5 Inspirationen – Woche 8

Was ist mir diese Woche begegnet, hat mich diese Woche inspiriert?

  • Diese Woche hörte ich den Podcast „Hanser Rauschen“ mit Rafik Schami. Rafik Schami gewährt spannende Einblicke in sein Leben als Schriftsteller, er erzählt, was es für ihn bedeutet, seit vielen Jahren fern der Heimat zu leben, wie er sich sprichwörtlich in die deutsche Literatur hineinschrieb und wieso er das Geschichten-Erzählen so liebt.
  • Ein Artikel über das Schreiben von Tagebüchern (Anaïs Nin on Writing, the Future of the Novel, and How Keeping a Diary Enhances Creativity) hat mich diese Woche angeregt, wieder mehr in dieser Form zu schreiben. Zwar führe ich seit Jahren Notizbücher, die sicher auch mal persönliche Gedanken enthalten, doch mehrheitlich enthalten sie Gedanken zu Gelesenem, Notizen zu Gehörtem. Die Innenansichten nehmen je länger je mehr einen eher geringen Raum ein.

    „While we refuse to organize the confusions within us we will never have an objective understanding of what is happening outside.“

    Ich bin überzeugt, dass da viel Wahres dran ist, weswegen ich früher sehr intensiv Gedanken und Persönliches festhielt. Das möchte ich wieder vermehrt tun – bin noch nicht ganz schlüssig, ob ich fortan zwei Bücher verwenden soll dazu (was umständlich ist, da noch mehr immer dabei sein muss), oder alles in einem Platz hat.
  • Die Dokumentation auf Netflix „Joan Didion. Die Mitte wird nicht halten“ erzählt vom Leben und Leiden der grossen Schriftstellerin Joan Didion. In aktuellen Interviews wie auch mit Originalfilmen und -bildern aus der Vergangenheit wird das Bild einer mutigen Frau gezeichnet, die für ihre Umwelt genau beobachtete und in ihren Schriften ein schonungsloses Bild davon zeichnete. Die Dokumentation zollt dem insofern Tribut, als sie nicht nur die Darstellung eines Lebens ist, sondern dieses auch in die Zeit einbettet und damit zu einer Gesellschaftsstudie wird – vor allem vom Künstlermilllieu Kaliforniens in den 60er Jahren.
  • Auf Instagram stiess ich auf das Bild eines Briefeschreibers und dachte an meine Kindheit zurück, als ich eine Brieffreundin in den USA hatte. Auch später gab es nochmals eine Zeit, als ich mit einem Schriftstellerkollegen Gedanken zum Leben, Lesen und anderem austauschte. Das fehlt mir irgendwie. Immerhin habe ich neu eine eMail-Freundin gewonnen, was schon wirklich schön ist, aber das Briefeschreiben lässt mich nicht ganz los. Erstens wegen des Schreibens an sich, zweitens weil ich denke, dass in Briefen (das beinhaltet nun auch eMails) ein tieferer, weil durchdachterer Austausch möglich ist als in anderen Formen der Kommunikation.
  • Mut zur Unvollkommenheit – ich neige dazu, immer alles perfekt machen zu wollen. Die Angst, es nicht zu schaffen, blockiert mich manchmal so sehr, dass ich mit gewissen Dingen gar nicht anfange, weil ich denke, ich müsste zuerst noch etwas erreichen/tun, um dann der Aufgabe gewachsen zu sein. In einem Interview sagte Margaret Atwood, dass das wichtigste sei, die Geschichte einfach mal zu schreiben. Damit hätte man den Ausgangspunkt, mit dem man dann arbeiten kann. Ich denke, das ist in vielen Bereichen so: Nicht alles klappt auf Anhieb, aber wenn man nie anfängt, wird gar nichts draus.

Ich hoffe, es war was für euch dabei, das euch angesprochen hat. Wenn ihr etwas habt, das euch diese Woche angesprochen, bewegt, inspiriert hat – ich würde mich freuen, wenn ihr davon berichten würdet. Ich wünsche euch ein schönes Wochenende und einen guten Start in die neue Woche!

Clara Maria Bagus: Die Farbe von Glück

„Antoines Geschichte beginnt zweimal. Einmal mit dem tag seiner Geburt. Und ein zweites Mal, sechs Jahre später, am Tag, an dem seine Mutter Marlene verschwand.“

Antoine ist sechs, als ihn seine Mutter verlässt. Verzweifelt und tieftraurig bleibt er im Haus zurück, wo ihn Charlotte findet und bei sich aufnimmt. Mit viel Liebe und Geduld schafft sie es, anstelle von Trauer und Verlassenheit durch Zuversicht und Lebensfreude zu ersetzen. Sie haben nicht viel, aber sie haben einander und das ist für beide das wichtigste. Und genau das gerät in Gefahr, als eines Tages Jules auf Charlotte bei ihrer Arbeit im Krankenhaus zukommt und von ihr verlangt, sein gerade geborenes kränkliches Kind mit einem gesunden zu tauschen. Sonst nähme er ihr Antoine.

„Jeder schien an diesem Tag am falschen Ort gewesen zu sein. Jules und Charlotte hatten ins Schicksal eingegriffen, die Karten neu gemischt und anders verteilt, als es vorgesehen war. Das Schicksal würde sie verfolgen. Beide. Da waren sie sich sicher. Wann würde es kommen, sie einholen und Rache nehmen?“

Auch wenn der Beweggrund die eigene Verzweiflung und keine Böswilligkeit gewesen war, lastet diese Entscheidung fortan schwer auf allen. Und: Sie betrifft das Leben so vieler Menschen, die mit den Folgen leben müssen.

„Wie konnte es falsch sein, das Richtige zu tun? War es nicht ein Zeichen dafür, dass die Welt, in der sie lebte, verkehrt war?“

Was ist richtig im Leben, was falsch? Darf ich zum Schutz meiner Lieben anderen Leid zufügen? Womit kann ich leben? Wie gehe ich mit meiner Schuld um? Diese und weitere Fragen stehen philosophisch im Zentrum des vorliegenden Buches. „Die Farbe von Glück“ ist aber auch ein Buch über Liebe, Verantwortung, Fürsorge. Es ist die Geschichte eines kleinen Jungen, der von allem verlassen und ohne Halt im Leben wieder Zuversicht lernt und sieht, was Liebe ist. Es ist ein Buch, das immer wieder dazu aufruft, dass wir es selber sind, die unser Leben in der Hand haben, egal, wie die Umstände sind. Es ist ein Buch, das Mut machen will, das anhand von verschiedenen Geschichten aufzeigt, dass es unsere Entscheidungen sind, welche unser Leben prägen – in verschiedener Hinsicht.

Es ist ein wunderbares Buch mit authentischen Charakteren und einer mitreissenden und bewegenden Geschichte. Teilweise verliert sich diese leider in zu vielen Wiederholungen und Längen, manchmal geht sie fast unter in vorgetragenen, oft esoterisch anmutenden Lebensweisheiten, welche mehr an einen seichten Ratgeber als an einen Roman erinnern und ab und zu sehr kitschig erscheinen. Weniger wäre mehr gewesen, trotzdem überwiegt das Positive, da es der Autorin gelingt, die Geschichte mit einer grossen Zärtlichkeit zu erzählen, welche auf den Leser übergreift und ihn mit den Figuren in Kontakt treten und mitfühlen lässt.

Fazit:
Eine wunderbare Geschichte mit authentischen Figuren und ganz viel Zärtlichkeit. Ein Buch über Schuld, Verlust und Trauer, aber auch über Liebe, Vertrauen und Selbstverantwortung. Wenn auch teilweise langatmig und zu esoterisch, so doch empfehlenswert.

Über die Autorin
Clara Maria Bagus hat in den USA und in Deutschland Psychologie studiert und war einige Zeit in der Hirnforschung tätig. Ihr Lebensweg führte sie über zahlreiche Kontinente. Dort begegneten ihr immer wieder Menschen auf der Suche nach sich selbst. In einer Welt, in der Orientierung schwer zu finden ist, hat sie ihnen durch ihre berührenden Bücher geholfen, den roten Faden ihres Lebens wiederzufinden. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihren Zwillingssöhnen in Bern.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 352 Seiten
Verlag: Piper; 5. Edition (2. November 2020)
ISBN-Nr.: 978-3492059954
Preis: EUR 18 / CHF 26.90

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Erich Kästner (23.2.1899 – 29.7.1974)

Erich Kästner wurde am 23. Februar1899 in Dresden geboren und wuchs in kleinbürgerlichen Verhältnissen auf. Schon als Kind hatte er eine sehr enge Beziehung zu seiner Mutter, welche das ganze Leben anhalten sollte, oft Thema seiner Schriften war und auch Grund, dass Kästner nicht ins Ausland floh bei der Machtübernahme der Nationalsozialisten.

