Ob ein Leben im Rückblick gut oder schlecht war, hängt von den Momenten ab, die man sich erzählt.
Kategorie: Gedanken
Ich bin ja kein Rassist, aber
„Ich bin ja kein Rassist, aber…“ Wer einen Satz so beginnt, der begründet gleich nicht seine weltoffene Haltung, sondern outet sich als das, was er vorgibt, nicht zu sein. Nun könnte man sagen, das ginge ja noch, es könnte schlimmer sein, nämlich ganz braun, ganz abwehrend, zugebend rassistisch, nur: Mit solchen Statements wird ganz subtil Boden geebnet für Samen, die spriessen können. Leider spriessen keine bunten schönen Blumen, sondern braune Sumpfblüten. Unter dem Deckmantel, eigentlich kein Rassist zu sein, kann man nun alles sagen, was man offen nicht sagen dürfte. Man kann gegen die Natels der Flüchtlinge schimpfen, die sie nicht haben dürften, weil man selber auch kein tolles hat. Man darf mosern, die hätten viel schönere Kleidung und sollen sich nicht so haben, wenn sie in Zelten oder Kellern schlafen, sei ja immer noch besser als Krieg. Und man darf Hierarchien erstellen, wer nun wirklich Flüchtling ist und wer nicht: Krieg ist gut, verhungern zählt nicht. Und generell sind die, welche herkommen, eh nie echt, man selber könnte sich ja keine Reise nach Syrien oder sonst wohin leisten.
Aber nein, man ist natürlich kein Rassist. Man will nur für Recht und Ordnung sorgen im eigenen Land, schliesslich ist das ja auch klein und man hat nur begrenzt Platz und Geld und genug eigene Probleme. Und zudem ist es das eigene Steuergeld, das für diese Profiteure verprasst wird.
Zum Glück gibt es andere. Menschen die helfen. Ganze Dörfer haben sich schon organisiert und Flüchtlinge aufgenommen. Nicht nur in Heimen, sondern im Alltagsleben. Es gibt Menschen wie eine junge Frau, die 30 Syrern ein Dach über dem Kopf gab, oder Till Schweiger, der gegen Fremdenhass sprach und nun ein Flüchtlingsheim auf die Beine stellen will. Beide ernten ganz laut Spott und Häme – gar Hass. Die Kommentare bei der jungen Frau waren dabei besonders schlimm: „Die kriegte wohl sonst keinen Mann ab“, „Sex gibt es gratis obendrauf“ waren noch harmlos, Hitlerbilder folgten…
Die Welt rückt nach rechts. Wenn man dagegen spricht, wird man angegangen, man rede selber nur und sei ein Gutmensch, der von nichts eine Ahnung habe. Das darf nicht sein. Klar sind Worte noch nicht die Lösung allen Übels, aber sie sind ein Anfang. Sie sollen Boden schaffen nicht für braune Sumpfblüten, sondern für eine bunte Blumenpracht. Diese soll Herzen öffnen, denn nur so werden wir als Menschheit überhaupt überleben können langfristig.
Die Tage der Dämonen
Es gibt so Tage, an denen will nichts gelingen. Und während du da sitzt und entweder gar nicht in die Gänge kommst oder aber probierst und probierst und alles versandet, zerrinnen die Stunden und die Selbstzweifel kommen. Wie böse Dämonen sitzen sie in deinem Hirn und sprechen zu dir:
„Was machst du da überhaupt?“
„Du kannst doch eh nichts!“
„Andere können alles viel besser!“
Das sind nur einige der schönen Dinge, die sie dir zuflüstern und du neigst dazu, ihnen zu glauben. Vor allem an solchen Tagen. Und du schimpfst mit dir und schiltst dich eine dumme Kuh, die irgendwelchen Träumen nachhängt, statt etwas Sinnvolles zu leisten. Andere retten die Welt, heilen Menschen, erforschen gerade das Weltall. Du sitzt hier und willst Kunst machen. Und du machst es nicht mal gut. Ok, das eine oder andere Stück gefällt dir ganz gut, aber im Ganzen ist keine Linie, ist kein Stil, ist keine Konstanz. Es sind Anfängerwerke von einem Anfänger, der nicht weiss, ob er je mehr sein wird als ein Anfänger – oder eben einer, der lange übte und doch nirgends hinkam.
Also aufgeben? Das geht nicht. Denn: Nie hast du etwas gehabt in deinem Leben, das dir mehr bedeutete, das dir mehr gab, mit dem du dich – ausgenommen an solchen Tagen – besser fühltest. Nie gelang es dir sonst, dich in etwas so zu verlieren und dich damit gut zu fühlen, wie jetzt.
