5 Inspirationen – Woche 15

Was ist mir diese Woche begegnet, hat mich diese Woche inspiriert?

  • Ferdinand Schirach denkt schon eine Weile über eine Europäische Verfassung nach, welche für den Menschen in Zukunft wichtige Grundrechte beinhalten soll. Dabei möchte er auf die Utopie einer wünschenswerten Umwelt setzen, nicht auf nach heutiger Sicht mögliche Forderungen – dass dies gelingen kann, zeigt er an historischen Beispielen. Dazu hörte ich kürzlich einen Podcast ( hier auf Video oder auf Spotify und anderen Kanälen als Podcast), dazu gibt es neben seinem Buch „Jeder Mensch“ eine Petition, die man unterschreiben kann: HIER
  • Ein weiterer Podcast, den ich hörte, stammt aus dem letzten Jahr, es war der Literaturpodcast der FAZ, ich weiss leider nicht, welche Folge. Aber: Es drehte sich um das Beethoven-Jahr und die damit zusammenhängenden Neuerscheinungen zum Leben und Wirken Beethovens. Nun mag ich zwar seine Musik, aber ich habe ich nie weiter mit ihm befasst. Ich habe in den wohl 20 Minuten so viel gelernt und gehört, fand einen Zugang zu einem mir neuen Feld, dass ich mir dachte, dass es ab und an wertvoll ist, einfach mal mit offenem Blick in neue Gebiete hineinzuschauen… klar sollten sie wohl einen Bezug zu einem selber haben, sonst schweben sie gar im luftleeren Raum. Aber mit einem Minibezug lassen sich ganz schnell neue Gebiete ertasten, die so wertvoll sind.
  • Mein dritter Punkt ist ähnlich: Ich habe das schon mehrfach in meinem Leben erlebt, nun gerade neu: Ich bin an einem Projekt, das ziemlich fokussiert ist. Und doch habe ich – zwar verwandt, aber eher weitverzweigt – Interessen und Wissensdurst, so dass ich mir Bücher bestelle, Artikel suche. Ich schelte mich im ersten Moment innerlich, dass ich mich wieder verzettle, finde beim nähere Hinschauen Bezüge, auf die ich rein rational nie gestossen wäre. Manchmal denke ich, dass wir, wenn wir unseren Weg haben, wie von Zauberhand auf Passendes stossen. Synergien zeigen sich, wenn man genug in die Tiefe geht und aus sich heraus arbeitet. Es klingt esoterisch, ist aber nicht so gemeint, denn daran glaube ich nicht. So wie Schwangere plötzlich nur noch andere Schwangere sehen, öffnen sich plötzlich Bezugsmomente.
  • Ich schaue in letzter Zeit wieder vermehrt Filme, die mit der Kriegs- oder Nachkriegszeit in Verbindung stehen. Das war über Jahre mein Thema, wissenschaftlich und durch die grosse Präsenz davon auch im Leben. Es war nicht immer leicht, mit all dem Leid, mit all der Schwierigkeit so nah konfrontiert zu sein (und immer noch unglaublich privilegiert durch die zeitliche Distanz). Heute rückt es mir ab und an die Relationen zurecht. Wenn ich höre, wie schwer die Zeiten heute doch seien… und sehe, was mal war… fühle ich mich unglaublich glücklich, heute und nicht damals zu leben. Zumal ich nicht wüsste, wer ich damals gewesen wäre und welches Schicksal mich ereilt hätte…
  • Diese Woche ertappte ich mich beim Gedanken, gerne zu einer Gruppe zu gehören, zu der ich offensichtlich nicht gehöre. Zwar ist sie im nächsten Umfeld und doch bin ich aussen vor. Zuerst kam der Schmerz des Ausgeschlossenseins. Dann das Nachdenken, was ein Eingeschlossensein bedeuten würde. Ich müsste etwas mir sehr Wichtiges aufgeben. Etwas, das in meinem Leben oberste Priorität hat. Auch die zweitoberste Priorität müsste ich aufgeben. Aber dann… wäre es eventuell möglich. Ohne dieses Nachdenken war ich im Schmerz des Ausgeschlossenseins gefangen. Danach merkte ich, dass ein Teil auch bei mir liegt. Wie möchte ich leben? Welche Konsequenzen hat das? Will ich die tragen oder gebe ich was auf? Es ist zumindest teilweise auch meine Entscheidung. Und ich muss sie bewusst fällen.

Ich hoffe, es war was für euch dabei, das euch angesprochen hat. Wenn ihr etwas habt, das euch diese Woche angesprochen, bewegt, inspiriert hat – ich würde mich freuen, wenn ihr davon berichten würdet. Ich wünsche euch ein schönes Wochenende und einen guten Start in die neue Woche!

Robert Walser (15. April 1878 – 25. Dez. 1956)

Robert Otto Walser wird am 15. April 1878 in Biel geboren, wo er auch die Schule besucht, bis er diese wegen Geldnot der Familie abbrechen muss. Er hängt sehr an seiner Mutter, so dass ihr Tod 1894 ein schwerer Schlag für ihn ist. Nach einer Banklehre verlässt der theaterbegeisterte Walser die Schweiz und zieht (wie vor ihm schon sein Bruder Karl) nach Stuttgart, wo er sich neben seinem Brotjob erfolglos als Schauspieler versucht. Schon ein Jahr später bricht er auch in Stuttgart wieder seine Zelte ab und wandert zu Fuss zurück in die Schweiz, wo er sich in Zürich niederlässt. Er hält sich da mit verschiedenen Bürostellen über Wasser, was er später in seiner Literatur immer wieder als Motiv verwendet.

1898 erscheinen die ersten Gedichte in der Zeitung, welche Aufmerksamkeit auf sich ziehen und ihm weitere Publikationsmöglichkeiten eröffnen. 1904 erscheint mit «Fritz Kochers Aufsätze» Walsers erstes Buch, 1908 der Roman «Der Gehülf», 1909 «Jakob von Gunten. In seinen Werken verarbeitet er immer wieder Stationen seines Lebens, so ist die Figur des Dieners, welche in vielen seiner Bücher eine Rolle spielt, auf seine eigene Ausbildung zum Diener zurückzuführen.

1906 zieht Walser nach Berlin, wo er 1907 «Geschwister Tanner» veröffentlicht, einen Roman, den er in gerade mal sechs Wochen geschrieben hatte. Durch seine Romane und die parallel dazu erscheinenden Prosastücke, welche in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften publiziert werden, etabliert sich Walser bald schon im Literaturbetrieb der damaligen Zeit, namhafte Schriftsteller wie Hesse oder Kafka nennen ihn ihren Lieblingsschriftsteller und auch andere grosse Namen preisen sein Werk. Trotzdem bleibt er zu Lebzeiten dem breiten Publikum unbekannt, obwohl schon zu Lebzeiten eine dreibändige Werkausgabe erscheint, etwas, das vielen Schriftstellern zu Lebzeiten nicht zuteil wird.

Wie immer

Die Lampe ist noch da,
der Tisch ist auch noch da,
und ich bin noch im Zimmer,
und meine Sehnsucht, ah,
seufzt noch wie immer.

Feigheit, bist du noch da?
und, Lüge, auch du?
Ich hör’ ein dunkles Ja:
das Unglück ist noch da,
und ich bin noch im Zimmer
wie immer.
(1909)

1913 zieht Robert Walser in die Schweiz zurück. Trotz vieler Erfolge reicht das Geld kaum zum Leben. Es folgen viele Umzüge, aus der finanziellen Not heraus muss er auch eine Anstellung annehmen. Daneben schreibt er unentwegt weiter und unternimmt zudem ausgedehnte Fussmärsche.

„Der Mensch ist ein feinfühliges Wesen. Er hat nur zwei Beine, aber ein Herz, worin sich ein Heer von Gedanken und Empfindungen wohlgefällt. Man könnte den Menschen mit einem wohlangelegten Lustgarten vergleichen.“

Es fällt auf, dass in Robert Walsers Familie psychische Krankheiten gehäuft auftreten. Schon die Mutter ist an einer gestorben, ebenso stirbt sein Bruder Ernst 1916 in einer Heilanstalt, der Bruder Hermann nimmt sich das Leben. Der Krieg tut das Seine dazu, Robert Walser lebt mehr und mehr isoliert und wird zudem von Angstzuständen und Halluzinationen heimgesucht. Das alles führt schliesslich zu einem psychischen Zusammenbruch und in der Folge 1929 zur Einweisung in eine Heilanstalt in Bern.  

