Ich bin kein Schatz

Spätestens als ich diese Frau mit schriller Stimme quer über den grossen Anlegeplatz des Schiffes laut „Liebling! rufen hörte, wusste ich: Ich hasse Kosenamen. Für einen erwachsenen Menschen? Das ist lächerlich. Wozu soll das gut sein? Wieso ist ein Mann ein Bärchen, Stier, Tiger, Mäuschen, Schätziputz oder sonstiges und nicht einfach Klaus, Karl, Heinz, Thomas oder Gianluca? Was will man ihm damit sagen?

Und: Fühlt man sich besser, wenn man Schatz, Spatz, Herz oder Liebling ist statt einfach nur Susi, Claudia, Sabine oder Hildegard? Ein Kosename ist persönlicher? Ich finde, eher das Gegenteil ist der Fall. Jeder kann Schatz heissen, Ilse heisse ich (wenn dem denn so wäre) – vielleicht ein paar mit mir, aber so kann nicht jede heissen, denn die heissen Berta, Heidi oder Erika.

Und drum: Wer mich liebt, soll mich nennen, wie ich heisse. Ich brauche keine Kosenamen, keine Verkleinerungen, Verniedlichungen oder sonstigen Veränderungen. Wer mich liebt, soll das beweisen und sich nicht mit abgestumpften Übernamen behelfen. Ich meine ja nur.

16 Gedanken zu “Ich bin kein Schatz

  1. In einem Brief oder einer Notiz mit „Liebster“ angesprochen zu werden, hat mich immer etwas geadelt. Das bedeutete: Ich spreche jetzt zu Dir aus dem Herzen.

    Bei meiner Partnerin reizt mich oft die leichte, schwebende Bewegung, ihre „Jugend“ sowie gewisse kindliche Anteile ( die keine Attitüden sind). Wenn ich solches gewahr werde, verführt mich das manchmal zu einem spontanen Kosenamen, der für andere nicht immer leicht zu verstehen sein wird, aber für mich – in einem kreativen Akt – das umschliesst, was ich wahrnahm.
    Eine beschreibende Darstellung dessen, was man wahrnimmt, ist oft ein schweres und bleiernes Unterfangen. Viel lieber mit einem Streich den Vogel zu fangen versuchen!

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    • Ich denke, der Moment, die aktuelle Situation, kann Assoziationen wecken, die passende Namen bringt – zum Menschen und zur Situation passend. Ein alltägliches Bärchen, Schnäuzchen, Mäuschen sehe ich an einem anderen Ort beheimatet, genauso Namen wie Süsse, Liebling, Schatz. Aber das muss nicht generell so sein, es ist einfach für mich so.

      In Briefen sehe ich es nochmals anders. Wie liebte ich Kafkas Briefe an Felice, auch Fontanes Briefe an seine Frau… die Anreden wurden von uns Germanisten analysiert und interpretiert. Und doch. Auf mich selber angewendet, passt es für mich irgendwie nicht.

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      • Bei Dir nehme ich einen Stolz, eine Würde in Dir an, die mögliche Kosenamen sozusagen abprallen lässt.

        Bei Freunden und Mitschülern fallen Kose- und Spitznamen leichter. Die sind Standard und keiner stösst sich daran. Merkwürdig ist das. Aber die Namen da sind ja auch meist viel individueller als etwa die der Paarsphäre.

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    • Eine liebevolle, besondere Anrede im Brief steht ja auch auf einem anderen Blatt (buchstäblich). Ebenso wie diese bestimmte Art von Titeln, mit denen man einen Menschen belegt – und nicht dessen Namen dadurch ersetzt.

      Vielleicht ist es genau das, was mich so stört: da wird ein Teil von mir, ein Stück Identität, von jemand anders einfach durch einen beliebigen, abgedroschenen Ausdruck ersetzt…

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  2. Geht mir genau so. Mir ist es schon fast peinlich, wenn ich beispielsweise draußen im Café sitze und höre, wie ein erwachsener Mann seine erwachsene, im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte stehende Frau mit „Schatz“ anredet. Ob ich die einzige bin, die das in solch einem Fall mit „abschätzig“ assoziiert, habe ich mich schon oft gefragt.
    Für mich klingen, ähnlich vermutlich wie für dich, diese Kosenamen einfach irgendwie beliebig, austauschbar, nicht ernst zu nehmend.
    Was ich auch irgendwie seltsam finde: Dass der jeweilig andere Elternteil vor den Kindern nur noch als „Papa“ oder „Mama“ betitelt wird. Aber das macht irgendwie (fast) jeder, auch ohne Affinität zu Kosenamen.

    Herzliche Grüße

    Sonja

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    • Hier ist es Sprachgebrauch, nicht von „seiner Frau“ zu sprechen, sondern von „der Frau“:
      Statt“Meine Frau hat gemeint…“ sagt man oft „Die Frau hat gemeint…“
      …Irgendwie gruselig. Klingt wie ein Haushaltsgegenstand.

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  3. Es ist wie mit allem in der Partenerschaft: Ist es alltäglich, wird es langweilig.
    Kreativ in der Namensgebung sollte man sein:
    Schnuckeldie, Schnurzelpurzel, Piepapo, Schlawiner, Purzelchen, Braunbär, Ponnilein…
    Erika heissen halt auch ziemlich viele 😉

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      • Davon kann ich ein Lied singen. Mit Fortschreiten der Beziehung allerdings werden die Abstände der im Wechsel benutzten Kosenamen deutlich kürzer und weniger einfallsreich. Damit können Namen wie ‚Liebling‘ und “Blöde Kuh‘ schließlich dazu führen, dass man sich genervt umdreht und die bezeichnende Person oder Personen, je nach Anzahl der verwendeten Kosenamen, für den Allerliebsten heranzurufen versucht.

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