Es bleibt also nur eines: Weiter machen. Im Wissen, dass immer wieder solche Tage kommen werden. Und wenn die Zweifel gar zu gross sind, hilft es, auf den Weg zurückzublicken, den du schon gegangen bist. Wo hast du angefangen, was hast du seit da erreicht? Und du wirst Fortschritte sehen und wirst sehen, was du alles schon gemacht hast – Tolles gemacht hast.
Ja, du bist vielleicht noch nicht da, wo du hinwillst und du weißt vielleicht nicht mal genau, wo das genau sein wird. Du weißt aber, dass es der Weg ist, den du gehen willst und du hast Vorstellungen vom Ziel – nicht immer gleich klar, aber sie sind da und sie fühlen sich schön und richtig an. Vielleicht ist heute einer der Tage, an denen gar nichts klar ist, an denen die Dämonen rufen, zanken, schimpfen, dich auch auslachen. Aber: Der Tag geht vorbei und ein nächster kommt.
Es gibt ein Zaubermittel gegen die Dämonen, die dir sagen wollen, dass du gar nicht kannst, was du tust: Tu es und sie werden schweigen.
Kunst und ihr Wert
Viele ganz grosse Künstler haben ihr Leben lang – oder zumindest grosse Teile davon – am Hungertuch genagt. Sie wurden von denen, die bestimmten, was Kunst sei, ignoriert, verlacht, diskriminiert. Und doch gaben sie nie auf. Gaugin starb arm auf Tahiti, Cezanne, wartete lange auf Anerkennung, van Gogh verzweifelte fast. Als sie dann tot waren, schnellten die Preise für ihre Bilder in die Höhe. Plötzlich waren sie gefragt. Plötzlich waren die vorher verkannten Künstler Genies, jeder wollte ein Stück von ihnen haben.
Kürzlich sah ich eine Doku über den Fälscher Wolfgang Beltracchi. Er malte Bilder im Stil bekannter Künstler und gab sie als deren Werke aus. Er verbesserte – dies seine Worte – deren Kunst sogar noch. Dies würden auch die Verkaufszahlen belegen, waren doch einige seiner Bilder die am teuersten gehandelten von Künstlern, unter deren Namen sie liefen. Aufgeflogen ist er wegen chemischer Unstimmigkeiten, nicht wegen künstlerischer Mängel. Die Folge war eine Haftstrafe, die er momentan im freien Vollzug absitzt.
Wo liegt sein Verbrechen? Er hat Bilder gemalt und die unter falschem Namen verkauft. Das ist Betrug. Allerdings scheinen seine Bilder in der Tat besser gewesen zu sein als die der Künstler, unter deren Namen sie liefen. Der Preis aber war nur darum so hoch, weil dieser Name drunter stand. Hätte Beltracchi seine Bilder unter seinem Namen verkauft, hätten sie wohl kaum je diese Phantasiesummen erreicht. Von einer Million war die Rede, die er mal schnell an einem Nachmittag auf die Leinwand bannte.
Was also ist Kunst wert? Ist Kunst in der Tat nur eine Frage von Angebot und Nachfrage? Bemisst sich ihr Wert an der Summe, die sie einbringt? Ist Beltracchi ein Künstler oder nur ein Kopist? Wobei: Er hat nicht konkrete Bilder gefälscht, sondern den Stil. Ist ein Stil geschützt?
Menschen waren gewillt, Millionen für ein Stück meisterlich bemalter Leinwand zu zahlen. Und bevor sie den Preis zahlten, sassen sie sicherlich vor dem Bild und fachsimpelten über den Wert des Bildes und das Können des Künstlers. Daran änderte eigentlich nichts ausser dem kleinen Detail der Signatur und Zuschreibung. Entlarvt das nicht viel mehr als nur den Betrug dessen, der meisterlich malen kann?
Fluch und Segen des Fortschritts
Menschen wollen weiterkommen. Sie forschen, sie suchen den Fortschritt und finden ihn. Durch dieses Forschen ist es gelungen, das Waschbrett gegen eine Maschine auszutauschen, Krankheiten auszurotten und zum Mond zu fliegen. Alles positive Dinge. Grundsätzlich. Allerdings hat so mancher Fortschritt auch seine Tücken, denn er lässt neue Fragen entstehen: War die Atombombe ein grosser Fortschritt oder doch die grösste selbstgeschaffene Gefahr der Menschheit? Muss man lebenserhaltende Massnahmen anwenden, weil man es kann, oder tangieren sie die Würde des Menschen? Und wo liegt die Grenze?
