Jenny Erpenbeck: Kairos

Inhalt

„In so einem Koffer, in so einem Karton, liegen, Ende, Anfang und Mitte gleichgültig miteinander im Staub der Jahrzehnte, liegt das, was zum Täuschen geschrieben wurde, und das, was als Wahrheit gedacht war, das Verschwiegene und das Beschriebene, liegt all das, ob es will oder nicht, eng ineinandergefaltet, liegt das sich Widersprechende, liegen der stummgewordene Zorn ebenso wie die stummgewordene Liebe miteinander in einem Umschlag, in ein und derselben Mappe, ist Vergessenes genauso vergilbt und zerknickt wie das, woran man sich noch, dunkel oder auch hell, erinnert.“

Als Katharina nach Hans‘ Tod zwei Kartons mit den Erinnerungsstücken an ihre gemeinsame Beziehung ausgehändigt erhält, lässt sie diese Revue passieren. Es muss ein glücklicher Zufall gewesen sein – Gott Kairos steht dafür – dass sie sich überhaupt über den Weg liefen damals, sie gerade 19 und angehende Schriftsetzerin, er gestandener Autor in den Fünfzigern, verheiratet und mit einem Sohn. Dass es immer ein Glück neben der Ehe sein wird, macht Hans von Anfang an klar – Katharina lässt sich darauf ein, zu groß ist ihre Liebe, zu sehr genießt sie das gemeinsame Glück.

Hans teilt mit ihr die Musik, die er liebt, zeigt ihr die Bilder, die er mag, erfüllt sie mit Inhalten, die ihr in seinen Augen noch fehlen. Es sind nicht nur glückliche Stunden, Hans misstraut Katharina immer wieder, unterstellt ihr andere Männer, ist eifersüchtig, sucht die Kontrolle und verlangt totale Offenheit und Wahrheit. Als Katharina wirklich mit einem anderen Mann die Nacht verbringt, versinkt Hans in einer grenzenlosen Enttäuschung, für welche er Katharina hart bestrafen muss. Katharina anerkennt ihre Schuld und hofft trotz allem, dass sie wieder glücklich werden würden. Irgendwann

Bedeutung

„Im Angesicht dieses Mannes, der ihr bei diesem Abendessen als ungeheures Glück, als Unglück und als Frage gegenübersitzt, versteht sie: Jetzt hat das Leben begonnen, für das alles andere nur Vorbereitung gewesen ist.“

Kairos, der Gott des Augenblicks, steht Pate bei dieser Geschichte, die sich aus einem Augenblick in einem Bus entwickelt. Ob der Augenblick glücklich ist oder nicht, weiß man erst im Nachhinein.

Jenny Erpenbeck erzählt die Geschichte dieses ungleichen Liebespaars in der zu Ende gehenden DDR auf eine eigenwillige, temporeiche, eindrückliche Weise. Die beiden Lebensläufe verweben sich förmlich ineinander, indem sich Gedankenfetzen von Katharina und Hans abwechseln, damit sowohl die jeweiligen Innensichten sowie das erlebte Miteinander sichtbar machen. Entstanden ist ein Buch, das von der ersten Seite in den Bann zieht und nicht mehr loslässt. Die Figuren sind authentisch, plastisch, die Orte anschaulich und die Zeit der DDR in den späten Achtzigerjahren mit ihren politischen und sozialen Gegebenheiten fundiert als Schauplatz präsentiert.

„Kairos“ ist eine Liebesgeschichte, es ist aber auch die Geschichte einer Abhängigkeit, die Geschichte von Kontrolle, Macht und Dominanz. Es ist die Geschichte einer jungen Frau, die für die Liebe bereit ist, sich, eigene Gedanken, Pläne, Wünsche aufzugeben, um dafür glückliche Stunden erleben zu können mit dem Mann, den zu verlieren ihr das größte Unglück scheint. Es ist die Geschichte eines Mannes, der in der unschuldigen Jugend und Verehrung ein Ideal sieht, aus dem er Kraft für sich schöpft. Er gestaltet dafür die Beziehung nach seinen Vorgaben, behält die Kontrolle darüber, was passiert, und reagiert, als er die einmal verloren glaubt, auf eine äußerst unnachgiebige, gnadenlose Weise, indem er nach außen ganz klar Täterin und Opfer in der Beziehung definiert, als Opfer die Täterin ihre Schuld spüren lässt, sie aber bei Lichte betrachtet selber zum Opfer macht.

All das erzählt Erpenbeck ohne Parteinahme, ohne psychologisierende Erklärungen, rein durch den Fortlauf der Geschichte in einer schnörkellosen, eingängigen, gut lesbaren und doch nicht seichten Sprache.  

Persönliche Einschätzung
Das Buch hat mich von der ersten Seite an gepackt und nicht mehr losgelassen. Die Liebesgeschichte war mitreißend, frisch, glücklich und doch nie seicht oder kitschig. Der Umstand, dass Hans verheiratet ist, trübte das Bild ein wenig, was aber nur einem moralischen Andersempfinden, keiner Verurteilung geschuldet war. Erst kamen einige Szenen, die aufmerken ließen, Wendungen, die von einer Erziehungsabsicht des Älteren sprachen, Aussagen, die auf Kontrolle hindeuteten, wo diese – aus der Situation heraus – sicher nicht legitim war. Diese Momente häuften sich, steigerten sich, das Kräfteverhältnis in dieser ungleichen Beziehung kristallisierte sich immer deutlicher heraus. Mit Katharinas Fehltritt drehte das Bild komplett.

Hans wurde immer unsympathischer, ich hatte schlussendlich eine regelrechte Wut im Bauch beim Lesen. Gleichzeitig fragte ich mich, wie Katharina das alles einfach hinnehmen, mit sich machen lassen konnte. Und es erschütterte mich, wie es in einer Beziehung geschehen kann, dass ein Mensch regelrecht gebrochen werden kann in seinem Selbstverständnis, so stark, dass ihm fast der Lebenssinn abhanden kommt.

Fazit:
Ein mitreißendes, aufwühlendes, großartig erzähltes Buch über die Geschichte einer ungleichen Liebe und was daraus entstehen kann, wenn einer sich in einer Beziehung aufgibt. Sehr empfehlenswert.

Über die Autorin
Jenny Erpenbeck, geboren 1967 in Ost-Berlin, debütierte 1999 mit der Novelle »Geschichte vom alten Kind«. Es folgten zahlreiche Veröffentlichungen, darunter Romane, Erzählungen und Theaterstücke. Ihr Roman »Aller Tage Abend« wurde von Lesern und Kritik gleichermaßen gefeiert und vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Joseph-Breitbach-Preis und dem Independent Foreign Fiction Prize. Für »Gehen, ging, gegangen« erhielt sie u. a. den Thomas-Mann-Preis. 2017 gewann Jenny Erpenbeck den Premio Strega Europeo und wurde mit dem Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 384 Seiten
Verlag: Penguin Verlag; Originalausgabe Edition (30. August 2021)
ISBN-Nr.: 978-3328600855

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Stephanie Schuster: Milena und die Briefe der Liebe

Inhalt

„…und ich liebe Dich also, Du Begriffsstutzige, so wie das Meer einen winzigen Kieselstein auf seinem Grunde lieb hat, genauso überschwemmt Dich mein Liebhaben.“

Milena ist eine fortschrittliche, ehrgeizige und lebenslustige Frau. Nach einem abgebrochenen Medizinstudium studiert sie Musik. Als sie den Literaturkritiker Ernst Pollak kennenlernt, führt der sie in die Literatenszene Prags ein, wo sie neben Max Brod auch Franz Kafka kennenlernt.  Milenas Vater ist von der Beziehung seiner Tochter zu einem deutschsprachigen Juden wenig angetan. Von diesem verstoßen heiratet sie Pollak und geht nach Wien, wo sie wegen der Frauengeschichten ihres Mannes bald unglücklich ist. Die Ehe scheitert schließlich und in ihrer finanziellen Not schreibt Milena einen Brief an Franz Kafka mit dem Vorschlag, seine Bücher zu übersetzen. Es kommt nicht nur zu den Übersetzungen, es entsteht auch ein immer intensiver werdender Briefwechsel, der deutlich die wachsenden Gefühle der beiden aufzeigt.

Zum Buch

„Er war ein Mann des Augenblicks, das erkannte sie jetzt. Für ihn gab es kein Morgen. Also liebte sie ihn im Heute und dennoch fühlte sie sich bei jeder Berührung dem Abschied näher.“

Stephanie Schuster erzählt in diesem Buch die Geschichte einer fortschrittlichen (ein Studium war damals nicht üblich für eine Frau), mutigen Frau, die ihren Weg selbstbestimmt und mutig geht, trotz aller Widrigkeiten. Zuerst unter dem strengen Regime ihres Vaters quasi eingesperrt, schlittert sie in eine unglückliche Ehe. Als sie auf Franz Kafka trifft, glaubt sie, ihre Liebe gefunden zu haben. Franz Kafka ist kein Mann, der sich wirklich einlassen kann und will. Er ist zu sehr mit sich, seinen Befindlichkeiten und seinem Schreiben beschäftigt. Als Milena beginnt, von einer gemeinsamen Beziehung zu reden, geht er auf Distanz, beendet die Beziehung schließlich. Milena lässt sich nicht unterkriegen, sie nimmt ihr Leben einmal mehr in die Hand und schaut nach vorne.

