Kooni – ein Blick hinter die Kulissen

Wie würde eine kurze Biographie von Ihnen aussehen?

Geschlüpft in Schaffhausen, den gestalterischen Vorkurs besucht an der F+F in Zürich, studiert an der HSLU in Luzern, lebt und arbeitet in Hamburg.

Kooni ist nicht dein Taufname – wie und wieso kamst du auf den Namen und ist das nur deine Künstleridentität oder bist du auch privat Kooni?

Ich habe unter Kooni, einer Ableitung des Spitznamens meines Großvaters, in meiner Jugend Streetart gemacht. Mittlerweile nennen mich aber alle so.

Waren Sie das Kind, das immer und überall mit Zeichenstiften bewaffnet auftrat?

Zeichnen hat schon eine große Rolle gespielt, ja, aber ich habe mich viel draußen rumgetrieben, die Stifte waren eher Waffen gegen langweilige Schulstunden oder Regentage.

Sind Sie heute immer mit einem Skizzenbuch unterwegs, um auch vom Leben zu zeichnen, oder dienen Ihnen diese nur zu Studienzwecken/Skizzen für Illustrationen?

Tatsächlich habe ich das Skizzenbuch immer dabei, ich halte spontane Einfälle fest oder überbrücke langweilige Wartezeiten. Das Skizzenbuch ist mein Fundus, mein Sammelbecken, daraus entsteht alles.

Wie sah Ihr Weg in die Illustration aus?

Mein Vater hat mir ein kleines leeres Buch geschenkt, als ich 4 Jahre alt war, ich habs aufgeschlagen und angefangen zu zeichnen. Ich muss auch gestehen, ich habe nie wieder besser gezeichnet als in dieses erste Skizzenbuch, absoluter Karrierehöhepunkt.

Ist eine Ausbildung zum Illustratoren unabdinglich, hilfreich, unnötig?

Der größte Pluspunkt meines Studiums war und ist das riesige Netzwerk an Menschen, von dem ich wahrscheinlich das ganze Leben lang profitieren werde. Außerdem ist es für kreative Menschen sicher auch nicht schlecht, nach einer langen Schullaufbahn, die auf Standartberufe ausgelegt ist, unter Gleichgesinnten zu sein und für Fähigkeiten, die bis anhin als unwichtig abgestempelt wurden, ernstgenommen zu werden.
Techniken, Verfahren und sonstiges Wissen kann man sich aber gut selber erarbeiten.

Ich hörte mal die Aussage, Talent gebe es nicht, Können von Willen, Ehrgeiz, Ausdauer, Schweiss und Tränen. Wie sehen Sie das? Alles Talent oder kann man Zeichnen/Illustrieren lernen?

Ich glaube nicht so sehr an Talent und bin auch kein Fan von dieser Schweiß-Tränen-Leiden-Nummer. Klar, ein Mensch hat bestimmt gewisse Veranlagungen, aber gerade Zeichnen ist Übungssache. Ich zeichne seit ich denken kann, klar bin ich da gut drin, das wäre jeder andere Mensch auch. Und zu Schweiß und Tränen: Ich zeichne besser, wenn ich Spaß habe, als wenn ich mich wochenlang selbstgeißele für ein Projekt.

Was macht einen guten Illustratoren aus?

Ich finde, dass Illustrator*Innen einen neuen Blickwinkel aufzeigen sollten, bei einem Bilderbuch zum Beispiel nicht einfach das zeichnen, was der Text sagt, sondern eine neue Ebene einbauen, einen zusätzlichen Witz erzählen, eine Nebengeschichte zum Text aufmachen, den Betrachtern etwas zutrauen. Zudem flashen mich ganz persönlich Illustrator*Innen, die bei ihren Figuren eine große Diversität in der Mimik haben.

Haben Sie Lieblingsmedien (welche?) oder passen Sie diese immer den jeweiligen Ideen an?

Ich experimentiere immer wieder gerne mit neuen Techniken, aber hauptsächlich arbeite ich analog mit Tusche oder Bleistift und mache die Nachbearbeitung in Photoshop, die Layouts im InDesign.

Ihre Illustrationen sind mehrheitlich sehr linear, Farben setzen sie sparsam ein. Was bedeutet Ihnen Farbe?

Die komplette Überforderung, ich habe keine Ahnung davon.

Sie arbeiten hauptsächlich im Bereich Editorial, Cover und Plakate – wieso kam es dazu? Reizt Sie das mehr als zum Beispiel Buchillustrationen?

Ich bin eine spontane Zeichnerin, ich sitze nicht gerne monatelang an einem Projekt und mache 1000 Skizzen vor der Reinzeichnung, darum passe ich gut in die schnelllebige Medienlandschaft. Die Aufträge aus der Kulturszene kommen, weil ich mich da auch gerne bewege, ich mag Konzerte, gute Restaurants und Bars, die Clubkultur… Ein ewiges Rätsel, das mich immer reizt, ist: Wie visualisiere ich Musik? Wie zeichne ich die Klänge unterschiedlicher Instrumente, wie zeichne ich Bass, Rausch, Sphäre?

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

Vor 11:00 passiert nichts Brauchbares, außer ich finde in meinem Posteingang einen wichtigen Spontanauftrag. Aber normalerweise beantworte ich im Bett E-Mails und reagiere auf kleine Korrekturwünsche. Danach ein Blick in den Kalender und auf die To-Do-Liste. Ich beginne mit dem dringendsten Projekt, dazu hör ich Podcasts. Ich arbeite gerne in die Nacht hinein, um 1:00 – 2:30 ist meine Konzentration am höchsten. 1-2 Tage die Woche arbeite ich als Ausgleich in einem Café.

Ich hörte mal, der grösste Feind des Künstlers sei nicht mangelndes Talent, sondern die Störung durch andere Menschen. Brauchen Sie zum Arbeiten Stille und Einsamkeit, oder stören Sie andere Menschen nicht?

Wenn ich im Ungleichgewicht oder von einem Projekt nicht überzeugt bin, nervt mich selbst das kleinste Geräusch. Dann versuche ich, mich mit Noise Cancelling Kopfhörern oder in einer ungestörten Nachtschicht zu konzentrieren. Im Grunde bin ich aber ein extrovertierter Mensch, ich brauche meine Leute um mich herum. Die Illustration ist schon eher ein einsamer Beruf, darum setze ich mich auch gerne mal in den Flur meiner großen WG oder in ein überfülltes Café. Ich glaube, da braucht man einfach für jeden Tagesbedarf eine Strategie.

Woher holen Sie Ihre Inspirationen/Ideen?

Alltagssituationen, Internet, Museen, ein Thema während der Arbeit im Café tagelang zerdenken oder ohne nachzudenken stundenlang im Flow zeichnen.

Können Sie Ihren Weg von der ersten Idee bis hin zum fertigen Bild beschreiben?

