Wer ist dieses Wir, das die Welt retten soll?

Hollywood-AutorInnen streiken, weil die Arbeitsbedingungen nicht mehr menschenwürdig sind. Das Publikum wird beruhigt, sie hätten keine Einbussen. Und nun? Schauen wir einfach weiter, Glück gehabt, die werden schon mürbe und schreiben weiter? NEIN! Wenn wir selber faire Arbeitsbedingungen wollen, müssen wir auch hinstehen, wenn andere sie nicht haben. Gerade als Konsument hat man viel in der Hand und damit eine Verantwortung! Solche Unternehmen müssen gezwungen werden, ihre Mitarbeiter fair zu behandeln. Wer macht mit?

Kann man ein Teil einer Verbesserung werden? Kann man Gedanken wachsen lassen und so einen Beitrag leisten? Ich denke ja. Wenn viele mitmachen. Und es weitere Kreise zieht. Ich würde es mir wünschen. Für Autoren. Für Künstler. Für Arbeitnehmer generell. Für Menschen.

Hier zum Artikel:

Hollywood-Autorinnen und -autoren streiken

Lebenskunst: Folge deiner Natur

«Das höchste Gut, sagen sie, sei es, in Einklang mit der Natur und in Harmonie mit ihr zu leben.» Cicero

Ich setze einen Apfelkern in den Boden und giesse die Stelle regelmässig. Langsam wächst ein kleiner Ast aus dem Boden, er trägt schon Blätter. Wenn ich dem noch kleinen Trieb gut schaue, wird er über die Zeit wachsen und ein Bäumchen entsteht. Es wird grösser und grösser und ich kann es kaum erwarten, dass die erste Frucht an meinem Baum hängt. Und eines Tages ist es soweit: Ein Apfel, noch klein, hängt an einem Ast. Ich schaue ihn an – und bin enttäuscht. Ich hätte mir eine Birne gewünscht.

Das klingt merkwürdig, doch wenn man genau hinschaut: Ist es nicht das, was wir so oft im Leben machen? Wir wünschen uns etwas, das unserer Natur nicht entspricht und sind enttäuscht, wenn es nicht klappt oder wir damit nicht glücklich werden. Goethe sagte einst:

«Die grösste Freiheit ist es, das zu wollen, was man muss.»

Wir sind vielleicht nicht frei, alles zu sein und zu tun, was wir in jedem Moment wollen, aber wir sind frei, das zu mögen, was da ist, was geht. Ist es nicht schöner, in einen saftigen Apfel zu beissen, den wir selbst gezogen haben, als trübsinnig unter dem Baum zu hungern, weil keine Birne dranhängt? Und genauso ist es schöner, das zu tun, was uns wirklich entspricht, als und irgendwelchen Träumen und Wünschen hinzugeben, die bei genauerem Betrachten gar nicht in unserer Natur sind.

Lebenskunst: Angst

«Es gibt mehr Dinge auf der Welt, die wir fürchten, als Dinge, die uns wirklich zerstören. Wir leiden viel öfter in unserer Vorstellung als in der Realität.» Seneca

Kennst du das auch: Du willst etwas unbedingt tun und schiebst es doch immer auf. Deutlicher wird es, wenn du mit einer Situation konfrontiert bist, die dich überfordert, weil sie etwas von dir verlangt, dem du dich nicht gewachsen fühlst, oder weil du Angst hast. In dir schreit alles «das kann ich nicht» und du suchst nach Wegen, dich der Situation zu entziehen. Tief drin weisst du, dass es kein Entkommen gibt, du musst da durch. Oder du willst es eigentlich wirklich, wenn da nur nicht all die negativen inneren Stimmen wären.

Angst ist etwas zutiefst Menschliches, Evolutionäres. Sie diente vor vielen Jahren dazu, körperlich und seelisch vor Gefahren zu schützen, was überlebenswichtig war. Heute sind die Gefahren selten so  bedrohlich, doch die Angst übernimmt noch immer diese Alarmfunktion und steht uns so oft im Weg. Wir mögen sie nicht, doch eigentlich zu Unrecht, denn Angst ist immer ein Fenster nach innen. Wenn du ihr offen begegnest und sie hinterfragst, gibt sie dir viel über dich preis. Plötzlich merkst du, was in dir oft unbewusst abläuft, du entdeckst zum Beispiel die Angst vor dem Scheitern, aber auch die Angst vor Erfolg – beides könnte dein Leben, wie es ist ändern. Willst du das? Doch bedenke:

«In Ängsten findet manches statt, was sonst nicht stattgefunden hätte.» Wilhelm Busch

Wenn du also das nächste Mal Angst hast, vor etwas wegrennen willst: Schau hin und frage dich: Was macht mir daran Angst und wieso? Oft sind die Antworten überraschend und gewinnbringend.

Wovor hast du Angst?

Olga Tokarczuk: Übungen im Fremdsein

Inhalt

«Mir scheint, die Literatur als unaufhörlicher Prozess des Erzählens der Welt hat grössere Möglichkeiten als irgendetwas sonst, diese Welt in ihrer gesamten Perspektive gegenseitiger Einflüsse und Verbindungen zu zeigen.»

