Tagesgedanken: Schreiben

«Ich brauchte einige Jahre, um herauszufinden, was ich war. Eine Schriftstellerin. Womit ich nicht eine ‚gute‘ oder eine ‚schlechte‘ Schriftstellerin meine, sondern einfach eine Schriftstellerin, ein Mensch, der seine tiefsten und leidenschaftlichsten Stunden damit verbringt, Wörter auf einem Stück Papier anzuordnen.»

Das schrieb Joan Didion und ich fühle, da ist eine Gleichgesinnte, da ich jemand, der mich versteht. Das Gefühl, wenn die Buchstaben fliessen, das Gefühl, wenn die Gedanken langsam auf dem Papier Gestalt annehmen, der Fluss des Schreibens, der ein unaufhaltsamer zu sein scheint plötzlich, wenn sich Wort an Wort in Sätze giesst, die zu dem werden, was im Kopf vorgeht, das aber vorher nicht so bewusst war, wie es nun wird, da es vor mir schwarz auf weiss erscheint. 

Schreiben ist die erste Tätigkeit des Tages und es zieht sich durch diesen hindurch. Lesen ist die Beschäftigung, die gleich danach kommt, die das Schreiben begleitet teilweise, ihm vorauseilt, um schliesslich oft den Tag auch zu beenden. Und so ziehen die Tage mit ihren Wörtern ins Land, Notizbücher füllen sich, Dokumente werden eröffnet, gefüllt, geschlossen, neue Welten entstehen, die vormals in meinem Kopf waren, nun ihren Weg in die Freiheit gefunden haben. Und in jedem Text komme ich mir wieder neu auf die Spur. Denn es ist, wie Joan Didion sagt:

«Ich schreibe ausschliesslich, um herauszufinden, was ich denke, was ich anschaue, was ich sehe und was das bedeutet. Was ich will und wovor ich mich fürchte.»

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Buchtipp: Joan Didion: Was ich meine

Joan Didion schrieb mal, dass sie nur darum schreibe, um herauszufinden, was sie denkt, fühlt, sieht. In diesem Buch werden wir Zeuge davon. In zwölf Essays lernt der Leser Amerika aus ihrem Blick kennen, erfährt mehr über ihr Leben in diesem Land und mit den Herausforderungen, die das Leben birgt. Mit ihrem Erzählen schafft es Joan Didion immer wieder, die Augen des Lesers für die Welt zu öffnen.

Angaben zum Buch:
Herausgeber: Ullstein Hardcover (24. Februar 2022)
ISBN-13: 978-3550201813
Übersetzung: Antje Rávik Strubel
Originaltitel: Let Me Tell You What I Mean

Tagesgedanken: Was ist wahr?

Kürzlich sass ich nachts auf der Terrasse, schaute in den schwarzen, wolkenbehangenen Himmel und den gelben Mond. Es sah aus, als führe der Mond durch die Wolken, als brause er förmlich in sie hinein, um auf der anderen Seite wieder rauszukommen. Ich war fasziniert. Ich wusste vom Verstand her, dass es andersrum ist, dass die Wolken zogen und der Mond stand. Doch hätte ich ohne dieses Vorwissen beim blossen Anblick nie an eine solche Möglichkeit geglaubt.

Nun ist es sicher gut, dieses Wissen, das man sich ja nicht selbst erarbeiten konnte, zu glauben, gilt es doch als aktuelle Wahrheit (auch wenn es vielleicht nur der derzeit gültige Irrtum ist). Es sei denn, ich hätte wirklich die Möglichkeit der eigenen Überprüfung, dann sollte ich das tun.

Mir kam der Gedanke, dass wir das im Leben auch oft so machen: Wir erleben etwas und beurteilen es. Wir sind an einem Anlass, jemand schaut uns auf eine Weise an, und wir denken: «Der hat was gegen mich.» Vielleicht fangen wir uns sogar an zu fragen, was wir getan haben, dass dies so ist, suchen nach Fehlern bei uns und steigern uns förmlich rein in dieses Nicht-gemocht-Sein. Leider gibt es hier kein allgemeingültiges Wissen, das hier helfen könnte, zudem sind wir mehr als überzeugt von unserer Sichtweise, schliesslich haben wir den Blick gesehen und sind nicht ganz blöd. Denken wir.

Wir haben eine beschränkte Wahrnehmung und wir sind oft durchdrungen von Ängsten und Verletzlichkeiten. Wir fürchten, nicht gemocht zu werden, und achten aus dieser Angst heraus darauf, wie andere auf uns reagieren. Wir neigen dazu, den eigenen Ängsten recht zu geben, sind sie doch unser Begleiter und damit eng vertraut. Unser so geprägter Blick sieht also schnell das, was zur Angst passt. Und wir sind verletzt.

In solchen Situationen kann es uns helfen, innezuhalten und uns zu fragen: Ist das wirklich wahr? Weiss ich, dass er mich nicht mag? Könnte es andere Gründe für den Blick geben? Oder hat er vielleicht gar nicht mich angeschaut? Und selbst wenn es so wäre: Sind hier nicht auch noch ganz viele Menschen, die mich mögen? Wäre der Abend nicht schöner, ich würde mich daran freuen als mich über den einen (von dem ich nicht mal weiss, ob meine Wahrnehmung stimmt) zu grämen?

«Wir müssen unsere Sinneswahrnehmungen beobachten und unsere Reaktionen darauf überprüfen.» (Epikur)

Es ist an uns, zu entscheiden, worauf wir unseren Fokus lenken und wie wir das, was wir sehen und erleben, behandeln. Nicht das, was ist, lenkt unsere Gefühle, sondern das, was wir daraus machen.

Tagesgedanken: Glück

«Was strebt ihr also mit all eurem Lärmen um Glück? Ich glaube, ihr sucht den Mangel durch Fülle zu verjagen; doch das schlägt sich euch zum Gegenteil aus.»

Das schrieb Boethius im 6. Jahrhundert nach Christus und man könnte die Frage wohl heute noch so stellen: Glück scheint das höchste Gut und alle streben danach, es zu erhaschen. Was erfüllt sein muss, damit man glücklich sei, darüber wurde seit Menschengedenken ganze Bücher gefüllt. Aristoteles verortete es in einem tugendhaften, Epikur in einem lustvollen (wobei sein Lustbegriff nicht dem alltäglichen heute entspricht) Leben. Viele erhoffen sich Glück durch Reichtum, doch ist man wirklich glücklich, wenn man immer noch mehr hat? Studien widerlegen das. 

