Lesemonat Januar

Man könnte sagen, bei mir fliesst alter Wein in neuen Fässern, denn es ist im neuen Jahr alles so, wie das alte es hinterliess, und so kommt es, dass auch im Januar gelesen wurde. Den Anfang machte Michelle Obama mit ihrem neuen Buch «Das Licht in uns». Nachdem dieses Licht mal entdeckt war, ging es mit Selbstliebe und Aufforderungen zur Lebensänderungen weiter (ein grossartiges Buch, das mir ans Herz gegangen ist). Mit Jay Shetty wurde es dann wieder seichter, Osho toppte das noch. Gekämpft habe ich mit Audre Lorde. Schön daran war, dass ich es nicht alleine las, die Diskussion zum Buch steht noch aus, ich weiss nur, meiner Mitleserin ging es wie mir: Diese Wut und so vieles war uns zu fremd.

Das grosse HIghlight im Januar war Karl Jaspers mit seinen grossen Philosophen, eine wunderbare MIschung aus Ost und West mit tiefgründigen Texten zu Leben und Werk. Von Viktor E. Frankl holte ich mir Ermutigungen für schwierige Zeiten (die ich zum Glück aktuell nicht habe). Danach ging ich mit Alan Watts auf Glückssuche, um am Schluss mit Nietzsche zu schauen, was so ein Leben überhaupt ausmacht und wie es gelebt werden sollte. Eine spannende Lesereise.

Es wurden 10 Bücher, mehrheitlich in Spanien gelesen bei wunderbaren 20 Grad. Wieder zuhause bin ich noch nicht so im Lesen angekommen, dafür habe ich die ganzen Bücherregale umgeräumt, um sie für meine neuen Projekte und weiteren Leseabsichten passend zu haben. Vielleicht schwang auch ein wenig die Freude mit, wieder mit all meinen Büchern vereint zu sein – für mich ein Gefühl von Heimat, frei nach dem Motto:

«My Home is, where my books are.»

Ich habe beschlossen, wieder mehr über Bücher zu schreiben, was ich nun doch eine Zeit lang vernachlässigt habe. Einerseits, weil Bücher seit ich denken kann einen zentralen Wert in meinem Leben habe und ich gerne zum Lesen anrege, vor allem weil ich der Überzeugung bin, dass Bücher gute Freunde sein können, die einem mit Trost, Freude und auch neuen Einsichten das Leben bereichern können.

Was waren eure Lesehighlights im Januar?

Hier die ganze Liste

Michelle Obama: Das Licht in uns. Halt finden in unsicheren ZeitenEin sehr authentisches, offenes Buch über das Leben, über Beziehungen, ein Buch über Selbstzweifel, die auch nicht aufhören, wenn man es nach aussen „geschafft hat“. Ein Buch darüber, wo wir Kraft finden können, wenn es schwierig wird, und darüber, dass wir hinstehen müssen und können, wenn wir etwas bewirken wollen – für uns und für andere. Ein Blich in die Lebensgeschichten von Michelle Obama, das berührt, weil es von Herzen zu kommen scheint. 5
Rüdiger Schache:Die Selbstliebe-Illusion. 7 grosse Selbstliebe-Irrtümer – und wie du wirklich bei dir ankommst. Ein Buch darüber, dass wir uns nicht mehr lieben müssen, sondern anfangen, uns nicht mehr abzulehnen. Indem wir erkennen, wer und was wir wirklich sind und wollen im Leben, können wir zu dem Menschen werden, der wir sein wollen und tief im Herzen auch sind. Die Selbstliebe wird dann von selbst kommen. Etwas seicht, aber leicht und flüssig zu lesen und zum Nachdenken anregend.4
Wayne Dyer: Ändere deine Gedanken und dein Leben ändert sich. Die lebendige Weisheit des TaoInterpretationen der 82 Verse des Tao te Kings, Gedanken und Meditationen über die Inhalte, lebenspraktisch, teilweise persönlich, zum Nachdenken und ins eigene Leben Integrieren anregende Texte. Ein gedankliches Kleinod, ein zu Herzen gehendes und da wirkendes Buch. 5
Jay Shetty: Ruhe in dir. Zeitlose Weisheiten für ein selbstbestimmtes LebenJay Shetty erzählt von seinem Alltag als Mönch im Ashram und greift auf die Methoden der Mönche zurück, um zu zeigen, wie ein selbstbestimmtes und gelingendes Leben erreicht werden kann. Durch Selbsterkenntnis, Annehmen der Umstände, Loslassen des falschen Strebens und Dankbarkeit für die Gaben des Lebens können wir an einen Punkt kommen, mit uns und andern in Frieden und Harmonie zu leben – nach unseren Werten.4
Osho: Tantra. Die höchste EinsichtAbgebrochen – Ein Kommentar zum tantrischen Buddhismus. Sehr ausführliche und mit Beispielen versehen Eklärung des „Gesangs vom Mahamudra“ – leider zur falschen Zeit, da im Moment zu blumig. Zudem zu viele Wiedreholungen, zu  viel Geplauder.
Audre Lorde: Sister OutsiderEin Zeugnis der Wut einer schwarzen, lesbischen, feministischen, alleinerziehenden Mutter und Uni-Dozentin, welche diese ergründet, in Geschichten erläutert und, gezielt eingesetzt, als Motivation für den Kampf gegen die Unterdrückung propagiert. Ein Einblick in die Welt einer Schwarzen und was es bedeutet, mit dieser Hautfarbe auf die Welt gekommen zu sein in den herrschenden Herrschaftsverhältnissen. Manchmal ein wenig zu schwarz-weiss, mitunter aber auch ein kraftvoller Aufruf für mehr Miteinander im Kampf für eine gemeinsame gerechtere Welt. 5
Karl Jaspers: Die grossen PhilosophenEinblicke ins Denken grosser Philosophien. Kein schlichtes Zusammenfassen oder Darlegen, sondern ein analytisches Ergründen und Durchdenken. Sowohl Erläuterung wie auch Schulung im Selberdenken, Hinterfragen, genauer Lesen. Ein grossartiges Buch, ein Buch, das nachhallt und zum tiefer Graben und Weiterdenken inspiriert. 5
Viktor E. Frankl: Zeiten der Entscheidung. ErmutigungenEin Werkzeugkasten aus ausgewählten Texten mit Fallbeispielen aus dem Gesamtwerk Frankls, der dazu dienen soll, gerade in schwierigen Zeiten als Anleitung zum gelingenden und sinnerfüllten Leben zu dienen. Teilweise in wissenschaftlichem Jargon verfasst bieten die einzelnen Texte eine Einsicht ins Denken und Arbeiten Frankls und in seine Logotherapie, es sind Texte, die darauf bauen, dass der Mensch für ein gelingendes Leben einen Sinn braucht und er frei ist, auf eine gute Weise auf das, was das Leben bringt zu reagieren.4

Lebenskunst: Kraft tanken

«In der Ruhe liegt die Kraft.»