Nach einer zeitweiligen Verbesserung seines Zustandes beginnt Walser wieder mit dem Schreiben, allerdings in viel geringerem Ausmass als früher. Auffällig ist dabei seine Methode: Mit Bleistift und in immer kleiner werdenden Buchstaben füllt er Unmengen von Blättern mit Gedichten und Prosawerken. Am Schluss messen die einzelnen Buchstaben kaum mehr als einen Millimeter.

„Die Erfolglosigkeit ist eine bitterböse, gefährliche Schlange. Sie versucht, unbarmherzig das Echte und Originelle im Künstler abzuwürgen.“

Der Schreibfluss endet 1933 nach seiner gegen seinen Willen erfolgten Verlegung in eine andere Heilanstalt nach Herisau. Ein weiterer Grund für das Versiegen desselben dürfte auch der durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten nicht mehr vorhandene Absatzmarkt sein. Robert Walser verbringt im Folgenden die Zeit mit den üblichen Arbeiten im Heim sowie mit Lesen und ausgedehnten Spaziergängen.

«Spazieren muss ich unbedingt, um mich zu beleben und um die Verbindung mit der lebendigen Welt aufrechtzuerhalten.»

Auch als er eigentlich als gesund gilt, will er die Anstalt nicht verlassen, es scheint, er hat hier ein Zuhause gefunden, wie er es lange nicht gekannt hat.

Der Schnee

Der Schnee fällt nicht hinauf
sondern nimmt seinen Lauf
hinab und bleibt hier liegen,
noch nie ist er gestiegen.

Er ist in jeder Weise
in seinem Wesen leise,
von Lautheit nicht die kleinste Spur.
Glichest doch du ihm nur.

Das Ruhen und das Warten
sind seiner üb’raus zarten
Eigenheit eigen,
er lebt im Sichhinunterneigen.

Nie kehrt er je dorthin zurück,
von wo er niederfiel,
er geht nicht, hat kein Ziel,
das Stillsein ist sein Glück.

Robert Walser stirbt 1956 auf einer Wanderung an einem Herzschlag. Es existieren Fotos vom Verstorbenen, wie er im Schnee liegt, welche in einer fast unheimlich zu nennenden Weise an den toten Dichter Sebastian aus Walsers erstem Roman «Geschwister Tanner» erinnern. Als Schriftsteller ist Robert Walser aber schon etwa 30 Jahre vorher verstummt, so lange liegt sein letztes Werk zurück.

Zu philosophisch

Wie geisterhaft im Sinken
Und Steigen ist mein Leben.
Stets seh‘ ich mich mir winken,
dem Winkendem entschweben.

Ich seh‘ mich als Gelächter,
als tiefe Trauer wieder,
als wilden Redeflechter;
doch alles dies sinkt nieder.

Und ist zu allen Zeiten
wohl niemals recht gewesen.
Ich bin vergessne Weiten
Zu wandern auserlesen.

Ein früher erschienenes Porträt findet sich HIER

Robert-Walser-Pfad

Wer sich Robert Walsers Lebensweg sprichwörtlich erlaufen möchte, kann dies auf dem Robert-Walser-Pfad in Herisau tun. Auf einer Strecke von 7.9 km finden sich immer wieder Tafeln mit Zitaten und Einblicken in sein Werk.

Link zum Robert-Walser-Pfad

Ausgewählte Werke

  • 1904 Fritz Kochers Aufsätze
  • 1907 Geschwister Tanner
  • 1908 Der Gehülfe
  • 1909 Jakob von Gunten
  • 1915 Kleine Dichtungen
  • 1917 Kleine Prosa
  • 1917 Der Spaziergang
  • 1917 Poetenleben

Corona, Gedanken und eine Utopie

Ich bin ein Mensch, der schnell zu viel hat. Zu viel Lärm, zu viele Termine, zu viel Müssen, zu viel von aussen, zu viel Einfluss, zu viel Druck. Vieles von all dem mache ich selber, vieles kommt einfach. Durch die Welt, wie sie ist. Ich suchte mir mein Leben lang Nischen und entzog mich. Das klappte mehrheitlich gut. Das Unverständnis ebenso. 
Es passt nicht in unsere Welt, gerne allein zu sein. In unserer Welt muss man präsent sein, man muss sich zeigen, man muss dabei sein, man braucht Termine, man stellt was dar. In unserer Welt repräsentiert man, fügt sich in Schubladen ein, ist nur genehm, wenn man darin Platz findet. In unserer Welt leistet man, und zwar immer das, was an Leistung gefordert ist aktuell. In unserer Welt ist man, wie man ist, weil man eben so ist und zu sein hat. Wie könnte man nur anders sein?

Und ja in unserer Welt ist man sehr tolerant, man spricht über alles und das soll so sein dürfen. Nur wenn jemand spricht, wie man das nicht möchte, dann grenzt man ihn aus. Das fällt in unserer Welt ja auch so leicht: Ein Klilck, er ist weg. Unsere Welt ist geprägt. Von genau dem. Von diesem Leben in einer pluralistischen und liberalen Gesellschaft, das man sich gross auf die Fahnen schreibt, von dem aber wenig zu spüren ist, da schlussendlich doch nur ein kleiner Teil des Pluralismus genehm und nur ein noch kleinerer Teil vom Liberalismus gedeckt ist. Über den Rest diskutieren wir bevorzugt nicht. 

Und nun sitzen wir in diesem Lockdown. Und mir ist es – um es in meiner Sprache zu sagen – vögeliwohl. Ich bin wohl der Profituer eines Umstandes, den ich mir in meinen wildesten Träumen nie gewünscht hätte. NIcht mal geträumt. Nein, schlicht nicht gewollt. Was aber wertvoll ist: Ich muss nirgends hin. Ich darf nicht. Keiner fragt mich, wieso ich nicht will. Es ist klar: Ich kann nicht. Endlich ist die Ruhe da, die mir gut tut. Endlich darf ich so leben, wie es für mich passt, ohne schräg angeschaut zu werden. Endlich bin ich kein Exot, sondern halt einfach so wie alle anderen. Etwas, das ich nicht kenne. Endlich muss ich mich nicht rechtfertigen – auf Arten und Weisen, die dann doch keiner versteht. 
Und langsam kommt die Angst auf: Es wird ein Nachher geben. Kommt dann alles doppelt und dreifach zurück? Was kommt auf mich zu? Kann ich dem bestehen? Was, wenn nicht? Was mir auffällt ist, dass sich meine schon vorher so ausgeprägten Züge nach Rückzug nicht nur gestillt, sondern verstärkt haben. Was vorher noch mal so ging, ist in der Vorstellung nun schon viel. Ich komme mehr als gut klar mit dem Rückzug (auch wenn sogar mir das Eine oder Andere durchaus fehlt), aber ich merke eine immer grössere Angst, dass ich mit einer Umkehr Mühe haben würde. 

Wird nachher mehr Verständnis da sein? Ich denke, dass eher das Gegenteil der Fall sein wird. Jeder, der Mühe hatte, wird umso mehr darauf bedacht sein, einen Zustand hinzukriegen, der all dem entgegen wirkt. Er wird kompensieren wollen. 

Noch ist es nicht so weit. Und noch behalte ich die Hoffnung, dass diese Zeit, die trotz allem nicht einfach ist und war, etwas bewirkt hat in den Köpfen. Und ich wünsche mir, dass wir mit mehr Miteinander daraus hervor gehen. Vielleicht ist das eine Utopie. Nur: Schon ganz viele Staatsphilosophien gründeten auf Utopien, die Amerikanische Verfassung war eine, um nur ein Beispiel zu nennen… und vieles konnte umgesetzt werden. Wieso nicht auch das?

Kleine Deutungen – Erich Fried: Nachtgedicht

Erich Fried (1921 – 1988)

Dich bedecken
nicht mit Küssen
nur einfach
mit deiner Decke
(die dir von der Schulter geglitten ist)
dass du im Schlaf nicht frierst.

Später
wenn du erwacht bist
das Fenster zumachen
und dich umarmen
und dich bedecken
mit Küssen
und dich entdecken.*

Wenn man an Erich Fried denkt, fällt einem wohl zuerst seine politische Lyrik ein, welche im Einklang steht mit seinem politischen Engagement. Er war kein einfacher Zeitgenosse, er sagte seine Meinung und er tat dies klar und pointiert. Dass man ihn – vor allem in rechten und konservativen Kreisen – auch gerne als «Stören-Fried» bezeichnete, zollt dem Rechnung. Doch dies ist nur eine der vielen Seiten von Erich Fried.

Fried war auch ein Sprachakrobat, er wusste, die Sprache einzusetzen, damit zu spielen. Mit dieser Fähigkeit gelang es ihm, die Werke Shakespeare in einer diesen gebührenden Weise zu übersetzen, etwas, das vor ihm so noch keinem gelungen ist. Auch andere Dichter hatten das Glück, im deutschen Sprachraum durch seine Feder bekannt zu werden: Sylvia Plath, T. S. Eliot, Dylan Thomas, um nur einige zu nennen.