Nach der Schule trat Kästner ins Lehrerseminar ein, brachte zwar keinen Abschluss als Lehrer heraus, aber immerhin genügend Stoff als Inspiration für sein fliegendes Klassenzimmer. Später studierte Kästner in Leipzig Geschichte, Philosophie, Germanistik und Theaterwissenschaft und promovierte in Germanistik. Schon während des Studiums arbeitete er journalistisch. Dies behielt er auch nach dem Studium – auch unter vielen Pseudonymen – bei. Daneben veröffentlichte er Geschichten, Gedichte, Romane und auch Kinderbücher

„Ich bin ein Deutscher aus Dresden in Sachsen.
Mich läßt die Heimat nicht fort.
Ich bin wie ein Baum, der – in Deutschland gewachsen –
wenn’s sein muss, in Deutschland verdorrt.“

1933 wurde Erich Kästner von den Nationalsozialisten als Autor verboten. Trotzdem blieb er als einer der wenigen prominenten und intellektuellen Gegner des Systems in Deutschland, sicherte sich sein finanzielles Überleben durch schreiben unter Pseudonym, entstanden sind in der Zeit einige Drehbücher zu unterhaltsamen Komödien. Das wurde ihm – vor allem in späterer Zeit – immer wieder zum Vorwurf gemacht. Zu seicht sei er gewesen, zu wenig auflehnend und kämpferisch. Ganz böse Zungen nannten ihn gar Profiteur, habe er doch mit seichtem und dem Regime genehmem Stoff ein Auskommen gehabt.

Dass ein kritischer Geist wie Kästner aber nicht einfach zuschaute, ohne sich Gedanken zu machen, liegt aber auf der Hand. Zwar konnte er diese nicht mehr schriftlich unter die Leute bringen, aber er hielt sie in einem blauen Buch fest.

„Der Entschluss ist gefasst. Ich werde ab heute wichtige Einzelheiten des Kriegsalltags aufzeichnen. Ich will es tun, damit ich sie nicht vergesse, und bevor sie, je nachdem wie dieser Krieg ausgehen wird, mit Absicht und auch absichtslos allgemein vergessen, verändert, gedeutet oder umgedeutet sein werden.“


Nach dem Krieg zog Kästner nach München, wo er erst das Feuilleton der Neuen Zeitung leitete, sich dann immer mehr dem literarischen Kabarett zuwandte. Die anfängliche Nachkriegseuphorie wich schnell einer Resignation, er sah unter anderem die Pressefreiheit durch zu viele staatlichen Massnahmen gefährdet. Zwar war Kästner auch nach dem Krieg noch erfolgreich, allerdings nahm seine Produktivität ab und gleichzeitig der Alkoholkonsum zu.
Auch in der Liebe war ihm das Glück nicht hold, blieb er doch ein Leben lang unverheiratet, wenige etwas längere Beziehungen waren eher kompliziert als glücklich.
1965 zog sich Kästner von allem zurück, er starb am 29. Juli 1974 in München an Speiseröhrenkrebs.

Bekannt wurde Erich Kästner vor allem durch seine Kindergeschichten „Das doppelte Lottchen“, „Das fliegende Klassenzimmer“, „Emil und die Detektive“ und einige mehr, die alle auch verfilmt wurden. Aber auch seine Gedichte waren sehr erfolgreich. In all seinen Schriften zeigt sich der Satiriker, der Mensch, der hinter die Fassaden schaut, der seine Zeitgenossen kritisiert und ihre (fehlende) Moral anprangert. Er tut dies nicht analytisch, aber mit klarem Blick, immer als vorgehaltenen Spiegel, verpackt in einen feinen (ab und an auch beissenden) Humor.

Marcel Reich-Ranicki hat den Menschen und Denker Kästner schön beschrieben:

»Erich Kästner war ein wehmütiger Satiriker und ein augenzwinkernder Skeptiker. Er war Deutschlands hoffnungsvollster Pessimist und der deutschen Literatur positivster Negationsrat. War er ein Schulmeister? Aber ja doch, nur eben Deutschlands amüsantester und geistreichster. Er war ein Prediger, der stolz die Narrenkappe trug.«


Einige ausgewählte Gedichte:

Apropos Einsamkeit
Man kann mitunter scheußlich einsam sein!
Da hilft es nichts, den Kragen hochzuschlagen
und vor Geschäften zu sich selbst zu sagen:
Der Hut da drin ist hübsch, nur etwas klein …

Da hilft es nichts, in ein Café zu gehn
und aufzupassen, wie die andren lachen.
da hilft es nichts, ihr Lachen nachzumachen.
Es hilft auch nicht, gleich wieder aufzustehn.

Da schaut man seinen eignen Schatten an.
Der springt und eilt, um sich nicht zu verspäten,
und Leute kommen, die ihn kühl zertreten.
Da hilft es nichts, wenn man nicht weinen kann.

Da hilft es nichts, mit sich nach Haus zu fliehn
und, falls man Brom zu Haus hat, Brom zu nehmen.
Da nützt es nichts, sich vor sich selbst zu schämen
und die Gardinen hastig vorzuziehn.

Da spürt man, wie es wäre: Klein zu sein.
So klein, wie nagelneue Kinder sind!
Dann schließt man beide Augen und wird blind.
Und liegt allein.

Ich bin die Zeit
Mein Reich ist klein und unabschreitbar weit.
Ich bin die Zeit.
Ich bin die Zeit, die schleicht und eilt,
die Wunden schlägt und Wunden heilt.
Hab weder Herz noch Augenlicht.
Ich kenn die Gut‘ und Bösen nicht.
Ich trenn die Gut‘ und Bösen nicht.
Ich hasse keinen, keiner tut mir leid.
Ich bin die Zeit.

Da ist nur eins, – das sei euch anvertraut:
Ihr seid zu laut!
Ich höre die Sekunden nicht,
Ich hör‘ den Schritt der Stunden nicht.
Ich hör‘ euch beten, fluchen schrei’n,
Ich höre Schüsse zwischendrein;
Ich hör‘ nur Euch, nur Euch allein …
Gebt acht, ihr Menschen, was ich sagen will:
Seid endlich still!

Ihr seid ein Stäubchen am Gewand der Zeit, –
Lasst euren Streit!
Klein wie ein Punkt ist der Planet,
Der sich samt euch im Weltall dreht.
Mikroben pflegen nicht zu schrei’n.
Und wollt ihr schon nicht weise sein,
Könnt ihr zumindest leise sein.
Schweigt vor dem Ticken der Unendlichkeit!
Hört auf die Zeit!

Kleines Solo
Einsam bist du sehr alleine.
Aus der Wanduhr tropft die Zeit.
Stehst am Fenster. Starrst auf Steine.
Träumst von Liebe. Glaubst an keine. Kennst das Leben.
Weißt Bescheid. Einsam bist du sehr alleine –                           
und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.

Wünsche gehen auf die Freite.
Glück ist ein verhexter Ort.
Kommt dir nahe. Weicht zur Seite.
Sucht vor Suchenden das Weite.
Ist nie hier. Ist immer dort.
Stehst am Fenster. Starrst auf Steine.
Sehnsucht krallt sich in dein Kleid.Einsam bist du sehr alleine –                          
und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.

Schenkst dich hin. Mit Haut und Haaren.
Magst nicht bleiben, wer du bist.
Liebe treibt die Welt zu Paaren.
Wirst getrieben. Musst erfahren,
dass es nicht die Liebe ist …
Bist sogar im Kuss alleine.
Aus der Wanduhr tropft die Zeit.
Gehst ans Fenster. Starrst auf Steine.
Brauchtest Liebe. Findest keine.
Träumst vom Glück. Und lebst im Leid.
Einsam bist du sehr alleine –                          
und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.

Er weiss nicht, ob er sie liebt
Soll man sein Herz bestürmen: »Herz, sprich lauter!«
da es auf einmal leise mit uns spricht?
Einst sprach es laut zu uns. Das klang vertrauter.
Nun flüstert’s nur. Und man versteht es nicht.

