Flüchtlinge – was ist wirkliche Hilfe?

Kürzlich las ich einen Artikel über die Schwierigkeiten von Flüchtlingen und wie wir als Land deren Menschen- und Grundrechte mit Füssen treten. Nicht nur sind die Unterkünfte oft bedenklich, fehlt es doch an Privatsphäre bei oft längerdauernden Kollektivunterkünften. Zudem: es gibt Rayonverbote, welche die Bewegungsfreiheit einschränken, sie dürfen teilweise öffentliche Einrichtungen wie Freibäder besuchen. Abgewiesene Flüchtlinge müssen zweimal täglich einen Antrag für Nothilfe stellen – und diese reicht kaum zum Überleben, von Leben ganz zu schweigen, vor allem mit Kindern. Und so weiter. 

„Wir haben unser Zuhause und damit die Vertrautheit des Alltags verloren. Wir haben unseren Beruf verloren und damit das Vertrauen eingebüsst, in dieser Welt irgendwie von Nutzen zu sein.“ (Hannah Arendt)

Die Thematik ist nicht neu, ich mache mir immer wieder Gedanken dazu, und ich überlegte, ob ich dazu schreiben soll, mich in irgendeiner (mehrheitlich schriftlichen) Form engagieren soll. Da kamen sie, die Gegenargumente: Das bringt nichts, damit ist keinem Flüchtling geholfen. Die sitzen noch immer in ihren Notunterkünften, haben nichts zu essen. Hilfe wäre nur, wenn ich einen oder zwei privat bei mir aufnähme. 

Meine erste Reaktion war ein spontanes innerliches Nein, da ich an die Macht und Kraft des Wortes glaube, da ich überzeugt bin, dass gewisse Dinge auch gedacht und gesagt werden müssen, um ein Bewusstsein zu schaffen, so dass sich Menschen (und immer mehr Menschen, es gibt grosse Widerstände) für eine Verbesserung der Situation einsetzen. Doch dann schwankte ich. Gab innerlich meinen Plan auf. Und war betrübt. 

Aber nein! Wenn ich einen Flüchtling aufnehme, ist KEIN Problem gelöst, nicht mal langfristig das dieses einen Flüchtlings. Wenn sich nicht unsere politischen Strukturen ändern, der grundsätzliche Umgang mit Flüchtling menschenwürdiger wird, sind das gut gemeinte Hilfsangebote für den Moment – aber dann? Flüchtlinge sind oft mehrere Jahre da. Ich denke nicht, dass es wirklich angemessen ist, diese so lange in einem Privatzimmer unterzubringen. Auch die Probleme des alltäglichen Lebens, des Berufsverbots, der schikanös anmutenden Formalitäten wäre damit nicht gelöst. 

In einer Stadt am Bodensee hat man, um die Situation mit den ankommenden Ukrainern zu bewältigen, zwei Stellen eingerichtet, die sich um die Flüchtlinge kümmern und alles organisieren sollen. Das ist grossartig, nur fehlt den beiden die Entscheidungskompetenz und so können sie wenig mehr tun, als auf notwendige Formulare hinweisen. Andernorts wurden Gelder bewilligt für Kost und Logis, nur fliessen diese nicht. Wieder andernorts weiss man nicht genau, was passiert, wenn die Menschen ärztliche Hilfe oder Medikamente brauchen. Alle sind guten Willens, alle nicken verständnisvoll mit dem Kopf und jede Stelle schiebt es einer anderen zu, welche zuständig wäre.

Solange es Nationalstaaten gibt, wird es Kriege geben. Solange es Kriege gibt, die von Nationalstaaten gegen andere geführt werden, wird es Menschen geben, die fliehen müssen. In Anbetracht dessen sollten wir uns um strukturelle, politische, rechtliche Lösungen kümmern, die genau festlegen, was passiert, wenn ein Mensch, der aus einem anderen Land fliehen musste, hinmuss, so dass diesem Menschen von Anfang an ein menschenwürdiges Leben möglich ist. Natürlich kann man mit Übergangslösungen arbeiten, aber auch die müssen klar definiert und menschenwürdig sein.

Menschen, die fliehen mussten, sind nicht Menschen zweiter Klasse, sie brauchen keine Almosen, sie sollen nicht Bittsteller sein müssen, sie sollen nicht auf gut Glück auf die Hilfe Einzelner, die zufällig kommen oder eben auch ausbleiben kann, hoffen müssen. Sie sollten nicht Opfer eines nicht auf sie vorbereiteten Systems werden, sondern sich als Menschen mit einem «Recht, Rechte zu haben», wie Hannah Arendt sagte, fühlen. Weil ihnen das zusteht. Als Menschen, als gleichwertige Mitglieder der Menschheit, die schlicht weniger Glück hatten, damit aber nicht weniger wert sind.

Und so komme ich zum Schluss: Es gibt viele Arten von Engagement und jeder sollte tun, was er am besten kann – das gemeinsame Ziel im Blick. Aber DAS ist wichtig. Die einen suchen nach Lösungen mit Blick auf die ethischen, praktischen und menschlichen Probleme, die anderen können Lösungen in Rechte und Strukturen umsetzen, die dritten können alles ausführen. Nur so werden wir in Zukunft auf eine ethisch vertretbare Weise damit umgehen können, Menschen als Menschen bei uns aufzunehmen, die ihre Heimat verloren haben.

Tagesgedanken: Freiheit gibt es nur zu zweit

Während der Coronazeit hörte man immer wieder Stimmen, die über ihre verlorene Freiheit klagten aufgrund der verordneten Massnahmen. Es wurde sogar geunkt, man lebe nicht mehr in einer Demokratie, sondern in einer Diktatur. So verfehlt beide Ansichten in meinen Augen auch sind, so zeigen sie doch zwei Dinge: Den Wert, den wir Freiheit zuschreiben, und das falsche Verständnis, das wir oft davon haben. Freiheit wird oft verstanden als „Freiheit von..“ – die Liste hier ist lang und willkürlich, denn sie beinhaltet alles, was wir individuell nicht wollen. Freiheit so gesehen bezieht sich auf den Menschen als Einzelnen. Doch sind wir wirklich frei auf diese Weise, sind wir nicht nur alleine? 