Manchmal hat man in der ersten Sekunde die richtige Idee, manchmal braucht man dafür tagelang, das ist unterschiedlich. Wenn ne Idee dann aber da ist, habe ich das Endprodukt schon ziemlich klar vor Augen. Ich zeichne nicht vor, ich arbeite direkt mit Tusche, lasse Fehler stehen und korrigiere danach am Computer, so spare ich Zeit.

Wenn sie an Ihre vergangenen Arbeiten denken: Gibt es ein Projekt, das Ihnen besonders am Herzen liegt? Wenn ja: Welches, und wieso?

Das Plakat und der visuelle Auftritt für das Schaffhauser Jazzfestival. Als die Organisator*innen für 2018 anfragten, hab ich mich riesig gefreut, denn das stand schon ewig lange auf meiner Traumauftragsliste. Ich habe im Projekt alte Konzepte weiterentwickelt, eine neue Sprache gefunden, auch aus heutiger Sicht stimmt da noch immer alles.

Wenn Sie ein Traumprojekt beschreiben könnten: Was würden Sie gerne illustrieren?

Ich würde gerne noch mehr Aufträge in den Themenbereichen machen, die mich auch als Mensch privat beschäftigen, z.B. für Seenotrettung-NGO’s, feministische Organisationen, Klimaschutz, …

Wie erleben Sie das Klima unter Illustratoren? Ist jeder ein potentieller Konkurrent, den man meidet, oder ein Kollege im selben Arbeitsumfeld, mit dem man sich gerne austauscht?

Ich habe, das Studium miteingerechnet, noch nie Rivalität erlebt, es ist eher das Gegenteil: es werden sich Aufträge zugespielt, Illustrator*innen mit passenderem Stil empfohlen, gegenseitig um Rat gefragt bei Unsicherheiten…

Haben die elektronischen Medien den Beruf schwerer gemacht oder beflügelt?

Ich denke nicht, dass sich ein Medium so einfach in gut oder schlecht kategorisieren lässt. Die elektronischen Medien gehören zu unserer Zeit, mit allen Vor- und Nachteilen.

Was raten Sie jemandem, der Illustrator werden will?

Ein gut gepflegtes Portfolio im Internet und/oder ein Instagram Account. Charme und ein lockeres Mundwerk, um Leute, für die man gerne arbeiten würde, vollzusabbeln. Sich bei den Themen Urheberrecht und Nutzungsrecht schlau machen.
Die Bereitschaft, dass man mit unregelmäßigem Einkommen auskommen und sich um Rente, Steuern, Krankenkasse und den ganzen Kram selber kümmern muss. Sich nicht verrückt machen, wenn man mal einen Monat gar nicht zeichnen kann. Ich nenne das Input-Phasen, in der Zeit einfach neue Eindrücke sammeln, Museen besuchen, Dokus schauen, Neues kennenlernen.
Und am Anfang ist ein regelmäßiger Job, der öffentlich zu sehen ist, das Allerbeste, selbst wenn der Lohn lausig ist. Also das Veranstaltungsprogramm für ein Club oder Theater, was dann Monat für Monat in der ganzen Stadt hängt, eine wechselnde Speisekarte für ein Restaurant, eine Illustration in einer Wochenzeitung und sei es nur ein Inserat für eine Firma, irgendwie sowas. Beste Werbung!

Welchen Illustrator soll ich hier noch vorstellen?
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Wer mehr von Kooni sehen will, findet ihr Portfolio HIER

Auch auf Instagram hat sie ein Profil: HIER

ABC-Etüden: Ausbruch und Einkehr

Vor vier Jahren begann alles mit den ABC-Etüden. Damals schrieb ich meistens mit, irgedwann verlor ich das Ganze ein wenig aus den Augen. Pünktlich zum Jubiläum – happy Birthday und danke für die vielen unterhaltsamen Stunden – bin ich zurück und versuche es mal wieder. Ich schrieb schon damals mehrheitlich Gedichte, auch dieses Mal soll es eines sein:

Ausbruch und Einkehr

Mein Herz schlägt orange,
durchdringend als Hämmern,
das grundtief erschüttert
in mir die Welt.

Wie Lautsprecher dröhnt es,
von tief in mir drinnen,
und dringt mir durch Mark
und knochentief rein.

Ich sitze und frage
und weiss keine Antwort,
ich suche und haste
und stehe doch still.

Ich drehe im Kreis meiner
eignen Gedanken,
ich suche den Ausgang
und stecke doch fest.

Ein Beben, ein Schweben,
ein mich nicht erleben,
ein Tosen, ein Schlagen,
tief innen im Herz.

Ich möchte nur Ruhe,
ich lege mich nieder,
ich atme, ich presse,
ich krieg keine Luft.

Ich bin so verloren,
ich gehe mich suchen,
ich lege die Arme
zum Schutz um mich rum.

Und langsam fühl ich mich
tief in mir geborgen,
und finde den Atem und
damit auch mich.

©Sandra von Siebenthal

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Für die abc.etüden, Woche 30.18: 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern. Die Wortspende für die Textwoche 3.4.21 kommt von Ulrike mit ihrem Blog Blaupause7

Sie lautet: Lautsprecher, orange, erschüttern

Der Ursprungspost:
https://365tageasatzaday.wordpress.com/2021/01/17/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-03-04-21-wortspende-von-blaupause7/#like-10948

5 Inspirationen – Woche 2

Während ich das hier schreibe, schneit es draussen ohne Unterlass, Romanshorn versinkt im Schnee. Während ich Winter eigentlich nicht so gerne mag, freut sich mein kleiner Hund so sehr über diesen Schnee, dass ich gar nicht anders kann, als mich auch zu freuen. Am liebsten aber sitze ich drin und lese, ab und an einen Blick über die Schneelandschaft streifen lassend.

Was ist mir diese Woche begegnet, hat mich diese Woche inspiriert?