Wie oft hasten wir durchs Leben, wollen alles geschafft kriegen, möglichst parallel, nicht hintereinander. Wir streben nach Erfolg und verlangen von uns Leistung. Wir laden uns immer mehr auf, als ob die Tage endlos und unsere Kräfte unbeschränkt wären. Viel zu oft merken wir nicht, dass wir Grenzen überschreiten: Die anderer, weil wir in unserer Hast unkonzentriert, abgewandt, fahrlässig, gehetzt oder gereizt werden, und unsere eigenen.

Da ist diese Müdigkeit, ein Ziehen in der Brust, ab und an Kopfschmerzen, Unachtsamkeiten, Vergesslichkeiten, angespannte Nerven – es sind kleine Zeichen, die wir oft übersehen, bis sie sich nicht mehr übersehen lassen. Und oft nehmen wir uns vor, es künftig ruhiger anzugehen, nur um bald wieder im gleichen Fahrwasser zu schwimmen. Nun ist es nicht möglich, sich allem zu entziehen, aber wichtig, Prioritäten zu setzen: Was ist wirklich wichtig? Sich dafür die Zeit zu nehmen, es gut und richtig zu machen, führt oft zu einem besseren Ergebnis und zu mehr Zufriedenheit – bei allen Beteiligten. Und: Es ist ein gutes Mittel, bei sich selbst und gesund zu bleiben, statt sich in alle Winde zu verteilen.

Und ab und zu ist es gut, einfach mal nichts zu tun. In Ruhe zu sein. Kraft zu tanken. Durchzuatmen und die Dinge geschehen zu lassen. Wie schon Balu sagte:

«Probier’s mal mit Gemütlichkeit, mit Ruhe und Gemütlichkeit.»

Fällt es dir leicht, dir auch mal Ruhe zu gönnen?

Lebenskunst: Loslassen

«Loslassen gibt uns Freiheit, und Freiheit ist die einzige Voraussetzung für Glück.» Thich Nhat Hanh

Es gibt wohl keine sinnbildlichere Zeit als den Herbst für das Thema «Loslassen». Die letzten Früchte sind geerntet, die Bäume verlieren langsam ihre Blätter, alles wird stiller, leerer. Würde die Natur nichts loslassen, gäbe es keinen Raum für neues. Im Frühling würden die Bäume nicht mit Blüten geschmückt, all die bunten Farben, die die Lebendigkeit des Neuanfangs unterstreichen, fehlten.

Im Leben fällt es nicht immer leicht, Dinge loszulassen. Erinnerungen, Menschen, Wünsche – wir halten an ihnen fest, selbst wenn wir merken, dass sie nicht guttun. Wir wollen bewahren, was ist, weil wir nicht wissen, was kommt. Damit schaffen wir zwei Probleme: Wir leiden unter schmerzhaften Situationen und Zuständen, an denen wir festhalten, und wir leiden darunter, dass wir vieles nicht festhalten können, weil das Leben immer aus Veränderungen besteht.

Vielleicht hilft es, ab und zu hinzusehen, aktiv zu entscheiden, was wir im Leben haben wollen und was nicht, was guttut, was nicht – um dieses dann loszulassen. Und genauso hilft es, das, was gehen will, gehen zu lassen, im Wissen, dass Neues nachwächst.

Gedanken und Buchtipp: Ich sein in dieser Welt

Eigene Gedanken

„Wir Menschen sind Geschichtenerzähler. Was wir uns von uns erzählen, erfahren wir als unsere Identität.“

Wir leben in einer Zeit der Singularität, der Einzigartigkeit. Oft hört man in dem Zusammenhang die Aufforderung, man selbst zu sein, seinen eigenen Weg zu gehen, sich selbst treu zu sein und zu bleiben. Doch: Wer ist dieses ich? Was macht es aus? Oft erzählen wir uns dazu Geschichten, die wir uns dann glauben. Wir erzählen von Vorkommnissen in der Vergangenheit, von der Kindheit, unserem Beruf, Menschen um uns, die uns geprägt hätten – und manchmal sind es auch schwierige Ereignisse, Ereignisse, die uns umtreiben, umwerfen gar.

„Es gibt Ereignisse in unserer Biografie, die verändern alles. Von einem Moment auf den nächsten ist das Leben keine planbare Grösse mehr und die Welt eine andere, als wir bis dahin dachten. Wir sprechen dann von einer Krise […] plötzlich wissen wir wieder, was Menschsein heisst: Wir sind verwundbar, und wir brauchen die Anderen.“

Und plötzlich sind die Fragen noch drängender: Wer bin ich nun? Noch derselbe? Ein anderer? Und wir machen uns auf die Suche nach dem, woran wir uns wieder erkennen können.

„Besonders in Lebenskrisen, in Zeiten der Neuausrichtung oder im Alter werden die fragen drängender: Was zeichnet mich aus? Warum erlebe ich all dies? Was ist meine Aufgabe? Was sind die Muster in meinem Leben, die Lebensspur, die meine Erdenzeit durchwebt, der ich folge oder die mir ausgelegt wurde?“

Wir suchen nach unserem Wesenskern, danach, was uns ausmacht und wozu wir auf dieser Welt sind. Vor allem vom „Wozu“ erhoffen wir uns viel, soll es doch dem Leben Sinn verleihen.

„Das Eigene erkennt man im Fremden, das Ich im Vergleich mit dem Gegenüber.“

Was wir dabei oft vergessen, ist, dass es bei der Suche nach uns selbst nie nur um uns geht. Wir sind nicht allein auf dieser Welt und nie unabhängig von dieser und den Menschen um uns zu denken. Erst im Anderen erkennen wir uns selbst, in unserem Miteinander, in unserem Austausch erkennen wir unseren Beitrag und unser Sein in dieser Welt.