Die neuste Frage, die sich stellt: Ist die Früherkennung des Geschlechts eines Embrios ein Segen oder ein Fluch? Die Freiheit der Frau, zu entscheiden, ob sie das Kind kriegt, geht damit soweit, das nicht gewünschte Geschlecht abzutreiben. Wir kommen der Planung des perfekten Kindes näher. Bald sind es wohl auch Haarfarbe, Augenfarbe und IQ, die passen müssen, um über Leben und Tod zu entscheiden.
Soll man also deswegen die Freiheit der Frau, über die man erst kürzlich abgestimmt und sich dafür entschieden hat, einschränken? Ist das Verbot Ärzten gegenüber, das Geschlecht vor der abgelaufenen Frist, in der ein Schwangerschaftsabbruch gesetzlich erlaubt ist, bereits eine Einschränkung der Freiheit der Frau? Dann wäre sie ja durch die Unmöglichkeit der Früherkennung auch eingeschränkt gewesen. Was natürlich zutrifft. Ist die staatliche Einschränkung schlimmer als die natürliche? Weil nun etwas, das möglich ist, verunmöglicht wird und der Staat die Hand drüber hat? Allerdings hat er wohl auch viel zur Forschung beigetragen (durch Geld, Infrastruktur, etc.), die den Fortschritt überhaupt erst ermöglicht hat – hat er dadurch ein Recht erworben, dessen Einsatz zu steuern?
Wenn man für die Freiheit der Frau stimmt, ihr Kind abtreiben zu dürfen, dann muss man ihr wohl folgerichtig auch die Gründe für diesen Abbruch überlassen. Wer würde sonst bestimmen dürfen, was ein triftiger Grund ist und was nicht? Ist der blosse Wunsch nach einem Jungen schon Grund genug, ein Mädchen abzutreiben? Wäre die dringende Notwendigkeit eines männlichen Erben und zu wenig Geld, noch ein 15. Mädchen zu ernähren, Grund genug? Ist eine Behinderung akzeptabel als Begründung und wie schwer müsste sie sein? Grenzen zu ziehen ist nie einfach, da jede Grenze eine Ungerechtigkeit mit sich bringt. Die auf der einen Seite werden anders behandelt als die auf der anderen. Und meist ist die Grenze relativ willkürlich – sie basiert auf den kulturellen Gegebenheiten, auf Gesetzen, auf Ein- und Ansichten und Wertvorstellungen. Und keines von all dem ist absolut und zeitlos, sondern immer der Zeit und dem Ort geschuldet, in denen sie vorherrschen.
Was also ist die Lösung? Es gibt wohl keine einfache. Aufhören zu forschen wird man nicht, da es erstens noch so viele Themen und Gebiete gibt, die dringend erforscht werden sollten (Krankheiten, etc.). Zweitens ist der Forschertrieb im Menschen zu tief angelegt, als dass er ihn einfach abstellen könnte. Er will weiter, will höher, will alles. Immer. Das hat seinen Preis. Ausgerottete Krankheiten bedeuten mehr Menschen, da die Menschen älter werden. Soziale und finanzielle Probleme sind die Folge. Medizinischer Fortschritt führt zu Ermessensfragen, welche die Würde des Menschen, Entscheidungen über Leben und Tod und vieles mehr mit sich bringen. Technischer Fortschritt bringt Hilfsmittel im Alltag, aber auch Waffen und damit Zerstörung auf die Welt. Es bleibt wohl dabei, dass alles immer zwei Seiten hat. Und ab und an liegt die Antwort auf die sich öffnenden Fragen nicht einfach auf der Hand oder es gibt schlicht keine befriedigende.
Preis der Freiheit
Den Preis der Freiheit kann und will sich keiner leisten.
Eigenes Universum
Ab und an denke ich, ich lebe in meinem eigenen Universum. Ich gehe durch den Tag, sehe viel, nehme alles wahr, denke mir meins dazu, und lasse es wieder ziehen, weil das Nächste da ist und meine Aufmerksamkeit fordert. Und die will ich ihm geben. Wobei, es ist nicht mal ein Wollen, es passiert einfach so.
Mir würde das nicht mal auffallen, würde ich nicht dann und wann mit Fragen konfrontiert wie: „Wie war das Wetter heute bei euch?“ „Stören die der Flugzeuglärm auch?“ „Wo geht denn hier die Sonne auf und unter?“ Und obwohl ich mich sicher über manchen Sonnenaufgang freute, Flugzeugbäuche bestaunte, schwitzte, fror oder vor dem Regen flüchtete – ich kann es nie sagen.
Ich würde das nun gerne so deuten, dass ich erleuchtet bin und es ganz und vollkommen schaffte, im Hier und Jetzt zu leben, den Ballast der Vergangenheit hinter mir zu lassen. Leider ist dem wohl nicht so, da
Dinge,
die mir wirklich
am Herzen liegen,
mich treffen,
in mir drehen,
nachhallen,
weiterdrehen,
sich winden,
nicht verschwinden.
