Rezension: Husch Josten – Der tadellose Herr Taft

Wie einer wird, was einer ist

Er hatte seine Orientierung verloren. Das war kein räumliches Problem. Daniel Tafts Sinne waren gestört. Er, der immer seinen Weg gekannt und grundsätzlich die Richtung gewusst hatte, taumelte durch die Tage. Zuerst wurde ihm die Zeit gleichgültig, kurz darauf fanden seine Gedanken keinen Halt mehr, weder Ruhe noch Richtung. […] Dabei lagen die Themen auf der Strasse. Mehr als genug. Nur fassbar waren sie nicht mehr. Unfassbar stattdessen ohne Veronika, seine Frau.

Als Veronika von einem Tag auf den anderen verschwindet, ohne für ihren Weggang einen Grund zu nennen oder sonst ein Wort zu verlieren, bricht für Taft eine Welt zusammen. Er möchte seine Frau finden, weiss allerdings nicht mal, wo er suchen könnte. Taft bricht mit seinem Leben, kündet seine Wohnung und nimmt eine Auszeit im Beruf, zieht in die deutsche Heimatstadt seiner Frau, in der Hoffnung, dass sie irgendwann da auftaucht, und eröffnet einen Laden, in dem er Karten verkauft. Es sind keine normalen Karten, sondern Karten, die den Menschen Themen verkaufen. Themen, die sie selber denken könnten, sie aber lieber bei ihm finden und kaufen.

Die Idee schlägt ein, sein Laden wird von den Medien aufgegriffen, und Taft hofft, dass Veronika davon hört und ihn so finden wird. Veronika kommt nicht. Dafür kommt Olivia. Eines Tages steht sie in seinem Laden und bleibt, weil er keine Karte mit dem Wort Liebe verkauft.

Ich habe mir jedenfalls vorgenommen, gleich kehrtzumachen und zu gehen, wenn Sie eine Karte verkaufen auf der ‚Liebe’ steht, fügte die Frau hinzu. Ihr Gesichtsausdruck war lausbübisch. Damit war alles gesagt, befand Taft und antwortete nicht.

Sie bringt wieder ein wenig Leben in Tafts Alltag, holt ihn aus seinem Schweigen heraus, trotzdem bleibt all sein Tun auf ein Ziel fixiert: Veronika wiederzufinden und eine Antwort auf die brennende Frage ‚Warum’ zu erhalten. Alles, was Taft ist und tut, ist und tut er, weil Veronika ging, dessen ist sich Taft sicher.

In einer klaren, schnörkellosen Sprache erzählt Husch Josten die Geschichte vom tadellosen Herrn Taft. Erst nur durch Andeutungen, klärt sich nach und nach der Blick auf Tafts Schicksal, erfährt der Leser Häppchenweise vom Weggang Veronikas und was dieser alles ausgelöst hat. Untermalt mit Jazzmusik, welche Taft einzelnen Lebensmomenten zuteilt, erfährt man mehr über seine Stimmung, sein Befinden. Man nimmt Anteil an seinem Leiden, ohne dass dieses in viele Worte gekleidet wäre.

Taft ist ein Mann weniger Worte, meist reden nur die anderen, allerdings bringt er sie dazu – sei es durch seine Themenkarten, sei es durch seine Art des Zuhörens oder einzelne Fragen. Die wenigen Momente, in denen Taft ins Erzählen kommt, stehen nicht im Buch, sie werden nur erzählt von denen, die ihm zuhörten. Der tadellose Herr Taft ist ein Buch der Worte, ein Buch der Gedanken, ein Buch, das zum Nachdenken anregt und Fragen entstehen lässt. Es ist die Geschichte eines Mannes, der verloren hat, wer er ist, der alles, was er tut, dem Zufall oder seinem Leiden zuschreibt. Es ist ein Buch darum, wer einer ist und wie er wird, wer er ist.

Husch Josten ist eine sehr leise, feine Geschichte gelungen, eine Geschichte, die einen nicht loslässt. Man geht, fühlt und denkt mit Taft, hört seine Musik und wartet mit ihm auf Veronika.

Etwas gar ausufernd abgehandelt sind einzelne politische Themen und Kriegsprobleme, Afghanistan und der internationale Gerichtshof werden in allen Details behandelt. Die Passagen zeugen zwar vom grossen Interesse und ebensolcher Kompetenz der Autorin, hätten aber in abgespeckter Form dem Lauf der Geschichte besser gedient und den Lesefluss weniger gestoppt. Trotz allem eine wunderbare Geschichte mit einem stimmigen Plot, lebensnahen Charakteren, mit denen man sich identifiziert, die man ins Herz schliesst, mit denen man mitfühlt und gut eingesetzten Spannungsbogen, die einen immer wieder weiterlesen lassen, weil man alles erfahren will, was hinter der Geschichte steckt.

Fazit:
Ein einfühlsames, zum Nachdenken anregendes Buch mit einem stimmigen Plot und lebensnahen Themen und Charakteren. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Husch Josten
Husch Josten wurde 1969 in Köln geboren, studierte Geschichte und Staatsrecht und arbeitete als Journalistin. Mit ihrem Debütroman In Sachen Joseph (2010) wurde sie für den aspekte-Literaturpreis nominiert. 2012 erschien ihr zweiter Roman, Das Glück von Frau Pfeffer, 2013 die Kurzgeschichten Fragen Sie nach Fritz. Husch Josten lebt als Schriftstellerin in Köln.

 

Angaben zum Buch:
JostenTaftGebundene Ausgabe: 240 Seiten
Verlag: Berlin University Press (15. September 2014)
ISBN-Nr.: 978-3862800698
Preis: EUR 19.90 / CHF 29.90
Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

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