Rezension zur Serie: True Detective

Matthew-McConaughey-and-Woody-Harrelson-in-True-Detective-Season-1-Episode-3Lousianna 1995. Eine ehemalige Prostituierte wird ermordet, das Ganze erinnert an ein Ritual. Die beiden Kriminalpolizisten Martin Hart und Rustin Cohle, sie könnten unterschiedlicher nicht sein, untersuchen den Fall. Der Verdacht erhärtet sich, dass dies nicht der erste Mord des Täters war, sie finden weitere Mordfälle mit ähnlich ritualhaftem Vorgehen. Trotz aller Anstrengungen gelingt die Aufklärung nicht. Die beiden Detectives zerstreiten sich, beide steigen 2002 aus dem Polizeidienst aus, gehen getrennte Wege. Während sich Martin Hart mit einer Sicherheitsfirma selbständig machte, fristet Cohle sein Leben als Aussteiger und Pegeltrinker. Nach 10 Jahren Sendepause werden beide getrennt voneinander zu dem Fall befragt. Anlass dafür ist ein neuer Mord, der an die alten erinnert. Matthew-McConaughey-and-Woody-Harrelson-in-True-Detective-Season-1-Episode-1True Detective ist ein brilliant aufgegleister Krimi. Aus den Erzählungen der beiden ehemaligen Detectives erfährt der Zuschauer nach und nach, was vor 17 Jahren vor sich ging, wie die Ermittlungen liefen. Spannung pur wird vermischt mit philosophischen Betrachtungen über das Leben und generell von Cohle, markigen Sprüchen von Hart und epischen Autofahrten durch endlose Weiten.Und immer schweben über allem viele Fragezeichen darüber, was wirklich vorgefallen ist, wem man trauen kann, wo die Lösung des Geheimnisses liegt. Man wähnt sich immer knapp vor der Erkenntnis, wird aber immer wieder in neue Zweifel geworfen. Diese erste Staffel umfasst insgesamt 8 Folgen an je einer Stunde, wobei das Ende einer jeden so spannungsgeladen ist, dass man gleich weiter schaut. Ich als Serienjunkie habe es geschafft, acht Stunden am Stück auf dem Sofa angewachsen zu sitzen und wie gebannt in den Fernseher zu starren. Darum meine Warnung: Absolute Suchtgefahr, nur schauen, wenn genügend Zeit ist. Fazit Brillante Schauspieler, tolles Drehbuch, gut umgesetzt – Spannung pur mit Suchtfaktor 10. Unbedingt schauen! Informationen:

Deutscher Titel True Detective
Originaltitel True Detective
Prouktionsjahr 2014
Besetzung:
Rustin „Rust“ Cohle Matthew McConaughey
Martin Hart Woody Harrelson
Maggie Hart Michelle Monaghan

Trailer

Ich bin kein Schatz

Spätestens als ich diese Frau mit schriller Stimme quer über den grossen Anlegeplatz des Schiffes laut „Liebling! rufen hörte, wusste ich: Ich hasse Kosenamen. Für einen erwachsenen Menschen? Das ist lächerlich. Wozu soll das gut sein? Wieso ist ein Mann ein Bärchen, Stier, Tiger, Mäuschen, Schätziputz oder sonstiges und nicht einfach Klaus, Karl, Heinz, Thomas oder Gianluca? Was will man ihm damit sagen?

Und: Fühlt man sich besser, wenn man Schatz, Spatz, Herz oder Liebling ist statt einfach nur Susi, Claudia, Sabine oder Hildegard? Ein Kosename ist persönlicher? Ich finde, eher das Gegenteil ist der Fall. Jeder kann Schatz heissen, Ilse heisse ich (wenn dem denn so wäre) – vielleicht ein paar mit mir, aber so kann nicht jede heissen, denn die heissen Berta, Heidi oder Erika.

Und drum: Wer mich liebt, soll mich nennen, wie ich heisse. Ich brauche keine Kosenamen, keine Verkleinerungen, Verniedlichungen oder sonstigen Veränderungen. Wer mich liebt, soll das beweisen und sich nicht mit abgestumpften Übernamen behelfen. Ich meine ja nur.

Hätte ich doch nie Kinder gekriegt

Ich habe mal wieder gelesen. Dieses Mal einen Artikel über unglückliche Mütter. Das Glücksgefühl werde nicht automatisch mit dem Kind mitgeliefert, heisst es. Einige Mütter bereuen den Schritt schon nach der Geburt, spätestens nach vier Jahren seien Frauen mit Kindern nicht mehr glücklicher als solche ohne. Von einem Alptraum ist gar die Rede. Und davon, dass es ein Tabuthema sei, als Mutter nicht glücklich zu sein, nicht in überbordenden Muttergefühlen zu baden.

In meinen Augen mischt der Artikel ziemlich viel. Dass es ein Tabuthema ist, mag hinkommen. Von Müttern wird landläufig erwartet, dass sie in ihrer Rolle aufgehen, viele haben auch kaum mehr andere Themen als Windeln, die Farbe deren Inhalts und die ersten Zähne, Schritte, Worte. Ich denke, dieser Druck, glücklich sein zu müssen, kann überfordern. Zusätzlich zum Kind, das sicher auch nicht immer nur pure Freude ist – spätestens nach der 5. schlaflosen Nacht in Folge, der dritten Grippe im Winter und wiederholten Trotzanfällen im Supermarkt kann sich das eine oder andere Gefühl von Müdigkeit einstellen. Wenn man sich dann nicht einfach mal Luft verschaffen kann, jammern, heulen, klagen, nagt das doppelt am Seelenkostüm. Es hilft dann auch nichts, zu hören, dass das nur eine Phase ist, denn erstens kommt die nächste bestimmt, wenn diese fertig ist, und zweitens nervt die – und zwar jetzt und in dem Moment.

Nun aber dahin zu gehen und zu finden, ein Leben ohne Kinder wäre die bessere Wahl gewesen, zeugt von wenig erwachsener Einstellung. Keiner wurde gezwungen, Kinder in die Welt zu setzen. Und klar kann man nicht alle Veränderungen und Konsequenzen vorhersehen, wirklich spürbar werden sie, wenn das Kind da ist. Und doch: Dass es anders wird, weiss man hinlänglich, dass Kinder zahnen, nicht durchschlafen, toben, trotzen und vieles mehr, ist auch nicht die neuste Erkenntnis, sondern ziemlich bekannt.