Es sind eher die Geräusche des Alltags, mit denen wir überall und immer überflutet werden. Die fliessen durch mich hindurch. Sind schön (oder auch nicht) im Moment, dann vergessen.
Wichtig ist…
Wichtig ist nicht, was du wirst, wichtig ist, was du tust.
Frau sein
Ich bin eine Frau. Als Kind wäre ich lieber ein Junge gewesen. Das hätte irgendwie mehr Spass gemacht. Ich mochte Autos, mochte es, auf Bäume zu klettern, spielte Fussball. Beim Friseur liess ich mir immer Jungenfrisuren schneiden, mein grösstes Kompliment war, als ein Vater seinem kleinen Kind auf der Schaukel sagte, der Junge auf der Schaukel nebenan (er meinte mich) stosse es sicher mal an.
Das hat sich irgendwann ausgewachsen. Ich bin Frau und ich bin es gerne.Vor allem aber bin ich Mensch. Ich kann und mag Dinge, weil ich Mensch bin, nicht weil ich Frau bin. Ich habe mich bislang gegen Feminismus gesträubt, weil ich vieles davon zu plakativ finde, es für mich zu sehr nach Geschlechterkampf aussieht und ich finde, es wäre langsam an der Zeit, ein Miteinander anzustreben. Ich will keine Männer bekämpfen, ich will auch nicht überall ein „-in“ anhängen, denn ich sehe darin keinen positiven Effekt auf das tatsächliche Leben. Den kann nur ein Umdenken in den Köpfen haben. Bin ich naiv?
Als ich mein Studium mit Prädikat abschloss, kriegte ich zu hören, dass ich wohl bei der Prüfung einen kurzen Rock getragen hätte, um es zu erreichen. Als ich mein Stipendium für die Dissertation erhielt, gingen gewisse Statements in dieselbe Richtung. Dass beim Abschluss der Dissertation nur noch Witze wie „Wo hast du den Titel gekauft?“ kamen, war wohl eher der Zeit um Gutenberg denn eines Umdenkens in Sachen Geschlechterpolitik zu verdanken (?).
Manchmal kommt es mir so vor, als ob die Bewegung des Feminismus mehr den Männern als den Frauen nützt. Während die Frauen sich abstrampeln, ihre Werte und Ansprüche in den schillerndsten Farben und bei Lichte betrachtet den unmöglichsten Auswüchsen zu zementieren, klagen die Männer an allen Fronten über nicht mehr klare Rollenmodelle, Verhaltensmaximen und sonstige Zipperlein. Nachdem sie sich so zum Opfer der Zeit erklärt haben – viele Psychologen springen auf den Zug auf und begründen fleissig, wie arm der arme Mann doch sei -, gehen sie dazu über, noch kantiger und markiger zu pointieren. Sie dürfen ja nun, sie sind ja so arm. Und wenn sie nicht arm sind, dann sind sie Mann und holen sich doch das Weibchen, wie eines Tages ein Chefredakteur, der ein Treffen vereinbarte, was von Frau und offener Beziehung faselte und Annäherungsversuche startete. Auf mein Intervenieren, dass ich durch Leistung, nicht durch anderes ankommen möchte, meinte er: „Es ist das Gesamtpaket…“
Ich mag Männer. Sehr. Schliesslich bin ich mit einem verheiratet und bin zudem Mutter eines absolut gewünschten Sohnes. Ich bin nach wie vor keine Befürworterin des Feminismus, allerdings verstehe ich die Beweggründe dafür. Nur: Es wird nie besser werden, wenn einer immer gegen den andern kämpft. Dadurch entsteht immer nur Druck und dieser provoziert Gegendruck. Was wirklich nötig ist? Ein Miteinander. Vor allem anderen sind wir Menschen. Erst danach teilen wir uns auf in Frauen und Männer. Und nein, Frauen und Männer sind nicht gleich, sie sollen es auch nicht sein. Aber: Sie haben denselben Wert und sollen mit denselben Massstäben gemessen werden.
Zauberlehrling
Ich war immer kreativ, sowohl im Denken wie auch im Tun. Ausgetretene Pfade waren nie meine, gerade Wege habe ich irgendwie keine gesehen oder verfolgt. Nie aus Prinzip, sie entsprachen mir einfach nicht. Ich zeichnete, bastelte, schrieb, schlüpfte in Rollen. Das war als Kind so, das blieb – ausser den Rollenspielen – auch später.