Zwar erkennt man anhand des Buches, daß sich Stephanie Schuster durchaus in die Materie eingearbeitet hat und auch die historischen Hintergründe der von ihr erzählten Geschichte kennt, trotzdem ist es ihr nicht gelungen, ein wirklich stimmiges, plastisches Bild der Zeit und dieser Beziehung zu entwerfen. Die beiden Figuren bleiben eher blass, es fällt schwer, wirklich einen Zugang zu ihnen zu finden. Dies ist schade, da wir es mit zwei sehr spannenden Persönlichkeiten zu tun haben, welche jede für sich schon spannend war. In ihrer Unterschiedlichkeit hätten sie, plastischer gezeichnet, mehr hergegeben auch für die Beschreibung dieser Beziehung.

Die Sprache des Romans ist eher seicht und leicht, teilweise gar flapsig, was in meinen Augen zu beiden Protagonisten schlecht passt.

„Milena und die Briefe der Liebe“ wirkt insgesamt wie eine gut lesbar erzählte Liebesgeschichte, leider (dem Leben geschuldet) ohne Happy End. So gelesen, ohne zu große Erwartungen auf neue Erkenntnisse oder tiefgehende Entdeckungen, ist das Buch durchaus unterhaltsam.

Persönliche Einschätzung
Ich kam mit den Briefen Kafkas an Milena (ihre Briefe sind leider bis heute verschollen) im Zuge meines Studiums in Berührung. Besucht habe ich das Seminar mehr wegen des von mir sehr verehrten Professors als wegen der Materie, von der ich aber doch sehr angetan war. Die Analyse der Sprache, die Psychologie zwischen den Zeilen hat viel über den Schriftsteller Franz Kafka offenbart. Von Milena erfuhr man eher wenig, sie war kaum Thema damals, was wohl den fehlenden Briefen aber auch der eher auf Kafka (den Mann?) ausgerichteten Perspektive geschuldet war. Auf das Buch bezogen hätte ich gerade da, wo Milena als Protagonistin im Titel geführt wird, mehr über diese Frau erfahren wollen.

Es mag sein, dass ich mit falschen Erwartungen an das Buch herangegangen bin, es ist durchaus flüssig lesbar, die lebensgeschichtlichen Hintergründe korrekt, hir und da (was durchaus legitim ist) mit einiger Fiktion vermischt, und bietet auch ansatzweise Einblicke in die Zeit in Prag und Wien zwischen 1916 und 1920. Insgesamt bietet das Buch aber auf allen Ebenen zu wenig: Zu wenig plastische Schauplätze, zu wenig authentische Figuren, zu wenig Einblicke in die Zusammenhänge innerhalb der damaligen Zeit – und nicht zuletzt: eine nicht der Materie entsprechende Sprache.

Fazit:
Ein Buch, das grosse Erwartungen weckte, diese aber leider nicht erfüllte wegen zu wenig plastischer Figuren, zu schwachen Schauplätzen und einem zu seichten Erzählstil, welcher aber durchaus flüssig und unterhaltsam lesbar ist.

Über die Autorin
Stephanie Schuster, geboren 1967, studierte Grafikdesign und illustrierte viele Jahre die Bücher anderer Autoren, bevor sie selbst zu schreiben begann. Heute arbeitet sie als Schriftstellerin, Malerin und Illustratorin. Sie lebt mit ihrer Familie am Starnberger See in Bayern. 

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 368 Seiten
Verlag: Aufbau Taschenbuch; 1. Edition (10. November 2020)
ISBN-Nr.: 978-3746635934

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Friedrich Nietzsche (15.10.1844 – 25.8.1900)

Friedrich Nietzsche wurde am 15. Oktober 1844 in Röcken (einem Dorf im heutigen Sachsen-Anhalt) als Sohn eines Pfarrers geboren. Er war ein guter Schüler, dichtete und komponierte neben dem Schulunterricht, und studierte später klassische Philologie und evangelische Theologie in Bonn. Er wechselte nach Leipzig, weil ihn die Zustände in Bonn nicht überzeugten. In der Zeit wurde er auch auf den Philosophen Schopenhauer aufmerksam, der ihn sehr prägen sollte. Es folgte 1869 eine ausserordentliche Professur in Basel, die er aber aus gesundheitlichen Gründen 1975 wieder aufgeben musste.

Es folgen verschiedene Publikationen, ab 1979 reiste Nietzsche als freier Philosoph viel, auf der Suche nach für seine Gesundheit geeigneten klimatischen Bedingungen. Er war ein freier Geist, einer, der sein Denken ungern in Regelwerke passte, weswegen seine Einordung schwer fällt. War er Philosoph? Wissenschaftler? Künstler? Wohl eine Mischung aus allem. Oft formte er seine zentralen Gedanken in seinen Werke in Gedichte (überhaupt existieren von ihm rund 700 Gedichte, etwas, was wenig bekannt ist). Seine Werke erinnern oft an literarische Prosa. Es ging ihm darum, dem Ganzen die Schwere zu nehmen, eine Leichtigkeit hineinzubringen, welche nicht von Worten erschlagen wird.

Eine prägende Begegnung im Bereich war für Nietzsche Richard Wagner, den er sehr verehrte. Musik war die grosse Liebe des Friedrich Nietzsche, die Musik schenkte ihm die Augenblicke der Empfindung. Sie sollte andauern, erst durch sie fühlte er sich am Leben, im Leben zu Hause. Von ihm stammt auch der folgende Ausspruch:

«Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum.»

In der Musik sah er eine Verwandtschaft mit dem Werden und Vergehen des Lebens, wellengleich. Dies wollte er auch mit seiner Philosophie in Worten einfangen, versuchte durch sie ebenso Lebensgrundlage zu schaffen, wie er diese in der Musik fand – es wollte nicht gelingen. 

Nietzsche entschied sich für einen eigenen Weg, was oft auch ein einsamer Weg ist. Die sozialen Beziehungen schwanden mehr und mehr, zerstörerische Phantasien nahmen zu, der Wahnsinn ergriff ihn immer stärker. Die psychischen Probleme hinderten ihn zunehmend am Arbeiten. Die letzten zehn Jahre verbrachte er als Pflegefall. Friedrich Nietzsche wurde nur gerade 55 Jahre alt, er starb am 25. August 1900, sein Werk aber ist unsterblich.

Lebensregeln

Das Leben gern zu leben,
musst du darüber steh’n!
Drum lerne dich erheben!
Drum lerne – abwärts seh’n!

***

Den edelsten der Triebe
veredle mit Bedachtung:
zu jedem Kilo Liebe
nimm ein Gran Verachtung

#abcdeslesens – L wie „Die Liebe“ (Else Lasker-Schüler)

Es rauscht durch unseren Schlaf
Ein feines Wehen, Seide,
Wie pochendes Erblühen
Über uns beide.

Und ich werde heimwärts
Von deinem Atem getragen,
Durch verzauberte Märchen,
Durch verschüttete Sagen.

Und mein Dornenlächeln spielt
Mit deinen urtiefen Zügen,
Und es kommen die Erden
Sich an uns zu schmiegen.

Es rauscht durch unseren Schlaf
Ein feines Wehen, Seide
Der weltalte Traum
Segnet uns beide.

Bei keinem Gedicht brauchte ich mehr Zeit für die Deutung als bei diesem. Wieso? Der erste Gedanke bei dem Gedicht ist bei mir immer wieder: Es gibt nichts zu sagen, es steht alles da und es wirkt. Und ich empfand jeden Ansatz einer Deutung als zu viel, als unangebracht als schädlich, nicht nützlich. Was will ich hier von Reimschemen, von Bedeutungsebenen erzählen? Das Gedicht wirkt. Es ist schön. In seinem ganzen Sein einfach schön. Und bedeutsam. Und doch konnte ich doch nicht… einfach nichts sagen. Und so schicke ich das voraus und die Deutung hinterher… im Wissen, dass manchmal alles mehr als das, was schon wirkt, überflüssig ist. Gerade auch in der Lyrik.

Das Gedicht ist zwischen 1903 und 1905 entstanden und erschien im Gedichtband «Der siebente Tag» zum ersten Mal. 1903 hatte sich Else Lasker-Schüler von ihrem ersten Mann Berthold Lasker scheiden lassen, im gleichen Jahr den zweiten Mann, Georg Lewin, besser bekannt als Herwarth Walden, geheiratet – auch diese Ehe hielt leider nicht lang. Es lässt sich sagen, dass Else Lasker-Schüler von einer grossen Sehnsucht nach Liebe getrieben durchs Leben ging, diese immer wieder erhoffend und doch nie wirklich findend. Dass sich bei einem so zentralen, das Leben durchdringenden Thema Bilder einfinden, liegt auf der Hand. So ist auch dieses Gedicht, das dem Expressionismus zugeordnet werden darf, voller ausdrucksstarker Bilder und Symbole, die auf tieferliegende Ebenen verweisen und die Liebe in einen mystischen, Raum und Zeit überdauernden Rahmen stellen.

Das lyrische Ich liegt mit ihrem Geliebten im Schlaf, durch welchen ein feines Wehen rauscht. Es ist wie Seide, also fein und zart und glänzend, aber auch wertvoll. kostbar, aber auch ein pochendes Erblühen, etwas, das geweckt wird und zum Leben kommt. Des Geliebten Atem trägt das lyrische Ich heimwärts, durch Märchen und Sagen, also Dinge, die schon nicht mehr geglaubt und doch präsent waren. Das lyrische Ich ist durch diese Liebe an dem Punkt angekommen, wo es sich zu Hause fühlt, ganz bei sich.