Was will das Herz? Man denkt: wenn es das wüßte,
dann wär es laut, damit man es versteht.
Dann riefe es, bis man ihm folgen müßte!
Was will das Herz, daß es so leise geht?

Das Allerschönste, was sich Kinder wünschen,
das wagt sich kaum aus ihrem Mund hervor.
Das Allerschönste, was sich Kinder wünschen,
das flüstern sie der Mutter bloß ins Ohr.

Ist so das Herz, daß es sich schämt zu rufen?
Will es das Schönste haben? Ruft es Nein?
Man soll den Mächten, die das Herz erschufen,
nicht dankbar sein.

Alte Weisheit neu entdeckt

Ach wie so trügerisch
zeigt grad das Wetter sich,
mit Sonnenschein und Himmelsblau,
endlich mal warm, so denkt die Frau.

Vermisst, kaum weg, nichts gar so sehr,
wie von Kleidung ganz viel mehr,
Es fehlen Strümpfe, Socken und – au Backe -,
eine dick gestrickte Woll-Strickjacke.

So steht sie da und zittert hart,
wie eine Frau, sehr fein und zart,
kaum Zittern kann,
so denkt ihr Mann.

Doch er ganz Held und Kavalier,
leiht Hemd und Mantel sogleich ihr,
dass er dann friert, nimmt er in Kauf,
was daraus folgt? Man käm nie drauf!

Erst nur ein Husten, dann ein Nuss,
(bedenk, dass es sich reimen muss),
er liegt da leidend, seucht dahin,
nach nichts mehr steht ihm – ACH – der Sinn.

Er ist gar schwach, wird schwächer noch,
zum jammern reicht die Kraft dann doch,
er nennt sich sterbend, ach so arm,
da wird es ihr ums Herz ganz warm,

dass dieser edle, edle Mann,
auch schwach sich zeigen kann.
und innerlich betet sie leise,
lieber Gott, ach sei bloss weise,

lass ihn bloss leben, lass ihn heil,
ich kann dir sagen, es ist weil,
wer gäb’ mir sonst den letzten Rock,
wenn ich erneut im Kälteschock?

So leben sie auch fortan heiter,
mal hier mal da gar leidend weiter,
im Wissen, dass es einer hört,
den dieses Leiden gar nicht stört.

Im Gegenteil, es ist ein Bund,
dadurch wird beider Sein erst rund,
mal hilft er ihr, dann sie auch ihm,
geteiltes Leid ist halb so schlimm.

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Für die abc.etüden, Woche 08/09/21: 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern. Die Wortspende für die Textwoche 08/09/21 kommt von Sabine mit ihrem Blog wortgefumselkram

Verwendete Worte für die Etüden Strickjacke, trügerisch, entdecken

Der Originalpost: Schreibeinladung für die Textwoche 08/09/21

5 Inspirationen – Woche 7

Was ist mir diese Woche begegnet, hat mich diese Woche inspiriert?

  • Ich habe einige Yogalehrerausbildungen und auch Unterrichtungen in buddhistischer Tradition hinter mir. Die östliche Philosophie war viele Jahre sehr zentral in meinem Leben und auch heute noch begleiten mich einige Dinge im Leben, die mir immer wieder gute Dienste leisten. Ich las einen Artikel im Netz über Eckhart Tolle und darüber, was er als tägliche spirituelle Praxis vorschlagen würde: Atembewusstsein. An anderer Stelle las ich kurz vor dem Artikel etwas ähnliches. Zufall? Passt es gerade in mein Leben und ich stosse drum drauf? Zwar praktiziere ich das Atembewusstsein jeden Morgen auf der Yogamatte und in schwierigen Situationen versuche ich, bewusst dazu zurückzukommen. Doch ab und an verliere ich mich doch in der Hektik der Tageserfordernisse und merke viel zu spät, dass der Atem oberflächlich ist, ich gehetzt bin. Öfter am Tag einfach mal schnell den Atem beobachten kann helfen, gelassener zu bleiben, wacher zu sein, kann auch Kraft geben für das, was noch ansteht. Ich kann es nur empfehlen und werde es auch wieder mehr in den Tag einbauen.
  • Ich hörte den Podcast von Tim Ferriss mit Joyce Carol Oates über das Schreiben, über ein kreatives Leben.
    “If you feel that you just can’t write or you’re too tired or this, that, and the other, just stop thinking about it, and go and work. Life doesn’t have to be so overthought. You don’t have to wait to be inspired. Just start working.”— Joyce Carol Oates
  • Ich lese gerade das Buch „Schreibtisch mit Aussicht“ (Ilka Piepgras, Hrsg.), welches von schreibenden Frauen handelt. Auf Frauen ist es vor allem beschränkt, da diese in der Literaturwelt noch immer einen viel zu kleinen Stellenwert haben, da diese noch heute sehr von Männern dominiert ist. Liegt es bei den Klassikern noch auf der Hand, dass diese mehrheitlich von Männern geschrieben wurden (mit wenigen dankenswerten Ausnahmen), da die Zeiten waren, wie sie waren, beschleicht einen heute doch ein Gefühl des Unverständnisses, dass dies zwar etwas gebessert hat, aber noch lange nicht so ist, wie man es sich wünschen würde. Das Buch regt an das eigene Leseverhalten zu hinterfragen. Schreiben Frauen anders als Männer?
  • Beim Durchforsten des Regals stiess ich wieder einmal auf das schöne Buch von Marcel Reich-Ranicki: Frauen dichten anders. Deutsche Dichterinnen vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Da ich einerseits Lyrik sehr mag, dies ein schöner Anstoss ist, Lyrik von Frauen kennenzulernen und vielleicht danach weiter zu lesen, möchte ich es an dieser Stelle auch noch nennen.
  • Am 13. Februar starb die Schweizer Schriftstellerin Helen Meier. Geboren am 17. April 1929 in Mels, Str. Gallen, arbeitete sie zuerst als Primarlehrerin, studierte später Sprachen und Pädagogik und arbeitete später in der Flüchtlingshilfe sowie als Sonderschullehrerin. Geschrieben hat sie ihr Leben lang, dass das Geschriebene auch veröffentlicht werden könnte, auf den Gedanken kam sie erst mit 55. 1984 erhielt sie an den Klagenfurter Literaturtagen einen Preis. Sie lebte und schrieb bis zu ihrem Tod in Trogen. Hier ein Interview mit dieser tiefgründigen und humorvollen Frau, deren Texte ich nur ans Herz legen kann: INTERVIEW MIT HELEN MEIER (SRF)

Ich hoffe, es war was für euch dabei, das euch angesprochen hat. Wenn ihr etwas habt, das euch diese Woche angesprochen, bewegt, inspiriert hat – ich würde mich freuen, wenn ihr davon berichten würdet. Ich wünsche euch ein schönes Wochenende und einen guten Start in die neue Woche!

Schöne weite Welt

Wenn ich mich in den sozialen Medien tummle, sehe ich überall Urlaubsbilder – sie fliegen mir direkt auf den Bildschirm, während ich gemütlich davor sitze. Sommer, Sonne, Strand, Meer. In alle Herrenländer sind die Menschen da draussen gereist – und ich war noch in fast keinem davon. Schon als ich noch ein Kind war, sind wir immer in die heimischen Berge in den Urlaub gefahren, nie ins Ausland. Klar, es war auch wirklich schön und mein Vater wurde nicht müde zu betonen, wie viel teurer Urlaub in der Schweiz sei als im Ausland und wie froh wir sein könnten, uns das leisten zu können. Und doch klangen die Urlaubsziele der anderen viel spannender, sie kamen mir wahnsinnig privilegiert vor im Vergleich mit mir.

Wenn ich sowas meinem Vater sagte, in der Hoffnung, er hätte ein Einsehen und wir führen wirklich auch mal weiter weg – flögen sogar – biss ich auf Granit. Bis in dem einen Jahr. Papa kam auf mich zu mit einem ganzen Stapel Kataloge auf dem Arm. Er sagte zu mir: „Such dir etwas aus, dann gehen wir dieses Jahr dahin in die Ferien.“

Stundenlang sass ich mit den ganzen Papierfluten da, blätterte mich durch Hotelanlagen, Strandbilder, Frühstücksbuffets und Himmelbetten, verglich Poolanlagen, Sonnenschirme, Hotelzimmer. Und ich wurde darüber ganz müde. Und sehr orientierungslos. Der Kopf drehte immer mehr, die Bilder verschwammen vor meinen Augen. Ich dachte an meine Freunde in den Bergen, mit denen ich jeden Sommer die wildesten Abenteuer erlebte, und da beschloss ich: „Wir sollten doch besser wieder in die Berge gehen. Ich konnte mir mich in so einer grossen Hotelanlage nicht vorstellen und hatte zudem keine Ahnung, was man da den ganzen Tag tun sollte.

