Hätte ich doch nie Kinder gekriegt

Ich habe mal wieder gelesen. Dieses Mal einen Artikel über unglückliche Mütter. Das Glücksgefühl werde nicht automatisch mit dem Kind mitgeliefert, heisst es. Einige Mütter bereuen den Schritt schon nach der Geburt, spätestens nach vier Jahren seien Frauen mit Kindern nicht mehr glücklicher als solche ohne. Von einem Alptraum ist gar die Rede. Und davon, dass es ein Tabuthema sei, als Mutter nicht glücklich zu sein, nicht in überbordenden Muttergefühlen zu baden.

In meinen Augen mischt der Artikel ziemlich viel. Dass es ein Tabuthema ist, mag hinkommen. Von Müttern wird landläufig erwartet, dass sie in ihrer Rolle aufgehen, viele haben auch kaum mehr andere Themen als Windeln, die Farbe deren Inhalts und die ersten Zähne, Schritte, Worte. Ich denke, dieser Druck, glücklich sein zu müssen, kann überfordern. Zusätzlich zum Kind, das sicher auch nicht immer nur pure Freude ist – spätestens nach der 5. schlaflosen Nacht in Folge, der dritten Grippe im Winter und wiederholten Trotzanfällen im Supermarkt kann sich das eine oder andere Gefühl von Müdigkeit einstellen. Wenn man sich dann nicht einfach mal Luft verschaffen kann, jammern, heulen, klagen, nagt das doppelt am Seelenkostüm. Es hilft dann auch nichts, zu hören, dass das nur eine Phase ist, denn erstens kommt die nächste bestimmt, wenn diese fertig ist, und zweitens nervt die – und zwar jetzt und in dem Moment.

Nun aber dahin zu gehen und zu finden, ein Leben ohne Kinder wäre die bessere Wahl gewesen, zeugt von wenig erwachsener Einstellung. Keiner wurde gezwungen, Kinder in die Welt zu setzen. Und klar kann man nicht alle Veränderungen und Konsequenzen vorhersehen, wirklich spürbar werden sie, wenn das Kind da ist. Und doch: Dass es anders wird, weiss man hinlänglich, dass Kinder zahnen, nicht durchschlafen, toben, trotzen und vieles mehr, ist auch nicht die neuste Erkenntnis, sondern ziemlich bekannt.

Ja, Kinder zu haben, ist nicht nur eitel Sonnenschein, sondern Arbeit, Aufgabe, Verantwortung. Es ist Einschränkung in vielem, oft Geld, immer Zeit, sehr viel Freiheit. Da nun zu kommen, sie gäben einem auch viel, stimmt zwar, ist aber nicht immer spürbar, da sie hauptsächlich viel nehmen – was in der Natur der Sache liegt. Sie brauchen ihre Eltern in ganz vielen Lebenslagen und bei Lebensnotwendigkeiten, wären aufgeschmissen ohne diese. Also alles nur Plage und Last? Sicher nicht.

Ich denke, es ist beim Kinderkriegen wie bei allem anderen im Leben: Man kann nie alles haben. Alles im Leben hat seinen Preis und den muss man zahlen. Im Nachhinein zu jammern und zu finden, dass man sich das anders vorgestellt hätte und so lieber die Uhr zurückdrehte, ist etwas kurzsichtig. Und vor allem auch den Kindern gegenüber unfair, da diese Einstellung sicher dann und wann durchdrückt – im Stile von: Wenn du nicht wärst/gewesen wärst… Ich bin überzeugt, hätte man damals anders gewählt, würde man heute jammern, dass eben das Kind fehlt. Man keinen hätte, der einen besucht im Alter, man nie mit liebendem Blick angehimmelt wird und keine kleinen Ärmchen um den Hals spürt.

Es liegt wohl eher in der Natur der (zumindest gewisser) Menschen, immer dem nachzutrauern, das sie nicht haben. Kinder zu haben, ist sicher nicht die einzig glückselig machende Form des Lebens. Ich könnte mir ein Leben ohne Kind gut vorstellen, stünde ich heute erneut vor dieser Frage. Allerdings stehe ich nicht da, mein Kind ist 12 Jahre alt. Und es waren, logischerweise, wunderbare, anstrengende, glückliche, müde, fröhliche, sorgenvolle, unbeschwerte Jahre – das ganz normale, bunte Leben halt. Ein Leben ohne dieses Kind wäre für mich das Schlimmste überhaupt, heute betrachtet, da ich genau dieses Kind habe. Ein anderes würde ich nicht wollen, aber dieses unbedingt!

