Lebenskunst: Grenzen setzen

Sagst du auch oft ja zu etwas, obwohl alles in dir nein schreit? Gibst du auch oft deine Wünsche auf, um die eines anderen zu erfüllen? Wie oft steckst du zurück und wieso? Ich las mal den Spruch:

«Ein Ja zu jemand anderem kann ein Nein zu dir selbst sein.»

Wo wir uns zu sehr verbiegen, in unseren Bedürfnissen übergehen, verneinen wir uns in unserem Sein selbst. Wir nehmen unsere Grenzen nicht wahr und ernst, überfordern und benachteiligen uns. Und oft leiden wir dann. Nicht selten geben wir sogar anderen die Schuld, fühlen uns nicht wahrgenommen, werfen ihm vor, seine Bedürfnisse immer erfüllt zu kriegen. Dabei haben wir das oft selbst so gesteuert. Wieso tun wir das?

Wir sind Bindungswesen. Ohne Bindungen, ohne Beziehungen zu anderen Menschen, ohne das Gefühl, dazuzugehören und dies auch zu spüren, können wir nicht leben. Oft lernen wir schon als kleines Kind, dass wir auf eine Weise sein müssen, um in Ordnung zu sein. Unsere Grenzen werden schon von klein auf übergangen und wir lernen, dass das so läuft im Leben, und übernehmen das in unser Erwachsenenich.

Wenn wir oft genug gelitten haben, kommen wir an einen Punkt, wo wir denken:

«So nicht mehr!»

Was tun? Wichtig ist wohl einmal mehr: Hinschauen. Wo übergehe ich mich, wieso tue ich das? Das gelingt, wenn wir eine konkrete Situation anschauen, wo wir uns selbst wieder nicht ernst genommen haben, und unsere Grenzen überschritten wurden und wie das zuliessen. Was ist in der Situation passiert?

Oft sagte eine innere Stimme «nein». Der Verstand setzte ein und brachte viele vernünftig klingende Argumente, wieso doch. Im Körper regte sich was bei all dem. Meisten ignorieren wir den Körper, weisen die innere Stimme als unvernünftig in die Schranken und folgen unserem Verstand, da wir gerade in unserer westlichen Welt mehrheitlich Kopfmenschen sind, als solche erzogen und be-lehrt wurden. Und genau da liegt auch das Problem: Der Verstand speist sich oft aus äusseren Stimmen, hier werden die Forderungen aus dem Elternhaus, aus Erziehung und Bildung und auch die Erwartungen unserer Gesellschaft laut. Das Ich redet oft wenig mit, zumindest nicht aus sich selbst heraus. Erst wenn wir lernen, auf all unsere Kanäle zu achten: Körper, Intuition und Verstand, werden wir auch lernen, was wir wirklich wollen. Und wir werden lernen, darauf zu hören und es umzusetzen. Weil wir es uns wert sind.

Ignorierst du deine Grenzen oft?

Lebenskunst: Ich bin so frei

Jeder kennt wohl die Situation, dass es in einem brodelt, etwas raus will, man sich aber nicht getraut, es zu sagen. Was, wenn der andere dann enttäuscht, böse, traurig ist? Was, wenn das etwas zwischen uns verändert in einer Weise, die ich nicht will? Und so schweigen wir. Und manchmal hoffen wir dann insgeheim, der andere käme von selbst drauf, was wir wollen. Tut er das nicht, machen wir ihm das fast zum Vorwurf, sogar dann, wenn wir es selbst nicht so genau wissen.

Was ich wirklich will, kann nur ich selbst wissen. Und wenn ich es nicht weiss, weiss es sicher kein anderer.Aber: Ich kann dem auf die Schliche kommen, indem ich in mich hineinhöre: Was will ich wirklich? Oft sind dann verschiedene Stimmen in mir, alle wollen sie etwas anderes. Woher kommen sie? Wer spricht in und durch uns? Welches sind meine wirklichen Bedürfnisse und was ist nur anerzogen, angelernt, Erwartungen geschuldet?

„Das Schlimmste aber, wenn man ein Gefängnis mit unsichtbaren Mauern bewohnt, ist, dass man sich den Schranken nicht bewusst ist, die den Horizont versperren.“ Simone de Beauvoir

Wenn ich selbst nicht weiss, was ich will, oder aber wenn ich mir das, was ich will, versage aus Ängsten heraus, baue ich mir selbst ein Gefängnis, das ich von meinen Ängsten bewachen lasse. ich liefere mich diesen aus und versage mir, so zu leben, wie es mir entsprechen würde.

„Der Frau bleibt kein anderer Ausweg, als an ihrer Befreiung zu arbeiten. Diese Befreiung kann nur eine kollektive sein.“ Simone de Beauvoir

Wirklich authentisch zu sein, meine eigene Natur zu erkennen und zu leben, ist der einzige Weg, der wirklich glücklich macht, weil ich mich nur dann frei und damit auch leicht fühlen kann. Mich selbst hinter Gitterstäben zu halten ist nicht nur eine Unterdrückung von mir selbst, es ist auch eine Absage an erfüllende und bereichernde Beziehungen, da es unmöglich ist, eine gleichberechtigte, freie und zu gegenseitigem Wachstum anregende Beziehung zu leben, wenn ich all das bei mir selbst einschränke oder gar negiere.