Von Simone de Beauvoir gibt es das schöne Zitat:

„Moralisch und frei sein zu wollen, sind ein und dieselbe Entscheidung.“

Freiheit so verstanden verweist auf den Umstand, dass wir nicht allein auf dieser Welt sind, sondern immer eingebettet in ein soziales Umfeld – das wir auch brauchen, um zu überleben. Freiheit kann also nicht vom Einzelnen aus gedacht werden, sondern ergibt sich aus dem Miteinander der Verschiedenen. Freiheit büssen wir nicht ein, wenn wir uns auch mal zurücknehmen müssen für das Wohl aller, wir büssen sie ein, wenn in einer Beziehung/Gesellschaft Unterdrückung und diskriminierende Machtverhältnisse vorherrschen. Wir büssen sie dann ein, wenn nur einige sprechen und viele schweigen müssen. Genau da könnten wir nach Gloria Steinem ansetzen:

„Einer der einfachsten Wege hin zu wirklicher Veränderung ist, wenn die weniger Mächtigen so viel sprechen, wie sie zuhören, und die Mächtigeren so viel zuhören, wie sie sprechen.“

Lasst uns im Gespräch bleiben.

Tagesgedanken: Wünsche ans Leben

Von Kant stammen die vier grundlegenden Fragen der Philosophie:

Was kann ich wissen?
Was soll ich tun?
Was darf ich hoffen?
Was ist der Mensch?

Es sind Fragen, die jede für sich ganze Bücher füllen könnten, obwohl sie so harmlos aussehen und auch eine schnelle Antwort als möglich erscheinen lassen: Was kann ich wissen? Je mehr man weiss, desto weniger offensichtlich aufs Ganze gesehen, da sich immer wieder Irrtümer auftun von vormals geglaubtem Wissen und man mit ein wenig Neugier immer wieder in neue Gebiete vorstösst, die es zu ergründen gälte, reichte die Zeit für alles. 

Beim Tun wird es schwieriger. Wonach soll man sich richten, woran sich halten? Folgt man Gesetzen? Den eigenen Grundsätzen? Einer Moral? Und wie soll die aussehen? Gibt es davon nicht mehrere, für jede Zeit und Kultur, manchmal auch für kleinere Gemeinschaften je eine eigene? Welche davon ist die richtige? Wer kann das entscheiden? Ich glaube, ausser wenigen Grundsätzen kann man keine allgemein verbindlichen Grundsätze formulieren, Kants Imperativ, so zu handeln, dass es auch für alle andern eine Handlungsmaxime sein könnte, leuchtet mir am ehesten ein, da sich darin eine Gegenseitigkeit zeigt, welche für ein friedliches Miteinander wichtig ist.

Was ist der Mensch? Die Krone der Schöpfung? Ein Tier unter anderen, das, wenn man es lässt, zum grausamsten von allen werden kann? Doch ein Wesen der Vernunft, auf die er sich so gerne beruft und diese dann doch oft nicht anwendet? Ist Menschlichkeit noch ein positiver Wert oder in Anbetracht von allem, was je passiert ist, nicht eher ein Begriff des Übels? Wichtig ist vielleicht nur, dass wir es in der Hand hätten, Menschlichkeit mit den Inhalten (im Denken und Handeln) zu füllen, die wir dem Begriff eigentlich zuschreiben. Das gibt Hoffnung.

Was kann ich also hoffen? Rahel Varnhagen schrieb dazu:

„Wünsche doch, und gib Dich zufrieden; mehr ist das Leben nicht.“

Es liegt darin eine Genügsamkeit, ein Hinnehmen dessen, was das Leben bietet. Zwar steht es frei, Wünsche zu haben, doch deren Erfüllung kann man nicht erzwingen, sich höchstens freuen, wenn dem so ist. Ich denke, das Leben so gelebt, wäre ein gelasseneres, auch ein friedlicheres, da es uns davor bewahren würde, immer mehr zu wollen. Es wäre ein Ausstieg aus dem Getriebensein zum ewigen Wachstum, welcher für viel Leid verantwortlich ist auf dieser Welt. 

Tagesgedanken: Heimatsfern

Aktuell fliehen viele Menschen aus der Ukraine, sie müssen weg, weil ihre Heimat nicht mehr sicher ist, weil sie unter Beschuss steht, weil das Zuhause, das sie mal hatten, kein Ort der Sicherheit und der Geborgenheit mehr ist. Sie lassen damit alles zusammen, was vorher ihr Leben ausmachte: Familie, Freunde, vertraute Gegenstände und vieles, was die eigene Identität ausmacht. Und: Sie werden ab nun kein Zuhause mehr haben, sie sind Fremde. Hannah Arendt hat das nach ihren Erfahrungen in Worte gefasst:

„Wir haben unser Zuhause und damit die Vertrautheit des Alltags verloren […] Wir haben unsere Sprache verloren und mit ihr die Natürlichkeit unserer Reaktionen, die Einfachheit unserer Gebärden und den ungezwungenen Ausdruck unserer Gefühle.“ 

Asal Dardan hat sich diesem Thema in ihrem wunderbaren Buch „Betrachtungen einer Barbarin“ angenommen. Sie schreibt in einer feinen und klaren Sprache mit viel sachlicher Tiefe und auch persönlicher Nähe über das Leben zwischen Welten, über Zugehörigkeit, Herkunft und Identität. 

„Ich selbst habe kein Zuhause verloren, dennoch fällt es mir schwer, mich zugehörig zu fühlen.“

Zugehörigkeit ist ein wichtiges Gefühl, wenn es darum geht, sich als Mensch zuhause zu fühlen. Ohne diese bleibt man Zuschauer und steht damit irgendwie am Rand. Man sieht all die, welche zusammengehören und sich auch als zusammengehörig empfinden, man selbst ist allein und auf einer steten Suche nach dem eigenen Ort im Leben. Solche Gefühle können schon ohne Fluchterfahrung präsent sein, umso schwerer sind die Herausforderungen, wenn man aus allem, was man mal zuhause nannte, gerissen wurde. 

„Meine Eltern mussten das Land, in dem ich geboren wurde, mit einem Koffer und einem einjährigen Kind verlassen; und alles, was sie als Familie hätten sein können, hinter sich lassen.“

Vielleicht sollte man das im Hinterkopf bewahren, wenn man gegen Migranten schimpft und findet, sie sollen sich in allem unseren Sitten und Bräuchen anpassen. Natürlich sollte man sich in einem fremden Land den ortsüblichen Gesetzen anpassen und es ist für die Integration und ein Gefühl des Miteinanders sinnvoll, gewisse Gepflogenheiten zu kennen und gesellschaftliche Normen zu achten, aber: Die Kultur der Heimat mit ihren Verhaltensweisen sowie die Sprache sind oft das Einzige, was Menschen auf der Flucht und in fremden Ländern noch bleibt als zuhause. Dass dieses Halt gibt gerade in schwierigen Zeiten, liegt also auf der Hand. Und: So lange Migranten mit dem Gefühl des nicht Willkommenseins, des Doch-nicht-ganz-Dazugehörens kämpfen müssen, sind Sprache und Heimatskultur das, was sie zumindest untereinander verbindet.