Die nächste Strophe erhebt sich noch weiter über das Hier und Jetzt. In dem Dornenlächeln ist die Liebe und das Leid symbolisiert, das, wonach das Ich sucht und was es auch erlebt hat. Die urtiefen Züge verweisen auf etwas, das den Sinnen nicht mehr zugänglich ist, etwas, das in zauberhaften Tiefen liegt, göttlichen Ursprung hat. Und zu dieser göttlichen Ebene gesellt sich die Erde als fruchtbares Element, als Ort der Verwurzelung im Hier und Jetzt. Damit ist die Liebe etwas, das zwischen Himmel und Erde existiert, überzeitlich, überweltlich und doch hier und jetzt erfahrbar.

All das liegt in dem feinen, seidigen Wehen, das durch den Schlaf der Liebenden fährt und diese in ihrem Sein segnet. Die Liebe als weltalter Traum, als das, was die Menschen, seit sie auf dieser Welt sind, für sich wünschen und hoffen, die Liebe, die, wenn gefunden, ein Segen ist, liegt diesem Gedicht zugrunde. Man würde der Dichterin wünschen, sie hätte diesen Segen mehr erfahren in ihrem Leben, leider war ihr eine solche dauerhafte Liebe nicht vergönnt. Die Sehnsucht danach hat sie aber – zum Glück für die Leser – in wunderschöne Gedichte gegossen, die der oftmals gefühlten Sehnsucht entsprungen sind.

Zur Autorin
Else Lasker-Schüler wurde am 11. Februar 1869 in Elberfeld geboren. Schon früh konnte sie lesen und schreiben, es scheint ihr wurde das Talent in die Wiege gelegt. 1899 veröffentlichte sie erste Gedicht mit Styx folgte 1901 ihr erster Gedichtband. 

Wie viele andere Juden war auch Else Lasker-Schüler eine Vertriebene des Nationalsozialismus. Um ihr Leben fürchtend, ging ihr Weg zuerst nach Zürich, später nach dem von ihr sehr geliebten Jerusalem. Geblieben ist sie dort allerdings nicht aus freien Stücken, ihr wurde die Rückreise verwehrt. Aus dem einst geliebten Land wurde ein schwieriger Ort: Deutsch war eine verpönte Sprache, so dass sie neben der Heimat Deutschland und all ihren Freunden da auch noch die Heimat der Sprache verlor. 

Else Lasker-Schüler starb am 16. Januar 1945 und wurde auf dem Ölberg in Jerusalem begraben. Sie hinterlässt ein umfangreiches lyrisches Werk, Erzählungen und Dramen.

Rainer Maria Rilke: Einsamkeit

Die Einsamkeit ist wie ein Regen.
Sie steigt vom Meer den Abenden entgegen;
von Ebenen, die fern sind und entlegen, 
geht sie zum Himmel, der sie immer hat.
Und erst vom Himmel fällt sie auf die Stadt.

Regnet hernieder in den Zwitterstunden,
wenn sich nach Morgen wenden alle Gassen
und wenn die Leiber, welche nichts gefunden,
enttäuscht und traurig von einander lassen;
und wenn die Menschen, die einander hassen,
in einem Bett zusammen schlafen müssen:

dann geht die Einsamkeit mit den Flüssen…


Das Gedicht «Einsamkeit» stammt aus Rilkes Gedichtband «Buch der Bilder» und es macht diesem Buchtitel alle Ehre: Rilke fasst etwas in Worte, das sich eigentlich nur fühlen lässt, das sich der Sprache entzieht. Er schafft wunderbare Wortbilder, die das Unsagbare erfahrbar machen. Die Einsamkeit wird durch eine Metapher zu etwas Handfestem, etwas, das jeder aus der eigenen Erfahrung, aus dem eigenen Leben kennt und darum nachvollziehen kann: «Die Einsamkeit ist wie ein Regen».

Es folgt eine Beschreibung dessen, was in der Natur vor sich geht, wenn es regnet: Das Wasser wird erst aus dem Meer angezogen, um sich schliesslich vom Himmel über die Welt zu ergiessen. Genau das passiert auch mit der Einsamkeit: Sie ergiesst sich zu gewissen Stunden über die Stadt, in Stunden nämlich, in denen der Mensch auf sich selber zurückgeworfen ist, weil die Ablenkung des alltäglichen Lebens wegfällt und nur der Mensch für sich zurückbleibt. Es sind diese Momente, die einen zum Nachdenken bringen, oft fast zwingen, die Momente, in welchen man Bilanz zieht über das, was wir das eigene Leben nennen.

Rilke weist auf die Leiber hin, die nicht fanden, was sie suchten, die dann traurig wieder ihre eigenen Wege gehen, den anderen lassen, wo er ist. Er erzählt von den Menschen, die im selben Bett liegen, obwohl sie sich hassen. Und in all dem steckt das Eine: Die Einsamkeit, die den Menschen in der Situation mitreisst wie ein Fluss.

So gesehen ein tief trauriges Gedicht, aber in meinen Augen steckt auch hier – wie in vielen seiner Gedichte –

Rilkes Sicht des Lebens als Kunstwerk drin, mit welcher sein Satz „du musst dein Leben ändern“ (das ich besser mag als ein „du kannst dein Leben ändern“) einhergeht: Wie oft verharren wir in Situationen, die uns nicht gut tun, nur weil wir uns vor Neuem fürchten? Müssen wir (sinnbildlich) das Bett mit einem teilen, den wir hassen? Hätten wir es nicht in der Hand, Situationen und Stätten, die für uns nur noch leidvoll sind, zu verlassen? Damit hätte das Gedicht auch etwas Mutvolles, etwas, das Selbstwirksamkeit verspricht, wenn man nur genau hinschaut. Und dazu rufen Gedichte immer wieder auf. Trotzdem bleibt zu sagen, dass sowohl das Hinschauen wie auch das Ändern nicht immer einfach ist. Aus dem Grund kennen wohl alle Menschen das Gefühl, das dieses Gedicht so wundervoll bildhaft beschreibt.

Mit Hemingway in der Bar

«Siehst du den Mann an dem Bartisch?» Sandra deutete auf einen Tisch ganz hinten in der Strandbar. «Der sitzt jeden Nachmittag mit einem Glas Weisswein hier und schaut vor sich hin.» Claudia wusste sofort, wen sie meinte. Der Mann hatte die grauen Haare zu einem Pagenschnitt geschnitten, der nun unter einem Strohhut hervorlugte. Er trug ein rosa Poloshirt und kurze Hosen. Die Augen lagen hinter spiegelnden Sonnengläsern versteckt und im Mund dampfte eine Pfeife. Auf dem Tisch vor sich hatte er eine kleine Männerhandtasche abgelegt, daneben stand sein Glas Wein. «Vielleicht kennt man den, aber er sitzt nun inkognito hier, versteckt hinter seiner Sonnenbrille.» «Ich glaube nicht. Mit dieser Frisur würde man ihn doch sofort erkennen, Brille hin oder her. Aber er hat was von einem Künstler – oder er will suggerieren, dass er einer sei. Oder aber er ist ein Geheimkünstler, einer, der im Geheimen schafft und irgendwann kommt alles ans Licht und versetzt die Welt in Erstaunen.»

«Oh, jetzt hat er einen Whiskey bestellt. Das hat er noch nie getan.»

«Hätte er noch eine Schreibmaschine bei sich, könnte man denken, das sei Hemingway. Der sass doch auch immer in Cafés und schrieb da, einen Whiskey vor sich – oder eine ganze Flasche.» «Vielleicht lässt er die Maschine zu Hause, weil sie zu sperrig zum Mitnehmen ist. Er speichert nur alles im Kopf ab und geht dann schnell heim, um es aufzuschreiben.»

«Vielleicht kommen wir in seinem neuen Roman vor und werden berühmt.  Sehe ich gut aus? Ich möchte nicht als die zerzauste, mittelalte Frau aus der Bar bekannt werden.» «Bloss nicht, dann würde auch die Bar hier berühmt, die Leute kämen in Scharen und wir hätten keinen freien Tisch mehr. Das wäre übel.»

«Du, der schaut ständig zu uns rüber. Das mag ich ja gar nicht, wenn mich Menschen im Restaurant so anstarren.»


Geschichte für die ABC-Etüden – Die Wörter für die Textwochen 40/41 des Schreibjahres 2021 stiftete Yvonne mit ihrem Blog umgeBUCHt. Sie lauten:

Geheimkünster, sperrig, suggerieren. Die Regeln: 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern.

Einladung bei Christiane: HIER

Hanns-Josef Ortheil, Klaus Siblewski: Wie Romane entstehen

«Einen Romanautor erkennt man daran, dass er die ihn umgebende Welt ununterbrochen auf ihre Details und Begriffe hin studiert und betrachtet, jedes Detail erregt ihn, jedes hinterlässt in ihm ein ganzes Spektrum von Reflexen, deren stärkster darin besteht, eine Notiz zu machen, die zu einem späteren Zeitpunkt vielleicht Eingang in einen Roman finden könnte.»

Inhalt
Hanns-Josef Ortheil und Klaus Siblewski beleuchten den Entstehungsprozess von Romanen von den verschiedenen Warten des Autors und des Lektors. Ortheil erläutert dazu seinen eigenen Schreibprozess, zitiert aber auch aus Selbstzeugnissen anderer Autoren (zu nennen wären zum Beispiel Thomas Mann oder Jean Paul), um deren Vorgehen aufzuzeigen. Das Buch ist also nicht als Schreibratgeber gedacht, der dem angehenden Autor beibringen will, wie er in zehn Schritten zum Erfolgsroman kommt, sondern es ist ein sehr kompetenter und informativer Blick hinter die Kulissen des Schriftstellers, ein Blick auf dessen Schreibtisch und eine Darstellung von dessen Handwerk.

