s nicht ersparen?

Goethe gibt Lotte die Ehre eines Zwiegesprächs nicht, lädt sie nur zu einer grossen Tafelrunde. Das einzige persönliche Gespräch mit Goethe führt sie an einem der nächsten Abende im Traum auf dem Rückweg von einem (immerhin von Goethe gesponserten) Theaterbesuch. Dieses Gespräch ist ein Spiel der Verwandlungen, eine Mischung von Realität und Traum, von Gegenwart und Vergangenheit. Es zitiert dabei fleissig aus dem Divan. Durch dieses Gespräch  erhält Lotte die Hoffnung auf ein Wiedersehen im Jenseits und findet sich beim Erwachen wieder vor dem „Elephanten“. Die Geschichte schliesst ihren Kreis.

Thomas Mann zeigt in diesem sehr amüsanten, an ein Schauspiel erinnernden Werk seine grosse Kenntnis und tiefe Liebe zu Goethe und seinem Werk. Er lässt Goethe in dessen eigener Sprache sprechen, verweist auf die diversen Werke des grossen Dichters, zitiert daraus und lässt ihn so durch die Zitate und Worte über ihn lebendig werden.

Lotte in Weimar thematisiert wie die meisten von Thomas Manns Werken das Spannungsverhältnis von Kunst und Leben, macht das Erzählen durch Goethes eigenen Erzählungen zum Thema. Neben einer Darstellung Goethes spiegelt sich Thomas Mann in der Figur des Goethe auch selber, indem er autobiographische Momente einfliessen lässt, seinen eigenen Schreibprozess thematisiert. Thomas Mann schreibt dazu selber an Ferdinand Lion:

[ich] geniesse die Intimität, um nicht zu sagen: die unio-mystica, unbeschreiblich.

Fazit:
Eines von Thomas Manns leichtesten, humorvollsten Werken, das trotz der Leichtigkeit nicht die künstlerische Grösse und das fundierte Wissen der dargestellten Inhalte vermissen lässt. Eines meiner Lieblingsbücher von Thomas Mann.

MannLotteAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 400 Seiten
Verlag: Fischer Taschenbuch Verlag (23. Mai 2012)
ISBN-Nr.: 978-3596294329
Preis: EUR: 9.95 ; CHF 16.90

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2 Comments

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    • Herzlichen Dank für den Kommentar. Ich liebe Thomas Mann. Ja, er erschliesst sich selten auf den ersten Blick zu vielschichtig sind seine Kompositionen. Genau das macht aber auch seinen Reiz, seine Faszination aus. „Lotte in Weimar“ ist eines meiner Lieblingswerke. Der Humor, die Leichtigkeit, die trotzdem Tiefe hat – wunderbar. Lieber Gruss, Sandra

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