Ja, Kinder zu haben, ist nicht nur eitel Sonnenschein, sondern Arbeit, Aufgabe, Verantwortung. Es ist Einschränkung in vielem, oft Geld, immer Zeit, sehr viel Freiheit. Da nun zu kommen, sie gäben einem auch viel, stimmt zwar, ist aber nicht immer spürbar, da sie hauptsächlich viel nehmen – was in der Natur der Sache liegt. Sie brauchen ihre Eltern in ganz vielen Lebenslagen und bei Lebensnotwendigkeiten, wären aufgeschmissen ohne diese. Also alles nur Plage und Last? Sicher nicht.

Ich denke, es ist beim Kinderkriegen wie bei allem anderen im Leben: Man kann nie alles haben. Alles im Leben hat seinen Preis und den muss man zahlen. Im Nachhinein zu jammern und zu finden, dass man sich das anders vorgestellt hätte und so lieber die Uhr zurückdrehte, ist etwas kurzsichtig. Und vor allem auch den Kindern gegenüber unfair, da diese Einstellung sicher dann und wann durchdrückt – im Stile von: Wenn du nicht wärst/gewesen wärst… Ich bin überzeugt, hätte man damals anders gewählt, würde man heute jammern, dass eben das Kind fehlt. Man keinen hätte, der einen besucht im Alter, man nie mit liebendem Blick angehimmelt wird und keine kleinen Ärmchen um den Hals spürt.

Es liegt wohl eher in der Natur der (zumindest gewisser) Menschen, immer dem nachzutrauern, das sie nicht haben. Kinder zu haben, ist sicher nicht die einzig glückselig machende Form des Lebens. Ich könnte mir ein Leben ohne Kind gut vorstellen, stünde ich heute erneut vor dieser Frage. Allerdings stehe ich nicht da, mein Kind ist 12 Jahre alt. Und es waren, logischerweise, wunderbare, anstrengende, glückliche, müde, fröhliche, sorgenvolle, unbeschwerte Jahre – das ganz normale, bunte Leben halt. Ein Leben ohne dieses Kind wäre für mich das Schlimmste überhaupt, heute betrachtet, da ich genau dieses Kind habe. Ein anderes würde ich nicht wollen, aber dieses unbedingt!

Beziehungen – Gedanken im Kreis

Heute las ich einen Artikel über den perfekten Mann. Die Frage lautete, ob ein guter Mann entweder vergeben oder schwul sei. Mal abgesehen davon, was das denn für Frauen bedeuten würde, ob alle guten frei rumlaufen und wie die Hühner nach dem leckersten Korn suchen oder aber auch vergeben respektive nicht an der Männerwelt interessiert wären, fand ich den Ansatz etwas gar plakativ und wenig durchdacht.

Perfekte Männer gibt es nicht. Sorry, ist so. Es gibt auch keine perfekten Frauen, darum eh keinen, der ein Anrecht auf einen perfekten Mann hätte. Insofern hat die Natur das prima gerichtet, passt alles. Frau habe es so an sich, Männer zu erziehen und zu reparieren, lese ich. Dem würde ich gerne widersprechen, habe mich aber selber kürzlich ertappt. Ich schaute eine Doku über einen eigenwilligen, rebellischen, spannenden Schriftsteller, hübsch, anziehend, aber: Chaotisch, ungekämmt, nachlässig. Ich dachte so bei mir, wie ich ihn kämmen, anders anziehen, die Wohnung aufräumen lassen und angepasster werden liesse. Und merkte schon beim Denken, dass dann die ganze Spannung weg wäre.

Ich vermute, genau das passiert auch oft in Beziehungen. Man lernt ein stimmiges Gesamtpaket kennen und fängt dann an, Details zu verändern. Lassen sie sich ändern, stimmt nachher das Paket nicht mehr, ist nichts mehr davon da, was einen mal anzog. Lassen sie sich nicht ändern, stören wir uns an der Sturheit. Ich möchte fast selbstkritisch behaupten, dass Frauen noch ein wenig mehr dazu neigen. Dies nur unter uns, soll keiner erfahren und ich habe das nie gesagt.

In eine Beziehung zu gehen und zu denken, dass dieser eine Mensch dann all das abdeckt, was ich mir vom Leben wünsche und vorstelle, ist gar illusionär bei Lichte betrachtet, in Tat und Wahrheit aber wohl genau das, was wir machen. Und fehlt etwas, hacken wir drauf rum, blasen es auf und lassen die ganze Beziehung damit davonfliegen. Weil sie nichts taugt. Weil er nichts taugt, zumindest genau in dem Bereich, an dem wir uns gerade festbeissen, nicht. Wir können Stunden damit verbringen, zu jammern, weil unser Bauch wabbelt, die Brüste asymmetrisch sind und der Po aus der Form geraten ist. Wir hadern mit Macken von uns und wollen doch geliebt werden. Seine Macke ist aber das Killerkriterium. Die geht gar nicht. Fair? Niemand sagte, das Leben sei fair.

Nur: Ob wir so glücklich werden? Ich wage es zu bezweifeln. Ein kluger Mann sagte mir mal, dass man von einem Partner drei Dinge wünschen kann, die er abdeckt. Mehr ist nicht drin. Man muss sich also gut überlegen, wo die eigenen Prioritäten liegen. Dabei auf Gegensätze zu setzen, könnte die Sache schwierig machen. Sicherheit und Risikofreude schliessen sich irgendwie aus. Problematisch wird es wohl, wenn über die Jahre die Prioritäten ändern. Das ist oft die Klippe, über die Beziehungen stürzen. Sätze wie „Wir haben uns auseinandergelebt.“ stehen dann im Raum.

Was oft folgt? Das Leben als Single. Und die Klage: Alle guten Männer sind vergeben oder schwul. Und damit fangen wir wieder vorne an. (Einfach wieder oben anfangen zu lesen). Bei Beziehungsfragen: Einfach fragen. Irgendwas fällt mir immer ein. Wie man sieht.

Rezension: Carola Saavedra – Blaue Blumen

Was von der Liebe bleibt

Inhalt

Liebster,
Eine Trennung, sagte man, ist nie abgeschlossen, kommt nie plötzlich. Man sagt, eine Trennung beginnt mit ihrem Gegenteil. Sie beginnt genau im sanftesten Moment, bei der ersten Begegnung, beim ersten Blick. Ich möchte glauben, eine Trennung kennt kein Ende, und der letzte Tag, die letzte Nacht wiederholen sich unaufhörlich, mit jedem Warten, jeder Wiederkehr, immer dann, wenn du mir fehlst, immer dann, wenn ich deinen Namen sage.