„Die Geschichten wollen neu erzählt, die Fragen neu gestellt werden, und zwar so, dass wir unser Einzigartigsein nicht länger durch die Abgrenzung vom Anderen erfahren, sondern aus der Verbundenheit heraus mit den Anderen erleben.“

Es gilt also, diese Perspektive mit aufzunehmen in die eigene Biografiearbeit. Es gilt, so eine umfassendere Geschichte zu schreiben – und dies im wahrsten Sinne des Wortes am besten wirklich zu schreiben, nicht nur zu denken. Schon Hannah Arendt sagte, dass sie schreibe, weil sie verstehen wolle. Schreibend gelingt es uns besser, die Gedanken in eine Ordnung zu bringen, sie zu sortieren und so fassbarer zu machen. Wenn es dabei um die eigene Biografie geht, ist das Ziel, uns in der Welt verortet zu sehen, als Teil eines Ganzen. Wir erfahren Wort für Wort mehr über unseren Platz in dieser Welt:

„In den goldenen Faden unserer Existenz, ins Licht unseres Daseins webt sich der rote Faden unseres Schicksals ein. Beides zusammen stellt das Gewebe unseres Lebens dar.“

Der Buchtipp dazu:

Liane Dirks: Sein & Werden: Schätze und Chancen unserer Biografie neu erkennen

Anhand verschiedener Fragen nimmt Liane Dirks den Leser an die Hand und läuft die Stationen seines Lebens ab. Sie beleuchtet den Anfang, wo die Lebensreise begann, analysiert, was uns als Menschen ausmacht und wodurch wir wachsen, zeigt auf, was Liebe bedeutet und wieso sie so wichtig ist. Sie zeigt auf, was wir vom Leben lernen können und wieso es wichtig ist, die kleine egozentrische Sicht zugunsten eines grösseren Zusammenhangs zu erweitern. Wir sind alles Teil eines Ganzen, Teil einer Welt. Was es heisst, darin verortet zu sein, schliesst das Buch schliesslich ab.

Liane Dirks ist ein wunderbares Buch über das Erkennen des eigenen Seins gelungen. Wie einer ist und was ihn ausmacht, welche Geschichten über sich er sich erzählt und wie neue Geschichten aussehen könnten – all das sind Themen dieses Buchs.

Zur Autorin
Liane Dirks, geboren 1955, ist freie Schriftstellerin, Meditations- und Tai-Chi-Lehrerin und hat eine Ausbildung in klientenzentrierter Gesprächstherapie absolviert. Sie erhielt zahlreiche Preise und Auszeichnungen und trug mit ihren Romanen zu wichtigen gesellschaftlichen Debatten bei. Sie entwickelte den zertifizierten Ausbildungsgang zum Life Script® Coach in kreativer potenzialorientierter Biografiearbeit, der Selbstentfaltung, Kreativität und Spiritualität zusammenführt. Liane Dirks gibt regelmäßig Seminare und lebt in Köln.

Angaben zum Buch
Herausgeber : Kösel-Verlag (2. November 2022)
Gebundene Ausgabe : 272 Seiten
ISBN-13 : 978-3466347377

Lebenskunst: Fragen

„Wichtig ist, nie aufzuhören zu fragen.“ (Albert Einstein)

Von Sokrates ist der Satz überliefert, dass er wisse, dass er nichts wisse. Im Wissen darum, dass Sokrates als einer der klügsten Männer gilt, wird dieser Satz oft in die Ecke der Ironie verschoben, oder aber man wiederholt ihn selbst, um damit quasi das Gegenteil zu zeigen, nämlich, sich als Wissenden.

Wieso ist es uns oft so wichtig, etwas zu wissen? Etwas nicht zu wissen, wird oft mit Schwäche, mit einem Makel gleichgesetzt. Doch stimmt das wirklich? Im Umkehrschluss heisst das, dass wir Wissen oft dazu nutzen, die eigene Überlegenheit, sicher aber Intelligenz und Bildung zu präsentieren. Dies passiert oft aus einem Gefühl, etwas leisten zu müssen, um Anerkennung zu verdienen. Das reine Sein als Mensch reicht nicht aus, man muss sich behaupten. Wissen eignet sich da sehr.

Wenn ich wieder mal behaupte, etwas zu wissen, könnte ich mich also fragen: Wieso ist mir das so wichtig? Weiss ich es wirklich? Wenn mir nicht geglaubt wird: Wieso trifft mich das? Fühle ich mich heruntergesetzt? Im Gegenteil könnte man sich auch fragen, ob einer, der behauptet, etwas zu wissen, dieses wirklich weiss. Und wieso er denkt, uns das sagen zu müssen (es sei denn, wir hätten gefragt, und selbst dann ist es sinnvoll, das präsentierte Wissen zu hinterfragen und nicht blind anzunehmen).

Schlussendlich kann man sich immer sagen: Einer, der alles zu wissen vorgibt, ist keinesfalls ein Weiser, sondern schlicht ein Besserwisser. Will ich das sein? Vielleicht zeugen Fragen ab und zu von mehr Weisheit als pfannenfertige Antworten, die vorgeben, Wissen zu sein.

Lebenskunst: Grenzen setzen

Sagst du auch oft ja zu etwas, obwohl alles in dir nein schreit? Gibst du auch oft deine Wünsche auf, um die eines anderen zu erfüllen? Wie oft steckst du zurück und wieso? Ich las mal den Spruch:

«Ein Ja zu jemand anderem kann ein Nein zu dir selbst sein.»

Wo wir uns zu sehr verbiegen, in unseren Bedürfnissen übergehen, verneinen wir uns in unserem Sein selbst. Wir nehmen unsere Grenzen nicht wahr und ernst, überfordern und benachteiligen uns. Und oft leiden wir dann. Nicht selten geben wir sogar anderen die Schuld, fühlen uns nicht wahrgenommen, werfen ihm vor, seine Bedürfnisse immer erfüllt zu kriegen. Dabei haben wir das oft selbst so gesteuert. Wieso tun wir das?

Wir sind Bindungswesen. Ohne Bindungen, ohne Beziehungen zu anderen Menschen, ohne das Gefühl, dazuzugehören und dies auch zu spüren, können wir nicht leben. Oft lernen wir schon als kleines Kind, dass wir auf eine Weise sein müssen, um in Ordnung zu sein. Unsere Grenzen werden schon von klein auf übergangen und wir lernen, dass das so läuft im Leben, und übernehmen das in unser Erwachsenenich.

Wenn wir oft genug gelitten haben, kommen wir an einen Punkt, wo wir denken:

«So nicht mehr!»

Was tun? Wichtig ist wohl einmal mehr: Hinschauen. Wo übergehe ich mich, wieso tue ich das? Das gelingt, wenn wir eine konkrete Situation anschauen, wo wir uns selbst wieder nicht ernst genommen haben, und unsere Grenzen überschritten wurden und wie das zuliessen. Was ist in der Situation passiert?