Vielleicht trifft es Schopenhauer, der eine Heiterkeit des Gemüts als beste Voraussetzung nennt, glücklich zu sein. Dem stimmt auch Jean Paul zu, welcher findet, dass Heiterkeit und Frohsinn die Sonne seien, unter der alles gedeihe – dann also auch die Sache mit dem Glück. Nur: Mal gefunden, bleibt es selten, denn die grösste Sicherheit in Bezug auf das Glück besteht darin, dass es unsicher, weil unbeständig ist. Oder ist gerade das der Grund, weswegen es uns so wertvoll erscheint? Ist das, was nicht immer da oder von einem Ende bedroht ist, gerade drum so erstrebenswert, so auch das Leben an sich?

Ich denke – diese Sicht teilen auch die meisten Philosophen -, dass Glück nur dann entstehen kann, wenn es aus uns selbst entsteht. Äussere Güter sind ihm kaum zuträglich, in jedem liegt immer eine Gefahr. Vielleicht kann man die Aussage, dass jeder seines Glückes Schmied sei, auch so verstehen, dass das, was wirklich Glück mit sich bringt, aus einem selbst kommen muss und man das selbst in der Hand habe, frei nach Epiktet: Es gibt Dinge, die wir beeinflussen können, andere nicht. Kümmern wir uns um die ersten.

Sollte es doch mal nicht zum Glück reichen, halten wir es mit Wilhelm Schmid, der auch im Unglück viel Wertvolles sieht, denn aus ihm entsteht oft eine Weiterentwicklung, ein neuer Weg hin zu etwas Anderem und vielleicht Besseren. Und bewahren wir die Hoffnung:

„Am Ende wird alles gut. Und ist es nicht gut, ist es nicht das Ende.“

Tagesgedanken: Beziehungen mit Resonanz

Kürzlich wollte ich jemandem eine Freude machen und ich begleitete ihn zu einem Anlass, der mir selbst nicht entsprach. Es wurde für mich auch eher schwierig, ich fühlte mich fehl am Platz und Begleiter (dessen Begleiterin ich ja eigentlich war), kümmerte sich nicht um mich, befand im Nachhinein, ich wäre selbst verantwortlich für mich und mein Wohlbefinden. Und da fragte ich mich: „Wozu das alles?“ Wieso versuche ich überhaupt, jemandem etwas zuliebe zu tun? Ich hätte mir eine schöne Zeit für mich machen können, dafür hätte mich keiner angegangen, die hätte ich genossen, da hätte ich mich wohlgefühlt. 

Die Frage nach dem Wozu, nach dem Sinn, kommt immer dann auf, wenn etwas nicht stimmt. Oft versuchen wir, Sinn in uns selbst zu finden, doch da liegt er nicht, er liegt immer in Beziehungen, in einem Dazwischen. Und wenn da etwas aus dem Lot kommt, fehlt der Sinn. Für diesen Sinn sind denn auch zwei verantwortlich, einer allein wird keinen Sinn herstellen. Ist der Sinn einer Beziehung Freundschaft, müssen beide daran arbeiten, dass diese Beziehung eine freundschaftliche ist und so ihren Sinn entfaltet. In der Liebe dasselbe: Es ist keine Einbahnstrasse, sondern sie entfaltet sich nur an einem Ort, an dem zwei Menschen zusammenkommen, nicht an dem, zu welchem einer hinläuft, um beim anderen zu sein. 

Wie oft gehen wir selbst die ganze Strecke, in der Hoffnung, am Ziel dann auf Liebe, Anerkennung, Wertschätzung zu stossen? Wie oft geben wir für diesen Weg zu viel von uns auf, ohne zu merken, dass der andere alles behält und das unsere noch dazu nimmt? Wo sind Beziehungen in Schieflagen geraten, ohne dass wir es merken, im Gegenteil, wo wir uns noch mehr anstrengen, zu gefallen, um der Liebe wert zu sein, die wir uns erhoffen?

„Ohne Liebe ist jedes Opfer Last, jede Musik nur Geräusch und jeder Tanz macht  Mühe.“ (Rumi)

Das stimmt einerseits für das eigene Tun, aber auch da, wo nichts zurückkommt, weil die Liebe nicht im Tun erwidert wird. 

Philosophisches: Schule machen

Kürzlich las ich ein Interview in „Die Zeit“ mit Wigald Boning, in welchem er folgenden Satz äusserte:

„Ich glaube, wenn man geliebt wird als Kind – dann öffnet das viele Türen.“

Und ich dachte: „Wie wahr!“ Das Gefühl, nicht geliebt zu werden, hängt ein Leben lang nach. Das Gefühl, nicht lieben zu dürfen, weil jede Umarmung von dir zu viel ist, du aber keine kriegst, prägt. Und dann sitzt du irgendwann in deinem Erwachsenenleben und merkst: Ich trau mich nicht. Ich trau mich nicht, darauf zu vertrauen, dass mich jemand lieben kann. Ich trau mich nicht, jemanden zu umarmen, denn meine Umarmungen kommen immer ungelegen. 

Und dann denke ich: Mein Gott, ich hatte das, was man eine behütete Kindheit in einer heilen Welt nennt. Und ich frage mich, wie geht es Kindern, die nicht eine solche Basis haben? Kinder, die Gewalt erleben müssen. Kinder, die aus Familien genommen werden, weil sie misshandelt werden. Kinder, die an einen Ort, in deine Klasse geboren werden, wo sie schon von Anfang an schlechtere Chancen haben – in unserem System. Kindern aus unteren Klassen traut man weniger zu. Experimente haben gezeigt, sie wären zu gleichem fähig, würde man ihnen das Vertrauen signalisieren. Woher sollen sie es nehmen, wenn es ihnen keiner gibt?