Die Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk hat in diesem Buch zwölf Essays und Reden zusammengestellt, die sich mit dem eigenen Schöpfungsprozess beschäftigen. Sie schreibt über die Motiviation zum Schreiben, zur Konstruktion von Figuren, zu den politischen, psychologischen, soziologischen und biographischen Quellen ihres Schreibens. Sie beleuchtet, wie wir durch Sprache neue Welten schaffen, beleuchtet den Lauf der Welt und die Art und Weise, wie Literatur damit umgeht.

«Existiert denn überhaupt die eine Welt…. Oder leben wir, die wir uns in der einen räumlichen Sphäre befinden, in Wahrheit in den jeweils eigenen Phantasmen?»

Entstanden ist ein Blick hinter die Kulissen ihres Schreibens und Denkens, ein kritischer Blick auf die Welt und unser Leben in ihr. Es ist zudem ein Aufruf, die Welt mit verschiedenen Augen aus verschiedenen Perspektiven zu sehen.

Gedanken zum Buch

«Wunder des Lesens… die Bereitschaft, sich mittels einer bewussten Verwendung von Sprache, durch das Spiel mit den Zeichen, Kontexten und Verweisen geduldig in vielschichtige, komplizierte, bedeutungsvolle Struktur der Welt ringsumher zu vertiefen, stetig weiter hinabzusteigen oder auch, wie über die Wendeltreppen eines perspektivischen Verwirrbildes, immer höhere Höhen zu erklimmen.»

Olga Tokarczuk bezeichnet sich als buchabhängig. Sie liest, sie liest Bücher auch mehrfach, und sie schaut, was in diesen Büchern steckt, wie sich die Geschichten ihr gegenüber öffnen, wie sich verschiedene Schichten beim wiederholten Lesen entfalten. Literatur ist ein Blick auf die Welt, welche diese sichtbar werden lässt in ihren Zusammenhängen und Strukturen.

«Ich bin überzeugt, dass unser Leben nicht nur eine Summe von Ereignissen ist, sondern ein verschlungenes Sinngefüge – das wir selbst schaffen, indem wir den Ereignissen jeweils einen Sinn zuschreiben.»

Literatur ist ein Sinnstifter, da durch das Schreiben den Dingen zugeschrieben wird. Geschichten kreisen um einen Sinn, der nicht den Dingen innewohnt, sondern den die Dinge für uns haben, weil wir ihnen diesen zusprechen.

«Die Geschichte, das Erzählen ist somit das fünfte Element, das uns die Welt auf ebendiese und keine andere Weise sehen lässt, das uns ihre unendliche Vielfalt und Vielschichtigkeit verstehen, unsere Erfahrung einordnen und sie von Generation zu Generation, von einer Existenz zur anderen weitergeben lässt.»

Seit Menschengedenken erzählen wir uns Geschichten. Es sind diese Geschichten, welche die Welt erfahrbar machen, indem sie eine Einordnung der Phänomene in einen Zusammenhang vornehmen. Indem wir unterschiedliche Geschichten von verschiedenen Menschen hören, eröffnet sich ein weiterer Blick, der aufzeigt, dass es mehrere Sichtweisen auf die eine Welt gibt, dass quasi diese eine Welt aus ganz vielen Welten besteht, die wir erst durch die Geschichten anderer Menschen erfahren können. Damit das so ist, bedarf es auch einer Offenheit. Wir müssen uns von unserem Standpunkt lösen und uns neuen Standpunkten, neuen Perspektiven gegenüber neugierig zeigen.

«Im Grunde nimmt der Reisende des Westens die Welt als nicht wirklich wahr. Gleich einem ewig eilenden Schatten bewegt er sich durch die Länder und Kulturen, die er besucht. Nichts berührt er, in nichts ist er einbezogen, er bleibt verkapselt in seinem Überlegenheitsgefühl.»

Tokarczuk wirft einen kritischen Blick auf die Welt und die Menschen in ihr. Sie thematisiert die Vereinzelung, die oft mit Entfremdung einhergeht, ebenso wie die wohl aus dieser hervorgehende Haltung der eigenen Überlegenheit. Zu oft verharren wir in der Meinung der eigenen Deutungshoheit, wir sehen uns und unser Erleben als Massstab, den wir auf den Rest der Welt anwenden. Was aus einer gefühlten Überlegenheit heraus passiert, führt uns eigentlich bei Lichte betrachtet in eine Verarmung der Wahrnehmung, da wir diese selbst beschränken.

Fazit
Ein klarer, scharfer und durchdringender Blick auf die Welt, das Leben, Lesen und Schreiben. Eine Hommage an die Sprache und ihre Möglichkeit, mit ihr die Welt erst zu schaffen.