Oft sagte eine innere Stimme «nein». Der Verstand setzte ein und brachte viele vernünftig klingende Argumente, wieso doch. Im Körper regte sich was bei all dem. Meisten ignorieren wir den Körper, weisen die innere Stimme als unvernünftig in die Schranken und folgen unserem Verstand, da wir gerade in unserer westlichen Welt mehrheitlich Kopfmenschen sind, als solche erzogen und be-lehrt wurden. Und genau da liegt auch das Problem: Der Verstand speist sich oft aus äusseren Stimmen, hier werden die Forderungen aus dem Elternhaus, aus Erziehung und Bildung und auch die Erwartungen unserer Gesellschaft laut. Das Ich redet oft wenig mit, zumindest nicht aus sich selbst heraus. Erst wenn wir lernen, auf all unsere Kanäle zu achten: Körper, Intuition und Verstand, werden wir auch lernen, was wir wirklich wollen. Und wir werden lernen, darauf zu hören und es umzusetzen. Weil wir es uns wert sind.

Ignorierst du deine Grenzen oft?

Lebenskunst: Ich bin so frei

Jeder kennt wohl die Situation, dass es in einem brodelt, etwas raus will, man sich aber nicht getraut, es zu sagen. Was, wenn der andere dann enttäuscht, böse, traurig ist? Was, wenn das etwas zwischen uns verändert in einer Weise, die ich nicht will? Und so schweigen wir. Und manchmal hoffen wir dann insgeheim, der andere käme von selbst drauf, was wir wollen. Tut er das nicht, machen wir ihm das fast zum Vorwurf, sogar dann, wenn wir es selbst nicht so genau wissen.

Was ich wirklich will, kann nur ich selbst wissen. Und wenn ich es nicht weiss, weiss es sicher kein anderer.Aber: Ich kann dem auf die Schliche kommen, indem ich in mich hineinhöre: Was will ich wirklich? Oft sind dann verschiedene Stimmen in mir, alle wollen sie etwas anderes. Woher kommen sie? Wer spricht in und durch uns? Welches sind meine wirklichen Bedürfnisse und was ist nur anerzogen, angelernt, Erwartungen geschuldet?

„Das Schlimmste aber, wenn man ein Gefängnis mit unsichtbaren Mauern bewohnt, ist, dass man sich den Schranken nicht bewusst ist, die den Horizont versperren.“ Simone de Beauvoir

Wenn ich selbst nicht weiss, was ich will, oder aber wenn ich mir das, was ich will, versage aus Ängsten heraus, baue ich mir selbst ein Gefängnis, das ich von meinen Ängsten bewachen lasse. ich liefere mich diesen aus und versage mir, so zu leben, wie es mir entsprechen würde.

„Der Frau bleibt kein anderer Ausweg, als an ihrer Befreiung zu arbeiten. Diese Befreiung kann nur eine kollektive sein.“ Simone de Beauvoir

Wirklich authentisch zu sein, meine eigene Natur zu erkennen und zu leben, ist der einzige Weg, der wirklich glücklich macht, weil ich mich nur dann frei und damit auch leicht fühlen kann. Mich selbst hinter Gitterstäben zu halten ist nicht nur eine Unterdrückung von mir selbst, es ist auch eine Absage an erfüllende und bereichernde Beziehungen, da es unmöglich ist, eine gleichberechtigte, freie und zu gegenseitigem Wachstum anregende Beziehung zu leben, wenn ich all das bei mir selbst einschränke oder gar negiere.

Fällt es dir leicht, zu deinen Bedürfnissen zu stehen?

Ruediger Schache: Die Selbstliebe-Illusion

7 grosse Selbstliebe-Irrtümer und wie du wirklich bei dir ankommst

„Eine Selbstablehnung ist der Druck eines falschen Gedankens auf Dich selbst. Beende einen solchen Irrtum, und die Gedanken und Gefühle von Selbstablehnung werden aus Deinem Magneten verschwinden. Als Folge wird sich die Welt um Dich herum positiv verändern. Du kannst sie immer mehr lieben und Dich selbst als aktiven Teil darin ebenfalls.“

Es gibt den Spruch, man müsse sich selbst lieben, um andere lieben zu können. Oder man denkt, wenn man sich nur selbst mehr lieben würde, wäre das Leben einfacher. Wie aber kommt man zu dieser Selbstliebe? Was kann ich tun, damit ich mich mehr liebe? In diesem Ansatz, so Ruediger Schache, liegt ein Leistungsgedanke, der nicht wirklich zu grösserer Selbstakzeptanz oder -liebe führt, sondern einem Optimierungswahn entspricht, wie er in der heutigen Zeit weit verbreitet ist.

Was genau suchen wir, wenn wir denken, uns zu wenig zu lieben? Wir möchten von uns und von anderen nicht abgelehnt werden, wir wünschen uns, dass wir in unserem Sosein akzeptiert und angenommen sind. Statt also durch ein Tun, eine Leistung zu mehr Selbstliebe zu kommen, führt der Weg zu einem gelingenden Leben besser über das Ablegen der Ablehnung, das Loslassen dessen, was uns im Weg steht, allem voran falsche und überhöhte Ansprüche an uns selbst.

„Mache künftig keine große Sache mehr aus einem scheinbaren Fehler, Irrtum oder Rückfall. Verschwende keine Gedanken an Selbstvorwürfe. Etwas geschieht, Du erkennst es, registrierst es und gehst weiter.“

Anhand von sieben Selbstliebe-Irrtümern zeigt Ruediger Stache auf, wie wir uns aus Mustern und Abwertungen befreien können und hin zu einem selbstbestimmten und selbstwirksamen Leben kommen können. Die Gedanken und Ratschläge sind sicher nicht neu, aber doch interessant, anregend und nachvollziehbar. Dass beim Lesen immer wieder eine Erinnerung an Streleckys „Café am Rande der Welt“ aufkommt, ist dabei gewollt.

Fazit
Ein leicht lesbarer Lebensratgeber ohne wirklich neue Erkenntnisse, aber doch guten Denkanstössen.