Es gibt zum Glück Institutionen, die das auffangen. Und manchmal sind die richtig gut. Sie schaffen es, dem Kind etwas zu vermitteln, was Liebe heisst. Obwohl es „nur“ Institutionen sind. Sie vermitteln eine Form von Vertrauen:

„Ich glaube an dich!“

Und das Kind kann es glauben, weil eine Beziehung da ist. Und so sollte es in Schulen sein: Jeder kann vieles erreichen. Man muss an ihn glauben, Es ihm mal zutrauen. Keine Schere machen, nicht die Zuwendung nach Klassen austeilen. Leider passiert das oft zu wenig. Es gibt private Schulen, doch die können sich viele nicht leisten. Und wenn man das Modell erklärt, kommt als Erstes: 

„Das geht eh nicht.“

Doch, es geht. Es is sogar finanzierbar. Man müsste es wollen. Aber es wäre gefährlich. Plötzlich würden wir Menschen aus allen Schichten bilden, die nachher mündige und fähige Mitbürger wären, die mitsprechen wollen. Plötzlich wäre der eigene Kuchen gefährdet, weil zu viele gelernt haben, ihr Leben in die Hand zu nehmen und wissen, dass sie dafür ihre Stimme in einer Demokratie erheben müssen. Das muss man sich erst mal trauen. 

Nur: Wollen wir weiter eine Demokratie haben, die gelebt wird, müssen wir den Weg gehen. Er fängt im Elternhaus an, aber unsere Institutionen sind in der Pflicht. Auf die könnten wir bauen, wenn sie sich dazu entschliessen könnten. Stellt euch vor: Wir bilden plötzlich Kinder aus, die durch diese Ausbildung erfahren, dass sie selber etwas bewirken können, dass sie dadurch eine Verantwortung tragen, das auch zu tun, und die partizipieren wollen an einem gelingenden Miteinander. 

Eine Utopie? Möglich. Aber nur, wenn wir es nicht wagen. Es wäre machbar! Ich glaube dran!

Tagesgedanken: Glück mit Aristoteles

Es ist immer wieder erstaunlich, wie aktuell noch heute die Gedanken der alten Griechen sind. Wenn man durch Aristoteles’ Schriften blättert, finden sich Aussagen zum Menschsein, zum Leben darin, die an Gültigkeit nichts verloren haben. Ein Zeichen dafür, dass wir trotz der vielen offensichtlichen Veränderungen in der Welt über die Jahrtausende hinweg im Wesen noch immer ähnlich denken und sind. Schon Aristoteles hat sich zum Beispiel mit der Frage auseinandergesetzt, was ein gutes Leben ist, was es im Leben braucht, um glücklich zu sein. Er befand, dass viel an einem selbst liegt dabei:

«Tatsächlich ist jeder seines eigenen Glückes Schmied und kann sich an jedem beliebigen Punkt seines moralischen Werdegangs für ein gutes Leben entscheiden.»

Ein gutes Leben ist für Aristoteles eines, in dem man auf der Basis der eigenen Vernunft versucht, das Richtige zu tun. Es gilt also, als Einzelner in sich zu gehen und zu ergründen, was man will, wo die eigenen Werte liegen, wie man handeln will – die eigenen Absichten entscheiden über richtig oder falsch im Tun.

«Selbstgenügsamkeit oder auch Selbständigkeit (autarkeia) ist ein Schlüsselelement in Arostoteles’ Konzept einer guten und damit glücklichen Lebensführung.»

Ein Leben kann zudem nur dann ein glückliches sein, wenn man sich selbst genug ist. Sobald man das eigene Glück von anderen abhängig macht, ist es gefährdet, da man es aus den eigenen Händen gibt. Das bedeutet jedoch nicht, dass man das Leben nur auf sich gestellt und allein leben soll, damit würde man viel verpassen an Freude und Schönem. Freundschaft ist für Aristoteles ein grosses Gut, Freunde gilt es zu pflegen, denn sie sind eine Bereicherung für das eigene Leben.

«Für Aristoteles hingegen stellen Freunde auch für das Leben der Selbstgenügsamen eine Bereicherung dar… Freunde sind etwas inhärent Gutes im ‘äusseren’ Leben.»

Als soziale Wesen sind wir auf das Dasein anderer Menschen angewiesen, wir wären nicht lebensfähig ohne. Damit das Zusammenleben aber gelingt, bedarf es der richtigen Einstellung, da Freunde gut behandelt werden wollen. Freundschaft beruht vor allem immer auf einer Gegenseitigkeit. Es geht nicht an, nur profitieren zu wollen, man muss immer auch bereit sein, etwas zurückzugeben. Das soll nicht als Buchhaltung verstanden sein, sondern als tiefe Überzeugung, dem anderen etwas Gutes und das dazu Nötige tun zu wollen. Diese Grundhaltung kann nicht auf jedem Boden gedeihen, sie gedeiht da, wo Liebe ist, wo das tiefe Gefühl der Mitmenschlichkeit herrscht – und das fängt immer bei sich selbst an. So sagt denn Aristoteles auch,

«…dass man sich unbedingt selbst lieben muss, um gut leben und andere Menschen gerecht behandeln zu können.»

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Buchtipp: Edith Hall: Was würde Aristoteles sagen? Zehn philosophische Lektionen für das Glücklichsein

Edith Hall greift auf Aristoteles zurück, und präsentiert mit seiner Hilfe zehn Lektionen zum Glücklichsein. Für den antiken Denker war Glück eine innere Zufriedenheit, die jeder durch sein eigenes Verhalten erreichen kann. Das dazu nötige Verhalten ist ein ethisches, eines, das Tugenden hochhält, das im Umgang mit sich und anderen einer Tugendethik verpflichtet ist. Hall veranschaulicht die aristotelischen Grundsätze und Erkenntnisse anhand zeitgemässer Beispiele und eigenen Lebenserfahrungen.

Zur Autorin:
Edith Hall, geboren 1959, ist Professorin für Altertumswissenschaften am King’s College in London und zugleich Mitgründerin des Archive of Performances of Greek and Roman Drama an der Universität Oxford. Sie verfasste mehrere Bücher zu Themen der griechischen Geschichte und Literatur, u.a. eine Kulturgeschichte von Homers »Odyssee« sowie eine Geschichte der antiken Sklaverei. 2015 erhielt sie die »Erasmus-Medaille« der Academia Europea für herausragende Verdienste um die europäische Kultur und Wissenschaft.

Angaben zum Buch:

  • Herausgeber ‏ : ‎ Siedler Verlag (27. September 2021)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 336 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3827500974
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3827500977
  • Originaltitel ‏ : ‎ Aristotle’s Way: Ten Ways Ancient Wisdom Can Change Your Life
  • Übersetzer: Andreas Thomsen

Verantwortung übernehmen

Wir leben in dieser Welt und sind von ihr abhängig, da wir ohne sie nicht leben könnten. Und doch verhalten wir uns so, als ginge die Welt uns nichts an, als könnten wir uns in der Natur bedienen, diese ausbeuten und zerstören, ohne dass dies irgendetwas mit uns zu tun hat. Wir zerstören die Leben von Tausenden, Millionen von Menschen an entlegenen Orten durch unser tun und fühlen uns doch nicht verantwortlich dafür: Es sind zu viele, sie sind gesichtslos für uns, die Kausalkette von Tun und Wirkung ist zu abstrakt. 