Und nicht zuletzt schrieb er Liebesgedichte. Er tat dies in der ihm eigenen Art:

Was ist Liebe? Ganze Regale könnten gefüllt werden mit Romanen und Abhandlungen zu dem Thema, es beschäftigt die Menschen wohl seit es sie gibt. Erich Fried braucht in diesem Gedicht nicht viele Worte, und doch ist alles da.

Liebe ist ein Ich, das ein Du hat. Sie ist ein Zusammensein, das Teilen von Tisch und Bett.

Liebe ist das Hinschauen, wie es dem anderen geht und das Hineinfühlen, was er braucht, was ihm gut tut. Liebe ist die Sorge um den anderen, der Wunsch, es möge ihm gut gehen. Und sie ist der Wunsch, das Mögliche dazu beizutragen.

Liebe ist, dem anderen den Raum zu geben, den er braucht, und doch dazusein. Liebe ist die Nähe, die man den anderen immer wieder spüren lässt, und ihm damit zu zeigen, er ist nicht allein.

Liebe ist Zärtlichkeit, sind die lieben Worte und Gesten, in welchen sie sich ausdrückt.

Liebe ist der immer wieder neue Wunsch, den anderen zu sehen, zu entdecken, ihn kennenzulernen.

Liebe ist die Lust, die sich am anderen entzündet.

Erich Fried gelingt es wie kaum einem anderen, Worte für eigentlich nicht Sagbares zu finden, durch die das Gefühl hindurch scheint. Man liest die Zeilen und findet zwischen ihnen ganze Geschichten. In kurzen Versen erschliesst sich so eine ganze Welt, die über sich hinausweist, die Gefühle sprechen lässt. Und als Leser sitzt man da, liest die Worte, erlebt die Geschichte und fühlt sie tief in sich mit.   

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*zit. nach Erich Fried: Liebesgedichte, S. 92, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2016.

Ingeborg Bachmann: Der gute Gott von Manhattan

Jan und Jennifer treffen sich zufällig am Bahnhof von New York. Nach anfänglichem Desinteresse von Jan beschliessen die beiden, essen zu gehen und beziehen später ein schäbiges Zimmer in einem Stundenhotel. Da Jan am nächsten Tag mit dem Schiff nach Europa fahren will, ist klar, dass diese Begegnung sich auf eine Nacht beschränken wird.

Als Jan am nächsten Morgen erfährt, dass sein Platz auf dem Schiff nicht sicher ist, beschliesst er, länger zu bleiben. War Jan am Abend zuvor noch eher kalt und abweisend zu Jennifer, entwickeln sich nun Gefühle, eine Liebe wächst heran.

«Sie gaben einem Verlangen, das von der Schöpfung nicht so gedacht sein kann, mit einer Laune nach, die ernsthafter war als jeder Ernst, und schwuren sich Gegenwart und sonst nichts, mit jedem Blick, jedem heftigen Atemzug und jedem Griff in das hinfälligste Material der Welt, dieses Fleisch, das vor Traurigkeit bitter schmeckte und in dem sie gefangen lagen, verurteilt zu lebenslänglich.»

Damit passiert genau das, was der gute Gott von Manhattan vermeiden will: Romantische Liebe hat in einer bürgerlichen Gesellschaft keinen Platz, sie bringt höchstens Unruhe und Verderben mit sich. Deswegen hat er es sich zur Aufgabe gemacht, diese Liebe auszulöschen, indem er die davon Betroffenen in die Luft sprengt.

„Jetzt war die Gefahr in Verzug, ich witterte, dass es wieder einmal angefangen hatte. Von diesem Augenblick an erst machte ich mich an die Verfolgung.“

Auch Jennifer wird dieses Schicksal erreichen, weswegen sich der gute Gott von Manhattan vor einem Richter verantworten muss.

«Ich glaube, dass die Liebe auf der Nachtseite der Welt ist, verderblicher als jedes Verbrechen, als alle Ketzereien.»

„Der gute Gott von Manhattan“ war Ingeborg Bachmanns fünftes veröffentlichtes Hörspiel, eine damals noch junge Gattung. Es ist ihr damit gelungen, die bürgerliche Ordnung als Gegenspieler menschlicher Figuren zu präsentieren, wobei die Ordnung durch den guten Gott von Manhattan als moralische Instanz verkörpert wird. Dieser hat es sich zur Aufgabe gemacht, in dieser Stadt für Ordnung zu sorgen, indem er die lauernden Gefahren sieht und auslöscht.

Die Moral findet sich im Gespräch mit dem Gesetz, verkörpert durch den Richter. Beide beleuchten die Geschichte zwischen Jennifer und Jan, welche einerseits eine sich entwickelnde Liebesgeschichte darstellt, andererseits aber auch verschiedene weitere Ebenen in sich trägt wie die Geschlechterverhältnisse zwischen Mann und Frau allgemein als auch die persönlichen Erfahrungen Ingeborg Bachmanns mit Männern einschliesslich ihrer Haltung diesen gegenüber, indem sie sich einerseits als ehrgeizige Künstlerin in einer damals noch männlich dominierten Welt behaupten will, andererseits sich aber Männern durchaus auch unterordnet und diese durch ihre fast schon Unterwerfung zu nennende Haltung zum Vorbild nimmt.

Das Thema der utopischen Liebe ist zudem gerade in ihrem Frühwerk oft zu finden. Neben „Briefe an Felician“, in welchen die Briefeschreiberin einen fiktiven Geliebten von ihrer euphorischen Liebe schreibt, behandeln auch viele von Bachmanns Gedichten diesen Topos.

Es finden sich in dem Stück die verschiedensten Bezüge, sowohl auf zeitgenössische Verbrechen, als auch auf die nordische Mythologie sowie die Welt der Märchen. Durch diverse literarische Verweise wird das Stück zudem in der Literaturgeschichte verankert und vernetzt.

Rezeption
Als das Hörspiel am 29. Mai 1958 gesendet wurde, stiess es bei den Kritikern mehrheitlich auf Unverständnis. Man bemängelte die teilweise unverständliche, zu lyrische Sprache, empfand die Figuren der Eichhörnchen als zu weit hergeholt, den guten Gott in seiner Argumentation zu wenig nachvollziehbar. Trotzdem wurde das Hörspiel 1959 mit dem rennomierten Hörspielpreis der Kriegsblinden ausgezeichnet, auch wenn sogar bei dieser Vergabe Zweifel im Raum standen, ob das doch sehr komplexe Werk, welches erst nach mehrfachem Hören – wenn überhaupt – verständlich sei, überhaupt noch zur Kategorie „Hörspiel“ zu zählen sei.

Die Diskussionen um das Werk rissen auch über die Jahre nicht ab, 1983 betitelte es der Österreichische Rundfunk als „bestes Hörspiel der Welt“, während andere Stimmen noch immer eine zu pessimistische Weltsicht und zu grosse Verzweiflung in einer zu komplexen Form und Struktur bemängelten. Bei der Sprache war man sich zwar mehrheitlich einig, dass diese Ausdruck von „Reichtum und Magie“ sei, was aber gerade bei einem Hörspiel auch zu Schwierigkeiten führen kann. Klar war aber das Eine: Ingeborg Bachmann war mit diesem Hörspiel etwas Neues gelungen, das sich vom bisher Dagewesenen abhebt.

„Der gute Gott von Manhattan“ wurde 1977 fürs Fernsehen verfilmt.

Fazit:
Ein vielschichtiges, tiefgründiges, weit verzweigtes Werk, welches seine vielen Ebenen erst nach und nach preisgibt. Durch die verschiedenen möglichen Lesarten ein Buch, das man sicher mehrfach lesen kann und sogar sollte. Sehr empfehlenswert!

Zur Autorin
Ingeborg Bachmann wird am 25. Juni 1926 in Klagenfurt geboren. Mit dem Einmarsch deutscher Truppen im Zweiten Weltkrieg endete nach Bachmanns Aussagen die Kindheit jä – ein Ereignis, das ihr späteres Schreiben immer wieder prägen wird. Erste Gedichte finden sich schon bei der 12-jährigen Ingeborg Bachmann. 1945 beginnt Ingeborg Bachmann ihr Studium in Literatur, Kunst und Jura in Insbruck, wechselt später nach Graz und dann nach Wien, wo sie mit Philosophie und Psychologie abschloss und 1950 eine Dissertation über Martin Heidegger schrieb. Es folgten journalistische Arbeiten, welche aber neben dem schon da dringenden Wunsch, Schriftstellerin zu sein, mehrheitlich eher als ungeliebter Brotjob anzusehen waren. Nach einer Einladung in die Gruppe 47 im Jahr 1952 konnte sie im Jahr 1953 deren Preis gewinnen, im gleichen Jahr erschien ihr erster Gedichtband «Die gestundete Zeit», 1956 der zweite mit dem Titel «Anrufung des Grossen Bären». Damit stand ihr Ruhm als eine der bedeutendsten Lyrikerinnen der literarischen Moderne fest, was aber leider finanziell zu wenig einträglich war, um davon zu überleben.