Zum Autor
Ruediger Schache ist Coach, Seminarleiter, Weisheitslehrer und international renommierter Bestsellerautor für Sachbücher und Romane. Seine Bücher erreichen eine weltweite Auflage von über 2 Mio Exemplaren und sind in 26 Sprachen erschienen. Alleine das »Das Geheimnis des Herzmagneten« stand 84 Wochen in der Spiegel-Bestsellerliste.
Neben seiner Arbeit als Vortragender und Autor betreibt er gemeinsam mit seiner Frau Nicole Diana Engelhardt, südlich von München ein Institut für Bewusstseinsforschung, ein Zentrum für die Lehre ihrer Arbeit, sowie eine Heilpraxis für Neue Medizin.
Einer seiner besonderen Fähigkeiten liegt darin, auf eingängige und spannende Weise, die Brücke zwischen aktueller Wissenschaft, spiritueller Wahrheit und praktischem Leben zu bauen.

»Es gibt zwischen innerem Erwachen, spirituellem Wissen und wissenschaftlicher Weltsicht keine Unvereinbarkeiten«, erklärt Ruediger Schache. »Es gibt nur Nichtwissen und Wissen. Fragen und Entdeckungen. Unbewusstheit und Bewusstheit. In Beziehungen, auf dem Lebensweg oder in der Welt existieren in tiefster Wahrheit auch keine falschen oder richtigen Ereignisse. Es gibt nur das, was geschieht und die Kräfte, die es formen. Verstehe diese Kräfte und du verstehst die Schöpfung und den Sinn. Und dann wird es in dir ruhig und still.«

Angaben zum Buch:
Herausgeber : Nymphenburger in der Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co. KG; 1. Edition (18. Juli 2022)
Sprache : Deutsch
Taschenbuch : 160 Seiten
ISBN-13 : 978-3968600314

Lebenskunst: Ausbrechen

«Why do you stay in prison
When the door is so wide open?” Rumi

Da ist dieser eine Wunsch, den du gerne erfüllt hättest, das Bedürfnis, das dir ein Anliegen ist, doch du sagst nichts, du schweigst. Du denkst, es steht dir nicht zu, es wäre vermessen, du hättest es nicht verdient. Du denkst, deine Bedürfnisse würden die anderer tangieren und verzichtest von vornherein. Du behältst deine Bedürfnisse für dich und bist traurig, dass sie nicht beachtet werden. Nur: Es weiss keiner davon.

Du arbeitest schon lange in der gleichen Firma, bist zuverlässig, machst deine Sache gut. Eine Lohnerhöhung wäre in deinen Augen längst angebracht, doch: Es passiert nichts. In dir wachsen Wut und Trauer, du fühlst dich nicht wertgeschätzt, nicht richtig wahrgenommen, übergangen. Nur: Es weiss keiner davon.

Du bist in einer Beziehung, die dich nicht glücklich macht. Schon lange ist der Wurm drin, aus Streitereien ist ein stilles Nebeneinander geworden, Verbindungen und Verbindlichkeiten sucht man vergebens. Du würdest gerne gehen, weisst aber nicht wohin und was dich da erwarten könnte. Du leidest still vor dich hin und bleibst doch, wo du bist. Du würdest gerne etwas ändern, denkst, der andere müsste das doch auch spüren und wollen. Nichts passiert, denn: Es weiss keiner davon.

«You must ask for what you really want.» Rumi

Wie oft schweigen wir, wenn es um unsere Bedürfnisse und Anliegen geht? Wie oft harren wir lieber aus, egal, wie leidvoll die Situation ist, statt etwas zu ändern? Wie oft unterdrücken wir unsere Wünsche, um die anderer zu erfüllen? Wie oft stecken wir zurück, damit andere den Vorrang haben? Wie oft gestehen wir uns selbst nicht den Wert zu, uns selbst ernst zu nehmen?

«Jeder Mensch gilt in der Welt nur so viel, als er sich selbst gelten macht.» Adolph Knigge

Wenn wir uns selbst nicht ernst nehmen, nicht für uns einstehen, unsere Bedürfnisse nicht wahrnehmen und ansprechen, können wir nicht erwarten, dass andere das tun. Erstens wissen sie oft nichts von alldem, zweitens müssen sie davon ausgehen, dass es nicht so wichtig ist, wenn wir nichts sagen, drittens ist es schlicht nicht ihre Baustelle – es wäre unsere. Die Käfigtür wäre offen, doch wir sitzen als Wächter davor, machen uns zu unseren eigenen Gefangenen und treten nicht in die Welt hinaus. Oft geben wir dann den Umständen die Schuld, schimpfen auf Menschen, die uns nicht wahrnehmen, oder hadern mit Situationen, die ungünstig sind. Dabei gibt es nur einen, der wirklich was tun könnte, der es in der Hand hätte: Wir selbst.

Lebenskunst: Im Einklang mit sich handeln

Meine Antennen sind permanent auf Empfang. Ich höre, was um mich rum ist, sogar ohne hinzuhören, ich sehe, was es zu sehen gibt. Das widerspricht dem yogischen Ziel des Zurückziehens der Sinne, um ganz bei sich zu sein. Folgt man der alten indischen Philosophie des Ayurveda, finde ich mich da aber ziemlich klar wieder im Typ Vata: Luftwesen. Kreativ, sprunghaft, begeisterungsfähig, mich schnell mal verlierend.  

Nun wäre es natürlich ein Leichtes, zu sagen: Super ich habe eine Erklärung, so bin ich, nehmt mich, wie ich bin. Nur: Will ich mich so nehmen? Grundsätzlich sicher, da ich ganz viel an diesen Eigenschaften mag, nur: Manchmal wäre etwas mehr Stabilität gut, manchmal möchte ich an Dingen bleiben und mich nicht durch alles ablenken lassen. Ich habe für mich gemerkt, dass es mir hilft, Tagesstrukturen zu setzen. Wenn ich mal wieder losgeflogen bin und mich von den Winden tragen liess, holen sie mich zurück und lassen mich wieder auf das besinnen, was ich mir vorgenommen habe.

Diese Strukturen muten für andere Menschen teilweise streng an, sie finden sie gar stur oder verstehen nicht, wieso ich sie brauche und nicht einfach frei in den Tag hineinlebe. Und ja, ich habe mich von solchen Aussagen auch schon angegriffen gefühlt und mich gefragt, ob ich wirklich komisch bin damit. Wenn jemand sagt, ich hätte so sture Strukturen, klingt das ja ziemlich langweilig, festgefahren – und so sehe ich mich gar nicht. Und genau da liegt der zu lösende Verwirrung:

Weil ich eben zu wenig Stabilität und Festigkeit habe, brauche ich die Strukturen. Wer mich nur von aussen sieht und hört, wird vielleicht nur diese Strukturen sehen und mich als (zu) festgefahren wahrnehmen. Dass diese aber aus etwas erwachsen, sieht man erst beim näheren Hinschauen. Und ich fühle es im täglichen Sein. So schön nämlich das freie Fliegen von einer Blume zur nächsten ist, es bleibt am Schluss des Tages doch ein unbefriedigtes Gefühl, weil dadurch zu viel von dem, was ich wirklich wollte, liegen blieb.

