Das Kranken an der Welt

Ich las gerade die Frage, wie viele Piloten wohl krank im Cockpit sitzen. Gut, Piloten haben die Verantwortung über viele Menschen, die hinter dem Cockpit sitzen, trotzdem fände ich es angebrachter, die Frage auszuweiten: Wie viele Menschen kämpfen sich krank durch dieses Leben? Und woher kommt dieses Kranken der Menschen, das immer weitere Kreise zu ziehen scheint, immer mehr Menschen in seinen Bann zieht? Kranken wir am Leben selber? Kranken wir an der Gesellschaft? Bloss: Die Gesellschaft sind ja wir. Wo also liegt der Hund begraben? Wo sind wir als Gemeinschaft falsch abgebogen und gibt es eine Kurve zurück?

Oft hört man, die Welt sei härter geworden. Schneller. Brutaler. Nur: Früher gab es Folter, es galt das Recht des Stärkeren (damals körperlich, heute wohl im übertragenen Sinne). Wir leben in einem Zeitalter, das – trotz aller Übel, die ich nie abstreiten möchte, die mich teilweise sehr bedrücken – als eines der sichersten und friedlichsten gelten kann. In unseren Breitengraden gab es kaum je so lange Friedenszeiten, wie wir sie gerade erleben.

Woran also kranken wir? Sind wir zu schwach? Ist das Bewusstsein für ethische Werte und Friede (man wäre fast geneigt, Freude und Eierkuchen hinterherzuwerfen) eigentlich ein Schlag ins Kontor, weil er uns verzärtelt? Haben wir zu hohe Ansprüche durch die Aufklärung darüber, was uns als Mensch zustehen sollte, und leiden wir nun an Dingen, die besser sind, als sich manche Menschen je zu träumen gewagt hätten?

Das klingt hart gegenüber all dem Leiden, das man sieht. Kinder sind schon in der Schule unter Stress, Burnout gibt es nicht nur bei Managern, es greift auf Arbeiter, Mütter und sogar Kinder über. Es scheint, dass wir mit der Erkenntnis darüber, was uns als Menschen zustehen würde, nicht umgehen können, weil der Mensch sich trotz dieser theoretischen Erkenntnis nicht vom Wolf zum Schaf gewandelt hat. Den Pelz in Form von ethischen Manifesten und Firmengrundsätzen trägt er zwar, wenn es hart auf hart kommt, zeigt er seine wahre Natur und die besagt immer noch: Ich will gewinnen, koste es, was es wolle!

Nun kann man sagen, das Gewinnen sei ein reiner Selbstzweck, Narzissmus, Profilierungswahn oder Ruhmessucht geschuldet. Schlussendlich geht aber alles – davon bin ich überzeugt – auf den Wunsch, zu überleben, zurück. Man denkt: „Wenn ich nicht gewinne, tut es ein anderer, der mich dann unterdrückt.“ Drum tut jeder, der es kann, alles, was er kann, um da zu sein, wo er die Macht hat – und damit die Entscheidung, wer oben steht, wer fällt. Selten sind es die, die oben stehen, die gegen dieses System aufbegehren, meist die, welche nicht an dem Punkt sind.

Nun müsste man denken, dass die doch die Mehrheit ausmachen, somit gewinnen müssten? Das wäre eine Rechnung, die ohne den Wirt gemacht wurde, denn: Jeder derselben hat einen, der über ihm steht. Da er dessen guten Mut meist braucht, um überhaupt überleben zu können, wagt er nicht, in dem Masse aufzubegehren, wie er wollte. Des Weiteren hofft fast jeder, auch mal an eine Stelle zu kommen, wo er der wäre, der oben stünde. Dumm doch, da vorher die Möglichkeiten beschnitten zu haben? Zumal von denen oben gerne versprochen wird, jeder könne dahin, er müsse es nur wollen.

Und so kommen wir vom einen zum andern und stellen die ganze Welt auf den Kopf. Was es bringt? Wohl wenig. Da sind immer noch ganz viele kranke Menschen, die mit der Welt, wie sie sie vorfinden, nicht klarkommen. Da sind immer noch viele Menschen, die leiden, Angst haben. Und dann tickt einer aus. Und alle schreien nach Massnahmen. Doch welche sind die richtigen?

