Der Morgen dampft,
Ein Schleier liegt,
Im kühlen Frost
Ein Blatt sich wiegt.

Es neigt sich leis
Das Jahr zum End,
Wenn ich dir diese
Botschaft send.

Es war sehr gross,
Es war so viel,
Was wir erlebt,
Ganz ohne Ziel,

Nur mit dem Wunsch
Auf Glück zu zweit,
So gingen wir
Durch diese Zeit.

Wir nahmen mit,
Was sich uns bot,
Genossen sehr
Und ohne Not.

Und wenn es auch
Mal schwierig war,
Es ging uns gut,
Wir warn’s gewahr.

So lassen wir
Das Jahr nun zieh’n,
Und schau’n nach vorn,
Mit dem im Sinn:

Das Leben hält
Noch viel bereit,
Es wartet auf uns
Neue Zeit.

©Sandra von Siebenthal

Was ich für mein Leben möchte?

Gewahrsein. 

Was das ist? Es soll davon handeln, was in mir und um mich ist Wie will ich sein, wie will ich leben? Lebe ich so? Und das möchte ich mich fragen. Jeden Tag neu. Und entsprechend handeln. Für mich. Nicht nach äusseren Regeln, nicht nach Maximen oder Grundsätzen. Ich bin mein eigenes Licht, das mir den Weg leuchtet, ich bin mein Massstab. Aber ja, ich möchte keinem weh tun, ich möchte zu einem guten Miteinander beitragen. Und genau das denke ich zu tun, wenn ich genau so lebe: Wie bin ich das beste Ich, das ich sein kann?

Das heisst nicht, dass ich nie mehr Fehler mache, im Gegenteil, ich werde wohl noch viele machen. Aber: Ich lerne, damit umzugehen und damit auch besser, gelassener, wohl auch angemessener auf einen zu reagieren.

Das heisst nicht, immer zu wissen, was zu tun ist. Aber: Ich kenne meine Stärken und meine Schwächen – und lasse bei den Schwächen auch Hilfe zu.

Das heisst nicht, alles zu können und von allen gemocht zu werden. Aber: Ich lerne, damit umzugehen, wenn es mal nicht so ist. Im Glauben daran, dass ich so sein darf, wie ich bin.

Nur, wenn ich mir dieses Ich-Sein gestatte, wenn ich lerne, damit umzugehen, dass es auch Fehler, Schwächen hat und Ablehnung hervorruft (und rufen darf), schaffe ich es, wirklich authentisch zu sein. So ich. Und wie anders sollte das beste Ich sein, das ich sein könnte? Alles andere wäre jemand anders. Und davon hat es genug. Andere.

„Oft kämpft man mit dem am meisten, was einem am nächsten ist.“

„Sei mal so wie alle andern. Sei einfach mal normal.“ Das sagte mir mein Vater als Kind oft. Später kam dann, dass ich nicht einfach sei und mir bewusst sein müsse, dass mich so nie jemand mögen würde. Auf Dauer. Und ja, er meinte es nur gut, ich weiss, er liebte mich, er wollte, dass ich ein leichtes Leben habe. Und er hat es damit so schwer gemacht. Nicht, dass er schuld wäre daran. Ein anderes Kind hätte Paroli geboten, wäre in den Widerstand gegangen, hätte aufbegehrt. Ich wollte genügen. Ich wollte in die von ihm bereitete Schachtel passen, in die man passen muss, um geliebt zu werden – wenigstens von ihm. Um einmal gut genug zu sein.

Ich habe mir im Leben immer wieder Ziele gesetzt. Und immer gedacht: Wenn ich DAS erreiche, dann bin ich gut genug. Das erste war die Matur. Ich hasste die Schule, aber ich wollte sie machen. Erstens, weil ich dann gut wäre. Zweitens, weil ich nichts lieber wollte, als zu studieren. Als ich die Matur bestanden hatte, merkte ich: Hinter der Tür ist alles noch wie vor derselben. Die Matur hatte ich im Sack, ich fühlte mich aber nicht besser. Aber das nächste Ziel stand schon da: Studienabschluss. Ich hätte gerne Kunst oder Innenarchitektur studiert. Das Veto kam sofort. Ich fing mit Jura an. Nach der Zwischenprüfung war mein Mass an stillem Zuhören erreicht. Ich ertrug es nicht und wollte mitreden, kreativer denken dürfen. Literatur und Philosophie waren die Rettungsanker, ein wirklich wunderbares Studium mit ganz vielen grossartigen Professoren, für die ich noch heute dankbar bin ( zu nennen wären u.a. Peter von Matt, Georg Kohler, Thomas Fries – sie haben meinen Lebensweg alle massgeblich geprägt).

