Else Lasker-Schüler wurde am 11. Februar 1869 in Elbertfeld geboren. Schon früh konnte sie lesen und schreiben, es scheint ihr wurde das Talent in die Wiege gelegt. 1899 veröffentlichte sie erste Gedicht mit Styx folgte 1901 ihr erster Gedichtband.
Wie viele andere Juden war auch Else Lasker-Schüler eine Vertriebene des Nationalsozialismus. Um ihr Leben fürchtend, ging ihr Weg zuerst nach Zürich, später nach dem von ihr sehr geliebten Jerusalem. Geblieben ist sie dort allerdings nicht aus freien Stücken, ihr wurde die Rückreise verwehrt. Aus dem einst geliebten Land wurde ein schwieriger Ort: Deutsch war eine verpönte Sprache, so dass sie neben der Heimat Deutschland und all ihren Freunden da auch noch die Heimat der Sprache verlor.
Else Lasker-Schüler starb am 16. Januar 1945 und wurde auf dem Ölberg in Jerusalem begraben. Sie hinterlässt ein umfangreiches lyrisches Werk, Erzählungen und Dramen. Da sie in ihrer Freizeit gerne zeichnete, hat sie ihre Gedichtbände zum Teil sogar selber illustriert. Ihre künstlerische Ader zeigt sich auch in ihrem Breifwechsel mit Franz Marc, bestanden doch die Briefe mehrheitlich aus einer Kombination von Bild und Text – Zeichnungen, die in Marcs Schaffen einflossen.
Zwei meiner Lieblingsgedichte von Else Lasker-Schüler:
Ein alter Tibetteppich Deine Seele, die die meine liebet Ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet
Strahl in Strahl, verliebte Farben, Sterne, die sich himmellang umwarben.
Unsere Füsse ruhen auf der Kostbarkeit Maschentausendabertausendweit.
Süsser Lamasohn auf Moschuspflanzentron Wie lange küsst dein Mund den meinen wohl Und Wang die Wange buntgeknüpfte Zeiten schon.
Mein blaues Klavier Ich habe zu Hause ein blaues Klavier Und kenne doch keine Note.
Es steht im Dunkel der Kellertür, Seitdem die Welt verrohte.
Es spielten Sternenhände vier – Die Mondfrau sang im Boote. – Nun tanzen die Ratten im Geklirr.
Zerbrochen ist die Klaviatur. Ich beweine die blaue Tote.
Ach liebe Engel öffnet mir – Ich aß vom bitteren Brote – Mir lebend schon die Himmelstür, Auch wider dem Verbote.
Bertold Brecht wurde am 10. Februar 1898 in Augsburg geboren.
Sein Schaffen fing früh an, schon mit 15 gab es erste Veröffentlichungen in der mit einem Freund herausgegebenen Schülerzeitung. Danach flossen die Buchstaben weiter, es entstanden Gedichte Prosatexte und Dramen. Während des ersten Weltkrieges waren diese eher patriotisch geprägt, doch schon bald ebbte die Verklärung des Krieges ab.
Während Brecht eigentlich Medizin und Philosophie studierte auf dem Papier, sah man ihn öfter in Literaturvorlesungen denn in medizinischen. Sein Hauptinteresse galt allerdings dem eigenen Schaffen, aus seiner Feder flossen in der Zeit seine wohl bekanntesten Gedichte sowie mehrere Dramen, die es auch zur Aufführung schafften.
Sein politisches und gesellschaftliches Interesse zeigte sich immer auch in seinem Schreiben, Literatur war in Brechts Augen Gebrauchsliteratur, sie musste einen Wert haben, welchen er unter anderem darin sah, durch sie gesellschaftliche Strukturen sichtbar zu machen.
Brechts Werk fiel den Bücherverbrennungen durch die Nationalsozialisten zum Opfer, Brecht selber floh nach Paris, dann führte sein Weg über Dämemark, Schweden, Finland schliesslich in die USA, wo er aber nicht glücklich wurde, hegte er doch eine Abneigung gegen das Land und fand auch kaum Möglichkeiten, zu arbeiten. 1947 reiste Brecht nach Paris und dann nach Zürich, von wo er schliesslich wieder nach Berlin ging. Er sollte ein Reisender bleiben.
Brecht starb am 14. August 1956 in Berlin.
Zwei Liebesgedichte von Brecht:
Schwächen Du hattest keine Ich hatte eine: Ich liebte.
Die Liebenden Seht jene Kraniche in großem Bogen! Die Wolken, welche ihnen beigegeben Zogen mit ihnen schon als sie entflogen Aus einem Leben in ein anderes Leben. In gleicher Höhe und mit gleicher Eile Scheinen sie alle beide nur daneben. Daß so der Kranich mit der Wolke teile Den schönen Himmel, den sie kurz befliegen Daß also keines länger hier verweile Und keines anderes sehe als das Wiegen Des andern in dem Wind, den beide spüren Die jetzt im Fluge beieinander liegen: So mag der Wind sie in das Nichts entführen. Wenn sie nur nicht vergehen und sich bleiben So lange kann sie beide nichts berühren So lange kann man sie von jedem Ort vertreiben Wo Regen drohen oder Schüsse schallen. So unter Sonn und Monds verschiedenen Scheiben Fliegen sie hin, einander ganz verfallen. Wohin ihr? – Nirgend hin. Von wem davon? – Von allen. Ihr fragt, wie lange sind sie schon beisammen? Seit kurzem. – Und wann werden sie sich trennen? – Bald. So scheint die Liebe Liebenden ein Halt.
Virginia Woolf wurde am 25. Janaur 1882 als Tochter des berühmten Schriftstellers Leslie Stephen und dessen zweiter Frau in London geboren. Schon von Kindesbeinen an war sie von Schriftstellern und Künstlern umgeben, die den Salon des von ihr sehr verehrten Vaters besuchten. Sie besuchte keine Schule, sondern genoss Unterricht durch ihren Vater sowie von Privatlehrern. Schon früh stand fest, dass es für sie nur einen Beruf gab: Den der Schriftstellerin.
Als Virginia 13 Jahre alt war, starb ihre Mutter. Dies und wohl eine auch sonst nicht nur einfache Kindheit (es gibt keine wirklichen Zeugnisse aber Mutmassungen über körperliche Übergriffe durch ihre Halbgeschwister) führten zu einem psychischen Zusammenbruch. Es sollte nicht der letzte bleiben, Virginia Woolf litt zeitlebens unter einer manisch-depressiven Erkrankung.
Virginia Woolf begann scho früh, Essays zu schreiben und diese auch zu veröffentlichen. Sie schrieb für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften und unterrichtete auch eine Zeit lang englische Literatur und Geschichte. Eine Erbschaft ermöglichte ihr schliesslich, den Wunsch, als Schriftstellerin zu leben, zu erfüllen.
1912 kam es zur Hochzeit mit Leonard Woolf, bei dem Virginia keine körperliche Anziehung spürte, wie sie einer Freundin gestand, dessen Antrag bei ihr sogar einen depressiven Schub auslöste. Ausschlaggebend war seine Liebe zu ihr, der sie fortan bestmöglich gerecht zu werden versuchte. Virginia Woolfs Depressionen wurden stärker, 1913 kam es sogar zu einem Suizidversuch, und doch bezeichnete sie sich auch als glücklich, vor allem auch, weil ihr Mann mit ihrer körperlichen Zurückhaltung und ihrer Neigung zu Frauen umgehen konnte.
1915 wurde Woolfs erster Roman veröffentlicht, es folgten Essays, Romane, Erzählungen, immer wieder unterbrochen von depressiven Schüben. 1941 steigt Virginia Woolf in den Fluss Ouse, beschwert mit einem Stein, damit sie sicher untergeht und nicht zu früh gefunden wird. Den Freitod gewählt hat sie, weil sie befürchtet, die Depression könnte sie wieder so sehr im Griff haben, dass ihr Lesen und Schreiben unmöglich werden.
„Und mein Kopf ist ziemlich aufgewühlt. Mit ein paar leeren Stellen.“ (Tagebücher 26.2.1941)
Sie schreibt in ihrem Abschiedsbrief:
„Liebster, ich spüre mit Sicherheit, dass ich wieder verrückt werde.“
und
„Alles ausser der Gewissheit deiner Güte, hat mich verlassen. […] Ich glaube nicht, dass zwei Menschen glücklicher hätten sein können, als wir gewesen sind.“
Zum Werk Virginia Woolf zählt zu den wichtigsten Autorinnen der klassischen Moderne. Von ihr erschienen sind unter anderem:
The Voyage out
Mrs. Dalloway
Orlando
Room of One’s own (das grossen Einfluss auf die damalige Frauenbewegung hatte)
Flush
etc.
Wer mehr über das Leben von Virginia Woolf erfahren will, dem kann ich diesen Film ans Herz legen: THE HOURS
Geboren am 24. Januar 1776 in Königsberg schlug E. T. A. Hoffmann, ganz der Familientradition folgend, nach seiner Schulzeit die juristische Laufbahn ein. Schon damals war er den Künsten zugewandt, schrieb, zeichnete und musizierte, gab auch Musikunterricht. Trotz seines schon damals ausgeprägten Interesses an Kunst und Kultur, zog er die Juristerei bis zum dritten Staatsexamen durch, bekleidete danach diverse Ämter, doch die Kunst liess ihn nie los. Er schrieb, komponierte, entschied sich ganz für die Künstlerlaufbahn und kehrte doch wieder in den Staatsdienst zurück – nicht ganz glücklich, worauf verschiedene Bewerbungen im Musikbereich deuten, welche leider nur zu Absagen führten.
In E. T. A. Hoffmanns Schreiben zeigt sich eine Welt, die zwischen Realität und Märchen angesiedelt ist. Einerseits durchleuchtet und präsentiert er den Menschen in seinem Sein auf sehr entlarvende Weise, andererseits werden seine Charaktere immer auch mit Wundersamem und Wunderbarem konfrontiert. Geheime und dunkle Mächte haben nicht selten ihre Wirkungen auf den Helden in Hoffmanns Erzählungen, drohen, ihn ins Verderben zu stürzen.
Bei anderen Dichtern seiner Zeit polarisierte Hoffmann: Goethe, Eichendorff und Jean Paul konnten wenig mit ihm anfangen, Grimm mit der Ausnahme des Nussknackers ebenso (Er befand Hoffmann in einer Aussage sogar als widerwärtig seines Geistes und Witzes wegen). Anders aber Heine, Chamisso oder Balzac. Vielleicht war er mit seiner Reise in die Phantasiewelt seiner Zeit voraus, denn spätere Generationen liessen sich von ihm durchaus inspirieren.
