Mittelalter

Ich bin so das, was man als Mittelalter bezeichnen würde. Ob es zahlenmässig hinkommt, wissen die Sterne, aber es könnte durchaus passen. Für dieses Alter gibt es viele Mythen. Die einen beklagen die verlorene Jugend, die anderen fürchten sich vor dem nahenden Altsein. Midlife Crisis ist ein Thema und verebbende Kindersegensmöglichkeit ebenso. Und vermutlich gehört alles irgendwie zusammen. In der heutigen Gesellschaft überwiegen die klagenden Laute, Positives höre ich selten und wenn, dann klingt es fast schon bemüht und wie Selbstüberzeugung.

Ich bin nun über 40. Fühle ich mich so? Die Frage wäre, wie man sich mit über 40 fühlen müsste. Ich habe keine Ahnung, was für 40 und drüber normal ist, ich weiss nur, was ich fühle, und das hat kaum was mit einer Zahl zu tun und ist auch jeden Tag wieder anders – je nach Laune, Umfeld, Tagespensum und vielem mehr.

Ich bin keine 20 mehr. Das wird mir an vielem bewusst. Konnte (und wollte) ich damals ganze Nächte um die Häuser ziehen, wird mir heute schon beim Gedanken dran ganz schummrig. Ich ging unbeschwerter durchs Leben, nie gedankenlos, aber doch… Das machte mich auch radikal. Und impulsiv. Eckig mit Kanten.

Ich bin sicherlich noch immer kein einfaches Gemüt, aber ich wurde ruhiger. Und ich bin froh drum. Bei einigen Aufregungen sag ich mir einfach, dass sie nichts bringen, da es eh nichts ändert. Wozu also unnötig Energie verschwenden? Bei anderen schlägt das Pendel kurz aus, um dann wieder im Ruhezustand anzukommen (ok, der nächste Ausschlag kommt auch wieder, ich bin ja auch nur etwas ruhiger und der Anfangspunkt war doch eher seeeeeeehr unruhig).

Kinder kriegen ist für mich kein Thema mehr. Ich habe das wohl wunderbarste, das reicht. Karriere muss auch nicht mehr sein, zog mich nie, wird es auch fortan nicht. Ich habe tausende Interessen, die ich verfolge, aber das mache ich mit mir selber aus, mache es nicht für andere. Dasselbe mit Ausbildungen: Lange war ich getrieben: Ich muss was tun, weiterkommen, mehr machen, mehr lernen: Scheine, Titel, Auszeichnungen holen. Und ich habe alle, die ich anging, geholt. Fühlte ich mich danach besser? Nein. Ich linste schon nach der nächsten Herausforderung. Heute finde ich, ich bin zu alt, nochmals zu beginnen. Ich war ja immerhin mehrere Jahrzehnte in der Schule. Es reicht. Mir. Endlich!

Und so stehe ich nun hier. So im Mittelalter. Und frage mich: Krise gefällig? Die Antwort: Im Gegenteil: Erleichterung. Von mir fiel ganz viel Druck weg. Ich muss keinem mehr was beweisen. Ich muss keinen Schein mehr holen, keinen Titel, keinen Beruf. Ich muss keine Familie gründen, kein Haus bauen, keine Erwartungen erfüllen. Und: Ich will es vor allem gar nicht mehr.

Ich hörte oft, wenn man älter wird, wird die Zeit knapp und darum verzichtet man darauf, Dinge zu tun, die einem nicht liegen, weil sie die restliche Zeit, die noch bleibt, wegnehmen. Das klingt – so positiv es auch formuliert ist – nach Endzeitstimmung. Nach dem Motto: „Es endet bald mal, nutze die Zeit.“ Darum geht es mir nicht mal. Wenn es vorbei ist, ist es vorbei. Das ist für mich kein Drama – ok, jetzt schon noch, mein Kind ist noch nicht selbständig, aber sonst? Ich habe all das, was ich wollte, machen können. Ich hätte auch die Möglichkeit gehabt, anderes zu machen, ich hatte die Wahl und ich habe gewählt. Da nun hinzustehen und zu klagen, ich hätte was verpasst und bräuchte drum viel mehr Zeit, es nachzuholen, käme mir komisch vor. Ich würde heute – so im Hier und Jetzt – einen anderen Weg gehen als den, den ich ging. Ich würde mehr auf Grafik und Typographie setzen, die Kreativität mehr vom Bild her angehen als vom Wort. Aber… das sage ich auch nur, weil ich habe, was ich mir erarbeitet habe. Vielleicht wäre es andersrum, wäre ich vom Bild her gekommen? Ich befürchte fast, so wie ich mich kenne. Und zudem: Am Anfang war das Wort. Und es ist mir wichtig. Am Bild arbeite ich – für mich.