Es folgten mehrere Stellen, dem finanziellen Überleben geschuldet, sowie diverse Umzüge, welche wohl finanzielle und andere, der persönlichen Unrast und privatem Unglück geschuldete Gründe hatten. Über die Jahre finden sich verschiedene Liebschaften, denen allesamt wenig (und vor allem kein anhaltendes) Glück beschieden war. Irgendwann versiegten bei Ingeborg Bachmann die Gedichte, sie widmete sich Prosawerken, später einem gross gedachten Romanprojekt, von welchem aber nur ein Roman wirklich fertiggestellt wurde: 1971 erschien Malina.

Die zunehmenden psychischen Probleme, die sie immer wieder plagten, gepaart mit Alkoholexzessen und Tablettenabhängigkeiten verdüsterten das Leben der Dichterin zunehmend. Bei einem einem Feuer in ihrer Wohnung in Rom erlitt Ingeborg Bachmann starke Verbrennungen, weswegen sie ins Krankenhaus kam. Gestorben ist sie aber mutmasslich an den Entzugserscheinungen eines Medikaments, bei welchem bis zu spät nicht klar war, welches es ist. Ingeborg Bachmann starb am 17. Oktober 1973 in Rom.

Dr. med. Mirriam Prieß: Die Kraft des Dialogs

«Leben ist Beziehung. […] Gelingen unsere Beziehungen, gelingt unser Leben.»

Wir alle streben nach Glück, wir alle wollen ein Leben führen, das wir als gelungenes Leben, als Leben, das für uns selber lebenswert erscheint, bezeichnen können. Nach Mirriam Prieß ist ein Leben dann ein gelingendes Leben, wenn wir erfüllte Beziehungen führen können, sei das in der Familie, in der Partnerschaft, bei der Arbeit und vor allem auch zu uns selber.

„Jede Beziehung, die wir führen, verlangt eine aktive Gestaltung und Zutun durch uns selbst. Vertrauen oder das Gefühl des Zuhauseseins – beides „fällt nicht vom Himmel“. Damit beides entstehen und wachsen kann und unsere Beziehungen gelingen, brauchen wir den Dialog.

Grundlegend für eine gelingende Beziehung sieht Mirriam Prieß den Dialog. Damit dieser gelingen kann, ist es wichtig, dass im sogenannten Dialogdreieck aus Du, Ich und Wir ein Gleichgewicht herrscht, keine der drei Partien dominiert, sondern alle den gleichen Stellenwert haben. Nur wenn mein Ich auf einem sicheren Fundament steht, kann ich dieses einem Du entgegenhalten. Nur wenn das Du seinen Platz hat, steht es dem Ich auf Augenhöhe gegenüber. Und nur wenn sowohl Ich als auch Du das Wir gleichermassen schätzen und beachten wie sowohl sich selber als auch das Gegenüber, entsteht ein Gleichgewicht, aus diesem heraus ein gelingender Dialog möglich ist und damit die Basis für eine gelingende Beziehung gelegt werden kann.

Wichtige Eigenschaften, die es braucht für einen gelingenden Dialog sind Interesse am anderen, Offenheit für dessen Ansichten und Meinungen, Empathie als ein Mit- und Hineinfühlen, Augenhöhe und Respekt, sowie Wertschätzung und Liebe.

Mirriam Prieß erläutert auf fundierte und gut lesbare Weise das Dialogprinzip, welches sie als grundlegend für ein erfülltes Beziehungsleben und damit für ein gelingendes Leben erachtet. Sie gibt dem Leser immer wieder Übungen an die Hand, mit denen dieser prüfen kann, wo er im Moment steht und wie er an einzelnen Punkten arbeiten kann. Zusätzlich führt Mirriam Prieß Beispiele aus der Praxis an, um an konkreten Fällen zu demonstrieren, wie sich eine fehlende Dialogstruktur auswirken kann und womit Verbesserungen herbeigeführt werden können.

Würde man die vielen Beispiele weglassen, schmölze das Buch wohl auf einen Drittel. Nun mag es durchaus Leser geben, die gerade die Beispiele wichtig finden für ein besseres Verständnis und das Gefühl, nicht blosser Theorie gegenüberzusitzen. Die Menge an Beispielen kann aber auch langatmig und eher den Informationsfluss behindernd wirken.

Das Thema ist alles andere als neu, alle von Mirriam Prieß vorgebrachten Theorien und Argumente finden sich in einer ganzen Flut von Literatur (ganz prominent sicher Martin Buber), auch auf Denkzeiten erschienen schon Artikel (Echte Dialoge, Achtsame Kommunikation: Was ist ein philosophischer Dialog, etc.), aber es ist gut lesbar aufbereitet und für jemanden, der noch nie etwas zu dem Thema gelesen hat, durchaus informativ.

Fazit:
Ein gut lesbares und fundiert geschriebenes Buch zur Praxis des Dialogs, welcher, so die Hypothese des Buches, Voraussetzung für eine gelingende Beziehung und damit für ein erfülltes Leben ist. Empfehlenswert!

Bewertung:
3***/5 – drei von fünf Sternen

Zur Autorin
Dr. med. Mirriam Prieß hat an der Universität Hamburg Medizin mit anschließender Promotion im Fachbereich Psychosomatik studiert. Sie war als Ärztin 8 Jahre in einer psychosomatischen Fachklinik tätig und unter anderem für die Behandlungsschwerpunkte Ängste, Depressionen und Burnout verantwortlich. Seit 2005 übernimmt sie beratende Tätigkeiten in der Wirtschaft mit Einzelcoaching von Führungskräften im Bereich Konflikt- und Stressmanagement. Ihre 2019 gegründete Stiftung „Dialogstark!“ hat sich dem Ziel verpflichtet, die Dialogfähigkeit von jungen Menschen zwischen 17 und 25 zu fördern.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 240
Verlag: Südwest Verlag (1. März 2021)
ISBN: 978-3517099620
Preis: EUR 20 / CHF 31.90

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online unter anderem bei AMAZON.DE und ORELLFUESSLI.CH

5 Inspirationen – Woche 14

Es war eine kurze Woche durch das Osterwochenende. Ich war sehr vertieft in mein neues Projekt und merkte, wie viel Spass es mir macht, mich endlich mal wieder in die Tiefe zu begeben, zu wühlen, zu forschen. Einmal Wissenschaftler, immer Wissenschaftler wohl… die Leidenschaft am Stöbern ist ungebrochen und sie hat diese Woche mit viel Energie befeuert. Es bleibt nicht aus, dass dabei so einiges auf der Strecke blieb – aber ich habe schlussendlich alles noch reingepackt. Auch reingepackt habe ich die erste von zwei Impfungen gegen (für/wegen?) Corona… der Arm schmerzte am ersten Tag doch ziemlich, ein Ponstan später war besser, der zweite Tag war noch spürbar, aber ich bin ja hart im Nehmen. Oder so. Oder aber der Zahnarzttermin gleich am nächsten Tag hat die Aufmerksamkeit schlicht abgezogen.

Was ist mir diese Woche begegnet, hat mich diese Woche inspiriert?

  • Ich hörte den FAZ Bücher-Podcast mit Helga Schubert. Mit 80 Jahren gewann sie den Ingeborg-Bachmann-Preis und hat nach nun 60 Jahren des Schreibens noch mehr Mut gefasst, Neues zu versuchen. Was sicher bleibt, so Schubert, ist das Schreiben an sich, sei es doch ihre Art des Ausdrucks. Die Frau hat mich in ihrer Lebensfreude, in ihrer Erzählenergie, in ihrem Mut und Witz, ihrem Umgang auch mit schwierigen Themen sehr beeindruckt.
  • Eine eMail von brainpickings in meiner Inbox hat mich dazu gebracht, wieder einmal meinen Gedichtband von Emily Dickinsen hervorzuholen und darin zu lesen. Sie hat es wohl wie keine andere geschafft, die Natur in klingende Bilder zu verpacken. In fast immer gleichem Rhythmus singt sie ihre kleinen Lieder. Hier das Gedicht:

A Light exists in Spring
Not present on the Year
At any other period —
When March is scarcely here

A Color stands abroad
On Solitary Fields
That Science cannot overtake
But Human Nature feels.