Fällt es dir leicht, zu deinen Bedürfnissen zu stehen?

Gedankenvoller Jahresausklang

Das Jahr neigt sich dem Ende zu, heute ist der letzte Tag. Ich merke, wie ich stiller werde, wie ich beginne, das Jahr zu reflektieren, hinsehe, was war, wie mein Weg durch dieses Jahr aussah. Es sind nicht mal so sehr die Erlebnisse, die mich beschäftigen, eher die Gefühlswelten, die Interessenlagen, die Themen, die präsent waren. Und wenn ich diesen Weg ansehe, der doch ein sehr kurvenreicher war, kommt natürlich der Gedanke ans neue Jahr auf: Wie wird der Weg weiter gehen? Was sind meine Ziele, meine Wünsche, meine Möglichkeiten?

Max Frisch schrieb:

„Schreiben heisst, sich selber lesen.“

Ich merke, dass mir im Moment die Antworten fehlen, also fange ich an zu schreiben. Ich fülle Seite um Seite im Notizbuch und versuche, mich selbst zu finden, zu ergründen. Es ist ein stiller Prozess des Herantastens. Einst sagte ich, ich sei ein schreibender Mensch. Das bestätigt sich immer wieder. Schreibend versuche ich, die Welt und mich in ihr zu verstehen. Und manchmal komme ich beidem für einen Moment auf die Schliche. 

Lebenskunst: Kraft tanken

Meine Grossmutter war eine sehr lebenstüchtige und weise Frau. Sie hatte viel Humor, dachte pragmatisch («Mir geht es gut denn wenn ich denke, es geht mir nicht gut, geht es mir nicht besser.») und war überhaupt nicht religiös. Umso mehr erstaunte mich, dass sie oft am Sonntag in die Kirche ging. Ich fragte sie mal, wieso. Sie meinte, wenn sie auf der Bank sitze, wisse sie, dass sie nun einfach eine Zeit Ruhe für sich hätte. Dann denke ich sie über sich und das Leben nach und tanke Kraft für die nächste Woche. 

Nun hätte sie das natürlich überall machen können. Eine einsame Bank irgendwo wäre noch ruhiger gewesen, da keiner predigt und niemand links und rechts sitzt. Aber für sie musste es die Kirche sein. Ich denke, dass da doch mehr dahinter steckte. Dass da eine Verbindung spürbar war zu etwas Grösserem, wie auch immer geartet.

Für meine Grossmutter war die Kirche ein Kraftort. Sie war ein Ort, an dem sie auftanken konnte für sich und für das Leben, das viel von ihr forderte. Andere Menschen haben andere Kraftorte. Für den einen sind es die Berge, der andere tankt am Meer auf, Bäume, Steine, alles können Kraftorte sein. Mein wichtigster Kraftort ist die Yogamatte. Egal, wie müde ich bin – körperlich oder geistig -, meine Zeit auf der Matte ist mir heilig. Die Zeit auf der Matte gehört nur mir. Hier atme ich, fühle ich, bin ich und finde immer viel über mich heraus. Mein Körper zeigt mir tagtäglich, wo ich stehe, wo meine Grenzen sind, womit ich auch kämpfe. Ich muss nur hinsehen.

Ich bin dankbar für diesen Ort. Ich bin dankbar dafür, Zeit für mich zu haben, mir die nehmen zu können. Und ich bin dankbar für all die Erkenntnisse, mit denen ich von der Matte steige. Das ist für mich zentral: Yoga findet nicht (nur) auf der Matte statt, es ist das, was ich von der Matte mit ins Leben mitnehme. Es gab in all den Jahren, die ich nun auf meinem Yogaweg bin, kaum einen Tag ohne Yoga. Das Schöne an der Yogamatte ist, dass man sie überall ausbreiten kann. Und manchmal muss es nicht mal eine Matte sein, es reicht schon ein Stück Boden und die Bereitschaft, sich die Zeit für sich zu nehmen.

Was ist dein Kraftort? Wo und wie tankst du wieder auf, wenn die Batterien leer sind?

Lebenskunst: Mich im anderen finden

«Sage mir, mit wem du umgehst, so sage ich dir, wer du bist; weiss ich, womit du dich beschäftigst, so weiss ich, was aus dir werden kann.»

Goethe greift hier in seinem Wilhelm Meister eine tiefe Wahrheit über unser Sein auf: Wir sind geprägt durch unsere Umwelt – und dies mehr, als uns wohl oft bewusst ist. Menschen brauchen andere Menschen, um eine Identität auszubilden. Erst im Umgang mit anderen erfahren wir, wer wir sind, weil wir anhand ihrer Reaktionen auf unser Verhalten merken, wie sie uns sehen. Das alles fängt gleich nach der Geburt an und hört das ganze Leben nicht mehr auf.

Schon Babys reagieren auf das Verhalten ihrer Umgebung. Wenn jemand lächelt, lächeln sie zurück. Wenn sie etwas tun und eine entsprechende Reaktion erhalten, verinnerlichen sie diese und lernen, wie sie sich künftig zu verhalten haben. Das Verinnerlichen von Verhaltensmustern, von Wertmassstäben, die Reaktionen aus dem Umfeld zugrunde liegen, bilden ein inneres Diagnoseprogramm aus. Die Gesellschaft mitsamt ihren Erwartungen und Werten tritt quasi in mich ein und wirkt nun von innen heraus, indem ich selbst mein eigenes Verhalten bewerten kann anhand der erlernten Massstäbe. Indem ich einerseits handle als Ich, andererseits dieses Handeln selbst beurteilen kann, bildet sich ein Selbst-Bewusstsein, und damit meine Identität.