9 Gedanken zu “Hätte ich doch nie Kinder gekriegt

  1. Ich denke, du bringst es genau auf den Punkt! „Was wäre wenn…“ und der Blick zurück im Stil von „ach, was hätte alles sein können…“ Ich denke, ein Kind auf die Welt zu bringen, bedeutet klare Verantwortung – und die Frage stellt sich irgendwie gar nicht mehr…

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  2. Meine Tochter wird in diesem Jahr 27. Sicher vermisse ich sie heute oft, denn auch wenn sie im selben Ort wohnt sehe ich sie machmal zwei Wochen nicht. Ich genieße die Zeit mit ihr, wenn wir beisammen sind und ich bin glücklich, das sie glücklich ist. Zugegeben, während sie noch klein war gab es, so wie sicher überall, gute, fröhliche und auch sehr nervige Zeiten. Doch ich finde, das gehört zum Mutter/Eltern sein dazu. Ich selbst war auch nicht die braveste Tochter. Und alles hat irgendwann mal ein Ende. Spätestens dann, wenn die Kleinen das Nest verlassen 😉 und damit gibt es ja auch gleich einen neuen Grund zu Jammern 😉
    p.s. ich hoffe inständig, die von dir angesprochenen, genervten und gestressten Mütter Jammern nicht im Beisein ihrer Kinder, denn das könnte wahrhaft schwerwiegende Folgen mitsichbringen.

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    • Das hoffe ich auch. Ich habe aber auch schon gehört, dass Frauen verfluchen, ihre Figur der Kinder wegen ruiniert zu haben, nicht gelebt haben, wie sie hätten können, wären die Kinder nicht gewesen. Das tut mir im Herzen weh. Klar, ich konnte nie alles, was ich ohne Kind hätte tun können. Ich war die meiste Zeit alleine mit Kind, das schränkt nochmals mehr ein. Aber: Ich hatte immer auch einen Grund, weiterzukämpfen – mehr als je zuvor im Leben.

      Und so sage ich trotz allem: Er war das beste, was mir im Leben passiert ist. Und trotzdem: Ich könnte mir ein Leben ohne Kinder gut vorstellen. Es würde völlig anders aussehen als meines heute. Ob ich glücklicher wäre? Wohl nicht. Und: Ich könnte mir ein Leben ohne ihn nicht mehr vorstellen. Ich will es gar nicht 😉 Loslassen lernt man ja mit dem Alter immer ein wenig mehr… auch das ist nicht immer einfach, aber auch das hat wieder Vorteile.

      Ich sehe das Leben immer als Multipack: Alles hat immer viele Seiten. Man muss drauf achten, nicht nur eine davon zu sehen.

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  3. Auch als Vater kann man glücklich sein: Zum Beispiel nachts aufstehen, wenn die Kleinen Probleme machten und die Frau nicht deshalb aufstehen mußte. Gern schlief ich kürzer und schrieb dann irgendwas…Schwer nur ist es, Glück festzuhalten. Kinder wie auch Erwachsene in Liebe oder Freunschaft zu begleiten ist auch ein Glück. Und alles ist Lust und Last. Charly im Frühling – jetzt noch mehr Frust als Lust, doch allen scheint die Sonne, auch den Müttern in Israel, die befragt wurden. Manche schickten ihre Töchter und Söhne stolz in den Krieg und beweinten sie später…Und von manchen hört man nichts und es bleibt Hoffnung…Wenn die ganze Gesellschaft psychologisiert, ist es auch gut, sich des Augenblicks zu freuen, aus dem Bauch zu schreiben oder zu schreien und zu lachen

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  4. Das Thema schlägt Wellen im Netz. Es wird bemängelt, dass man nicht dahinter sehe, das Tabu zementiere, Mütter noch mehr unter Druck setze, wenn man ihre fehlende Liebe zum Kind und ihre Reue über dessen Geburt verurteile. Dazu fiel mir nur noch dieses hier ein:

    Meist – wenn man nicht vergewaltigt wurde oder zu den 0.01 % der Pillenunfälle gehörte – hatte man die Wahl. Und man hat entschieden. Und damit eine Verantwortung übernommen. Dass dies nicht immer nur Sonnenschein und Freude ist, liegt auf der Hand. Das ist aber das ganze Leben nicht, im Gegenteil. Das Leben ist verdammt hart und grausam. Man kann immer nur versuchen, es sich irgendwie einzurichten.