It waits upon the Lawn,
It shows the furthest Tree
Upon the furthest Slope you know
It almost speaks to you.

Then as Horizons step
Or Noons report away
Without the Formula of sound
It passes and we stay —

A quality of loss
Affecting our Content
As Trade had suddenly encroached
Upon a Sacrament.

  • Ich schaute im Fernsehen die Verfilmung von Ferdinand Schirachs «Schuld». Schirach zeigt auf eindrückliche Weise, wie schwer es ab und an ist, Schuld von Unschuld zu trennen, ein Urteil zu fällen. Die Verfilmung wie das Buch kann ich nur ans Herz legen, beide laden – wie bei Ferdinand von Schirach üblich – zum Nachdenken ein.
  •  Es gab Zeiten, da hatte ich einen hohen Anspruch an mein Zeichnen und Malen. Und ich setzte mich selber unter Druck. Als Kind spielte ich Klavier und hörte ständig, ich müsste mehr üben. Und verlor die Freude. Irgendwann kaufte ich mir ein Keyboard, das machte unsinnig Spass, doch es erfüllte keinen Anspruch. Ich verkaufte es und ersetzte es durch ein Klavier. Der Spass war raus und es stand bis zum Wiederverkauf rum. Kürzlich setzte ich mich hin und fing an, Mandalas zu zeichnen. Grund? Mir war grad danach. Dann setzte ich mich an mein Keyboard (ich hatte mir in Erinnerung an die frühere Freude eines angeschafft, ohne Anspruch auf irgendwas). Und ich sass da und spielte und freute mich. Wohl länger als gezwungen je geschafft. Und ich merkte: Es gibt im Leben sicher Dinge, die man muss. Wo es aber keinen Grund für einen Zwang gibt, bringt ein solcher gar nichts ausser den Verlust an jeglicher Lust und Freude. Ich geniesse es, einen Ausgleich zu haben beim Zeichnen und beim Klimpern (Musik möchte ich das gar nicht nennen). Ein freudvoller Ausgleich tut gut – und was ich lange vernachlässigte: Er raubt keine Zeit, er bringt neue Energie. Nicht alles muss einem Anspruch genügen.
  • Und irgendwie in Anlehnung daran, hier mein fünfter Punkt: Ich lass mal fünfe grad sein. Es könnten auch mal vier Punkte sein, wieso müssen es fünf sein? Zwar habe ich damit nun einen fünften und sogar einen, den ich für ganz wichtig erachte… aber die Botschaft dahinter liegt mir am Herzen: Wie oft setzen wir uns selber unter Druck? Wie oft wollen wir etwas/jemandem genügen? Wie oft gehen wir sogar über unsere Grenzen, um dies zu tun? Wozu?

Ich hoffe, es war was für euch dabei, das euch angesprochen hat. Wenn ihr etwas habt, das euch diese Woche angesprochen, bewegt, inspiriert hat – ich würde mich freuen, wenn ihr davon berichten würdet. Ich wünsche euch ein schönes Wochenende und einen guten Start in die neue Woche!

William Wordsworth (7. April 1770 – 23. April 1850)

William Wordsworth wurde am 7. April 1770 in Grossbritannien geboren. Er war einer der bekanntesten englischen Dichter der Romantik und vor allem durch seine an der Natur orientierten Gedichte bekannt. Allerdings verschloss er sich auch nicht der Schönheit anderer Orte, unter anderem jener der Stadt London. In seinem Gedicht Composed upon Westminster Bridge glänzt diese in voller Pracht:

Composed upon Westminster Bridge, September 3, 1802
Earth has not anything to show more fair:
Dull would he be of soul who could pass by
A sight so touching in its majesty:
This City now doth, like a garment, wear
The beauty of the morning; silent, bare,
Ships, towers, domes, theatres, and temples lie
Open unto the fields, and to the sky;
All bright and glittering in the smokeless air.
Never did sun more beautifully steep
In his first splendour, valley, rock, or hill;
Ne’er saw I, never felt, a calm so deep!
The river glideth at his own sweet will:
Dear God! the very houses seem asleep;
And all that mighty heart is lying still!”

Schönheit zu sehen braucht Zeit, die man sich nehmen soll. Wenn man einfach blind durch die Strassen rast, wird man zu viel übersehen. Das Gleiche gilt für Gedichte: Wordsworth verschafft dem Leser durch die Setzung der Interpunktionen immer wieder Atempausen, er lenkt den Fluss unter der Brücke des Blickes durch. Aus jeder Zeile steigt die Schönheit auf, erstreckt sich zwischen Erde und Himmel. Die Stille des Anblicks und der noch schlafenden Stadt spiegelt sich im ruhigen Fluss der Sprache.

Es fällt auf, dass die Stadt menschenleer ist, wodurch sie aber durch sich selber lebend erscheint. Sie trägt des Morgens Schönheit, wie ein Mensch Kleider trägt. Die Häuser, Schiffe, Tempel, Kuppeln, sie alle tragen zum Bild und zum Leben bei. Nicht mal als Schöpfer tritt der Mensch ins Bild, an seiner Stelle wird Gott angerufen, fast, als hätte er durch den Menschen hindurch eine Stadt erschaffen, welche nun, einem Naturschauspiel gleich, in ganzer Schönheit vor unseren Augen liegt.

Hier noch eine deutsche Übersetzung:

Verfaßt auf der Westminster-Brücke,
3. September 1802

Die Erde hat nicht Schöneres zu zeigen:
Stumpf wär’ ein Mensch, der hier vorübergeht
und nicht erlebt des Anblicks Majestät:
Die große Stadt hat heute sich gekleidet
in des Morgens Schönheit! Still da liegen
Dom, Theater, Türme, Schiffe, Kran,
frei gehn die Blicke zu der Wolken Bahn.
Niemals sah ich, fühlt’ ich solchen Frieden,
und niemals hat der frühen Sonne Scheinen
vergoldet reicher Hügel, Fels und Tal.
Der Fluß, wie sanft er will, dahin kann gleiten:
Mein Gott! die Häuser liegen all’ im Schlaf,
die Stadt hält an, so möcht’ man meinen,
des großen, mächt’gen Herzens Schlag!“

Erich Mühsam: Angst packt mich an

Heute würde Erich Mühsam 143 Jahre alt. Ich hebe mein Glas auf einen Schriftsteller, der neben seiner dichterischen Tätgkeit immer politisch aktiv war, was ihm schliesslich auch zum Verhängnis wurde. 1938 wurde er im KZ Oranienburg von den SS-Wachen ermordet.

Denkzeiten

Erich Mühsam ( 1878 – 1934)

Angst packt mich an.
Denn ich ahne, es nahen Tage
Voll grosser Klage.
Komm du, komm her zu mir! –
Wenn die Blätter im Herbst ersterben,
Und sich die Flüsse trüber färben,
Und sich die Wolken ineinander schieben
Dann komm, du, komm!
Schütze mich –
Stütze mich –
Fass meine Hand an.
Hilf mir lieben!

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedichte, wenn man von Angst geplagt ist

Es ist nicht immer leicht, um Hilfe zu bitten, aber man kann und muss im Leben nicht alles alleine tragen. Oft fühlen wir uns klein und schämen uns unserer Nöte, aber: Hilfe anzunehmen hat nichts mit Schwäche zu tun, im Gegenteil.

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Klara Jahn: Die Farbe des Nordwinds

«Zu oft hatte sie nur Urlaub im Leben anderer Menschen gemacht, zu oft waren sie gegangen, als es schwierig wurde, zu oft hatte sich Ellen wie ein Kugelschreiber aus einem Hotelzimmer gefühlt, den man irrtümlich einsteckt. […] Ellens Herz lechzte nach Heimat.»

In ihrer Kindheit zieht Ellen mit ihrer Mutter einige Male um, irgendwann auch auf die Halligen, wo sie von Anfang an das Gefühl hat, angekommen, zu Hause zu sein. Leider bleiben sie und ihre Mutter auch da nicht lange. Als Ellen nach über 20 Jahren auf die Halligen zurückkehrt, hofft sie, die Heimat wieder zu finden, die sie als Kind verlassen musste. Sie hofft ebenfalls, mit Liske, welche damals für ein paar Monate wie eine Schwester war, wieder an dem Punkt weiter zu machen, an dem sie damals aufhörten. Liske ist wenig erfreut über ihr Kommen, und auch die Integration in die Gemeinde ist nicht einfach. Doch Ellen will an ihrem Traum festhalten.