Ortheil behandelt in diesem Buch seinen Gebrauch von Notiz- und Tagebüchern genauso wie verschiedene Techniken des Notierens. Er beschreibt, wie aus diesen Notierungen Themenfelder entstehen, welche zu Materialsammlungen für ein mögliches neues Projekt anwachsen können. Das Notieren, das Sammeln von in Texte gefassten Beobachtungen, definiert Ortheil als Merkmal des Romanschriftstellers.

Hanns-Josef Ortheil geht weiter, indem er beschreibt, wie Figuren plastisch werden und sich in Räumen und Welten einfinden. Er geht weiter, indem er den Blick noch mehr weitet und aus den verschiedenen Bausteinen, die bislang zusammengekommen sind, ein Ganzes zu machen versucht durch eine zielgerichtete Anordnung der Teile.

Der ganze Schreibprozess führt schliesslich dahin, so Ortheil, dass nicht der Roman aus dem Autor kommt, sondern dieser zum Teil des Romans wird, indem er sich im Kreis seiner Figuren bewegt.

Im Anschluss auf Ortheils Beschreibungen aus der Schreibstube des Autors, beleuchtet Klaus Siblewski das Schreiben eines Romans aus der Sicht des Lektors. Er beschreibt seine Rolle im Prozess der Entstehung, weist auf mögliche Gefahren und auch Chancen hin bei der Zusammenarbeit des Autors und des Lektors, und behandelt des Weiteren auch die einzelnen Stufen von der Idee bis hin zum fertigen Roman. Wie schon Ortheil sieht auch Siblewski den Autor als Sammler von Ideen und romantauglichem Material.

«Autoren sind aus diesen Gründen vorsätzliche und gefräßige Materialkannibalen, und das bedeutet Im Zweifelsfall interessieren sie sich für sehr viel, und dazu zählt auch Material, von dem sie noch nicht wissen, in welcher Beziehung es zu ihrem Roman steht.»

Persönliche Einschätzung
Ich lese nicht nur gerne fertige Romane, ich interessiere mich seit Jahren auch dafür, wie diese entstehen. Aus dieser Faszination heraus schrieb ich zu dem Thema auch meine Masterarbeit (anhand von Thomas Manns „Doktor Faustus“).

Sehr an mich selber erinnert fühlte ich mich bei Ortheils Beschreibung seines Schreibzwangs. Er schreibt, dass er als Schriftsteller an einem Schreibzwang leide,

„der mich dazu zwingt, in regelmässigen Abständen Notizen zu machen und handschriftlich zu fixieren…“

Dieser Schreibzwang führe dazu, dass er sich täglich immer wieder für einige Minuten von seinen Mitmenschen trenne, um eben zu schreiben, was nicht ausbleiben könne, da es sonst in ihm zu empfindlichen Störungen käme und er sprachlich, redend immer stiller werde bis zum vollkommenen Verstummen.

Ich bin immer wieder froh, mit meinen Eigenarten nicht ganz alleine zu sein. Das macht sie zwar nicht weniger eigenartig für viele, die das selber nicht kennen, rückt sie aber doch immerhin in ein Umfeld von Gleichgesinnten.

Mich hat der erste Teil von Hanns-Josef Ortheil mehr angesprochen als der zweite, welchen ich dann eher überflogen habe. Das ist keine Kritik am Schreibstil oder an den Inhalten des zweiten Teils, eher meinen Interessen geschuldet.

Fazit:
Ein gut lesbares und aus verschiedenen Perspektiven geschriebenes Buch darüber, wie Romane entstehen. Sehr empfehlenswert!

Zu den Autoren
Hanns-Josef Ortheil wurde 1951 in Köln geboren. Er ist Schriftsteller, Pianist und Professor für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim. Seit vielen Jahren gehört er zu den beliebtesten und meistgelesenen deutschen Autoren der Gegenwart. Sein Werk wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet, darunter dem Thomas-Mann-Preis, dem Nicolas-Born-Preis, dem Stefan-Andres-Preis und dem Hannelore-Greve-Literaturpreis. Seine Romane wurden in über zwanzig Sprachen übersetzt. http://hanns-josef-ortheil.de/

Klaus Siblewski wuchs in Frankfurt am Main auf, studierte ab 1969 an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt Germanistik, Geschichte und Philosophie. Er arbeitete als wissenschaftlicher Mitareiter, promovierte schliesslich und schrieb dann für Tageszeitungen und Fachzeitschriften. 1980 begann er seine Arbeit als Lektor für deutschsprachige Literatur im Luchterhand Verlag. 2015 beendete er seine Zeit als fest angestellter Lektor und setzte seine Lektorenarbeit frei fort. 2005 habilitierte er an der Universität in Essen und gründete im selben Jahr die Deutsche Lektorenkonferenz, organisierte und leitete diese Konferenz zehn Jahre lang bis 2015. Er ist Mitglied des Deutschen PEN-Zentrums. 2010 wurde er zum ständigen Gastprofessor an der Universität in Hildesheim berufen. Siblewski lebt in Holzkirchen (Oberbayern) und in Berlin, ist verheiratet und Vater von drei Töchtern.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 288
Verlag: Sammlung Luchterhand TB; Originalausgabe Edition (1. April 2008)
ISBN: 978-3630621111

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#abcdeslesens – K wie „Das Karussell“ (Rainer Maria Rilke)

Jardin du Luxembourg

Mit einem Dach und seinem Schatten dreht
sich eine kleine Weile der Bestand
von bunten Pferden, alle aus dem Land,
das lange zögert, eh es untergeht.
Zwar manche sind an Wagen angespannt,
doch alle haben Mut in ihren Mienen;
ein böser roter Löwe geht mit ihnen
und dann und wann ein weisser Elefant.

Sogar ein Hirsch ist da, ganz wie im Wald,
Nur dass er einen Sattel trägt und drüber
ein kleines blaues Mädchen aufgeschnallt.

Und auf dem Löwen reitet weiss ein Junge
und hält sich mit der kleinen heissen Hand,
dieweil der Löwe Zähne zeigt und Zunge.

Und dann und wann ein weisser Elefant.

Und auf den Pferden kommen sie vorüber,
auch Mädchen, helle, diesem Pferdesprunge
fast schon entwachsen; mitten in dem Schwunge
schauen sie auf, irgendwohin, herüber –

Und dann und wann ein weisser Elefant.

Und das geht hin und eilt sich, dass es endet,
und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel.
Ein Rot, ein Grün, ein grau vorbeigesendet,
ein kleines kaum begonnenes Profil -.
Und manchesmal ein Lächeln, hergewendet,
ein seliges, das blendet und verschwendet
an dieses atemlose blinde Spiel.

Das Karussell erschien im Buch «Neue Gedichte». In ihnen fehlt mehrheitlich das lyrische Ich, der Schwerpunkt liegt auf dem Gesehenen. Das neue Sehen, das Rilke immer wichtiger wird, zeigt sich in diesen Gedichten gut: Es geht um das genaue Hinsehen, er will nicht einfach gedankenlos vorübergehen und dabei als Blick erhaschen, sondern das Ding an sich, wie es da ist, genau sehen. Das Ding löst sich dabei oft aus dem Alltagszusammenhang und kann eine neue Beziehung eingehen. Das gibt dem Leser Raum für Deutungen, ermöglicht eine Subjektivität des Interpretierens und appelliert an das schöpferisches Vermögen des Lesers.

Die in diesem Sehen und daraus Gedichte Schaffen sich zeigende Liebe zu den Dingen hat Rilke von Paul Cezanne, in dessen Bildern er die Liebe zum Tun an sich erkannte, nicht in der Darstellung von Gegenständen. Aus dem Fokus auf das Ding und nicht ein Ich oder ein Gefühl eines solchen Ichs resultiert ein sachliches Sagen, welches für diese Gedichte bezeichnend ist, im Gegensatz zu den oft emotionalen Gedichten der Vergangenheit. Worum geht es in diesem Gedicht?

Ein Karussell dreht sich Runde um Runde, die immer gleichen Figuren erscheinen. Sie drehen sich im Kreis, ohne Ziel, dienen dem reinen Vergnügen der darauf Reitenden und der Zuschauer. Ein roter Löwe ist zu sehen, einer mit Zähnen und einer Zunge, was zusammen mit seiner roten Farbe für die Aggressivität, die Kraft und Macht dieses Tieres spricht. Das Blau des Mädchens deutet auf dessen Unschuld, auch Schwäche. Es sitzt auf einem Hirsch, dem Tier, das für Mut und Stärke steht, auch für Verantwortung, wozu passt, dass das Mädchen aufgeschnallt ist.

Das Weiss des Jungen deutet auf seine Unschuld hin. Seine Hand ist heiss, er sitzt auf dem Machttier. Ob er nach der Macht greifen will? Steht er schon für die potentielle Gefahr, welche von erwachsenen Jungen ausgehen kann, wenn sie Macht übernehmen, Aggressionen schüren oder ausleben?

Und immer wieder kommt ein weisser Elefant. Unschuld, Friede, Reinheit in unseren Breitengraden, Trauer in asiatischen Ländern (deren Philosophie Rilke nicht fremd war). Die Wiederkehr des Tieres übernimmt die Bewegung des Karussells in die Sprache. Der Rhythmus des Gedichts tut dasselbe. Wir fühlen uns beim Lesen selber auf dem Karussell, tragen es mit unserem Atem voran. Ziellos wie das Karussell selber, einfach dem Ende des Drehens entgegen lesend. Und vielleicht sind auch wir vom Lesen atemlos.