«Die Art, wie sich ein Individuum verhält, ist eine Antwort, nicht bloss eine Reaktion, auf seine Umwelt; sie ist jeweils eine signifikante Art, sich auf die Welt zu beziehen.»

Mit dieser Art zu leben heute, machen wir nicht nur unsere Umwelt kaputt, wir laufen auch in die Gefahr, unsere Gesellschaftsstrukturen so zu gestalten, dass sie totalitäre Systeme ermöglichen. Die Gleichschaltung unserer kapitalistischen Ziele, welche immer weniger Pluralität und immer mehr Gleichförmigkeit mit sich bringt, bedeutet das schleichende Ende einer Welt, in der ein Individuum noch nach seinem eigenen Willen leben kann. Es braucht ein Umdenken, eine Aufklärung, die an die heutigen Bedürfnisse von Mensch und Welt angepasst ist. 

Der Mensch ist gefordert, andere Menschen, Tiere, die Natur auf eine Weise wertzuschätzen, die ein Zusammenleben ermöglicht, das für die Lebewesen ein gutes ist, und das die Natur wieder aufatmen lässt. Das bedingt, dass wir Grenzen setzen da, wo Technik und Profitdenken Risiken bergen, wo sie Vernichtung mit sich bringen können: Die Vernichtung des freien Willens, die Vernichtung von natürlichen Lebensräumen, die Vernichtung möglichen Lebens in dieser Welt. Wir brauchen ein Bewusstsein für die Verwundbarkeit der Welt. 

Mit dem Bewusstsein um die Verwundbarkeit der Welt geht auch das unserer eigenen Verwundbarkeit einher. Wir werden in der Welt, wie wir sie gestalten, leben, und unter ihr leiden müssen, wenn sie weiter zu Grunde gerichtet wird. Wir werden die Konsequenzen tragen und es wird auch uns an die Substanz gehen, wenn wir nicht wieder neue Wege finden, diese kurzfristig mit noch grösseren zu erwartenden Schäden zu umgehen. Es liegt also in unserer Verantwortung, unser heutiges Tun so zu verändern, dass wir nicht weiter Schaden zufügen, sondern endlich beginnen, diesen wiedergutzumachen. Wir müssen unser alltägliches Verhalten den Erfordernissen anpassen – und das kann jeder für sich tun.

Immer wieder hört man dann: Ich bin ja nur ein kleines Licht. Das bringt doch nichts, wenn ich mich einschränke. Die da oben sollen endlich was tun. Am besten befehlen. Nur: Würden sie befehlen, fühlte man sich wieder bevormundet, in der eigenen Freiheit eingeschränkt, und ich sehe schon die wütenden Protestierer, die um diese ihre Freiheit auf die Strasse gehen. Jetzt hätten wir die Freiheit, selbst zu handeln. Ohne Befehl, nur im Bewusstsein, das richtige tun zu müssen – weil wir es wollen (sollten).

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Buchtipp zur Vertiefung des Themas:
Corine Pelluchon: Das Zeitalter des Lebendigen. Eine neue Philosophie der Aufklärung

Ein Buch darüber, ob Aufklärung noch zeitgemäss ist, ob wir nach allem, was die Vergangenheit und Gegenwart an Krisen mit sich brachten, noch auf diese zurückgreifen können. Corine Pelluchon skizziert eine neue Form von Aufklärung, die den Gefahren, die auf uns lauern, wenn wir so weiterleben wie bisher, entgegentritt. Sie propagiert kritisches Hinterfragen von aktuellen Verhaltensweisen und strukturellen Systemen, plädiert für einen Humanismus in Bezug auf Tier- und Menschenrechte, setzt als Ziel eine ökologische und demokratische Gesellschaft, die von Freiheit geprägt ist und doch die notwendigen ökologischen Zwänge berücksichtigt.

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Angaben zum Buch:

  • Herausgeber ‏ : ‎ wbg Academic in Wissenschaftliche Buchgesellschaft (WBG); 1. Edition (22. Oktober 2021)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 320 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3534273605
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3534273607

Lebenskunst: Dem Leben Sinn geben

„Der Sinn des Lebens ist einfach nur leben.“ (Alan Watts)

Was ist der Sinn des Lebens? Diese Frage beschäftigt die Menschen seit vielen Jahren, ja, Jahrtausenden. Wer nach dem Sinn fragt, fragt auch nach der Bedeutung, der Bedeutsamkeit von etwas. In diesem Fall bezieht sich die Frage auf das ganze Leben, sowohl das Leben an sich als auch auf des Lebens Sinn für den, der es lebt. Im ersten Fall geht es darum, dem Leben einen Gehalt zuzuschreiben, auch in Form einer Definition, einer Erklärung des Gegenstandes „Leben“ und dessen „Wozu“. Im zweiten Fall geht es mehr in Richtung Bedeutsamkeit, gemeint als Wert, Sinn, Geltung.

Schaut man auf das Wort selbst, steckt die Deutung drin. Das lässt darauf schliessen, dass das, was Bedeutung hat, jemanden braucht, der dies so deutet, der dem Ding eine Bedeutung zuschreibt. Das Mittelhochdeutsche „bediutunge“ ist denn auch so gemeint, als Interpretation, als Auslegung. Davon ausgehend steckt die Bedeutung also nicht im Ding selbst, sondern es ist eine Zuschreibung dessen, der darauf schaut. Das Leben an sich hätte so gesehen keinen Sinn an sich, wir geben ihm diesen dadurch, dass wir leben.

„Das Ziel des Lebens ist Selbstentfaltung. Seine eigene Natur vollkommen zu verwirklichen – dafür ist jeder von uns da.“ (Oscar Wilde)

Damit unser Leben für uns Sinn ergibt, Bedeutung hat, muss es unseren Werten entsprechen. Was ist für uns wichtig im Leben, wonach richten wir uns? Wenn wir es schaffen, das Leben so zu leben, dass es diesen, unseren Wert-Massstäben entspricht, blicken wir auf unser Leben als ein sinnvolles.