E. T. A. Hofmann starb am 25. Juni 1822 in Berlin.
Wie würde eine kurze Biographie von Ihnen aussehen?
Geschlüpft in Schaffhausen, den gestalterischen Vorkurs besucht an der F+F in Zürich, studiert an der HSLU in Luzern, lebt und arbeitet in Hamburg.
Kooni ist nicht dein Taufname – wie und wieso kamst du auf den Namen und ist das nur deine Künstleridentität oder bist du auch privat Kooni?
Ich habe unter Kooni, einer Ableitung des Spitznamens meines Großvaters, in meiner Jugend Streetart gemacht. Mittlerweile nennen mich aber alle so.
Waren Sie das Kind, das immer und überall mit Zeichenstiften bewaffnet auftrat?
Zeichnen hat schon eine große Rolle gespielt, ja, aber ich habe mich viel draußen rumgetrieben, die Stifte waren eher Waffen gegen langweilige Schulstunden oder Regentage.
Sind Sie heute immer mit einem Skizzenbuch unterwegs, um auch vom Leben zu zeichnen, oder dienen Ihnen diese nur zu Studienzwecken/Skizzen für Illustrationen?
Tatsächlich habe ich das Skizzenbuch immer dabei, ich halte spontane Einfälle fest oder überbrücke langweilige Wartezeiten. Das Skizzenbuch ist mein Fundus, mein Sammelbecken, daraus entsteht alles.
Wie sah Ihr Weg in die Illustration aus?
Mein Vater hat mir ein kleines leeres Buch geschenkt, als ich 4 Jahre alt war, ich habs aufgeschlagen und angefangen zu zeichnen. Ich muss auch gestehen, ich habe nie wieder besser gezeichnet als in dieses erste Skizzenbuch, absoluter Karrierehöhepunkt.
Ist eine Ausbildung zum Illustratoren unabdinglich, hilfreich, unnötig?
Der größte Pluspunkt meines Studiums war und ist das riesige Netzwerk an Menschen, von dem ich wahrscheinlich das ganze Leben lang profitieren werde. Außerdem ist es für kreative Menschen sicher auch nicht schlecht, nach einer langen Schullaufbahn, die auf Standartberufe ausgelegt ist, unter Gleichgesinnten zu sein und für Fähigkeiten, die bis anhin als unwichtig abgestempelt wurden, ernstgenommen zu werden. Techniken, Verfahren und sonstiges Wissen kann man sich aber gut selber erarbeiten.
Ich hörte mal die Aussage, Talent gebe es nicht, Können von Willen, Ehrgeiz, Ausdauer, Schweiss und Tränen. Wie sehen Sie das? Alles Talent oder kann man Zeichnen/Illustrieren lernen?
Ich glaube nicht so sehr an Talent und bin auch kein Fan von dieser Schweiß-Tränen-Leiden-Nummer. Klar, ein Mensch hat bestimmt gewisse Veranlagungen, aber gerade Zeichnen ist Übungssache. Ich zeichne seit ich denken kann, klar bin ich da gut drin, das wäre jeder andere Mensch auch. Und zu Schweiß und Tränen: Ich zeichne besser, wenn ich Spaß habe, als wenn ich mich wochenlang selbstgeißele für ein Projekt.
Was macht einen guten Illustratoren aus?
Ich finde, dass Illustrator*Innen einen neuen Blickwinkel aufzeigen sollten, bei einem Bilderbuch zum Beispiel nicht einfach das zeichnen, was der Text sagt, sondern eine neue Ebene einbauen, einen zusätzlichen Witz erzählen, eine Nebengeschichte zum Text aufmachen, den Betrachtern etwas zutrauen. Zudem flashen mich ganz persönlich Illustrator*Innen, die bei ihren Figuren eine große Diversität in der Mimik haben.
Haben Sie Lieblingsmedien (welche?) oder passen Sie diese immer den jeweiligen Ideen an?
Ich experimentiere immer wieder gerne mit neuen Techniken, aber hauptsächlich arbeite ich analog mit Tusche oder Bleistift und mache die Nachbearbeitung in Photoshop, die Layouts im InDesign.
Ihre Illustrationen sind mehrheitlich sehr linear, Farben setzen sie sparsam ein. Was bedeutet Ihnen Farbe?
Die komplette Überforderung, ich habe keine Ahnung davon.
Sie arbeiten hauptsächlich im Bereich Editorial, Cover und Plakate – wieso kam es dazu? Reizt Sie das mehr als zum Beispiel Buchillustrationen?
Ich bin eine spontane Zeichnerin, ich sitze nicht gerne monatelang an einem Projekt und mache 1000 Skizzen vor der Reinzeichnung, darum passe ich gut in die schnelllebige Medienlandschaft. Die Aufträge aus der Kulturszene kommen, weil ich mich da auch gerne bewege, ich mag Konzerte, gute Restaurants und Bars, die Clubkultur… Ein ewiges Rätsel, das mich immer reizt, ist: Wie visualisiere ich Musik? Wie zeichne ich die Klänge unterschiedlicher Instrumente, wie zeichne ich Bass, Rausch, Sphäre?
Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?
Vor 11:00 passiert nichts Brauchbares, außer ich finde in meinem Posteingang einen wichtigen Spontanauftrag. Aber normalerweise beantworte ich im Bett E-Mails und reagiere auf kleine Korrekturwünsche. Danach ein Blick in den Kalender und auf die To-Do-Liste. Ich beginne mit dem dringendsten Projekt, dazu hör ich Podcasts. Ich arbeite gerne in die Nacht hinein, um 1:00 – 2:30 ist meine Konzentration am höchsten. 1-2 Tage die Woche arbeite ich als Ausgleich in einem Café.
Ich hörte mal, der grösste Feind des Künstlers sei nicht mangelndes Talent, sondern die Störung durch andere Menschen. Brauchen Sie zum Arbeiten Stille und Einsamkeit, oder stören Sie andere Menschen nicht?
Wenn ich im Ungleichgewicht oder von einem Projekt nicht überzeugt bin, nervt mich selbst das kleinste Geräusch. Dann versuche ich, mich mit Noise Cancelling Kopfhörern oder in einer ungestörten Nachtschicht zu konzentrieren. Im Grunde bin ich aber ein extrovertierter Mensch, ich brauche meine Leute um mich herum. Die Illustration ist schon eher ein einsamer Beruf, darum setze ich mich auch gerne mal in den Flur meiner großen WG oder in ein überfülltes Café. Ich glaube, da braucht man einfach für jeden Tagesbedarf eine Strategie.
Woher holen Sie Ihre Inspirationen/Ideen?
Alltagssituationen, Internet, Museen, ein Thema während der Arbeit im Café tagelang zerdenken oder ohne nachzudenken stundenlang im Flow zeichnen.
Können Sie Ihren Weg von der ersten Idee bis hin zum fertigen Bild beschreiben?
Manchmal hat man in der ersten Sekunde die richtige Idee, manchmal braucht man dafür tagelang, das ist unterschiedlich. Wenn ne Idee dann aber da ist, habe ich das Endprodukt schon ziemlich klar vor Augen. Ich zeichne nicht vor, ich arbeite direkt mit Tusche, lasse Fehler stehen und korrigiere danach am Computer, so spare ich Zeit.
Wenn sie an Ihre vergangenen Arbeiten denken: Gibt es ein Projekt, das Ihnen besonders am Herzen liegt? Wenn ja: Welches, und wieso?
Das Plakat und der visuelle Auftritt für das Schaffhauser Jazzfestival. Als die Organisator*innen für 2018 anfragten, hab ich mich riesig gefreut, denn das stand schon ewig lange auf meiner Traumauftragsliste. Ich habe im Projekt alte Konzepte weiterentwickelt, eine neue Sprache gefunden, auch aus heutiger Sicht stimmt da noch immer alles.
Wenn Sie ein Traumprojekt beschreiben könnten: Was würden Sie gerne illustrieren?
Ich würde gerne noch mehr Aufträge in den Themenbereichen machen, die mich auch als Mensch privat beschäftigen, z.B. für Seenotrettung-NGO’s, feministische Organisationen, Klimaschutz, …
Wie erleben Sie das Klima unter Illustratoren? Ist jeder ein potentieller Konkurrent, den man meidet, oder ein Kollege im selben Arbeitsumfeld, mit dem man sich gerne austauscht?
Ich habe, das Studium miteingerechnet, noch nie Rivalität erlebt, es ist eher das Gegenteil: es werden sich Aufträge zugespielt, Illustrator*innen mit passenderem Stil empfohlen, gegenseitig um Rat gefragt bei Unsicherheiten…
Haben die elektronischen Medien den Beruf schwerer gemacht oder beflügelt?
Ich denke nicht, dass sich ein Medium so einfach in gut oder schlecht kategorisieren lässt. Die elektronischen Medien gehören zu unserer Zeit, mit allen Vor- und Nachteilen.
Was raten Sie jemandem, der Illustrator werden will?
Ein gut gepflegtes Portfolio im Internet und/oder ein Instagram Account. Charme und ein lockeres Mundwerk, um Leute, für die man gerne arbeiten würde, vollzusabbeln. Sich bei den Themen Urheberrecht und Nutzungsrecht schlau machen. Die Bereitschaft, dass man mit unregelmäßigem Einkommen auskommen und sich um Rente, Steuern, Krankenkasse und den ganzen Kram selber kümmern muss. Sich nicht verrückt machen, wenn man mal einen Monat gar nicht zeichnen kann. Ich nenne das Input-Phasen, in der Zeit einfach neue Eindrücke sammeln, Museen besuchen, Dokus schauen, Neues kennenlernen. Und am Anfang ist ein regelmäßiger Job, der öffentlich zu sehen ist, das Allerbeste, selbst wenn der Lohn lausig ist. Also das Veranstaltungsprogramm für ein Club oder Theater, was dann Monat für Monat in der ganzen Stadt hängt, eine wechselnde Speisekarte für ein Restaurant, eine Illustration in einer Wochenzeitung und sei es nur ein Inserat für eine Firma, irgendwie sowas. Beste Werbung!
Welchen Illustrator soll ich hier noch vorstellen? _
Wer mehr von Kooni sehen will, findet ihr Portfolio HIER
Er reiste gerne. Am liebsten im Zug. Einen Führerschein besass er nie. Das Reisen war insofern nie eine Qual, als die Destinationen seinen Interessen geschuldet waren und Interessen hatte er viele. Wie gerne lasen wir von seinen Reisen, wie gerne gaben wir uns seinen Beschreibungen hin, die mit einer Leidenschaft daher kamen, die in uns das Interesse an Dingen weckte, das wir nie gehabt hätten sonst. Und hatten wir es gehabt, wussten wir nach der Lektüre, wieso.