Und ich dachte: Wenn ich ein Studium schaffe, dann bin ich gut genug. Mein Vater fand eigentlich, dass ich gar nicht studieren sollte, da ich sowieso irgendwann mal Familie haben würde. Als ich neben dem Studium auch Jobs für meinen Lebensunterhalt hatte, die mehr einbrachten, als es ein Studium wohl je bringen würde, verstand er mich gar nicht mehr, nur: Für mich waren diese Stellen nur Mittel zum Zweck und immer auch eher Qual, da mir diese Art Arbeit nicht entsprach. Aber ich nahm sie auf mich, um mein Ziel zu erreichen. Und ja, ich erreichte es Ich erreichte es sogar mit Kleinkind als Alleinerziehende. Damals fiel ein paar Männern nichts Besseres ein, als zu spotten, ich hätte sicher einen kurzen Rock angehabt beim Abschluss – sicher unglaublich witzig gemeint, aber trotzdem auch verletzend. Und: Auch hinter der Tür war nichts besser oder anders als vorher. Meine Zweifel an mir bestanden nach wie vorher. Aber: Es gab ein neues Ziel: Doktorat.

Ich bewarb mich um ein Stipendium, um diesen Traum zu erfüllen – wie sonst hätte ich das mit Kleinkind machen sollen? Ich hatte mich vorher für einige Assistenzstellen beworben, kriegte aber explizit die Antwort: Als Alleinerziehende mit Kind würde ich das sowieso nicht schaffen. Wäre ich ein Mann oder ohne Kind, hätte ich die Stelle gehabt mit meinem Abschluss. Ich kriegte das Stipendium, es war für ein Jahr begrenzt. Das reichte natürlich nicht für eine ganze Dissertation, so dass ich ein Neues anvisierte, beim Schweizer Nationalfonds. Auch das habe ich gekriegt. Die nächste Hürde stand schon an: Der Professor, unter dem mein Antrag gelaufen war, fand: Als Alleinerziehende schaffst du das eh nicht. Ich wäre vor Gericht gezogen, doch dann lenkte er ein mit der Äusserung: Wärst du ein Mann, würde ich dich in Ruhe arbeiten lassen, aber so??? Will ich Beweise… es waren eher Schikanen und ein drohendes Damoklesschwert, dass das Geld weg sei, sobald ich nicht genügend liefere einen Monat. Ich kürze ab, ich erreichte auch den Doktortitel, es kamen ein paar Hürden dazu, aber nun denn. Nur: Auch danach war alles beim Alten: Ich fühlte mich noch immer nicht zureichend.

Ich absolvierte noch einige weitere Ausbildungen, gründete Unternehmen… Das innere Bild blieb. Und die Stimme:

„Sei doch mal wie alle anderen. So bist du nicht genug.“

Und ich dachte immer, die anderen fänden das sicher auch. Und wollte mich beweisen. Egal, was ich tat oder erreichte, immer wieder kamen neue Wogen des Selbstzweifels. Zwischendurch auch wieder Hoch-Zeiten, in denen ich glücklich und dankbar war für meinen kreativen Weg, sah, was ich erreicht hatte. Doch sie wurden schnell wieder abgelöst durch das Grundgefühl des Nicht-Genügens.

Ich bin nun in der zweiten Hälfte meines Lebens. Ich war nie ein Freund von Feminismus und Emanzipation und möchte auch fortan keinen Kampf gegen Männer führen, denn ich mag Männer. Und doch möchte ich endlich das Thema angehen, das mich doch so lange begleitet hat… und ich kann nur das aus eigenem Herzen tun: Was bedeutet Frau-Sein? Was würde ich mir wünschen im Leben als Frau? Für mich selber, in der Gesellschaft.

Ich wünsche mir Männer, die das ebenso für ihr Geschlecht tun. Damit wir endlich mal in ein Miteinander starten können, in welchen keine vorgefertigten Muster das Rollenspiel definieren, sondern Menschen auf Menschen treffen und sich gegenseitig annehmen in ihrem So-Sein.