Zur Autorin
OLGA TOKARCZUK, 1962 im polnischen Sulechów geboren, studierte Psychologie in Warschau und lebt heute in Breslau. Sie zählt zu den bedeutendsten europäischen Autorinnen der Gegenwart. Ihr Werk wurde in 37 Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Für Die Jakobsbücher wurde sie 2015 (zum zweiten Mal in ihrer Laufbahn) mit dem wichtigsten polnischen Literaturpreis, dem Nike-Preis, ausgezeichnet und 2018 mit dem Jan-Michalski-Literaturpreis. Im selben Jahr gewann sie außerdem den Man Booker International Prize für Unrast, für den sie auch 2019 wieder nominiert war: Ihr Roman Der Gesang der Fledermäuse stand auf der Shortlist. 2019 wurde Olga Tokarczuk mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Zum Schreiben zieht sie sich in ein abgeschiedenes Berghäuschen an der polnisch-tschechischen Grenze zurück.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Kampa Verlag; 1. Edition (14. Oktober 2021)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 320 Seiten
  • Übersetzung ‏ : ‎ Bernhard Hartmann, Lisa Palmes und Lothar Quinkenstein ,  
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3311100751

Lebenskunst: Was andere denken

Viele haben es wohl auch schon als Kind gehört: «Was denken die anderen, wenn du dich so verhältst.» Es war damit klar, dass ich nicht in Ordnung bin und mein Verhalten nicht nur von meinem Vater, sondern auch von denen rundum missbilligt würde. Es war ebenso klar, dass dies zu vermeiden sei. Als brave Tochter bemühte ich mich redlich, doch nicht nur das: Ich nahm den Satz mit in mein Leben und er sprach in vielen Situationen quasi aus dem Off zu mir. Da ich wie wohl alle Menschen angenommen und akzeptiert werden wollte, verkniff ich mir vieles lieber, als Ausgrenzung riskierte. Bloss nicht zu laut sein, bloss nicht negativ auffallen, es bloss allen recht machen, lautete die Devise. Doch wozu?

Indem ich mich immer zurücknahm, vergab ich mir nicht nur die Chance, aus vollem Herzen selbst zu leben, ich zeigte mich anderen auch nicht. Oft wirkte ich aus der eigenen Unsicherheit heraus eher arrogant, als wolle ich nicht mit anderen sprechen. Dass ich mich nicht traute aus der Angst heraus, einen Fehler zu machen, nahm keiner an. Die Strategie ging also nicht auf. Doch was dann?

Ich habe erkannt, dass es bei Lichte betrachtet egal ist, was andere denken, denn diese Gedanken haben weder einen Einfluss auf meine Gesundheit noch auf mein Wohlbefinden – das haben nur meine eigenen. Auch die Angst, dass sie mir etwas vorspielen, mich aber nicht mögen, ist unbegründet, denn wenn ich nichts davon merke, tangiert es mich nicht – auch das tun nur meine Gedanken. Zudem: Indem ich die ganze Zeit denke, was andere denken, und mich mit mir befasse, gehe ich ziemlich egozentrisch durch die Welt. Indem ich die Aufmerksamkeit mehr nach aussen auf die anderen richte, mich ehrlich für sie und was sie zu sagen haben, interessiere, trete ich in Beziehung. Und das ist es doch, was ich eigentlich will.

Und sollte mir doch mal zu Ohren kommen, dass jemand negativ über mich sprach, halte ich es mit Epiktet, da Humor immer eine gute Lösung ist:

«Wenn dir jemand mitteilt, dir sage jemand Böses nach, dann rechtfertige dich nicht, sondern antworte: Er kannte wohl meine anderen Fehler nicht; denn sonst würde er nicht nur diese hier erwähnen.»

Fragst du dich oft, was andere von dir denken?

Bücherliebe

Meine Mutter will umziehen und sortiert aus. Die Bücher werden keinen Platz haben, so dass ich holte, was ich haben möchte. Es hat nicht viele Bücher. Sie standen immer bei uns, gelesen hat wohl nie jemand drin, zumindest habe ich weder meine Mutter noch meinen Vater je Bücher lesend gesehen. Mein Vater las Zeitungen, viele verschiedene von vorne bis hinten. Er arbeitete auch für eine. Meine Mutter las gar nicht. Doch: Sie las mir vor, als ich ein Kind war. Märchen. Als ich ein wenig älter war, ging sie mit mir in die Bibliothek. Woche für Woche lieh ich fünf Bücher aus und las sie alle. Mehr durfte man nicht. Einmal lieh ich – noch klein – ein Buch mit Tierfabeln aus und liebte es, so dass ich es immer wieder ausgeliehen habe. Bis die Frau da meinte, ich dürfe nicht mehr. 

In den folgenden Nächten hörte ich meine Mutter jede Nacht auf ihrer Schreibmaschine tippen – immer wieder klingelte der Hebel beim Umschalten auf die neue Seite. Irgendwann kam sie zu mir und übergab mir einen dicken Stapel mit Seiten, die sie mit einem Faden zu einem Buch gebunden und dessen Titelblatt sie mit aus Zeitschriften ausgeschnittenen Tieren dekoriert hatte. Sie hatte das ganze Fabelbuch für mich abgeschrieben. Ich habe es leider nicht mehr. So wie ich bald auch meine Mutter nicht mehr in der Nähe haben werde. Wenigstens bleibt die Erinnerung.  Damit ist nichts ganz verloren. 