Eine Frau schreibt dem Mann Briefe, der sie eines Morgens einfach verlassen hat. Für sie unverständlich, wie er einfach gehen konnte, schreibt sie ihm jeden Tag, ruft ihm die Beziehung zurück in die Erinnerung, erzählt, wie es ihr geht, was in ihr vorgeht. Sie steckt die Briefe in den Briefkasten seiner Wohnung und hofft, so das Band der Liebe aufrecht zu halten oder sogar weiterzuknüpfen. Leider wohnt heute jemand anders in der Wohnung, leert ein anderer Mann diesen Briefkasten. Marcos ist selber getrennt lebend. Seine Beziehung zerbrach, zurück blieb eine kleine Tochter, die ihm fremd ist, mit der er wenig anfangen kann, vor der er sogar Angst hat. Und irgendwie scheint ihm das ganze Leben mit allen Entscheidungen fremd.

Die Dinge geschahen, ohne dass er auch nur die geringste Kontrolle gehabt hätte, dachte er. Immer gab es jemanden, der die Entscheidungen für ihn traf. Die Hochzeit, die Idee seiner Frau, sie hatte ihn so sehr bedrängt, dass er irgendwann zugestimmt hatte; dann die Tochter, keine einzige Frage oder Ankündigung, ob er das denn auch wolle, ob er einverstanden war […] eine Aneinanderreihung von Beschlüssen in seiner Abwesenheit.

Marcos liest die Briefe, die nicht für ihn bestimmt sind. Er fühlt sich mehr und mehr in die Geschichte hineingezogen, wartet täglich auf den nächsten Brief, lässt seine Gedanken um die Frau drehen, die sie geschrieben hat. Zum ersten Mal fühlt er sich involviert. In eine Geschichte, die nicht seine ist und ihm doch nahe geht. Kann man sich in Briefe verlieben?

Carola Saavedra ist auch mit diesem Roman ein tiefgründiger und feinfühliger Roman gelungen. Es ist ein Roman, der die ganze Klaviatur des Lebens spielt, von der Liebe über Beziehungen, Trennungen hin zum Neuanfang. Blaue Blumen handelt vom Miteinander der Geschlechter. Es handelt von einem Mann, der immer wieder denselben Typ Frau in sein Leben lässt und sich dann nicht einlassen kann, weil er sich daneben klein fühlt,

Obwohl wir Erfahrungen sammeln, machen wir immer wieder dieselben Fehler

und von einer einer Frau, die liebt, obwohl sie hassen wollte, die darüber nachdenkt, wie kommen konnte, was kam. Sie setzt sich auseinander, durch die Briefe sieht man ihr Inneres.

Marcos Geschichte wird in der dritten Person aus Marcos Sicht erzählt. Der Leser verfolgt das Geschehen durch seinen Blick, sitzt in seinem Kopf und erfährt seine Gedanken. Es entsteht das Bild eines Mannes, der sich aus dem eigenen Leben ausgeschlossen fühlt, der keine Verantwortung für dieses übernimmt, weil er findet, er sei in allen Entscheidungen übergangen worden. Er baut keine Beziehung zu seinem Kind auf, ist eher gestört, wenn dieses bei ihm ist, da er es ja eigentlich auch nie gewollt hatte.

Statt sich in sein eigenes Leben zu stürzen, sich mit diesem auseinanderzusetzen, lässt er sich nun auf das Leben der unbekannten Briefschreiberin ein, lebt und fühlt mit ihr, ist mehr und mehr angezogen von ihr – was Frauen in seinem Umfeld nicht vermögen, weswegen auch seine jüngste Beziehung zerbricht.

Zurück bleiben Fragen – Fragen danach, was Liebe sei und wann sie ende. Fragen, ob in Beziehungen immer einer Täter, einer Opfer ist, einer, der bestimmt, einer, der mitläuft. Es steht die Frage im Raum, wann Beziehungen enden und wieso. Wer das bestimmt und was danach kommt – überhaupt kommen kann. Und die Frage, wo die Liebe hingeht, wenn sie geht, und wo der Hass anfängt. Am Schluss des Buches bleiben ganz viele Fragen offen und man hat das Gefühl, dass dies eigentlich erst der Anfang war – irgendwie.

Fazit:
Ein Buch mit vielen Fragen zum Leben, zur Liebe, zu Beziehungen. Tiefgründig und klug hinterlässt es am Schluss viele Fragen. Empfehlenswert.

Zum Autor
Carola Saavedra
Carola Saavedra, geboren 1973, lebt als Schriftstellerin und Übersetzerin in Rio de Janeiro. Sie hat in Deutschland Kommunikationswissenschaft studiert. 2013 erschien bei C.H.Beck ihr Roman Landschaft mit Dromedar. Für diesen erhielt sie den Rachel de Queiroz-Preis und war unter den Finalisten für die renommierten Literaturpreise Jabuti und São Paulo de Literatura. Die Zeitschrift „Granta“ zählt sie zu den zwanzig besten jungen Autoren und Autorinnen Brasiliens.

Ein Interview mit der Autorin findet sich hier: Carola Saavedra – Nachgefragt

Angaben zum Buch:
SaavedraBlumenGebundene Ausgabe: 223 Seiten
Verlag: C.H.Beck Verlag (12. März 2015)
Übersetzung: Maria Hummitzsch
ISBN: 978-3406675676
Preis: EUR  18.95/ CHF 26.90

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Tramgeschichten

Eine junge Mutter mit zwei kleinen Mädchen war heute in meinem Bus. Alle drei schwer bepackt (dem Alter angemessen) vom Einkaufen, sassen sie auf drei Sitzen. Der Bus war gut gefüllt, aber es hatte doch noch Lücken da und dort. Mit mir stieg eine ältere Dame ein, wollte sich just auf den Sitz setzen, auf dem eines der zwei Töchterlein der jungen Mama sass. Statt nett zu fragen, ob sie da wohl hinsitzen dürfte (obwohl es noch andere frei Plätze gleich nebenan gehabt hätte), zerrt die resolute Dame das Kind am Arm vom Sitz und setzt sich laut schimpfend hin.