An dem Punkt sind wir aber nicht schon fertig mit der Suche nach dem sinnvollen Leben, hier fangen wir erst an, denn: Was sind unsere Werte? Wofür stehen wir ein? Wonach streben wir? Wonach richten wir uns? Was genau wollen wir im Leben? Mit dieser Frage fängt alles an. Schon Seneca wusste:

„Wer nicht den Hafen kennt, in den er segeln will, für den ist kein Wind der richtige.“

Die Frage nach dem Sinn des Lebens fängt also bei dir selber an. Du musst herausfinden, was für dich wirklich wichtig ist im Leben, deine Wünsche. Aufgrund derer kannst du dann deine Ziele definieren. Erst dann wirst du den Weg finden, der dahin führt, wo du hin willst. Nun ist das Leben aber selten ein Hüpfen von Ziel zu Ziel, sondern es besteht hauptsächlich durch den Weg von einem zum nächsten Ziel, welche quasi als Meilensteine das Leben zieren. So gesehen sind wir in unserem Leben hauptsächlich auf dem Weg, selten am Ziel – und wenn, dann nicht lange. Darauf verweist wohl auch der bekannte Spruch:

„Der Weg ist das Ziel.“

Nicht dass man auf dem Weg am Ziel wäre oder der mit diesem identisch, aber es ist Ziel, den Weg so zu gestalten, dass er als erfüllend und gut und schön zu gehen erscheint. Ansonsten wird das Leben zu einem mühseligen Weg hin zu fernen Zielen, von denen man nie im Vornherein wissen kann, ob man sie wirklich erreicht und wie sich das Erreichen dann wirklich anfühlt. Ein solches Leben könnte kaum als schön gelten. Zwar meinte Nietzsche einst

„Wer ein Wofür im Leben hat, kann fast jedes Wie ertragen.“

doch wir wissen, wohin das bei ihm geführt hat. Zwar ist das Wofür wichtig, weil richtungsweisend und dadurch durchaus sinnstiftend, doch ist auch das Wie durchaus massgeblich für die Lebensempfindung.

Was also können wir tun? Wie verleihen wir unserem Leben Sinn? Was brauchen wir dazu?

  1. Was ist dir wichtig im Leben? Welche Werte hältst du hoch? Finde heraus, was dir wirklich wichtig ist und was du nur von anderen übernommen hast oder denkst, tun zu müssen. Setze deine eigenen Massstäbe.
  2. Was sind deine Wünsche für dein Leben? Wo liegen deine Schwerpunkte? Lerne deine eigenen Träume kennen, setze deine eigenen Ziele.
  3. Wo sitzen deine Ängste? Ängste sind oft Stolpersteine, indem wir uns ausmalen, was alles Schlechtes passieren kann. Wie kannst du lernen, mit deinen Ängsten so umzugehen, dass sie dich nicht behindern?
  4. Wo liegen deine Stärken und Fähigkeiten? Wie kannst du sie am besten nutzen auf deinem Weg zu deinen Zielen? Brauchst du Hilfe auf deinem Weg zum Ziel? Wo kannst du sie kriegen?
  5. Wofür bist du schon dankbar im Leben? Der Blick auf das Gute im Leben gibt Kraft, neue Herausforderungen.
  6. Was macht dir wirklich Spass? Wo vergisst du dich und tust einfach, was du tust? Tätigkeiten, die uns Freude machen, zeigen uns oft, wo unsere Stärken liegen, wo wir uns wohl fühlen. Wenn wir auf unserem Weg möglichst viel davon einbauen können, wird nicht nur der Weg zum Ziel angenehm, unser ganzes Wohlbefinden steigert sich und das Leben zeigt sich als lebenswert. Was gäbe einem Leben mehr Sinn?
  7. Was sind die kleinen Schritte? Ziele erscheinen oft gross und dadurch schwer erreichbar. Sie in kleine Schritte zu unterteilen, von denen man jeden feiern kann, macht den Weg überschaubarer und weniger überwältigend.
  8. Wie stehst du hinter dir? Glaube an dich und dein Ziel. Was wir denken, formt unsere Gefühle. Positive Gefühle steuern unser Verhalten, fördern konstruktives Verhalten.
  9. Wie viel Schnauf hast du? Rom wurde nicht an einem Tag erbaut, auch du brauchst Ausdauer, um ans Ziel zu kommen. Gib nicht gleich auf, wenn es mal harzig läuft. Erfolgsstrassen durchlaufen häufig Täler, häufig sind diese Schwellen zum nächsten Fortschritt.
  10. Am Ziel, was nun? Nach dem Ziel ist vor dem Ziel. Höre nicht auf zu träumen. Nimm dein Leben in die Hand und fülle es mit Sinn. 

Tagesgedanken: Dialog

„Ich bin leider ein komplizierter und schwieriger Gegenstand.“

Das sagte Martin Buber und ich fühle mich direkt angesprochen, rufe innerlich: „Au ja, ich auch.“ Irgendwie tut es gut, sich gefühlt in Beziehung zu sehen mit einem Menschen, den man schätzt, den man in seinem Tun und Denken achtet. Es ist ein wertvolles Gefühl, sich nicht allein zu wissen im eigenen So-Sein, fast wie eine Begegnung mit einem anderen Menschen, zu dem eine Verbundenheit besteht. Martin Buber mass der Begegnung einen grossen Wert zu:

«Alles wirkliche Leben ist Begegnung.»

Was aber braucht es für eine wirkliche Begegnung? Begegnungen entstehen da, wo wir offen auf einen anderen Menschen zugehen, uns auf ihn einlassen, ihn als den annehmen, der er ist. Wir sind bereit, uns diesem Menschen gegenüber zu öffnen, so dass ein Austausch auf Augenhöhe entstehen kann. Auf dieser Basis treten wir in einen Dialog ein, wir sind bereit, uns einerseits zu offenbaren, und andererseits zuzuhören, was der andere zu sagen hat. Ohne Voreingenommenheit, ohne den Anspruch auf die richtige Sicht, sondern interessiert an einem Austausch mit offenem Ausgang, an gegenseitigem Wachsen und voneinander Lernen.

Diese Dialogbereitschaft propagierte Buber nicht nur für den persönlichen Austausch, sondern auch im christlich-jüdischen Austausch zwischen den Arabern und Juden in Israel – etwas, das dringend nötig war und immer noch wäre, sollen die Auseinandersetzungen da endlich ein Ende finden, das aktuell nicht absehbar ist. 