„Was, wenn mir das Leben eines Halligbauern nicht genügte? Was, wenn die Hallig zu klein für einen wie mich war? Der Tod des Vaters war gleichsam der erste Schritt auf dem Weg in ein anderes Leben, mit dem Tod der Mutter kam ein zweiter hinzu, und am Ende dieses Weges stand Pastor Danjel. Ein Mann, der mein Lehrer sein wollte, mein Wissen mehren, einen Menschen aus mir machen. Ich wer gerne auf ihn zugelaufen. Doch da war noch Hendrik.“

Arjen Martenson wächst mit seinem Bruder Hendrik auf den Halligen auf, bis zuerst der Vater, dann die Mutter stirbt. Ein Pfarrer kümmert sich um ihn, will ihn mitnehmen nach Husum und ihm eine Ausbildung ermöglichen. Arjen zweifelt, sieht sich in der Verantwortung für seinen Bruder. Schliesslich stimmt er zu. Später kehrt Arjen mit seiner Frau, der Pastorentochter, als Lehrer zurück nach Halligen, um die Kinder dort zu unterrichten. Er muss erleben, dass sein Bruder ihm übel nimmt, dass er ihn als Kind zurückgelassen hat, nichts mit ihm zu tun haben will.

Klara Jahn erzählt zwei Lebensgeschichten in zwei unterschiedlichen Zeiten. Mehr noch aber erzählt sie die Geschichte der Halligen, beschreibt die Natur und die Landschaft mit all ihren Eigenheiten, Schönheiten, mit den Menschen, die da leben und welche durch die Natur geprägt sind. Neben diesem wunderschön beschriebenen Landschaftsbild bleiben die Figuren des Romans eher blass, sind schwer fassbar. Zwar widerspiegelt das durchaus ihr Naturell, doch bleibt man als Leser dadurch immer aussen vor, fällt es nicht leicht, wirklich in die Geschichten einzutauchen.

Zwar gibt es durchaus eine Verbindung zwischen den Erzählsträngen, doch käme jede der beiden Geschichten auch unabhängig von der anderen aus, so dass sich der Zweck dieses Vorgehens mit der Verknüpfung zweier Erzählebenen nicht ganz erschliesst. Die beiden Geschichten wechseln sich kapitelweise ab, es ist immer klar ersichtlich, in welcher Geschichte man sich gerade befindet, was das Lesen einfach macht. Dadurch, dass man nie wirklich tief in einen Strang hineinkommt, fällt auch der Wechsel nicht schwer. Doch bleibt ein unbefriedigendes Gefühl zurück.

Unterm Strich lässt sich sagen, dass es Klara Jahn gelungen ist, die Stimmung eines Ortes einzufangen und bildhaft zu beschrieben. Menschen, die einen Zugang zu dieser Landschaft haben, werden sich im Buch sicher heimisch fühlen. Die Figuren lassen es leider nicht zu, sich mit ihnen in einer Weise zu identifizieren, um auf diese Weise in die Geschichten hineinzufinden. So bleiben beide auch eher Beschreibungen von Lebensumständen, denen man als Leser von aussen zuschaut.

Fazit:
Das Leben auf den Halligen anhand von zwei Lebensgeschichten erzählt – Bildhaft beschriebenes Setting mit eher blassen Figuren. Für Leser, welche die Gegend mögen, eine gut lesbare und sicher interessante Geschichte!

Bewertung:
3***/5 – drei von fünf Sternen

Zur Autorin
Klara Jahn ist das Pseudonym einer bekannten Bestsellerautorin. Die Historikerin liebt es, große Geschichten zu erzählen und dabei tief in die Geschichte der Orte und Menschen einzutauchen. Dabei lässt sie sich von ihrer Liebe zur Natur und ihrer Faszination für raue Landschaften leiten. Bei Heyne wagt sie sich zum ersten Mal in den deutschen Norden vor, dessen herbe Schönheit sie seit Jahren begeistert. Die gebürtige Österreicherin und Mutter einer Tochter lebt seit 2001 in Frankfurt am Main.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 400
Verlag: Heyne Verlag (8. März 2021)
ISBN: 978-3453273139
Preis: EUR 20 / CHF 31.90

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5 Inspirationen – Woche 13

Der April ist angebrochen, Ostern steht vor der Tür. Es war eine anstrengende Woche, ich hoffe auf ein paar ruhige Tage. Diese Woche fiel mir plötzlich auf, dass ich viel zu wenig auf alles achtete, was mich inspiriert hat – es zog alles an mir vorbei. So setzte ich mich hin und dachte nach. Und fand Stück für Stück die Dinge wieder, die diese Woche auf mich Eindruck machten. Ab und an glaube ich, dass vieles zu unbeachtet an uns vorbei zieht. Eine bewusste Rückschau kann die Lichtblicke des Alltags wieder in den Blick bringen.

Was ist mir diese Woche begegnet, hat mich diese Woche inspiriert?

  • Als es mir diese Woche mal nicht so besonders ging, wollte ich mir keine Schwäche anmerken lassen und gab mich betont stark. Ich dachte, das sei wichtig und nötig, ich wollte mir und nach aussen etwas beweisen, wollte auch nicht zur Last fallen – und tat es wohl gerade drum umso mehr. Das zeigte mir mal wieder deutlich:

„Immer stark sein wollen, um zu merken, dass ich am stärksten dann bin, wenn ich die eigene Schwäche zulasse.“ (SvS)

  • Rundherum blühen die Kirschbäume und es ist eine wahre Pracht, das zu sehen. Auch wenn die Welt gerade aus den Fugen ist durch diese ganze Corona-Geschichte, gibt es ganz viel Schönes. Es ist wohltuend, dies mit offenem Blick und Dankbarkeit zu sehen.
  • Diese Woche las ich mal wieder ein Gedicht einer meiner liebsten Lyrikerinnen, Mascha Kaleko, weil es mir so direkt aus dem Herzen spricht – immer wieder:

Memento

Vor meinem eigenen Tod ist mir nicht bang,
Nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?

Allein im Nebel tast ich todentlang
Und lass mich willig in das Dunkel treiben.
Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.

Der weiß es wohl, dem gleiches widerfuhr;
– Und die es trugen, mögen mir vergeben.
Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur,
Doch mit dem Tod der anderen muß man leben.

  • Interessant fand ich den Podcast von Radio 1, Roger Schawinski im Gespräch mit Esther Vilar. Anlass war das Jubiläum ihres Bestsellers „Der dressierte Mann“. Ein spannendes Buch, das mal eine andere Sicht einnimmt zu den gemeinhin verbreiteten Sichtweisen. Spannend fand ich aber auch ihre Sicht auf die Freiheit, die sie in ihrem Buch „Die Angst vor der Freiheit“ thematisierte:

„..die Sehnsucht, alle persönliche Verantwortung in die Hände eines anderen zu legen, sich aus freien Stücken dessen Befehlen zu beugen – war von jeher das Thema meiner schriftstellerischen Arbeit und wird wohl bis zuletzt irgendwie bestimmend für sie bleiben.“

Eine Sicht, die ich durchaus teile. So sehr wir uns alle Freiheit wünschen, oft begeben wir uns freiwillig in Situationen, in denen wir nicht mehr wirklich frei sind. Und die Frage ist: Wie frei können wir überhaupt wirklich sein als soziale Wesen?

  • Nach einem wirklich traumhaft schönen Sonnentag sass ich abends am Schreibtisch und hörte plötzlich, wie der Regen gegen die Fenster prasselte, der Himmel grollte, graue Wolken am selben standen. Und ich fand es wunderschön. Das Geräusch des Regens hatte eine versöhnlich-beruhigende Wirkung, ein kühler Luftzug kam durch das geöffnete Fenster und ich dachte plötzlich bei mir: Nichts ist nur gut oder schlecht. Alles hat zwei Seiten. Wichtig ist, beide immer zu sehen.

Ich hoffe, es war was für euch dabei, das euch angesprochen hat. Wenn ihr etwas habt, das euch diese Woche angesprochen, bewegt, inspiriert hat – ich würde mich freuen, wenn ihr davon berichten würdet. Ich wünsche euch ein schönes Wochenende und einen guten Start in die neue Woche!

Thommie Bayer: Das Glück meiner Mutter

«Ich wollte nicht mehr. Das immer gleiche Spiel von Anziehung und Abwehr, Verschmelzung und Selbsterhalt schien mir aus der neu gewonnenen Distanz auf einmal öde und vorhersehbar, alles lief auf Abnutzung und Missverstehen hinaus, als könne es Liebe zwischen zwei Menschen nur in Phasen geben, nach deren Ablauf man sich die eigene Ernüchterung so lange nicht eingestand, bis ein äusseres Ereignis, eine neue Verliebtheit, ein Job in einer anderen Stadt oder ein irreversibel verletzender Streit für klare Verhältnisse sorgte.“

Der Drehbuchautor Philip Dorn, ein alleinstehender Mann in den mittleren Jahren, der sich nach dem Scheitern seiner letzten Beziehung in seinem Leben allein eingerichtet hat, beschliesst, sich sein Traumauto, einen Mini, zu kaufen und damit in die Toskana zu fahren. Beim Dahingleiten auf den Strassen, erinnert er sich an seine Kindheit, an seine Beziehung zu seinen Eltern, vor allem die zu seiner Mutter, und an seine gescheiterte Beziehung zu Bettina.