Eine andere – ebenfalls ältere Dame – stimmt in die Schimpftirade ein: Wie rücksichtslos die heutige Welt doch sei, Kindern werde kein Anstand mehr beigebracht, das hätte man davon – nur noch fremde Sitten. Ich vergass wohl, zu erwähnen, dass die junge Mutter einen südländischen Einschlag hatte.

Bald fanden sich weitere Stimmen im Bund gegen die neu erklärte Feindin von Sitte und Anstand – und Nation. Einige ereiferten sich noch dazu, dass die gute Frau aus einer Mücke einen Elefanten mache, nur weil sie sich erlaubte, ab und an zu sagen, man hätte doch nur zu fragen brauchen. Meine Widerworte gegen die alten Damen kamen nicht gut an. Ich wurde gleich ins selbe unverständige Boot geschoben verbal. Damit konnte ich gut leben. Was mir mehr ans Herz ging, war zu sehen, wie die junge Mutter mit den Tränen kämpfte, wie die zwei kleinen Töchter ängstlich zu ihr schauten und nicht wussten, was mit ihnen geschieht.

Als bei einem Ruck des Busses auch noch die Tasche der hilflosen Frau umkippte und die Einkäufe rausfielen, war ihr Tag wohl gelaufen. Ich sammelte alles ein, übergab ihr die Tasche und war unendlich traurig. Auf dem Heimweg sagte mein Sohn, der neben mir im Bus stand, zu mir: „Weißt du Mama, das mag ich nicht in der Schweiz: Alle sind so egoistisch, alle sehen nur sich. Und Ausländer gelten hier gar nichts.“

Schweigen ist Silber – Gold ist überbewertet

Ich habe etwas gelesen. Das kommt ja nicht so selten vor bei mir, dieses Mal war das Lesen schwierig (ok, auch das ist nicht so selten, ich bin wohl etwas heikel). Das Schwierige lag dieses Mal daran, dass ich immer Paroli bieten wollte (das ist übrigens auch das Hauptübel, wenn ich an Lesungen, Diskussionen, ähnlich Dozierendem bin). Zu jedem Satz hatte ich was zu sagen, zu allem ein Gegenwort. Lesen mit Gegenworten im Kopf ist schwierig, da die eigenen Worte ziemlich laut im Kopf rumoren, während die Augen über die Buchstaben fliegen.

Worum es ging? Was ein Mann denkt, wenn er schweigt. Die Welt hat es schwarz auf weiss publiziert.

Schon nach kurzem rief alles in mir: NEIN. Ich wäre froh um einen Mann, der nicht fragt, wie meine Arbeit war. Arbeit irgendwo da draussen in der Welt ist schon anstrengend genug: All die Menschen, all der Lärm. Der Weg dahin unter Menschen, all die Gedanken zu den Menschen, die durch meinen Kopf schwirren. Wenn ich dann – wieder mit Bus und mit vielen Menschen und vielen Gedanken – heim komme, will ich nur eines: RUHE. Ich mag nicht erzählen, mag keine Inquisition über alltägliche Arbeit – die mir notabene Spass macht, die beste aller Arbeiten überhaupt ist, keine Frage – und doch kein Paradies, da ja all das oben Beschriebene mit hineinspielt – und nun habe ich den Überblick über Bindestriche und Klammern und Einschübe verloren und wenn ich ihn nicht verloren hätte, würde ich es nicht zugeben, da ich mich dann als Thomas-Mann-Leser und Sprach-Enthusiasten outen würde, weshalb ich einfach mal – ))-,,, anfüge und weiter gehe…

Tage sind ja meist eher alltäglich. Zumindest meine. Und ich muss gestehen, dass ich froh drum bin, da das Leben – zumindest meines – genug Neues bereit hält, und ich das restliche Neue gerne selber bestimme. Und: Ich erzähle davon, wenn es erzählenswert ist, ich muss nicht ausgefragt werden.

Aber ich las weiter. Nicht lange, schon stiess ich auf das nächste Widerworte Provozierende: „Ganz der Vater“ war es überschrieben. Mein Papa erzählt immer, dass er ungern spricht, darum im Militär immer der Erste war, der telefonieren durfte, weil alle wussten: Er hält sich kurz. Nur: Immer, wenn ich zu Besuch bin, denke ich so innerlich, wie schön ruhig es zu Hause ist, da Papa erzählt und erzählt und erzählt – unter anderem jedes Mal die Geschichte vom Militär.

Ich lese nun nicht mehr weiter, da ich weiss, ich käme nicht weit, schon würde sich wieder ein „Aber“ regen. Und ich möchte heute keinen Roman mehr schreiben, denn eigentlich hatte ich ja beschlossen, überhaupt keinen mehr schreiben zu wollen, da ich schlicht nicht zum Romanschreiben geschaffen bin, sondern lieber mal kurz in die Welt rufe, was mir so durch den Kopf geht. Und das habe ich hiermit getan.

Nur: Durch den Kopf geht mir nun die Frage, ob ich nicht im Innersten eigentlich ein schweigsamer Mann sei… irgendwie finde ich mich darin wieder…

1000 Artikel auf Denkzeiten

Als ich vorher meinen Artikel rauflud, stand im Fenster, das sei mein 999. Artikel auf Denkzeiten. Ich weiss gar nicht mehr, wann ich damit begann, hier zu schreiben. Irgendwo würde es wohl stehen, ich schaue nicht nach. Was ich weiss: Es ist eine lange Zeit. Ich war nicht immer gleich aktiv, ab und an sprudelten die Worte, dann wieder versiegte alles – die Gründe für beides waren vielfältig. Seit einiger Zeit nun bin ich kontinuierlich hier und ja, ich liebe dieses Projekt. Es ist noch lange nicht zu Ende, das ist erst der Anfang.

Denkzeiten wäre nur halb so toll, wären nicht all die Rückmeldungen, die ich immer wieder kriege. Dafür bin ich dankbar, dafür möchte ich hier und heute danken! Ohne die Diskussionen, den Meinungsaustausch, die Zeichen, dass ankam, was ich in die Welt rausschrieb, wäre dieser Blog nie das, was er ist.

 

Gesetz als Zeiger an der Waage

Wer in Frankreich künftig magere Models über den Steg schicken will, muss den Gürtel selber enger schnallen, denn die Bussen sind hoch angesetzt und es droht unter Umständen gar Gefängnis. Das will ein Zusatz zum Gesundheitsgesetz.