Kürzlich sah ich im TV eine Wiederholung einer alten Sendung, ein Interview mit Roger Willemsen. Er hatte ein unglaublich gewinnendes Wesen. Nicht weil er es drauf anlegte, weil er bei allem, was er sagte, ganz er war und immer mit Begeisterung sprach von dem, was er tat, dachte, wollte. Er war ein interessierter Mensch, er wollte hinter die Dinge sehen, er wollte die Dinge erleben, über die er schrieb. Und er reiste hin. Im Zug. Er verstand es, dieses Interesse in seinen Texten lebendig werden zu lassen, er verstand es, seine Leser und Zuhörer mitzunehmen auf die Reisen.
Er war ein unglaublich belesener, unglaublich intelligenter Mensch. Er hat das nie zur eigenen Profilierung genutzt, aber er konnte beim Schreiben aus dem Vollen schöpfen. Und das spürte man beim Lesen. Und wenn man ihn erlebte, merkte man, dass es echt ist, dass er echt ist.
Geboren wurde er in eine gebildete und kunstinteressierte Familie, der Vater war Kunsthistoriker, Maler und Restaurator, die Mutter in ostasiatischer Kunst bewandert. Das mag seinen Weg vorgespurt haben. Dass die Familie keinen Fernsehen hatte, er täglich einige Hundert Seiten zum Zeitvertreib lesen „musste“, hat wohl nicht geschadet. Und er gab alles wieder:
„Ich vermittele sehr gerne, versuche Dinge aufzubereiten, reichere sie durch Enthusiasmus an, sonst bleiben sie meistens unbelebt.“
Heute würde er 62 Jahre alt. Zum Glück bleiben seine Bücher, die in seinem Sinne weiter wirken.
Hans Gustav Bötticher, wie Joachim Ringelnatz eigentlich heisst, wird am 7. August 1883 in Wurzen, einem Ort bei Leipzig, in ein künstlerisches Elternhaus geboren. 1886 folgt der Umzug nach Leipzig. Der Vater schreibt humoristische Verse und Kinderbücher und veröffentlicht über vierzig Bücher, die Mutter stellt Puppenkleidung her. Die Familie Bötticher ist finanziell gut gestellt. Klein Hans strebt dem Vater nach, ein Streben, das ihn zeit seines Lebens verfolgen soll, da er sich immer hinter dem zurückstehend sieht in Anbetracht von dessen akademischem Hintergrund. Trotzdem steht er ihm näher als der Mutter, deren Liebe ihm fehlt.
Die Schulzeit stellt ein eher düsteres Kapitel für Ringelnatz, wie wir ihn fortan nennen wollen, dar. Einerseits wird er von den Mitschülern wegen seines Aussehens gehänselt, andererseits fühlt er sich unwohl in Bezug auf die Lehrer, welche er als „respektfordernde Dunkelmenschen“[1] sieht. Sein Aussehen wird noch sein Leben lang an ihm nagen, viele seiner Schwierigkeiten im Leben führt er darauf zurück. Nach einem Vorfall in der Schule fliegt Ringelnatz von Gymnasium, setzt seine Schulkarriere in einer Privat-Realschule fort, beendet aber auch diese Lebensetappe wenig erfolgreich, indem er neben schlechten Noten den Eintrag „Schulrüpel ersten Ranges“[2] heimträgt.
Ringelnatz hat den Traum, Seemann zu werden, sieht aber schon nach fünf Monaten als Schiffsjunge, dass er als eher kleiner, feiner Jüngling in der harten Seemannswelt einen schlechten Stand hat. Es folgt Arbeitslosigkeit im Wechsel mit diversen Jobs im Seemannsbereich. Weitere Versuche, beruflichen Erfolg zu finden, sind ebenfalls nicht vom Glück gekrönt, Höhepunkt eines solchen Versuchs ist sogar eine Inhaftierung. Unter all diesen unerfreulichen Lebensumständen veröffentlicht Ringelnatz Gedichte, Witze und Anekdoten in einer satirischen Zeitschrift.
1909 tritt Joachim Ringelnatz in der Münchner Künstlerkneipe Simpilicissimus auf und legt damit den Grundstein zu seiner Künstlerlaufbahn. Schnell wird er zum Hausdichter des Etablissements, verkehrt fortan mit Künstlern wie Erich Mühsam, Bruno Frank, Ludwig Thoma, Frank Wedekind, und vielen mehr. Wegen der schlechten Bezahlung auf der Suche nach anderen Einnahmequellen, versucht sich Ringelnatz als Dichter von Reklameversen – auch das ohne finanziellen Erfolg. Es folgen Veröffentlichungen von Gedichten und Essays unter verschiedenen Pseudonymen in der angesehenen Satirezeitschrift Simplicissimus sowie zwei Kinderbücher und ein Gedichtband.
Um seinen Bildungsmangel zu beheben und nicht länger hinter seinen Künstlerkollegen zurückzustehen, nimmt Ringelnatz Privatunterricht in Latein, Geschichte, Literaturgeschichte und weiteren Fächern, verschlingt zudem Werke der Weltliteratur. Schon bald fehlt das Geld, sein Bohème-Leben weiterzuführen, so dass er fortan als Wahrsagerin verkleidet den Prostituierten in Bordellen die Zukunft vorhersagt. Die finanzielle Lage bleibt prekär, der Winter ist hart, ihm entspringt der erste Band seiner autobiographischen Bücher. Weitere Arbeitsversuche führen ihn 1912 zu einer Anstellung als Bibliothekar, zu einem Job als Fremdenführer und schliesslich zur Arbeit als Schaufensterdekorateur (für die Dauer eines Schaufensters, danach sieht er seine zu unorthodoxe Dekorationskunst ein und gibt auf).
Obwohl Ringelnatz in dieser Zeit einiges veröffentlichen kann, unter anderem seine Gedichtsammlung Die Schnupftabakdose, hat er kaum Einnahmen aus seiner Schriftstellerei. Zu Kriegsbeginn meldet er sich freiwillig zur Marine, darf aber zu seiner Enttäuschung nicht am Getümmel teilnehmen, versucht aber alles, um die Karriereleiter in der Armee hochzusteigen. Auch der Krieg lässt Ringelnatz ernüchtert zurück. Im Jahr 1918 erschüttert ihn der Tod seines Vaters schwer. 1920 heiratet Ringelnatz, das Paar wohnt erst in München, dann in Berlin, seine Frau Leonharda unterstützt ihn in seinem Schreiben, doch das Paar ist weiterhin in ständiger Geldnot. Ringelnatz versucht das durch eine Aushilfsstelle bei der Post und Auftritte im Simplicissimus aufzufangen, was nur leidlich gelingt. Auch die erfolgreichen Gedichtsammlungen, Auftritte in verschiedenen Kabaretts und weitere Bücher bringen nur Achtungs- kaum Gelderfolg.
Vollends verarmen Ringelnatz und seine Frau nach 1933, als die an die Macht gekommenen Nationalsozialisten ihm ein Auftrittsverbot auferlegen und später auch seine Bücher verbrennen. In dieser Zeit zeigen sich erste Zeichen von Tuberkulose, woran Joachim 17. November in seiner Wohnung stirbt.
Sein Werk
Lange Zeit beschränkt sich das Hauptinteresse von Ringelnatz’ Leserschaft vornehmlich auf seine Lebensgeschichte, was in Anbetracht dieses sehr umtriebigen Lebens nicht erstaunt. Die Literaturwissenschaft spricht seiner Lyrik zeitweise Rang und Wert ab, befindet sie als höheren Ansprüchen nicht genügend.
Joachim Ringelnatz’ Schaffen ist stark geprägt vom literarischen Kabarett der Jahrhundertwende, es findet sich in seinem Schreiben oft eine Ähnlichkeit mit Christian Morgenstern, aber auch Frank Wedekind, Carl von Maassen und andere haben auf ihn eingewirkt. Anders als bei Morgenstern wird bei Ringelnatz Reales in den Gedichten umgesetzt. In der Figur des Kuttel Daddeldu verarbeitet Ringelnatz zum Beispiel viel Autobiographisches:
So erzählt Kuttel Daddeldu heiter, –
Märchen, die er ganz selber erfunden.
Und säuft. – Es verfliessen die Stunden.
Die Kinder weinen. Die Märchen lallen.
Die Mutter ist längst untern Tisch gefallen,
und Kuttel – bemüht, sie aufzuheben –
Hat sich schon zweimal dabei übergeben.
Und um die Ruhe nicht länger zu stören,
Verlässt er leise Mutter und Göhren.[3]
Ringelnatz’ Werk vereint schwarzen Humor, Groteske, die Sicht auf das reale Leben und die Zeit, es umfasst exotische Erzählungen, Lügenmärchen, Seemannsphilosophie sowie Gedichte und Balladen, welche die verschiedensten Gefühlslagen von Lebenslust bis hinein in die tiefen Niederungen der Befindlichkeit widerspiegeln. Die Moral, welche Ringelnatz der Welt zuschreibt, klingt sowohl banal als auch nüchtern, manchmal gar brutal und zynisch:
Vier Treppen hoch bei Dämmerung
Du mußt die Leute in die Fresse knacken.
Dann, wenn sie aufmerksam geworden sind, –
Vielleicht nach einer Eisenstange packen, –
Mußt du zu ihnen wie zu einem Kind
Ganz schamlos fromm und ärmlich einfach reden
Von Dingen, die du eben noch nicht wußtest.
Und bittst sie um Verzeihung – einzeln jeden –,
Daß du sie in die Fresse schlagen mußtest.
Und wenn du siegst: so sollst du traurig gehen,
Mit einem Witz. Und sie nie wieder sehen.
[1] Günther: Joachim Ringelnatz in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten.
[2] Friederike Schmidt-Möbus: Joachim Ringelnatz – Leben und Werk
[3]Kuttel Daddeldu und die Kinder aus: Joachim Ringelnatz: Gedichte Prosa Bilder
Wann wird er endlich kein Kind mehr sein? Was wird ihn davon befreien, ihn zum Mann machen?
