Es gibt den Schlamm und es gibt die Lotusblüte, die aus dem Schlamm wächst. Wir brauchen den Schlamm, um eine Lotusblüte zu machen.“ (Thich Nhat Hanh)

Kennst du das auch, dass dir etwas passiert im Leben und du davon überzeugt bist, dass dies nun ein grosses Unglück ist, etwas, von dem du denkst, dass du es lieber nicht erlebt hättest? Und irgendwann später blickst du zurück und denkst, das aufgrund genau dieses Vorfalls, etwas Positives gewachsen ist. Der Dichter Rainer Maria Rilke schrieb einst einem jungen Schrifsteller, dass er froh sei um seine düsteren Stunden, da er sonst nie in der Lage gewesen wäre, zu schreiben. Was wäre uns entgangen.

Die Dinge sind nicht per se schlecht oder gut, wir bewerten sie aufgrund unserer Massstäbe so. Wir tun dies nicht nur aus subjektiver Wahrnehmung, sondern auch aus einer sehr beschränkten, da wir nie das grosse Ganze sehen, sondern nur einen kleinen Ausschnitt desselben. Das bedeutet nicht, dass wir in Zukunft jeden Schicksalsschlag freudig begrüssen werden, aber vielleicht hilft der Gedanke im Hinterkopf, dass aus allem etwas Gutes wachsen kann – wenn wir es zulassen. Frei nach dem Motto:

Am Ende wird alles gut. Und ist es nicht gut, ist es nicht das Ende.

„Da wird es hell in unserem Leben, wo man für das Kleinste danken lernt.“ Friedrich von Bodelschwingh

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Das Leben ist nicht immer nur einfach, auch schwere und düstere Stunden gehören dazu. Uns aber immer wieder vor Augen zu führen, wofür wir trotz allem dankbar sein können, hilft – gerade in dunklen Stunden – Licht ins Leben zu bringen.

Ich bin kein Sammler. So generell. Ich trenne mich gerne von Dingen, die ich nicht mehr brauche, einfach weil sich so schnell so viel ansammelt – und ich finde, dass es dann nur noch als Ballast wirkt und teilweise fast erschlägt. All die vollen Schränke, der überfüllte Keller, die überquellenden Schubladen – und ja, die gefüllten Bücherregale. Ich habe immer wieder Bücher weggegeben und auch weggeworfen (bitte keine Aufschreie, wenn keiner sie will, bleibt wenig anderes übrig) und doch… es sind immer noch viele. Sehr viele. Und bei vielen weiss ich, dass ich sie wohl nie mehr lese. Und dann nehme ich sie in die Hand und denke: Was, wenn doch? Es gab in der Vergangenheit schon Bücher, die ich neu kaufen musste… weil ich das alte aus eben dem Grund weggegeben hatte.

Was bei Büchern anfängt, geht bei anderem weiter. Ganz viel liegt über Monate, Jahre unangetastet. Aber könnte man es nicht mal wieder brauchen? Gerade weil ich so vielseitig bin und immer mal wieder Neues ausprobiere oder Altes neu entdecke.

Vor einigen Jahren starb der Vater meines damaligen Freundes. Meinem Freund fiel es zu, das Haus zu räumen, um es dann verkaufen zu können. Er brauchte dafür Monate. Das Haus war vom Keller bis unters Dach voll gestopft. Mit Dingen, die offensichtlich schon lange keiner mehr in den Händen gehabt hatte. Ich dachte damals so bei mir: Das soll bei mir niemandem zufallen. Das möchte ich keinem zumuten.

Im Moment wäre es nicht ganz so schlimm wie bei besagtem Vater, aber noch immer wäre es viel. Und ich mute das aktuell mir zu. Dinge, die weder Freude bereiten noch Sinn ergeben in meinem persönlichen Leben, bevölkern mein Zuhause. Sie schauen mir aus Regalen entgegen, stehen dicht gereiht hinter Schranktüren, stapeln sich im Keller, in Schubladen und in Abstellkammern.