Die Meinungen, ob das nun gut sei oder nicht, gehen auseinander. Von Irrsinn ist die Rede, davon, man wolle Menschen diskriminieren, die halt dünn seien. Im Sport gäbe es auch Drill und Zurückhaltung, wieso nicht auch im Modelbusiness. Zu dem Argument ist zu sagen, dass man weiss, dass es gerade im Sport nicht immer gesund zu und her geht, dass in gewissen Sportarten Magersucht, in anderen Medikamente an der Tagesordnung sind. Man erinnere sich nur an gewisse Turnerinnen aus der ehemaligen DDR. Das Argument hinkt also ziemlich.

Stellt sich die Frage nach der Angemessenheit des Strafmasses. 6 Monate und 75’000 Euro – diese Zahlen geistern durch die Medien. Ein relativ hohes Strafmass, wenn man bedenkt, was man für andere Delikte kassiert. Nur: Der Straftatbestand wird als Anstiftung zu Magersucht bezeichnet und Magersucht ist eine mitunter tödliche Krankheit – nicht immer, aber doch oft. Es ist ein Selbstmord auf Raten und die Anstiftung dazu ist sicher kein Kavaliersdelikt. Die Frage, die sich also stellt: Sind Models einfach so dünn oder sind sie wirklich krank?

Der Durchschnitts-BMI auf den Laufstegen soll bei etwa 16 – 17 liegen. Damit man eine Vorstellung davon hat, hier eine kurze Auflistung:

 165 cm à 43 kg
170 cm à 46 kg
175 cm à 50 kg
180 cm à 55 kg
185 cm à 57 kg

Damit bewegt man sich zwischen BMI 16 und 17. Jeder zu Hause kann nun mal rechnen, wie gross er sein müsste für Modelmasse. Klar gibt es Menschen, die von Natur mit einem supertollen Stoffwechsel, ebensolchem Aussehen und dazu auch noch Modelambitionen ausgestattet sind. Ich denke aber, dass das eher die Minderheit ist und die Mehrheit sich mit Toilettenpapier, Wattebäuschchen und saucefreiem Salat dahin bringt – weitere Massnahmen möchte ich gar nicht mehr erwähnen. Naturwunder sind wohl die wenigsten. Und ja: Der Druck ist da, denn der Beruf ist für viele ein Traum und wenn sie nicht aussehen, wie sie müssen, sieht eine andere so aus.

Ist das Gesetz also gut? Es ist traurig, dass es ein solches Gesetz braucht, weil Menschen nicht mehr auf Menschen achten, sondern darauf, wie sie ihre Belange am besten verkaufen. Ein paar Exemplare – meist eher nicht ganz so hübsch wie die Laufsteggeherinnen – definieren Schönheit und erklären das zum Massstab. Wer nicht will, der kann sich einen anderen Job suchen. Auf der anderen Seite stehen Menschen, die nicht mehr auf sich selber achten, nicht schauen, ob es ihnen gut geht, sondern nur darauf, ob sie anderen gefallen, deren Anforderungen genügen. Und sie würden dafür fast alles tun, sie setzen ja sogar ihr Leben aufs Spiel.

Wir sind also so weit gekommen, dass wir Gesetze brauchen, die Menschen vor sich selber und ihrem ungesunden Ehrgeiz schützen. Gesetze, die uns vor den Übergriffen anderer schützen, sind ja nicht neu. Und so einer findet hier auch statt. Und die Gesellschaft schaut zu, klatscht Applaus und kauft teure Kleider, weil sie sie an krank gehungerten Menschen sahen und nicht bedachten, dass das an ihnen selber ganz anders aussieht – es sei denn, sie setzen sich demselben Drill aus, weil ihnen ja vorgegaukelt wird, das allein sei schön.

Klar kann man sagen, keiner hätte die Models gezwungen. Es war ihre freie Wahl, könnte man argumentieren. Das stimmt ein Stück weit schon. Nur: Wir sprechen hier von meist sehr jungen Frauen, oft gar Mädchen. Die grosse Welt lockt, die ehrgeizige Mutter schiebt noch ein wenig, die eigenen Träume schillern rosarot und ein Promi verspricht das Blaue vom Himmel. Wie viel lassen sich gestandene Männer und Frauen vom Chef gefallen, machen eher die Faust im Sack als aufzubegehren, geschweige denn, den Bettel hinzuwerfen?

Dazu kommt erschwerend: Was als Ideal über den Laufsteg stolziert und von Plakatwänden lacht, ist für ganz viele (vor allem junge Mädchen) Vorbild und Ziel. Und schon haben wir eine Epidemie geschaffen. Sie ist schon lange da, es wäre an der Zeit, da Gegengewicht zu geben. Und ich höre förmlich die Aufschreie, dass unsere Gesellschaft verfettet und wir eher dicker denn dünner würden. Allerdings ist das nur die Kehrseite der Medaille und kein zweites Übel. Das Übel liegt nämlich immer an einem Ort: Es geht nicht darum, was gesund ist, was sich gut anfühlt, es geht darum, was andere als schön und richtig definieren. Und dem muss man entsprechen. Tut man es nicht, ist man raus, tut man es, fühlt man sich zwar drin, aber der Preis ist hoch. Und so fressen sich die einen Frustpfunde an und die anderen hungern sich das letzte Gramm Fett ab. Ob ein Gesetzt da hilft? Es ist auch in meinen Augen nicht der richtige Weg, aber einen besseren habe ich auch nicht.

 

Mittelalter

Ich bin so das, was man als Mittelalter bezeichnen würde. Ob es zahlenmässig hinkommt, wissen die Sterne, aber es könnte durchaus passen. Für dieses Alter gibt es viele Mythen. Die einen beklagen die verlorene Jugend, die anderen fürchten sich vor dem nahenden Altsein. Midlife Crisis ist ein Thema und verebbende Kindersegensmöglichkeit ebenso. Und vermutlich gehört alles irgendwie zusammen. In der heutigen Gesellschaft überwiegen die klagenden Laute, Positives höre ich selten und wenn, dann klingt es fast schon bemüht und wie Selbstüberzeugung.

Ich bin nun über 40. Fühle ich mich so? Die Frage wäre, wie man sich mit über 40 fühlen müsste. Ich habe keine Ahnung, was für 40 und drüber normal ist, ich weiss nur, was ich fühle, und das hat kaum was mit einer Zahl zu tun und ist auch jeden Tag wieder anders – je nach Laune, Umfeld, Tagespensum und vielem mehr.