Als es darum ging, eine Ausbildung zu machen, entschied ich mich für ein Studium. Nur deswegen hatte ich überhaupt die Schule so lange durchgehalten: Ich wusste nie was, wusste aber, ich will studieren. Ich hasste Schule, fand nichts schrecklicher als diese starren Strukturen. Aber ich biss mich durch. Erste Studienwahl wäre Innenarchitektur gewesen. Da sah ich alles vereint, was ich toll fand: Kreativität, Design, Stil. Der väterliche Rat ging in eine andere Richtung, das sei nicht brauchbar auf dem Arbeitsmarkt. Nachdem ich mich bei Tiermedizin eingeschrieben und bei Jus angefangen hatte, wechselte ich zu Germanistik. Seines Zeichens Layouter bei einer Tageszeitung fand mein Papa das wunderbar, damit könne man viel machen (mit der Meinung stand er, wie ich später sowohl aus Reaktionen Dritter wie auch Jobsuchanstrengungen erfahren musste, ziemlich alleine). Philosophie kam dazu – es war wunderbar. Tiefe Gedanken, anregende Diskussionen, kreative Atmosphäre. Weil es so schön war, hängte ich noch eine Runde an, blieb in der Akademie, forschte philosophisch.
Alles hat ein Ende, so auch meine akademische Zeit. Die grosse Frage war: Was nun? Jobs hatte ich während des Studiums schon einige ausprobiert, dabei mehr erlebt, was ich nie wirklich will, als gesehen, was wirklich passt. Es lag auf der Hand, selbständig zu bleiben – und es damit zu werden. Immer wieder liebäugelte ich mit eigenen kreativen Projekten, begnügte mich aber lange Zeit damit, die anderer zu bearbeiten. Mit Spass und Freude, keine Frage, aber es fehlte was. Und das schrie immer lauter. Ich musste es erhören und stürzte mich ins Abenteuer. In eines, das mich in absolut neue Gebiete bringt – und täglich kommen neue dazu. Seit ich die Stimmen erhört habe, quasseln sie nur so, erzählen mir täglich von zig neuen Ideen, die der Umsetzung bedürfen. Und ich versuche, alles auszuprobieren, immer wieder neue Wege einzuschlagen, Techniken zu lernen, weiter zu kommen.
Bin ich Künstler? Es ist, als ob der Meister sich wegbegeben hätte und ich als Zauberlehrling hier stehe, das Wasser sich ergiesse, aus vollen Eimern, den kreativen Boden flute. Doch rufe ich nicht danach, dass es stoppe, es soll weitergehen.
Seitensprung
Ich muss es gestehen. Ich kann nicht länger schweigen. Ich bin fremdgegangen. Es kam so über mich, ich hatte es gar nicht geplant, doch dann war die Versuchung zu gross. Ich war schon vorher öfters angefragt worden, ob ich nicht interessiert wäre. Ich war es zwar, doch hielt mich immer was zurück. „Ich kann doch nicht einfach….“ dachte ich oder aber, dass ich keine Zeit hätte. Doch auch meine Widerstandkraft schmolz dahin. Und ich muss gestehen (ja, es kommt noch schlimmer): Es hat Spass gemacht.
Hier der Beleg für meinen Seitensprung: Ich durfte für die Kochseite El Stefano ein Rezept liefern, das ich auch noch illustriert habe. Hier der Link.
Danke an Arno von Rosen für diesen Gastauftritt. Hat grossen Spass gemacht!
Rezension: Vicki Scott – Peanuts. Auf zu den Sternen
Snoopy ist zurück
Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es seinem Nachbarn nicht gefällt. Dies gilt auch für Snoopy, der sich einem grossen, gewalttätigen Kater aus der Nachbarschaft ausgesetzt sieht. Als Snoopy merkt, dass er diesem Umgeheuer nicht gewachsen ist, will er fliehen, läuft dabei aber Lucy in die Arme. Sie sagt ihm, dass man vor seinen Problemen nicht davonlaufen darf, sondern sich ihnen stellen muss. Zudem müsste er wohl auf den Mond fliehen, wenn er keine Kater mehr sehen wolle.
Snoopy kehrt nach Hause zurück, wenig überzeugt, dass er es mit dem Kater je wird aufnehmen können. Müde von allem studieren, wie er seine Probleme lösen könnte, schläft er ein. Im Traum werden er und Woodstock zu Astronauten und fliegen zum Mond. Leider ist diese Flucht auf den Mond am nächsten Morgen vorbei, als Snoopy zu allem Übel erfahren muss, dass der grausame Kater Woodstock gefasst hat. Er muss was tun….