Sieht man im Karussell das Leben, so zeigt sich, dass vieles sich immer weiterdreht, ohne Unterbruch. Verschiedene Phasen lösen sich ab, eine nach der anderen kommt neu in den Blick, immer wieder erleben wir Wiederholungen. Der Trost an diesem Kreislauf liegt darin, dass das, was kommt, auch wieder geht. Das gilt für die schönen Momente, aber auch für die schwierigen. Und immer wieder wird es gut. Und wir lächeln. Und vergessen vielleicht, dass das Ganze ein zielloses, ein blindes Spiel ist, das in sich aber doch eine Schönheit trägt. Wie dieses Gedicht.

Zum Autor
René Karl Wilhelm Johann Josef Maria Rilke wird am 4. Dezember 1875 in Prag, welches damals zu Österreich-Ungarn gehörte, geboren. Glücklich kann man seine Kindheit wahrlich nicht nennen. Erst wollte die Mutter ihn eigentlich als Mädchen sehen, steckte ihn in entsprechende Kleider, später sollte er eine Militärlaufbahn anstreben, was gar nicht seinem Naturell entsprach und ihn entsprechend unglücklich machte. Nach sechs Jahren konnte er krankheitsbedingt abbrechen. Der nachfolgende Besuch der Handelsakademie wurde auch abgebrochen, dies wegen einer unstatthaften Beziehung zu einem Kindermädchen. Es folgte ein Studienbesuch und dann kam es zu der Begegnung, die wohl sein Leben am massgeblichsten geprägt hat: Lou Andreas-Salomé trat in sein Leben und änderte gleich mal seinen Namen hin zum (wie sie fand) männlicheren Rainer.

Rilke ist ein Nomade, wohnt an keinem Ort lange, hält es mit keiner Frau lange aus, mag Beziehungen eher auf Distanz als in der Nähe. Seine einzige und wirkliche Liebe scheint der Dichtung zu gehören. Immer wieder um seine Gesundheit kämpfend wurde 1926 bei Rainer Maria Rilke Leukämie diagnostiziert. Er stirbt am 29. Dezember 1926 in der Nähe von Montreux und wird am 2. Januar darauf im Bergdorf Raron beigesetzt, nahe seines letzten Wohnortes. Den Spruch für seinen Grabstein hat er selber verfasst:

Rose, oh reiner Widerspruch, Lust,
Niemandes Schlaf zu sein unter soviel
Lidern.

Delphine de Vigan: Das Lächeln meiner Mutter

Inhalt

„Was ist passiert, als Folge welcher Störung, welchen schleichenden Gifts? Ist der Tod eines Jungen eine hinreichende Erklärung für die Bruchlinie, die Bruchlinien? Denn die Jahre danach sind nicht zu beschreiben ohne die Begriffe Tragödie, Alkohol, Irrsinn, Suizid, die genauso zu unserem Familienwörterbuch gehören wie die Wörter Fest, Spagat und Wasserski.“

Als Lucile aus dem Leben scheidet, stellt sich ihre Tochter Delphine die Frage, wie es dazu kommen konnte. Diese Frau, die sie schon immer durch ihre Schönheit, durch ihr Talent, durch ihr Auftreten fasziniert hat, der sie aber doch nie wirklich nahe kam, weckt in Delphine eine Menge an Fragen, welchen sie in der Folge nachgehen will. Sie sammelt alles Material, das sie über ihre Familie findet, spricht mit den noch lebenden Mitgliedern und versucht so, die Geschichte der eigenen Familie aufzuarbeiten, offene Fragen zu klären, sich ein Bild zu machen davon, was wirklich passiert ist. Vor allem aber möchte sie ihre Mutter endlich kennenlernen, möchte verstehen, wieso diese so war, wie sie war.

Bedeutung

„Ich bin das Produkt dieses Mythos und habe in gewisser Weise die Aufgabe, ihn aufrechtzuerhalten und fortzusetzen, damit meine Familie weiterlebt und auch die etwas absurde, verzweifelte Phantasie, die uns eigen ist.

Delphine de Vigan erzählt die Geschichte einer Familie in den Fünfziger- und Sechzigerjahren in Frankreich, sie erzählt vom Leben damals in Gesellschaft und auch von privaten Erlebnissen. Sie geht mit ihrer Geschichte weit zurück, bis zur Ursprungsfamilie ihrer Mutter, versucht, aus dem Lauf der Geschichte Antworten zu finden für das, was passiert ist, dafür, wieso ihre Mutter war, wie sie war, wieso sie sich nicht wirklich einliess, sondern sich immer wieder allem entzog, nicht zuletzt auch ihrer eigenen Tochter. Der Weg hin zur Mutter ist auch ein Weg hin zu sich selber für Delphine, sie lernt sich und ihr eigenes Verhalten und Leben besser zu verstehen dadurch, dass sie merkt, wie sich Dinge in der Familie weitervererben.

Delphine de Vigan erzählt nicht nur die Geschichte ihrer Familie, immer wieder reflektiert sie auch die eigenen Schwierigkeiten, diese schriftlich festzuhalten. Sie schreibt von den Selbstzweifeln, davon, die richtige Art des Erzählens zu finden. Da Schreiben immer auch eine Form ist, sich selber bewusst zu werden über die Dinge, deuten diese Schreibschwierigkeiten auch auf die  Schwierigkeit hin, mit der eigenen Geschichte umzugehen, wirklich hinzuschauen. Dies fiel sicher umso schwerer, als es keine heitere Geschichte ist, sondern eine Familiengeschichte voller Tragödien und Schicksalsschläge. Krankheit und (auch selbstgewählter) Tod sind immer präsent, das Leben als Kind in so einer Familie oft verstörend. Zu gerne würde man das wohl vergessen, wegschauen – doch die Fragen sind zu drängend.

Es ist Delphine de Vigan gelungen, diese sehr düstere Geschichte voller Schicksalsschläge und Tragödien authentisch und mit Mitgefühl zu erzählen, Vorwürfe, Selbstmitleid oder Klagen über eine schwierige Kindheit sucht man vergebens. Entstanden ist ein Buch, das trotz der schweren Kost gut lesbar ist.

Persönliche Einschätzung
Ich habe anfangs gekämpft mit dem Buch, fand den Zugang erst, als Delphine de Vigan von ihren eigenen Problemen schrieb, die Geschichte zu Papier zu bringen. Vorher war es schlicht eine Familiengeschichte, von der man zwar wusste, dass es die von Delphine de Vigane selber ist, die aber doch sonderbar absorbiert im Raum stand. Erst mit dieser Passage wurde der Zusammenhang wirklich spürbar, wurde auch das Involviert-Sein der Autorin fassbar.

Ich bin grundsätzlich kein Freund von Erinnerungsbüchern, habe dieses nur gelesen, weil ich von Delphine de Vigans Buch „Dankbarkeiten“ so begeistert war. In meinen Augen kann dieses nicht mit dem anderen mithalten, „Dankbarkeiten“ hat mich mehr berührt und ergriffen – vielleicht, weil hier die Sprache viel sachlicher war als dort, was vielleicht der Nähe der Autorin zum Stoff geschuldet ist. Oft brauchen wir ja die Distanz zu den ganz nahen Dingen, um ihnen überhaupt begegnen zu können. So wirkt dieses Buch auf mich.

Fazit:
Ein authentisches, sensibles Buch über die Geschichte einer Familie, über die Geschichte einer Mutter-Tochter-Beziehung und über das Erbe, das wir aus unserer Familiengeschichte mitnehmen. Empfehlenswert.

Über die Autorin
Delphine de Vigan, geboren 1966, erreichte ihren endgültigen Durchbruch als Schriftstellerin mit dem Roman ›No & ich‹ (2007), für den sie mit dem Prix des Libraires und dem Prix Rotary International 2008 ausgezeichnet wurde. Ihr Roman ›Nach einer wahren Geschichte‹ (DuMont 2016) stand wochenlang auf der Bestsellerliste in Frankreich und erhielt 2015 den Prix Renaudot. Bei DuMont erschien außerdem 2017 ihr Debütroman ›Tage ohne Hunger‹ und 2018 der Roman ›Loyalitäten‹.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 400 Seiten
Verlag: DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG; 1. Edition (16. Juli 2021)
Übersetzung: Doris Heinemann
ISBN-Nr.: 978-3832165468

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#abcdeslesens – J wie „Jüngst hört ich… (Barthold Heinrich Brockes: Die Frösche)

Jüngst hört’ ich von neuen dem lauten Gewäsche,
dem quarrenden Knarren geschwätziger Frösche,
In ihrer ungestörten Ruh,
Mit einiger Betrachtung zu.
    Mich deucht, daß ihr verwirrt und mancherley Geschrey,
In etwan fünf bis sechserley,
Und mehr Veränderungen nicht, einzutheilen sey.
    Der größte Haufe scheint, auf Menschen Art, zu murren,
Und, um ein Nichts, zu lärmen und zu knurren.
Verschiedne sagen: Merks. Und diese kommen mir
Als Philosophen für.
Mit unbescheidnem Trotz, schien mancher, als ein Lehrer,
Mit einem schärfern Ton, sich über seine Hörer,
Durch nichts, als strengern Schall, sich eifrig zu bestreben,
Hervor zu thun und zu erheben;
Sie schienen mit Gewalt, die andern zu belehren,
Und mit der Lungen mehr, als des Verstandes Kraft,
Verschiedner Sachen Eigenschaft,
Mit gründlichem Bericht, den Hörern zu erklären;
Wovon doch, wie es hieß, verschiedne längst gefunden,
Dass die so wohl, als sie, von allem nichts verstunden.
    Ein kurz, doch hell Gequick, als ein Gepfeif, entfuhr
Verschiednen hier und dort. Dieß ließ, als wenn sie nur
Mit jenen, dass sie sich zu sehr erhüben,
Ein laut Gespötte trieben.
    Noch andre schienen mir, mit unbesorgtem Lachen,
Im warmen Sonnenstrahl, recht lustig sich zu machen.
Und diese Sänger kamen mir,
Von allen, als die Klügsten für.