George H. Mead hat sich intensiv mit dem Thema Identität und Gesellschaft befasst. Er kam zum Schluss, dass sich Identität nur dann ausbildet, wenn wir uns in andere hineinfühlen können, wenn wir in der Lage sind, fremde Perspektiven einzunehmen. Mead spricht damit an, was im Buddhismus als Mitgefühl bekannt ist: Mit-Fühlen, was der andere fühlt.

«Wir müssen an der Fähigkeit arbeiten, uns einzufühlen, uns berühren zu lassen und uns unseren eigenen Schmerzen und Schwierigkeiten oder denen anderer Menschen empathisch zuzuwenden.»[1]

In Verbindung treten durch mein empfundenes Verständnis für sein Sein und Fühlen. Damit ist Mitgefühl eine wichtige Eigenschaft im Umgang mit anderen, und es ist auch für unsere eigene Selbsterkenntnis fundamental. Nur wenn ich mich dem anderen öffne, ihn wahrnehme, mich in ihn hineinfühle, kann ich zu einem Verständnis meiner selbst kommen. Und so kommen wir uns alle etwas näher, gegenseitig und für uns selbst. 

Wer bin ich also? Ich bin die Summe meiner Erfahrungen und der daraus verinnerlichten sozialen Erwartungshaltungen, die sich in meinem Verhalten ausdrücken. Ich werde zu dem, der ich bin, durch das, was ich im Aussen erfahre und verinnerliche. Im Wissen darum ist es umso wichtiger, denke ich, das für einen passende, einem entsprechende Umfeld zu finden, denn nur damit wird es gelingen, zu dem Ich zu werden, das man sein will.   


[1] Gilbert & Choden: Achtsames Mitgefühl. Ein kraftvoller Weg, das Leben zu verwandeln

Lebenskunst: Stark werden

«Kein Baum wird kräftig und entwickelt tiefe Wurzeln, wenn er nicht häufig von starken Winden geschüttelt wird.» Seneca

Kürzlich sass ich mit einer Freundin zusammen und wir redeten über unsere jeweilige Vergangenheit. Es gab viel Schönes zu erzählen, wir lachten viel, doch auch die schwierigen Zeiten kamen zur Sprache. Wir kamen zum Schluss, dass vieles damals schwer zu tragen gewesen ist, dass es auch schmerzhaft war, wir es uns sicher anders gewünscht hätten. Aber wir würden wohl nicht heute als die hier sein, die wir sind, hätten wir all das nicht erlebt.

Die Stoiker gehen soweit zu sagen, dass der unglücklich sei, der nie eine schwierige Zeit erlebt habe, denn es sei einfach, grosse ethische Theorien zu verkünden, wenn man nie auf dem Prüfstand ist, sie auch im Leben zu praktizieren. Von dem, der nie durch Schweres gehen musste, wisse man nie, ob er wirklich ein vortrefflicher Mensch sei. Nietzsche interessierte ein anderer Punkt am Leiden:

«Was uns nicht umbringt, macht uns stärker.»

Wenn ich zurückblicke, steckt da viel Wahres drin. Ich bin wohl sicher in den schwierigen Zeiten gefühlt über mich hinausgewachsen. Stand ich vor Bergen, die nicht zu bezwingen schienen, kam ich doch jedes Mal an den Punkt, ihn überwunden zu haben. Nicht dass ich auf dem Weg dahin nicht auch gehadert, geklagt hätte, nicht dass ich auch fast verzweifelt wäre – teilweise ganz. Aber ich habe es geschafft. Und das Wissen darum, wozu ich fähig bin, das Wissen darum, dass es immer weiter geht, ist eine Lebensschulung, es ist eine Stärkung des eigenen Selbst-Vertrauens.

Im Buddhismus entwickelt sich aus dem eigenen Leid das Mitgefühl mit anderen. Das eigene Erleben öffnet das Herz, indem man aus diesem heraus spürt, wie es dem anderen gehen muss, wenn er leidet. Indem wir leiden und unser Leiden nicht nur ertragen, sogar daran wachsen, lernen wir also nicht nur für uns, sondern es ist auch eine Basis für ein Miteinander. Zu wissen, dass wir alle gleich fühlen, dass wir als Menschen trotz aller Verschiedenheit auch gleich sind.

So oder so bleibt Leid schlussendlich leidvoll, nur werden wir es im Leben nie vermeiden können. Vielleicht hilft es, dann und wann hinzusehen und zu denken: Wer weiss, wozu es gut sein wird – irgendwann. Sicher hilft es, zu wissen, dass man schon oft gelitten hat im Leben, und man es tragen konnte. Und irgendwann – ging es vorbei. So wird es auch dieses Mal sein. Dann sitzen wir lachend unter Freunden als die, die wir geworden sind.

