Rainer Maria Rilke (1875 – 1926)

Die Liebende

Ja ich sehne mich nach dir. Ich gleite
mich verlierend selbst mir aus der Hand,
ohne Hoffnung, dass ich das bestreite,
was zu mir kommt wie aus deiner Seite
ernst und unbeirrt und unverwandt.

…jene Zeiten: O wie war ich Eines,
nichts was rief und nichts was mich verriet;
meine Stille war wie eines Steines,
über den der Bach sein Murmeln zieht.

Aber jetzt in diesen Frühlingswochen
hat mich etwas langsam abgebrochen
von dem unbewussten dunkeln Jahr.
Etwas hat mein armes warmes Leben
irgendeinem in die Hand gegeben,
der nicht weiss was ich noch gestern war.

(1907)

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, das man lesen kann, wenn man liebt oder wenn man sich sehnt

Was wollte man hinzufügen? Man kann es nur lesen, nochmals lesen, immer wieder lesen. Und immer findet man was, berührt einen etwas Neues, ist man bewegt.

„Das ist eben die Eigenschaft der wahren Aufmerksamkeit, daß sie im Augenblick das Nichts zu Allem macht.“ Johann Wolfgang von Goethe

Wenn wir unsere volle Aufmerksamkeit auf etwas richten, hat daneben nichts mehr Platz. Egal wie klein oder gross das so beachtete ist: Es ist in dem Moment alles für uns. Wenn wir uns ganz unserem Hobby hingeben, verlieren wir förmlich das Gefühl für Zeit, wir sind tief in unserem Tun versunken. Schön!
Aber: Wie oft geht es uns genau so, wenn wir ein Problem haben? Wir sehen nur noch dieses, kreisen den ganzen Tag darum, sehen all die anderen – oft auch guten – Dinge in unserem Leben kaum mehr.

Aufmerksamkeit alleine ist nicht per se gut oder schlecht, die Frage ist immer auch: Worauf richten wir sie?

„Es ist leicht, einen Schlafenden zu wecken, aber die Achtlosen sind so gut wie tot.“ Abu’l Madschd Madschdud Sana’i

Ist es dir auch schon passiert, dass du dich am Abend hingesetzt hast und dich gefragt, was du eigentlich an dem Tag alles gemacht hast? Wie oft laufen wir quasi im Automatenmodus durch die Welt und nehmen diese nicht wirklich wahr? Wie oft nehmen wir uns selber nicht wahr, sondern funktionieren einfach?

Manchmal muss erst etwas passieren, damit wir realisieren, wo wir im Leben eigentlich stehen und was wir durchs Leben tragen. Vielleicht könnten wir das eine oder andere vermeiden, würden wir schon vorher immer mal wieder bewusst innehalten und achtsam wahrnehmen, wie sich unser Leben anfühlt, wie wir uns in unserem Leben fühlen, wie sich unser Körper anfühlt, wie sich unsere Seele fühlt.

„Wie selten ist der reine Blick, das bereite Herz, der aufmerksame Sinn?“ Hugo von Hofmannsthal

Je älter wir werden, desto mehr haben wir erfahren, erlebt, auch durchlitten. Alles, was uns im Leben begegnet, hinterlässt Spuren – tiefe, schmerzhafte, auch schöne. Sie prägen unser Sein, damit auch unser Verhalten. Vor allem Verletzungen aus der Vergangenheit können dazu führen, dass wir uns verschliessen, so denken, Herz und Seele schützen zu können.

Leider schützen wir uns damit nicht nur, oft verletzen wir uns auch selber immer wieder durch dieses Verschliessen. Und oft verpassen wir auch wunderbare Chancen, weil wir uns nicht trauen, wirklich mit offenem Herzen und Blick durchs Leben zu gehen.

Das Leben erfordert mitunter Mut. Ein offenes Herz lässt alles rein. So nicht nur Schweres, sondern immer auch Schönes. Und das hilft, das Schwere zu tragen.

„Achtsamkeit ist ein aufmerksames Beobachten, ein Gewahrsein, das völlig frei von Motiven oder Wünschen ist, ein Beobachten ohne jegliche Interpretation oder Verzerrung.“ (Jiddu Krishnamurti)

Wir neigen dazu, wenn wir etwas sehen, dieses gleich zu beurteilen. Gegenstände, Menschen, Situationen – alles kriegt einen Stempel aufgedrückt, welchen wir durch unsere Erfahrungen in der Vergangenheit geprägt haben. Oft schauen wir gar nicht mehr genau hin, wir wissen ja – so denken wir – schon bescheid.

Nur: Ist die heutige Situation wirklich genau gleich wie die letzte, aufgrund derer wir sie bewerten? Ist der Mensch vor uns wirklich genau so, wie der, an den er uns erinnert mit seinem Verhalten? Ist der Baum wirklich einfach nur ein Baum wie tausend andere oder aber zeichnet ihn nicht doch etwas Spezielles aus?

Nur wenn wir die Dinge achtsam anschauen, wenn wir sie in ihrem heutigen Sein, wie es sich uns präsentiert, wahrnehmen, sehen wir sie, wie sie wirklich sind. Ansonsten sehen wir nur das, was wir aus uns selber in sie hineinlesen.