Immer, wenn ich diese Bücher nun im Regal sehe, werde ich mich an den Moment erinnert sein, wie sie bei mir einzogen. Das geht mir mit vielen Büchern so: Ich weiss, wann und wo ich sie gekauft oder geschenkt gekriegt habe. Geht euch das auch so? Habt ihr auch solche Büchergeschichten?


Lebenskunst: Dunkle Stunden

Rainer Maria Rilke schrieb in einem meiner liebsten Gedichte:

„Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden,
in welchen meine Sinne sich vertiefen;
in ihnen hab ich, wie in alten Briefen,
mein täglich Leben schon gelebt gefunden
und wie Legende weit und überwunden.

Aus ihnen kommt mir Wissen, dass ich Raum
zu einem zweiten zeitlos breiten Leben habe.
Und manchmal bin ich wie der Baum,
der, reif und rauschend, über einem Grabe
den Traum erfüllt, den der vergangen Knabe
(um den sich seine warmen Wurzeln drängen)
verlor in Traurigkeiten und Gesängen.“

Das Leben läuft nicht immer so, wie wir uns das erträumt haben. Manchmal beginnen wir einen neuen Lebensabschnitt voller Freude und Hoffnung, um dann vor einer Mauer zu stehen, wo es nicht mehr weiter geht. Oder wir leiden an einer Krankheit, werden von Menschen enttäuscht, auf die wir gebaut haben. Und dann wird die Welt dunkel, alles erscheint in düsteren Farben, wir hadern mit geplatzten Hoffnungen und leiden. Es sind die Momente, die wir eigentlich nicht in unserem Leben wollen, wir streben die lichtvollen an, die, welche hell und klar scheinen. Leider wird das Leben nie nur hell sein, zudem ist es nicht mal sicher, ob das wirklich wünschenswert wäre.

Oft zwingen uns gerade die dunklen Stunden, genauer hinzuschauen. Oft öffnet sich dann der Blick auf vorher Verborgenes, wir erkennen Irrtümer, Wünsche, Träume, finden neue Ziele. Oft sind es die problematischen Situationen, an denen wir wachsen.

Vielleicht können wir dunkle Stunden auch als Chance sehen? Als Möglichkeit, innezuhalten, uns zu hinterfragen? Vielleicht sind sie Mittel, unserem Unbewussten mehr auf die Spur zu kommen, weil sie uns mit dem konfrontieren, was uns leiden lässt. Vielleicht finden wir dadurch auch Mittel und Wege, künftiges Leiden zu minimieren, so dass wir von Mal zu Mal wachsen. Und sicher hilft der Gedanke daran, dass irgendwann wieder die Sonne aufgehen wird und es hell wird. 

Was macht ihr, wenn im Dunkel sitzt? Habt ihr Strategien, wie ihr wieder ins Licht kommt?

Christa Wolf (18. März 1929 – 1. Dez. 2011)

Ich hebe mein Glas auf eine wunderbare, tiefgründige, engagierte Schriftstellerin – Christa Wolf

Avatar von Sandra von SiebenthalDenkzeiten - Sandra von Siebenthal

„Unverhüllt autobiographisches Schreiben ist unter den vielfältigen Schreibmöglichkeiten zugleich die leichteste und die schwerste: leicht, weil der oder die Schreibende sich im Stoff bewegt wie der Fisch im Wasser; weil alles bekannt, vertraut ist, nichts erfunden muss (oder darf) – vielleicht, dass, um des lieben Friedens willen, einige Namen verändert, einige Handlungsorte verschleiert werden. Aber man schöpft aus der Fülle.Das schwerste ist es, weil es, soll es gelingen, bekennendes Schreiben sein muss, was meistens heisst: Es muss weh tun.“

Dies schreibt Christa Wolf in ihrem Essay „Autobiographisch schreiben“ zu Günter Grass’ „Beim Häuten der Zwiebel“, aber man könnte es genauso als Selbstbeschreibung sehen, behandelt Christa Wolf in ihren Büchern doch immer auch ihre eigene Biografie, verwebt diese in die erzählten Geschichten.

Christa Wolf wird am 18. März 1929 in Landsberg an der Warthe geboren, wo sie auch bis kurz vor Kriegsende die Schule besucht. Als die Truppen der Roten Armee…

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Gedankensplitter: Sprache als Heimat

«Ohne Sprache, ohne Schreiben, fühle ich mich wie ein Obdachloser ohne Heimat.» Carolin Emcke

Ich weiss nicht, wann sie anfing, die Liebe zur Sprache, zum Wort. Zuerst war sie beim Lesen da, ich liebte Geschichten, ich hörte sie vorgelesen und von Tonbändern. Ich lernte früh lesen, und von da an war kein irgendwo geschriebenes Wort mehr sicher vor mir. Jedes Plakat, jede Inschrift wollte gelesen sein. Die wöchentlichen Gänge in die Ortsbibliothek waren mein Highlight, ich deckte mich jedes Mal mit Stapeln ein, die ich zu Hause feinsäuberlich lesend abtrug (damals waren die Stapel offensichtlich überschaubarer als heute). Bald kam zur Liebe zu beschriebenen Büchern die zu schönen leeren dazu, die ich selbst schreibend füllen wollte. Manchmal holte ich auch die Schreibmaschine meiner Mutter aus dem Schrank und fühlte mich wie ein Schriftsteller, wenn ich davorsass und tippte.