Ich-Sein, Frau-Sein, der Umgang mit Mustern, Rollen und Zwängen wird für mich ein Hauptthema werden – in Bild und Text. Weil: Es ist mein Thema. Von klein an. Und es prägt noch heute.

„Ich mache sicher nicht den ersten Schritt – sonst bin ich unterlegen!“

Wer ist nicht schon mit anderen Menschen aneinander gerasselt. So unschön wie es ist, am schlimmsten ist es wohl, wenn das mit dem Menschen passiert, der einem der wichtigste im Leben ist, weil: Der liebste.

So viele positive Eigenschaften man ihm normalerweise zugesteht, im Streitfall treten sie zurück. Im besten Fall weiss man noch, dass sie da sind, im schlimmsten Fall sieht man all das, was grad bedrohlich vor einem ist: Einen bösen Blick, harsche Worte, eine versteinerte Haltung, eine drohende Stimme… und das macht etwas mit einem. Nicht nur sind die liebevoll schauenden Augen, die vielen lieben Worte und Blicke und Zuwendungen verdrängt, Ängste kommen hoch. Einerseits die Verlustangst, andererseits die Angst, manipuliert und degradiert zu werden.

Wie oft denken wir: Wenn ich nachgebe, gebe ich ihm recht. Oder aber ich bin schwächer. Wenn ich die Erste bin, die ihn umarmt aus einem Streit heraus, zeige ich meine Schwäche und mein Liebesbedürfnis. Damit wird er immer über mir stehen. Er wird jede Meinung durchbringen, da er weiss: Irgendwann kommt sie (angekrochen?) und sucht die Nähe. Und dann läuft es so, wie ich es will.

Ich würde nicht mal behaupten, dass diese Haltung(en) bewusst ablaufen. Auf beiden Seiten. Meinungen, die einfach mal geäussert werden, auch im Hinblick auf Streit, scheinen wichtig. Und der, welcher sie verteidigt, ist davon überzeugt. Und es ist ihm wichtig, das zu sagen, immerhin riskiert er einen Streit. Das würde er ja wohl kaum für eine Banalität wagen. Es ist durchaus ein Privileg, alles sagen zu dürfen, was man sagen will, die Frage, die sich stellt, ist nur: MUSS man es tun? Was bringt es wirklich? Mir, den andern, dem Gemeinsamen? Ich mag in dem Fall die drei Siebe des Sokrates sehr:

Ist es wahr?
Ist es gut?
Ist es nötig?

Was ich nur vom Hören-Sagen her kenne, lasse ich vielleicht besser liegen. Wenn ich weiss, dass das, was ich sage, verletzend ist, böse ist, lasse ich es vielleicht auch besser liegen, AUSSER: Es ist nötig. Wenn ich mit der Wahrheit, die zwar schmerzhaft ist, aber mit guten Absichten geäussert, weil sie jemanden vor wirklichem Schaden bewahren kann (und ich weiss, er wird es annehmen, ansonsten ist es eh obsolet), dann ist es durchaus angebracht. Was aber bringt es einem Menschen, wenn man ihm sagt, dass er nachts immer furzt, dass er schielt wie der Löwe aus Daktari? Was bringt es einem Menschen, wenn man ihm sagt, dass sein Hinterteil schlicht so breit wie der Äquator und die Oberweite einem Brotbrett vergleichbar sei? Alles mag stimmen. Aber: Es ist weder gut noch nötig. Würde man gefragt, ob der eng anliegende Rock über dem Hintern für ein erstes Date die beste Wahl ist, sähe das anders aus. Ebenso bei der weit ausgeschnittenen Bluse, welche mangels Füllmaterial bis zum Bachnabel blicken lässt.

Und so sehr wir solche Dinge ja eigentlich kennen und wissen, so oft kommen wir an Punkte, wo es Streit gibt. Ein Wort gibt das andere, tiefgelegte Gefühle brechen auf und bringen Reaktionen, welche kaum durchdacht, sondern instinktiv verheerend sind. Weil sie einen Prozess in Gang bringen. Und den gilt es zu stoppen. Nur: Wie? Klein beigeben? Dann hat man ja gleich verloren. Denkt man so. Und nein, die eigene Meinung war ja durchaus auch was wert. Und nicht einfach so dahin gesagt.