Anna Trökes: Yoga der Verbundenheit. Die Kraft des Herzens wahrnehmen und entfalten

Erfüllung auf und neben der Yogamatte

Inhalt

„Sei offen und lass dich immer wieder überraschen, was geschehen will, sobald du die Matte betrittst. Sei wahrhaftig und ehrlich mit dir – und dann tu, was du kannst, so gut du es kannst! Und das ist gut so!“

Offen bleiben, sich nicht verhärten und schon gar keinen Dogmen folgen oder selbst welche aufstellen. Yoga heisst, mit offenem Blick die eigenen Meinungen und Ansichten (auch über sich selbst) zu hinterfragen und sich zu öffnen für das, was möglich ist, für neue Sicht- und Lebeweisen. Mit Yoga können wir einen Weg zu unserem Herzen öffnen, es von innen heraus stärken und aus dieser starken Mitte heraus in die Welt treten.

Anna Trökes zeigt in ihrem Buch, wie wir dahin kommen, mehr zu uns zu finden, in uns die Kraft zu entdecken und zu fördern, die hilft, in der Welt als die, die wir sind und sein wollen, zu bestehen – als aktiver und eingebundener Teil dieser Welt. Das bedeutet immer auch, uns selbst zu hinterfragen, hinzuschauen, was wir brauchen, und das ernst zu nehmen. Es geht darum,

„…dass wir unsere eigenen Anliegen und Ziele ernst nehmen und aus diesem Grund ein echtes, im Herzen gegründetes Interesse zeigen, unserem Anliegen – wie zum Beispiel unserer Yoga-Praxis – die Priorität und genügend Zeit einzuräumen.“

Anna Trökes beschreibt in ihrem Buch, wie wir mit Hilfe von Yoga wieder Verbindung mit unserem Herzen aufnehmen können, um aus dieser Qualität heraus zu handeln. Wenn sie beschreibt, was wichtig ist für die Yogapraxis, indem sie auf die Philosophie Patanjalis, dem Autor der Yoga Sutras, verweist, klingen schon die Anweisungen für die Übungen auf der Matte so, dass man sie auch aufs Leben neben der Matte anwenden kann:

„Um mehr Stabilität und Leichtigkeit zu finden, sollen wir das aktuell für uns angemessene Mass an Anstrengung (Prayatna) finden und alle dabei auftretenden überflüssigen Anspannungen erkennen und gleich wieder loslassen (shaithilya). Ob das gelingt, zeigt uns unser Atem.“

Yoga ist mehr als die blosse Übungspraxis auf der Matte, es ist eine Philosophie, die Jahrtausende alt ist. Ziel ist es, sich zu befreien von äusseren und inneren Beschränkungen, vom Abgetrennt-Sein (Entfremdung vom eigenen Sein und von der Welt). Es weist einen Weg der Verbundenheit, die im Herzen gründen soll. Den Weg zum Ziel beschreibt Patanjali als achtstufigen Pfad, an deren Anfang ethische Grundhaltungen und der sorgsame Umgang mit sich selbst stehen. Nur wenn wir uns diese zu Herzen nehmen, können wir darauf aufbauen und uns entfalten.

Mit praktischen Übungen führt uns Anna Trökes dahin, wie wir unser eigenes Leben in die Hand nehmen und aktiv gestalten können, wie wir uns in die Welt einbringen können. Sie beschreibt Wege hin zu mehr Verbundenheit mit unserem Körper und mit anderen Menschen. Mit einfachen Übungen kann jeder selbst ausprobieren, was es heisst, mehr Entspannung zu finden und in sich Raum für Zuflucht zu schaffen in schwierigen Zeiten.

Fazit
Ein schön gestaltetes, informatives und lebenspraktisches Buch für ein entspannteres und erfüllteres Leben auf und neben der Matte. Sehr empfehlenswert!

Zur Autorin
Anna Trökes ist eine Pionierin des deutschen Yoga. Sie unterrichtet seit 1974 und ist seit fast 40 Jahren eine Institution in der Yoga-Lehrer-Ausbildung des Berufsverbandes der Yoga-Lehrenden in Deutschland (BDYoga) und lehrt europaweit Yoga-Philosophie, Pranayama, Meditation und die fortgeschrittenen Aspekte der Hatha-Yoga-Praxis. Die bekannte Autorin hat mehr als 30 Bücher veröffentlicht.

Angaben zum Buch
Herausgeber : O.W. Barth; 1. Edition (3. April 2017)
Broschiert : 304 Seiten
ISBN-13 : 978-3426292648

Lebenskunst: Eigene Grenzen erkennen

«So ist das Wichtigste im Leben, die Dinge zu unterscheiden und sich klarzumachen: Äussere Ereignisse habe ich nicht in der Hand, aber meine Entscheidungen zu den Ereignissen habe ich sehr wohl in der Hand.» Epiktet

Wenn die Dinge nicht so laufen, wie wir das gerne hätten, neigen wir dazu, uns zu ärgern, mit dem Schicksal zu hadern, uns aufzuregen. Dies passiert auf allen Ebenen: Wir haben ein Grillfest geplant und das Wetter schlägt um, der Autofahrer vor uns findet den zweiten Gang nicht, auf alle Fälle lässt sein Fahrstil darauf schliessen, ein Bekannter hat uns beleidigt –  und vieles mehr. Nur: Wir haben das Wetter nicht in der Hand, der Fahrer vor uns hört unser Fluchen und Toben nicht und den Bekannten können wir nicht erziehen. Ein Sprichwort lautet:

„Was kümmert es den Mond, wenn ihn ein Hund anbellt“

 Die Antwort ist offensichtlich. Und: Wir sollten sein, wie der Mond: Was uns von aussen zufällt, sind bellende Hunde. Sie sind da, sie werden immer da sein, wir können das nicht beeinflussen. Wir können uns aufregen oder im Bewusstsein, dass all das nicht in unserer Macht liegt, versuchen, es anzunehmen und das Beste aus der Situation zu machen. Das liegt in unserer Hand: unsere Reaktion auf diese Hunde.