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Buchtipp: Asal Dardan: Betrachtungen einer Barbarin, Hoffmann & Campe Verlag (2021)

Tagesgedanken: Es recht machen wollen

Ich staune immer wieder, wie tief gewisse Prägungen sitzen. Was ich als kleines Mädchen gelernt habe, leitet auch heute noch oft mein Denken, Fühlen, Handeln. Der Gedanke, ja nichts falsch zu machen, nur bloss nicht aufzufallen, der Anspruch, genügen zu wollen und das Gefühl, doch nicht (gut) genug zu sein – all das sitzt tief. Im Bemühen, es allen recht zu machen, ignoriere ich oft meine eigenen Bedürfnisse oder bin ihrer gar nicht wirklich bewusst, ich versuche mich anzupassen, mich passend zu machen, und merke oft zu spät, dass es für einen mindestens nicht passt: Mich. Erich Fromm schreibt in seinem Buch „Authentisch leben“,

„[…] dass wir Gedanken, Gefühle, Wünsche, ja sogar Sinnesempfindungen haben können, die wir subjektiv als unsere empfinden, obwohl sie uns von aussen suggeriert wurden und uns daher im Grunde fremd sind und nicht das, was wir wirklich denken, fühlen und so weiter.“

Eigentlich weiss ich selber, dass das Bemühen, mich zu verbiegen, um alles richtig zu machen, unsinnig ist, da ich mich so eigentlich verleugne und auf diese Weise sowieso keine wirkliche Begegnung mit einem anderen Menschen zustandekommen kann, denn: Der findet mich ja gar nicht in mir. Eine Beziehung bedingt ein gegenseitiges Interesse am Anderen, auch oder gerade in seinem Anderssein. Trotzdem ich das alles weiss, fällt es schwer, danach zu handeln, die Angst vor Ablehnung ist gross, weil ich das Verhalten ja durch ebendiese gelernt habe. Es braucht Mut, auszubrechen und zu lernen, dass ich genug bin, wie ich bin, dass ich es nicht recht machen muss, dass es in Beziehungen und im Sosein kein richtig oder falsch gibt. Dazu gibt es einen schönen Spruch von Rumi:

„Jenseits von richtig und falsch gibt es einen Ort. Hier können wir uns begegnen.“

Hannah Arendt: Rahel Varnhagen. Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik

Inhalt

„Was mich interessierte, war lediglich, Rahels Lebensgeschichte so nachzuerzählen, wie sie selbst sie hätte erzählen können. Warm sie selbst sich, im Unterschied zu dem, was andere über sie sagten, für ausserordentlich hielt, hat sie in nahezu jeder Epoche ihres Lebens in sich gleichbleibenden Wendungen und Bildern, die alle das umschreiben sollten, was sie unter Schicksal verstand, zum Ausdruck gebracht.“

Hannah Arendt erzählt die Lebensgeschichte der Rahel Varnhagen und gibt dabei sehr viel von sich selbst preis. Die Suche nach dem eigenen Platz in der Welt ist nicht nur Lebensthema bei Rahel Varnhagen, sie durchzieht auch Hannah Arendts (politisches) Denken. Hannah Arendt begann 1930 mit der Arbeit an diesem Buch, 1933 verliess sie Deutschland, das durch die politischen Umstände nicht mehr ihr Zuhause bleiben konnte. Zu dem Zeitpunkt hatte sie das Buch über Rahel Varnhagen bis auf die zwei letzten Kapitel geschrieben.

Arendt bettet Rahels Geschichte ein in die die sie umgebende Zeit der Romantik, sie beleuchtet ihren Charakter mit den Stilmitteln ihrer Zeit, verweist auf verwandte (Frauen)Schicksale und Freundschaften zu Männern. Aus Briefwechseln und Aussagen anderer zu Rahels Person zeichnet sie das Bild einer im Inneren einsamen Frau, die sich selbst und ihren Platz in der Welt sucht, zu der sie nicht dazuzugehören scheint. Sie beschreibt eine Frau, die krampfhaft versucht, das von Geburt ihr anhaftende Stigma des Jüdischseins abzuschütteln, die aber bei jedem Anpassungsversuch an die nichtjüdische Welt scheitert.

„Es gibt keine Assimilation, wenn man nur seine eigene Vergangenheit aufgibt, aber die fremde ignoriert. In einer im grossen Ganzen judenfeindlichen Gesellschaft […] kann man sich nur assimilieren, wenn man sich an den Antisemitismus assimiliert.“

Erst als Rahel sich selbst als Jüdin anerkennen kann, steht ihr der Weg in die Gesellschaft wirklich offen und sie kann als politisches Wesen agieren. Diese Einsicht am Ende ihres Lebens hilft Rahel, aus ihrer eigenen Selbstverleugnung herauszutreten.

Weitere Betrachtungen

„Die Flucht in die Fremde ist der verzweifelte Versuch, nocheinmal geboren zu werden.“

Die „Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik“ ist eine Geschichte des Ausgestossenseins. Es ist die Geschichte einer Frau, die sich nichts mehr wünscht, als dazuzugehören und dafür sich selbst aufzugeben bereit ist, nur um zu merken, dass auch das nicht ganz reicht. Zu Hause, wo man sie kennt, haftet ihr immer ihre Geschichte, ihre (jüdische) Geburt an. Erst als sie ins Ausland, nach Paris, geht, fällt dies teilweise ab und sie erhält die Chance, sich neu zu erfinden. Durch ihre Heirat und den Erfolg ihres Mannes, an dem sie massgeblich beteiligt ist, ist sie in eine neue Gesellschaftsschicht geraten, in welcher sie sich endlich dazugehörend fühlt, ohne durch den Makel ihrer Herkunft befleckt zu sein. Doch auch da holt sie Judentum ein.