Befreien wird ihn, wenn es soweit ist, die Liebe. Wenn er auch nicht an Gott glaubt, an die Liebe und die Macht der Liebe glaubt er.[1]
J. M. Coetzee wird am 9. Februar 1940 in Kapstadt als Kind einer Grundschullehrerin und eines Juristen, die Familie hat niederländische Wurzeln, geboren. Gesprochen wird wird in der Familie Englisch, trotzdem ist er auch des Afrikaans mächtig. Die politischen Umstände sind alles andere als einfach, die Apartheid bahnt sich an und spaltet das Land. Coetzee studiert Englisch, absolviert daneben ein Zweitstudium in Mathematik. Er fühlt sich – glaubt man seinem autobiographischen Roman Die jungen Jahre – immer zum Dichter berufen, findet aber selten die richtigen Umstände, um wirklich mit dem Schreiben zu beginnen, so wie er es gerne täte. Entweder wähnt er sich am falschen Ort oder er fühlt von der Muse – der richtigen Frau, die für ihn bestimmt ist und die in ihm die Kreativität entzünden wird – ungeküsst.
Um beides zu ändern bricht John nach London auf, wo er eine Stelle als Programmierer bei IBM annimmt. Neben der Arbeit sucht er nach Frauen und nach literarischen Vorbildern, an denen er sich festhalten und wachsen könnte – beides klappt nicht wie gewünscht und auch der Arbeitsalltag setzt ihm mehr und mehr zu.
Unter dem schattenlosen Neonlicht fühlt er sich im Innersten bedroht. Dem Gebäude, ein charakterloser Würfel aus Beton und Glas, entströmt offenbar ein Gas, geruchlos, farblos, das in sein Blut gelangt und ihn betäubt. IBM, das kann er beschwören, ist dabei, ihn umzubringen, ihn in einen Zombie zu verwandeln.[2]
Neben dem immer unbefriedigenderen Brotberuf schreibt Coetzee eine wissenschaftliche Arbeit über Ford Madox Ford und erhält damit 1963 den Master in Englisch der Universität Kapstadt. Im gleichen Jahr heiratet er auch. Es folgt 1965 das Doktoratsstudium, welches er 1969 erfolgreich abschliesst, um danach eine Lehrtätigkeit an der State University of New York at Buffola aufzunehmen. Sein politisches Engagement gegen den Vietnamkrieg wird ihm zum Verhängnis: Sein Antrag auf ein unbefristetes Aufenthaltsrecht wird abgelehnt, die ganze Familie (mittlerweile sind zwei Kinder geboren) reist nach Südafrika, wo Coetzee 1970 einen Lehrauftrag für Englisch, Linguistik und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Uni Kapstadt übernimmt, 1984 wird er zum Professor ernannt.
Das Werk
Coetzees Romane, Erzählungen und auch seine Sachbücher zeugen von seinem politischen Engagement. Immer weist er auf die Missstände in seinem Land hin, zeigt die prekäre Lage in Bezug auf die Menschlichkeit, aber auch die Vergehen des Menschen am Tier auf.
Ebenfalls Thema ist bei Coetzee die Grenze zwischen Literatur und Fiktion. In einigen Werken tritt ein stark autobiographischer Zug zutage, trotzdem bleibt der Protagonist des Romans eine Kunstfigur, die zwar viele Lebensfakten des Autors in sich trägt oder Stationen durchläuft, dabei aber nie ein genaues Abbild desselben darstellt. Das persönliche Selbstverständnis eines Menschen, so Coetzee, ist denn auch selten eine realistische, objektive Sicht auf sich selber, es entspringt vielmehr einem Bewusstsein, das bewusst oder unbewusst manipulierbar ist. Eingehend befasst hat sich Coetzee damit in seinem Buch Eine gute Geschichte: Ein Gespräch über Wahrheit, Erfindung und Psychotherapie, welches in Zusammenarbeit mit der Psychologin Arabella Kurtz 2016 herausgekommen ist.
Aktuelle Lesung
John M. Coetzee liest am Dienstag, 4. Juli am Openair Literatur Festival in Zürich aus seinem bisher unveröffentlichten Text The Glass Abattoir (Das Glas-Schlachthaus). Es geht in dem Text im weitesten Sinne um die Beziehung eines Sohnes zu seiner Mutter, aber auch um das Verhältnis von Mensch und Tier, um die Missstände in Bezug auf die unwürdige Behandlung des Tieres durch den Menschen.
Link zur Veranstaltung: HIER
Ausgewählte Werke:
Romane und Erzählungen
1977 In the Heart oft he Country (Im Herzen des Landes)
1980 Waiting fort he Barbarians (Warten auf die Barbaren)
1983 Life & Times of Michael K (Leben und Zeit des Michael K)
1997 Boyhood. Secenes from Provincial Life (Der Junge. Eine afrikanische Kindheit)
Mascha Kaléko wird am 7. Juni 1907 im galizischen Chrzanów (damals Österreich-Ungarn, heute Polen) als nichteheliches Kind des jüdisch-russischen Kaufmanns Fischel Engel und der österreichisch-jüdischen Rozalia Chaja Reisel Aufen geboren (Die Eltern heiraten 1922 und der Vater adoptiert Mascha).
1914 reist die Mutter mit Mascha und deren Schwester Lea nach Frankfurt, um den Pogromen in ihrer Heimat zu entgehen, Mascha besucht hier die Volksschule. Weil Maschas Vater die russische Staatsbürgerschaft hat, wird er als feindlicher Ausländer verhaftet, kommt aber bald darauf wieder frei. Die Familie zieht 1916 nach Marburg um, 1918 folgt der Umzug nach Berlin. Mascha leidet unter den vielen Umzügen, das Gefühl von Heimat geht ihr verloren. Dieser Verlust wird sie zeitlebens prägen und auch Gegenstand ihrer Gedichte sein.
Mascha hätte gerne studiert, doch ihr Vater fand das für ein Mädchen unnötig, so dass sie 1925 im Arbeiterfürsorgeamt der jüdischen Organisationen Deutschlands eine Bürolehre beginnt und nebenbei an der Universität Abendkurse belegt. Nebenher schreibt sie immer schon Gedichte, als Inspiration dient ihr der Brotberuf und das Berliner Grossstadtleben, sie schreibt aus dessen Mitte heraus über die Gefühle der normalen Menschen auf der Strasse. Dafür wird sie geliebt, denn die Menschen erkennen sich wieder, sie sehen in Mascha jemanden, der ihre Sprache spricht, der sie versteht.
Am 31. Juli 1928 heiratet Mascha den Hebräischlehrer Saul Aaron Kaléko. 1929 veröffentlicht Mascha ihr erstes Buch, welches ein Erfolg wird. Lesungen folgen, sie verkehrt im Romanischen Café mit anderen Literaten Berlins. Als Hitler an die Macht kommt, wird das Leben für jüdische Künstler schwieriger. Mascha ist noch nicht betroffen, auch von der Bücherverbrennung wird sie verschont. Erst 1935 stellt das Regime fest, dass Mascha Jüdin ist, ihr Erfolg nimmt ein jähes Ende.
Im selben Jahr lernt sie den Dirigenten und Musikwissenschaftler Chemjo Vinaver kennen und lieben. Die beiden erwrten bald darauf ein Kind, Avitar Alexander Kaléko erblickt im Dezember 1936 das Licht der Welt – denn verheiratet ist Mascha immer noch mit Saul Aaron Kaléko, der als Vater eingetragen ist. Mascha leidet unter der Lebenslüge, die sie wohl 1937 aufdeckt. Kaléko will von einer Scheidung nichts wissen, zu sehr liebt er Mascha. 1938 werden die beiden dann doch rechtsgültig geschieden (im Oktober 1937 waren sie schon religiös geschieden worden) und Mascha und Chemjo können im Juni 1938 heiraten.
Die Ehe ist nicht nur einfach, trotz der grossen Liebe. Chemio scheint sehr impulsiv und aufbrausend zu sein, es kommt oft zu Streit. 1938 verlässt die kleine Familie Berlin und tritt die Emigration in die USA an. Mascha fühlt sich hier nie zu Hause, sie vermisst ihre Sprache, sie vermisst ihre Ausdrucksmöglichkeit. Zudem ordnet sie ihre eigenen Wünsche und Pläne ihrem Mann unter und versucht, ihn in seiner Karriere zu unterstützen. Ihre Familie ist ihr immer das Wichtigste, obwohl sie auch ihre Erfolge als Dichterin vermisst.
Nach dem Krieg können Maschas Gedichte in Deutschland wieder gelesen und neu aufgelegt werden. Eine Reise nach Deutschland kann sie sich aber lange nicht vorstellen. Erst 1955 wird sie die ehemalige Heimat wieder sehen. Sie sieht viel Vertrautes, aber merkt auch, dass es das Berlin, wie sie es kannte, nicht mehr gibt.
1960 wandern Mascha und Chemjo nach Palästina aus – auch dieser Schritt geschieht Chemjo zuliebe. Mascha leidet unter dem erneuten Wechsel und sie fühlt sich in nun noch isolierter als in Amerika, zumal sie die Sprache nicht spricht. Als 1968 ihr Sohn nach einer schweren Krankheit stirbt, zerbricht etwas in Mascha. Sie wird sich von dem Verlust nicht mehr ganz erholen.
Vor meinem eigenen Tod ist mir nicht bang
Nur vor dem Tod derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?[1]
Sie selber ist auch schon seit längerer Zeit immer wieder krank, auch Chemjo kämpft mit seiner Gesundheit. Eine grosse Müdigkeit lastet auf Mascha. Chemjo stirbt am 16. Dezember 1973.
1974 bricht sie nochmals auf eine ausgedehnte Europareise auf, besucht nochmals Berlin, überlegt sogar, hier eine kleine Zweitwohnung zu nehmen. Dazu soll es nicht mehr kommen. Als sie auf dem Weg zurück nach Jerusalem in Zürich Halt macht, muss sie ins Krankenhaus, wo sie am 21. Januar 1975 stirbt.
Ausgewählte Werke
Das lyrische Stenogrammheft (1933)
Kleines Lesebuch für Grosse (1935)
Verse für Zeitgenossen (1945)
Der Papagei, die Mamagei und andere komische Tiere (1961)
Verse in Dur und Moll (1967)
Das himmelgraue Poesiealbum der Mascha Kaléko (1968)
Paul Thomas Mann, wie Thomas Mann eigentlich hiess, wird am 6. Juni 1875 in Lübeck geboren. Seine Familie gehört zur besseren Gesellschaft, der Vater ist Inhaber einer Getreidehandlung, hat später verschiedene Ämter inne, seine Mutter stammt aus einer wohlhabenden deutsch-brasilianischen Kaufmannsfamilie. Neben Thomas hat die Familie noch folgende Kinder: Heinrich (1871), Julia (1877), Carla (1881) und Viktor (1890).