Nur: Dabei gewinnt keiner. Und ja, ab und an ist das Nachgeben eigentlich wirklich keine Schwäche, sondern Stärke, hinzustehen, loszulassen, Nachsicht walten zu lassen. Nicht überheblich. Mit Blick auf die eigenen Anteile und Fehler, die man selber gemacht hat. Aber auch im Wissen, dass einer den Schritt gehen muss. Wieso nicht man selber? Und ja: Sollte das immer so sein, der andere sich damit als Sieger fühlen, dann ist wohl demselben und der Beziehung nicht mehr zu helfen. Die hätte man aber sicher nie gerettet, hätte man ehern auf seinem Platz beharrt. Und vor allem: Man macht sich selber das Leben immer mit schwer. Und leidet. Unter dem Streit. Unter der Distanz dadurch. Unter der Trauer, dass es so ist. Unter der Angst, was draus wird. Und man hat es in der Hand. Man kann es beenden. Und wenn man das selber hinkriegt, dann ist das Stärke, keine Schwäche. Es gibt keinen Sieger oder Verlierer, es gibt nur zwei Menschen, die wieder mit besseren Gefühlen weiter gehen können.

Und manches Mal
bin ich ein Pilz
so vor Glück strotzend,
wie man’s will.

Und manches Mal
Verlierer gar,
ich weiss schlicht nicht
wie mir geschah

Das Leben geht
oft eigne Wege,
und ich geh mit
und schaue hin.

Ich seh oft Berge
und auch Täler,
sehe Gründe,
abgrundtief.

Erst steh ich da
und bin dagegen,
seh dann hin
und traue mich

Und oft passiert es,
dass ich merke,
grad die Hürde
bringt mir was.

Ich wachse weiter,
nehm das Neue,
füg es ein in
mein So-Sein.

Doch was mir Kraft gibt,
ist der Glaube,
mir sind Menschen,
wohlgesinnt.

Es gibt Menschen
Die mich nehmen,
und mich lieben,
wie ich bin.

Dafür danke ich
schlicht diesem Leben,
und vor allem
dank ich dir!

Du bist der Stern
an meinem Himmel,
Du bist mir Halt
und Lebenszier.

ich fragte mal
wie darf ich sein
und hörte dann
so zart und fein

dann mag ich dich
dann bist du schlicht
so wie ich dich
so will für mich

nur was ist denn
wenn ich mal doch
schlicht aufbegehr
und ach so sehr

die töne treff
und tasten hau
wenn ich so tief
Im gossendeutsch

nach worten grab
und sie hochhol
weil sie so grad
in mir gefühlt

es mag so sein
dass sie nicht sind
wie man sich wünscht
des spraches kind

man kleidet sie
landläufig gern
in samt und zwirn
lässt sie stolziern

doch gott nochmal
wir leben hier
wir sprechen nicht
bloss so
zur zier

wer lebt und schnauft
der wird auch mal
die scheisse auf
der zunge trag’n!

und wer sich stört
dem sage ich
auch du furzt nachts
ganz heimelich

nur ich steh hin
mach’s öffentlich
du willst mir draus
den strick nun dreh’n?

dann reih dich ein
in den verein
der menschen die
mehr schein als sein

©Sandra Matteotti

Der Anruf kam im Juni des Sommers, da man viel vom Bienensterben sprach und Mücken nicht totzukriegen waren. Kurz nach Fronleichnam, von einem unbekannten Anschluss, gegen drei Uhr morgens.

Hora, eigentlich Horand Roth, Literaturprofessor und eher zurückgezogen, staunt nicht schlecht, als eines Morgens das Telefon klingelt und sein lange verschwundener Onkel Georg am Draht ist. Hora erinnert sich noch an gemeinsame Stunden am Klavier, an das wilde Leben des Onkels, an seine unkonventionellen Ansichten. Nach einem kurzen Austausch, bei welchem Georg eröffnet, dass er als Mönch einem Orden beigetreten ist, Hora aber mit dieser Information und vielen offenen Fragen zurück lässt, verspricht Georg, sich wieder zu melden, was er drei Wochen später auch tut und vor der Horas Universität steht. Die Überraschung ist gross, als Georg eröffnet, dass er eine Weile in der Gegend bleiben will.

Es entsteht eine enge Beziehung zwischen den beiden Männern, bei regelmässigen Treffen reden sie über Themen wie Glaube, was er ist, über die Liebe, das Leben. Sie erinnern sich an die Vergangenheit und doch erfährt Hora weniger, als er gerne erfahren würde. Er ist auf der Suche nach Antworten, die nur zögerlich kommen. Und doch fügt sich langsam, Stein für Stein, das Mosaik der Vergangenheit zusammen, Familiengeheimnisse kommen ans Licht – und lassen alle Beteiligten nicht unberührt.