„Wenn das Auge immer neue Bilder erfasst, kommt Luft ins Gehirn und die inneren Regale werden abgestaubt.“

Italien erscheint ihm als Paradies, das Freisein von Verpflichtungen und die Abgeschiedenheit von anderen Menschen eröffnet ihm die Möglichkeit, sein bisheriges Leben und seine eigene Rolle darin zu beleuchten – bis eines Nachts eine nackte Frau in seinem Pool schwimmt, die seine Aufmerksamkeit weckt. Zuerst beobachtet er sie nur fasziniert aus dem Versteckten, in bald darauf folgenden Gesprächen findet Philip Dorn weitere Antworten auf seine höchstpersönlichen Fragen.

Thommie Bayer legt uns eine warmherzige Geschichte vor, welche ohne grosse Höhen und Tiefen in ihren Bann zieht und das Herz erwärmt. Der Protagonist eröffnet durch sein eigenes Nachdenken – erzählt in einem inneren Monolog – Denkräume, in welche auch der Leser eintreten kann. Er lässt die verschiedenen Etappen seines Lebens Revue passieren, sinniert über seine Beziehung zu seinen Eltern, vor allem seiner Mutter, über verpasste Gelegenheiten, Hoffnungen, Erwartungen und auch das Glück.

„Das muss das Alter sein, dachte ich, wenn dir auf einmal klar wird, dass das Beste, was dir passieren kann, die Aussicht ist, dass alles so bleibt, wie es ist, dass dich keine Krankheit niederwirft, niemand an dir ein Verbrechen verübt, Siechtum und Tod dich möglichst lange nicht erwischen – wird Zeit, zu begreifen, dass du glücklich bist.“

„Das Glück meiner Mutter“ ist ein Buch mit leisen Tönen, das berührt und bewegt, ein Buch mit Spuren von Wehmut, aber auch Hoffnung, Einsicht und Dankbarkeit. Es ist der Versuch, herauszufinden, was Glück ist und die Frage danach, ob die anderen Menschen im eigenen Umfeld glücklich gewesen sind – und ob und wie man selber dazu beitragen oder im Weg stehen kann.

Die Geschichte ist vielleicht etwas einfach gestrickt, gewisse Dinge, liegen, wenn auch nicht ausgesprochen, in greifbarer Nähe, sind eventuell auch etwas zu konstruiert, doch tut dies dem Gefühl, das dieses Buch beim Lesen hinterlässt, keinen Abbruch. Es ist ein wunderbares Buch, das leider viel zu schnell endet, einen aber auch dann noch nicht gleich loslässt.

Fazit:
Lebenserinnerungen in eine Reise verpackt, ein Buch mit leisen Tönen, das berührt und bewegt, ein Buch mit Spuren von Wehmut, aber auch Hoffnung, Einsicht und Dankbarkeit. Ein wunderbares Buch und eine grosse Empfehlung!

Bewertung:
5****/5 – fünf von fünf Sternen

Zum Autor
Thommie Bayer, 1953 in Esslingen geboren, studierte Malerei und war Liedermacher, bevor er begann, Drehbücher und später Stories, Gedichte und Romane zu schreiben. Neben anderen erschienen von ihm Die gefährliche Frau, Singvogel, der für den Deutschen Buchpreis nominierte Roman Eine kurze Geschichte vom Glück, Die kurzen und die langen Jahre sowie Weisser Zug nach Süden.

Ein Interview mit dem Autoren findet sich HIER

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 224
Verlag: Piper; 1. Edition (15. März 2021)
ISBN: 978-3492057264
Preis: EUR 22 / CHF 29.90

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online unter anderem bei AMAZON.DE und ORELLFUESSLI.CH