Es braucht kein Ayurveda dazu, nur schon das genaue Hinschauen, wie ich bin und was ich brauche, um das Leben zu führen und die Aufgaben zu erfüllen, die mir am Herzen liegen, reichen. Wenn ich also zu träge bin, mich kaum aufraffen kann, brauche ich energetisierende Mittel und Methoden, wenn ich zu viel, zu schnell, zu wild will, eher beruhigende, wenn ich mich zu schnell in kreativen Ideen verliere und immer wieder neue finde, stabilisierende. Im Wissen darum, dass ich tue, was mir gut tut, muss ich mich dann auch nicht verletzt fühlen, wenn das jemand nicht versteht, sondern könnte – sollte ich das wollen – es erklären. Oder: Ich kann dankbar und stolz realisieren, dass ich es geschafft habe, das für mich passende Mittel für meinen persönlichen Ausgleich zu finden.

Was für ein Typ seid ihr?

Lebenskunst: Dankbarkeit

«Danke doch lieber für das, was du bekommen hast; auf das andere warte und freue dich, dass du noch nicht alles hast.» Seneca


Eine neue Tasche, einen Partner, ein paar Kilos weniger, eine kleinere Nase, mehr Gelassenheit, mehr Kraft, weniger Macken – oft wollen wir ganz viel und denken, wenn wir es nur hätten, wären wir glücklicher. Dann wäre die Welt eine bessere, zumindest unser Leben in ihr wäre besser. Doch: Wenn wir etwas erreicht haben von all dem, kommt immer was Neues dazu – oder es ist noch genug da. Das wirkliche Glück will sich nicht dauerhaft einstellen. Es scheint, als ob immer was fehlte. Und ja, das stimmt, es fehlt etwas Essentielles: Die Dankbarkeit für das, was ist.

Wenn ich auf mein Leben schaue, ist daran so viel Schönes und Gutes. Ich habe ein schönes Dach über dem Kopf, habe wunderbare Beziehungen zu grossartigen Menschen, ich habe genug zu essen, die Möglichkeit, meiner Leidenschaft zu folgen. Ich hatte das Glück, gute Ausbildungen absolvieren zu können, mein Leben frei und unabhängig zu leben, und ich lebe in einem Land, das mir noch viel mehr Freiheiten zugesteht. Wie viel davon nehme ich als selbstverständlich wahr, denke nicht weiter drüber nach neben all dem Wünschen? Wie wäre es, einfach mal dankbar zu sein für all das, was nämlich alles andere als selbstverständlich ist für ganz viele Menschen auf dieser Welt?

Dankbarkeit ist ein Gefühl, das Glück bringt. Es ist undenkbar, wirklich unglücklich zu sein, wenn man ganz viel Dankbarkeit im Herzen fühlt für das, was ist. Das Gefühl der Dankbarkeit, immer wieder bewusst ins Gedächtnis gerufen, kann auch helfen, wenn wir mal wieder hadern. Wenn wieder einmal Wünsche da sind, die sich nicht erfüllen lassen, zumindest nicht gleich: Wieso nicht auf das Gegenteil konzentrieren? Weg vom Mangel an dem, was wir wollten, sondern hin auf die Fülle, was da ist?

Dankbarkeit hilft auch in schwierigen Lebenssituationen, wenn das Leben seine Krallen zeigt. Wenn wir leiden, weil Umbrüche stattfinden, die Gesundheit instabil ist, wir uns verletzt fühlen oder benachteiligt. Sich dann hinzusetzen, Tag für Tag, und aktiv ins Gedächtnis zu rufen, was neben all dem Schweren an Schönem im Leben ist, für das wir dankbar sein können, wird zwar nicht die unschönen Umstände beseitigen, es hilft aber, innerlich etwas mehr Ruhe und Kraft zu entwickeln, aus der heraus wir dann das Schwere besser (er-)tragen können. Ich habe in schwierigen Zeiten immer ein Dankbarkeitstagebuch geführt. Es hat mich durch die Zeiten getragen. Und wenn mir mal nichts in den Sinn kam, weil zu viel Dunkles die Sicht versperrte, blätterte ich in den alten Aufzeichnungen und fand immer etwas, das noch immer gut war, so dass ein wenig Licht ins gefühlte Dunkel kam.

Wofür seid ihr dankbar?

Lebenskunst: Achtsames Tun

«Ganz im Tun, ganz bei mir.» Anselm Grün

Ich mag Rituale. Sie geben meinem Leben eine Kontinuität, einen Halt, sie vermitteln mir eine Art von Geborgenheit im Leben, weil sie wiederkehrend mich aufnehmen und mir einen Ort geben, wo ich mich wohl fühle. Das rituelle Tun ist damit Hort für Sinn, für Musse, für Vertrauen auch. Es ist eine Form von Verlässlichkeit in einer Welt, die zu oft durch Unruhen und Unvorhergesehenes aus den Fugen zu geraten scheint.

Wenn man Rituale hört, denkt man vordergründig an grosse Inszenierungen, wie sie in Religionen vorkommen. Doch das meine ich hier nicht. Ich meine die kleinen Alltäglichkeiten, die den Tag zu meinem Tag machen. Das kann der Kaffee am Morgen sein, das Anzünden einer Kerze vor meiner Yogastunde. Der Gang auf die Matte ist eines meiner liebsten Rituale, das morgendliche Schreiben ebenso.

Es gibt Dinge, die man tun muss und die einem eher lästig sind oft: Abwaschen, Staubsaugen, Putzen. Sogar daraus kann man ein Ritual machen, indem man die Dinge bewusst macht. Wenn ich abwasche, tue ich nur das. Ich spüre das warme Wasser, den Schaum, drehe das Glas, höre das Reiben auf der Oberfläche, trockne es ab. Ich bin ganz bei dem, was ich aktuell tue. Das beschreibt auch Thich Nhat Hanh, wenn er die Geschichte eines Mönchs zitiert:

«Wenn ich stehe, dann stehe ich; wenn ich gehe, dann gehe ich; wenn ich sitze, dann sitze ich; wenn ich schlafe, dann schlafe ich; wenn ich esse, dann esse ich…»

Wir neigen dazu, immer mehrere Dinge gleichzeitig tun zu wollen. Dadurch wird das einzelne Tun sinnbefreit, unser Tun ist nur noch ein Abspulen von Handlungen, mit dem wir nicht mehr viel zu tun haben. Die Rückkehr ins achtsame Tun kann uns uns selbst näherbringen und aus Alltäglichem ein Ritual machen.