Kurz bevor sein letzter Originalstrip in einer Sonntagszeitung erschien, starb der Schöpfer von Charlie Brown und seinen Freunden, der Erfinder der Peanuts mit ihrem wohl bekanntesten Mitglied Snoopy. Mit diesem Band kehrt Snoopy zurück. Die neuen Geschichten sind von Vicki Scott geschrieben und gezeichnet worden, es sind aktuell die einzigen, die von der „Charles M. Schulz Creative Associates“ als nicht von Charles M. Schulz gezeichnete Geschichten genehmigt sind. Vicki Scott ist es gelungen, die Charaktere so zu erfassen, wie sie von ihrem Erfinder vorgezeichnet wurden. Damit geht ein Stück Comicgeschichte weiter, die viel zu früh geendet hatte.
Fazit
Eine wunderbare Geschichte rund um die wunderbaren Figuren der Peanuts. Snoopy ist zurück. Sehr empfehlenswert.
Zum Autor
Vicki Scott
Vicki Scott ist Teil des Peanuts Studioteams und arbeitet dort als Illustratorin, Produktentwicklerin und Redakteurin. Scott beschreibt sich selbst als eine Cartoonistin aus Iowa, die nach Kalifornien gezogen ist, um eine Cartoonistin aus Minnesota, die nach Kalifornien gezogen ist, zu verkörpern. Wie Charles M. Schulz genießt sie es, ihre Zeit mit guten Freunden und der Peanuts Gang zu verbringen.
Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 96 Seiten
Verlag: Cross Cult Verlag (1. Dezember 2014)
Übersetzung: Christian Langhagen
ISBN-Nr.: 978-3864255823
Preis: EUR 10 / CHF 15.90
Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH
Das Archimedes-Prinzip
Wir gehen durchs Leben und sehen die Welt, wie sie uns erscheint. Wir gehen davon aus, dass sie genau so ist, wie wir sie sehen, denn schliesslich haben wir weder eine rosa Brille auf noch einen Spiegel, wie man ihn aus dem Gruselkabinett kennt, zur Hand. Wir schauen hin und da steht sie – die Welt. Und in der Welt die Menschen, die sie ausmachen. Je näher uns Menschen sind, desto genauer schauen wir hin und desto mehr sehen wir von ihnen.
Es liegt in der Natur der Sache, dass man bei den Menschen, die einem nahe sind, mehr sieht als bei andern. Leider ist mehr aber nicht immer nur positiv, sondern hat immer verschiedene Seiten und Facetten. In der Natur des Menschen liegt es wohl, dem negativ Bewerteten mehr Gewicht zu geben als dem Positiven. Ist es erst mal gefunden, bohren wir drin rum. Wir beleuchten es von allen Seiten, blasen es auf, schmücken es aus. Und ist es erst einmal gross und fast schon drohend, sehen wir uns ihm ausgeliefert. Und wir hadern mit dem Schicksal. An diesem Punkt angekommen, gibt es in der Tat selten mehr einen Ausweg aus der Spirale. Wir sind zu tief drin, stecken quasi Brunnenschacht fest und erreichen den Rand nicht mehr. Je mehr wir strampeln, desto tiefer fallen wir, da wir uns immer im eigenen Universum bewegen, nur die eigene Sicht sehen und diese mit jedem weiteren Nachdenken mehr zementieren.
Vor vielen Jahren lebte Archimedes. Der Sage nach hob er die Welt aus den Angeln, indem er das anwendete, was man heute Hebelprinzip nennt. Indem man den Dreh- und Angelpunkt ausserhalb der eigenen Welt ansetzt, hat man einen längeren Hebel, und plötzlich bewegt sich das, was vorher unbeweglich schien. Genauso funktioniert das auch mit eigenen An- und Weltsichten. Oft hilft es, die ganze Geschichte von aussen zu betrachten, sprichwörtlich eine andere „Ansicht“ zuzulassen, um Seiten zu entdecken, die man selber nie gesehen hat. Andere Menschen schauen von einer anderen Warte auf das Geschehen und haben schon deshalb einen anderen Blick, den wir selber nie haben könnten. Indem wir ihre Sicht kennenlernen, können wir unsere eigene um neue Facetten erweitern – und damit vielleicht mehr Licht ins Dunkle des Brunnenschachts bringen. Wer weiss: Vielleicht ändert sich plötzlich der eigene Standpunkt und man sieht etwas vorher negativ Bewertetes plötzlich in einem anderen Licht, positiv.