„Wenn man ganz allein ist, ist es schwer, zu entscheiden, ob Anderssein Makel oder Auszeichnung ist.“

 Rahel Varnhagen ist in eine Zeit hineingeboren, welche klare Vorstellungen davon hat, wie Mädchen und Jungen aufwachsen sollen, was ihre Rolle in der Gesellschaft sein wird und was sie dafür später brauchen. So wird Rahel keine Bildung zuteil, dass sie nicht eben ansehnlich und ohne finanzielle Mittel ist, schmälert die Aussicht auf eine Heirat. Der Zugang zu praktisch allem war Frauen verwehrt, was sie zu umgehen vermag durch ihren eigenen Salon, in welchem die Geistesgrössen der damaligen Gesellschaft verkehren und Rahel immer wieder für kurze Zeit das Gefühl geben, ein Teil von ihnen zu sein. In der Tat ist die junge Frau durchaus intelligent, mit Witz und Tiefsinn begabt, schafft es aber nicht, ein wirkliches Selbstbewusstsein daraus abzubilden, weshalb sie zeitlebens auf die Bestätigung von aussen angewiesen und davon abhängig bleibt.

Die vielen Verweise auf Rahel Varnhagens Zeitgenossen, der philosophisch tiefe Blick in deren Denken, Handeln und Sein in einer Zeit, die genauso detailliert durchdrungen wird, macht dieses Buch zu einer eher schwierigen Lektüre. Es zeichnet das Bild einer Frau, die weder schön noch charmant ist, die sich selbst verleugnet und sich ihrer selbst schämt. Rahel Varnhagen ist eine Frau, die trotz klarem Blick auf die Gesellschaft sich selbst nicht in ihr verhaften kann und immer am Rande und allein bleibt. Trotzdem übt sie eine Faszination auf ihre Umwelt aus, wird als scharfe und individuelle Denkerin erkannt. Sie setzt nie auf Hergebrachtes oder Überliefertes, sie sucht selbst nach der Wahrheit, indem sie selbst denkt. Sie löst sich von einer historisch gegebenen Welt, indem sie unbeschwert auf das schaut, was ist und versucht, vorurteilslos an die Dinge heranzugehen.

„Rahel stand immer als Jüdin ausserhalb der Gesellschaft, war ein Paria und entdeckte schliesslich, höchst unfreiwillig und höchst unglücklich, dass man nur um den Preis der Lüge in die Gesellschaft hineinkam, um den Preis einer viel allgemeineren Lüge als die der einfachen Heuchelei; entdeckte, dass es für den Parvenue – aber eben auch nur für ihn – gilt, alles Natürliche zu opfern, alle Wahrheit zu verdecken, alle Liebe zu missbrauchen, alle Leidenschaft nicht nur zu unterdrücken, sondern schlimmer, zum Mittel des Aufstiegs zu machen.“

Anhand von Rahels Geschichte wird die Unterscheidung zwischen Paria und Parvenue deutlich gemacht, den zwei Wegen, die ein Jude in der Welt einschlagen kann. Insofern ist das als Biographie gedachte Buch zugleich die Geschichte der jüdischen Emanzipation in einer Zeit des aufkeimenden Antisemitismus, aber auch die der Suche nach der weiblichen Identität in einer Zeit, da diese schwer öffentlich zu leben war.

„Worauf es ihr ankam, war, sich dem Leben so zu exponieren, dass es sie treffen konnte ‚wie Wetter ohne Schirm’.“

Die Suche nach Bestätigung von aussen kann schmerzhaft sein, wenn diese ausbleibt und man nichts in der Hand zu haben scheint, das dies ändern kann. Das eigene Sein als ein anderes Sein, als eines, das von denen, die dazugehören, als das andere und damit das Falsche, nicht Passende gewertet wird, wird zum Stigma und zur Wunde des Betroffenen. Der Versuch, sich zu verbiegen, das Eigene aufzugeben zugunsten einer Anpassung (als Parvenue), ist zum Scheitern verurteilt, vor allem dann, wenn das Eigene doch im Innern weiterlebt und leben will, wenn die Anpassung eine rein äusserliche bleibt. Dann bleibt man innerlich ein Paria, der nur zum Schein Parvenue ist, was zur Zerrissenheit führt. Der einzige Weg aus dem heraus ist insofern, mit sich selbst ins Reine zu kommen, das eigene Sein anzunehmen und sich selbst so die Bestätigung zu geben, die man zum Leben braucht.

„Ohne Kulisse kann der Mensch nicht leben.“

Das geht zwar nicht im losgelösten Raum, ohne andere Menschen, aber man kann sich wohl dahingehend vor Schmerz schützen, dass man sich diesen Raum passend aussucht und nicht versucht, sich in einen unpassenden hineinzuverbiegen.

Fazit:
Eine historische, philosophische und biographische Sicht auf eine Zeit, auf das Leben einer Frau in dieser Zeit. Sehr empfehlenswert, allerdings keine leichte Lektüre.

Zur Autorin:
Hannah Arendt (eigentlich Johanna Arendt)
Geboren am 14. Oktober 1906 in Linden bei Hannover als Tochter jüdischer Eltern. Obwohl sie sich keiner religiösen Gemeinschaft anschloss, sah sie sich immer als Jüdin.
Studium bei Martin Heidegger (die Liebschaft ist wohlbekannt) und später Promotion bei Karl Jaspers. 1933 Flucht nach Frankreich, 1940 Internierung im Lager Gurs, aus welchem ihr die Flucht gelang. 1941 Ankunft in New York. Verschiedene Tätigkeiten fürs Überleben und auch aus Überzeugung, daneben Publikation mehrerer Artikel. Später Lehrtätigkeit und mehrere für die Philosophie herausragende Werke (Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Eichmann in Jerusalem, Vita Activa). Sie stirbt am 4. Dezember 1975 in New York.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 363 Seiten
Verlag: Piper Verlag (17. Auflage März 2013)
ISBN-Nr: 978-3492202305
Preis: EUR 12.99; CHF 16.90

Tagesgedanken: Würdevoll würdig

Ich habe mich gefragt, was Würde überhaupt ist. Etwas hat Würde, heisst, es ist würdig, es wird als würdig erachtet. Von wem? Es reicht nicht, dass ich mich selber als würdig sehe, wenn mir die Würde von anderen abgesprochen wird, sprich: Ich bin darauf angewiesen, dass andere mir die mir (zustehende oder innewohnende?) Würde zusprechen. Wenn ich die Würde betone, heisst das, dass es auch Unwürdiges gib, sprich, die Würde hebt mich über anderes, welches diese nicht hat, hinaus. Oft sprechen wir von der Menschenwürde, was den speziellen Status zeigt, den wir dem Menschen in der Natur zusprechen. Vielfach geht dieser Sonderstatus dahin, dass wir uns über der Natur, sprich, dieser gar nicht mehr zugehörig sehen. Unser Verhalten Natur und Umwelt gegenüber zeigt das deutlich.