Ein sehr feinfühlig geschriebener Roman über die Liebe, über Familien, über Familiengeschichten und die eigenen Muster, die man aus diesen zieht. Ein Buch über die Liebe, über den Glauben, ein Buch über Freundschaft und Loyalität.

Nach einer langen Leseflaute war dies das erste Buch, das mich wieder packte. Wie gerne hätte ich noch lange weitergelesen. Das Ende des Buches war ein Abschied, mir durch die Erzählung ans Herz gewachsene Menschen verschwanden wieder aus meinem Leben.

Fazit:
Nachdenklich, dicht, sprachlich und inhaltlich packend. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Husch Josten
Husch Josten, geboren 1969, studierte Geschichte und Staatsrecht in Köln und Paris. Sie volontierte und arbeitete als Journalistin in beiden Städten, bis sie Mitte der 2000er-Jahre nach London zog, wo sie als Autorin für Tageszeitungen und Magazine tätig war. 2011 debütierte sie mit dem Roman »In Sachen Joseph«, der für den Aspekte-Literaturpreis nominiert wurde. 2012 legte sie den vielgelobten Nachfolger »Das Glück von Frau Pfeiffer« vor und 2013 den Geschichtenband »Fragen Sie nach Fritz«. 2014 erschien »Der tadellose Herr Taft« sowie zuletzt die Romane »Hier sind Drachen« (2017) und »Land sehen« (2018) im Berlin Verlag. Jüngst wurde ihr der renommierte Literaturpreis der Konrad Adenauer Stiftung (2019) verliehen. Husch Josten lebt heute wieder in Köln.

Angaben zum Buch:
Gebundene Auagabe: 240 Seiten
Verlag: Berlin Verlag (1. August 2018)
ISBN-Nr.: 978-3827013798
Preis: EUR  20 / CHF 31.90

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Ich sitze so hier und
blick vor mich hin,
ich schaue aufs Meer und
frag nach dem Sinn.

Was wird aus mir werden,
wer möchte ich sein?
Was kann ich gestalten,
wo fliess ich schlicht rein?

Ich habe noch Träume,
doch Pflicht gibt es auch,
wer soll da entscheiden,
Verstand oder Bauch?

Das Meer rauscht ganz leise
und still vor sich hin,
es zeigt sich darin mir
ein tieferer Sinn.

Wir können das Leben
gar selten versteh’n.
Ein jeder muss seinen
ganz eig’nen Weg geh’n.

Wir sind wie die Wellen,
getrieben vom Wind,
wir sind wie die Wellen,
und Windes Kind.

Mal Welle, mal Woge,
mal auch ganzes Meer,
so geh’n wir durchs Leben,
so werden wir mehr.

Wir leben das Leben,
wir wachsen daran,
wir trotzen den Stürmen,
wir kommen voran.

Und wirft uns ein Wind mal,
nen Schritt auch zurück,
der nächste treibt weiter,
wir nennen es Glück.

Doch das ist es nur,
wenn hin zu nem Ziel,
und da kommt das Ich nun
ganz deutlich ins Spiel:

Nicht jedes Ziel ist so
für jeden gemacht,
drum wähle ich meines
bewusst, mit Bedacht.

©Sandra Matteotti

Worte wie Waffen,
so messerhaft scharf,
erst nur kleine Stiche,
dann Täler gefurcht.

Ein Satz gräbt sich tief
und schaufelt ein Grab;
und eh du’s versiehst,
zieht es dich hinab,

wo in dir, was liebt,
im Dunkel versiegt,
und bleibt nur ein Loch
und dieses Gefühl,

dass wie es mal war,
nie mehr wird sein,
getötet vom Wort,
liegst du da allein.

liebesmühlen

und immer wieder
ein sich streiten
und verlieren
sich dann suchen
mühsam finden
und sich schwören
so nie wieder
und dann doch
sich neu verlieren
und im suchen
schon so wissen
dass das suchen
auch ein wollen
und die angst nie
mehr zu finden
diesen kleinen
tod so
mit sich bringt

und immer wieder
ein sich fragen
und dann hadern
und dann weinen
bitter trauern
und sich sagen
so nie wieder
und dann doch sich
neu bemühen
und neu suchen
schon im wissen
dass das leben
auch ein wollen
und die angst
nicht zu bewahren
schlicht den sinn
dem leben nimmt.

und immer wieder
ein sich finden
und sich halten
sich dann schwören
innig fühlend
und sich schwören
so nie wieder
und dann doch sich
sicher sein und
neu verlieren
und dann suchen
um zu wissen
dass das suchen
schlicht dem wollen
und der angst
nicht mehr zu finden

wasser

auf die mühlen trägt.