Diese zwei Lieben sind geblieben, mein Leben lang bis heute. Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht lese, es gibt keinen Tag, an dem ich nicht schreibe. Ich höre oft, ich solle mal Urlaub machen, mal ausspannen, mal einen Tag einfach nur frei sein. Ich verstehe diese Gedanken, allein sie verkennen, dass für mich Schreiben und Lesen Freiheit sind, nämlich die Freiheit, ganz ich zu sein, an genau dem Ort zu sein, wo ich mich zuhause fühle. Ich habe mich in meinem Leben immer wieder gefragt, was Heimat bedeutet, wo ich zuhause bin. Ich glaube, das ist die Antwort: In der Sprache. 

Was bedeutet Heimat für euch?

Gedankensplitter: Unfassbar

Wer will ich sein, wie fasse ich mich? Wie werde ich für andere als die fassbar, die ich bin? Was muss ich tun, was muss ich lassen, damit sie mich auch richtig fassen? Wie seh ich mich, was soll verblassen? Ich suche mich und kann’s kaum fassen, weil ich mich oft ganz unfassbar empfinde.

Ich will das ändern, denke auch, ich muss. Denn: Das Unfassbare ist, was keiner will. Wir wollen Sicherheit, die Sicherheit des Wissens. Wir wollen wissen, wie der Hase läuft, wir wollen wissen, was passiert. Wir wollen wissen, wer da steht, und was von uns erwartet wird. Wie muss ich sein, wie komm ich an? Ich will nicht abstossen, nicht ausgestossen sein. Ich will mich fassbar machen, damit ich von den anderen gefasst werden kann, denn jedes Fassen ist auch ein Halten, ein Halt in der sonstigen Haltlosigkeit des Seins ohne Geländer und stützende Säulen. Es ist ein Stehen im Nichts und doch nicht allein. Es ist ein Sein im All, ein All-ein-Sein mit anderen als gefasstes Ich.

Und dann überlege ich wieder, was ich tun muss, um fassbar zu sein. Was verwirrt, was passt nicht in das Bild, was fällt raus? Was muss rein, was muss sein, was ist zu viel – und was zu wenig? Was muss ich aufgeben und wo gebe ich zu viel? Wo verliere ich mich im Aufgeben, wo fass ich zu viel. Und in all dem Suchen und oft Nicht-Fnden werde ich immer fassungsloser ob meiner Unfassbarkeit, die sich darin zeigt, dass alles, was ich mal fasse, bald zu eng wird, sich falsch anfühlt, an allen Ecken zwickt und kneift. Und ich fasse nicht, dass ich nicht fassbar bin, denn wenn ich in die Welt schaue, sehe ich viele Gefasste, Fassbare. Menschen, die erfasst haben, wer sie sind und sich in diesem Sein erfassen lassen durch ihr Tun, das der Fassung entspringt. Und ich merke noch mehr, wie unfassbar ich bin. Und ich bin fassungslos.

Und dann denke ich an all das, was ich nicht mehr fassen kann, wenn ich mich für das entscheide, das mich eindeutig fassbar macht. Und ich denke an all das, was wegfällt. Und ich fühle in der Unfassbarkeit ein Stück Freiheit. Ich fliege zwischen den Welten und erfasse sie mit allen Sinnen. Ich tauche auf aus einer Welt und trage das Gefasste in die nächste. Ich bin nicht Inhalt im Gefäss, ich bin der Raum. Ich bin unfassbar frei im Sein und Tun. Und doch gefasst in dieses eine Sein und Tun als die, die tut und ist.  

Gedankensplitter: Tun

Was macht Tun zu einem sinnvollen? Muss Tun einem höheren Zweck dienlich sein oder ist die reine Freude am schlichten Tun schon Sinn stiftend genug? Kann ich im Tun meinen Sinn finden, auch wenn er nur der meine ist, ohne darüber hinaus zu gehen, oder brauche ich als soziales und in ein soziales Umfeld eingebundenes und daher meine Bestätigung als Ich kriegendes Wesen eine Verortung durch mein Tun in diesem grösseren Rahmen? Ist das, was ich nur für mich tue, gleich viel wert, wie wenn es auch andere sähen? Ist es gleich viel wert, wenn es anderen etwas brächte? Wie müsste dieser Nutzen sein, dass meinem Tun ein Mehrwert zukäme durch den Nutzen?