Wenn das von aussen Kommende von Menschen stammt, kann es auch helfen, wenn wir uns vor Augen führen, dass wir nicht wissen, wieso diese Menschen so sind und handeln, wie sie es tun. Wir alle sind Menschen mit Eigenheiten und Eigenarten, mit guten und schlechten Tagen, mit Stärken und Schwächen. Andere zu verurteilen, zeugt von Überheblichkeit. Wir spielen uns zum Richter auf, vergessen dabei unsere eigene unvollkommene Menschennatur. Mit mehr Mitmenschlichkeit und Verständnis fiele es leichter, die ungewünschten Verhaltensweisen anzunehmen. Und dann könnte all das auch nicht zum eigenen Leid werden. 

Das alles hat nichts mit Gleichgültigkeit oder gar Gefühlskälte zu tun, im Gegenteil: Es ist ein Akt der Selbstsorge, denn das Leid, das wir uns durch affektive Reaktionen zufügen, schadet nur einem: Uns selbst.  

Lebenskunst: Gewohnheiten

«Gross ist die Macht der Gewohnheit.» Cicero

Ich habe einen Apfelschäler, der gleichzeitig den Apfel in Spiralen schneidet. Man steckt den Apfel auf eine Art Gabel, kurbelt ihn nach vorne, das Kerngehäuse geht durch einen Ring und wird so entfernt, der Rest des Apfels landet in einer langen Spirale auf dem Teller. Nun spannte ich den Apfel immer ein, zitterte dann, dass der Stiel auch durch das Loch geht, dass das Kerngehäuse sauber rausgeschnitten wird, da es ansonsten statt einer Spirale ein Stückwerk von Apfel gibt. Jedes Mal schimpfte ich innerlich über die Konstruktion, verurteilte sie als mangelhaft. Bis mir kürzlich der Gedanke kam: Ich könnte den Apfel andersrum in das Gerät spannen, dann könnte das Messer nicht mehr durch den Stil abgelenkt werden. Und siehe da: Es funktionierte. Natürlich rollte ich innerlich die Augen über mich, dass ich so lange brauchte, auf diese Idee zu kommen. 

Dann kam mir der Gedanke, dass das oft im Leben so ist: Wir laufen in immer wieder ähnliche Verhaltensfallen, kämpfen mit sich gleichenden Problemen und beklagen das Schicksal, andere Menschen, Umstände, statt hinzuschauen, was eigentlich dahintersteckt. So lange wir die Ursache für ein Problem oder Verhalten nicht ergründen, und unser Verhalten nicht entsprechend ändern, werden wir immer wieder mit den gleichen Folgen zu kämpfen haben. Leider sind (schlechte) Gewohnheiten – und darum handelt es sich meist – schwer zu ändern, da sie oftmals gar nicht bewusst sein, aber: Es ist nicht unmöglich. Epikur riet dazu:

„Schlechte Gewohnheiten wollen wir wie böse Menschen, die uns lange Zeit geschadet haben, gründlich vertreiben.“

Dabei helfen vier Schritte:

  1. Das Leiden erkennen
  2. Die Ursache erkennen
  3. Erkennen, was helfen würde, die Ursache zu beseitigen
  4. Den Weg gehen

Wenn wir immer wieder ähnliche Probleme haben, können wir uns fragen: Was führt jeweils zu dem Problem? Womit rufe ich es hervor? Was sind meine Gründe dafür? Was könnte ich verändern, damit das nicht mehr passiert? Wie setze ich das konkret um?

Das wird vielleicht nicht sofort und für immer funktionieren, es ist ein Weg, teilweise ein anstrengender. Es gilt, immer bewusst hinzusehen und zu merken, wann wir Gefahr laufen, in alte Gewohnheiten zu fallen. An dem Punkt müssen wir ansetzen und unser Verhalten bewusst in die neue, wohltuendere Richtung verändern. Wenn wir also zum Beispiel zu impulsiven Reaktionen auf gefühlt verletzende Aussagen zu reagieren, hilft es, kurz innezuhalten, uns bewusst zu werden, dass die Verletzung auf unserer eigenen Interpretation basiert und nicht in der Absicht des anderen liegt (und wenn, sollten wir sowieso nicht verletzt sein, sondern uns auch an Epikur halten, einfach umgekehrt, nämlich, dem Menschen in unserem Leben keinen Platz zu geben). 

Das klingt am Anfang vielleicht etwas umständlich, wird aber mit der Zeit zu einer neuen (guten) Gewohnheit und dann automatisch zu mehr Gelassenheit und innerer Ruhe führen. 

„Zum zehnten Mal wiederholt, wird es gefallen.“ (Horaz)

Und wenn es mal nicht klappt, können wir uns an die alten Stoiker halten, die selbst nicht glaubten, dass es je einen Weisen gab, der das Ideal erreichte – nur: Versuchen sollten wir es. Frei nach Rilke:

«Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehen.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.»