„Es wäre dumm, sich über die Welt zu ärgern. Sie kümmert sich nicht darum.“ (Marc Aurel)

Der morgendliche Blick aus dem Fenster – Wolken, grau, Regen… es macht sich schon ein bisschen die Überzeugung breit: Das wird ein übler Tag. Hat dann noch der Chef blöde Laune, beim Einkauf ist die Verkäuferin unfreundlich und der Bus fährt vor der Nase weg, ist die Sache geritzt:

Das ist ein blöder Tag.

Und dann kommst du nach Hause und setzt dich so hin und lässt den Tag Revue passieren. Und alles kommt hoch: Du ärgerst dich nochmals über die unfreundlichen Verkäuferinnen, die rücksichtslosen Buschauffeure, du haderst mit den Autofahrern, die dir den Weg absperrten, schimpfst innerlich über den Nachbarn, der ständig Streit sucht und den unsäglichen Chef mit der immer miesen Laune. Dann denkst du vielleicht zurück an den einen Lehrer, der dich auch schon das Leben schwer machte, die Eltern, die hier und da nicht waren, wie du es dir gewünscht hättest.

Und so sitzt du dann da. Zu Hause. Allein. Und ärgerst dich. All die anderen, die vermeintlich für deinen Ärger verantwortlich sind, merken davon nichts. Sie machen sich vielleicht gerade einen schönen Abend, geniessen ein Nachtessen, lassen ein Bad ein – oder ja, vielleicht treiben sie sich mit ähnlichen Gedanken rum. Nur: Was du gerade mit deinem Abend machst, dafür ist nur einer verantwortlich:

Du selber!

Du ärgerst dich über das, was war, du holst es zurück, du belastest deinen Abend damit. Alle anderen haben davon wohl keine Ahnung. Sie haben dir vielleicht für dein Empfinden einen Moment versaut, aber du gibst ihnen die Macht, den Rest des Tages noch mit zu versauen. Weil du es nicht nur zulässt, sondern weil du es aktiv heraufbeschwörst.

Du kannst oft nicht bestimmen, was dir über den Tag hinweg alles passiert. Was du aber in der Hand hast, ist, wie viel Platz du dem einräumst. Und wie lange du es für dich selber weiter trägst. Ab und an hilft es, anzuerkennen, dass es nicht optimal gelaufen ist, dass es aber vorbei ist. Wenn man es dann loslässt, gehört der Rest des Tages einer Person: Dir selber. Und du kannst diesen nun für dich geniessen. Kein anderer funkt mehr rein. Wenn du ihn nicht lässt in deinen Gedanken.

Wenn du also wieder mal zu Hause sitzt und denkst, wer dir alles den Tag vermiest, frage dich: Wer tut es aktuell wirklich? Bin ich es nicht vielleicht selber? Will ich das? Vor allem auch: Bringt es was? Ab und an kann man sich vielleicht überlegen, wie man künftig ähnliche Situationen vermeiden könnte. Aber auch da hilft Ärger wenig. In der Entspannung finden sich meist die besten Ideen.

„Ich muss nicht alles können. Ich muss nicht jedem gefallen. Ich muss nicht alles wissen. Ich muss nicht jeden mögen.“

Das schrieb ich mal auf Twitter. Aus einer Erkenntnis heraus, sicher vermischt aus einem Frust, weil ich das so nicht gelebt hatte, aber als eigentlich wünschenswerte Lebenshaltung erkannte. Ich kann es nicht allen recht machen. Der Versuch, dies zu wollen, ist per se zum Scheitern verurteilt. Und doch: Ich hatte den Spruch, ich fand ihn gut – gelebt habe ich ihn nicht.