Man kann seine Kindheit wohl eine – der Zeit ensprechend – unbeschwerte nennen, schwieriger wird es in der Schule, wo er eher mässig begabt oder interessiert ist, so dass er verschiedene Klassen mehrfach absolviert und schliesslich 1894 ohne Abitur abgeht. Er ist mit dieser Schulkarriere nicht allein, schon Heinrich ist vor dem Abitur ausgetreten und arbeitet beim Schulaustritt seines Bruders bereits als Volontär beim S. Fischer Verlag in Berlin. Bis zum Schulaustritt lebt Thomas bei verschiedenen Lehrern in Pension, ist doch seine Mutter nach dem Tod ihres Mannes, Thomas Manns Vater, und dem testamentarisch verfügten Verkauf der Getreidefirma, mit den drei Jüngsten Kindern nach München gezogen, wohin Thomas Mann 1894 folgt.
Schon während seiner Schulzeit hat Thomas Mann geschrieben, allerdings keine langen Romane wie später im Leben, sondern – eher schwülstige, von leidenschaftlicher Verliebtheit (zu einem Mitschüler) geprägte – Gedichte (Eine Erinnerung daran findet sich wohl im Tonio Kröger und der Bleistiftszene wieder.). Ein kurzer Ausflug in die Arbeitswelt – Thomas Mann hat eine Stelle als Volontär bei einer Feuerversicherung angenommen und schnell wieder gekündigt – kündigt sich in ihm wohl der Entschluss an, Schriftsteller werden zu wollen. Eine erste Erzählung mit dem Titel Gefallen wird auch sofort in einer Zeitschrift veröffentlicht, es folgen Besuche von Vorlesungen in Literaturgeschichte, Geschichte, Mythologie und mehr als Gasthörer an der Technischen Hochschule sowie weitere literarische Versuche, welche aber von weniger Erfolg gekrönt sind. Trotzdem hatte sein Ersterfolg Thomas Mann die Türen zur Literaturszene Münchens geöffnet.
1895 reist Thomas Mann mit seinem Bruder Heinrich für einige Monate nach Italien. Im Jahr 1896 folgt ein längerer Aufenthalt ebenda, die beiden Brüder bleiben bis im April 1898 und Thomas Mann verfasst mehrere kleinere Arbeiten und beginnt 1897 mit den Buddenbrooks. Zurück in München arbeitet er als Lektor, arbeitet daneben weiter am Verfall der Familie Buddenbrook, bis er diese im August 1900 an Samuel Fischer schickt, welcher den Druck beschliesst. War bislang Heinrich der erfolgreichere Schreiber, überholt ihn Thomas mit seinem Erstling. Dieser Umstand sowie die für den Bonvivant Heinrich zu bürgerliche Existenz von Thomas führt wohl zu einem angespannten Verhältnis zwischen den Brüdern, das sich lange nicht mehr erholen soll.
1903 lernt Thomas Mann Katia Pringsheim kennen, welche er am 11. Februar 1905 heiratet. Schlag auf Schlag folgen vier Kinder: Erika (1905), Klaus (1906), Golo (1909) und Monika (1910), später dann noch Elisabeth (1918) und Michael (1919). (Mehr zu Thomas Mann als Vater findet sich HIER)
Die Jahre von 1905 bis 1914 sind für Thomas Mann gute Jahre (ausser dem Selbstmord seiner Schwester Carla 1910). Er hat Erfolg, der Familie geht es gut. Unterbrochen wird das eigentlich ruhige Leben nur durch einen Kuraufenthalt Katja Manns in Davos, wo Thomas Mann sie besucht und dadurch auf die Idee zum Zauberbergt kommt. Die ersten Kapitel entstehen noch vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs (Der Zauberberg erscheint Ende 1924). Anfänglich bejubelt Thomas Mann den Kriegsausbruch, womit er in guter Gesellschaft ist, allerdings ist er nicht diensttauglich. Er steuert schriftliche Gedanken zum Geschehen bei, lebt ansonsten wie vor dem Krieg weiter, ausser dass ihn häufige Krankheiten plagen. Zwischen den Kriegen passiert wenig Erwähnenswertes, das Leben nimmt seinen Lauf. Auch die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 ändert daran nicht viel.
Thomas Mann ist gerade in Arosa, als er von diversen Verhaftungen in München erfährt und beschliesst, nicht gleich nach Hause zu reisen. Es kommt in der Zeit zur Denunziation Manns in München, die Aufmerksamkeit der Polizei liegt nun auf ihm, was zu einer Hausdurchsuchung führt. Wäre Thomas Mann jetzt heimgekehrt, wäre er in der Tat verhaftet worden. Thomas Mann schlägt seine Zelte in Küsnacht in der Schweiz auf. Unterzwischen ist sein Haus in München beschlagnahmt worden. 1936 verliert Thomas Mann die deutsche Staatsbürgerschaft und wird tschechoslowakischer Bürger. Bis dahin schreibt er fleissig weiter, immer öfter auch antifaschistische Stellungnahmen. In der Zeit arbeitet er auch an seinen Joseph-Büchern.
Es folgen Reisen nach Amerika, 1938 bleibt er schliesslich ganz. 1939 unternimmt Thomas Mann eine grosse Europareise, der Kriegsausbruch erschwert schliesslich die Rückkehr, aber er schafft es zurück über den grossen Teich. In Amerika unterrichtet er in Princeton als „Lecturer in the Humanities“ bis 1940. Daneben ist er ein mehr als fleissiger Schreiber. Noch immer schreibt er an seinen Joseph-Romanen.
1941 folgt der Umzug der Familie Mann nach Pacific Palisades in Kalifornien, 1943 beginnt Thomas Mann mit dem Doktor Faustus. Durch diese Arbeit findet er auch den Kontakt zu Theodor W. Adorno, welcher ein wichtiger Berater für den Roman wird.
Am 7 .Mai 1945 kapituliert Deutschland, kurz darauf geht Klaus Mann als amerikanischer Soldat nach München und berichtet seinem Vater von den Zuständen vor Ort. Thomas Mann will von einer Reise nach Deutschland nichts wissen. Er arbeitet weiter am Faustus, welcher 1947 erscheint. Im selben Jahr reist er auch zum ersten Mal wieder nach Europa – allerdings nicht nach Deutschland. 1948 beginnt die Arbeit an Der Erwählte, im Goethejahr 1949 folgt der erste Besuch in Deutschland.
1950 stirbt Thomas Manns Bruder Heinrich. Im selben Jahr reist Mann in die Schweiz nach Zürich. Seine Schaffenskraft ist noch immer ungebrochen: Er fängt mit Felix Krull an, engagiert sich für politische Gefangene in der Sowietzone und unternimmt weitere Reisen. 1952 kommt es zum (ursprünglich nicht geplanten) Umzug nach Erlenbach am Zürichsee, dem einer 1954 nach Kilchberg folgt, wo 1955 noch die Goldene Hochzeit gefeiert wird. Kurz darauf stirbt Thomas Mann, nachdem er schon länger öfters krank war, am 12. August 1955 im Krankenhaus in Zürich.
Kurt Tucholsky kommt am 9. Januar 1890 in Berlin-Moabit zur Welt. Weil sein Vater aus beruflichen Gründen nach Stettin muss, verbringt der kleine Kurt seine frühe Kindheit dort. Kurt Tucholsky verehrt seinen Vater, mit der Mutter ist es schwieriger. Umso mehr trifft ihn der frühe Tod seines Vaters im Jahr 1905, Kurt Tucholsky ist gerade mal 15 Jahre alt. Durch eine beachtliche Hinterlassenschaft mangelt es der Familie wenigstens finanziell an nichts.
Nach seinem Abitur 1909 wechselt Tucholsky an die Universität in Berlin, wo er ein Jurastudium beginnt. Allerdings interessiert er sich auch während des Studiums mehr für Literatur als für trockene Paragraphen. Statt in staubigen Lesesälen zu versauern, reist er lieber mit Freunden durch die Welt und besucht Schriftsteller. Es verwundert nicht, dass er das Staatsexamen ablehnt und somit auf eine Anwaltskarriere verzichtet. Mit Ach und Krach schafft er es, eine mehrfach abgelehnte Dissertation durchzubringen, so dass er doch noch einen Studienabschluss hat – immerhin cum laude.
Schon zu Schulzeiten veröffentlicht er kurze journalistische Schriften und Satiren, zieht die journalistische Arbeit auch während des Studiums weiter.
1915 wird Tucholsky in den Krieg eingezogen, wo er ab 1916 die Feldzeitung Der Flieger herausbringt. Im Dezember 1918 wird Tucholsky Chefredaktor der satirischen Beilage des Berliner Tagblatts, des Ulk. Da Tucholsky bald für verschiedene Blätter und in unterschiedlichen Themengebieten arbeitet, legt er sich eine Vielzahl an Pseudonymen zu: Theobald Tiger, Peter Panter, Ignaz Wrobel und Karl Hauser.
Tucholsky zeigt sich immer wieder gegen den Krieg und gegen das Militär eingestellt, er prangert die zahlreichen politischen Anschläge an linken, pazifistischen oder liberalen Politikern und Publizisten an: Rosa von Luxemburg, Karl Liebknecht und Maximilian Harden, um nur einige zu nennen. Ebenso unnachsichtig ist er mit demokratischen Politikern, welche ihre Gegner zu sehr mit Samthandschuhen anfassen. Gegen all das schreibt Tucholsky mit spitzer Feder an und engagiert sich auch direkt politisch.
Zusammenfassend kann gesagt werden: die Nationalökonomie ist die Metaphysik des Pokerspielers.[1]
1922 gerät sein Schreiben ins Stocken. Einerseits zwingen ihn finanzielle Probleme (auch durch die herrschende Inflation) zu einer wirtschaftlicheren Arbeit, andererseits gerät er in eine Depression, welche ihm sein Schreiben als sinnfrei erscheinen lässt. Ein Selbstmordversuch fällt in diese Zeit. 1924 führt sein Weg nach Paris, er lässt sich im selben Jahr von Frau eins (Else Weil) scheiden und heiratet Frau zwei (Mary Gerold). Tucholsky kommt nur noch sporadisch nach Deutschland zurück, die meiste Zeit verbringt er im Ausland. Trotzdem schaut er immer wieder mit kritischem Blick nach Deutschland.