Kann ich sie einfach loslassen? Kann ich mich davon trennen? Hängen nicht Erinnerungen dran? Haben sie nicht einen Wert, den ich hochachten müsste? Kann ich einen Literaturklassiker weggeben? Das ist hohe Kunst? Oder die grossen Philosophen. Sind sie mehr Wert als ein aktueller Krimi? So ideell? Und praktisch?

Ab und an überkommt mich der Wunsch, einfach rigoros auszumisten. Weg mit allem, was ich nicht brauche. Wenn ich mir meinen Lebensabend ausmale, könnte ich mir gut vorstellen, irgendwo in einem ganz kleinen Häuschen zu leben mit dem, was mir wichtig ist – das wären dann wohl meine Kamera plus Zubehör, mein Computer, meine Bildbände und Lyrikbücher (vielleicht noch mein Klavier, wenn ich bis dahin endlich mal wieder spielen lernte… und irgendwie fallen mir grad noch ein paar mehr Dinge ein… )

…. nur wäre bis dahin noch viel zu tun… zum Glück bleibt noch ein wenig Zeit….

Wie habt ihr es so mit dem Wegwerfen? Bringt Besitz Glück oder ist zu viel Besitz Ballast?

„Gesundheit ist Glück, so sagt der Kranke – Reichtum ist Glück, sagt der Arme, Weisheit ist Glück, sagt der Philosoph – und sie haben alle Recht. Unglück aber ist gewiß, das nicht erreichen zu können, was man bedarf.“ Fanny Lewald (1811 – 1889)

Wer kennt noch das Kinderlied vom Hans im Schneckenloch, der alles hat, was er will? Sind wir nicht alle oft wie Hans? Wir sehen, was uns fehlt, statt uns an dem zu freuen, was wir haben. Wie wäre es, wenn wir das heute mal umkehren würden?

„Du sollst dankbar sein für das Geringste, und du wirst würdig sein, Grösseres zu empfangen.“ Thomas von Kempen

Als Kind wollte mein Sohn immer seine Münzen in Noten gewechselt haben. Münzen waren für ihn minderwertig, sie waren zu wenig wert, sie zählten quasi nicht. Ich war immer dankbar um das Kleingeld, konnte ich es doch bei Automaten gut brauchen – und ich zahlte auch an der Kasse damit.

Es gibt den schönen Spruch, dass nur der des Franken wert ist, der auch den Rappen ehrt. Wie oft kommt es vor, dass wir Kleines gering schätzen, weil wir nur nach dem Grossen streben? Dabei sehen wir meist nicht, wozu auch das Kleine gut ist. Und: Ist klein und gross nicht relativ und davon, welchen Wert WIR ihm zumessen?

Rousseau beschrieb den Menschen als „edlen Wilden“, der durch die Zivilisation verdorben würde. Besonders erfolgreich im Verderben ist die Erziehung. Sollte sie eigentlich dem Kind zur Fähigkeit der Selbstbestimmung verhelfen, nimmt sie ihm die natürliche Unbefangenheit und legt es quasi – wie der Staat nach Rousseau auch – in Ketten.

Kinder müssten geschützt werden, so Rousseau, sie müssten ihre eigenen Erfahrungen machen dürfen und sich nicht in Normen und Zwängen der Erwachsenenwelt wiederfinden. Rousseau ist sicher nicht unumstritten. Er stellte hohe Ansprüche in den Raum, denen er selber im eigenen Leben nicht folgte, gewisse Ansichten klingen auch sehr naiv und verklärend, aber: Statt sich auf die Unzulänglichkeiten zu konzentrieren, wäre es zweckdienlicher, sich den durchaus sinnvollen Postulaten zu widmen und zu sehen, wie es heute darum steht. Die Antwort ist ernüchternd: Nicht zum Besten.