_____

Buchtipp:
Anselm Grün: Rituale, die gut tun. Jeden Tag erfüllter leben

Anselm Grün beschreibt verschiedene Rituale, kleine alltägliche Verrichtungen, die in Kapiteln zusammengefasst sind. Die Rituale sollen Halt geben in schwierigen Zeiten oder helfen, in die eigene Mitte zu kommen, sie beschäftigen sich mit Tages- und Jahreszeiten, sind Mittel, Balance zu finden oder das Leben zu feiern. Entstanden ist ein inspirierendes Büchlein, das helfen kann, eigene Rituale ins Leben aufzunehmen, welche diesem mehr Tiefe und Schönheit verleihen.

Lebenskunst: Das Leben als Reise

Kürzlich habe ich mich aufgeregt. So richtig. Ich hätte schimpfen und toben mögen, den ganzen Frust rausschreien. Ich konnte mich zwar zurückhalten, doch das eine oder andere Schnauben und ein paar süffisante Bemerkungen entwichen mir doch. Schon durfte ich mir anhören:

 „Ich dachte, Yoga mache gelassen?“

Meine Gedanken begannen zu drehen: Wo waren nun Gleichmut und Gelassenheit? Alles nur reine Theorie, die ich runterbete? Eigentlich hätte ich es besser wissen müssen, hätte viele Argumente gegen den Ärger und für innere Ruhe gehabt. Und doch: Als die Welt nicht so drehte, wie ich es gerne gehabt hätte, tobte es in mir. Ich schien förmlich aus purer Wut zu bestehen, alles andere war fast ausgeblendet, liess sich nur mit Anstrengung zurückholen, um langsam wieder zur Ruhe zu kommen. Und da fragte ich mich:

Bin ich ein schlechter Yogi? Ist es doch nur Mattenturnen statt Einkehr und Einsicht?

Voilà, Falle Nummer 2: Eigene Be- und Verurteilung. Statt zu reflektieren, was, wie und warum passiert war, um daraus zu lernen, liess ich alles im Kopf drehen, schimpfte nun nicht nur auf das, was passiert war, sondern auch über mich und verabsolutierte meinen Fehler hin zu: Ich mache alles falsch. Zum Glück konnte ich das anhalten:

Ich habe mich hingesetzt und ein paarmal tief ein- und ausgeatmet. Das hat nicht die Situation geändert, es hat auch mein Verhalten nicht rückgängig gemacht. Es hat mir ein bisschen Ruhe zurückgebracht. Ich war sicher noch kein friedlich lächelnder Dalai Lama, aber ich war auch kein tobendes Rumpelstilzchen mehr. Ich erkannte die Muster, die Prägungen, die meinem Verhalten zugrunde lagen, sah die Situation als schwierig und meine emotionale Reaktion als wenig heilbringend an.  Ich hielt mir zugute, dass ich selbst schnell erkannt hatte, in welches Muster ich geraten war, dass ich es unterbrechen und ruhig werden konnte.

Nun: Ich bin nicht erleuchtet. Ich bin auch nicht der Superyogi. Ich bin auf meinem Weg. Und es ist ein guter Weg. Ich muss nicht perfekt sein. Ich bin, wie ich bin. Und das ist gut. Und morgen bin ich anders. Auch das wird gut sein. Und so geht die Reise fort. 

Lesemonat Dezember

Schon wieder ist ein Monat vorbei, ein neuer hat begonnen. Zeit, zurückzuschauen, Bilanz zu ziehen. Es war (wettertechnisch) ein grauer Monat, die Sonne fehlte, es war zeitweise kalt. Die Kälte fürchtete ich dieses Jahr, da ich schnell friere und es hiess, man dürfe nicht mehr voll heizen (bei mir muss es immer sehr warm sein). Dann kam ein Moment, als ich plötzlich dachte: Das wird auch gehen, das wird kein Problem sein, wenn es denn so ist. Und siehe da: Es war keines. Ich heizte lange gar nicht, danach minim. Und ich fror nicht, es war angenehm. In mir kam der Gedanke auf, dass die Dinge oft sind, wie wir sie uns vorstellen, wir unsere (auch körperlichen) Wahrnehmungen über diese steuern (können!). Ich hoffe, ich kann das in Zukunft auch gezielt nutzen.

Zu den Büchern:

Es war lesetechnisch ein Monat für die Innenschau, einer, der sich mit dem Menschsein beschäftigt, mit körperlichen und seelischen Belangen des Lebens. Es war ein Monat, in dem ich merkte, dass man auch zu viel lesen kann über ein Thema, zumindest in kurzer Zeit, denn gegen den Schluss merkte ich, dass ich genug hatte von indischen Konzepten und „Welt-Theorien“ und mir ein wenig die westliche Rationalität fehlte. Der Januar wird dem wohl ein wenig Rechnung tragen. Der Dezember war generell sehr von einer Innenschau geprägt, was vielleicht auch mit dem nahenden Jahresende zusammenhing: Was will ich, wo will ich hin, wie geht es weiter? Was ist wirklich (!) mein (!) Interesse, und wo denke ich, es interessant finden und vertiefen zu müssen – aus welchen Gründen auch immer?

Hier die Liste meiner Bücher im Dezember:

Andreas Salcher: Die grosse Erschöpfung und die Quellen der KraftWas treibt immer mehr Menschen in die Erschöpfung und wie können sie lernen, dies zu vermeiden, einen Weg der Kraft zu finden? Andreas Salcher analysiert die grossen Kraftfresser der Zeit, die mehrheitlich im Menschen selbst und nicht in den äusseren Umständen liegen, um dann Mittel und Wege aufzuzeigen, wie wir mehr Kraft finden können, und damit mehr Lebenssinn und -lust zu gewinnen. 4
Dr. Mariza Snyder: Aromatherapie für entspannte Wechseljahre. Mit ätherischen Ölen Hitzewallungen, Stimmungsschwankungen, Lustlosigkeit und Schlafstörungen lindernWechseljahre sind keine Krankheit und kein Fluch, sie sind eine Chance, das Leben nochmals neu in die Hand zu nehmen. Damit das gelingt, gilt es, unseren Hormonhaushalt im Auge zu haben, damit er in einer gesunden Balance bleibt. Ätherische Öle können hier helfen. Mariza Snyder gibt nicht nur die passenden Öle für verschiedene Beschwerden an die Hand, sie hat auch ein 21-Tageprogramm für eine hilfreiche Lebensumstellung entwickelt, um das Leben auch nach der Menopause lust- und kraftvoll leben zu können. 4
Christiane Wunderlich: 6 Schritte zur Achtsamkeit. Ein Stressbewältigungsprogramm für mehr Gelassenheit und Lebensfreude.Stress – ein Wort in aller Munde, die Krankheit unserer Zeit. Was bedeutet Stress und wie kann ich lernen, besser mit herausfordernden Situationen umgehen. Ein Sammelsurium von Einsichten und Übungen für ein Leben mit mehr Ruhe und Gelassenheit.3
Eckard Wolz-Gottwald: DIe Bhagavadgita im Alltag leben. Die vier grossen Übungswege des YogaEine historische und kontextuale Einordnung der Bhagavadgita in die hinduistische Tradition und Religion sowie die Erläuterung der vier dargestellten Yogawege Karma-Yoga, Jnana-Yoga, Bhakti-Yoga und Dhyana-Yoga. Zu jedem Weg werden verschiedene Übungen vorgestellt und beschrieben, so dass der interessierte Leser die vorgestellte Philosophie praktisch umsetzen kann. 4
Lucia Schmidt: Das Rückenheilbuch für Frauen. Die weibliche Anatomie verstehen und die Rückengesundheit nachhaltig stärkenEin überblick über den menschlichen Körper mit seinen Zyklen, den damit zusammenhängenden Hormonen und möglichen Disbalancen und andere mögliche Ursachen für Rückenschmerzen, sowie ein praktischer Teil mit Übungen, diesen vorzubeugen und den Rücken nachhaltig zu stärken. 4
Liane Dirks: Sein & WerdenWie komme ich mir selber auf die Spur? Liane Dirks macht mit dem Leser eine Reise durch sein Leben, lässt ihn sich selbst mit Papier und Stift hinterfragen, denn sie ist sich sicher: Schreibend erfahren wir genauer, was wir denken, wir dringen tiefer in uns. Es ist ein Weg, der Mut braucht, doch er lohnt sich, gegangen zu werden, denn das, was es zu entdecken gilt, ist das, was in uns steckt, wenn wir aufgeben, was und wer wir zu sein glauben, um zu werden, wer wir wirklich sind – weil wir dies erkannt haben.4
Anna Trökes: Die kleine Yoga Philosophie. Grundlagen und Übungspraxis verstehenEine Einführung in die verschiedenen historischen Texte des Yogas mit ihren Konzepten und Ausrichtungen. Ein fundierter, umfassender Überblick über die Yogaphilosophie und den Yogaweg. 5
Bernie Clark: Das grosse Yin Yoga BuchEin umfassender Überblick über die Theorie hinter dem Yin Yoga, sein Zusammenspiel von chinesischer Medizin und herkömmlichem Yoga. Einführung in 25 Asanas und Auflistung ihrer Wirkungen auf die verschiedenen Ebenen des Seins, sowie Zusammenstellungen von Flows für verschiedene Körperregionen. 5
Karin Kuschik: 50 Sätze die das Leben leichter machen. Ein Kompass für mehr innere SouveränitätTeilweise interessante Sätze, allerdings alles zu lang und oft etwas zu einfach gedacht, wie mir scheint. Trotzdem unterhaltsam, wenn man es einfach überfliegt.3
Eva Kalbheim: Resilienz für DummiesEine Einführung ins Thema Resilienz, was sie bedeutet, was resiliente Menschen auszeichnet und wie man sie erwerben kann. Die sieben Säulen der Resilienz (Optimismus, Akzeptanz, Handlungsfähigkeit, Verantwortungsbereitschaft, Lösungsorientierung, Netzwerkpflege und Zukunftsplanung) werden vorgestellt, und aufgezeigt, wie man sie in verschiedenen Lebensbereichen einsetzen kann. Für mich ein wenig zu seicht mit zu vielen Wiederholungen.3
B. K. S. Iyengar: Licht fürs LebenEine Einführung in die yogische Lebensreise von Aussen nach Innen, vom Leben in der Welt über die einzelnen Stufen des achtstufigen Pfades bis hin zu Samadhi, immer mit dem Hintergrund, aus dieser Haltung heraus in die Welt zu gehen und zu wirken. Inspirierend, authentisch, tiefgründig, informativ. 5
Jean-Pierre Critin: Ayurvedische PsychologieAbgebrochen – Eine Einführung in die Lehren der Ayurvedischen Psychologie, die auf der ganzheitlichen Sicht des Menschen aufbaut und mit vielfachen Methoden zur Gesundherhaltung – was eine Balance der in ihm wirkenden Kräfte bedeutet – des Menschen. Abgebrochen. Sehr fundiert. Leider zur falschen Zeit, da im Moment zu viel an Wiederholung von gerade Gelesenem. 5
Osho: Tantra. Die höchste EinsichtAbgebrochen – Ein Kommentar zum tantrischen Buddhismus. Sehr ausführliche und mit Beispielen versehen Eklärung des „Gesangs vom Mahamudra“ – leider zur falschen Zeit, da im Moment zu blumig.4

Was habt ihr im Dezember gelesen? was waren eure Highlights?

Gedankenvoller Jahresausklang

Das Jahr neigt sich dem Ende zu, heute ist der letzte Tag. Ich merke, wie ich stiller werde, wie ich beginne, das Jahr zu reflektieren, hinsehe, was war, wie mein Weg durch dieses Jahr aussah. Es sind nicht mal so sehr die Erlebnisse, die mich beschäftigen, eher die Gefühlswelten, die Interessenlagen, die Themen, die präsent waren. Und wenn ich diesen Weg ansehe, der doch ein sehr kurvenreicher war, kommt natürlich der Gedanke ans neue Jahr auf: Wie wird der Weg weiter gehen? Was sind meine Ziele, meine Wünsche, meine Möglichkeiten?

Max Frisch schrieb:

„Schreiben heisst, sich selber lesen.“

Ich merke, dass mir im Moment die Antworten fehlen, also fange ich an zu schreiben. Ich fülle Seite um Seite im Notizbuch und versuche, mich selbst zu finden, zu ergründen. Es ist ein stiller Prozess des Herantastens. Einst sagte ich, ich sei ein schreibender Mensch. Das bestätigt sich immer wieder. Schreibend versuche ich, die Welt und mich in ihr zu verstehen. Und manchmal komme ich beidem für einen Moment auf die Schliche.