Der Arzt hätte zum Arbeitgeber gehen müssen. Solange Krankheit Schwäche ist und Schwäche in dieser Gesellschaft den Abstieg, wenn nicht gar den Abgrund bedeutet, wird das nicht durchkommen. Wäre es nur partiell, wäre es nicht gerecht. Gerechtigkeit ist überbewertet, viele Menschen könnten noch leben, wäre das hier gemacht worden? So könnte man argumentieren. Ich bezweifle es. Dann würden Arztgänge vielleicht vermieden, Ausraster kämen noch früher.

Schliesslich und endlich können wir das Leben nicht absichern. Erstens hinken wir mit jeder Massnahme immer einen Schritt hinterher, da sie uns erst einfällt, wenn etwas passiert ist, zweitens hat das Leben so viele Variablen, dass nie alle davon berücksichtigt werden können. Es bleibt wohl nur, irgendwie zu versuchen, die guten Seiten des aktuellen Lebens zu sehen, zu schätzen und zu leben. Alles andere ist Gedankenakrobatik, wie ich sie hier in diesem Beitrag produziert habe. Sie hat kein Ende, hat keine Lösung, sie stellt nur Fragen, stellt in Frage. Unsere Zeit ist nicht härter als frühere, im Gegenteil. Aber wir leben nun mal in dieser und hinterfragen sie. Und wir brauchen Gründe. Und Schuldige. Leid muss erklärt werden, sonst können wir es nicht begreifen und das macht es noch schlimmer.

Das macht Angst. Das macht traurig. Das ist wohl das Leben. Wir können es leben, so lange es dauert. Wir müssen irgendwie damit klar kommen, wenn das der Nächsten endet, und vor allem damit, dass unseres auch endlich ist.

3 Comments

Schreibe einen Kommentar

  1. Ich fliege ja selber auch sehr viel, und stelle mir solche Fragen auch.
    Für mich kann die Lösung nicht sein, das Arzt / Patienten Vertrauen zu unterminieren. Was ist, wenn der Pilot gar nicht zu einem Arzt geht. Was ist, wenn der Arzt nichts weiss vom Arbeitgeber… Die Lösung muss mehr sein – welche Prozesse, Abläufe sind wichtig, dass dies nicht passieren kann oder minimiert werden kann. Für Hochrisiko Berufe muss ein anderes Frühwarnsystem ev. greifen, 2 Piloten im Cockpit kann helfen. Regelmässige Tox Screens würden die Einnahme gewisser Medikamente zeigen. Im Moment screenen sie anscheinend nur nach illegalen Drogen. Ich möchte aber nicht sagen, dass ich ein Experte wäre und ich es wüsste. Ich bin auch entsetzt was passiert ist, irgendwie Sprachlos und fühle mit den Angehörigen mit. Ein Rest Risiko bleibt leider immer. Wenn wir alle Risiken eliminieren würden, geht gar nichts mehr. Ich denke, umso mehr muss nach Ethik und Vertrauen gesucht werden. Für mich der einzige Weg.

    Gefällt 2 Personen

    • Das Problem ist doch, dass wir immer nur auf Dinge reagieren, die passiert sind. Wir hoffen, damit zu verhindern, dass dasselbe nochmals genauso passiert. Nur: Wir sind auf diese Weise immer einen Schritt hinterher, da wir die Dinge erst dann angehen, wenn schon etwas passiert ist. Zudem ist es der eine Fall, der nicht nochmals genau gleich passieren soll, aber wie viele andere gibt es? Wir versuchen, die Welt sicher zu machen, indem wir dem Geschehen hinterherlaufen.

      Gefällt 2 Personen

  2. Du hast ja viele Gedanken aufgegriffen und darin sind ja auch Lösungen erhalten. Als Unternehmensberater ist mir sehr häufig aufgefallen, dass Manager ihre Angestellten als Faktor betrachten, nicht als Mensch. So werden Abläufe optimiert, auch gegen mehr Entgelt, ohne sich wirklich bewusst zu machen, ob dieser Ablauf langfristig durchzuhalten ist. Freilich geht es auf dem Papier, aber das hat selten etwas mit der Wirklichkeit zu tun. Die Ware Mensch ist in den letzten 30 Jahren nicht um den Prozentsatz besser geworden, wie es die Arbeitswelt vorgegeben hat. Da sind dann psychische und physische Erkrankungen ein fast notwendiges Übel. Im Falle des Piloten gebe ich biostratus völlig recht, der Ablauf stimmt nicht und ich bin selber überrascht wie lax der Check bei Piloten ist.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s