Ich bin keine 20 mehr. Das wird mir an vielem bewusst. Konnte (und wollte) ich damals ganze Nächte um die Häuser ziehen, wird mir heute schon beim Gedanken dran ganz schummrig. Ich ging unbeschwerter durchs Leben, nie gedankenlos, aber doch… Das machte mich auch radikal. Und impulsiv. Eckig mit Kanten.

Ich bin sicherlich noch immer kein einfaches Gemüt, aber ich wurde ruhiger. Und ich bin froh drum. Bei einigen Aufregungen sag ich mir einfach, dass sie nichts bringen, da es eh nichts ändert. Wozu also unnötig Energie verschwenden? Bei anderen schlägt das Pendel kurz aus, um dann wieder im Ruhezustand anzukommen (ok, der nächste Ausschlag kommt auch wieder, ich bin ja auch nur etwas ruhiger und der Anfangspunkt war doch eher seeeeeeehr unruhig).

Kinder kriegen ist für mich kein Thema mehr. Ich habe das wohl wunderbarste, das reicht. Karriere muss auch nicht mehr sein, zog mich nie, wird es auch fortan nicht. Ich habe tausende Interessen, die ich verfolge, aber das mache ich mit mir selber aus, mache es nicht für andere. Dasselbe mit Ausbildungen: Lange war ich getrieben: Ich muss was tun, weiterkommen, mehr machen, mehr lernen: Scheine, Titel, Auszeichnungen holen. Und ich habe alle, die ich anging, geholt. Fühlte ich mich danach besser? Nein. Ich linste schon nach der nächsten Herausforderung. Heute finde ich, ich bin zu alt, nochmals zu beginnen. Ich war ja immerhin mehrere Jahrzehnte in der Schule. Es reicht. Mir. Endlich!

Und so stehe ich nun hier. So im Mittelalter. Und frage mich: Krise gefällig? Die Antwort: Im Gegenteil: Erleichterung. Von mir fiel ganz viel Druck weg. Ich muss keinem mehr was beweisen. Ich muss keinen Schein mehr holen, keinen Titel, keinen Beruf. Ich muss keine Familie gründen, kein Haus bauen, keine Erwartungen erfüllen. Und: Ich will es vor allem gar nicht mehr.

Ich hörte oft, wenn man älter wird, wird die Zeit knapp und darum verzichtet man darauf, Dinge zu tun, die einem nicht liegen, weil sie die restliche Zeit, die noch bleibt, wegnehmen. Das klingt – so positiv es auch formuliert ist – nach Endzeitstimmung. Nach dem Motto: „Es endet bald mal, nutze die Zeit.“ Darum geht es mir nicht mal. Wenn es vorbei ist, ist es vorbei. Das ist für mich kein Drama – ok, jetzt schon noch, mein Kind ist noch nicht selbständig, aber sonst? Ich habe all das, was ich wollte, machen können. Ich hätte auch die Möglichkeit gehabt, anderes zu machen, ich hatte die Wahl und ich habe gewählt. Da nun hinzustehen und zu klagen, ich hätte was verpasst und bräuchte drum viel mehr Zeit, es nachzuholen, käme mir komisch vor. Ich würde heute – so im Hier und Jetzt – einen anderen Weg gehen als den, den ich ging. Ich würde mehr auf Grafik und Typographie setzen, die Kreativität mehr vom Bild her angehen als vom Wort. Aber… das sage ich auch nur, weil ich habe, was ich mir erarbeitet habe. Vielleicht wäre es andersrum, wäre ich vom Bild her gekommen? Ich befürchte fast, so wie ich mich kenne. Und zudem: Am Anfang war das Wort. Und es ist mir wichtig. Am Bild arbeite ich – für mich.

Ich bin nicht mehr bereit, mich anzupassen. Nicht, weil mein Leben mal endet. Sondern, weil ich weiss, was ich kann, wer ich bin und was ich will. Das war mit 20 nicht so. Drum bin ich dankbar, nicht mehr 20 zu sein. Ich bin dankbar, ganz viele der Zwänge, Unsicherheiten und Erwartungen hinter mir zu haben. Es ist ein Stück Freiheit, das mir das Alter schenkte und das ich geniesse. Das heisst nicht, dass mein Alter jetzt besser ist als das der Jungen. Jung sein ist toll, ist lebendig, ist pulsierend. Ich gönne es jedem, doch für mich möchte ich es nicht mehr haben. Die Gelassenheit, die ich mir und dem Leben gegenüber gewonnen habe, ist für mich unbezahlbar. Und wer nun glaubt, eine gemässigte und ruhige Schreiberin gelesen zu haben, den muss ich enttäuschen. Da pfeffert noch immer ganz viel mit. Aber mir selber gegenüber wurde ich gelassener. Die kleinen Schwächen kann ich annehmen. Die Unperfektheiten gehören zu mir. Und das ist ein Gewinn. Der meines Älterwerdens.

Hund – weder Schuh noch Kommode

Kürzlich stellten wir – böse Mutter mit ungezogenem Kind – unsere Schuhe in den Hausflur, was den Unmut des Herrn Nachbarn auf sich zog. Wer das verpasst haben sollte, kann das hier nochmals nachlesen. Heute dann….

Ich schickte das Kind mit dem Hund raus – jaja, wir haben hier noch Kinderarbeit, schliesslich muss man als Mutter ja schauen, wo man bleibt und für irgendwas hat man die Brut ja. Es klingelt – Kind ist noch nicht ganz im Arbeitsmodus und mit seinen pubertierenden Jahren einerseits verweigernd, andererseits vergessend, dieses Mal den Schlüssel – und Kind bittet um Einlass. Mit dem Kind und dem (eigenen) Hund steht aber auch noch Nachbars Hund vor der Tür. Vom Nachbarn (nicht dass ich es bedauerte) keine Spur, der Hund ein bisschen hyperaktiv. Ich lotse also – die Lage voll im Griff, schliesslich hat man Übung mit einem pubertierenden Kind, zwei aufmüpfigen Katern und einem … ach, der Hund ist ok – das Kind mit eigenem Hund in die Wohnung. Dabei fällt mein Blick – die Nase hat es auch signalisiert – auf eine Pfütze. Der fremde Hund war undicht.