  • Ein Podcast, der mich sehr beeindruckte, war der Podcast Hotel Matze mit Martin Suter. Martin Suter, bekannter Schweizer Autor von Büchern wie „Lila, Lila“, „Die dunkle Seite des Mondes“ und vielen mehr spricht mit Matze Hielscher übers Schreiben, über die Gründe hinter seinem Schreiben, über seinen Werdegang und vieles mehr. Beim Hören sieht man das schelmische Grinsen des Autors förmlich vor sich, das Interview war eine wahre Freude und ich habe auch den einen oder anderen Gedanken für mich mitgenommen.
  • Man könnte meinen, es sei unpassend bei diesem Wetter ein Buch mit dem Titel „Das Buch eines Sommers“ (Bas Kast, hier die Rezension) zu lesen – aber: Weit gefehlt. Das Buch regt zum Nachdenken an, lädt zur Einkehr ein. Wann könnte man das besser als im Winter, wenn das Wetter draussen ungastlich ist und man zu Hause im Warmen mit einer Tasse Tee auf dem Sofa sitzt?
  • Bei Austin Kleon las ich mal das Zitat: „First fake it, than make it“ (aus dem Buch „Alles nur geklaut“). An dieses Zitat erinnerte mich der Artikel, den ich kürzlich las: How to get inspiration from others without copying their creation
  • Eigentlich wäre ich aktuell noch im warmen Spanien, mir fehlen Sonne, Licht und Farben und auch das südländische Gefühl lässt sich in der winterlichen Schweiz nicht wirklich einstellen. So holte ich mir ein wenig Süden ins Wohnzimmer mit dem Fado – zwar nicht aus Spanien, aber Portugal ist ja nicht weit weg. Zudem: Mir gefällt die Mischung aus Melancholie und Lebensfreude, das so tief spürbare Gefühl in den Liedern. Was bedeutet euch Musik? Mir war sie immer sehr wichtig. Sie fängt mich auf in meinen Gefühlen.
  • Etwas, das mich immer wieder inspiriert und anregt, sind Notizbücher. Ich kann nicht genug von ihnen haben – und: Es gibt auch so viele wunderschöne. Was ich an Notizbüchern schön finde, ist die Möglichkeit, eigene Welten zu erdenken und sie niederzuschreiben. Oder zu zeichnen, was ich auch oft tue. Auch unterwegs habe ich immer ein Notizbuch dabei. So gibt es nie Momente der Langeweile. Ich zeichne, schreibe, lasse meine Gedanken ziehen, notiere, was mich anspringt. Ich kann das nur empfehlen. Ich hatte ganze Regale vollgeschriebener und bemalter Notizbücher. Bei meinem letzten Umzug habe ich mich von den meisten getrennt, nur ein paar wenige kamen mit. Es werden schon wieder mehr in den Regalen, ein Ende ist nicht in Sicht.

Ich hoffe, es war was für euch dabei, das euch angesprochen hat. Wenn ihr etwas habt, das euch diese Woche angesprochen, bewegt, inspiriert hat – ich würde mich freuen, wenn ihr davon berichten würdet. Ich wünsche euch ein schönes Wochenende und einen guten Start in die neue Woche!

Bas Kast: Das Buch eines Sommers

Werde, der du bist

„Was an ihm war es, das mich so faszinierte? War es die schlichte Tatsache, dass er Schriftsteller war und ich das damals selbst auch so gern werden wollte?

In jungen Jahren war es klar: Nicolas wollte Schriftsteller werden wie sein skurriler Onkel, der von seinem Vater belächelt, von ihm verehrt wurde. Als er nach dem Abi quasi die Welt offen hatte, auf Reisen gehen wollte, versank er im Liebeskummer und die Reise führte ihn schliesslich zu seinem Onkel aufs Land, wo er einen Sommer verbrachte. Schriftsteller wird er dann doch nicht, sondern er übernimmt pflichtbewusst das Geschäft seines Vaters, heiratet, wird Vater, wenn auch ein durch die Arbeitslast eher abwesender. Auch die Liebe läuft mehr nebenher, ist Nicolas doch hauptsächlich damit beschäftigt, das Familienunternehmen erfolgreich zu führen.

Plötzlich klingelt das Telefon, seine Frau: Valentin ist gestorben. Die kleine Familie bricht auf, um sich vor Ort um die Beerdigung und andere Formalitäten zu kümmern. Aus dieser Reise wird für Nicolas eine Reise zu sich selber. Ist er wirklich der geworden, der er sein will? Hat er seinen Traum verraten? Ihm fällt auf, dass er in den letzten Jahren nur noch durchs Leben gehetzt ist.

„Wer oder was hetzte mich eigentlich? Woher kam dieser Drang, jeden Moment bloss so schnell wie möglich hinter mich bringen zu müssen, nur, um zum nächsten Moment zu eilen, als würde dieser das grosse Glück für mich bereithalten?“

Doch: Hatte er eine Wahl gehabt? Wirklich? Wie viel an eigenen Idealen und Wünschen steckt in seinem jetzigen Leben? Ist das, was er führt, ein gelungenes Leben?

Nach seinem sehr erfolgreichen Sachbuch „Der Ernährungskompass“ ist „Das Buch eines Sommers“ Bas Kasts erster Roman und: Es ist ihm damit ein grossartiges Buch gelungen. Bas Kast erzählt sehr fein und leise die Geschichte eines Mannes, der sich selber wieder finden muss, weil er sich vor Jahren von sich entfernt hat – ohne dies selber zu merken. Es ist eine Geschichte einer Liebe, die Geschichte vom Erfolg, aber auch eine Geschichte über Verlust und Aufgabe. Nie wird psychologisiert, nie moralisiert, nie über Gebühr philosophiert, es wird erzählt. Und in diesem Erzählen wird der Leser mitgenommen auf eine Reise – im besten Fall auch zu sich selber.

Fazit:
Ein wunderbares Buch, das einen an die Hand nimmt und auf eine Reise mitnimmt, die im besten Fall zu einem selber führt. Sehr empfehlenswert.

Über den Autor
Bas Kast, geboren 1973 in Landau, Pfalz, ging in den Niederlanden, Deutschland und Kalifornien zur Schule, studierte Psychologie und Biologie unter anderem am MIT in Boston. Ursprünglich wollte er Hirnforscher werden oder zumindest etwas Vernünftiges tun, wandte sich dann aber dem Schreiben zu. ›Der Ernährungskompass‹ wurde ein Weltbestseller, den allein in Deutschland über eine Million Menschen gelesen haben. ›Das Buch eines Sommers‹ ist sein erster Roman und erschien 2020 im Diogenes Verlag. Kast schreibt herzzerreißend schön und mit großer Sachkenntnis.

Mehr Infos unter: baskast.de

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 240 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag (23. September 2020)
ISBN-Nr.: 978-3257071504
Preis: EUR 22 / CHF 33.90

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Santiago Amigorena: Kein Ort ist fern genug

Nein, angemessen auf das Masslose zu reagieren, das war unmöglich. Und wer das von den Opfern verlangt, der müsste auch von dem an den Strand geworfenen Fisch verlangen, dass er sich prompt Beine wachsen lasse, um in sein feuchtes Element zurückzuspazieren. (Günther Anders, Wir Eichmannsöhne)

Vicente Rosenberg, ein polnischer Jude, welcher im ersten Weltkrieg tapfer für sein Land kämpfte, beschliesst im Jahr 1928, dieses zu verlassen und mit seinem Freund nach Argentinien auszuwandern. Das Leben ist schön. Vicente hält sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser, lernt seine Traumfrau kennen, heiratet, Kinder kommen. Als liebevoller Vater, gut eingebundener Freund und durch den Schwiegervater zu einem Möbelhaus gekommener Geschäftsmann geht er durch die Tage und Jahre.

Polen ist weit weg, irgendwie vergessen – damit auch seine Familie da. Dann und wann nagt ein schlechtes Gewissen, er schreibt halbherzig Briefe und fordert die Mutter auf, auch nach Argentinien zu kommen zumal sich die Lage in Europa zuspitzt, Krieg ausbricht, die Juden mehr und mehr unter Druck sind. Irgendwann ist es zu spät, an ein Ausreisen ist nicht mehr zu denken. Die Briefe der Mutter kommen spärlicher, in Vicente regt sich immer mehr das Gewissen und Fragen stellen sich: Wer ist er eigentlich? Pole? Argentinier? Jude?