Seit da hat sich nicht viel geändert. Zwar locken mich all die paradiesischen Bilder und ich denke mir beim Ansehen, wie toll es sein müsste, auch mal an so einen schönen Ort gehen zu können, Neues zu sehen, zu geniessen. Wenn es aber dann dazu kommt, dass ich wirklich hin könnte, müsste, dürfte, ändert alles schlagartig. Die Gedanken fangen an zu drehen: Was würde das bedeuten? Was, wenn es mir da dann doch nicht gefällt? Was, wenn ich wieder heim wollte und nicht könnte? Und was, wenn ich die vielen Menschen um mich nicht ertrüge? Was, wenn der ständige Zwang, etwas unternehmen zu müssen, da man ja schliesslich deswegen dort war, mich erschlüge? Ich, die ich doch meine Tage gerne in meiner Alltagsroutine mit Lesen und Schreiben verbringe, was natürlich auch an einem schönen neuen Ort möglich wäre mit der nötigen Ruhe und Zeit – nur: Gäbe es die dann dort?

Wenn diese Gedanken mal zur Ruhe kamen, war aber noch lange nicht fertig mit dem Gedankenkarussell, dann kam die Reise an die Reihe: Ich müsste Koffer packen. Was nähme ich da mit? Meine Erfahrung zeigte, dass ich immer das Falsche dabei hatte – vor allem bei dem, was wirklich zählt, bei den Büchern. Wie sollte ich zu Hause wissen, worauf ich im Urlaub Lust hätte? Und was, wenn eines der Bücher plötzlich ein Flop wäre? Oder zwei, oder drei, oder alle? Und: Wie viele Kleider bräuchte ich da und was für welche? Müsste noch mehr dringend mit, irgendwas hatte ich sicher gerade nicht im Kopf und würde es dann vermissen. Wäre der Koffer dann doch gepackt (mit mindestens 10 Büchern drin), müsste ich den zum Flughafen schleppen. Der Gedanke an die endlose Zugfahrt dahin liess meine Reisevorfreude schon nicht wirklich gross werden, doch was dann kam, war der Todesstoss: Endlose Warterei bis zur Kontrolle, welche das nächste Übel darstellte: Was, wenn die was fänden, was nicht in Ordnung wäre bei mir? Bei mir hatte es noch immer gepiept. Einmal untersuchten sie sogar meine Tasche auf Drogen. Ich kam mir vor wie ein Schwerverbrecher und fühlte die Blicke der Umstehenden förmlich. Was die wohl dachten? Natürlich haben sie nichts gefunden, aber nur schon die Verdächtigung war mir unendlich peinlich. Dass dies Routine sei, konnte mich auch nicht wirklich von meiner Scham befreien.

Auch das wäre irgendwann überstanden, nur wäre dann das nächste Warten dran, bis ich einsteigen könnte. Natürlich könnte ich lesen oder schreiben in der Wartezeit, nur kann ich das leider nicht, da ich einerseits zu nervös und aufgeregt wäre, ein wenig Genervtheit käme dazu, und dann die vielen Menschen… die ich anschauen müsste, die mich in meiner Ruhe und Konzentration störten durch ihr blosses Vorhandensein. Es bliebe also ein Warten – und nur das. Endlos, aufreibend, anstrengend. Wäre das um, ginge es darum, das richtige Gate zu finden, da wieder anzustehen, innerlich betend, dass das Ticket auch wirklich in Ordnung wäre und das Foto im Pass mir genug gliche, dass sie mich auch wirklich in den Flieger liessen. Da hiesse es erneut: Warten. Wenn nicht noch ein Triebwerkschaden, ein Chaos auf den Pisten oder ein Übelkeitsanfall des Piloten dazwischen kam, wäre die Zeit überschaubar, ansonsten gefühlt endlos. Dann endlich der Start. Immerhin war ich nun unterwegs und das doch eine ganze Weile. Leider konnte ich nicht schlafen im Flugzeug, schreiben und lesen auch nicht – genau: Die Menschen und die Nervosität wegen all des Neuen, das da vor mir lag.

Schon im Flugzeug würden die Gedanken drehen: Ob mein Koffer wirklich mit dabei ist und am selben Ort wie ich ausstieg. Was, wenn er unterwegs verloren gegangen oder gar in ein falsches Flugzeug verfrachtet worden wäre? Was würde ich ohne Kleider und Bücher und andere persönliche Dinge machen in dieser langen Zeit in der Fremde? Sollte das klappen, wären da noch die Sicherheitsleute überall auf dem Flughafen. Was, wenn ich verdächtig aussähe? Was, wenn sie mich rauspickten, für nicht vertrauenswürdig hielten und wieder in den Flieger nach Hause setzten? Dann wäre alles bislang umsonst gewesen. Aber ja, ich könnte mir dann die Sorgen sparen, ob ich das Hotel finden würde und meine Reservation auch wirklich geklappt hätte. Was, wenn es kein Zimmer mehr für mich gäbe?

All die Gedanken mache ich mir ja aber nicht erst auf der Reise, sondern schon zu Hause, und spätestens an dem Punkt komme ich immer zum Schluss, dass ich vielleicht doch besser zu Hause bliebe und weiter Fotos am Computer anschaue.

Doris Dörrie: Diebe und Vampire

Ich hatte tatsächlich die nebulöse Vorstellung, ich müsse nur genug vor mich hin träumen, dann würden irgendwann die Gedankenfetzen, Bilder, Töne und Geschichten schon ihren Weg aufs Papier finden.

Alice weiss genau, was sie will: Schreiben, Schriftstellerin sein. Dieser Wunsch wird noch mehr bestärkt, als sie in einem Urlaub in Mexiko auf eine bekannte Schriftstellerin trifft, die genau das tut, was sie eben nicht tut: Schreiben. Jeden Tag zieht sich die Meisterin, so nennt Alice sie insgeheim, zurück und schreibt, während Alice keinen Buchstaben zu Papier bringt. Um Eindruck zu machen und Aufmerksamkeit zu erregen, setzt sie sich fortan mit einem Heft hin und schreibt vor sich hin.

Das Vorhaben gelingt, die Meisterin bemerkt sie. Als sie abreist, lässt sie Alice zurück mit der Aufforderung, weiter zu schreiben, nicht aufzugeben und sie bald zu besuchen in San Francisco. Das einzige, was Alice schreibt, ist der Meisterin einen Brief, ab und an telefoniert sie ihrem grossen Vorbild und fliegt eines Tages unangekündigt nach San Francisco, um vor Ort von der Meisterin zu lernen.

Diebe und Vampire ist ein Roman über das Schreiben, ein Roman über das Leben einer jungen Frau, die vom Traum, Schriftstellerin besessen ist, aber mehr Gründe dafür findet, nicht zu schreiben, als zu schreiben.

„Ich habe Angst zu scheitern, platzte ich heraus. Ich habe Angst, dass ich nie gut sein werde, nie eine richtig, richtig gute Schriftstellerin sein werde. Ich habe Angst, dass man mich fertigmachen und über mich lachen wird, dass ich einen Traum habe, der so lächerlich ist, als wolle eine Taube eine Nachtigall sein.“

Es ist ein Buch, das von den Ängsten und Nöten des Schreibens handelt, ein Buch, das auch autobiographische Züge trägt zumindest, was den Schreibprozess, den Akt des Schreibens betrifft. Es ist aber auch ein Buch über das Scheitern, das Älterwerden – schonungslos, offen, teilweise etwas abstrus, teilweise verwirrend, weil nicht klar ist, was real und was Phantasie der Protagonistin ist, dabei aber unterhaltsam und flüssig zu lesen.

Fazit:
Die Geschichte einer jungen Frau, von ihrem Traum vom Schreiben und den Schwierigkeit, es wirklich zu tun. Ein Buch, das trotz einiger Schwächen Spass macht beim Lesen. Empfehlenswert.