Natürlich verkehrt nicht jede Ansicht von aussen etwas in sein Gegenteil. Gewisse Dinge bleiben negativ, egal wie man sie dreht und wendet. Wichtig ist wohl, bei allem den grossen Zusammenhang nicht aus den Augen zu verlieren, Dinge nicht zu sehr zu isolieren. Die Welt ist nie nur gut, es ist nie alles toll und wunderbar, das Schwierige, Schlechte gehört zum Leben dazu wie das Gute und Wundervolle (und die Bewertung ist immer eine persönliche). Wo Licht ist, ist immer auch Schatten. Oft hilft es schon viel, bei all dem Schatten die Lichtmomente nicht zu übersehen, und daran zu denken: Es ist nichts nur schwarz oder weiss. Ein Sonnenstrahl inmitten dunkler Regenwolken kann einen Regenbogen bewirken und damit die ganze bunte Farbenpracht.
Schweizerin
Ich bin Schweizer. So ein richtig uriger mit Wurzeln bis ins Mittelalter und wohl noch weiter. Politische Diskussionen, wann die Schweiz entstanden ist und wie lange zurück das eigene Schweizersein überhaupt gehen kann, möchte ich hiermit nicht vom Stapel reissen. Irgendwo in geistigen Tiefen schwirren Daten von Schwüren, Bünden und ähnlichem umher, anhand derer man das wohl festmachen könnte. Ich möchte das nun nicht reaktivieren. Was bleibt ist: Ich bin Schweizer – eigentlich ja Schweizerin, will man feministischen Vorstössen Genüge tun – und ich bin es gerne. Ich bin es drum gerne, weil mir daraus kein Schaden erwächst und ich nichts anderes kenne. Ich bin gewohnt, Schweizerin zu sein und sehe, dass es auch hätte schlimmer kommen können. Ich habe nichts aktiv dazu getan, eine zu sein, würde es aber auch nicht unbedingt ändern wollen.
Gut, es gab eine Zeit, da hätte ich gerne in den USA gelebt. Ich hörte damals von unmöglichen politischen Zuständen und überhaupt. Das kümmerte mich nicht bei dem Gedanken, wieso ich dahin wollte. Es waren andere Gründe. Weites Land, offene Menschen, Möglichkeiten, die andernorts nicht vorhanden schienen. Es gab auch eine Zeit, in der ich gerne nach Deutschland – genauer nach München – ausgewandert wäre. Auch da hörte ich was von politischen Schwierigkeiten und wie schön ich es doch in der Schweiz hätte. Auch da kümmerte mich das nicht, meine Gründe waren anders, orientierten sich an wunderbar grossen Städten, offeneren Menschen, offenerem Denken, mehr kulturellem Interessen und Nischenkulturen in Grossstädten. Ich hätte wohl alles machen können, aber ich blieb hier. Weil ich es hier kannte, weil ich hier irgendwie zuhause war.
So gerne ich Schweizerin bin, so sehr stösst mir immer wieder eines auf: Schweizer scheinen darauf erpicht zu sein, Negatives zu sehen und anzuprangern. Freut sich einer, findet der andere ein Haar in der Suppe. Bringt eine Zeitung eine schöne Nachricht, findet sich ein Kommentator, der alles ins Negative interpretieren kann. Es kann nicht sein, dass alles gut ist, nein, da muss was dahinter stecken. Und wenn nichts dahinter steckt, fragt man sich, wieso man das überhaupt in der Zeitung lesen musste. Wen kümmern schon positive Nachrichten?
Der Schweizer denkt eng, er denkt in Normen und Masstäben. Alles hat seine Ordnung und so war es schon immer. Man hält fest an dem, was man kennt und backt lieber kleine Brötchen. Schliesslich ist man ja bescheiden. Drum fragt man immer, ob man was sagen dürfe, statt es einfach zu sagen. Drum sagt man immer „oder“ am Schluss des Satzes, um sich auch wirklich zu vergewissern, dass man richtig liegt und wenn nicht, schon angetönt zu haben, dass man nicht sicher war. Man steht nicht hin und tut, man kriecht sich ran. Stellt sich ein anderer hin, so wirft man es ihm vor, er ist arrogant, er ist überheblich. Wie kann der nur meinen, etwas zu wissen, das würde man selber nie tun. Daher rührt wohl auch das Problem mit den Deutschen, das man oft zitiert. Sagt dieser „Ich kriege noch ein Bier!“ an der Bar, klänge das bei unserem Schweizer so: „Dürfte ich bitte noch ein Bier haben?“ Kein Wunder erscheint ihm der Deutsche ungehobelt. Wie kann der bloss denken, dass er das einfach kriegt. So ohne „Bitte“ und höfliche Frage. Der Schweizer fragt am Schluss auch höflich, ob er nun noch zahlen dürfe. Spätestens dann müsste die Sprechweise entlarvt sein, da wohl keiner davon ausgeht, dass er nicht zahlen müsste. Nur denkt man nicht so weit, man interpretiert da, wo es negativ auffällt und fällt nichts auf, sucht man es.