Leider sind wir davon oft weit entfernt. Die sozialen Medien verstärken eine Tendenz, die sich schon lange zeigt: Wir verschliessen uns fremden Argumenten gegenüber, sehen die eigene Meinung als die richtige, und haben nur eines im Sinn: Die anderen davon zu überzeugen. Gelingt das nicht, schliessen wir sie als Unbelehrbare aus. Wir wollen nicht hören, was sie zu sagen haben, wir wollen nichts über ihre Beweggründe erfahren, wir wollen bei unserer Meinung und unter Gleichgesinnten bleiben. Wir hören nicht mehr zu, tauschen uns nicht mehr wirklich aus, haben verlernt, gemeinsame Wege auszuhandeln. Wir verschliessen uns damit nicht nur Neuem, wir verhindern so auch wirkliche Begegnungen. So bleibt nur noch ein Kreisen im eigenen Universum, was mitunter sehr einsam werden kann. Ein wirkliches Miteinander von Verschiedenen ist so nicht lebbar, nicht in einer Beziehung, nicht in einer Gesellschaft. Auch eine Demokratie ist auf diese Weise nicht wahren Sinn des Modells möglich.

Das alles klingt sehr theoretisch, doch Buber war weit davon entfernt, ein blosser Theoretischer zu sein. Er hat dieses Denken gelebt. Hans Jonas hat dies so beschrieben:

«Nie habe ich eine vollkommenere Gemeinschaft von Zweien gesehen, die in der Bejahung des Anderen bleiben was sie sind.»

Sich selbst bleiben. Und doch offen für Fremdes, Anderes. Das ist wohl die grosse Kunst. 

Tagesgedanken: Alles im Wandel

Manchmal steht man im Leben und alles scheint gut. Wohin man blickt viel Licht und Gutes, die Dinge laufen, wie sie sollen, eine grosse Dankbarkeit erfüllt einen, weil man weiss, dass das alles nicht selbstverständlich ist. Manchmal dauert es nicht lang, bis sich dieses Nicht-selbstverständlich-Sein deutlich zeigt: Quasi aus dem Nichts liegt das ganze Glück in Trümmern, ein kleiner Auslöser und das Leben, das gerade noch hell und schön und voller Freude war, gleicht einem dunkeln Loch, dessen Ausgang unsichtbar in weiter Ferne zu liegen scheint. 

Was tun? Hadern? Wohl schon. Nur wenige Menschen haben wohl die Gelassenheit, das einfach still hinzunehmen. Besser ist es aber wohl, das nicht zu lange zu tun, denn erstens macht es die Situation nicht besser und zweitens findet man damit keinen Weg aus dem Dunkel. Ich sagte immer, dass es auch in düsteren Momenten Lichtvolles und Schönes gibt, man müsse es nur sehen. Das ist durchaus so, ich bin davon überzeugt, und doch ist das alles nicht so einfach. Obwohl man es weiss und auch sieht: das gute Gefühl dabei bleibt aus.

Manchmal gehören die dunklen Momente einfach zum Leben und man muss sie annehmen. Vielleicht hilft in solchen Situationen vor allem eines: Das Vertrauen darauf, dass das, was sich in die dunkle Richtung verändern konnte, auch wieder zum Hellen zurückkehren kann, hin zum Licht. 

Theodor Fontane hat das in seinem tröstlichen Gedicht beschrieben:

Tröste dich, die Stunden eilen,
Und was all dich drücken mag,
Auch das Schlimmste kann nicht weilen,
Und es kommt ein andrer Tag.

In dem ew’gen Kommen, Schwinden,
Wie der Schmerz liegt auch das Glück
Und auch heitre Bilder finden
Ihren Weg zu dir zurück.

Harre, hoffe. Nicht vergebens
Zählest du der Stunden Schlag:
Wechsel ist das Los des Lebens
Und – es kommt ein andrer Tag.

Tagesgedanken: Schöpfer meiner Welt

Bei Heinz von Förster las ich mal, ein Baum, der umfalle, mache kein Geräusch, wenn es keiner hört. Das widersprach allem, was ich logisch fand. Das Geräusch, so dachte ich, hängt ja nicht von meinem Hören ab, sondern vom Umfallen. Nicht ich produziere dieses Geräusch, sondern der Baum. Er gleitet durch die Luft, trifft beim Fallen auf andere Äste, schlägt auf dem Boden auf. All das produziert Geräusche. So gedacht, käme es nicht drauf an, ob ich da bin, es zu hören, oder nicht. Ich war überzeugt. Doch stimmt das wirklich? Existiert ein Geräusch, das keiner hört?

Simone de Beauvoir hatte den gleichen Gedanken in ihrem Roman «Sie kam und blieb»:

«Wenn sie nicht da war, existierte alles das, der Staub, das Halbdunkel, die trostlose Öde für niemand, es existierte überhaupt nicht… Solche Macht hatte sie: ihre Gegenwart riss die Dinge aus ihrem Nichtsein heraus, gab ihnen Farbe und Duft.»

Ist da also eine Welt, in die wir geboren werden und die wir sehen, wie sie ist, oder erschaffen wir durch unser Dasein, durch unsere Wahrnehmung die Welt erst? Ich für mich denke noch immer, dass alles da ist, egal ob ich es wahrnehme oder nicht. Meine Präsenz ist nicht ausschlaggebend für die Präsenz anderer Dinge. Ich denke aber auch, dass es so, wie ich es wahrnehme, nur ist, weil ich es wahrnehme. Ein anderer würde es anders wahrnehmen und damit eine andere Welt vorfinden als ich das tue. Insofern gibt es eigentlich ganz viele Welten, für jeden die selbst wahrgenommene. Und doch sind all diese Welten die eine Welt, die wir uns teilen. 

So oder so finde ich den Gedanken, dass wir der Schöpfer unserer Welt sind, wertvoll, denn er zeigt uns, dass wir die Welt auch verändern können, indem wir unseren Blick auf sie verändern, indem wir eine andere Perspektive einnehmen. Durch die Möglichkeit verschiedener Sichtweisen schaffen wir mehr Offenheit in unserer eigenen Wahrnehmung. Zusätzlich kann es uns auch zugänglicher machen für den Gedanken, dass andere Menschen genau wie wir die Schöpfer ihrer Welt sind, und dass diese, ihre Welt, auch wenn sie sich von unserer unterscheidet, die gleiche Berechtigung hat wie unsere. Ist es nicht auch spannend, mehr über die fremden Welten zu erfahren, als sich in der eigenen kleinen Welt zu verschanzen?