Das heutige Schulwesen mit seinen Bildungsplänen hat es sich zur Aufgabe gemacht, durch zweckdienliche Selektion für die Privatwirtschaft funktionierende Arbeitskräfte zu generieren. Es geht nicht um die Ausbildung von individuellen Fähigkeiten und Talenten oder gar die Möglichkeit des Einzelnen, ein gutes Leben zu führen, es geht darum, wie man Menschen für die ökonomischen Anforderungen passend macht. Dazu werden Hierarchien von Bildungsstufen definiert, deren höchste die ist, bei welcher die Schüler am längsten in den Schulbetrieben sassen. Die mit den weniger langen Schulwegen sind damit in den Köpfen und in der Bewertung unterlegen. Sie werden dann Pflegepersonal für kranke Menschen, Maurer, damit die Menschen, sind sie nicht grad krank und in Pflege, ein Dach über dem Kopf haben. So wirklich toll ist nur der, welcher entscheidet, wer den Kredit kriegt, um das Haus überhaupt bauen zu können, oder der, welcher darüber entscheidet, welche Menschen die vollumfängliche Pflege haben dürfen aufgrund welcher Kriterien und Einkommensverhältnisse.

Wer also was sein will in dieser Welt, soll sich gut ausbilden. Nach Norm und Lehrplan. Er muss Tonnen an unnützem Wissen in den Kopf stopfen, nur um es gleich nach der hoffentlich erfolgreich bestandenen Prüfung wieder zu vergessen. Er lernt schon früh, dass die Mitschüler Konkurrenten sind, weil der Notenschnitt mathematisch verschlüsselt, nicht nach Fähigkeiten eruiert ist.

Unsere Schulen bilden nicht mehr aus, sie stellen Arbeitskräfte nach Bedarf und in der Wertigkeit klar unterteilt zur Verfügung. Wer nicht passt, wird passend gemacht, klappt das nicht, fliegt er. Erst vor die Tür, später in Therapien, dann in Sondersettings, notfalls aus der Schule. Was nicht sein darf, kann nicht sein. Schliesslich hat man einen Lehrplan zu erfüllen. Kinder müssen Sinuskurven berechnen und Infinitesimalrechnungen bewältigen können. Sie müssen wissen, wie ein Vogel sein Gefieder einfettet und welcher Baum in Nachbars Garten steht. Sie müssen Schillers Glocke aufsagen können und alle Flüsse Uruguays blind in einer Karte eintragen. Das ist heute Bildung. Man streicht dann lieber Sport und Kunst, die taugen nichts, um noch ein wenig mehr chemische Formeln reinzupacken. Alles, was der Seele gut tut und das Leben und selber Denken und Tun befördert, streicht man aus den Lehrplänen, um das passive Gehorchen und Erfüllen aufs Podest zu heben.

Und dann stehen wir in dieser Welt und fragen uns, wieso sie so krank ist. Wir fragen uns, wieso immer mehr Kinder an Depressionen leiden, wieso sich Kinder umbringen, weil sie keinen Sinn mehr sehen im Leben – kein Auskommen mit ihm. Kinder! Wir fragen uns, wieso wir uns als Erwachsene nicht wohl fühlen in diesem Hamsterrad, für das wir doch all die Infinitesimalrechnungen, Formeln und Glocken-Gedichte auswendig gelernt haben und dann mit Burnout aussteigen.

Und: Wir fragen uns, wieso Lehrer selber mit ihrer Aufgabe nicht mehr leben können, sie oft nach wenigen Jahren aufgeben, aufgeben müssen. Weil alles ein Kampf ist, weil das Geradebiegen von Menschen schlicht kaputt macht. Alle Beteiligten.

Wir haben seit Rousseau nichts gelernt. Wann werden wir es tun? Schon John Locke meinte, dass der Mensch als „Tabula Rasa“ auf die Welt kommt (man solte ein bisschen Gen-Material durchaus mit berücksichtigen). Alles, was dann kommt, lernt er aus Erfahrungen, durch sein Umfeld, vom Leben. Wir hätten eine Verantwortung und wir hätten es in der Hand, es besser zu machen. Es wäre an der Zeit.