Auch die zweite Ehe wird geschieden, 1927 lernt er Lisa Matthias kennen. Einem Urlaub mit ihr in Schweden verdanken wir den 1931 erschienen Kurzroman Schloss Gripsholm. Politisch engagiert er sich 1929 mit Deutschland, Deutschland über alles nochmals.
Es ist ein hartes Wort, und dennoch sag ich’s, weil es Wahrheit ist: ich kann kein Volk mir denken, das zerrissener wäre, wie die Deutschen. Handwerker siehst du, aber keine Menschen, Denker, aber keine Menschen, Priester, aber keine Menschen, Herren und Knechte, Jungen und gesetzte Leute, aber keine Menschen – ist es nicht wie ein Schlachtfeld, wo Hände und Arme und alle Glieder untereinander liegen, indessen das vergossene Lebensblut im Sande zerrinnt?[2]
Im gleichen Jahr verlegt er seinen Wohnsitz nach Schweden. Tucholsky kann schlecht damit umgehen, dass seine vielen Warnungen, seine Vorahnungen ungehört bleiben. Wie deutlich sieht er die von Hitler ausgehende Gefahr und muss zusehen, wie Deutschland ins Unglück rennt.
Ihr fühlt die Not – aber ihr könnt sie nicht beheben, weil ihr ihre Quelle nicht sehen wollt.[3]
1931 verstummt Tucholsky publizistisch. Seine Trennung von Lisa Matthias, der Tod eines Freundes sowie gesundheitliche Probleme lassen ihn immer mehr resignieren. Es erscheinen 1933 noch seine Schnipsel genannten Aphorismen, 1933 eine kleine Notiz, ein Romanmanuskript wird wegen der politischen Lage in Deutschland abgelehnt. 1933 werden seine Bücher verbrannt und Tucholsky die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt.
Tucholsky glaubt nicht an ein schnelles Ende des Schreckens. Vom Exil aus beobachtet er die Lage besorgt. Darüber geben posthum veröffentliche Briefe Auskunft. Gesundheitliche Probleme machen ihm das Leben zusätzlich schwer. Am 20. Dezember 1935 nimmt er in seiner Exilheimat in Hindås, Schweden eine Überdosis Tabletten, an welcher er am 21. Dezember stirbt. Es ist nicht ganz sicher, ob es Absicht oder ein Versehen war.
Sein Werk
Tucholsky selber bezeichnet sich als linker, liberaler Intellektueller. Seine politischen Texte sind sehr kritisch gegen die Weimarer Republik sowie auch gegen die Gesellschaft als brave Gefolgschaft einer verantwortungslosen Politik gegenüber.
Es scheint wirklich so, als ob die meisten Menschen hierzulande einen Hund nur deshalb besässen, um och einen „unter sich zu haben“.
Diverse politische Mitgliedschaften sind jeweils von kurzer Dauer, vermutlich, weil er, sobald er mehr Einsichten in die Strukturen hatte, überall mit Kritik reagiert.
Tucholsky war auch ein grosser Literaturkritiker. Er hat mehr als 500 Werke rezensiert, wobei auch die Texte nicht frei von seiner politischen Meinung sind. Als Lyriker sieht sich Tucholsky als Talent, sieht sich aber nicht in der gleichen Liga wie den von ihm sehr verehrten Heinrich Heine. Er ist Verfasser von „Gebrauchslyrik“, versucht aber auch, Chansons und Couplets in der deutschen Sprache zu beheimaten.
An Bekanntesten ist Tucholsky wohl als Satiriker. Die Satire ist aber kein gesonderter Teil in seinem Werk, sondern, sondern sie durchzieht es. Tucholsky ist der Ansicht, dass Satire alles darf und ein „eine durchaus positive Sache“[4] ist.
Der Satiriker ist ein gekränkter Idealist: er will die Welt gut haben, sie ist schlecht, und nun rennt er gegen das Schlechte an.
Ich glaube, dass alles Wichtige, alles Entscheidende sich auf die Jugend zurückführt. Dies ist keine Erkenntnis, die ich – etwa von der Psychoanalyse – übernommen, sondern eine Erfahrung, die ich selber gemacht habe, indem ich über meine Werke, meine Ideen, meine Arbeit nachdachte.[1]
Friedrich Reinhold Dürrenmatt kam am 5. Januar 1921 als erstes Kind eines reformierten Pfarrers und dessen Frau in Stalden im Emmental (Schweiz) zur Welt. So viel Verständnis der bibeltreue Vater für seine Schäfchen hatte, so wenig brachte er für die Interessen seines Sohnes auf, zumal sich dieser auch nicht wie ein artiger Pfarrerssohn aufführte, sondern in der Schule eher durch aufmüpfiges Verhalten denn durch gute Noten brillierte. Trotz (oder gerade wegen?) der Konflikte, die nicht ausblieben, prägten die ländliche Idylle des Emmentals und die patriarchalischen Strukturen am Familientisch Friedrich Dürrenmatt und dessen Werk Zeit seines Lebens.
Mein Leben begann in einer gespenstischen Idylle, und diese Idylle empfand ich als labyrinthisch.[2]
1941 legte Dürrenmatt die Matur knapp genügend ab und war froh, die von ihm selber als wohl übelste Zeit seines Lebens bezeichnete Etappe auf seinem Weg hinter sich zu haben.
Dürrenmatt hat schon früh zu zeichnen und zu malen begonnen, überlegte sogar eine Weile, eine Ausbildung als Kunstmaler zu machen, entschied sich dann aber für das Studium der Philosophie, Naturwissenschaften und Germanistik. Das Malen und Zeichnen gab er aber nie auf, sondern verlegte es auf die Nächte. Auch illustrierte er einige seiner Werke später selber.
Wer nun denkt, aus dem eher lernfaulen Schüler sei ein pflichtbewusster Student geworden, täuscht sich. Dürrenmatt selber bezeichnete sich als „verbummelten Studenten“[3]. Schon während des Studiums entstanden erste Texte. 1946 beendete er sein Studium, verzichtete auf eine eigentlich geplante Dissertation über Søren Kierkegaard und beschloss, Schriftsteller zu werden. Noch im selben Jahr heiratete er auch die Schauspielerin Lotti Geissler, mit welcher er nach Basel, später an den Bielersee zog. Dort entstand auch sein Roman Der Richter und sein Henker. In den ersten Jahren seiner Schriftstellerkarriere waren Friedrich Dürrenmatt und seine fünfköpfige Familie (es waren über die Jahre drei Kinder zur Welt gekommen) trotz verschiedener Romane, Erzählungen und Bühnenstücke nicht auf Rosen gebettet. Dies änderte erst, als Dürrenmatt Aufträge für Hörspiele erhielt.
1952 zog die Familie Dürrenmatt nach Neuenburg. In der Folge durfte der fleissige Schriftsteller verschiedene Erfolge mit seinen Bühnenstücken feiern, erhielt1954 den Literaturpreis der Stadt Bern, sowie 1957 einen Hörspielpreis, um nur einige zu nennen. Neben all seinen literarischen Werken brachte sich Dürrenmatt immer wieder auch politisch ein. In verschiedenen Essays, Vorträgen und Reden bezog er direkt und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, Stellung zur politischen Lage der Welt.
Ein grosser Schicksalsschlag für Friedrich Dürrenmatt war der Tod seiner Frau Lotti am 16. Januar 1983. Zum Glück erholte er sich davon und heiratete 1984 Charlotte Kerr, mit welcher er den Film Porträt eines Planeten sowie das Theaterstück Rollenspiele herausbrachte. Friedrich Dürrenmatt starb am 14. Dezember 1990 in Neuchâtel. Er war 69 Jahre alt, als sein Herz versagte.
Das Werk
Friedrich Dürrenmatt hinterlässt ein sehr vielfältiges Werk aus Erzählungen, Romanen (auch Kriminalromanen) und Theaterstücken. Viele seiner Bücher wurden als Hörspiele vertont. Ein Leitthema seiner Stücke ist – Friedrich Dürrenmatt sagte es selber im oben erwähnten Zitat – das erlebte Labyrinth seiner Kindheit und Jugend. Dies wird vor allem in seinem Theaterstück Der Besuch der alten Dame deutlich: Eine zur Milliardärin gewordene ehemalige Bewohnerin eines kleinen Dorfes kehrt zurück. Statt das verarmte Dorf mit Geld zu segnen, will sie sich für ihr erlittenes Unrecht rächen. Mit viel Witz und Scharfblick entwickelt Dürrenmatt die Geschichte um die „alte Dame“, zwei Zutaten, die in keinem seiner Werke fehlen.
Friedrich Dürrenmatt verstand es in seinem literarischen Werk immer wieder, die menschlichen Befindlichkeiten, die gesellschaftlichen Zwänge und Urteile offenzulegen, ohne zu sehr psychologisierend zu wirken. Fast beiläufig entwickelt er in einer einfachen und leicht lesbaren Sprache seine Geschichten, zieht den Leser hinein und entlässt ihn am Ende um viele Erfahrungen und Einblicke reicher.
Bekannte Werke Dürrenmatts
Romane
Der Richter und sein Henker (1951)
Der Verdacht )1953)
Grieche sucht Griechin (1955)
Die Panne (1956)
Theaterstücke
Der Besuch der alten Dame (1956)
Die Physiker (1962)
Der Meteor (1966)
Dies nur einige einer langen Liste.
Wer mehr über den Menschen Friedrich Dürrenmatt erfahren möchte, dem sei der Film Dürrenmatt – Eine Liebesgeschichte von Sabine Gisiger empfohlen.
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[1] Friedrich Dürrenmatt: Gespräch mit Heinz Ludwig Arnold, Zürich 1976, S. 9 [2] ebd., S. 11 [3] Friedrich Dürrenmatt: Philosophie und Naturwissenschaft, Band 18, der Werkausgabe, Zürich 1980, S. 9
„Ohne Vermögen, ohne Familienanhang, ohne Schulung und Wissen, ohne robuste Gesundheit bin ich ins Leben getreten, mit nichts ausgerüstet als einem poetischen Talent und einer schlechtsitzenden Hose.“ (Brief an Georg Friedländer, 3. Oktober 1893)
Theodor Fontane wird am 30. Dezember 1819 in Neuruppin geboren, wo er später auch das Gymnasium besucht. Nach einem abgebrochenen Besuch der Gewerbeschule beginnt er 1836 eine Ausbildung zum Apotheker, um in die Fussstapfen seines Vaters zu treten und arbeitet nach deren Abschluss als Apothekergehilfe. Daneben erscheinen bereits erste literarische Werke. 1849 hängt er den Apothekerberuf an den Nagel, um als freier Schriftsteller zu arbeiten.