Bücher 2021 – März

Gelesene Bücher

  1. Patricia Highsmith: Suspense oder Wie man einen Thriller schreibt
    Patricia Highsmith beschreibt auf eine sehr offene und persönliche Art ihre Herangehensweise ans Schreiben. Sie beleuchtet den Schreibprozess mit allen Höhen und Tiefen, mit den wichtigen Zutaten wie Disziplin, Emotion, Freude und Spass am Schreiben. Sie zeigt die Schwierigkeiten des Daseins als Schriftsteller sowie auch dessen schönen Seiten. Ein Buch, das genauso viel über Patricia Highsmith selber aussagt wie über ihr Schreiben und ein Bild von einer am Boden gebliebenen, authentischen und äusserst sympathischen Frau zeichnet.
  2. Ilka Piepgras (Hrsg.): Schreibtisch mit Aussicht
    Das Buch umfasst 24 Texte von Schriftstellerinnen, in welchen diese offenlegen, was Schreiben für sie bedeutet, wie ihr Schreiballtag aussieht, womit sie kämpfen, worüber sie sich freuen und wo sie ihre Kraft herholen. Entstanden ist ein offenes und ehrliches Buch, das von Ängsten und Nöten spricht, vom Spagat zwischen Familie und Schreibtisch, von Schuldgefühlen und Zweifeln.
  3. Bernhard Schlink: Sommerlügen
    Bernhard Schlink geht den menschlichen Beziehungen nach, erzählt sieben Geschichten von Menschen, die lieben, geliebt werden, geliebt haben, mit der Liebe hadern oder sich mit ihr arrangiert haben. Er erzählt von den Schwierigkeiten des Anfangens mit all seinen Ängsten und Zweifeln, von den Herausforderungen des Beziehungsalltags und auch von den Komplikationen, wenn zwei Menschen mit unterschiedlichen Wünschen und Zielen aufeinandertreffen.
  4. Richard David Precht: Jäger, Hirten, Kritiker
    Richard David Precht zeichnet ein sehr realistisches Bild der aktuellen Situation, der vierten industriellen Revolution, welche in vollem Gange mit noch offenem Ausgang ist. Er ruft dazu auf, sich nicht hinter Fortschrittglauben und Ängsten zu verstecken, sondern aktiv die Idee einer wünschenswerten Welt zu schaffen, in welcher Maschinen nicht zur Optimierung oder zum Ersatz von Menschen werden, sondern diese unterstützen.
  5. Lily King: Writers & Lovers
    Lily King schreibt mit viel Feingefühl, aber auch mit der nötigen Leichtigkeit und Humor die Geschichte einer verletzlichen und doch mutigen jungen Frau, die sich ihrer Vergangenheit, ihren Ängsten und Selbstzweifeln stellen muss, um den eigenen Weg als Schriftstellerin zu gehen. Obwohl die Lebensgeschichte von Casey durchaus mit vielen Tiefen und Schwierigkeiten gepflastert ist, wird das Buch nie schwermütig, nie erdrückend, sondern schafft es, immer wieder auch eine Spur Hoffnung zu bewahren. Entstanden ist ein wunderbar menschliches Buch über eine junge Frau, die trotz allen Hindernissen an ihre Träume glaubt und diese verfolgt.
  6. Ingrid Noll: Hab und Gier
    Ein reicher Witwer bittet seine ehemalige Arbeitskollegin Karla um Hilfe bei seinem eigenen Tod, im Gegenzug soll sie sein Vermögen erben. Da Karla nicht alles alleine regeln kann, sucht sie sich eine Komplizin, welche wiederum einen Kleinkriminellen mit ins Boot holt. Eine WG, bei der nächste Tote nur eine Frage der Zeit ist. Eine rabenschwarze Komödie, die von der ersten bis zur letzten Seite Lesespass bietet.
  7. Peter Bieri: Wie wollen wir leben?
    Peter Bieri gelingt in diesem dünnen Band ein Bogen von der Frage nach dem Ich aus sich selber heraus, dessen Auseinandersetzung mit dem Du hin zur Identitätsbildung in Abhängigkeit von der umgebenden Kultur. Dabei arbeitet er mit einer klar verständlichen Sprache, einer logischen Abfolge von Begriffen, die sich schlüssig auseinander entwickeln, und zeichnet so einen Weg auf, das Ich als der, der man sein möchte, zu erkennen, zu verstehen, umzusetzen.
  8. Ferdinand von Schirach: Kaffee und Zigaretten
    Ferdinand von Schirach hat mit „Kaffee und Zigaretten“ sein wohl persönlichstes Buch geschrieben. In 48 Kapiteln, jedes eine knappe Zigarette oder einen Kaffee lang, erinnert er sich an Geschichten aus seinem Leben, wirft dem Leser kleine Informationshäppchen zu, die dieser zur Kenntnis nehmen oder zum Anstoss weiteren Nachdenkens machen kann, oder er lässt uns an den unterschiedlichsten Beobachtungen und Gedanken teilhaben.
  9. Katja Kulin: Der andere Mann
    Anlässlich einer Reise nach Amerika lernt Simone de Beauvoir den Schriftsteller Nelson Algren kennen, der sie ein wenig durch die Stadt führen soll. Die gegenseitige Anziehung lässt die Stadtbesichtigung in Algrens Wohnung enden, nach einer leidenschaftlichen Nacht heisst es jedoch schon wieder Abschied nehmen. Doch es sollte keine Affäre bleiben.
  10. Ferdinand von Schirach: Gott: Ein Theaterstück
    Ferdinand von Schirach beleuchtet in seinem Buch „Gott“ die Frage, wem das Leben gehört, von verschiedenen Standpunkten, wobei er für jeden davon überzeugende Argumente liefert. Verschiedene Sachverständige werden nach ihrer Meinung befragt und diese wird in der Folge hinterfragt. Als Leser tritt man automatisch in diesen Dialog ein.
  11. Volker Hage: Kritik für Leser
    Ein Überblick über die verschiedenen Arten, sich als Journalist/Autor mit Literatur zu beschäftigen mit Beispielen aus der jahrzehntelangen eigenen Praxis von Volker Hage.
  12. Marcel Reich-Ranicki: Über Literaturkritik
    Deutschland blickt auf eine lange Tradition der Literaturkritik zurück, schon 1750 versuchte sich Lessing daran. Ebenso lang hält die Diskussion um die Literaturkritik an, darüber, ob sie überhaupt nötig und ob nicht jeder Kritiker ein frustrierter Scheiterer im eigenen Schreiben sei, der es nun den Erfolgreichen Schriftstellern heimzahlen möchte. Was soll Kritik, welche Aufgabe hat sie? Dieser Frage geht Marcel Reich-Ranicki in diesem kleinen Bändchen nach.
  13. Isabel Bogdan: Laufen
    Durch den Verlust ihres Lebenspartners aus der Bahn des Lebens geworfen, fängt sie zu laufen an und lässt neben den Füssen auch die Gedanken laufen. In einem endlosen inneren Monolog erzählt sie sich von ihrem Verlust, von ihren Gefühlen, von ihrer Verzweiflungen, immer wieder unterbrochen durch die eigene Aufforderung, die Gedanken zu stoppen, im Körper zu bleiben, auf das eigene Atmen zu achten – und um dann wieder weiter in den Fluss der Gedanken einzutauchen.
  14. Felix Kucher: Sie haben mich nicht gekriegt
    Der Roman verbindet zwei Frauenschicksale, welche sich eigenständig und mit grossem Willen gegen die politische Unterdrückung damaliger Zeit auflehnen. Im schnellen Wechsel blendet Felix Kucher zwischen den beiden Erzählsträngen hin und her, verbunden werden die Übergänge oft durch ähnliche Worte, welche eine sprachliche Verbindung zwischen den einzelnen Lebenswegen symbolisieren. „Sie haben mich nicht gekriegt“ ist ein Zeugnis davon, dass man auch unter den widrigsten Umständen für seine Überzeugungen und Wünsche einstehen muss und kann, dass man auch gegen Widerstände ankommen und für sich Wege finden kann.
  15. Charles Lewinsky: Sind Sie das?
    Charles Lewinsky hangelt sich entlang seiner Bücher anhand von Zitaten durch sein Leben, erzählt von den Inspirationsquellen, die Einzug hielten in sein Schreiben. Er geht dabei nicht zimperlich mit sich selber um, erzählt auch von den eigenen Verfehlungen und Missgeschicken. Aber er weist auch nochmals in aller Deutlichkeit Absichten und Gründe für einzelne Werke. Entstanden ist so ein Buch voller Erinnerungen, das sowohl durch das Erzählte wie auch die Sprache das Bild eines Menschen voller Humor, Ironie, Selbstreflexion und klarem Blick lebendig werden lässt.
  16. Joachim Höll: Ingeborg Bachmann (Hörbuch)
    Joachim Höll schafft es in einer Art Montagetechnik aus Zitaten und Beziehungs- Lebensbeschreibungen, ein stimmiges Bild einer grossartigen Schriftstellerin zu zeichnen, welches er immer wieder mit deren Werk verknüpft. Entstanden ist ein Buch über eine in sich zerrissene, tiefgründige, nachdenkliche, verletzliche Frau, die immer wieder auf Beziehungen hoffte, sich von diesen oft verraten fühlte im Nachhinein, und sich tief drin allein gefühlt haben muss. Gelesen wird das Hörbuch von der österreichischen Schauspielerin Sophie Rois, welche es neben dem authentisch klingenden Akzent schafft, dem Buch das nötige Gefühl, die passende Stimmung zu verleihen. Ein wirklicher Hörgenuss!

Abgebrochene Bücher

  1. Lukas Linder: Der Unvollendete
    Ein Roman über die menschlichen Schwächen und die Suche nach einem besseren Leben sollte es sein, angefangen hat es mit Sex, der dann doch doch keiner war für den Protagonisten, haben sich doch zwei Frauen ohne ihn vergnügt, und die Festmachung des eigenen Erfolgs und Werts an solchen Misserfolgen. Nun mag das eventuell eine männliche Sicht auf Glück sein, mich hat es (lesend) abgeturnt.

Joachim Höll: Ingeborg Bachmann (Hörbuch)

„Angaben zur Person sind immer das, was mit der Person am wenigsten zu tun hat.“

Diese Überzeugung Ingeborg Bachmanns und das damit einhergehende vornehmliche Schweigen über die privaten Hintergründe machen es für einen Biografen nicht leicht, ein Leben zu erkunden und zu präsentieren. Die über die Jahre erschienen Briefwechsel mögen das ein wenig erleichtert haben (die waren bei Erscheinen dieser Biografie aber noch nicht öffentlich bekannt), doch bleibt ein Rest Distanz immer da, weil Ingeborg Bachmann diese auch zu den sogar engen Freunden oft wahrte. Es kommt nicht von ungefähr, dass die Person Ingrid Bachmann mit vielen Mythen umgeben und schwer fassbar erscheint. Joachim Höll hat sich dieser Aufgabe trotzdem angenommen und gut gemeistert.

Die vorliegende Biografie beleuchtet Ingeborg Bachmanns Kindheit und Jahre des Aufwachsens, ihre Verbundenheiten und Beziehungen dieser Jahre. Diese sind es auch, welche in ihr Werk immer wieder einziehen, dieses ausfüllen. Die späten Jahre sind im Werk praktisch inexistent, sie werden gelebt, in ihnen wird auf eine Weise auch ums (Über-)Leben gekämpft, aber sie werden nicht zum Stoff, und wenn, dann nur durch die Prägung der frühen Jahre.

Joachim Höll schafft es in einer Art Montagetechnik aus Zitaten und Beziehungs-  Lebensbeschreibungen, ein stimmiges Bild einer grossartigen Schriftstellerin zu zeichnen, welches er immer wieder mit deren Werk verknüpft. Entstanden ist ein Buch über eine in sich zerrissene, tiefgründige, nachdenkliche, verletzliche Frau, die immer wieder auf Beziehungen hoffte, sich von diesen oft verraten fühlte im Nachhinein, und sich tief drin allein gefühlt haben muss.

Gelesen wird das Hörbuch von der österreichischen Schauspielerin Sophie Rois, welche es neben dem authentisch klingenden Akzent schafft, dem Buch das nötige Gefühl, die passende Stimmung zu verleihen. Ein wirklicher Hörgenuss!

Fazit:
Ein Blick auf das Leben und Schaffen der grossartigen Ingeborg Bachmann, mit viel Hintergrundwissen und Gespür für die verschlossene Autorin geschrieben und auf wunderbare Weise gelesen. Grosse Empfehlung!

Bewertung:
5****/5 – fünf von fünf Sternen

Zum Autor
Joachim Höll (1966) studierte an der Freien Universität Berlin Germanistik und Lateinamerikanistik und promovierte über Thomas Bernhard und Ingeborg Bachmann. Schon während des Studiums verfasste er Essays, Kritiken und literaturwissenschaftliche Bücher. Von ihm erschienen sind Biografien zu Thomas Bernhard, Ingeborg Bachmann und Oskar Lafontaine. Er lebt in Berlin und arbeitet aktuell an einem grossen Romanprojekt.

Angaben zum Buch:
Hörbuch: 2 Stunden und 25 Minuten
Verlag: Random House Audio, Deutschland
Sprecher: Sophie Rois

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