Über die Autorin
Doris Dörrie, geboren in Hannover, studierte Theater und Schauspiel in Kalifornien und in New York, entschloss sich dann aber, lieber Regie zu führen. Parallel zu ihrer Filmarbeit (zuletzt der Spielfilm ›Kirschblüten und Dämonen‹) veröffentlicht sie Kurzgeschichten, Romane, ein Buch über das Schreiben und Kinderbücher. Sie leitet den Lehrstuhl ›Creative Writing‹ an der Filmhochschule München und gibt immer wieder Schreibworkshops. Sie lebt in München.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 224 Seiten
Verlag: Diogenes; 2. Edition (23. November 2016)
ISBN-Nr.: 978-3257243659
Preis: EUR 12 / CHF 17.90

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Milena Moser – Nachgefragt

Ein kurzer Blick auf Milena Mosers Leben

Milena Moser in ihrem Garten in San Francisco (©David Butow)

Milena Moser wurde 1963 in Zürich geboren und absolvierte nach dem Besuch der Diplommittelschule eine Buchhändlerlehre, lebte danach in Paris, wo drei unveröffentlichte Romane entstanden. Zurück in der Schweiz schrieb sie für Schweizer Rundfunkanstalten und verfasste Bücher, welche keinen Verlag fanden, so dass sie kurzerhand zusammen mit Freunden den Krösus Verlag gründete, in welchem ihr erstes Buch Gebrochene Herzen sowie Die Putzfraueninsel erschienen, zweiteres wurde zum Bestseller und später verfilmt. 1998 führte Milena Mosers Weg nach San Francisco, wo sie mit ihrer Familie acht Jahre lebte, danach wieder in die Schweiz zurückkehrte. Milena Moser wohnt in Aarau als freie Autorin und führt in ihrem Schreibatelier Menschen in die Welt des Schreibens ein. Des Weiteren begleitet sich Schulklassen beim Verfassen eines gemeinsamen Romans. 2011 folgte, zusammen mit der Musikerin und Freundin Sibylle Aeberli, der Sprung auf die Bühne, Die Unvollendeten war ein voller Erfolg, ein zweites Bühnenprojekt ist in Planung. Von Milena Moser sind unter anderem erschienen Die Putzfraueninsel (1991), Das Schlampenbuch (1992), Artischockenherz (1999), Sofa,Yoga, Mord (2003), Möchtegern (2010), Montagsmenschen (2012), Das wahre Leben (2013), Das Glück sieht immer anders aus (2017), Das schöne Leben der Toten (2019). Später zog Milena Moser zu ihrem Partner und heutigen Mann Victor nach Santa Fe, mit dem sie heute in San Francisco lebt.

Ich habe mich vor acht Jahren schon einmal über ihr Schreiben und Leben ausgetauscht (HIER das Interview), ich freue mich sehr, dass sich ein zweites Mal die Gelegenheit für einige Fragen bot.

Einblicke

Unser letztes Interview liegt 8 Jahre zurück, seit da ist viel in deinem Leben passiert. Wie würdest du das zusammenfassen?

Ich hab noch mal ganz von vorn angefangen ….

Du schreibst schon viele Jahre, dies sehr erfolgreich. Hat sich deine Beziehung zu deinem Schreiben in den Jahren verändert?

Nicht wirklich. Schreiben ist die einzige Konstante in meinem Leben.

Gab es Zeiten in deinem Leben, wo der Schreibfluss versiegte? Und wenn ja, wie gingst du damit um?

Nein. Ich schreibe täglich, sonst fühle ich mich nicht wohl, irgendwie nicht richtig. Aber je älter ich werde, desto mehr Zeit nehme ich mir für Texte, die ich veröffentlichen will.

Ich traf dich vor vielen Jahren bei einem Schreibworkshop in Aarau, nun bietest du Onlinekurse im Schreiben an. Was reizt dich an dieser neuen Form?

Sie hat sich aufgezwungen, nachdem ich all meine Kurse absagen musste. Ohne die Pandemie hätte ich mich nie auf dieses Format eingelassen. Doch es hat sich mehr als bewährt, es hat unzählige Vorteile, die mir nicht bewusst waren. Viele Schreibende sind Einzelgänger, Individualisten, die eine Gruppenerfahrungen eher scheuen, die in ihrem eigenen Rhythmus arbeiten möchten. Der individuelle Austausch zwischen mir und dem Einzelnen ist auch viel intensiver, als das in einem Gruppensetting möglich wäre.

Wenn du auf deinen eigenen Schreibprozess schaust, wie gehst du vor? Entsteht zuerst ein durchdachtes Gerüst oder aber schreibst du drauf los und schaust, wo dich das Schreiben hinführt?

Ich lasse mich treiben, oder eher: von einer Figur an die Hand nehmen und entführen. Diese Anfangsphase in der ich selbst nicht weiss, ob und was “dabei herauskommen wird”, ist eine atemlose, berauschende – ein bisschen, wie wenn man sich verliebt.

Wie schreibst du? Noch mit Papier und Stift oder alles am Computer? Und: Hat das Schreibmittel deiner Meinung nach einen Einfluss auf den Schreibprozess?

Beides, ich versuche vor allem, unabhängig zu bleiben. Ich schreibe gern mit Bleisitift, weil es so etwas Vergängliches hat, das eine grosse Freiheit beinhaltet. Aber im professionellen Umfeld muss früher oder später alles im Computer enden.

Woher holst du deine Ideen für ein Buch?

Siehe oben: Eine Figur taucht auf und nimmt mich mit.

Ich hörte mal, der grösste Feind des Schriftstellers sei nicht mangelndes Talent, sondern die Störung durch andere Menschen. Brauchst du zum Arbeiten Stille und Einsamkeit, oder stören Sie andere Menschen nicht?

Talent ist keine objektiv messbare Grösse. Der grösste Feind des Schreibenden ist der Selbstzweifel. Die Frage, was andere denken könnten. Das scheint mir generell das grösste Hindernis auf dem Weg zum Glück, nicht nur beim Schreiben.

Du lebst aktuell in San Francisco. Wie beeinflusst der Ort, an dem du lebst, dein Schreiben?

Unterschiedlich. In Santa Fe war es vor allem die Landschaft, die mich inspirierte. In San Francisco sind es eher die gesellschaftlichen Umstände oder Bedingungen.

Dein Mann Victor ist auch Künstler – wie empfindest du das Zusammenleben von zwei kreativen Menschen? Ist es Segen, weil man die Antriebe des anderen versteht, oder auch ab und an schwierig, weil doch zwei Menschen mit eigenen Ideen und Projekten aufeinander treffen?

Gerade jetzt, in dieser Ausnahmesituation ist es ein Segen für uns beide, dass wir diesen Bereich haben, in dem wir uns, trotz allen Einschränkungen, auch austoben können. Wir werden vielleicht für unsere Arbeit nicht bezahlt, aber wir können arbeiten. Wir können uns ausdrücken. Ausleben. Das nimmt enorm viel Druck von der Beziehung. Victor unterstützt mich ausserdem bedingungslos.

Dein neustes Buch handelt vom Tod. Wurde dieser erst durch die Krankheit von Victor ein Thema für dich oder war er auch schon früher präsent und ein mögliches Thema für ein Buch?

Auf diese Art nicht. Die Beziehung mit Victor wird ja nicht nur durch seinen Gesundheitszustand, sondern vor allem auch durch seine Kultur beeinflusst. Durch ihn habe ich einen ganz anderen Umgang mit dem Tod kennengelernt. “Das schöne Leben der Toten” ist nicht “mein” letztes Buch, sondern ganz klar ein Gemeinschaftswerk.

Ich las mal, wenn es den Tod nicht gäbe, wäre das Leben sinnlos, weil wir ohne Beschränkung nichts tun müssten und würden. Lehrt uns der Tod zu leben?

Der Tod gehört einfach dazu, man kann ihn nicht vom Leben trennen. Der Tod ist die einzige Gewissheit, die wir haben: Wir werden alle einmal sterben. Es ist also recht absurd, diese Tatsache verdrängen oder überspielen zu wollen. Der Tod ist Teil des Lebens.

Du schreibst, wenn wir den Tod nicht fürchten, wird das Leben leichter. Kann man die Furcht vor dem Tod ganz ablegen? Wünschenswert wird er ja selten, was macht ihn in deinen Augen leichter?