Wir beuten Tiere aus, halten sie für den eigenen Profit unter unwürdigen (!!!) Bedingungen, schlachten sie nach grausamen Transporten bestialisch ab und zerstückeln sie, damit dem Konsumenten das Fleisch nicht ausgeht und er dieses auch noch möglichst günstig kaufen kann. Wir reden von Klimakrise und fahren immer grössere Autos, wir wollen die Umwelt retten, aber bitte ohne eigene Einbussen oder Aufwand. Schlussendlich geht es auch da nur um uns: den Menschen. Das Klima wollen wir nicht retten, nicht mal die Welt, nur wissen wir, dass wir irgendwo leben müssen und wir haben nur diese eine. Wir hören dann Zahlen zum steigenden Meeresspiegel und ebensolchen Temperaturen, aber so wirklich präsent ist es wohl nicht, dass wir wirklich dringenden Handlungsbedarf sehen. Zudem kommt immer wieder etwas dazwischen, das wichtiger scheint und das Thema vom Tisch fegt.

Was also ist Würde? Und sind wir so, wie wir uns oft verhalten, wirklich würdig im Sinne davon, dass wir uns uns selber und anderen gegenüber würdig und würdigend verhalten? Würde Würde nicht auch bedeuten, würdevoll zu sein, sprich achtend und wertschätzend durchs Leben zu gehen, nicht nur Würde für sich einzufordern? Würde hat viel mit Selbstachtung zu tun und mit Achtung von aussen. Was wir also für uns wollen, müssen wir auch bereit sein, zu geben – auch über die Grenzen des Menschseins hinaus.

Lesemonat April

Wieder bricht ein neuer Monat an, schon der fünfte dieses Jahr. Ich bin ein Mensch, der gerne vorausschaut, plant, was er tun will, der sich Ziele setzt und dann schaut, wie er diese auch erreichen kann. Ich lese zwar immer wieder von dem schönen Treibenlassen auf dem Strom des Lebens, doch im Wissen, dass wir das sowieso immer auf eine Weise tun, weil nie alles voraussehbar und planbar ist (und das ist gut so), möchte ich den Rest als selbst gestalteten sehen und leben. 

Manchmal schaue ich auch gerne zurück, um zu sehen, woher ich komme, was ich in der Zeit getan habe, wie meine Wege verliefen. Zu schnell vergisst man so vieles, auch oder vor allem Gutes, denkt, man hätte nichts erreicht und merkt erst beim nochmaligen Hinschauen, dass es doch eine Menge war. Das ist auch bei meinem April der Fall. Ich habe gefühlt keine Zeit zum Lesen gehabt und doch wurden es dreizehn Bücher. Ich habe mich mit den grausamen Zahlen der weltweiten Armut auseinander gesetzt, gelesen, was Würde bedeutet und wieso sie wichtig ist. Ich las über Hannah Arendt als Denkerin und darüber, wie sie in der heutigen politischen Situation noch relevant ist. Ich begleitete Simone de Beauvoir durch ihre Kindheit und Jugend und lernte mit ihr Sartre kennen, um schlussendlich in die Romantik zurückzugehen und anhand von Rahel Varnhagens Biographie zu lesen, was es bedeutete, damals Jüdin und Frau zu sein. 

Ich bin im April von Spanien zurück in die Schweiz gekommen, habe Abende mit lieben Freunden verbringen dürfen und bin jeden Tag dankbar dafür, in all dem einen Menschen in meinem Leben zu wissen, der mich in meinem Sein und Tun versteht, annimmt und begleitet. Es war ein guter Monat. 

Die Bücher

Ferndinand von Schirach: Der MenschSechs Ergänzungen zur Menschenrechtserklärung, eine Utopie für eine wünschenswerte Zukunft in veränderten Zeiten. 5
Ned O’Gorman: Politik für alle. Hannah Arendt lesen in unsicheren ZeitenWas wir von Hannah Arendt über Politik lernen können und müssen, damit wir wieder gemeinsam als Verschiedene in Freiheit unsere gemeinsame Welt schaffen.4
Avishai Margalit: Politik der WürdeEin Buch über die Frage, wie eine Gesellschaft sein muss, damit die Bürger ihre Würde behalten, sprich, damit sie nicht entwürdigt werden. 5
Thomas Pogge: Weltarmut und Menschenrechte
5
Seyla Benhabib: Hannah Arendt. Die melancholische Denkerin der ModerneInterpretation und Einordnung von Hannah Arendts Denken, ein persönlicher, tiefgründiger, weiterführender und auch kritischer Blick auf die Werke und Gedanken von Hannah Arendt.5
Ferdinand von Schirach: Die Würde ist antastbarEssays zu Lebens- und Zeitthemen. 4
Ann-Kristin Tlusty: SüssFrauenfiguren und ihre Verfestigung in patriarchalischen Strukturen. 5
Carolin Emcke: Für den ZweifelFünf Gespräche zu Themen wie das eigene Begehren, Hass, Gewalt, die Zeit als Kriegsreporterin und das eigene Denken und Schreiben. 5
Eva Weber-Guskar, Mario Brandhorst (Hrsg.): MenschenwürdeIst Menschenwürde absolut oder kontingent? Wem kommt sie zu und aus welchen Gründen?4
Lucy Delap: So sieht Feminismus ausabgrebrochen, weil das Bibliotheksbuch sich aufhängte
Arruzza, Bhattacharya, Fraser: Feminismus für die 99%. Ein ManifestEin antikapitalistisches Manifest für gerechtere Lebensbedingungen für alle Frauen, nicht nur eine kleine Elite. 4
Simone de Beauvoir: Memoiren einer Tochter aus gutem HauseAutobiographische Erzählung über die Kinder- und Jugendjahre bis hin zum Kennenlernen Sartres. Die Grundlegung zum Denken und Leben der Simone de Beauvoir. 5
Hannah Arendt: Rahel Varnhagen. Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der RomantikDas Leben als Jüdin auf der Suche nach dem eigenen Platz in der Gesellschaft, schwankend zwischen Anpassung und WIderstand.4

Tagesgedanken: Mit Selbstliebe auf dem eigenen Weg

Schlaflos in den neuen Tag gestartet, in Gedanken getrieben vom einen zum andern, ohne Ruhe zu finden. Und so sitze ich hier und bin müde und in dieser Müdigkeit immer noch umgetrieben. Ich gehe mit mir ins Gericht, hinterfrage und suche, versuche zu finden, doch ist das kein Halt, der dem Treiben ein Ende bereiten könnte. Ich fülle Seiten im Notizbuch auf der Suche nach mir selbst, und finde mich zumindest da in guter Gesellschaft. 