Es ist immer dasselbe Lied: wer durchaus Schriftsteller werden muss, der wer’ es; er wird schliesslich in dem Gefühl, an der ihm einzig passenden Stelle zu stehen, auch seinen Trost, ja, sein Glück finden. Aber wer nicht ganz dafür geboren ist, der bleibe davon. (aus einem Brief Fontanes, zit. nach Thomas Mann, Der alte Fontane)
Theodor Fontane (1883), Gemälde von Carl Breitbach
Aufträge sind Mangelware und so lässt er sich von der Zentralstelle für Presseangelegenheiten anstellen. In deren Auftrag reist er nach London und berichtet von da unter anderem über Kunstausstellungen. Er verfasst auch Reisebücher und Theaterkritiken, doch all das befriedigt ihn nicht. Aus dem Grund ist der Entschluss nicht verwunderlich, wieder als freier Schriftsteller arbeiten zu wollen. Diesem Entschluss haben wir eine Reihe bis heute bekannter Bücher zu verdanken. Theodor Fontane stirbt am 20. September 1898 in Berlin.
Die Romane
Theodor Fontanes Romane werden dem poetischen Realismus zugeordnet. Er beschreibt in seinen Büchern das Leben von ganz normalen Menschen, zeigt ihre Befindlichkeiten und Schwierigkeiten. Es sind stille Bücher, die trotzdem eine grosse Tragkraft haben und in denen immer wieder Fontanes ironischer Humor durchkommt. Seine Bücher beginnen meistens gleich: Man fährt – wie bei der Kameraführung im Film – die Strasse entlang zum Haus, in den Garten, die Treppe hoch in die Wohnung und wird dann mit den Hauptfiguren des Romans bekannt. Man lernt ihre Stube kennen, die Bilder an der Wand, erfährt von einem auktorialen Erzähler einiges über ihre Geschichte und ihr aktuelles Leben.
Theodor Fontane ist aber nicht nur ein Meister der Beschreibungen, er ist auch ein Meister der Lücken. Ganz viel steht bei ihm zwischen den Zeilen, man kann es erahnen, sieht sich aber erst später in dieser Ahnung bestätigt. Teilweise sind es gerade die wichtigsten Dinge, die sich in Lücken befinden – man denke nur an Effi Briests Seitensprung.
Die meisten grossen Romane Fontanes sind erst nach seinem 60. Geburtstag entstanden. Was Thomas Mann in seinem Essay Der alte Fontane in Bezug auf dessen Briefe schrieb, könnte auch bei den Romanen gelten:
Scheint es nicht, dass er alt, sehr alt werden musste, um ganz er selbst zu werden?
Bekannte Werke Fontanes sind unter anderem Wanderungen durch die Mark Brandenburg (1862), Vor dem Sturm (1878), Grete Minde (1880), L’Adultera (1882), Irrungen, Wirrungen (1888), Unwiederbringlich (1892), Effi Briest (1896), Die Poggenpuhls (1896), Der Stechlin (1899).
Auch unbedingt lesenswert sind die Briefe Fontanes, allen voran seine Ehebriefe.
Georg Philipp Friedrich Freiherr von Hardenberg, wie Novalis mit richtigem Namen heisst, wird am 2. Mai 1772 auf Schloss Oberwiederstedt (ehemaliges Rittergut in Wiederstedt, Sachsen-Anhalt) in ein altes niederdeutsches Adelsgeschlecht hineingeboren. Auf den anfänglichen Unterricht durch Hauslehrer folgt der Besuch der Prima des Gymnasiums Eisleben, ein Jahr unter der Obhut seines Onkels Friedrich Wilhelm Freiherr von Hardenberg auf dem Gutsholm in Lucklum und 1790 der Beginn des Jurastudiums in Jena. Im Zuge seines Studiums besucht Novalis 1791 Schillers Geschichtsvorlesung, zu dem während dessen Krankheitszeit ein enger Kontakt entsteht. Weitere Bekanntschaften dieser Zeit sind Johann Wolfgang von Goethe, Johann Gottfried Herder und Jean Paul sowie eine enge Freundschaft mit Ludwig Tieck, Friedrich Wilhelm Joseph Schelling und den Brüdern Friedrich und August Wilhelm Schlegel.
1794 schliesst Novalis sein Jurastudium mit bestem Examen ab und arbeitet zuerst als Aktuarius bei dem Kreisamtmann Coelestin August Jest. Er lernt die junge Sophie von Kühn kennen und verlobt sich an ihrem 13. Geburtstag 1795 mit ihr. Die Verlobung wird allerdings wieder aufgelöst. Die Jahre 1795/96 stehen im Zeichen der Naturwissenschaften, Novalis nimmt sein Studium an der Bergakademie in Freiberg auf und befasst sich mit Mathematik, Chemie, Bergwerkskunde, Grubenarbeit – ein Bildungsweg, der Tradition in seiner Familie besitzt.
1798 erscheinen erste literarische Fragmente unter dem Titel Blüthenstaub im Athenaeum (Zeitschrift von Friedrich Schlegel). Dabei benutzt er auch zum ersten Mal sein Pseudonym Novalis (der Name geht auf einen uralten Beinamen in der Familie zurück). Es folgt eine zweite Verlobung, dieses Mal mit der Tochter des Berghauptmanns und Freiberger Professors Johann Friedrich Willhelm von Charpentier, mit Julie von Charpentier. Novalis arbeitet ab 1799 in der Salinendirektion und wird im Dezember desselben Jahres in die Direktion derselben berufen. Der nächste Schritt in Novalis’ Lebenslauf ist 1800 die Ernennung zum Supernumerar-Amtshauptmann im Thüringischen Kreis (vergleichbar mit dem heutigen Landrat). Novalis stirbt am 25. März 1801 an einem Blutsturz. Er litt schon seit 1800 an einer Lungenkrankheit, vermutlich hatte er sich bei Schiller angesteckt.
Werk und Wirkung
Novalis gilt als einer der bedeutendsten Vertreter der Frühromantik. Er beginnt schon früh zu schreiben und kann dabei auf ein umfassendes Wissen in den Bereichen Naturwissenschaften, Recht, Philosophie, Politik und Wirtschaft zurückgreifen. Sein Beruf sowie die jeweiligen Themen, denen er sich zuwendet, inspirieren ihn in seinem Schreiben, er reflektiert es in seinen Schriften und bildet Zusammenhänge im Sinne einer allumfassenden Enzyklopädie der Künste und Wissenschaften.
Kern seines literarischen Schaffens ist das Streben nach einer Romantisierung der Welt. Die Verbindung von Wissenschaft und Poesie, von Philosophie und Dichtung, die er als der Philosophie übergeordnet erachtet, leiten sein Schreiben.
In den Jahren 1795/96 setzt sich Novalis mit Fichtes Wissenschaftslehre auseinander, welche ihn nachhaltig prägt. Aus Fichtes Abgrenzung des „Ich“ vom „Nicht-Ich“ entwickelt Novalis seine eigene Liebesreligion, aus dem „Nicht-Ich“ macht er ein „Du“, welches er als gleichwertiges Subjekt dem „Ich“ gegenüberstellt. Es folgt 1799/1800 die Beschäftigung mit der Religion. In dieser Zeit entstehen sein Aufsatz Die Christenheit oder Europa sowie die Geistlichen Lieder.
Die Christenheit muss wieder lebendig und wirksam werden und sich wieder eine sichtbare Kirche ohne Rücksicht auf Landesgrenzen bilden, die alle nach dem Überirdischen durstige Seelen in ihren Schoss aufnimmt und gern Vermittlerin der alten und neuen Welt wird.
Der Aufsatz erschien erst postum, weil die Reaktion darauf zwiespältig war. Vor allem Goethe riet von einer Veröffentlichung ab. Vor allem die enthusiastische Behandlung des Katholizismus stiess bei den Romantikern auf Skepsis. Wenn der Text auch immer wieder als politische Aussage und reaktionäre Rechtfertigung der Heiligen Allianz im frühen 19. Jh. gelesen wird, steht er tatsächlich in engen Zusammenhang mit Novalis selber entwickelten mystisch-romantischen Philosophie, die auf Glauben und Liebe basiert, auf dem von Fichtes „Ich“ und „Nicht-Ich“ abgeleiteten „Ich“ und „Du“. Nach der Ablehnung seiner Schrift verlagert Novalis sein Schreiben weg von der Weltveränderung durch philosophische Schriften hin zur Romanschreiberei.
Novalis’ zwei unvollendete Romane sind als Bildungsromane in die Weltliteratur eingegangen. Sie vermitteln den Grundgedanken des Lebens als stetigen Lernprozess, welcher den Menschen hin zu seinem angedachten Zustand bringen, in welchem er mit der Natur harmoniert. Novalis lässt sich für seine Romane von Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre sowie anderen Bildungsromanen inspirieren, setzt sich dann aber von diesen ab, indem sein Held sich zwar auch entwickelt, allerdings auf einen schon lange ursprünglich in ihm angelegten Punkt hin, so dass das Lernen schlussendlich ein Innewerden, ein Auffinden von etwas in sich Verschüttetem wird, kein Streben im Aussen.
Nach Innen geht der geheimnisvolle Weg. In uns, oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten, die Vergangenheit und Zukunft.
Als für seinen Roman erforderliche Mittel nennt Novalis
eine gewisse Altertümlichkeit des Stils, eine richtige Stellung und Ordnung der Massen, eine leise Hindeutung auf Allegorie, eine gewisse Seltsamkeit, Andacht und Verwunderung, die durch die Schreibart durchschimmert.
Novalis erlebt nur die Veröffentlichung der Blüthenstaub-Fragmente, der Fragmentsammlung Glauben und Liebe oder der König und die Königin und der Hymnen der Nacht. Seine unvollendeten Romane Heinrich von Ofterdingen und Die Lehrlinge von Salis sowie die Rede Die Christenheit oder Europa erschienen erst postum, herausgegeben durch Ludwig Tieck und Friedrich Schlegel.
Werke
Lyrik
Klagen eines Jünglings (1791 in Wielands Neuem Teutschen Merkur)
Geistliche Lieder (erschienen 1801)
Hymnen an die Nacht (entstanden 1799/1800, erschienen 1800)
Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren (Gedicht aus dem Romanfragment Heinrich von Ofterdingen)
Epik
Die Lehrlinge zu Sais (Romanfragment, 1802 postum erschienen)
Heinrich von Ofterdingen (Romanfragment, 1802 postum erschienen)
Philosophie
Blüthenstaub (1798 in der Zeitschrift Athenaeum von Friedrich Schlegel)
Glauben und Liebe oder der König und die Königin (1798)
Sammlung von Fragmenten und Studien, entstanden 1799–1800
Sonstiges
Europa (entstanden 1799, erschienen 1826 als Die Christenheit oder Europa)
Das Allgemeine Brouillon umfasst die enzyklopädistischen Materialien, die 1798/99 zusammengetragen wurden.