Lebenskunst: Prioritäten setzen

„Das einzig Wichtige im Leben sind die Spuren der Liebe, die wir hinterlassen, wenn wir gehen. „(Albert Schweitzer)

Kürzlich sprach ich mit einer Freundin und sie erzählte mir vom Tod ihres Vaters. Sie erzählte von der Trauer und dem grossen Gefühl des Verpassten, das sie bis heute, viele Jahre nach dem Tod, belastete. Wie viel hätte sie noch mit ihrem Vater machen wollen, es aber immer aufgeschoben, weil sie zu viel Arbeit und zu viele Termine hatte. Nie fand sie die Zeit, ihn zu besuchen. Und dann starb er. Aus heiterem Himmel. Und all die Pläne für Gemeinsamkeiten waren hinfällig, sie würden nie mehr umgesetzt werden können. Zurück blieben Wehmut und das nagende Gefühl: Wieso habe ich mir die Zeit nicht genommen.

Wie oft setzen wir die Prioritäten im Leben falsch oder gar nicht, indem wir einfach alltäglichen Dingen hinterherrennen und daneben verpassen, was uns eigentlich wichtig wäre. Wie oft wissen wir gar nicht so genau, was überhaupt wichtig wäre, da wir zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt sind. Wir rennen Erfolg, Geld, Ruhm, Macht, Besitz nach, versprechen uns davon Glück und das gute Gefühl, etwas zu gelten in dieser Gesellschaft. Wir streben immer höher, weiter, alles soll besser werden, vergessen dabei, dass vieles schon gut wäre, wenn wir es nur sehen würden. Doch dazu fehlt uns die Zeit.

Und manchmal öffnet sich ein kleiner Spalt in diesem Tunneldasein, ein wenig Licht dringt hinein und wir sehen, was wir eigentlich gerne würden. Und wir halten kurz inne, denken, dass es schön wäre, schieben es in die Zukunft, und machen wieder weiter in unserem Hamsterrad. Wozu? Spätestens wenn wir merken, dass wir nicht glücklich sind, dass wir immer müder werden, müssten wir doch ausbrechen und uns wieder darauf besinnen, dass es nicht mehr Geld und Erfolg sind, die Glück verheissen, sondern Beziehungen zu Menschen, gemeinsame Erlebnisse, das Teilen von Lebenszeit mit denen, die man liebt.

Tagesgedanken: Autonomie

«Autonom ist (…), wer für seine Überzeugungen einsteht, obwohl diese gerade verpönt oder gar verboten sind, (…) wer ganz einfach seinen eigenen Kopf hat.» (Plauen, Welzer)

Ich mochte es noch nie, wenn man mir sagt, was ich zu tun habe. Ich wollte immer selbst entscheiden, wie ich mich verhalte, was ich tun oder lassen will, wie mein Leben aussehen soll. Dass man damit auch oft aneckt oder nicht jedermanns Liebling ist, liegt auf der Hand. Das war mir zwar (leider) nie gleichgültig (im Gegenteil, ich haderte damit recht oft), doch konnte ich es nicht ändern. Versuchte ich zu sehr, mich fremden Wünschen und Ansprüchen unterzuordnen, wurde ich nicht nur unzufrieden, sondern auch wirklich unleidlich. Das mich Verbiegen nagte so sehr an mir, dass meine Nerven blank und blanker lagen, bis ich förmlich explodierte. 

Ich habe mich oft gefragt, wieso es nicht möglich ist, dass jeder so angenommen wird, wie er ist, wieso so viele Erwartungen in einen gesetzt werden, wie man sein sollte (nämlich am besten so, wie der andere einen gerne hätte), dass vom eigenen Ich wenig übrigbleibt. Nun leben wir in unserer westlichen, demokratischen Welt durchaus in einer Gesellschaft, die Autonomie hochhält, was ein grosses Privileg ist gegenüber totalitären Staaten, und doch bildet gerade diese Gesellschaft immer noch Menschen aus, die Konformität leben – weil in dieser der grösste Schutz für die Gesellschaft mit ihren Werten und ihrem Wachstumsstreben gesehen wird. Ein Paradox in sich. 

Es ist mitunter einfacher, sich einfach in gegebene Systeme einzufügen, denn diese nehmen uns die eigenen Entscheidungen ab, es besteht die Gewissheit, sicher das Geforderte zu tun und damit „dazuzugehören“. Dass wir damit aber unsere Autonomie und so auch unsere Freiheit aufgeben, ist uns oft nicht bewusst. Vieles davon läuft unbewusst ab, es sind einstudierte Abläufe, eingeprägte Muster, erlernte Verhaltensweisen. Und ja, manchmal ist Konformität richtig und wichtig, leben wir doch in einer Gesellschaft, die ein Miteinander sein will und soll, wozu gewisse Sicherheiten gewahrt werden müssen. Wichtig ist aber, genau hinzusehen, wo Konformität richtig ist und wo wir die eigene Autonomie verteidigen und leben müssen, um unser eigener Herr zu sein, Steuermann im eigenen Leben zu bleiben. 

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Buchtipp: Michael Pauen, Harald Welzer: Autonomie. Eine Verteidigung

Tagesgedanken: Visionen

Kürzlich sagte ich, dass ich hoffe, dass wir nie wieder in eine Situation kommen werden, in welcher soziale Isolation als Lösung für ein Problem gesehen wird, in der man nicht beachtet, dass Menschen, um leben und nicht nur überleben zu können, andere Menschen, Beziehungen, Begegnungen, Berührungen brauchen. Da wurde mir folgende Frage gestellt:

«Woher nimmst du diese Hoffnung?»

Es war zwar als Frage formuliert und doch schoss mir aus jedem Wort der Unglaube entgegen, dass sie berechtigt sein könnte. Hinter der Frage stand offensichtlich die Einschätzung: Wie kann man so naiv sein, so etwas zu hoffen. 

«Nicht weil es schwer ist, wagen wir es nicht, weil wir es nicht wagen, ist es schwer.»

Es mag oft schwer sein, die Hoffnung zu bewahren, dass es besser wird, wenn die Vergangenheit immer wieder zeigte, dass eher das Gegenteil davon eingetreten ist. Und doch: Was bleibt, wenn wir nicht einmal mehr die Hoffnung haben? Wie sollen wir weiterleben? Nun ist mit Hoffnung nicht eine blinde Illusion, ein blosses Schöndenken und -reden gemeint. Gemeint ist, noch Visionen zu haben von einer Welt, wie wir sie uns wünschen, und daran zu glauben, dass sie möglich sein kann – dass wir vielleicht auch unseren Beitrag dazu leisten können, dass sie möglich wird.