„…jetzt war ich darauf aus, mich zu spalten, mich von aussen zu sehen. Ich erforschte mich: in meinem Tagebuch unterhielt ich mich mit mir selbst.“

Dies schrieb Simone de Beauvoir in ihrem Buch „Memoiren einer Tochter aus gutem Hause“. Es ist der erste Teil ihrer Lebensgeschichte, es sind Erinnerungen an ein Gefängnis von Sitten und Einschränkungen, an das Herausbildung eigener Lebensabsichten im Wissen, damit einen Weg einzuschlagen, der nicht konform ist. Sie stiess auch schon früh auf die Ablehnung ihres Vaters, der sich eine gefällige Tochter, die man verheiraten könnte, wünschte, nur war das nicht, was Simone de Beauvoir sich unter ihrem Leben vorstellte. Sie wollte etwas erreichen, sie wollte sich nicht unterordnen, sie sah sich als gleichwertig mit den Männern, nicht in der Rolle der Bittenden, Abhängigen.

„Aber in meinen Augen waren Männer und Frauen in gleicher Weise selbständige Personen, und ich forderte daher für beide absolute Gegenseitigkeit.“

Es ist nicht einfach, den eigenen Weg zu gehen in Anbetracht der Ablehnung, die dieser auslöst. Das Gefühl, allein zu sein, ungeliebt, nagt durchaus. Nun gibt es nur zwei Möglichkeiten, damit umzugehen: Man verlässt den eigenen Weg und passt sich an, in der Hoffnung auf Anerkennung und Liebe, oder aber man hält an seinem Weg fest, im Wissen, dass dieser nicht bei allen auf Verständnis stossen wird. Damit umzugehen ist wohl die grosse Herausforderung. Simone de Beauvoir hat für sich ein Mittel gefunden, dies zu ertragen: Selbstliebe.

„Niemand nahm mich so, wie ich war, niemand liebte mich: ich selbst werde mich genügend lieben, beschloss ich, um diese Verlassenheit wieder auszugleichen.“

Tagesgedanken: Feminismus überflüssig?

Feminismus braucht es nicht mehr, alle Probleme sind gelöst, wir leben in einer gleichberechtigten Welt (zumindest in den meisten westlichen Ländern).

Klar, noch immer versucht jeden Tag ein Mann, seine (Ex-)Partnerin umzubringen und jeden dritten Tag gelingt es. Sterben muss sie, weil sie eine Frau ist und nicht so gehorcht, wie Frauen das in den Köpfen dieser Täter sollen. Und ja, häusliche und sexuelle Gewalt findet mehrheitlich gegen Frauen statt. Und ja, der Gender pay gap ist noch immer vorhanden und Haus- und Sorgearbeit sind noch immer ignoriert oder abgewertet. Auch Armut betrifft weltweit mehrheitlich Frauen.

Wenn man diese Dinge schreibt, kommt sicher jemand daher und findet:

Männer aber auch.

Ja, es gibt auch Ungerechtigkeit gegen Männer, auch Männer werden umgebracht, erleben sexuelle Gewalt, werden unterdrückt, sind arm. Aber weniger, und: Sie blicken nicht auf eine Jahrhunderte dauernde Geschichte der Unterdrückung zurück. Diese steckt im Feminismus drin, drum ist er kein Humanismus, zumal dieser alles andere als eine frauenfreundliche Denkrichtung war. Man denke nur an Rousseau in „Emile“:

„Ihnen [den Männern] gefallen und nützlich sein, ihnen liebens- und achtenswert sein, sie in der Jugend erziehen und im Alter umsorgen, sie beraten, trösten und ihnen das Leben angenehm machen und versüßen: das sind zu allen Zeiten die Pflichten der Frau, das müssen sie von ihrer Kindheit an lernen. Geht man nicht bis auf dieses Grundprinzip zurück, so entfernt man sich vom Ziel, und alle Vorschriften, die man ihnen macht, können weder zu ihrem noch zu unserem Glück dienen.

All das macht nicht im Kleinen Halt, es hat globale Auswirkungen. Länder mit autokratischen Regierungen und patriarchalen Strukturen sind mehr betroffen von Armut und Hunger (es gibt keine Demokratie mit Hungersnöten), es gibt in ihnen mehr innerstaatliche Gewalt und Unterdrückung, und sie sind mehr in internationale Konflikte verwickelt. Menschenrechte werden da mit Füssen getreten und es sind mehrheitlich Frauen, die sich für diese einsetzen.

Vielleicht braucht es den Feminismus doch noch? Ich bin davon überzeugt.

Tagesgedanken: Würde als Frau

In seinem Buch „Die Würde ist antastbar“ behandelt Ferdinand von Schirach in einem Essay die Frage der Gleichstellung der Frau. Er zeigt fragwürdige Haltungen in der Politik zu diesem Thema auf (nicht ganz aktuell, es gibt in Deutschland durchaus Hoffnung auf eine Verbesserung durch die aktuelle Koalition, allen voran Annalena Baerbock) und listet Zahlen aus Vorständen und Führungspositionen. Und man sitzt da und fragt sich, wie es möglich ist, dass der Frauenanteil in Vorständen grosser Firmen nur 3% beträgt, in Führungspositionen ist der Satz etwas höher, aber bei weitem nicht annähernd ausgeglichen. Nur mangelnder Einsatz und fehlende Bereitschaft kann nicht der Grund dafür sein.

Als Aristoteles seine Idee einer guten Gesellschaft formulierte, sprach er von gleichen Rechten für alle. Damals war klar, dass „alle“ nur freie Männer einer gewissen Klasse meinte. Sklaven, Arbeiter und Frauen waren ausgeschlossen aus diesem „alle“. Wenn man seine Schriften heute liest, denkt man, diese Bewertung sei antiquiert, doch die tatsächlichen Zahlen sprechen eine andere Sprache – immer noch. Die Aussage von Mary Shear:

„Feminismus ist die radikale Auffassung, dass Frauen Menschen sind.“

ist also nicht obsolet, sondern offensichtlich noch nicht in allen Köpfen in ihrer ganzen Tragweite angekommen. Zwar erkennt man Frauen durchaus als Menschen im Sinne des Menschseins, aber eben nicht im Sinne eines teilhabenden, gleichwertigen Menschen. Frauen sind eher „die Anderen“, die auch noch da sind, wenn die Welt verteilt ist unter denen, die eben „die Einen“ sind. Aus dieser Haltung leitet Simone de Beauvoir den Titel ihres Hauptwerkes ab („Das andere Geschlecht“) und das Buch ist aktuell wie eh und je.