Was ist der Nutzen des Tuns für mich? Ist Freude schon genug? Muss es Anerkennung sein? Wie steht es mit Geld? Wiegt es mehr als Freude? Als Anerkennung? Auch wenn es durchaus eine Form der Anerkennung sein kann? Ist Geld immer Anerkennung? Nicht teilweise schlicht der Konvention abgerungen, damit aber auch dem (Über-)Leben dienend? Was wiederum ein Nutzen wäre. Für mich. Aber auch im Auge der Gesellschaft. Ist es dadurch ein Wert? Ein Mehrwert? Für mein Tun? Für mich?

Lesemonat Februar – Ein Rückblick

Schon wieder ist ein Monat vorbei. Es war zwar der kürzeste Monat des Jahres, doch ich habe viel gelesen, einiges vielleicht nicht mit der Aufmerksamkeit, die es verdient hätte, was vor allem dem Umstand geschuldet war, dass ich mich langsam in meinen Lesewünschen wieder weiterbewegt und endlich – nach einer langen Leseflaute diesbezüglich, die mich ob ihrer Länge verunsichert und auch geschmerzt hat – wieder zur Literatur zurückgefunden habe. Schon Thommie Beyer hat einen guten Anfang gemacht, aber Eric-Emmanuel Schmitts Monsieur Ibrahim hat die Liebe zur Literatur mit einer Wucht zurückgebracht.

Wenn ich im Nachhinein zurückblicke, ist es schon erstaunlich, wie viel mir Literatur bedeutet. Als sich der Zugang für mich verschlossen hatte, fehlte ein wichtiges und grosses Stück in meinem Leben. Die Liebe zu Büchern war noch da, die Liebe zum Lesen entfaltete sich in anderen Bereichen, die mir durchaus auch wichtig sind, und doch…

Ich bin diesen Monat nach Südfrankreich gereist, um in einem Sommerhaus fünf eigentlich Fremde und doch Verbundene zu beobachten, habe mir Zuspruch geholt, mich nicht zu verbiegen, habe die Blumen des Korans gesucht und mit Rosa den kleinen Oskar begleitet. Ich habe mit den Denkern der Frankfurter Schule philosophiert und mit vier Philosophinnen nach der Freiheit gesucht. Ich habe den Wert des Nichtstuns erforscht und Hannah Arendts Menschenbild ergründet. Danach musste ich mal schnell schauen, ob ich die Welt noch retten kann, um dann in die dramatische Liebe von Ingeborg Bachmann und Max Frisch einzutauchen – die war nicht zu retten.

Der März wird ein durch und durch literarischer Monat werden hier – ich freue mich drauf. Kennt ihr Leseflauten? Wie geht ihr damit um?

Die meine komplette Liste:

Thommie Bayer: Sieben Tage SommerMax lädt fünf Menschen in sein Sommerhaus ein, wo er sie treffen will. Diese fünf Menschen haben vor vielen Jahren seinen Weg gekreuzt, einer hat ihm das Leben gerettet, die anderen vier hatten dabei geholfen, dass diese Geschichte für alle gut ausging. Anja ist damit betraut, die fünf zu bewirten und Max zu berichten, wie alles läuft. Max wird nicht auftauchen – doch: Was hat er vor?    Das Buch war leicht zu lesen, es plätscherte dahin. Am Schluss bleibt ein wenig das Gefühl, dass die Erwartungen an das Ende nicht erfüllt wurden. Aber trotzdem unterhaltsame Lektüre.4
Ichiro Kishimi, Fumitake Koga: Du musst nicht von allen gemocht werden. Vom Mut, sich nicht zu verbiegenDie Lehre Adlers in einen Dialog zwischen einem jungen Mann und einem Philosophen verpackt. Eine interessante Herangehensweise, um die Inhalte dieser Lehre, wenn sie auch ein etwas flacher Vergleich zu Sokrates ist. Adlers These, dass das Leben immer zielgerichtet gelebt wird und die Ursachen nicht in der Vergangenheit liegen, werden ebenso thematisiert wie die Bedeutung von Minderwertigkeitsgefühlen, horizontale und vertikale Beziehungen und der Wert von Mut, Selbstvertrauen und Engagement für andere, wenn es darum geht, glücklich sein zu wollen. 4
Eric-Emmanuel Schmitt: Monsieur Ibrahim und die Blumen des KoranEin Buch wie ein warmer Mantel ums Herz, eine Streicheleinheit für Gemüt und Seele. So viel Liebeswürdigkeit, so viel Tiefe, so viel Menschlichkeit. Und so viel Humor bei allem Ernst, der in den Themen liegt.5
Eric-Emmanuel Schmitt: Oskar und die Dame in RosaEine tief menschliche Geschichte über das Leben, das Lieben und das Sterben. Eine kleine, feine, Erzählung.5
Wolfgang Martynkewicz: Das Café der trunkenen Philosophen. Wie Hannah Arendt, Adorno & Co. das Denken revolutionierten.Ein hervorragendes Zeitzeugnis, ein Zeugnis der Lebens- und Denkensstränge herausragender Denker in den dunklen Zeiten der Kriege und im Exil, und ihrer Verschränkungen und gegenseitigen Befruchtungen wie Ablehnungen. Dafür, dass Arendt so prominent im Untertitel steht, ist wenig Arendt im Buch vorhanden. 4
Wolfram Eilenberger: Feuer der Freiheit. Die Rettung der Philosophie in finsteren Zeiten 1933-1943Mit Blick auf Hannah Arendt, Simone de Beauvoir, Ayn Rand und Simone Weil zeichnet Wolfram Eilenberger ein Bild der Zeit zwischen 1933 – 1943 und zeigt auf die philosophischen Wege, welche die vier Philosophinnen einschlagen, ihre Hindernisse, ihren Kampf, ihr Leben und Denken. 4
Byung-Chul Han: Vita Contemplativa. Oder von der UntätigkeitEine Antwort auf Hannah Arendts «Vita activa», in welcher das Tun dem Sein eher im Wege steht als dieses begründet, in welchem der Untätigkeit der Wert zukommt, zur Besinnung zu führen und damit zu einem Dasein als wirklichem Sein in der Welt. 4
Lea Mara Esser: Vom Schweigen des Guten. Hannah Arendts Theorie der MenschlichkeitDas Gute müsse neu gedacht werden. Dies will Lea Mara Esser zeigen anhand von HA, die sie in den Dialog mit Walter Benjamin treten lässt und wozu sie eine Unmenge an Verweisen, Zitaten, Meinungen, Analysen heranzieht. Zwar finden sich durchaus alle wichtigen Begriffe Arendts, doch wird im Buch mehr die offenbare Belesenheit und Zitierwütigkeit sichtbar als eine stringente Argumentationskette. So entsteht zumindest, was Esser als Philosophieren deklariert: Es herrschen nur Fragen vor, die Antworten bleiben aus. 3
Thomas Seibert: ExistenzphilosophieBegriff und Entwicklung (von Kierkegaard, Stirner, Nietzsche über Jaspers und Heidegger zu Sartre und in die Postmoderne) der Existenzphilosophie in einer unglaublich mühselig zu lesenden Fassung. Das war reiner Kampf durch die Seiten, keine Freude. 3
Eberhard Rathgeb: Die Entdeckung des Selbst. Wie Schopenhauer, Nietzsche und Kierkegaard die Philosophie revolutioniertenDrei Philosophen gingen dahin und haben sich lebend und schreibend dem Selbst-Sein gewidmet. Sie haben sich selbst als Experimentierfeld genommen und daraus ihre Theorien entwickelt, wie einer wird, wer er ist und worauf es ankommt im Leben als Selbst. Sie schrieben damit gegen all die Philosophen an, die das Individuum in den Dienst der Gesellschaft und der Wirtschaft stellten, sie schrieben gegen eine Zeit an, in welcher Rationalität und Vernunft das Gefühl und das Er-Leben verdrängen wollten.4
Thomas Metzinger: Bewusstseinskultur. Spiritualität, intellektuelle Redlichkeit und die planetare KriseWie muss sich unsere Gesellschaft, wie müssen wir uns ändern, damit wir mit dieser sich anbahnenden globalen Krise umgehen können? Metzinger plädiert für eine Bewusstseinskultur, in welcher die Menschen gemeinsam nach einer Form des Lebens suchen, mit welcher der Krise begegnet und die eigene Selbstachtung und Würde bewahrt werden können. 4
Bettina Storks: Die Poesie der LIebe. Ingeborg Bachmann & Max FrischEine Romanbiografie über eine grosse Leidenschaft, eine Liebe, die im Sturzflug endete. Es ist die Geschichte zweier Poeten, die so unterschiedlich in ihrem Sein und Schreiben waren, dass sie nicht zusammen sein konnten, ohne sich gegenseitig immer wieder zu verletzen und nach und nach zu zerstören. 5

Philosophie fürs Leben

„Was nutzt das ganze Philosophiestudium, wenn für Sie nichts dabei herauskommt als die Fähigkeit, halbwegs überzeugend über irgendeine abstruse Frage der Logik etc. zu reden, und wenn es Ihre Denkweise über die wichtigen Fragen des Alltags nicht verbessert […]» Ludwig Wittgenstein

Diese Frage habe ich mir auch oft gestellt, wenn ich Sätze las, die nach dreimaligem Lesen unverständlich blieben, sich nach fünfmaligem als Nichtssagend herausstellten, die aber dabei unglaublich gebildet klangen. Es kam mir oft so vor, als wollten sich da Menschen mit Gelehrtheit brillieren, indem sie sich so ausdrücken, dass keiner es versteht und alle denken, wie klug der doch sein müsse, sich so unverständlich auszudrücken, weil man davon ausging, dass er verstanden hat, was er sagte. 