Nie hatte er sich als Jude gefühlt, diese Identität war ihm erst durch die Nazis auferlegt worden.

Wie alle Juden hatte Vicente geglaubt, vieles zu sein, bis die Nazis ihm zeigten, dass ihn tatsächlich nur eines charakterisierte: sein Jüdischsein. […] Wie viele Juden verstand Vicente allmöhlich, dass der Antisemitismus Semiten braucht, um existieren zu können, er begriff allmählich, dass ein Antisemit, der sich als solcher definiert, nicht dulden kann, dass ein Semit sich nicht selber so definiert.

Vicente zieht sich immer mehr zurück. Von allen Nachrichten, von seinen Freunden, von seiner Familie – und am Schluss von der Sprache. Er schweigt.

Kein Ort zu fern“ ist ein Buch über Identität, über Krieg, über den Umgang mit eigenem Leid, mit Schuld und mit dem eigenen Überleben, wenn andere sterben. Es ist ein Buch, das in die Tiefe geht, das Fragen stellt, wo es keine Antworten mehr gibt. Was soll man noch sagen im Angesicht des Unaussprechlichen? Was kann man sich noch vorstellen, wenn die Welt unvorstellbar und grausam wurde? Was ist ein Leben wert? Und darf einer ein Leben haben, wenn der andere es verliert? Und: Es ist eine wahre Geschichte, es ist die Geschichte von Santiago Amigorenas Grossvater.

Vor fünfundzwanzig Jahren habe ich begonnen zu schreiben, um das Schweigen zu bekämpfen, an dem ich seit meiner Geburt fast ersticke. Die Seiten, die Sie hier in Händen halten, liegen diesem mehrteiligen literarischen Projekt zugrunde.

Zu sagen, es sein ein wunderbares Buch, wäre zwar insofern richtig, als es tief geht, berührt, bewegt, gefühlvoll geschrieben ist, ohne weinerlich, psychologisierend oder moralisch zu werden. Da das Thema des Buches aber so aufwühlend, so verstörend ist, indem es die dunkelsten Zeiten der Vergangenheit, die grausamsten Seiten des Menschseins aufzeigt, wäre das Wort irreführend. Es bleibt zu sagen, dass es ein Buch ist, das von der ersten bis zur letzten Seite mitreisst und anregt – zum Denken, Hinterfragen, Mitfühlen.

Fazit:
Ein tiefes, bewegendes, mitreissendes Buch, das zum nachdenken, weiterdenken, sich und das Leben hinterfragen anregt. Sehr empfehlenswert.

Über den Autor
Santiago Amigorena, 1962 in Buenos Aires geboren, lebt und arbeitet in Paris. Er ist Autor, Drehbuchautor und Filmemacher. „A few Days in September“ (2006) mit Juliette Binoche, die seine Partnerin war, und Nick Nolte wurde international gefeiert. Sein Roman „Kein Ort ist fern genug“ wurde in Frankreich zum Bestseller, war u. a. für den Prix Goncourt nominiert und erscheint in zwölf Ländern weltweit.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 184 Seiten
Verlag: Aufbau Verlag (21. Juli 2020)
ISBN-Nr.: 978-3351038311
Preis: EUR 20 / CHF 31.90

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Maria Palatini – ein Blick hinter die Kulissen

Waren Sie das Kind, das immer und überall mit Zeichenstiften bewaffnet auftrat?
Ja, genau, ich war ein solches Kind.

Wie sah Ihr Weg in die Kunst aus?
Es waren eher Irrwege. Ich wählte einen Beruf, der mit Phantasie und Farben nichts zu tun hatte: Medizinische Laborantin am KSSG. Nach der Lehre begann ich wieder zaghaft zu malen, meistens am Sonntag.

Wie stehen Sie zum Thema Ausbildung? Unabdinglich, hilfreich, überflüssig? Oder anders gefragt: Alles Talent oder kann man es überhaupt lernen?
Ich war ja nie an einer Kunstschule. Ich habe mir das alleine angeeignet. Ich habe meinen Weg auch so gefunden. Heute bin ich froh darüber. Ich wurde von niemandem geformt. Talent ist aber sicher wichtig.

Ihre Bilder beinhalten immer auch Geschichten. Würden Sie diese eher als Kunst oder als Illustration bezeichnen?
Das geht ineinander über.

Was zeichnet Ihren Stil aus?
Genauigkeit, Feinheiten.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?
Am Morgen wird gemalt. Am Nachmittag muss ich an die frische Luft. Ich bewege mich gerne und liebe es, unterwegs zu sein.

Ich hörte mal, der grösste Feind des Künstlers sei nicht mangelndes Talent, sondern die Störung durch andere Menschen. Brauchen Sie zum Arbeiten Stille und Einsamkeit, oder stören Sie andere Menschen nicht?
Ich arbeite gerne alleine. Es ist ein einsamer Beruf. Ich hatte aber 37 Jahre meine eigene Galerie, die auch als Atelier diente. Dadurch bin ich mich gewohnt, „Besuch“ zu haben und unterbrochen zu werden. Kein Problem für mich. Das gab auch immer wieder neue Impulse.

Woher holen Sie Ihre Inspirationen/Ideen?
Indem ich die Augen und Ohren offen halte. Das sind meine Empfangsantennen.

Die Protagonisten Ihrer Bilder sind meistens Menschen aus einer anderen Zeit – ich würde sie dem Fin de Siecle zuordnen. Wie kamen Sie auf diese Zeit (die auch ich als sehr reizvolle sehe) und diesen Stil?
Fin de Siècle ist für mich wunderbar. Verziert, verschnörkelt, dekoriert. Kleider, Hüte, Hausfassaden, Auto, Flugzeuge, etc.Der Stil hat sich einfach so entwickelt. Gut, man sagt „einfach so“. Es kommt ja nie von alleine. Das Unterbewusstsein spielt vielleicht durchaus mit. Man könnte auch fragen, wieso man die Handschrift hat, mit der man schreibt. Es passiert irgendwie einfach – aber eben: Irgendwie hat es wohl seinen Grund.

Können Sie Ihren Weg von der ersten Idee bis hin zum fertigen Bild beschreiben?
Der erste Moment ist der Blitz aus heiterem Himmel. Ich arbeite zuerst mit dem Titel. Ich schnappe etwas auf, z. B. „Blue Chips“ oder „Taubenfütterer“ oder „Tafelsilber“. Die Titel gefallen mir. Dann kommt das Suchen: Was mache ich daraus? Ich suche nach einer Lösung oder Idee. Die kann nach 5 Minuten da sein oder auch in einem halben Jahr noch nicht. Wenn sie kommt, dann muss sie zünden. Die Ausführung ist eine andere Sache. Die Hand. muss versuchen, das auszuführen, was sich der Kopf ausgedacht hat. Es muss konkret werden und das ist immer mit Komplikationen verbunden. Man sieht es einem fertigen Bild nicht an, was für Kämpfe und Krämpfe da stattgefunden haben. Ich habe eine Ampel in mir. Grün ist „Das Bild ist gut“, ich bin zufrieden. Orange bedeutet „na ja“ und rot „das Bild sollte vernichtet werden“. Ich höre dabei also auf meine eigene Stimme und verlasse mich auf mich.