Wir haben also noch viel zu tun, um auch zu den Einen zu gehören. Denn: Es steht uns zu. Alles andere spräche uns unsere Würde als Mensch ab. Wobei der Konjunktiv falsch gesetzt erscheint…


Interessantes Buch zum Thema Sichtbarkeit von Frauen im Literaturbetrieb:

Nicole Seifert: Frauenliteratur

Tagesgedanken: Gemeinsam für die Welt einstehen

Ich blicke jetzt auf einen Monat schlechtes Wetter zurück hier in Spanien. Einen Monat hat sich die Sonne kaum gezeigt, es war grau, windig, es regnete, von den Sandstürmen reden wir besser nicht, der Sand sitzt noch immer überall. Und ich frage mich, ob das einfach eine schlechte Wetterlage war, wie es mal passieren kann, oder ob das mit dem Klima zu tun hat, das aus den Fugen ist. Ich weiss es nicht. Die Frage ist, ob es wichtig ist, dass ich es weiss. Selbst das weiss ich nicht. Ich weiss nur, dass wir uns um das Klima kümmern sollten, dass wir dringend unseren Lebenswandel, unsere Ressourcenverschwendung, unser Sein auf dieser Welt überdenken müssten. Ich glaube, das ist allen klar, wir bestätigen es uns gegenseitig – und belassen es dann meist dabei. Wir sind ja nur klein, die Frage zu gross, machen können wir sowieso nichts. Zudem: Auf uns hört ja sowieso keiner.

Es ist eine Machtlosigkeit in der Welt, eine Hilflosigkeit und auch ein mangelndes Vertrauen in die Politik. Oft sprechen wir von denen da in der Politik, während wir uns als die hier sehen. Dazwischen ist ein grosser Graben, wir sehen wenig Verbindung. Das ist gerade für ein politisches System wie eine Demokratie natürlich eher schlecht, da diese von der Teilhabe der Bürger, welche sie ausmachen per Definition, leben würde. Ich mag in dem Zusammenhang Hannah Arendts Definition von Politik. Sie schiebt sie gerade nicht den Politikern zu, sondern sagt, dass Politik überall da betrieben wird, wo Menschen miteinander als Verschiedene über eine gemeinsame Welt diskutieren. In ihren Worten:

„Sprechend und handelnd schalten wir uns in die Welt der Menschen ein, die existierte, bevor wir in sie geboren wurden, und diese Einschaltung ist wie eine zweite Geburt, in der wir die nackte Tatsache des Geborenseins bestätigen, gleichsam die Verantwortung dafür auf uns nehmen.“

Statt uns hinter unseren Meinungen zu verstecken, andere nicht zuzulassen und die Welt den Politikern zu überlassen, wäre es wünschenswert, die eigene Verantwortung wieder wahrzunehmen und im Wissen, dass jeder genauso betroffen ist von dieser Welt, mit anderen in den Dialog zu treten – gerade um auch andere Sichtweisen kennenzulernen. Nur aus verschiedenen Perspektiven lässt sich die Welt erfassen.

Wir leben in einer Welt, die eng vernetzt ist. Finanzmärkte hören nicht an Landesgrenzen auf, ebensowenig ist das Klima ein national beschränktes Problem. Diese Globalisierung bringt nicht nur eine grössere Weltreichweite mit sich, sie führt auch dazu, dass wir unsere Probleme global angehen müssen, sprich: Wir können ökonomische und ökologische Themen nicht mehr nur national abhandeln, wir müssen den globalen Dialog und eine gemeinsame Lösungsstrategie suchen.


Buchtipp: Ned O’Gorman: Politik für alle. Hannah Arendt lesen in unsicheren Zeiten, Nagel und Kimche, München 2021.

Utopien

Als ich ein Kind war, spielte ich gerne mit Lego. Ich hatte immer ausgefallene Ideen, was ich bauen wollte (es gab noch nicht so viele fertige Bausätze mit seitenlangen Bauanleitungen) und versuchte dann, dies umzusetzen. Mein Vater wollte mir immer helfen, mir zeigen, wie es geht, doch das machte mich wütend. Ich wollte es selber herausfinden. Mein Vater hat mir bis ins Erwachsenenalter vorgeworfen, dass ich mir schon als Kind nicht helfen lassen wollte. Zwar stimmt das nicht ganz, da ich durchaus Hilfe annehme, wo ich etwas nicht selbst kann oder können will, aber nicht da, wo ich der Überzeugung bin, es selbst zu schaffen.

Es gibt dieses schöne Wort der Selbstermächtigung. Ich finde es zentral in Bezug auf das Menschsein, auf die Selbstachtung als Mensch und damit die eigene Würde. Menschen, die nicht wissen, dass sie selbst etwas bewirken können, fühlen sich (und sind meist auch wirklich) Opfer der Umstände und damit hilflos und abhängig von anderen. Dieses Gefühl der eigenen Ohnmacht nagt am Selbstbild und damit an der Selbstachtung. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das jemand will. Umso mehr erstaunen mich aktuell geführte Diskussionen, wenn es um Themen wie zum Beispiel Rassismus geht.

Eine aktuell populäre Sicht bei der heutigen Thematisierung von Rassismus (die ursprünglich aus den Staaten zu uns kam) ist, dass Weisse aufgrund ihrer Hautfarbe per se rassistisch seien, weil sie in der Geschichte die Schwarzen unterdrückt haben. Rassismus so gesehen ist also quasi in ihren Genen eingebrannt, und sie können dem nicht entkommen.