Und so lebt der Schweizer fröhlich vor sich hin in seinen selbstgesteckten Grenzen und Bescheidenheit, und misst die Welt an seinem Masstab. Schliesslich darf er das, er ist hier zu Hause. Und das bin auch ich und bin es gerne. Ab und an ärgere ich mich über Kleingeist und enge Grenzen. Aber vielleicht ist das ja genau dasselbe Kritikergen, das dem Schweizer innewohnt, schliesslich bin ich einer. Also eine. –in.
Künstler
Der Künstlerstatus ist seit jeher ein schwieriger. Er ist mit vielen Konnotationen belegt. Künstler werden verehrt – vor allem, wenn sie tot sind. Leben sie noch, begegnet man ihnen meist mit Skepsis (oder Verehrung, die aber genauso ausgrenzend ist wie die Skepsis). Nennt sich einer Künstler, schaut man genau hin, was er denn so macht und ob das taugt, ihn einen Künstler zu nennen. Messen tut man das meist daran, ob das Gemachte a) gefällt und b) verkäuflich ist oder gar c) schon verkauft wurde. Wenn dem nicht so ist, wackelt der Künstlerstuhl.
Wann ist ein Künstler ein ebensolcher? Wenn er beginnt, seiner Wahrnehmung der Welt einen Ausdruck zu geben? Wenn dieser Ausdruck schön ist? Oder erst, wenn er Geld bringt? Viele der heute ach so verehrten Künstler wären dann keine gewesen. Van Gogh? Ein armer Irrer – und mit ihm noch ganz viele andere. Oder wird man generell erst posthum Künstler? Picassos Ausspruch, dass in Museen nur Misserfolge hängen, da sie in ihrer Zeit blosser Regelverstoss und damit keine Kunst waren, würde das unterstützen (und zugleich den Unsinn deutlich machen).
Klar scheint, dass der Künstler irgendwie am Rande der Gesellschaft steht. Die anderen Bürger (die früher als Bürger dem Künstler gegenüber gestellt wurden und diesen somit aus der Gesellschaft verstossen haben begrifflich) massen sich an, Norm und Massstab zu sein – sie bestimmen über den Wert des Künstlers als Mensch und Teil der Gesellschaft sowie den Wert von dessen Werk. Das ist nicht per se schlimm, wenn es sich um das Werk dreht, beim Menschen liegt der Fall etwas anders, aber: Irgendwie scheint der Künstler nicht nur der verkommene Sohn der Gesellschaft zu sein, sondern auch einen Status zu vertreten, mit dem man gewisse Eigenschaften wie Abenteuer, Erfolg, (Selbst-)Entfaltung sowie auch Freiheit verbindet. Und diese neidet man. Die gesteht man nicht jedem gerne einfach so zu. Der selbsternannte Künstler hat sich also zu behaupten. Und zu rechtfertigen. Taugt er wirklich? Und alle anderen sind plötzlich Experten.
Was ist ein Künstler? Picasso nannte ihn einen „Sammelbehälter von Empfindungen“, der „schafft, weil er schaffen muss“. Künstler zu sein, ist keine Auszeichnung, auch nichts, das man sich aussucht, weil es irgendwie cool wäre. Es ist ein Schaffensdrang in einem drin, der einen immer wieder dazu antreibt, sich mit sich und der Welt auseinanderzusetzen und eine Ausdrucksform für diese Auseinandersetzung zu finden. Dass es nicht selbstgewählt ist, sieht man wohl daran, dass Künstler an ihrem Künstlerdasein auch festhalten, wenn dieses beschwerlich ist – was es für die meisten ist und war, liest man Biographien.
Ich gehe meinen Weg nun schon einige Jahre, bewege mich in verschiedenen Sparten der Kunst. Ich haderte immer wieder mit mir und mit der Welt, schalt mich, dass ich nicht einfach tue, was man eben so tut in dieser Welt, nämlich einer geregelten Arbeit nachgehen (einer, die auch von allen als solche gesehen wird, weil sie als solche in irgendeinem Reglement definiert ist). Jeder Versuch, meinen Schaffensdrang einzudämmen und gesellschaftlichen Idealen zu entsprechen, führte immer zum selben Ergebnis: Der noch grösseren Einsicht, was mein wirklicher Weg sein muss. Weil es keine Alternative gibt. Ich bin weder Picasso noch Goethe oder Kant, aber ich bin dankbar, meinen Weg gehen zu können und Menschen im Rücken zu haben, die ihn verstehen, ihn mit mir gehen, dabei immer auch hinter mir stehen. Kürzlich sagte mein Papa: „Du warst schon immer anders, aber du bist wunderbar so.“ Ich nehme das als Kompliment.