Lebenskunst: Spiegelungen

«Wende den Blick auf dich selbst und schau, ob du nicht ähnliche Fehler hast.» Marc Aurel

Wenn andere uns enttäuschen, sich nicht so verhalten, wie wir das erwarten, sind wir schnell dabei, sie zu be- und verurteilen. Wir sehen sie als rücksichtslos, weil sie nicht zu Zeiten zu einer Verabredung kamen, herzlos, weil sie zu wenig Anteil an unserem Leid nehmen, chaotisch, weil sie alles überall liegen lassen. Und wir können uns ob dieser (in Tat und Wahrheit nichtigen) Dinge aufregen, zürnen, schmollen. In ganz schwierigen Fällen zerbrechen daran sogar Freundschaften. Und wir sehen uns im Recht. «So nicht», denken wir. «Nicht mit mir.» 

Nur: Geht es uns danach besser? Haben wir uns bei all dem mal gefragt, wieso der andere ist, wie er ist, tut, was er tut. Und vor allem auch: Haben wir uns mal gefragt, wieso uns das so aufregt? Worauf trifft das Verhalten bei uns, dass wir so viel negative Energie aufwenden, ihm zu begegnen? Was ist in uns, das mit diesem Verhalten in Resonanz tritt?  Vielleicht liegt der Ursprung unseres Zorns, unseres Ärgers gar nicht beim andern, sondern bei uns selbst? Vielleicht gibt es da sogar eine Seite in uns, die genau dem entspricht, was wir beim anderen kritisieren. Und wir mögen die Seite an uns selbst nicht und kritisieren uns dafür, versuchen sie zu unterdrücken. Vielleicht auch nicht immer erfolgreich. Wenn dann jemand kommt und genau das lebt, bricht die ganze Kritik, der ganze Ärger über diese Seite aus uns heraus und trifft den anderen. Könnte das nicht sein?

Tagesgedanken: Freundschaft

«Unter den Gütern, welche die Weisheit sich für dauerndes Lebensglück zu verschaffen versteht, ist der Besitz der Freundschaft bei weitem das grösste.» Epikur

Gestern hatte ich einen Tag, der ganz im Zeichen der Freundschaft stand. Am Nachmittag traf ich eine Freundin, die mir in kurzer Zeit ans Herz gewachsen ist, bei der ein gegenseitiges Vertrauen besteht, das (auch) einer verblüffenden Ähnlichkeit des Denkens, Fühlens, bisherigen Lebens geschuldet ist. Wir redeten über vieles, stiessen in die Tiefen unserer Gefühle, und fühlten uns gegenseitig immer verstanden in unserem Sein. Es fühlte sich an, wie schon Aristoteles Freundschaft definiert hat: Als sässe da eine Seele in zwei Körpern, als wäre sie mein „alter ego“, mein zweites Ich. Ich spürte eine grosse Dankbarkeit, eine solche Freundschaft erleben zu dürfen. 


Am Abend sassen wir mit Freunden bei uns auf der Terrasse und die Gespräche flossen mal humorvoll, mal ernst, gingen mal tief, berührten Schwachstellen und Freudenmomente, und wieder war es da, dieses Gefühl des Vertrauens, des Vertrautseins, die Dankbarkeit über dieses wertvolle Geschenk, das Freundschaft im Leben ist. Ich konnte Epikur nur zustimmen, wenn er sagte, dass Freundschaft das grösste Gut für dauerndes Lebensglück sei.


Freunde sind die Menschen, die da sind, wenn man sie braucht, und man das genauso sein kann für sie. Nur schon das Wissen um ihr Dasein gibt dem Leben einen Reichtum, ein Glück, erfüllen mit Dankbarkeit. Um es nochmals mit Epikur zu sagen:

«Wir brauchen die Freunde nicht, um sie zu brauchen, sondern um des Glaubens zu leben, dass wir sie brauchen dürfen.»

Was dabei vielleicht zu schnell vergessen geht: Freunde sind nicht selbstverständlich. Freundschaft – wie Liebe – bedarf der Pflege. Wie schön ist es, die Dankbarkeit, die man dem Freund verdankt, einfach mal auszusprechen – ein Geschenk für beide. Die damit geoffenbarte Verbundenheit erfüllt den Moment mit so viel Glück, dass man die ganze Welt umarmen möchte. Man fängt dann wohl mit dem Teil der Welt an, der vor einem steht und diese um so viel schöner macht: Dem Freund. 

Was bedeutet euch Freundschaft?

Lebenskunst: Nicht anhaften

Früher hatte ich immer mal wieder den Wunsch, auszuwandern. Ich bin generell oft umgezogen, zwar aus Gründen, und doch auch mit einer Neugier auf etwas Neues, die mich beflügelte. Ein Leben in einem neuen Land stellte ich mir spannend vor. Dass ich es nie machte (zweimal kurz davor war), schob ich auf meine Ängstlichkeit ich schimpfte fast ein wenig mit mir.

Mein Leben hat sich so entwickelt, dass ich oft und lange in Spanien lebe und arbeite. Ein grossartiges Land, wunderschön, das Wetter angenehm für eine Frostbeule wie mich. Schon bald dachte ich: Ich möchte immer hier sein. Das war leider nicht möglich. Über die Jahre merkte ich, dass das Sehnen nach Hause immer grösser wurde, wenn ich in Spanien war. Was ist aus meinem Traum geworden?