Wir sehen einen am Froschteich stehen, offensichtlich von den Fröschen ungesehen, denn die quaken ungestört vor sich hin – oder sie sind so in ihrem Tun versunken, dass ihnen der Zuhörer egal ist. Dieser aber hört die Frösche nicht einfach nebenbei, wie wir so oft Dinge wahrnehmen, er hört ihnen genau, mit einiger Betrachtung zu. Bei diesem Hinhören fällt ihm auf, dass nicht jeder für sich quakt, sie sich im Gegenteil in Gruppen einteilen lassen, wovon es nicht mehr als fünf oder sechs gibt. 

Sogleich fühlt er sich an die Menschen erinnert, da die Mehrheit der Frösche wie diese auch murren ohne eigentlich ersichtlichen Grund. Ein paar andere weisen sie auf diesen Umstand hin, diese empfindet er als die Philosophen unter den Fröschen, indem sie auf Fehler hinweisen, aber keine konkreten Lösungsvorschläge oder gar Ratschläge platzieren. Diese Rolle übernimmt die dritte Gruppe, welche er mit den Lehrerin vergleicht, ständig belehrend, dies mit mehr Lautstärke als Verstand, was andere nicht verpassten, zu erwähnen und sich drüber lustig zu machen. 

Und dann gibt es noch eine letzte Gruppe, die sich freut, lacht, das Wetter geniesst. Diese erscheint ihm von allen Gruppen die klügste zu sein. 

Was hier so witzig und locker daher kommt, hat einen tieferen Kern. Das Gedicht zeigt die Natur als Lehrmeister. Wie oft schimpfen und motzen wir selber über Kleinigkeiten, vergessen, dabei das Schöne nur schon zu sehen, von geniessen ist schon gar keine Rede? Wie viele spielen sich über andere auf, indem sie besser zu wissen glauben, wie das Leben funktioniert? Das müssen nicht nur Lehrer sein, ich denke, solche Menschen finden sich in vielen Gruppen und Berufen. Und worauf gründen sie diese Überlegenheit? Wie oft passiert es uns selber mal, dass wir statt mit wirklichen Argumenten mit Lautstärke und Vehemenz zu überzeugen versuchen?

Wäre es nicht sinnvoller, an einem schönen Tag die Fenster zu öffnen für einen offenen Blick und dann die Sonne aufs Haupt scheinen zu lassen, sich daran und am Leben zu freuen und das Leben einfach mal leicht zu nehmen? Schwer wird es ja von selber wieder. Was man von einem Gang durch die Natur nicht alles lernen kann. 

Zum Autor
Barthold Heinrich Brockes (Brooks ausgesprochen) wurde am 22. September 1680 in Hamburg als Sohn eines wohlhabenden Kaufmannes geboren, wo er zuerst Privatunterricht genoss, danach ins Gymnasium überwechselte. Er studierte Jura und Philosophie, reiste später aus Bildungsgründen und schloss schlussendlich sein Studium mit einer Promotion in Jura ab. Nicht wirklich auf ein Einkommen angewiesen, widmete er sich mehr und mehr seinen literarischen Interessen. Schon seine ersten Werke wurden von namhaften Komponisten vertont, was Brockes zu einem berühmten Mann machte.

Brockes gründete eine Gesellschaft zur Förderung der deutschen Sprache und Literatur, begann das Übersetzen und setzte sich daneben für den Erhalt der patriotischen Angelegenheiten ein, welche er in einer moralischen Wochenschrift thematisierte. Es folgen politische Ämter, wo er sich für das Wohl der Bevölkerung einsetzte und daraus grosse Befriedigung zog. Nach dem Tod seiner Frau schwand seine Freude am Leben, er übernimmt noch einige Ämter, stirbt dann aber sehr unerwartet am 16. Januar 1747 im Alter von 66 Jahren.

Uwe Wittstock: Februar 33

Der Winter der Literatur

Inhalt

«Wenn der Satz, Hitlers Verbrechen seien unvorstellbar, einen Sinn hat, dann gilt er zuallererst für seine Zeitgenossen. […] Vermutlich gehört es zur Natur eines Zivilisationsbruchs, schwer vorstellbar zu sein.»

 Joseph Roth, Thomas Mann, Berthold Brecht, Heinrich Mann, Klaus und Erika Mann, Alfred Döblin, Erich Mühsam, Erwin Egon Kisch, Else Lasker-Schüler, Ricarda Huch und viele mehr sind betroffen von einem Umbruch, der in Deutschland 1933 stattfindet: Hitler soll Reichskanzler werden und damit wird sich das Leben der oben genannten ändern. Ihre Stücke können nicht mehr aufgeführt, ihre Bücher nicht mehr gedruckt werden. Sie werden verfolgt, eingesperrt, bedroht und müssen schliesslich fliehen.

«Heute muss er [Heinrich Mann] sich auf konspirativen Wegen aus dem Land schleichen. Er, einer der wichtigsten Schriftsteller des Landes, darf froh sein, wenn man ihn nicht erkennt. Zu Fuß ist er unterwegs, mit einem Köfferchen in der Hand und einem Schirm, mehr nicht.»

Uwe Wittstock arbeitet sich Tag für Tag durch einen Monat, der nicht nur Deutschland und das Leben da, sondern die ganze Welt verändern wird. Er zeichnet mit grossem Wissen und auf gut lesbare Weise einerseits die politischen Entscheide und Fakten auf, und beleuchtet, was diese für Auswirkungen auf das Leben der dargestellten Literaten hat. Viele schauen zwar besorgt, aber doch nicht hoffnungslos auf die sich verändernde politische Landschaft. Zwar erkennen sie mehrheitlich das Verhängnis einer Wahl Hitlers, glauben aber nicht, dass diese Regierung lange an der Macht sein wird, geschweige denn, dass sie zum Verhängnis für so viele Menschen werden kann. So kommt es dann bei vielen zu sehr überstürzten Abreisen aus Deutschland, weil die Gefahr oft zu spät, wenn zum Glück auch oft gerade noch rechtzeitig, erkannt wurde.

Weiterführende Betrachtungen

«Nur diesen Monat brauchte es, um einen Rechtsstaat in eine Gewaltherrschaft ohne Skrupel zu verwandeln.»

Uwe Wittstock zeichnet die Zeit vom 28. Januar bis zum 15. März 1933 nach, erläutert in kurzen Abschnitten die politischen Umbrüche und sich verändernden Umstände für die Bevölkerung anhand verschiedener Biographien von Schriftstellern. Als Leser ist man Zeuge eines Umbruchs und dem langsamen Bewusstwerden einzelner Schriftsteller, dass die Weimarer Republik zu Ende ist, jeder, der noch daran festhalten will, aufs falsche Pferd setzt – nicht nur das: Er ist in Gefahr, da nicht völkisch Denkende als Gefahr für die neue Regierung und damit (sogenannt) das Volk eliminiert werden sollen – mit Schiesserlaubnis.  

Das vorliegende Buch ist einerseits ein informatives Zeitzeugnis, andererseits auch eine Warnung, den Blick heute nicht zu verschliessen vor alarmierenden Veränderungen in der Gesellschaft. Die wachsende Spannung in und Spaltung derselben, Terrortaten und zunehmender Judenhass sind nur einige aktuelle Probleme, denen es bewusst zu begegnen gilt, die nicht ignoriert werden dürfen. Das Buch ist ein gutes Mittel, sich vor Augen zu führen, dass eine Demokratie aktiv geschützt werden muss, dass politische Fehlentscheide verheerende Folgen haben können – für den Staat, für die Gesellschaft, für den Einzelnen.

Uwe Wittstock ist es gelungen, in einem überschaubaren Rahmen geschichtliche Fakten und persönliche Schicksale aufzuzeichnen. Das Buch ist ab und an sprachlich uneinheitlich, schwankt von fast romanhaften Wendungen hin zu faktisch-sachlicher Sprache und weist andererseits einige Redundanzen auf. Dies sei nur der objektiven Sicht wegen gesagt, tut dem Wert des Buches aber keinen Abbruch.

Persönlicher Bezug
Die Zeit um das Ende der Weimarer Republik, die Machtergreifung der Nationalsozialisten und den Zweiten Weltkrieg ist seit vielen Jahren, mittlerweile Jahrzehnten eine mich faszinierende und in verschiedenen Forschungsprojekten auch beschäftigende. Als Literaturwissenschaftlerin und politische Philosophin war dieses Buch also quasi eine Pflichtlektüre, vereint es doch die Themen, die mir so lange am Herzen liegen. Sie tun dies aber nicht nur aus reinem Interesse an der Geschichte, sondern eher vor dem Hintergrund, dass ich denke, dass wir nicht vergessen dürfen, was passiert ist – gerade mit Blick auf die Situation heute.