Wenn sie an Ihre vergangenen Arbeiten denken: Gibt es ein Projekt/ein Bild, das Sie als Ihr Lieblingsprojekt bezeichnen würden? Wenn ja: Welches, und wieso?
Ein Lieblingsbild habe ich nicht, aber durchaus Lieblingsbilder. Ich kann mich nicht für eines entscheiden. Es ist auch wieder die innere Stimme, die das bestimmt, wieso oder warm dieses oder jenes meine Favoriten sind. Ich weiss es nicht und es ist mir auch egal. Es ist mehr ein Gefühl und Gefühle kann ich nicht in Worte fassen, da mir das schlicht zu mühsam ist.

Wie erleben Sie das Klima unter Künstlern? Ist jeder ein potentieller Konkurrent, den man meidet, oder ein Kollege im selben Arbeitsumfeld, mit dem man sich gerne austauscht?
Ich bin ein totaler Einzelgänger. Ich bewege mich nie in der „Szene“.

Was raten Sie jemandem, der Künstler werden will?
Wenn jemand Künstler werden will, soll er unbedingt durchziehen. Ich fände es gut, wenn da aber jemand ist, der den abgehenden Künstler erstmals Steine in den Weg legt. Wenn er diese aus dem Weg räumt, dann ist er auf dem richtigen Weg. Wenn er aber darüber stolpert und nicht mehr aufsteht, dann sollte kein Künstler daraus werden. Man braucht starke Nerven und ein gutes Selbstvertrauen. Auch Selbstzweifel sollten vorhanden sein, aber nicht zu viel und nicht zu wenig. Beides ist nicht förderlich.

Welchen Künstler soll ich hier noch vorstellen?
Ich bin ein Fan von Otto Forster. Auch Margrith Örtli-Edelmann fidne ich gut. Beide leben in St. Gallen.

Doris Dörrie: Leben, schreiben, atmen

Eine Einladung zum Schreiben
„Dieses Buch ist eine Einladung zum Schreiben über sich selbst. Wenn man schreibt, schreibt man immer über sich selbst. Es ist abwechselnd wunderbar, schmerzhaft, narzisstisch, therapeutisch, herrlich, befreiend, tieftraurig, beflügelnd, deprimierend, langweilig, belebend.“

Doris Dörrie schreibt mit diesem Buch wohl eines der persönlichsten, das sie bislang geschrieben hat. Es ist ein Buch über ihr Leben, über ihre Erinnerungen an einzelne Momente dieses Lebens. Es ist ein Buch über das Erinnern generell. Ich erinnere mich.

„Schreibend halte ich mich am Leben und überlebe. Jeden Tag wieder. Ich schreibe, um diese unglaubliche Gelegenheit, am Leben zu sein, ganz genau wahrzunehmen und zu feiern. Ich schreibe, um einen Sinn zu finden, obwohl es am Ende wahrscheinlich keinen gibt.“

Dieser Satz führt wie ein roter Faden durch das Buch, das einen mitnimmt auf eine Reise sowohl durch Doris Dörries Leben wie auch auch durch das eigene. Denn an jede Anekdote dieses erinnerten und erzählten Lebens ist eine Aufforderung geknüpft. Nun ist der Leser dran. An welche Kleider der Kindheit erinnert er sich? An welche Ausflüge? Freunde? Erste Momente? Verluste? Gerüche? Gefühle?

„Schreibend erforsche ich die Welt. Meine Welt. Was beeindruckt mich? Was merke ich mir? Was erschüttert mich? Was erheitert mich? Was begeistert mich? Woran erinnere ich mich?“

Leben, schreiben, atmen“ ist nicht nur eine Aufforderung zu schreiben, es ist auch eine Aufforderung, das eigene Leben bewusst zu beleuchten. Wo komme ich her? Wer bin ich? Wie bin ich der geworden, der ich heute bin? Es ist ein Buch, das zu Fragen anregt, das einen auffordert, die eigene Geschichte neu aufzurollen und genau hinzusehen. Habe ich bislang die richtige Geschichte über mich erzählt? Gefällt mir diese Geschichte? Könnte ich meine Geschichte auch anders erzählen? Wäre ich dann ein anderer Mensch?

Doris Dörrie hat nicht einfach einen neuen Schreibratgeber geschrieben. Es geht weder um das Schreiben von Verkaufsschlagern noch um das von geschliffenen und korrekten Sätzen. Es geht um das Tiefer tauchen in den eigenen Erinnerungen, um das bewusste in die Zukunft gehen durch das Wissen um die Vergangenheit. Herausgekommen ist ein inspirierendes, bewegendes, mitreissendes, tiefgründiges und wunderbares Buch. Man möchte als Leser laut danke sagen dafür!

Fazit:
Ein wunderbares Buch, das zum nachdenken, weiterdenken, sich erinnern und schreiben animiert. Sehr empfehlenswert.

Über die Autorin
Doris Dörrie, geboren in Hannover, studierte Theater und Schauspiel in Kalifornien und in New York, entschloss sich dann aber, lieber Regie zu führen. Parallel zu ihrer Filmarbeit (zuletzt der Spielfilm ›Kirschblüten und Dämonen‹) veröffentlicht sie Kurzgeschichten, Romane, ein Buch über das Schreiben und Kinderbücher. Sie leitet den Lehrstuhl ›Creative Writing‹ an der Filmhochschule München und gibt immer wieder Schreibworkshops. Sie lebt in München.

Hier eine Leseprobe: Leben, schreiben, atmen – Leseprobe

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 176 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag (2019)
ISBN-Nr.: 978-3-257-07069-9
Preis: EUR 18 / CHF 27.90

Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

5 Inspirationen – Woche 1

Nun geht auch schon die erste Woche des neuen Jahres zu Ende. Die Woche war bei mir sehr intensiv, sie war geprägt von Einkehr, von Fragen an mich und mein Tun. Erstens habe ich mir vorgenommen, bewusster durchs Leben zu gehen, mir bewusster, zweitens ist ein Geburtstag ja immer auch die Gelegenheit zu fragen: Bin ich die, welche ich sein will, mache ich, was mir entspricht?

Was ist mir diese Woche begegnet, hat mich diese Woche inspiriert?