Philosophie war ursprünglich als ein Weg gedacht, das Leben lebenswerter zu machen, dem Lebenden Mittel an die Hand zu geben, mit denen er sein Leben von unnötigem Leid befreien kann. Dieser Gedanke zieht sich in der Antike durch alle Philosophien und irgendwann scheinen wir ihn im Laufe der Zeit verloren zu haben. Gerade in schwierigen Zeiten finde ich es wichtig, sich wieder daran zu erinnern und die Philosophie zurück ins Leben zu holen. Denn: Was nützt alle Weisheit und alles Gebildetsein, wenn sie nicht dem Leben dient? Sonst werden wir zu blossen Gefässen für Inhalte, statt zu lebensklugen Akteuren in unserem eigenen Leben. 

Tagesgedanken: Umgang mit Kränkungen

Wie reagierst du, wenn dich jemand beleidigt? Was fühlst du, wenn du dich gekränkt fühlst? Was sind deine Reaktionsmuster auf Kränkungen? Oft neigen wir dazu, beleidigt zu reagieren, wenn und jemand ungerecht behandelt, beleidigt oder sonst kränkt. Wir nehmen dem anderen sein Verhalten übel und fühlen uns zurückgesetzt. In uns werden Sätze laut wie «mit mir nicht» und «was bildet der sich eigentlich ein?». Zorn breitet sich aus, Wut brodelt, der Gedanke, sich zu wehren, kommt auf – schliesslich kann man ja nicht alles auf sich sitzen lassen.

„Wenn du deinen Hass und deinen Zorn schürst, verbrennst du dich selbst.“ Thich Nhat Hanh

Was mache ich damit eigentlich? Dem anderen ist unter Umständen nicht mal bewusst, dass er mich gekränkt hat. Er hat seine Ziele verfolgt, etwas gesagt, das bei anderen nichts ausgelöst hätte, bei mir aber eine ganze Wellte ausgelöst hat. Indem ich nun hadere und zürne, meinen Zorn entfache, stosse ich den Stachel der Beleidigung immer tiefer in mich selbst, während der andere unter Umständen nichts davon weiss und friedlich weiterlebt.

«Sei dir dessen bewusst, dass nicht derjenige dich verletzt, der dich beschimpft oder schlägt; es ist vielmehr deine Meinung, dass diese Leute dich verletzten.» (Epiktet)

Das Unrecht ist passiert, ich kann es nicht ändern. Ich kann aber meine Haltung dazu ändern und akzeptieren, dass es passiert ist, wie so vieles anderes auch passiert. Ich kann mich darin üben, es auch wieder aus den Gedanken loszulassen, statt es ständig weiter zu tragen und damit meine Wut zu schüren.

Und: Wenn ich doch etwas daran ändern kann, sollte ich es besser sachlich und in angemessenem Stil tun, nicht im Affekt aus einer Wut heraus. Wut ist nicht nur schlecht, sie kann auch Positives bewirken, indem sie Energien freisetzt. Allerdings sollte sie nicht immer tiefer gehen, sondern erkannt und dann auch wieder losgelassen. Dadurch stellt sich die eigene Seelenruhe wieder ein, das höchste Ziel der Stoiker.

«Wer das Elend bereits erwartet, beraubt es seiner gegenwärtigen Macht.» (Seneca)

Man kann aber schon vor der effektiven Kränkung etwas tun, um im Umgang mit negativen Gefühlen gelassener zu werden: Im Buddhismus gibt es die Sicht auf das Leben, die besagt, dass Leben immer auch Leiden bedeutet. Diese Sicht vertreten auch die Stoiker. Seneca ging so weit zu sagen, dass man sich jeden Morgen, bevor man das Haus verlässt, sagen soll, dass man bestimmt drei üble Menschen treffen wird heute, aber auch 15, mit denen sich ein schöner Austausch einstellt. Diese Form von negativer Visualisierung kann helfen, den Tag gelassener anzugehen, weil man nicht mit Idealvorstellungen loszieht, sondern den Dingen gelassen ihren Lauf lässt.

«Verlange nicht, dass alles so geschieht, wie du es wünschest, sondern wolle, dass alles so geschieht, wie es geschieht, und es wird dir gut gehen.» (Epiktet)

Gedankensplitter: Herzen

Herzen überall. Sie hängen von Decken, an Türen, sind in Bäume geritzt und auf Beine gemalt. Sie schwirren als Symbole durch Timelines und Chats, blinken von Elektrowerbetafeln und prangen an Wänden. Sie zieren Hälse und Finger, baumeln von Ohren. Und manchmal tragen wir sie auf der Zunge. Manchmal zu selten.

Und dann blicke ich in die Welt und vermisse all die Herzen in den Menschen, die Krieg führen, Menschen töten, Kinder schänden und Tiere quälen. Ich vermisse Herzen bei Worten, die stechen, zielen, verletzen, treffen. Bis ins Herz, weil sie nicht aus einem solchen kommen. Ich vermisse Herzen im Miteinander des Tuns und Seins und sehe sie zu viel als Schein.

Und manchmal wünschte ich mir, wir könnten das einfach tauschen. Herzen in Menschen pflanzen und den ganzen Schein den Symbolen überlassen.