Nicht nur zementiert diese Argumentation die Fronten schwarz-weiss, sie macht Schwarze auch zu ewigen Opfern. Wenn dem Weissen der Täterstatus eingebrannt ist, ist es dem Schwarzen das Opfertum. Tun wir jemandem damit einen Gefallen oder macht diese Sicht irgendetwas besser? Ich denke, das Gegenteil ist der Fall. Menschen so gesehen spricht ihnen die Würde ab, die auch darauf beruht, dass Menschen frei sind, sich zu ändern. So schreibt Avishai Margalit in seinem Buch „Politik der Würde“:

„der grundlegende Respekt vor jedem einzelnen orientiert sich an dem, was er in Zukunft tun könnte, nicht an dem, was er in der Vergangenheit getan hat. Achtung ist dem Menschen nicht dafür zu zollen, in welchem Grad er sein Leben tatsächlich zu ändern vermag, sondern allein für die Möglichkeit der Veränderung.“

Margalit fährt fort, dass ein Mensch nicht durch seine Vergangenheit determiniert (wenn auch durchaus geprägt), sondern zu jedem Zeitpunkt frei ist, sich und sein Verhalten zu ändern. Wenn dies schon für das eigene Verhalten gilt, wie viel grösser muss also die Möglichkeit einer Veränderung über Generationen sein, in denen durchaus ein Denkprozess stattfand und auch Massnahmen zur Abschaffung von Rassismus erfolgreich durchgesetzt werden (nicht zu verstehen als diesen vollständig aus der Welt schaffen) konnten?

Ich bin der Meinung, dass wir genau hinschauen müssen, wo heute noch strukturelle Benachteiligungen existieren, und wir müssen diese gemeinsam angehen. Betroffene sollten aber nicht nur von den Anderen Veränderungen erwarten, sondern sie sollten sich auch als Akteure sehen (können). Auch dafür ist ein Miteinander wichtig, dass ein Raum geschaffen wird, in welchem es möglich ist, für die eigenen Rechte und gegen Benachteiligungen einzustehen. Dann gibt es keine Täter und Opfer durch von aussen definierte Kriterien, sondern eine gemeinsame Welt mit gemeinsamen Werten und Zielen, welche diese gestalten sollen, und in der jeder seinen Platz hat.

Ich mag Utopien… und ich glaube, sie könnten oft verwirklicht werden.


Leseempfehlung: Avishai Margalit: Politik der Würde, Suhrkamp Verlag, 2. Auflage, Berlin 2018.

Tagesgedanken: Anfangen

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne – das sagte Hesse und es deckt sich oft nicht mit unserem Gefühl für den Montag. Vielleicht aber müssten wir ihn nicht als Ende des schönen Wochenendes sehen, sondern als Chance, etwas Neues zu beginnen? Ganz im Stil von Anais Nin, welche sagte:

„Wir sehen die Dinge nicht, wie sie sind, wir sehen sie so, wie wir sind.“

Der Montag ist nicht an sich schlecht, wir sind es, die ihn so bewerten. Diese Art von Bewertung zeigt sich in verschiedenen Bereichen des Lebens, auch in Bezug auf eigene Fähigkeiten: Wie oft denken wir, etwas nicht zu können, trauen uns die Dinge nicht zu, malen schwarz und den Teufel an die Wand? Das ist die beste Methode, sich von vornherein den Mut und die Motivation zu nehmen, und wir beherrschen sie gut. Und wenn wir es nicht selbst tun, findet sich sicher einer da draussen, der von unseren Vorhaben, Plänen, Wünschen, Ideen hört und uns sagt: „Das geht nie, das ist nicht realisierbar!“ – Und wir fangen an zu zweifeln oder noch schlimmer: Wir glauben es unbesehen und hören auf, an unsere Ideen zu glauben und sie umzusetzen, oder schlimmer noch: Wir fangen erst gar nicht damit an.

Mark Twain sagte einst:

„Sie wussten nicht, dass es unmöglich war, also haben sie es getan.“

Wenn wir die Dinge nicht angehen, wissen wir nie, was daraus werden könnte. Natürlich lässt sich nicht jede realisieren und nicht aus allem wird ein Erfolg. So werden wir wohl kaum allein mit unseren Ideen oder auch Taten die Weltarmut beseitigen, aber vielleicht können wir dazu beitragen, dass das Thema präsenter wird und mehr dahingehend passiert? Auch werden wir die Klimakatastrophe nicht alleine abwenden, aber wir können unseren Beitrag dazu leisten. Es mag sein, dass wir mit unseren Ideen nicht die Welt retten, aber vielleicht gelingt uns, Teil einer Bewegung zu sein, die gemeinsam versucht, das Leid auf dieser Welt zu mindern. Und das wäre doch ein schöner Anfang.

Tagesgedanken: Mein eigenes Gericht

Draussen rauscht das Meer, unruhig schlägt es an die Felsen. Ich merke diese Unruhe auch in mir, dieses Getriebensein, eine Form von Unrast, die auf dem Gefühl gründet, dass alles nicht schnell genug geht, ich nicht vorwärts komme mit meinen Projekten, ich meinen Ansprüchen nicht genüge. Und während ich das schreibe, fällt mir auf, wie grausam das eigentlich ist, da ich die einzige Person bin, die Ansprüche an mich stellen kann, welche ich nicht hinterfrage oder gar mit Empörung zurückweise. Käme ein anderer und würde mir sagen:

„He, das reicht alles nicht, du bist nicht gut genug!“

wäre ich verletzt, aber ich ginge in die Verteidigung. Ich würde aufzählen, was ich alles tue, würde zeigen, woran ich dran bin und argumentieren, dass alles seine Zeit braucht. Ich würde um meine Achtung kämpfen, an der meine Würde hängt. Aber mir selber glaube ich es. Hängt Würde nicht immer auch mit Selbstachtung zusammen? Sie ist wohl an einem kleinen Ort zu Hause. Was bedeutet das für mein Leben?

Was bedeutet das generell, in Würde zu leben? Der erste Artikel des Grundgesetzes besagt, dass die Würde des Menschen unantastbar sei. Was aber meint man, wenn man von Würde spricht? Und: Wann wird diese angetastet? Kann ich sie vor diesem Antasten schützen? Können oder müssen das andere tun? Wie müssen wir miteinander und jeder für sich leben, dass wir unsere Würde bewahren und die des anderen nicht antasten?

Diesen Fragen geht der bekannte Neurobiologe Gerald Hüther in seinem Buch „Würde. Was uns stark macht – als Einzelne und als Gesellschaft“ nach und erläutert anhand von Beispielen aus der Biologie, wie die Vorstellung der Würde beim Menschen überhaupt entstanden ist, weswegen wir eine solche Vorstellung brauchen und wie ein Bewusstsein für die eigene Würde entsteht. Ziel ist es, die Menschen wieder für den Begriff der Würde zu sensibilisieren und sie damit in die Lage zu versetzen, ein würdevolles Leben zu leben – für sich und miteinander.

„Wir alle wollen in Würde sterben, aber sollten wir nicht erst einmal in Würde leben?“

Vielleicht ist es ein guter Anfang, mir selber gegenüber mehr Gelassenheit und Freundlichkeit aufzubringen?