  • Morgenseiten: Ich habe wieder begonnen, jeden Morgen gleich nach meiner Yogapraxis zu schreiben. Bei diesem Schreiben geht es darum, zehn Minuten ohne Unterbruch zu schreiben, was einem ohne Nachdenken einfach in den Sinn kommt – ohne Korrektur und Bewertung.
  • Die Morgenseiten werden schön beschrieben in Doris Dörries Buch „Leben Schreiben Atmen – eine Einladung zum Schreiben“. Dieses Zusammentreffen ist eher zufällig, ich hatte damit nicht gerechnet, als ich begann, dieses Buch als Hörbuch zu hören. Mir gefällt der autobiographische Ansatz des sich Erinnerns, die kleinen Anekdoten aus dem Leben, anhand derer Doris Dörrie aufzeigt, wie Schreiben zu einem bewussteren Wahrnehmen des eigenen Lebens führen kann.
  • Ein Gedicht von Joseph von Eichendorff fand ich auch sehr inspirierend:
    Wünschelrute
    Schläft ein Lied in allen Dingen,
    die da träumen fort und fort,
    und die Welt hebt an zu singen,
    triffst du nur das Zauberwort.

    Mögen wir die Lieder in den Dingen hören und uns dran erfreuen.
  • Persönliche Herausforderungen – Ich habe mir auf Instagram selber eine „Challenge“ (es gibt auf Instagram auch ganz viele organisierte Challenges, bei denen man mitmachen kann) auferlegt: 100 Tage zeichne ich einen Vogel. Egal in welchem Stil, einfach ein Vogel muss es sein. Was ich nach nun 35 Tagen gemerkt habe:
    • Reduktion entfaltet Kreativität.
    • Wiederholung tut dasselbe
    • Neugier entwickelt sich aus dem Wunsch, neue Wege zu begehen
    • An etwas dran zu bleiben bringt eine neue Art Ernsthaftigkeit ins Tun
    • Ich liebe Vögel (gut, das war nicht neu)

      Eine solche persönliche Herausforderung kann ich wirklich empfehlen. Das kann auch unabhängig von sozialen Medien passieren, muss rein gar nichts mit Kunst oder Kreativem zu tun haben.
      Mögliche Projekte, die mir spontan in den Sinn kommen: 100 Tage jeden Tag
    • ein Gedicht lesen
    • etwas aus dem Haushalt werfen, um zu reduzieren
    • sich etwas sagen, das man an dem Tag gut gemacht hat
    • für etwas dankbar zu sein
    • Morgenseiten zu schreiben, um zu sehen, ob das etwas wäre
    • die eigene Kaffeetasse zeichnen
  • Der Podcast „Inside the Edge“ mit Tami Simon. Ich hörte die Folge mit Rebecca Walker und Lily Diamond, in dem es darum ging, wie man dem eigenen Leben eine neue Geschichte zugrunde legen kann. Das Prinzip ist nicht neu, schon Paul Ricoeur nannte die Identität eine narrative, weil sie sich aus den Geschichten zusammen setzt, die wir uns selber erzählen. Und wenn man mal hinschaut, was man sich so alles erzählt und unzufrieden damit ist, dann könnte man sich doch fragen, ob das wirklich alles war – oder ob die eigene Lebensgeschichte nicht ganz viel beinhaltet, das im Alltag einfach ausgeblendet ist, wenn wir unsere Geschichten erzählen. Und wer weiss: Vielleicht ergäbe eine neu erzählte Geschichte ein ganz neues Leben. Die Gedanken sind nicht aus dem Podcast, sondern die meinen basierend auf meinen Studien zur narrativen Identität, was aber bei der Suche nach einer eigenen Geschichte helfen könnte, ist das Buch, das Rebecca Walker und Lily Diamond herausgegeben haben: What’s your Story?

Ich hoffe, es war was für euch dabei, das euch angesprochen hat. Wenn ihr etwas habt, das euch diese Woche angesprochen, bewegt, inspiriert hat – ich würde mich freuen, wenn ihr davon berichten würdet. Ich wünsche euch ein schönes Wochenende und einen guten Start in die neue Woche!

Blake Gopnik: Warhol. Ein Leben als Kunst

Die Biographie

„Er konnte der Nation ihre eigene Kultur auf eine Art erklären, wie es nur ein Beobachter von aussen konnte, und zugleich formte er sie aus ihr heraus aktiv um.“

Kaum jemand, der Andy Warhols Siebdrucke von Stars, Konservendosen und anderen Gegenständen nicht kennt. Doch wer war der Mensch, der hinter all dem stand? Wie lebte er, was machte ihn aus? Andy Warhol selber konnte man da kaum fragen, hielt dieser sich doch äusserst bedeckt, was sein Privatleben anging. Die widersprüchlichen Antworten auf private Belange fangen beim Geburtsdatum an und ziehen sich durch alle Bereiche des persönlichen Lebens.

Blake Gopnik hat sich der Aufgabe angenommen, Licht ins Dunkel zu bringen. Nach eigenen Angaben arbeitete er sieben Jahre an dem Buch, interviewte fast 300 Menschen. Er schafft es dabei, Warhol sowohl als Menschen mit Fehlern und Schwächen zu porträtieren, als auch seinem Schaffen den geschuldeten Respekt zu zollen, den es im Rahmen der Kunstgeschichte verdient.

Angefangen bei seiner Kindheit in Pittsburgh als Sohn einer armen Bauernfamilie erzählt Gopnik auf mitreissende und nie langweilig anmutende Weise Warhols Lebensweg, lässt den Leser daran teilhaben, wie die einzelnen Etappen Warhols späteres Schaffen beeinflusst haben könnten. Nach einem sehr erfolgreichen Start in der Werbe- und Textilindustrie entschied sich Warhol für ein Leben als Künstler, nahm dabei aber viel seiner früheren Arbeit mit.

„Warhol überbrückte den Graben zwischen unterschiedlichen Medien (Fotografie, Malerei, Druck) ebenso wie den zwischen „geringwertigen“ und „hochwertigen“ Kunstdisziplinen (Illustration und bildende Kunst), und die Konzeption hatte bei ihm stets Vorrang vor der technischen Umsetzung.“

Überhaupt war Warhol ein Meister des Grenzen Abtragens. Auch die Grenze zwischen Leben und Kunst schwand mehr und mehr, Warhol erschuf sich quasi als sein eigenes Kunstwerk, als welcher er durchs Leben ging.

Ab den 1960er Jahren konzentrierte sich Andy Warhol hauptsächlich auf seine zweite Leidenschaft: Filme. Dabei bewegte er sich aber weit ab von Hollywood- Filmen. Mit einer Filmkamera hielt er das Leben und die Menschen um sich fest. So filmte er zum Beispiel John Giorno über vier Stunden beim Schlafen. Nach dem Film und der Malerei weitete Warhol nach und nach sein Experimentierfeld aus, stiess in den Bereich der Musik vor, nahm einen Anlauf, Buchautor zu werden, auch ein Theaterstück entstand aus seiner Feder.

Ein Leben wie ein Kunstwerk – darauf deutet der Untertitel des Buches hin, der Inhalt belegt es auf eindrückliche Weise. Entstanden ist ein sehr umfassendes Buch über einen seine Zeit (und auch die kunstgeschichtliche Nachwelt) prägenden Künstler sowie ein Zeitdokument in sozialer, kunsthistorischer und auch politischer Hinsicht. Gopnik hat sich einer grossen Herausforderung gestellt, ein so umfassendes und vielschichtiges Leben mit seinen unzähligen Tiefen und Geheimnissen zusammengetragen. Durch seinen flüssigen und mitreissenden Erzählstil gelingt es ihm, den Leser von der ersten Seite an in den Bann zu ziehen und ihn nicht mehr loszulassen.