«Einsicht verschafft das Gute, erhält es, mehrt es und macht rechten Gebrauch davon.» Plutarch

Manchmal sind Träume ausgeträumt. Ziele, die man vor sich sah und unbedingt erreichen wollte, fühlen sich nicht mehr stimmig an. Oft rennen wir trotzdem weiter in die Richtung, ignorieren das kleine Bauchrumpeln und die unguten Gefühle. Nur: Irgendwann werden die Stimmen lauter, sie lassen sich nicht mehr zur Seite schieben. Und man fragt sich: Was mache ich da eigentlich? In diesem Fall hilft nur eines: Hinschauen. Mit sich in den Dialog treten und ergründen: Will ich das wirklich so haben? Stimmt das noch für mich?

Es ist nicht leicht, einen Traum loszulassen. Wann ist der richtige Zeitpunkt, der Kairos, wie die Griechen sagten? Loslassen ist ein schwieriges Thema, ist es doch ein Abschied von etwas, das man im Leben hatte, das wichtig und lieb war. Dabei entsteht eine Lücke. Womit werde ich sie füllen?

«Ein angenehmes und heiteres Leben kommt nicht von äusseren Dingen: Der Mensch bringt aus seinem Inneren wie aus einer Quelle Lust und Freude in sein Leben.» Plutarch

Die alten Philosophen rieten, sich nicht an äussere Dinge zu heften, sondern das Glück im Innern zu suchen. Frieden und Glück stellen sich nur ein, wenn ich in meiner Seele Ordnung schaffe – und dazu gehört auch, ab und an loszulassen, was nicht mehr ins Leben passt. Wie sagte schon Plutarch:

«Die besten Dinge sind die schwersten.»

Das Prinzip des Nicht-Anhaftens findet sich auch in der Yoga-Philosophie unter dem Sanskritnamen «Vairagya». Dahinter steckt der Gedanke, dass ein an äusseren Dingen orientiertes Leben nicht glücklich macht auf Dauer. Auch hier geht es um ein Loslassen, um die Unterscheidung, was einem glücklichen Leben dienlich und was ihm abträglich ist. So heisst es in Patanjalis Yoga-Sutras:

„Vairagya ist der Bewusstseinszustand, in dem das Verlangen nach sichtbaren und unsichtbaren Objekten aufgehört hat.“ ( I. 15)

Indem der Mensch sich nicht an den äusseren Dingen orientiert, so heisst es in 1.16 weiter, kehre er zu seinem ursprünglichen Menschsein zurück, was die höchste Form der Lösung sei. Diese Sicht wird auch im Buddhismus geteilt, sprich, in der Antike finden sich über den ganzen Erdball verteilt gleiche Ansichten und Lehren, die darauf zielen, ein gutes Leben zu führen.

Was bringt uns das für unser Leben? Was können wir daraus ziehen? Sicher die Sicht, dass alles, was wir für unser wirkliches Glück brauchen, in uns steckt. Wir müssen es nicht zuerst suchen oder finden, es ist da und will entdeckt werden. Nun gibt es auch schöne freudbringende Dinge im Aussen. Die zu geniessen ist wunderbar, dagegen sagen auch die weisen Philosophen nicht. Gefährlich wird es erst, wenn wir sie mit aller Kraft und Macht festhalten wollen, denn: Wir haben das selten in der Hand. Es hilft, sich immer wieder eines vor Augen zu halten: Das Leben ist immer ein Entstehen und Vergehen, im Grossen bei Geburt und Tod (mementum mori), im Kleinen bei Alltäglichkeiten, äusseren Dingen, Wünschen und auch Beziehungen. Das mag manchmal schmerzlich sein, doch nur so kann auch Neues entstehen.

Tagesgedanken: Zufriedenheit

«Wer nicht mit dem zufrieden ist, was er hat, wird auch nicht mit dem zufrieden sein, was er gerne hätte.» Sokrates

Ein neues Auto, neue Schuhe, ein neues Handy – wir haben immer wieder neue Wünsche, von denen wir uns Glück oder Zufriedenheit versprechen, wenn sie erst erfüllt sind. Nur: Wieso sollte das sein? Wollten wir nicht all das, was war schon haben, auch irgendwann haben? Wie lange hielt die Zufriedenheit an? Wünsche scheinen eine sich selbst und immer schneller vermehrende Spezies zu sein: Auf einen erfüllten folgen meist zwei neue noch zu erfüllende. Sie sind das sprichwörtliche Perpetuum mobile, denn das Wünschen hört nie auf – wenn wir ihm nicht Einhalt gebieten. Vor allem wird daraus keine andauernde Zufriedenheit erwachsen.

Zufriedenheit kannst du gewinnen, wenn du das immer mehr und Neues Wünschen unterbrichst und bewusst hinschaust, was du schon alles hast. Vielleicht fällt dir beim einen oder anderen auch ein, woher du es hast und wie es sich anfühlte, als du es bekommen oder gekauft hast? Daraus kann eine Zufriedenheit entstehen, die nichts Neues braucht, weil sie auf dem gründet, was da ist.