Ernst Bloch schrieb einst, dass eine Vision das Noch-nicht-Seiende sei. Selbst wenn Dinge gross erscheinen, auch wenn sie fast unmöglich erscheinen: Sie sind denkbar und sie sind wünschenswert. Wieso also gleich aufgeben? Wieso die Vision nicht pflegen, hinschauen, was es braucht, sie zu verwirklichen, daran glauben, dass Dinge sich verändern können, dass der Mensch lernfähig ist, die Welt sich zum Besseren hin wandeln kann? Solche Dinge sind durchaus schon passiert. Wieso nicht wieder?

Wie muss eine Welt aussehen, in der wir uns zuhause fühlen? Was brauchen wir, um ganz Mensch zu sein, um ganz wir selbst zu sein? In dieser Welt müssten unsere grundlegenden Bedürfnisse erfüllt sein. Wir müssten uns in dieser Welt eingebettet fühlen, akzeptiert und angenommen – als die, die wir sind. Wir wünschen uns eine Welt, die einen gesunden und fruchtbaren Boden schafft für unser Menschsein, die einen Raum von Toleranz und gegenseitiger Anerkennung bereitet, in welchem wir uns entfalten können, ohne uns zu verbiegen. 

Und ja, diese Vision einer besseren Welt, diese Hoffnung, dass sie möglich ist, mag naiv klingen, utopisch auch, und doch möchte ich beides haben. Was wäre die Alternative? Für mich undenkbar. Mir ist klar, dass ich die Welt nicht im Ganzen retten oder nur schon verändern werde, aber ich kann versuchen, zumindest mein Umfeld (vielleicht in immer grösseren Kreisen) so zu gestalten, dass es meiner Vision für dieses Leben nahe kommt.

Das Äussern von Visionen ist neben allem anderen ja immer auch ein Ausdruck dessen, was und wer ich bin. Und ich bin schlicht ein Mensch mit Visionen und Hoffnungen. Ich bin ein Mensch mit dem Glauben an das Gute und dem Wunsch, es immer wieder zu sehen. Es gibt ein schönes Lied dazu:

«Ich will ich sein,
anders kann ich nicht sein.»

Achtsame Kommunikation: Was ist ein philosophischer Dialog?

„Das grösste Problem in der Kommunikation ist die Illusion, sie hätte stattgefunden.“ (George Bernhard Shaw)

Wir reden den ganzen Tag viel und oft aneinander vorbei. Achtsame Kommunikation kann Beziehungen retten, das Verhältnis am Arbeitsplatz angenehmer und damit auch die Arbeit produktiver machen, das Leben mit sich allein und im Miteinander friedlicher gestalten.

Oft nutzen wir Gespräche nur zum Informationsaustausch. Ich habe etwas zu sagen, der andere soll es hören. Und meist bin ich davon überzeugt, dass meine Meinung, meine Information richtig ist. Ich will den anderen davon überzeugen. Dieser aber geht mit derselben Haltung daran. Er hat seine Meinung, die hält er entgegen. Im besten Fall teilen wir eine Meinung und nicken uns wohlwollend zu.

Wie viel ist uns entgangen. Wir haben nichts über den anderen erfahren, nichts über uns selber, keine neue Sicht dazugewonnen – wir stehen noch immer am selben Punkt wie vorher, es flossen nur ein paar Worte hin und her.

Ein wirklicher Dialog bringt mehr als blossen Austausch von Informationen. Er erfordert aber auch mehr. Ein wirklicher Dialog bedingt, dass wir einander begegnen – im wahrsten Sinne des Wortes. Wir lassen uns auf den anderen ein als der, welcher er ist. Wir nehmen ihn ernst und wissen uns selber auch ernst genommen. Wir sind offen dafür, was er zu sagen hat, setzen ihm nicht gleich unsere Sicht entgegen. Wir sind offen für seine Botschaft, aber auch dafür, was sie in uns auslöst. Beide kommentieren oder werten wir nicht gleich. Wir nehmen beides wahr. Und so lernen wir was über ihn und über uns. Und über die Welt, in der wir diesen Dialog führen.

Ein wirklicher Dialog hilft, unsere doch sehr begrenzte Sicht zu erweitern. Jeder Mensch hat nur eine begrenzte Sicht – auf sich und auf die Welt. Indem wir uns den anderen öffnen, können wir unsere Grenzen erweitern – und die der andern werden durch uns erweitert. Erst durch den anderen können wir überhaupt auch etwas über uns selber erfahren, denn: Die blindesten Flecken haben wir bei uns selber. Andere zeigen sie uns auf – weil wir durch sie uns selber besser wahrnehmen. Wir brauchen andere Menschen, ohne sie wären wir nichts, ganz sicher nicht lebensfähig.

Damit ein wirklicher Dialog gelingen kann, braucht es verschiedene Dinge:

  • die Hinwendung eines Menschen als Ganzes zum anderen als Ganzer
    • Begegnung auf Augenhöhe
    • die Bereitschaft, sich selber einzubringen
    • Authentizität in Wort und Gefühl
    • direkte Reaktion statt vorgefertigte Meinungen
    • Alle Themen und Meinungen dürfen thematisiert werden
    • Wirkliches Zuhören
    • Gegenseitiger Respekt
    • Offenheit
    • Verantwortung übernehmen
    • Gegenseitiges Lernen
    • Mitgefühl

Nur wenn wir uns auf Augenhöhe begegnen, als Mensch zu Mensch, wenn wir aktiv zuhören und präsent sind, offen bleiben gegenüber anderen Sichtweisen und Meinungen und nicht nur auf vorgefertigte Meinungen und Muster zurückgreifen, kann achtsame Kommunikation entstehen.

Ein wirklicher Dialog bringt mehr als blossen Austausch von Informationen. Wir sind offen für die Botschaft des anderen, aber auch dafür, was sie in uns auslöst. Und so lernen wir was über ihn und über uns. Und über die Welt, in der wir diesen Dialog führen. Indem wir uns den anderen öffnen, können wir unsere Grenzen erweitern – und die der andern werden durch uns erweitert.

Achtsame Kommunikation wird etwas verändern. Bei allen Beteiligten.

Zum Angebot: Achtsame Kommunikation