Ich frage mich nun, wie das einhergeht mit dieser überkorrekten Haltung des Herrn Nachbarn und kann es mir nur so erklären, dass ein Hund weder Schuh noch Kommode ist – beides wäre nämlich im Hausflur verboten, von freilaufenden, einsamen und undichten Hunden war nie die Rede gewesen.

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*Für unkundige im Titelbild der Unterschied zwischen Schuhen, Kommoden und Hunden

Anna Bolena – Oper von Gaetano Donizetti in zwei Akten

Wir scAnnaBolenahreiben das 1533. Anne Boleyn hatte sich geweigert, Mätresse des Königs Heinrich VIII. zu werden, was diesen dazu bewogen hatte, alle Hebel in Bewegung und sich scheiden zu lassen und sie zu heiraten. So weit klingt es – zumindest für die beiden – wie im Märchen. Anne wird Mutter der späteren Königin Elisabeth I., auf einen männlichen Erben wartet das Paar vergeblich. Das Märchen endet blutig, indem Anne Boleyn wegen angeblichen Ehebruchs und Hochverrats 1536 enthauptet wird. Dasselbe Schicksal erfährt übrigens auch ihre Nachfolgerin, Ehefrau Nummer fünf.)

Stoff genug, um Literatur zu werden. Marie-Joseph de Chénier verfasste das Drama Henri VIII. und Allesandro Ercole Graf Pepoli Anna Bolena. Diese beiden dienten Gaetano Donizetti als Vorlage für die Oper Anna Bolena, die am 26. Dezember 1830 Uraufführung in Mailand hatte. Im deutschen Sprachraum sah man das Werk erstmals am 26. Februar 1833 in Wien.

Handlung
Die Oper spielt im England des 16. Jahrhunderts, genauer im Jahr 1536. der erste Akt in Windsor, der zweite in London.

1. Akt
Johanna von Seymore, Hofdame und Vertraute der Königin Anna Bolena, ist die Geliebte des Königs. Aus Angst, das Verhältnis könnte der Königin bekannt werden, bekniet sie den Liebestollen, sich von seiner Frau zu lösen. Dieser denkt, Johanna wolle selber Königin werden (was dieser völlig fern liegt). Er spinnt eine Intrige und arrangiert ein Treffen Annes mit ihrer ehemaligen grossen Liebe Lord Percy (die noch nicht ganz erkaltet schien), um sie dann dem Ehebruch zuzuführen. Der Plan geht auf. Anna, Lord Percy und ein Page, der die Königin heimlich verehrt und zufällig mit auf dem Schauplatz ist, werden festgenommen.

2. Akt
Johannaa besucht Anna in ihrer Gefangenschaft, rät ihr, sich schuldig zu bekennen, um nicht umgebracht zu werden. In dem Moment merkt Anna, dass Johanna ihre Rivalin bei König Heinrich VIII. ist. Zuerst ist sie wütend, später verständnisvoll, mitleidig gar, was Johanna zusammenbrechen lässt – wohl das schlechte Gewissen am Start. Anna und Lord Percy werden schuldig gesprochen, sie schwören sich aus Trotz ewige Liebe, was den König nicht wirklich versöhnlich stimmt. Alles Flehen Johannas nützt nichts, Anna wird einstimmig zum Tod verurteilt. Im Kerker fiebert sie vor sich hin, träumt von ihrer grossen Liebe mit Percy. hört die Kirchenglocken, welche die Hochzeit König Heinrichs VIII mit Johanna verkünden und wird schliesslich dem Henker zugeführt.

Fazit
Eine tragische Liebesgeschichte, wie sie sich nicht besser für eine Oper eignen würde. Da hat alles Platz, von Liebesduetten bis hin zu Verzweiflungsarien. Gaetano Donizetti hat das mit grossem Erfolg umgesetzt.

Gaetano Donizetti
Domenico Gaetano Maria Donizetti wird am 29. November 1897 in Borgo Canale (das heutige Bergamo) geboren und war einer der wichtigsten Opernkomponisten des Belcanto. Einige seiner Opern wie L’elisir d’amore (Der Liebestrank), Lucia di Lammermoor, Anna Bolena und Don Pasquale gehören noch heute zum Standardrepertoire der Opernhäuser weltweit. Donizetti stirbt am 8. April 1848 in Bergamo.

Heute und an weiteren Terminen im Opernhaus Zürich: Weiterführende Links

Hinterhältige Mitbewohner

Tiere sind was Wunderbares. Ehrlich, offen, zugeneigt. Und alle, die das hören, stimmen sofort zu, blasen ins gleiche Horn, ziehen die lieben Zeitgenossen den menschlichen, perfiden, hinterlistigen vor. Ich widerspreche vehement. Tiere sind hinterlistig. Dass sie beim Futter berechnend sind, liegt in der Natur der Sache. Nie ist eine Katze so anhänglich, wie wenn sie Leckereien erhofft, nie der Hund folgsamer, als wenn er dafür einen Keks kriegt. Aber es geht noch weiter: Sie sitzen lieb und niedlich anzusehen in ihrer Ecke und überlegen sich dabei, was sie heute wieder anstellen könnten. Glauben Sie nicht? Der Beweis:

Ich habe einen weissen Hund, einen grauen Kater und einen schwarzen Kater. Stets in Gedanken, wie ich bin, laufe ich meist teilblind durch die Wohnung, nichts Böses ahnend. Doch beim Gang über den schwarzen Teppich, über den grauen Teppich oder über die weissen Bodenkissen trifft mich meist der Schlag, da ich immer fast auf einen unsichtbaren schwarzen Kater, grauen Kater oder weissen Hund trete…. Und ich bin überzeugt, die machen das mit Absicht!

Das Kranken an der Welt

Ich las gerade die Frage, wie viele Piloten wohl krank im Cockpit sitzen. Gut, Piloten haben die Verantwortung über viele Menschen, die hinter dem Cockpit sitzen, trotzdem fände ich es angebrachter, die Frage auszuweiten: Wie viele Menschen kämpfen sich krank durch dieses Leben? Und woher kommt dieses Kranken der Menschen, das immer weitere Kreise zu ziehen scheint, immer mehr Menschen in seinen Bann zieht? Kranken wir am Leben selber? Kranken wir an der Gesellschaft? Bloss: Die Gesellschaft sind ja wir. Wo also liegt der Hund begraben? Wo sind wir als Gemeinschaft falsch abgebogen und gibt es eine Kurve zurück?