    Aber: Man hat sich irgendwann für ein Kind entschieden (man hätte lange genug Abbruchmöglichkeiten gehabt) und das Kind hat sich das nicht ausgesucht. Wenn ich dann ab und an höre, wie Frauen jammern, was sie ohne Kind alles hätten tun und haben können… ja, ist so. Ich war JAHRE nicht im Ausgang, habe mich Tag und Nacht abgeracktert, um ein Kind allein grosszukriegen in einer guten Umgebung und mit mir als Betreuung, da ich nicht Fan von Fremdbetreuung bin – was aber auch meine Entscheidung ist und nicht absolut gemeint. Ich habe vieles ausgeschlagen, um dem Kind gerecht zu werden. Ist das Kind schuld? Nein. Das bin immer ich, da ich mich irgendwann für dieses Kind entschieden habe. Das nenne ICH Verantwortung. Und nein, ich bin weder hyper emotional, da ich nie von einer glücksbringenden Schwangerschaft träumte oder sprach (schwanger sein ist schrecklich, bei mir war es mehr als das) und auch die Geburt ist kein Highlight, sondern einfach nur notwendig sah. Zudem: Das Kind kennt man ja auch nicht, das lernt man mal kennen. ABER: Es ist abhängig und es ist meines. Und ich (das ist nun persönlich) habe 7 Monate (er kam etwas früh) alles getan, damit es überlebt, und ich hätte noch viel mehr getan. Also: Da stand ich dann und alles war anders und alles war nicht, wie ich es kannte. Und ja, ich bin freiheitsliebend und da war ein Kind. Doch es brauchte mich und war nur meinetwegen hier.

    Und nun kam ich von einem zum andern und verlor den Faden. Nur: Ich finde es UNVERANTWORTLICH, Kindern irgendwie die Schuld an irgendwas, was im eigenen Leben nicht lief, wie es gewünscht wäre, zu geben. Sie zu bedauern. Die Uhr zurückdrehen zu wollen. Ich sage nicht, man muss täglich glücklich sein und Luftsprünge machen. Man darf sich und das Leben auch mal beklagen. Und sogar mal überfordert sein. Aber ein Kind als Alptraum zu bezeichnen? Da tut mir das Kind leid. Von ganzem Herzen.

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  5. Ich erlebte mal in einer fremden Stadt eine Mutter, die mit einer Freundin in einer fast leeren Gaststätte saß. Ihr Kind, ein Knirps, wollte immer zu ihr und jammerte aus einiger Entfernung hin und wieder leise.
    Sie lies das Kind aber nie ran, schalt es aus. Es saß irgendwo auf einem Stuhl.
    Dann plötzlich zog sie das Kind doch an sich ran und liebkoste es.
    Das ist die sogenannte Doublebind-Erfahrung, die ein Kind fürs Leben verunsichern kann.
    Es kann womöglich Liebe nicht glauben.

    Obwohl ich schockiert war, unternahm ich nichts. Aber ich vergaß den Vorfall nie.

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  6. Mir war dieser Hashtag #regrettingmotherhood oder parenthood ehrlich gesagt von Anfang an zu wider. Irgendwie klang er in meinen Ohren von vornherein wie ein abekarterter weiterer Tabubruch, der über soziale Medien heutzutage gerne gestartet wird. Von vornherein die Absicht, zu provozieren. Aus welcher Ecke er kam? Ich weiß es nicht mal. Aus der feministischen? Ich will es nicht unterstellen. Wir dürfen heutzutage also alles bedauern, uns aus jeder Verantwortung stehlen, weil eigentlich nur eins zählt: die eigene Selbstverwirklichung?
    Was kommt als nächstes? „Ich bedaure: „meine Eltern nicht verraten zu haben“, „ein krankes Familienmitglied gepflegt zu haben“ „Zeit in Ehrenämtern vergeudet zu haben“, „in meiner Karriere nicht rücksichtsloser gehandelt zu haben“ ???
    Ja, es gibt tatsächlich (wenige) Eltern, die ihre Elternschaft bereuen, weil die Kinder bei einer Vergewaltigung gezeugt wurden oder weil sie von Anfang an nicht gewollt wurden, ein „Unfall“ waren oder weil die Mittel fehlten. Die kommen hier gar nicht zu Wort. Die Debatte wird wieder angeführt von überwiegend in der Mittelschicht situierten Frauen/Eltern, für die auch Kinder primär ein Projekt sind, dass wie in der modernen Berufswelt schon irgendwie optimal managebar sein müsste. In der Realität angekommen, mag der kurzsichtige Gedanke aufkommen, ob sich das wirklich lohnt. Ausgesprochen kann er großen Schaden bei den Kindern anrichten. Ich denke nur an die traumatisierten Kinder, die von ihren Eltern gesagt bekamen, dass sie eigentlich abgetrieben werden sollten.
    Ich habe zu keinem Zeitpunkt meine Vaterschaft bereut. Kinder bilden das Leben in allen Facetten ab. Sie beinhalten Glück, Trauer, Schmerz und Freude. Das Leben abbilden heisst leben, es ist die Chance auf Glück. Mehr kann man nicht erwarten.

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