Ich habe Mühe, wenn ich was nicht gut (genug) kann. Ich habe Mühe, wenn ich merke, man mag mich nicht. Ich habe Mühe, wenn ich Wissensdefizite bemerke, ich fühle mich dumm – und ja, es gibt sehr viele. Ich mag Menschen eigentlich. Mag ich wen nicht, versuche ich, was Liebenswertes zu finden, da ich denke, dass dies jeder hat. Umso mehr Mühe habe ich natürlich, wenn ich denke, jemand mag mich nicht. Kann es aber verstehen. Ich finde mich selber ja auch nicht sooo toll. Aus Gründen. Sie stehen oben. Ich kann nicht alles, weiss nicht alles, habe ab und an Bedürfnisse, die andere nicht kennen, habe Eigenarten…

Und oft denke ich dann: Damit man das alles mag, muss ich mich ja anstrengen. Es recht machen. Entgegen kommen. Akzeptieren. Und oft spüre ich auch die Erwartung: He, ich will das so, das musst du akzeptieren. Was das dann mit mir macht? Das scheint kein Thema. Und das ist nicht gut.

Ja. Ein anderer kann etwas wollen. Auch entgegen meiner Bedürfnisse. Aber: Es macht was mit mir und das bringt wiederum etwas mit sich. Vielleicht auch Konsequenzen für den anderen. Nicht als Strafe für sein Wollen, sondern als Reaktion, damit ich es tragen kann. Wie oft hört man dann aber: He, nun hab dich nicht so. Es kann doch alles genau so bleiben, wie es war (für den anderen), ich mach doch nur dies und jenes – und du bist wie immer. Eine verständlich bequeme Sicht – aber sehr einseitig.

Beziehungen bestehen immer aus zwei Menschen. Jeder bringt sich rein. Jeder lebt sich aus. Und ja, jeder muss sich vielleicht auch mal einschränken. Für ein Wir. Und bei allem bleibt: Jeder trägt die Konsequenzen, für das, was passiert. Er kann sich also vorher ausrechnen, welchen Preis er für sein Ausleben zahlen will und was zu hoch ist.

Mit der Entscheidung müssen dann immer beide leben. Wenn aber nur einer lebt, wie er lustig ist, der andere sich anpasst, lebt nur einer. Der andere hat sich schon längst aufgegeben. Und DAS ist immer ein viel zu hoher Preis. Für alles. Die Entscheidung für ein Leben zu zweit sollte nie eine Entscheidung gegen das eigene Sein sein. Aber es wird wohl eine sein müssen, die den anderen miteinbezieht in die eigenen Entscheidungen. Ist man dazu nicht bereit, sieht man alles, was eingeschränkt ist, als Beeinträchtigung des freien Seins und die Bedürfnisse des anderen und die daraus resultierenden Konsequenzen als Gefängnis, ist vielleicht eine Beziehung nicht das richtige Lebensgefäss. Denn: Jeder andere Mensch bringt sich und seine eigenen Gefühle, Sichtweisen und Wahrnehmungen mit. Die sind nie richtiger oder besser – aber auch nicht das Gegenteil davon. Sie sind aber mit Garantie anders. Es gibt nur zwei Möglichkeiten hier: Man findet einen gemeinsamen Weg oder man sucht sich wieder den eigenen. Denn: Auf Dauer macht man keinen Spagat.

Und so bleibt am Schuss doch:

„Ich muss nicht alles können. Ich muss nicht jedem gefallen. Ich muss nicht alles wissen. Ich muss nicht jeden mögen.“

Umgekehrt aber auch nicht. Und damit muss ich auch leben können. Mit allem, was ich bin und tue. Alles bringt Konsequenzen. Will ich sie tragen? Kann ich es? Wenn nicht: Was ist die Alternative? Kann ich die tragen? Besser als die anderen? Schlussendlich ist alles ein Entscheid. Sogar ein wenigstens teilweise freier. Nicht frei im Sinne davon, dass ich alle Parameter von aussen steuern kann, aber frei darin, dass ich entscheiden kann, was ich an Konsequenzen tragen will und kann für meine Entscheidungen. Und ab und an schmerzen sie alle. Nur: Selbstaufgabe schmerzt lange, denn man tötet sich damit eigentlich selber permanent bei lebendigem Leib. Das würde man keinem anderen wünschen. Wieso tun wir es so oft mit uns selber?