Ich bin nicht mehr bereit, mich anzupassen. Nicht, weil mein Leben mal endet. Sondern, weil ich weiss, was ich kann, wer ich bin und was ich will. Das war mit 20 nicht so. Drum bin ich dankbar, nicht mehr 20 zu sein. Ich bin dankbar, ganz viele der Zwänge, Unsicherheiten und Erwartungen hinter mir zu haben. Es ist ein Stück Freiheit, das mir das Alter schenkte und das ich geniesse. Das heisst nicht, dass mein Alter jetzt besser ist als das der Jungen. Jung sein ist toll, ist lebendig, ist pulsierend. Ich gönne es jedem, doch für mich möchte ich es nicht mehr haben. Die Gelassenheit, die ich mir und dem Leben gegenüber gewonnen habe, ist für mich unbezahlbar. Und wer nun glaubt, eine gemässigte und ruhige Schreiberin gelesen zu haben, den muss ich enttäuschen. Da pfeffert noch immer ganz viel mit. Aber mir selber gegenüber wurde ich gelassener. Die kleinen Schwächen kann ich annehmen. Die Unperfektheiten gehören zu mir. Und das ist ein Gewinn. Der meines Älterwerdens.

7 Comments

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  1. Sehr gut beschrieben. Ging und geht mir ähnlich.

    Doch bin ich ja noch etwas älter und kann nur sagen, dass für mich 40 eine Art Zäsur war und zwar im positiven Sinn. Ich hörte auf, mir Gedanken übers Altern zu machen (3. Säule mal ausgenommen *g*), denn es bringt nix. Man ist in der Tat so alt, wie man sich fühlt. Das biologische und geistige Alter ist entscheidend, nicht das kalendarische.

    Ich bin, wie ich bin und werde es immer bleiben. Nicht dass ich beratungsresistent oder unbelehrbar wäre aber ich bin selbstbewusster und stärker in mir verankert als zuvor. Und ich weiss, was ich will und was nicht. Und was ich machen will und was nicht. Und alles ohne den Zusatz NOCH!

    Und das ist gut so!

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  2. Wie weit geht das: „Ich bin nicht mehr bereit, mich anzupassen.“?
    Ohne Anpassung geht ja meines Erachtens garnichts. Deshalb wollte ich fragen, worauf sich der Satz bezieht.
    Insgesamt gut geschrieben. Das mit deinem Bildwerk finde ich gut und eine schöne Ergänzung zum Schreiben. Sind Malen, Schreiben und Denken nicht allesamt „Königskünste“?

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    • Ich denke, man passt sich immer an im Leben, sonst wäre ein Miteinander gar nicht möglich. Oft passt man sich aber so sehr an, dass man sich selber vergisst. Das ist vor allem in frühen Zeiten in Familien auch nötig, da dann vieles auf Kinder ausgerichtet ist – es ist gar nicht anders möglich. Aber wie oft ordnet man auch eigene Bedürfnisse und Ansprüche denen anderen unter, ohne eine wirkliche Notwendigkeit, sondern einfach, weil man selber diese höher gewichtet als sich selber und eigene Belange.

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      • …weil man die Beziehung höher gewichtet als sich selbst?
        Ein großer Schrecken ist doch der, wenn eine Partnerin irgendwann verlautet: „Wenn Du wüsstest, wo ich überall mein Eigenes hintenangestellt habe“. Der Horror ist vielleicht genau dann der, dies nie gemerkt zu haben, also einer Maskerade (oder Schauspielerei) aufgesessen zu sein. Und die Grenzen im Nachhinein garnicht sauber ziehen zu können.

        Der Idealfall wäre sicher ein möglichst offener Austausch, doch der ist ohnehin nicht völlig möglich.

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        • Ich gebe dir recht. Oft steckt man wohl zurück, weil man denkt, man müsste. Und gerade um Kinder muss man auch. Dies dann zum Vorwurf zu machen, finde ich grausam. Vor allem Kindern gegenüber. Sie hatten keine Wahl, man hat sie in diese Welt gestellt. Aber auch für Partner ist es sicher nicht leicht. Da wäre Kommunikation wichtig. Was aber, wenn Welten aufeinander prallen? Einer muss nachgeben… Findet man immer die Balance? Das würde gleich starke Charaktere bedeuten. Und wohl Auseinandersetzungen. Sie scheuen viele. Um dann irgendwann auszubrechen. Dies nur Theorie, die ich so sammle aus Dingen, die ich höre. Klar wäre mein Leben ohne Kind anders verlaufen. Aber ob das besser wäre? Ich hätte das Wundervollste in meinem Leben nicht. Ich könnte mir ein Leben ohne Kind grundsätzlich vorstellen, aber nun, da ich mein Kind habe, möchte ich genau dieses natürlich nie mehr missen. Und somit war nichts ein Opfer, sondern einfach der Preis, den man für etwas Wunderbares auch zahlt – und das gerne.

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  3. Wir spiegeln uns auch in den anderen. Manche meinen, ich sei noch im Herbst mit dem Lächeln des Sommers – wie Du – manchmal fühle ich mich als Mumie, die den letzten Rest der Worte noch aus sich rauspressen müsste. Ich kenn da eine, die sich vor dem vierzigsten fürchtet und doch alles hat und kann, stark und schwach. So sind wir. Gut ist es, aufzustehen, dranzubleiben an Freunden, Texten, am Bild, Klang der Farben, aus der Gelassenheit springen – manchmal explodieren. Dieses Grau heute verspricht viel Sonne, vielleicht kleine Wunder. So rufen wir das hinaus, was auf Antworten wartet. Das tut gut. Meine Antwort auf Deinen Text ist solch Echo gemeinsamer Freude.

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