Wenn man mir einen Tag schenken würde, ich einfach tun könnte, was mir am Herzen liegt, ich danach sterben würde. Was täte ich? Ich stiess heute beim Schauen eines Films auf die Frage und überlegte. Und ja, vielleicht täte ich nicht mal wirklich etwas anderes, als ich es aktuell immer tue. Ich möchte die Zeit mit meinen liebsten Menschen verbringen, möchte lachen, essen, geniesen. Ich möchte lesen, diskutieren, fotografieren, den Sonnenuntergang anschauen. Möchte tanzen, Musik hören, auf meiner Gitarre spielen. Und ja, das sind keine spektakulären Dinge, es sind die kleinen Freuden des Alltags, für die ich dankbar bin, sie erleben zu dürfen. Weil sie mir genau so entsprechen. Aber es gab andere Zeiten in meinem Leben.

Ich steckte und stellte zurück, versuchte zu genügen, zu erfüllen, eigene und fremde Erwartungen. Ich war gefangen in einem Hamsterrad, Sklave eines eigenen Perfektionismus, dem ich nie entsprechen konnte. Die Messlatte war hoch. Zu hoch. Wenn ich was tat, musste es zu was gut sein. Kürzlich kaufte ich mir eine Gitarre und übe nun. Nur zur eigenen Freude. Was für eine Befreiung. Das würde ich an meinem letzten Tag auch tun wollen.

Aber es geht nicht nur mir so. Wie oft hörte ich schon in meinem Umfeld: „Wenn ich…. dann werde ich….Kaum einer hat es getan. Die einen sind gestorben, anderen entsprachen die so lange gehegten und erzählten Träume doch nicht wirklich.

Wenn man etwas wirklich will, von tief innen heraus, gibt es wohl nur eine richtige Zeit, sich den Traum zu erfüllen: Jetzt. Damit sage ich nicht, dass alles immer und überall möglich ist, die Frage ist bei vielem aber auch, wieso man davon träumt. Sind es wirklich tiefe Wünsche oder eher Phantasien, um etwas zu entkommen, das im Leben grad schwer ist?

Wieso träumen wir unsere Träume? Was steckt dahinter? Wirkliche Wünsche oder sind sie ein Zeichen für etwas in unserem Leben, das nicht passt? Wenn es wirkliche Wünsche sind, was hält uns ab, sie zu verwirklichen? Und: Hält uns wirklich was ab oder haben wir insgeheim doch Angst, weil sie Neues in unser Leben brächten, wie gewohnte Pfade verlassen müssten?

Wenn ich morgen sterben würde, wie lebte ich den heutigen Tag? Wir können viel vom Tod lernen, allem voran, wie wir leben wollen. Es heisst, die Angst vor dem Tod sei die grösste Angst überhaupt, sie stehe hinter allen anderen Ängsten, aber eigentlich ist der Tod auch ein Geschenk: Er zeigt, dass die Zeit hier auf Erden kostbar ist. Wenn wir ihn nicht verdrängen würden, so im Stil von „mir passiert das nicht“, würden wir bewusster mit der Zeit umgehen, die wir haben.

Noch ist es nicht zu spät. Wir alle können uns die Frage stellen, was wir an unserem letzten Tag tun würden. Und wir können es jetzt schon tun. Vielleicht nicht heute, aber sicher morgen oder am Wochenende. Oft gehört dazu auch, hinzuschauen, wovor wir Angst haben, denn ganz oft ist die Angst es, die uns im Wege steht, heute schon so zu leben, wie wir es tief drin gerne würden. Wir müssen nicht erst den Tod vor Augen haben, um unser Leben nach unseren Wünschen zu gestalten, wir müssen den Mut haben, es in die eigene Hand zu nehmen und herauszufinden, was wir wirklich wollen.

Was würdest du tun, wäre dies heute dein letzter Tag? Wann tust du es?

„Auf alles, was der Mensch vornimmt, muß er seine ungeteilte Aufmerksamkeit oder sein Ich richten.“ Novalis

Geht es dir auch so, dass du ab und an tausend Dinge aufs Mal machst, ganz vieles mal schnell nebenher erledigst? Das mag bei einigen Routinedingen gut funktionieren, auch wenn es Studien gibt, dass man gar nicht effizienter ist, wenn man die Dinge gleichzeitig statt hintereinander macht (und ob es einem wirklich gut tut, ist die andere Frage).

Wenn du aber ein Ziel hast, etwas wirklich willst, musst du es mit ganzem Engagement und voller Aufmerksamkeit verfolgen. Was man nur halbherzig verfolgt, kommt meist auch genau so raus: halbpatzig. Es ist einerseits ein Ausdruck deines Wunsches, etwas zu erreichen, wenn du dich diesem voll widmest. Andererseits gibst du dem Wunsch erst durch deinen Einsatz auch den Wert, von dem du behauptest, dass er ihn hat für dich.

Wenn du also ein Ziel hast, setze deine ganze Energie in dessen Verfolgung. Nur so gibst du wirklich alles, was du kannst, um es zu erreichen.