Fazit:
Ein Standardwerk – Genauer und detaillierter kann man das Leben und Schaffen eines Künstlers nicht erzählen. Sehr empfehlenswert.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 1232 Seiten
Verlag: Bertelsmann Verlag (9. November 2020)
ISBN-Nr.: 978-3570102077
Preis: EUR 48 / CHF 65.90

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Felix Scheinberger – Ein Blick hinter die Kulissen

Kurzbiografie

Felix Scheinberger wurde 1969 in Frankfurt am Main geboren. Schlagzeug war ihm wichtiger als Schule, statt Abi zu machen spielte er bis zum 22. Lebensjahr in Punkbands. Die Begabtenprüfung wurde seine Eintrittskarte an die FH für Gestaltung in Hamburg, wo er Illustration studierte und anschließend nahtlos in die Selbstständigkeit startete.In den letzten zehn Jahren hat er über 50 Bücher illustriert, regelmäßig für angesehene Zeitungen gearbeitet, Preise gesammelt, in Mainz, Hamburg und Jerusalem gelehrt und durch seine Lehrbücher reihenweise Kreative den Zeichenstift und den Wasserfarbkasten wieder entdecken lassen.
Felix Scheinberger war von 2010 -12 Stellvertretender Vorsitzender der IO – Illustratoren Organisation, des Berufsverbandes deutschsprachiger Illustratoren. Seit 2012 ist er Professor für Illustration an der Fachhochschule Münster.

Waren Sie das Kind, das immer und überall mit Zeichenstiften bewaffnet auftrat?

Ich war das Kind, das sich für Dinosaurier interessierte, das Star Wars-Sammelbildchen und Steine sammelte, das Gruselgeschichten las und für die Sportfischerprüfung lernte. Das Dampfnudeln und Bienenstich liebte, im Wald Hütten baute und das später mal Forscher werden wollte. Und ja klar, ich habe auch gezeichnet. Aber wohl eher eben „auch“.

Wie sah Ihr Weg in die Illustration aus?

Ich habe einen Onkel, der eigentlich schon immer ein großer Freund schöner Bücher war. Und dieser Onkel schenkte mir jede Weihnachten einen Stapel Bücher der Büchergilde Gutenberg, deren Mitglied er seit Jahren war. Das bedeutete, dass ich nicht irgendwelche Bücher bekam, sondern Bücher, die auch „gut gemacht“ waren: mit zeitgemäßem Grafik-Design, festen Einbänden und natürlich fantastischen Illustrationen. (Illustrierte Bücher waren auch früher schon keine Selbstverständlichkeit und gerade die Büchergilde stand in den siebziger Jahren für feinste Buchkunst). Über diesen Weg lernte ich schon früh Illustratoren wie Tomi Ungerer, Ralph Steadman oder Horst Janßen kennen.
Ich glaube, diese Bücher haben mich nachhaltig geprägt und sie hatten keinen geringen Anteil daran, dass ich in Hamburg Illustration studierte.

Was macht einen guten Illustratoren aus?

Von einem Illustrator erwartet man in der Praxis tatsächlich nicht wenig: Er muss Gestalter, Künstler, Designer und Manager in einer Person zu sein, Er muss sein Handwerk beherrschen, Geschmack haben und einen unverwechselbaren Stil sein Eigen nennen. Dazu kommt, dass er ja nicht nur umsetzten soll, was andere sich ausdenken, er soll auch selbst kreativ sein und im Handumdrehen Ideen, visuelle Sprachen und pfiffige Bildlösungen kreieren. Darüber hinaus muss er natürlich das gesamte grafische Vokabular vom Layout bis hin zur Druckvorstufe beherrschen und selbstredend „in time“ liefern. Dazu kommt, dass er sich selbst vermarkten muss (immerhin sind nach einer neuen Umfrage der Illustratoren Organisation nur weniger als 2% der deutschen Illustratoren festangestellt). Er muss Kunden akquirieren und das Einmaleins des Freiberuflertums von der Buchhaltung bis zum Zeitmanagement spielend beherrschen.
Kurzum:
Die Frage ist nicht leicht zu beantworten, zumindest sofern man sie wörtlich nimmt.

Ich würde sagen, es kommt auf eine Mischung an:
Primär muss man gute Ideen haben & Illustration lieben, aber man muss auch in Lage sein, sich zu vermarkten.

Ist Illustration Kunst oder Handwerk?

Illustration ist ganz klar Kunst oder kann zumindest ganz klar Kunst sein.

Haben die elektronischen Medien den Beruf schwerer gemacht oder beflügelt?

Ich denke, dass sie den Beruf an sich eher beflügelt haben. Allerdings haben sie die Branche tiefgreifend verändert. Das Problem an den neuen Medien ist in der Tat, dass sie Teile der Arbeitsschritte in der Illustration automatisiert haben, die noch vor einer Generation von Hand gemacht wurden. Das bringt Gutes wie Schlechtes mit sich. Gutes, weil sie uns eher langweilige Teile der Arbeit abgenommen haben, Schlechtes, weil Sie insgesamt das Mittelmaß befördern (das gilt jedoch für das gesamte grafische Gewerbe). Gestaltung ist ja nicht nur Inspiration, sie ist auch Handwerk. Der digitale Umgang mit ihr befördert eben auch jedweden gestalterischen Bluff, wenn man im Handumdrehen scheinbar praktikable Ergebnisse generieren kann, ohne gestalterische Basics zu beherrschen.

Was zeichnet Ihren Stil aus?

Das ist schwer zu beantworten. Sich selbst gegenüber ist man ja immer etwas „betriebsblind“. Ich glaube, ich mag einfach Zeichnungen. Ich arbeite fast immer aus der Linie heraus und koloriere hinterher mit Wasserfarben (und manchmal mit Buntstiften oder Collageschnipseln aus buntem Papier.)
Kurz gesagt sehe ich mich selbst deshalb vor allem als Zeichner.

Haben Sie Lieblingsmedien (welche?) oder passen Sie diese immer dem jeweiligen Thema/Auftrag an?

Zeichnung und Aquarell. Am liebsten direkt „vor Ort“ in ein Skizzenbuch gemalt.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

Das ist sehr unterschiedlich. Ich unterrichte ja noch an der FH Münster Illustration. Deshalb ist meine Woche eigentlich immer in zwei Hälften zerschnitten. In der einen Hälfte sitze ich in Berlin am Schreibtisch und in der anderen bemühe ich mich, unseren Studierenden Zeichnung und Illustration nahezubringen.

Ich hörte mal, der grösste Feind des Künstlers sei nicht mangelndes Talent, sondern die Störung durch andere Menschen. Brauchen Sie zum Arbeiten Stille und Einsamkeit, oder stören Sie andere Menschen nicht?