Der Satz, dass man aus der Geschichte lernen kann, hat sich leider oft nicht bewahrheitet, weil immer wieder gleiche Fehler passieren. Dies tun sie aber umso mehr, wenn wir die Vergangenheit zu wenig bewusst vor Augen haben. Bücher wie dieses können das ändern.

Fazit
Ein grossartiges Buch über die politische Lage eines folgenreichen Umbruchs und die Geschichte einiger Schriftsteller, die davon betroffen und bedroht waren. Eine ganz grosse Leseempfehlung.

Zum Autor
Uwe Wittstock ist Literaturkritiker und Buchautor. Bis 2018 war er Redakteur des „Focus“, für den er heute als Kolumnist schreibt. Zuvor hat er als Literaturredakteur für die FAZ (1980 – 1989), als Lektor bei S. Fischer (1989 – 1999) und als stellvertretender Feuilletonchef und Kulturkorrespondent für die «Welt» (2000 – 2010) gearbeitet. Er wurde mit dem Theodor-Wolff-Preis für Journalismus ausgezeichnet.

Mehr zu Uwe Wittstock findet sich auf seiner
Homepage: uwe-wittstock.de
und in seinem Blog: http://blog.uwe-wittstock.de/

Angaben zum Buch
Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
Verlag: C.H.Beck; 2. Edition (16. September 2021)
ISBN: 978-3406776939

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Arno Geiger: Alles über Sally

„Sally findet es mit einem Mal anstrengend, wie Alfred auf ältliche Weise im Bett sitzt, ein überzeugender Beitrag zur Trostlosigkeit dieses Zimmers […] jetzt in den Ferien, sollte man meinen, ist es selbst für einen Mann in Alfreds Alter eine unnatürliche Sache, so viel herumzuliegen. […] Die halbe Nacht grabschte er nach Sallys Hüften, die meiste Zeit lag er auf ihr. Sie selber wachte einige Male in Schweiß gebadet auf, so dass sie sich jetzt fragt: Was ist das? Ist es Alfred oder seelische Armut oder eine Krankheit? Sind es die Hormone oder ist es Angst?“

Schon im ersten Kapitel erhält man einen Eindruck von der nun dreißigjährigen Ehe von Sally und Alfred. Er, der eher Schwermütige, Konservative, Bewahrende, sie die Aktive, Unzufriedene, Suchende und Fragende. Jäh aus den Ferien weggerufen wegen eines Einbruchs in ihr Haus, zeigt sich die ganze Tragweite dieser Unterschiedlichkeit. Während Alfred noch mehr in Lethargie und Selbstmitleid verfällt, übt sich Sally in Aktivismus, packt an, will wieder nach vorne gehen. Alfred steckt fest. Er steckt in seiner Trauer, sieht das Verlorene. Er trauert um den Verlust der Vergangenheit, leidet an der Zerstörung seiner Sicherheit, seiner Konstanz im ewig Gleichen – und genau das stürzt Sally immer mehr in eine Position des Zweifels: Zweifel an Alfred, an ihrer Liebe, an ihrer Ehe. Sie braucht Abhilfe und stürzt sich dazu eine Außenbeziehung mit Eric, es ist nicht ihre erste. Diese Ausbrüche – von denen Alfred immer stillschweigend wusste, weswegen es verwundert, dass er dieses Mal nichts mitkriegt – scheinen ihr eine Lebendigkeit in ihr Leben zu bringen, die sie bei all der auferlegten Stetigkeit braucht. Und trotzdem: Sie kommt immer zu Alfred zurück, sucht diese Stetigkeit auch, da diese und für sie stehend Alfred wohl ihr Halt in einer sonst haltlosen Welt ist – im Aussen wie im Innen. Dies drückt sich auch in einer Erkenntnis aus, die sie überkommt:

„Spätestens damals hatte sie begriffen, dass Wohnen etwas Emotionales ist und dass sie mit ihren Gefühlen weit weniger links stand als ideologisch. Von da an hatte sie gewusst, Gefühle sind konservativ, sie verändern nicht die Welt.“

Und auch wenn Gefühle dauerhaft sind, so sind sie nicht immer da, nicht immer gleich stark. Während Alfred die ganzen dreißig Jahre damit verbracht zu haben scheint, bewundernd auf Sally zu schauen, glücklich über jeden von ihm als schön befundenen Blick zu sein, findet Sally viele Dinge, die sie an ihrem Mann beanstandet. Sie geht mit ihren Worten nicht zimperlich um. Trotzdem weiß sie auch in lieblosen Zeiten, sie würde Alfred

„bald wieder lieben, so wie sie ihn am Anfang geliebt hatte und später auch immer wieder, nur jetzt nicht, da konnte sie ihm nichts vormachen.“

Arno Geiger ist ein Blick auf eine Ehe gelungen, der viel Mitgefühl in sich trägt, der trotzdem in die Tiefe geht und offenlegt, was da liegt. Dieser Blick zeigt eine Ehe, die weit vom romantischen Ideal scheint, eine Ehe, in welcher zwei Individuen sich aneinander aufreiben und doch immer wieder bleiben – und in diesem Bleiben aufs Ganze gesehen etwas für sich zu finden scheinen. Arno Geiger zeigt, dass es gerade die Dauer der Ehe ist, die all das auszeichnet, weil gerade diese Dauer in einer unsteten, immer schneller drehenden Welt außergewöhnlich ist. Erst durch diese Dauer zeigen sich die Schwierigkeiten des Zusammenlebens, aber auch das, was Paare zusammenhält. Es sind die kleinen Fürsorglichkeiten des Alltags, die Aufmerksamkeiten im Vorbeigehen, welche Arno Geiger sehr einfühlsam und unaufdringlich erzählt.

Gelungen ist diese Geschichte vor allem, weil Arno Geiger es schafft, beide Seiten zu beleuchten. Er schaut in die Seelen beider Protagonisten, er tut dies ohne Vorurteile oder Aburteilungen, ohne An- oder Trauerklage. Ein flüssiger Erzählton fließt durch eine Geschichte mit Höhen und Tiefen, auch Abgründen, er packt den Leser und lässt ihn nicht mehr los.

Fazit:
Ein bewegender, nachdenklich stimmender Roman über die Liebe, die Ehe, das Miteinander. Unbedingt lesenswert.

Zum Autor
Arno Geiger, geboren 1968 in Bregenz, wuchs in Wolfurt/Vorarlberg auf. Er studierte Deutsche Philologie, Alte Geschichte und vergleichende Literaturwissenschaft in Innsbruck und Wien.

1997 debütierte Arno Geiger mit dem Roman ›Kleine Schule des Karussellfahrens‹, 1999 folgt ›Irrlichterloh‹. 1998 erhielt er den New Yorker Abraham Woursell Award, 2005 für ›Schöne Freunde‹ den Friedrich-Hölderlin-Förderpreis und den Deutschen Buchpreis für ›Es geht uns gut‹. 2008 wurde ihm der Johann-Peter-Hebel-Preis verliehen, 2011 der Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung. 2007 erschienen Erzählungen mit dem Titel ›Anna nicht vergessen‹, 2010 der Roman ›Alles über Sally‹, 2011 das Buch ›Der alte König in seinem Exil‹, 2015 der Roman ›Selbstporträt mit Flusspferd‹. Für den Roman ›Unter der Drachenwand‹, der auch für den Deutschen Buchpreis nominiert war, erhielt Arno Geiger den Literaturpreis der Stadt Bremen. 2018 wurde Arno Geiger mit dem Joseph-Breitbach-Preis ausgezeichnet.

Arno Geiger lebt in Wolfurt und Wien.

Angaben zum Buch
Herausgeber ‏ : ‎ dtv Verlagsgesellschaft (1. August 2011)
Taschenbuch ‏ : ‎ 368 Seiten
ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3423140188

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#abcdeslesens – I wie „Ich bin traurig“ (Else Lasker-Schüler)

Deine Küsse dunkeln, auf meinem Mund.
Du hast mich nicht mehr lieb.

Und wie du kamst -!
Blau vor Paradies;

Um deinen süsesten Brunnen
Gaukelte mein Herz.

Nun will ich es schminken,
Wie die Freudenmädchen
Die welke Rose ihrer Lende röten.

Unsere Augen sind halb geschlossen,
Wie sterbende Himmel –

Alt ist der Mond geworden.
Die Nacht wird nicht mehr wach.

Du erinnerst dich meiner kaum.
Wo soll ich mit meinem Herzen hin?

Eine Liebe ist zu Ende, die noch vor kurzem ausgetauschten Küsse sind schon nur noch in dunkler Erinnerung. Es gab mal andere Zeiten, paradiesische, süsse, herzerwärmende, sie sind vorbei. Das lyrische Ich muss den Schein aufrechterhalten, das Herz rot anmalen, da die Liebe es nicht mehr rot färbt. Das Leben ist halb gewichen, es fühlt sich an, als wären sie beide halb tot. Selbst der Mond, der die Nacht beschienen hat, ist alt geworden und damit schwach, er vermag seine Arbeit nicht mehr zu tun, die Nacht liegt dunkel. Während das lyrische Ich hadert, trauert, sich erinnert, fühlt es sich selber vergessen und weiss nicht mehr, wohin mit dem eigenen Herzen, da der, dem dieses so zugewandt war, weg ist.

Wieder ein Gedicht einer unglücklich liebenden, ein Thema, das sich wie ein Leitfaden durch Else Lasker-Schülers Werk zieht. Kein Wunder, war sie doch selber zeitlebens auf der Suche nach Liebe und dies nie wirklich auf Dauer glücklich. Es wollte ihr nicht gelingen, eine Lebensliebe zu finden, wozu sie durchaus auch einen Beitrag leistete, war sie in ihrer doch sehr eigenwilligen Art wohl nicht ganz einfach und auch als Mensch schwer fassbar.