Am 26. April 1787 wird Johann Ludwig „Louis“ Uhland in Tübingen in eine alte Gelehrtenfamilie hinein geboren. Sein Geburtshaus an der Neckarhalde 24, das er wenige Monate nach seiner Geburt verlässt, ist denkmalgeschützt und so heute noch in seiner ursprünglichen Form erhalten. Den grossen Teil seiner Kindheit und Jugend verbringt Uhland mit seiner Familie im Haus seines Grossvaters väterlicherseits in Tübingen.
Ludwig Uhland besucht von 1793 bis 1801 die Schola Antolica, die Tübinger Lateinschule, und glänzt da vor allem in den sprachlichen Fächern, Mathematik ist ihm zeitlebens ein Gräuel. 1801 erhält Ludwig Uhland ein Stipendium für das Tübinger Stift, wendet sich da zuerst vornehmlich philologischen Themen zu, um dann 1805 mit dem Studium der Rechtswissenschaften zu beginnen. Er ist ein eifriger, ordentlicher, disziplinierter und auch schweigsamer, zurückhaltender Student. Er freundet sich mit dem Medizinstudenten Justinus Kerner an und unternimmt zusammen mit diesem und anderen Kameraden ausgedehnte Wanderungen, welche Inspiration für viele Gedichte Uhlands aus dieser Zeit sind. Ebenfalls bewegte er sich im Schwäbischen Dichterkreis, zu deren Mitgliedern er einen lebenslangen Kontakt bewahrte, wovon zahlreiche Briefe zeugen.
1810 erfolgt die Promovierung Uhlands zum Doktor der Rechtswissenschaften, er geht danach auf eine Bildungsreise nach Paris, wo er sich altdeutschen und französischen Schriften widmet und nicht, wie sein Vater annimmt, dem romanischen Rechtskreis. 1811 kehrt Uhland nach Tübingen zurück und eröffnet seine Anwaltskanzlei, befasst sich daneben aber intensiv mit der Auswertung seiner Forschungsergebnisse aus Frankreich. Aus dieser Zeit stammt auch Uhlands wohl bekanntestes Gedicht Frühlingsglaube. Obwohl das Gedicht vom Charakter wie auch von der Wahl des Themas sehr romantisch anmutet, zeigt sich Uhlands wortkarge und nüchterne Natur deutlich, so dass seine Lyrik nicht überladen mit Schwärmerei, Gefühl und blumigen Ausschmückungen punktet, sondern auf prägnanten, anschaulichen Darstellungen des Beschriebenen beruht.
1812 schliesst Uhland seine Kanzlei und zieht nach Stuttgart, wo er eine unbezahlte Stelle als zweiter Sekretär des württembergischen Justizministers erhält, die er 1814 verlässt. In diesem Jahr findet sich auch die erste Erwähnung von Emilie Vischer aus Calw, die er später heiratet. In eben diesem Jahr entsteht auch eine von Uhlands bekanntesten Balladen Schwäbische Kunde.
Uhland begibt sich1815 in die Politik, setzt sich als führender Sprecher der Landstände für das alte Recht ein, das von Friedrich I. durch eine neue Verfassung in Gefahr ist. In dieser Zeit entsteht eine Reihe von Gedichten, die sich mit den Grundsätzen der Verfassung auseinandersetzen und die bei Versammlungen vorgetragen werden. 1819 wird mit der Verkündung des neuen Grundgesetzes Uhlands Drama Ernst Herzog von Schwaben in Stuttgart aufgeführt. Wegen mangelnder Bezahlung quittiert Uhland schon 1817 seine Stellung in Stuttgart und arbeitet wieder als freier Anwalt – allerdings auch nicht finanziell erfolgreich. Geldnot ist sein ständiger Begleiter. Dass er ohne eigenes Zutun 1819 in den Landtag gewählt wird, erscheint als Rettung.
1820 heiratet Uhland Emilie Auguste Vischer, die Hochzeitsreise führt in die Schweiz, wo er sich mit mittelalterlichen Handschriften beschäftigt. 1826 zieht er sich aus der Politik zurück und wendet sich ganz seinen wissenschaftlichen Studien zu. 1829 wird dieser Einsatz mit Erfolg gekrönt, er wird Professor für Deutsche Sprache und Literatur an der Universität in Tübingen, so dass das Paar 1830 in Uhlands Geburtsstadt zieht. Uhland vermag die Studenten mit seiner Begeisterung für die vorgetragenen Inhalte zu fesseln.
Trotz allem lässt sich Uhland 1832 dazu überreden, nochmals für den Landtag zu kandidieren, was ihn bald vor die Entscheidung Professur oder Politik führt. Er entscheidet sich für die Politik, was den Verlust seiner Professur zur Folge hat. 1838 scheidet er wieder aus der Politik aus und arbeitet danach als Privatlehrer. 1848 erfolgt ein neuer Versuch in der Politik, welcher 1849 endet und Uhland wieder zum Privatgelehrten werden lässt. Er reist in dieser Zeit viel und betreibt Sagenkunde.
Als Uhland am 26. April 1862 seinen 75. Geburtstag feiert, feiert das deutsche Volk mit ihm. Er hat es in diesem Land zu Bekanntheit gebracht, er wird als Ideal nationaler Einheit und Freiheit verehrt. Allerdings ist Uhland schon da geschwächt von einer Erkältung, die er seit dem Februar desselben Jahres mitträgt. Am 13. November 1862 stirbt Ludwig Uhland. Er ist auf dem Tübinger Stadtfriedhof beigesetzt.
Werk und Wirkung
Ins Jahr 1806 fallen die ersten Veröffentlichungen seiner Gedichte in verschiedenen Medien. 1809 verlegt Uhland sein Schaffen mehrheitlich auf Balladen. Sein Themenschwerpunkt liegt dabei auf der Natur- und Liebeslyrik, immer fällt aber Uhlands kurzer und knapper Stil auf, welcher ihn von den sonst oft schwülstigen Gedichten anderer Autoren unterscheidet. Uhland zeichnet eine weitgehend domestizierte Natur, die sich dem gutgesinnten Menschen gütlich zeigt. Es herrscht ein heiterer Unterton, religiöse Grundsymbolik und der Verweis auf den Tod, welcher nicht als drohender Dämon, sondern als natürlicher Lauf des Lebens auftritt, sind weitere Merkmale der Uhlandschen Lyrik.
Traurig tönt das Glöcklein nieder,
Schauerlich der Leichenchor,
Stiller sind die frohen Lieder,
Und der Knabe lauscht empor.
Droben bringt man sie zu Grabe,
Die sich freuten in dem Tal,
Hirtenknabe, Hirtenknabe,
Dir auch singt man dort einmal.
Uhland versteht es, die vorherrschenden gesellschaftlichen Themen in eine Naturmetaphorik zu übertragen und durch diese darzustellen. So deutet er zum Beispiel schon in seinem frühen Gedicht Naturfreiheit seine Ideale von Freiheit und bürgerlicher Gleichheit an:
Mit den Lüften will ich streiten,
Rauschend durch den grünen Hain;
Mit den Strömen will ich schweifen,
Schwimmend in des Himmels Schein;
In der Vögel Morgenlieder
Stimm ich frei und freudig ein
Alle Wesen sollen Brüder,
Du, Natur, uns Mutter sein.
Durch die politischen Zustände 1809 inspiriert entsteht Uhlands Gedicht Der gute Kamerad, welches mit einer Melodie von Friedrich Silcher vertont in späteren Jahren oft umgedeutet und im Sinne patriotischen Aufbruchs und Kriegsverherrlichung verwendet wird – was nicht im Sinne des Dichters ist, dem es ausschliesslich um eine Darstellung von Freundschaft in Zeiten des Krieges geht.
Uhlands 1815 erstmals erschienene Sammlung seiner Gedichte wurde in diverse Sprachen übersetzt und trägt massgeblich zu seinem Rang als Dichter bei. Er inspirierte mit seinem Schaffen Dichter wie Grillparter oder Hebbel, die ihn hoch lobten:
Der letzte deutsche Dichter. (Grillparzer)
Der einzige Dichter, von dem ich ganz gewiss weiss, dass er auf die Nachwelt kommt. (Hebbel)
Vor allem nach 1830 war Uhland mit seinem spätromantisch-biedermeierlichen Werk ein Autor, der über die deutschen Grenzen hinaus bekannt war. Heute gehört er zu den vergessenen Lyrikern des 19. Jahrhunderts, es gibt nur wenige Ausnahmen, welche im Bildungskanon deutscher Schulen noch bekannt sind, so zum Beispiel das Gedicht Der gute Kamerad oder die Ballade Des Sängers Fluch.
Uhlands lyrische Schaffenszeit umfasst die Zeit zwischen 1805 und 1816, danach verstummte er bis 1829 ziemlich. Erst 1829 hört man wieder von ihm, jetzt setzt auch der eigentliche Erfolg ein, seine Gedichtesammlung aus dem Jahr 1815 erreicht bis 1862 43 Auflagen. Heinrich Heine schreibt im Jahrbuch für Literatur 1839 über diesen Sammelband:
Uhlands Gedichtesammlung ist als das einzige überlebende lyrische Denkmal jender Töne der romantischen Schule zu betrachten.
Werke Uhlands
Gedichte
Die Kapelle
Der Wirtin Töchterlein
Frühlingsglaube
Der gute Kamerad (heute noch fester Bestandteil militärischer Beisetzungen)
Einkehr
Freie Kunst
Schäfers Sonntagslied
Ulmenbaum (1829)
Balladen:
Des Sängers Fluch (vertont von Robert Schumann)
Der Schenk von Limpurg
Schwäbische Kunde
Das Schloß am Meere
Das Glück von Edenhall
Dramen:
Ernst, Herzog von Schwaben (Trauerspiel in fünf Aufzügen; 1817)
Ludwig der Baier (Schauspiel in 5 Aufzügen; 1819)
Wissenschaftliche Arbeiten:
Walther von der Vogelweide, ein altdeutscher Dichter (Monografie, 1822)
Der Mythos von Thôr nach nordischen Quellen (Studien zur nordischen Mythologie, 1836)
Sagenforschungen (1836)