Tagesgedanken: Grenzen sprengen

„Es gibt keine Grenzen. Weder für Gedanken noch für Gefühle. Es ist die Angst, die immer Grenzen setzt.“ Ingmar Bergman

Du hast Wünsche und Träume, möchtest Ziele erreichen, und denkst sogleich: Das schaffe ich nie. Das ist alles viel zu gross für mich. Ich versuche es gar nicht erst, da die Angst, zu scheitern, so gross ist. Wie würde ich mich schämen, wenn es schief ginge? Was würden die anderen sagen? Sie würden wohl spotten über mich, mich auslachen, sich hinter meinem Rücken lustig machen über mich.

Die Angst vor dem Scheitern ist wohl eine der grössten Ängste in unserem Leben. Aus dieser Angst heraus versagen wir uns oft Dinge, die wir uns eigentlich wünschen. Wir versuchen nicht, unsere Träume zu leben, weil wir schon im Vorfeld das mögliche Scheitern durchdenken und die Scham darüber fast schon körperlich fühlen. Scham ist ein Gefühl, das mehr mit anderen als mit uns selbst zu tun hat. Vor uns selbst schämen wir uns nicht, vor den anderen aber möchten wir gut dastehen und genügen. Gelingt das nicht, schämen wir uns. So gesehen sind also die anderen und ihr Denken über uns die Grenzen, innerhalb derer wir uns bewegen.

Ist das wirklich das Leben, das du führen willst? Immer darauf bedacht, es anderen recht zu machen? Nichts zu wagen, das misslingen könnte und so den eigenen Träumen und Wünschen im Weg zu stehen? Mit angezogener Handbremse, möglichst still, möglichst unauffällig, weil alles andere die Gefahr nicht nur des Auffallens, sondern sogar des Missfallens mit sich brächte?

Vielleicht solltest du dir mal folgendes vor Augen führen: Den meisten Menschen auf diesem Planeten bist du egal, sie wissen nicht, dass du existierst. Es gibt Menschen, die mögen dich schlicht nicht, egal, was du tust. Bist du zu gut, spricht der Neid aus ihnen, machst du einen Fehler, der Spott. Und beides äussert sich verächtlich. Und es gibt Menschen, die mögen dich, weil du bist, wie du bist – mit Schwächen, Fehlern und auch mal misslingenden Projekten. Was also hindert dich, mutig deinen Weg zu gehen? Das schlimmste ist nicht, wenn etwas misslingt, das du versuchst, das schlimmste ist, wenn du es nicht mal versucht hast.

Tagesgedanken: Mensch ärgere dich nicht

«Es wäre dumm, sich über die Welt zu ärgern. Sie kümmert sich nicht darum.» Marc Aurel

An der Kasse drängelt jemand vor, das Wetter ist schlecht, die Nachbarin böse, der Winter kalt, die Sonne zu grell. Es finden sich viele Dinge, über die wir uns ärgern können und wir tun es oft. Wir schimpfen über den Autofahrer vor uns, über die Verzögerung in der Arztpraxis und die blöden Steuerformulare und merken nicht, was wir damit tun: Wir schaden uns selbst.

Der Autofahrer vor uns wird nichts von unserem Ärger mitkriegen, der Arzt kann den Notfall nicht planen und weiss nicht um meine Stimmung im Wartezimmer (natürlich kann ich mir einreden, er müsste das wissen und Rücksicht nehmen, er könnte aber auch Verständnis und Grosszügigkeit von mir annehmen). Die einzige, die also von diesem Ärger betroffen ist, bin ich selbst und mir ist er wenig dienlich, bringt er doch meine innere Ruhe ins Ungleichgewicht – und genau diese wäre das höchste Ziel für ein gutes Leben, folgt man den Stoikern.

Was können mir alte Herren, die vor Urzeiten lebten, über das heutige Leben noch sagen? Wie sollen die gewusst haben, was in mir vorgeht und womit ich mich in diesen modernen Zeiten rumschlagen? Von den tatsächlichen Problemen wussten sie nichts, sie hatten weder unsere Technologie, also keine Gefahren der Digitalisierung, noch hatten sie einen Putin. Aber auch in diesen Zeiten gab es Krieg und Krankheiten, blöde Nachbarn und nervende andere Menschen. Der Umgang mit anderen Menschen ist nicht immer einfach, Sartre meinte einst, die Hölle seien die anderen, und Marc Aurel schrieb:

«Essen, schlafen, einander bespringen und bespringen lassen, sich entleeren und so weiter, was für ein Pack sie doch sind.»

Das spricht nicht von grosser Menschenliebe, auch begann er jeden Tag damit, zu denken, wie anstrengend Menschen sind, die wir treffen. Und doch war er der Überzeugung, dass wir als Menschen dafür geschaffen sind, mit Menschen zu leben, und dass es in unserer Pflicht liegt, dafür zu sorgen, dass es allen miteinander gut geht:

«Ich bin verpflichtet, meinen Mitgeschöpfen Gutes zu tun und mit Ihnen Geduld zu haben.»

Wenn ich mich also wieder einmal über andere Menschen ärgere, sollte ich mir ins Gedächtnis rufen, dass dieser Ärger nur mir schadet, und dass ich, so schwierig der Umgang mit Menschen auch teilweise sein mag, sie brauche, da ich ohne andere Menschen nicht leben kann. Und: Für andere mag auch der Umgang mit uns nicht immer einfach sein, glaubt man Marc Aurel, ist auch der liebenswürdigste (der wir sicher zu sein glauben) Mensch schwierig im Umgang.