„Spielen ist alles.“

Man könnte sagen, sie bog sich ihre Welt zurecht, wie sie sie wollte, sie selber sah es wohl ihrer Devise gemäss als ein Spiel, das Erdichten eines eigenen Leben, so dass dieses Leben selbst schon dichterisches Kunstwerk zu sein schien. Das fing mit dem Geburtstag an, ging mit dem Geburtsort und der Herkunft generell weiter, hin zu Rollenspielen und Übernamen (so zog sie in bunten Gewändern als Prinz Jussuf Flöte spielend durch die Strassen), wo es wohl noch lange nicht endete. Sicher keine einfache Ausgangslage für eine Liebe.

Als Leser sieht man sich einer Trauer ausgesetzt, die kaum einen Ausweg sieht. Das lyrische Ich ist in dieser Trauer gefangen und es hat keine Ahnung, wie es aus dieser wieder rauskommen soll. Wie oft fühlt man sich in einer solchen Trauer allein, gerade weil der, welcher eigentlich da sein sollte, weg ist, gerade durch diesen Verlust. Als Lesender, wenn man selber in einer solchen Situation steckt, kann das tröstlich sein. Man sieht, dass man zumindest mit diesem Gefühl des Alleinseins, mit dieser Trauer um eine verlorene Liebe nicht alleine ist. Da war jemand, der diese Gefühle so gut kannte und der es geschafft hat, diese in ein wunderbares Gedicht zu verweben.

Zur Autorin
Else Lasker-Schüler wurde am 11. Februar 1869 in ELbertfeld geboren. Schon früh konnte sie lesen und schreiben, es scheint ihr wurde das Talent in die Wiege gelegt. 1899 veröffentlichte sie erste Gedicht mit Styx folgte 1901 ihr erster Gedichtband. 

Wie viele andere Juden war auch Else Lasker-Schüler eine Vertriebene des Nationalsozialismus. Um ihr Leben fürchtend, ging ihr Weg zuerst nach Zürich, später nach dem von ihr sehr geliebten Jerusalem. Geblieben ist sie dort allerdings nicht aus freien Stücken, ihr wurde die Rückreise verwehrt. Aus dem einst geliebten Land wurde ein schwieriger Ort: Deutsch war eine verpönte Sprache, so dass sie neben der Heimat Deutschland und all ihren Freunden da auch noch die Heimat der Sprache verlor.  Else Lasker-Schüler starb am 16. Januar 1945 und wurde auf dem Ölberg in Jerusalem begraben. Sie hinterlässt ein umfangreiches lyrisches Werk, Erzählungen und Dramen.

Erich Maria Remarque (22. Juni 1898 – 25. September 1925)

Erich Maria Remarque (eigentlich Erich Paul Remark, den Mittelnamen «Maria» legte er sich aus Verehrung für Rainer Maria Rilke zu) wird am 22. Juni 1898 in Osnabrück geboren. Ebenda besucht er das Lehrerseminar. Der Krieg kommt ihm dazwischen, 1916 wird er in die Armee eingezogen, wo er nach sechs Monaten Ausbildung an die Front berufen wird. Wegen einer Verletzung verbringt er die Zeit ab dem Juli 1917 bis 1918 im Lazarett. Die Armeezeit wird ihn das ganze Leben prägen, sie wird auch seine pazifistische Sicht begründen.

Nach dem Krieg arbeitet Remarque in den verschiedensten Berufen, er versucht sich als Händler, Agent für Grabsteine oder Organist, um nur einige zu nennen. 1919 legt er schliesslich die Lehramtsprüfung ab und arbeitet dann als Volksschullehrer. Daneben veröffentlicht er Gedichte und Kurzprosa, 1920 folgt der erste Roman «Traumbude». Im selben Jahr endet auch seine Lehrerkarriere mit einer Beurlaubung.

Die Jahre drauf reist er als Journalist durch Europa, wird Sportredaktor und veröffentlicht schliesslich 1929 den Roman «Im Westen nichts Neues», mit welchem er berühmt wird, wenn er auch in Deutschland einige Kontroversen auslöst. Der Roman behandelt die vom Krieg zerstörte Generation und räumt mit der Verklärung des Heldentods der Soldaten auf. Davon will man im Deutschland der Zeit nichts hören. Die amerikanische Verfilmung bringt Remarque noch mehr Ansehen, vor allem auch im Ausland, eine erneute Provokation für viele in Deutschland.

Die politische Lage in Deutschland spitzt sich zu, Remarque beschliesst  1932 in die Schweiz, nach Porto Ronco (in der Nähe von Ascona), ins Exil zu gehen. Spätestens bei der Bücherverbrennung 1933 ist klar, dass dies der richtige Schritt war, denn auch seine sind darunter. In der Schweiz stellt er seinen Roman «Drei Kameraden» fertig, welcher sich mit drei Kriegsrückkehrern und den 20er Jahren in Berlin beschäftigt.

1938 wird ihm die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt, 1939 folgt die Emigration nach Amerika, weil auch die Schweiz nicht mehr sicher scheint. Remarque hat Glück, wird er doch auch in den Staaten als Schriftsteller anerkannt, ein Glück, das vielen seiner Schriftstellerkollegen abgeht.

Nach dem Krieg lebt Remarque abwechselnd in New York und Porto Ronco (CH). 1946 gelingt ihm mit dem Roman «Arch of Triumph» ein weiterer Erfolg, an welchen er mit den darauffolgenden Romanen nicht mehr anschliessen kann. 1947 erwirbt Erich Maria Remarque die amerikanische Staatsbürgerschaft. 1969 wird Remarque das Grosse Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland verliehen.

Erich Maria Remarque stirbt am 25. September 1970 in Locarno.

Ausgewählte Romane:

  • 1920 Die Traumbude. Ein Künstlerroman
  • 1929 Im Westen nichts Neues
  • 1931 Der Weg zurück
  • 1938 Drei Kameraden
  • 1941 Liebe deinen Nächsten
  • 1946 Arc de Triomphe
  • 1952 Der Funke Leben
  • 1954 Zeit zu leben und Zeit zu sterben
  • 1956 Der schwarze Obelisk
  • 1961 Der Himmel kennt keine Günstlinge
  • 1962 Die Nacht von Lissabon
  • 1971 Schatten im Paradies (posthum)

Eduard Mörike: Septembermorgen

Im Nebel ruhet noch die Welt,
Noch träumen Wald und Wiesen:
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
Den blauen Himmel unverstellt,
Herbstkräftig die gedämpfte Welt
In warmem Golde fließen. 

Der Titel «Septembermorgen» trägt die Jahreszeit schon in sich: Es ist früher Herbst. In den ersten beiden Zielen steht zweimal das Wort «noch». Das deutet darauf hin, dass etwas bald nicht mehr sein wird, aber noch ruht die Welt im Nebel, noch träumt die Natur. Die Nacht hängt noch in den Bäumen, bald wird die Sonne den Himmel erhellen und die Nebelschleier zum Verschwinden bringen. Dann zeigt sich das, was ist: Der Herbst mit seinen kräftigen und doch gedämpften Farben, die Sonne, die nicht mehr ganz so hell scheint, sondern einen Goldschimmer trägt, der sich über die Welt legt.

Auch der Herbst trägt den Abschied in sich. Das Jahr geht langsam zu Ende, es kommt die Zeit des Erntens, um dann die Bäume leer zu lassen. Die Tage werden kürzer, die Temperaturen fallen langsam. Das Leben verschiebt sich mehr und mehr von draussen ins Haus hinein, was für viele auch eine Zeit der grösseren Einsamkeit bedeuten kann. Rilke hat das in seinem Gedicht «Herbsttag» angedeutet, als er schrieb:

«Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben.»

Abschied wird häufig mit negativen Gefühlen verbunden, was aber gar nicht sein muss. In östlichen Philosophien ist Abschied eine Chance für einen Neuanfang. Im Hinduismus gibt es die drei Götter Shiva, Brahma und Vishnu – sie stehen für Zerstörung, Neuaufbau und Erhalt. So lange etwas nicht untergeht, können die anderen beiden nicht wirken. Und nur so ist Leben möglich, das immer auch Bewegung heisst, Neues mit sich bringt.

In meinem Leben gab es immer wieder verschiedene Phasen, in denen ich etwas ganz intensiv machte und dann dachte, das wäre das wirklich Eine, das nun bliebe. Doch jede Phase wurde wieder von einer anderen abgelöst, die der vergangenen an Intensität in nichts nachstand. So floss ich von einem zum nächsten, kam zwar zu allem immer wieder zurück, aber auch nur, um dann wieder weiter zu gehen.

Ich habe diese Art an mir oft verflucht, mir gewünscht, dass ich „eindimensionaler“ wäre, fokussierter, auf eine Sache ausgerichteter und nicht mit diesen vielen Interessen bestückt. Ich habe dann irgendwann gemerkt, dass dies mein Wesen ist, dem ich mich nicht entgegenstellen kann. Und es gab ja durchaus Konstanten: Ich habe immer gelesen und immer geschrieben. Die Inhalte mögen sich verändert haben, aber das Tun blieb das gleiche. Und: Ich habe aus allen Phasen was für die nächste mitgebracht. Vielleicht ist es ja im Leben so, dass alles seine Zeit hat, dass man aus jeder Zeit etwas für die nächste lernt. Und immer muss man auch bereit sein, Altes loszulassen, dass wieder Platz für Neues kommt.