Oft hört man, die Welt sei härter geworden. Schneller. Brutaler. Nur: Früher gab es Folter, es galt das Recht des Stärkeren (damals körperlich, heute wohl im übertragenen Sinne). Wir leben in einem Zeitalter, das – trotz aller Übel, die ich nie abstreiten möchte, die mich teilweise sehr bedrücken – als eines der sichersten und friedlichsten gelten kann. In unseren Breitengraden gab es kaum je so lange Friedenszeiten, wie wir sie gerade erleben.

Woran also kranken wir? Sind wir zu schwach? Ist das Bewusstsein für ethische Werte und Friede (man wäre fast geneigt, Freude und Eierkuchen hinterherzuwerfen) eigentlich ein Schlag ins Kontor, weil er uns verzärtelt? Haben wir zu hohe Ansprüche durch die Aufklärung darüber, was uns als Mensch zustehen sollte, und leiden wir nun an Dingen, die besser sind, als sich manche Menschen je zu träumen gewagt hätten?

Das klingt hart gegenüber all dem Leiden, das man sieht. Kinder sind schon in der Schule unter Stress, Burnout gibt es nicht nur bei Managern, es greift auf Arbeiter, Mütter und sogar Kinder über. Es scheint, dass wir mit der Erkenntnis darüber, was uns als Menschen zustehen würde, nicht umgehen können, weil der Mensch sich trotz dieser theoretischen Erkenntnis nicht vom Wolf zum Schaf gewandelt hat. Den Pelz in Form von ethischen Manifesten und Firmengrundsätzen trägt er zwar, wenn es hart auf hart kommt, zeigt er seine wahre Natur und die besagt immer noch: Ich will gewinnen, koste es, was es wolle!

Nun kann man sagen, das Gewinnen sei ein reiner Selbstzweck, Narzissmus, Profilierungswahn oder Ruhmessucht geschuldet. Schlussendlich geht aber alles – davon bin ich überzeugt – auf den Wunsch, zu überleben, zurück. Man denkt: „Wenn ich nicht gewinne, tut es ein anderer, der mich dann unterdrückt.“ Drum tut jeder, der es kann, alles, was er kann, um da zu sein, wo er die Macht hat – und damit die Entscheidung, wer oben steht, wer fällt. Selten sind es die, die oben stehen, die gegen dieses System aufbegehren, meist die, welche nicht an dem Punkt sind.

Nun müsste man denken, dass die doch die Mehrheit ausmachen, somit gewinnen müssten? Das wäre eine Rechnung, die ohne den Wirt gemacht wurde, denn: Jeder derselben hat einen, der über ihm steht. Da er dessen guten Mut meist braucht, um überhaupt überleben zu können, wagt er nicht, in dem Masse aufzubegehren, wie er wollte. Des Weiteren hofft fast jeder, auch mal an eine Stelle zu kommen, wo er der wäre, der oben stünde. Dumm doch, da vorher die Möglichkeiten beschnitten zu haben? Zumal von denen oben gerne versprochen wird, jeder könne dahin, er müsse es nur wollen.

Und so kommen wir vom einen zum andern und stellen die ganze Welt auf den Kopf. Was es bringt? Wohl wenig. Da sind immer noch ganz viele kranke Menschen, die mit der Welt, wie sie sie vorfinden, nicht klarkommen. Da sind immer noch viele Menschen, die leiden, Angst haben. Und dann tickt einer aus. Und alle schreien nach Massnahmen. Doch welche sind die richtigen?

Der Arzt hätte zum Arbeitgeber gehen müssen. Solange Krankheit Schwäche ist und Schwäche in dieser Gesellschaft den Abstieg, wenn nicht gar den Abgrund bedeutet, wird das nicht durchkommen. Wäre es nur partiell, wäre es nicht gerecht. Gerechtigkeit ist überbewertet, viele Menschen könnten noch leben, wäre das hier gemacht worden? So könnte man argumentieren. Ich bezweifle es. Dann würden Arztgänge vielleicht vermieden, Ausraster kämen noch früher.

Schliesslich und endlich können wir das Leben nicht absichern. Erstens hinken wir mit jeder Massnahme immer einen Schritt hinterher, da sie uns erst einfällt, wenn etwas passiert ist, zweitens hat das Leben so viele Variablen, dass nie alle davon berücksichtigt werden können. Es bleibt wohl nur, irgendwie zu versuchen, die guten Seiten des aktuellen Lebens zu sehen, zu schätzen und zu leben. Alles andere ist Gedankenakrobatik, wie ich sie hier in diesem Beitrag produziert habe. Sie hat kein Ende, hat keine Lösung, sie stellt nur Fragen, stellt in Frage. Unsere Zeit ist nicht härter als frühere, im Gegenteil. Aber wir leben nun mal in dieser und hinterfragen sie. Und wir brauchen Gründe. Und Schuldige. Leid muss erklärt werden, sonst können wir es nicht begreifen und das macht es noch schlimmer.

Das macht Angst. Das macht traurig. Das ist wohl das Leben. Wir können es leben, so lange es dauert. Wir müssen irgendwie damit klar kommen, wenn das der Nächsten endet, und vor allem damit, dass unseres auch endlich ist.

Silvio Blatter – am 1. April im Kaufleuten Zürich

BlatterAm 1. April findet im Kaufleuten Zürich die Buchpremiere von Silvio Blatters neustem Roman Wir zählen unsere Tage nicht statt. Moderiert wird der Anlass um den Roman, der von einer Ehe, von Eltern-Kind-Beziehungen, dem Leben an sich und vielem mehr handelt, von Eva Wannenmacher.

 

Zu Silvio Blatter
Silvio Blatter wurde am 25. Januar 1946 in Bremgarten (AG) als Sohn einer Arbeiterfamilie geboren. Nach dem Besuch der Bezirksschule absolviert er das Lehrerseminar, unterrichtet anschliessend, um dann einige Monate in der Metallindustrie zu arbeiten. Es folgen sechs Semester Germanistik an der Universität Zürich, um wieder in die Industrie zurückzukehren. 1975 absolvierte Blatter beim Schweizer Radio DRS eine Ausbildung zum Hörspielregisseur und liess sich nach Aufenthalten in Amsterdam und Husum als Schriftsteller in Zürich nieder. Heute pendelt der Autor zwischen Malerei und Schriftstellerei, lebt in Zürich und München.