Ich habe, seit ich denken kann eine gewisse Todessehnsucht im Sinn von einer grossen Neugier, einer Ahnung, dass da durchaus noch was kommt… aber was? Angst macht mir nur der Tod der anderen, der Verlust geliebter Menschen. Die mexikanische Vorstellung, dass die Toten das schönste Leben haben, mildert diese Angst ein wenig. Die Trauer jedoch bleibt. Und wie gesagt, wünschenswert oder nicht, der Tod ist eine Tatsache. Man lebt auf jeden Fall besser, wenn man sich damit anfreundet!

Wenn du auf deine Bücher zurück schaust, gibt es ein Lieblingsbuch, eines, das dir am nächsten ging, am wichtigsten war und noch ist?

Nein. Mich beschäftigt immer das, was ich gerade schreibe, egal ob es veröffentlich wird oder nicht. Das Geschriebene ist geschrieben.

Die meisten Schriftsteller lesen auch viel – gibt es Bücher, die dich geprägt haben, die dir wichtig sind, Bücher, die du empfehlen würdest?

Lesen und Schreiben gehören untrennbar zusammen. Als junge Frau hat mich vor allem die französische Literatur inspiriert, die Surrealisten, die Oulipisten, die Pataphysiker. Nicht in dem Sinne, dass ich ihnen nacheifern wollte, aber sie zeigten mir, was möglich ist: Alles.

Was wäre dein Rat an einen angehenden Schriftsteller?

Wer schreiben will, muss – schreiben.

Colum McCann: Briefe an junge Autoren

„Niemand kann Ihnen raten und helfen, niemand“, sagte Rilke vor über einem Jahrhundert in Briefe an einen jungen Dichter. „Es gibt nur ein einziges Mittel. Gehen Sie in sich.“

Mit diesem Zitat eröffnet Colum McCann sein Buch und er stimmt Rilke zu. Nun mag man sich als Leser fragen, wieso er dann dieses Buch geschrieben hat. Er gesteht sogar kurz nach dieser Einführung ein, dass er mit der vorliegenden Zusammenstellung von Ratschlägen elend gescheitert sei, was aber nicht so tragisch ist, da er es „liebe, zu scheitern“.

Damit drückt er vielleicht etwas vom Wichtigsten aus, was ein (angehender) Autor wissen muss: Schreiben ist schwierig und nur dann, wenn man trotzdem immer wieder hinsitzt und schreibt, wird man ein Autor sein. Das Autorendasein ergibt sich nicht durch das Reden übers Schreiben, nur das Schreiben macht den Menschen zum Autoren. Und: In diesem kann er immer wieder scheitern.

„Verzweifeln Sie nicht. Schreiben Sie weiter. Bleiben Sie mit dem Hintern auf dem Stuhl sitzen. Bringen Sie Wörter auf die Seite. Tun Sie, was Sie lieben. Kämpfen Sie. Seien Sie beharrlich.“

In kurzen Absätzen schreibt McCann über die erste Zeile, den Schrecken der weissen Seite, die Erschaffung von Figuren und Dialogen – und vieles mehr. Und immer wieder die Aufforderung, zu schreiben. Viel zu schreiben. Und zu lesen, viel und Verschiedenes zu lesen, um dann wieder zu schreiben. Und beim Schreiben solle man mutig sein, nicht zu sehr an den Dingen hängen, wenn man merkt, dass sie nicht funktionieren. Es könne sein, dass man nach einem Jahr Arbeit und mehreren hundert Seiten merkt, man muss alles löschen und neu anfangen. Der Autor hat eine ganz grosse Aufgabe:

„Die Fähigkeit aufzubringen, an das Schwierige zu glauben. Zäh um die Erkenntnis zu ringen, dass Erfolg Zeit und Geduld braucht.“

Briefe an junge Autoren ist kein Schreibratgeber im üblichen Sinne. Column McCann sieht sich eher als Begleiter, als einer, der schreibt, dabei das ein oder andere über die Jahre gelernt hat und nun ein bisschen davon weitergeben will. Entstanden sind leicht lesbare, mit viel Humor und Selbstironie gewürzte kurze Texte rund ums Schreiben, Texte, die anregen, die Mut machen wollen, die dem verzweifelt vor dem leeren Blatt sitzenden jungen Autor sagen wollen: Wir waren alle an dem Punkt, wir kommen wieder an den Punkt, es gibt nur eines: Weiter schreiben.

Fazit:
Ein wunderbares Buch eines grossartigen Geschichtenerzählers über das Schreiben, – humorvoll, unterhaltsam, inspirierend. Sehr empfehlenswert.

Über den Autor
Colum McCann wurde 1965 in Dublin geboren. Er arbeitete als Journalist, Farmarbeiter und Lehrer und unternahm lange Reisen durch Asien, Europa und Amerika. Für seine Romane und Erzählungen erhielt McCann zahlreiche Literaturpreise, unter anderem den Hennessy Award und den Rooney Prize for Irish Literature. Zum internationalen Bestsellerautor wurde er mit den Romanen «Der Tänzer» und «Zoli». Für den Roman «Die große Welt» erhielt er 2009 den National Book Award. Er ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt in New York.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 192 Seiten
Verlag: Rowohlt Taschenbuch; 1. Edition (19. Mai 2017)
ISBN-Nr.: 978-3499291401
Preis: EUR 12 / CHF 17.90

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Gegensätze ziehen sich an – oder: Zum Valentinstag

Ich hab’ so diesen einen Mann,
nicht weil ich mehr nicht haben kann,
weil einer reicht, es ist genug,
behaupte ich, mit Recht und Fug.

Ich habe also diesen Mann,
der sich nur Reime merken kann,
nicht Zahlen, Namen, Worte so,
es braucht was mehr, so irgendwo.

Da steht er dann, zitiert den Faust,
die Brust weit raus, ganz aufgebauscht,
den Jahrestag, ich wusst es zwar,
der war ihm nicht mehr ganz so klar.

So gehen wir durch diese Zeit,
und tun das gerne auch zu zweit,
im Wissen, wer der andre ist,
den man mit Vorsicht nur bemisst

nach eignem Mass, mit eignem Sinn,
er ist nicht so, wie ich halt bin,
das macht ihn aus, das ist schlicht er,
klagt‘ ich es an, wer wär ich, wer?

Ich merk mir Zahlen, merk mir Zeit,
des Esels Brück’ geht mir zu weit,
bin schlicht ganz klar, bin grad heraus,
liebe aber auch den Faust,

so sind wir beide, wie wir sind,
nicht immer nur das liebe Kind
des andren Wunsch, des andren Sein,
und sagen doch: „Auf immer dein!“

©Sandra von Siebenthal

Maxim Leo: Wo wir zu Hause sind

„Als Kind habe ich Menschen mit grossen Familien beneidet, alles schien mir so warm und selbstverständlich zu sein, wie ein Nest, aus dem man nicht herausfallen kann. Meine eigene Familie kam mir dagegen zerbrechlich vor.“

Maxim Leos Berliner Familie ist sehr überschaubar, der Rest der Menschen seiner Verwandschaft ist über den ganzen Erdenball verteilt, an spannenden Orten, wie Maxim als Junge denkt, während er im langweiligen Deutschland sitzt. Die Verteilung hatte ernste und tragische Gründe, die Machtübernahme der Nationalsozialisten liess der Familie keine andere Wahl, wollte sie überleben. Für einen kleinen Jungen war das nicht immer verständlich und teilweise schmerzhaft.

„Heute kann ich selbst durch die Welt reisen und meine Familie besuchen, aber je näher ich meinen Leuten in der Ferne komme, desto mehr fehlen sie mir hier, zu Hause. Ich fühle mich wie ein Scheidungskind, das immer hofft, eines Tages könnten wieder alle zusammen sein.“

Anlässlich der Hochzeit von Maxims Bruder kommt die Familie in Berlin zusammen und es wird offenkundig: Die Geschichte hat alle betroffen und auch erschüttert, die Trennung hat auf alle eine prägende Wirkung gehabt und die Sehnsucht sitzt bei allen tief – bei jedem auf seine Weise.