Nein ☺

Können Sie Ihren Weg von der ersten Idee bis hin zur fertigen Illustration beschreiben?

In der Regel habe ich gleich ein paar Visionen im Kopf – und in der Regel erweisen sich diese dann beim genauen Hinsehen (und aufzeichnen) als ziemlicher Mumpitz.
Tatsächlich kommen mir die besten Ideen beim Weiterverarbeiten von schlechteren Ideen.
Ich bin da ein großer Freund vom „machen“. Ich zeichnen einfach los und entwickele nach und nach ( und ebnen auch über -oft notwendige- schlechtere Zwischenschritte) bessere Ideen.
Ich habe festgestellt, dass ich meistens nur meine Zeit verschwende , wenn ich darauf warte , dass mich die Muse küsst. Drum: Ich nehme einfach ein Schmierpapier und zeichne los.

Wenn sie an Ihre vergangenen Arbeiten denken: Gibt es ein Projekt, das Sie als Ihr Lieblingsprojekt bezeichnen würden? Wenn ja: Welches, und wieso?

Ich habe vor ein paar Jahren ein Buch mit Skizzen aus dem Berliner Nachtleben veröffentlicht, mit Zeichnungen von Orten an denen fotografieren explizit verboten ist. Ich mochte den Gedanken etwas zeichnerisch zu dokumentieren was eben nur zeichnerisch zu dokumentieren ist. Aus Clubs, aus Techno Parties aus explizit sexuellen Zusammenhängen.
Und ich mag den Effekt, dass dies durch Zeichnung greifbar wird ohne die Protagonisten bloss zu stellen.

Welches Projekt würden Sie einem Leser gerne vorstellen?

Ich würde gerne mein neuestes Buch vorstellen. Mein Mix-Max Kochbuch. Ein Buch dessen Idee ich sehr mag. Es ist kein „normales“ Kochbuch das einem Rezepte vorschreibt und in dem Kochen einfach das Abarbeiten von Einkaufslisten darstellt. Das Mix Max Kochbuch hilft einem wirklich kreativ zu sein. Ich habe mir die Idee zusammen mit meiner Freundin Doro einfallen lassen, und ich glaube, es ist wirklich etwas neues und hilft allen, die wirklich Kochen lernen wollen, indem es spielerisch die Möglichkeiten aufzeigt, die unterschiedliche Zutatenkombinationen bieten.

Ein kleiner Blick ins Buch:

Wie ist das Klima zwischen Illustratoren? Ist jeder ein potentieller Konkurrent, den man meidet, oder ein Kollege im selben Arbeitsumfeld, mit dem man netzwerkt?

Ich mag Illustration und deshalb mag ich auch die Menschen, die sie machen.
Die meisten meiner Freunde haben mit Gestaltung oder Illustration zu tun und ich empfände mein Leben als ärmer, wenn ich mich nicht immer wieder mit Gleichgesinnten treffen und über unsere Kunst unterhalten könnte.
Ich glaube tatsächlich, dass wir nur gemeinsam die Situation der Illustratoren verbessern können. Deshalb war ich auch lange im Vorstand der IO Illustratoren Organisation aktiv. Ich glaube zudem, dass das Kontraproduktivste, was man in einer wirtschaftlich schwierigen Situation entwickeln kann, Konkurrenzdenken ist. Im Gegenteil ist es die Solidarität, die uns stark macht.

Was raten Sie jemandem, der Illustrator werden will?

In einem Satz? Man sollte kreativ, fleißig und mutig sein.

Welchen Illustrator oder Künstler soll ich hier noch vorstellen?

Meinen Atelierkollegen Aljoscha Blau 😉

Inspirationen und Ausblicke

So wie das Jahresende oft zu Rückblicken und Bilanzen anregt, steht das neue für Anfänge und Neues – und beides geht meist Hand in Hand. So auch bei mir in Bezug auf meinen Blog. Ich habe schon letztes Jahr damit begonnen, meine Blogs zusammenzuziehen und mich auf einen Blog zu konzentrieren: Denkzeiten. Für dieses Jahr habe ich neue Ideen für Inhalte, schon Bestehendes wird ausgebaut, etwas in Vergessenheit geratenes wird wieder belebt, Neues kommt dazu.

Bleiben werden die leisen Poesien und auch die eigenen Gedichte. Ebenso wird es weiter schräge Vögel und andere Illustrationen (auch mit Geschichten, Gedichten) geben. Die Interviews werden regelmässiger erscheinen, Buchtipps möchte ich wieder vermehrt im Blog besprechen und neu: Jeden Freitag möchte ich einen Beitrag mit fünf Dingen publizieren, die mich in dieser Woche inspiriert/beeindruckt/bewegt haben. Damit fange ich nun heute schon an, ausnahmsweise an einem Sonntag.

Fünf Dinge, die ich euch ans Herz legen möchte:

  • Ich habe zum wiederholten Male Franz Berzbachs Buch „Die Kunst, ein kreatives Leben zu leben“ gelesen. Eine schöne Aussage daraus finde ich folgende:

    „Sie sind zwar nicht immer ihres Glückes Schmied, aber noch weniger sind sie NUR Opfer der Umstände.“
  • Der Film „Werk ohne Autor“ hat mich bewegt, beeindruckt und zum Nachdenken angeregt. Das Schicksal des Protagonisten Kurt Barnert, welches in jungen Jahren massgeblich durch das Nazi-Reme geprägt und belastet war hat ganz viele Fragen in den Raum gestellt, über die ich schon lange nachdenke und es auch weiter tun werde. Der Film ist übrigens angelehnt an die Biographie von Gerhard Richter, den ich als grossartigen und tiefgründigen Künstler sehr schätze.
  • Angeregt durch den Film hörte ich den Monopol-Podcast über Joseph Beuys „Sind wir alle Künstler?“ Beuys würde dieses Jahr 100, wie aktuell sind seine Gedanken heute noch?
  • Dann liess ich mir das Buch von Wilhelm Schmid vorlesen „Unglücklich sein. Eine Ermutigung“ (zu finden auf Spotify). Schmid sieht darin das permanente Streben nach Glück als Weg zum Unglück. Das Leben, so Schmid, besteht nicht nur aus Schönem und Glücklichem, auch das Negative gehört dazu. Wären die Menschen ihr Leben lang nur glücklich gewesen, so Schmid, sässen sie noch heute auf den Bäumen. Dass Auch aus Negativem etwas wachsen kann – mehrheitlich sogar mehr als aus dem Positiven – ist nicht neu, aber es ist immer wieder heilsam, es zu hören und zu verinnerlichen.
  • Zu guter letzt folgt noch ein einzelnes Zitat:

    „Du selbst zu sein in einer Welt, die dich ständig anders haben will, ist die grösste Leistung.“ (Ralph Waldo Emerson)

    Ich wünsche mir, diese Leistung so oft wie möglich erbringen zu können.

Ich hoffe, es ist etwas für euch dabei! Vielleicht mögt ihr mir schreiben, was euch so inspiriert hat letzte Woche?