Die Wogen schlagen hoch. Die Migros strich Dubler Mohrenköpfe aus dem Sortiment. Weil der Name nicht gehe. Er ist rassistisch. Findet die Migros. Man weiss nun nicht genau, ob das nur ein PR-Insturment war, um auf den Zug der Bewegung „Black Lives Matter“ aufzuspringen, oder aber ernst gemeinte ethische Haltung. Ich weiss es nicht, ich lasse es drum im Raum stehen.
Für mich ist die ganze Diskussion insofern irrelevant, da ich die Dinger schlicht nicht mag. Ich habe noch nie einen selber gekauft. Egal, wie er hiess. Ich wusste nicht mal um die Existenz dieser nun oben erwähnten Exemplare. Seit dem Aufruhr kenne ich sie. Würde sie aber immer noch nicht kaufen. Aus einem Grund: Ich mag keine pappsüssen Dinger, die mehrheitlich schaumen und dann auch noch Schokolade drum haben.

Um ernst zu sein: Ich bin sehr zwiegespalten bei der ganzen Diskussion. Einerseits denke ich, dass wir alles umbenennen können, es ändert an der Haltung wenig. Die, welche Menschen nicht ausschliessen möchten, tun es nicht, egal, wie etwas heisst. Für andere könnte es heissen, wie es wollte, sie täten es doch. Wir müssen an Haltungen, nicht an Namen arbeiten, vor allem bei Namen, die für die Mehrheit nie negativ konnotiert waren.

Das andere ist: Menschen sind verletzt durch Namen. Und ja, es ist ein Leichtes, dann den Namen zu ändern, man möchte ja keinen verletzen. Aber es verletzt sie ja nicht das Wort an sich, sondern das, was sie mit dem Wort erlebten. Und wäre es DAS Wort nicht, wäre es ein anderes Wort, das jemand gefunden hätte, um zu verletzen.

In meinen Augen legen wir zu viel Wert auf äussere Dinge wie Worte, zu wenig auf Haltung und Werte.

Ich schreibe das aus der Haltung einer, die das Wort ‚Mohrenkopf’so oder so nie brauchen wird, da sie nie einen sottigen kaufen würde. Und aus der Haltung einer Sprachwissenschaftlerin (es war ursprünglich eine rein regionale Zuschreibung für Südafrikaner, Mauren, um diese von den anderen abzugrenzen). Und einer Ethikforscherin (die einen grossen Teil gegen Rassismus, Diskriminierung geforscht hat). Das könnte ich noch hinterher werfen. Aber schlussendlich vor allem aus der Haltung eines Menschen, der Menschen mag. Der weiss, wie es sich anfühlt, gehänselt zu werden, der weiss, dass es weh tut. Der aber auch weiss, dass man das Aussen nicht mit Worten ändert. Nur mit Haltungen. Sonst müssten doch bitte dick und Bauch gestrichen werden. Ich wurde als Kind wegen eines solchen (dicken Bauchs – ich weiss, wer mich kennt, liest nochmals nach – aber jeder, der meine Kleinkindbilder sieht, thematisiert meine runden Backen) gehänselt. Und wegen Unsportlichkeit. Und als Lama bezeichnet… das Tier müsste man umbenennen. Mein Lehrer stellte mich vor versammelter Klasse als solches bloss. Ich kam nicht unter „ferner liefen“ an beim Schnelllauf, es war Glück, wenn noch nicht alle schliefen bis zu meiner Ankunft.

Und alles würde nicht helfen. Wer andere klein machen will, wer sie ausschliessen will, sie degradieren, diskriminieren, belächeln, lächerlich machen will: Er findet immer was. Wir können alle Worte dieser Welt ändern. Wenn wir die Haltung der Menschen nicht ändern, nicht zu einem Miteinander statt zu einem Ausspielen kommen, wird es nie eine bessere Welt werden.

In der Sprache liegt eine latente Wahrheit. Das ist so. Und ein bisschen Wahrheit steckt in jedem Wort. Das denke auch ich, die ich mit jedem Wort meine Witze treibe, ab und an aber auch getroffen reagiere auf andere Worte. In der Hoffnung, dass meine nie wirklich treffen. Ich kann es nicht ausschliessen. Aber die Haltung dahinter ist immer nur die: Ich möchte, dass es meinem Gegenüber gut geht. Und wenn die Haltung da ist, wird KEIN Wort verletzen. Wenn wir vertrauen können, dass unser Gegenüber so denkt, dann werden wir jedes Wort annehmen können. Und damit ist uns geholfen, damit hat der Humor einen breiteren Platz, damit hat das Leben eine Basis, die auf Vertrauen, auf einem Miteinander gründet, die jedem genug Boden gibt, sich selber zu sein, im Wissen: Ich bin gut so, wie ich bin.
Diese Welt wünsche ich mir!