„An diesem warmen Septemberabend wurde mir klar, wie tief die Sehnsucht der anderen nach ihrer verlorenen Heimat ist. Wie sehr sie die Nähe und Zugehörigkeit brauchen, Erinnerungen suchen.“¨

Maxim Leo reist durch die Welt auf den Spuren seiner Familie. Er sucht die Lebensgeschichten der einzelnen Mitglieder zusammen, erzählt von ihren ursprünglichen Träumen, Wünschen und vom Weg, den sie schliesslich gingen. Er gräbt in der Geschichte und legt einerseits das Schicksal einer Generation von Menschen offen, andererseits die ganz persönlichen Lebensgeschichten der einzelnen Familienmitglieder. Sein Hauptaugenmerk liegt in diesem Buch auf drei Frauen, seiner Grosstante Ilse und deren Cousinen Hilde und Irmgard.

Es gelingt Maxim Leo, trotz der Tragik der Thematik einen gut lesbaren, sachlichen und doch menschlichen Ton anzuschlagen. Im Stil einer Reportage beschreibt er die Flucht vor dem Regime, die neuen Lebensentwürfe in der Fremde, die Höhen und Tiefen der verschiedenen Leben. Zwar wird man als Leser Zeuge von vielen Schicksalen und verhinderter Lebenswünsche, daneben aber auch von Lebenswillen, Kraft und Kampfgeist.

Ein gelungenes Buch, ein Buch über Menschen, denen das Leben viel genommen hat, ein Buch über Menschen, die Opfer eines Unrechtsregimes wurden, ein Buch, das von den Sehnsüchten und Wünschen von Menschen handelt, welche ein Leben weit weg vom ursprünglichen Lebensentwurf suchen mussten, und ein Buch über Menschen, die dieses Leben fanden und lebten.

Fazit:
Ein Buch über eine Familie, die durch das Regime des Nationalsozialismus auf der ganzen Welt verstreut ist, ein Buch über die Sehnsucht von Menschen, die sich nach Nähe und Miteinander sehnen, ein Buch über den Wert eines Zuhauses. Und vieles mehr. Sehr empfehlenswert.

Über den Autor
Maxim Leo, 1970 in Ost-Berlin geboren, ist gelernter Chemielaborant, studierte Politikwissenschaften, wurde Journalist. Heute schreibt er Kolumnen für die Berliner Zeitung, gemeinsam mit Jochen Gutsch Bestseller über sprechende Männer und Alterspubertierende, außerdem Drehbücher für den »Tatort«. 2006 erhielt er den Theodor-Wolff-Preis. Für sein autobiografisches Buch »Haltet euer Herz bereit« wurde er 2011 mit dem Europäischen Buchpreis ausgezeichnet. 2014 erschien sein Krimi »Waidmannstod. Der erste Fall für Kommissar Voss«, 2015 »Auentod«. Maxim Leo lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Berlin.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 368 Seiten
Verlag: Kiepenheuer&Witsch; 2. Edition (14. Februar 2019)
ISBN-Nr.: 978-3462000405
Preis: EUR 12 / CHF 18.90

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5 Inspirationen – Woche 6

Was ist mir diese Woche begegnet, hat mich diese Woche inspiriert?

  • Erich Fromm: Die Kunst des Liebens – es ist nicht das erste Mal, dass ich das Buch lese, und doch packt es mich immer wieder in seiner Klarheit, in seiner Einsicht. Der Mensch, ein Wesen, das Zugehörigkeit und Verbindung braucht wie die Luft zum Atmen, so Fromm, leidet unter seiner Abgrenzung gegen andere Menschen und gegen die Natur. Es gibt verschiedene Wege, diese Abgrenzung aufzulösen: Orgiastische Zustände, Konformität und eben Liebe. Das Bewusstsein, dass wir alle verbunden sind und nur in dieser Verbindung leben können, hilft, sie zurück ins Leben zu bringen. Ein schönes Zitat dazu:„Es gibt im anderen Menschen nichts, was es nicht auch in mir gibt. Dies ist die einzige Grundlage für das Verstehen der Menschen untereinander.“ (Erich Fromm)Das fällt nicht einfach zu, das ist eine Kunst, die wie jede andere neu gelernt und gepflegt werden will.
  • Ich brauche mehr Gelassenheit. Das wurde mir wieder einmal bewusst. Dabei kam mir ein Zitat in den Sinn, das genau das ausdrückt:
    “ Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“ (Reinhold Niebuhr)

    Wie oft hadere ich mit Dingen, die noch gar nicht real sind, reagiere aus Ängsten heraus, die auf wenig realen Füssen stehen, oder rege mich über Dinge auf, die schlicht nicht in meiner Hand liegen. Und wenn sie das tun, sollte ich mich nicht aufregen, sondern etwas ändern. Ich arbeite dran….
  • Eine wahre Freude war die Rede von Neil Gaiman, die er 2012 vor einer Abschlussklasse hielt: Make good Art! Er plädiert dafür, sich eigene Ziele zu setzen und darauf zuzugehen – aus ganzem Herzen und mit Freude. Er windet Fehlern einen Kranz, denn sie zu machen bringt einen weiter. Sei du selber, sprich mit deiner Stimme, denn alle anderen Stimmen gibt es, die deine ist das Einzigartige in der Welt – so Neil Gaiman! Eine grossartige Rede voller Witz, Einsichten, Bescheidenheit, Inspiration.
  • Ich mochte sie immer sehr, doch in der Flut des Lesestoffes und da es doch viele tolle Dichter und Schriftsteller gibt, ging sie ein wenig unter. Diese Woche hätte Else Lasker-Schüler ihren 152. Geburtstag gefeiert und ich las ein paar Gedichte von ihr – und sie berührten mich tief, liessen mich innehalten, eintauchen, durchatmen, mich freuen. Schön, solche unverhofften Momente ganz für sich zu finden und zu geniessen.
  • Kochen – Ich liebe es, auf Rezeptseiten zu stöbern und neue Gerichte zu finden. Zwar koche ich höchst selten streng nach Vorschrift, finde immer etwas, das ich für mich austausche oder „optimiere“, und doch bin ich auch diese Woche wieder auf Gerichte gestossen, die ich so von selber nie gekocht hätte, die aber von Anfang bis Ende ein Erlebnis waren: Die Suche nach dem Rezept, die Jagd nach den teilweise komplizierten Zutaten, die Planung der Zubereitung, die effektive Zubereitung und die Freude, wenn es gelingt. Im Kochen liegt für mich schlicht viel Kreativität, Vorfreude und beim Gelingen erst noch Genuss.

Ich hoffe, es war was für euch dabei, das euch angesprochen hat. Wenn ihr etwas habt, das euch diese Woche angesprochen, bewegt, inspiriert hat – ich würde mich freuen, wenn ihr davon berichten würdet. Ich wünsche euch ein schönes Wochenende und einen guten Start in die neue Woche!

Else Lasker-Schüler (11.2.1869 – 16.1.1945)

Else Lasker-Schüler wurde am 11. Februar 1869 in Elbertfeld geboren. Schon früh konnte sie lesen und schreiben, es scheint ihr wurde das Talent in die Wiege gelegt. 1899 veröffentlichte sie erste Gedicht mit Styx folgte 1901 ihr erster Gedichtband. 

Wie viele andere Juden war auch Else Lasker-Schüler eine Vertriebene des Nationalsozialismus. Um ihr Leben fürchtend, ging ihr Weg zuerst nach Zürich, später nach dem von ihr sehr geliebten Jerusalem. Geblieben ist sie dort allerdings nicht aus freien Stücken, ihr wurde die Rückreise verwehrt. Aus dem einst geliebten Land wurde ein schwieriger Ort: Deutsch war eine verpönte Sprache, so dass sie neben der Heimat Deutschland und all ihren Freunden da auch noch die Heimat der Sprache verlor. 

Else Lasker-Schüler starb am 16. Januar 1945 und wurde auf dem Ölberg in Jerusalem begraben. Sie hinterlässt ein umfangreiches lyrisches Werk, Erzählungen und Dramen.  Da sie in ihrer Freizeit gerne zeichnete, hat sie ihre Gedichtbände zum Teil sogar selber illustriert. Ihre künstlerische Ader zeigt sich auch in ihrem Breifwechsel mit Franz Marc, bestanden doch die Briefe mehrheitlich aus einer Kombination von Bild und Text – Zeichnungen, die in Marcs Schaffen einflossen.

Zwei meiner Lieblingsgedichte von Else Lasker-Schüler:

Ein alter Tibetteppich
Deine Seele, die die meine liebet
Ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet

Strahl in Strahl, verliebte Farben,
Sterne, die sich himmellang umwarben.

Unsere Füsse ruhen auf der Kostbarkeit
Maschentausendabertausendweit.

Süsser Lamasohn auf Moschuspflanzentron
Wie lange küsst dein Mund den meinen wohl
Und Wang die Wange buntgeknüpfte Zeiten schon.

Mein blaues Klavier
Ich habe zu Hause ein blaues Klavier
Und kenne doch keine Note.

Es steht im Dunkel der Kellertür,
Seitdem die Welt verrohte.

Es spielten Sternenhände vier –
Die Mondfrau sang im Boote.
– Nun tanzen die Ratten im Geklirr.

Zerbrochen ist die Klaviatur.
Ich beweine die blaue Tote.

Ach liebe Engel öffnet mir
– Ich aß vom bitteren Brote –
Mir lebend schon die Himmelstür,
Auch wider dem Verbote.

Bertold Brecht (10. 2. 1898 – 14. 8. 1956)

Bertold Brecht wurde am 10. Februar 1898 in Augsburg geboren. 

Sein Schaffen fing früh an, schon mit 15 gab es erste Veröffentlichungen in der mit einem Freund herausgegebenen Schülerzeitung. Danach flossen die Buchstaben weiter, es entstanden Gedichte Prosatexte und Dramen. Während des ersten Weltkrieges waren diese eher patriotisch geprägt, doch schon bald ebbte die Verklärung des Krieges ab.

Während Brecht eigentlich Medizin und Philosophie studierte auf dem Papier, sah man ihn öfter in Literaturvorlesungen denn in medizinischen. Sein Hauptinteresse galt allerdings dem eigenen Schaffen, aus seiner Feder flossen in der Zeit seine wohl bekanntesten Gedichte sowie mehrere Dramen, die es auch zur Aufführung schafften. 

Sein politisches und gesellschaftliches Interesse zeigte sich immer auch in seinem Schreiben, Literatur war in Brechts Augen Gebrauchsliteratur, sie musste einen Wert haben, welchen er unter anderem darin sah, durch sie gesellschaftliche Strukturen sichtbar zu machen. 

Brechts Werk fiel den Bücherverbrennungen durch die Nationalsozialisten zum Opfer, Brecht selber floh nach Paris, dann führte sein Weg über Dämemark, Schweden, Finland schliesslich in die USA, wo er aber nicht glücklich wurde, hegte er doch eine Abneigung gegen das Land und fand auch kaum Möglichkeiten, zu arbeiten. 1947 reiste Brecht nach Paris und dann nach Zürich, von wo er schliesslich wieder nach Berlin ging. Er sollte ein Reisender bleiben.

Brecht starb am 14. August 1956 in Berlin.

Zwei Liebesgedichte von Brecht:

Schwächen
Du hattest keine
Ich hatte eine:
Ich liebte.

Die Liebenden
Seht jene Kraniche in großem Bogen!
Die Wolken, welche ihnen beigegeben
Zogen mit ihnen schon als sie entflogen
Aus einem Leben in ein anderes Leben.
In gleicher Höhe und mit gleicher Eile
Scheinen sie alle beide nur daneben.
Daß so der Kranich mit der Wolke teile
Den schönen Himmel, den sie kurz befliegen
Daß also keines länger hier verweile
Und keines anderes sehe als das Wiegen
Des andern in dem Wind, den beide spüren
Die jetzt im Fluge beieinander liegen:
So mag der Wind sie in das Nichts entführen.
Wenn sie nur nicht vergehen und sich bleiben
So lange kann sie beide nichts berühren
So lange kann man sie von jedem Ort vertreiben
Wo Regen drohen oder Schüsse schallen.
So unter Sonn und Monds verschiedenen Scheiben
Fliegen sie hin, einander ganz verfallen.
Wohin ihr? – Nirgend hin. Von wem davon? – Von allen.
Ihr fragt, wie lange sind sie schon beisammen?
Seit kurzem. – Und wann werden sie sich trennen? – Bald.
So scheint die Liebe Liebenden ein Halt.

Marco Missiroli: Treue

„Deine Frau ist mir gefolgt.“
„Meine Frau.“
„Bis hierher.“ Sofia sah ihn an: „Professore?“
Er warf eien Blick auf die Tür des Seminarraums.
„Sie ist im Hof, glaube ich.“
Carlo Pentecoste trat ans Fenster und erkannte Margheritas amarantroten Mantel, den sie seit dem zweiten warmen Frühlingstag trug.“

Carlo und Margherita sind ein schönes und ein glückliches Paar, er Dozent für Literatur, sie Inhaberin einer Immobilienagentur. Als Carlo eines Tages auf der Universitätstoilette mit einer jungen Studentin erwischt wird, behauptet er, dieser nur nach einem Schwächeanfall geholfen zu haben. Der Vorfall bleibt als Stachel in der Beziehung. War wirklich alles nur ein Missverständnis? Oder ist entgegen der Behauptungen mehr passiert?

Carlo und Margherita gehen unterschiedlich mit dieser Geschichte um, doch auf ihre Weise wird sie für beide eine Obsession. Und sie löst Fragen aus: Nimmt eine Affäre dem Ehepartner etwas weg? Ist eine unterdrückte Leidenschaft nicht schädlicher als das Ausleben derselben? Muss man etwas wirklich leben, um es loswerden zu können, oder kann man es auch sonst aus dem Leben verbannen? Wo fängt ein Seitensprung an, was ist wirklich Betrug?

„Was konnte ein neuer Körper ihrer Ehe überhaupt anhaben?“

Marco Missiroli stellt die grossen Fragen der Liebe. Wie viel Freiheit ist erlaubt, wie viel Geheimnis erträgt sie, wo hört sie auf? Woher kommt die Sehnsucht nach Neuem, wenn man doch glücklich ist? Er erzählt die Geschichte von zwei Menschen, die trotz ihrer gegenseitigen Liebe mit dem Wunsch nach Neuem kämpfen, die sich und die Beziehung hinterfragen und sich den Herausforderungen, welche dadurch entstehen, stellen müssen. Indem er diese Geschichte immer wieder aus anderen Perspektiven erzählt, sieht man als Leser hinter die Kulissen des reinen Geschehens, man nimmt teil an den Gedanken und Abwägungen jedes Einzelnen. Das macht das Buch spannend und hintergründig, wird ab und zu aber auch etwas chaotisch, da die Perspektiven oft mitten im Absatz wechseln, so dass man sich als Leser wieder zurechtfinden muss, wo man sich im Zusammenspiel der Figuren gerade befindet.

Treue ist ein Roman ohne grosse Höhen und Tiefen, er plätschert ruhig dahin und lässt dadurch Zeit und Raum für die Gedanken der Protagonisten. Missirolis Sprache ist einfach und gut lesbar, sie passt sich dem Lauf der Geschichte an, in einzelnen Passagen vergreift er sich allerdings im Wort, bezeichnet er doch die Sexualität als vögeln (was aber auch der Übersetzung geschuldet sein kann und dann nicht dem Autor zugeschrieben werden dürfte), was irgendwie nicht zum restlichen Sprachduktus passen will. Trotz vieler Innensichten bleiben die Figuren merkwürdig fremd, es fällt schwer, sich mit ihnen zu identifizieren, was aber nicht bedeutet, dass die Fragen, die sie sich stellen, nicht zu eigenen Fragen werden. Als Leser wird man oft auf sich zurückgeworfen, der eigene Blick auf die Fragen der Protagonisten wird herausgefordert.

Fazit:
Die Geschichte von zwei Menschen, die trotz Eheglück mit den Verlockungen der Abwechslung und mit geheimen Sehnsüchten kämpfen. Teilweise etwas chaotisch, aber durchaus empfehlenswert.

Über den Autor
Marco Missiroli, 1981 in Rimini geboren, lebt in Mailand und schreibt für den Kulturteil des »Corriere della Sera«. Er ist Verfasser mehrerer Romane wie »Obszönes Verhalten an privaten Orten« (2017), die Publikum und Kritik gleichermaßen begeisterten. Mit »Treue« gewann Missiroli 2019 den Premio Strega Giovani und stand auf der Shortlist des Premio Strega. »Treue« erscheint in über 30 Ländern, eine auf dem Roman basierende Netflix-Serie startet 2021.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 256 Seiten
Verlag: Wagenbach, K (28. Januar 2021)
ISBN-Nr.: 978-3803133304
Preis: EUR 23 / CHF 35.90

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