Rezension: Erwin Moser – Boris der Kater. Der Goldfisch

Alles hat immer etwas Gutes

MoserBorisGoldfischWie aus einer Erdbeere ein Glas Honig wird, wozu ein Tisch alles dienen kann und dass auch aus Mischgeschicken etwas Gutes entstehen kann: All das erlebt man in diesem Kinderbuch um Kater Boris. In kurzweiligen Geschichten, die alle eine kleine Moral in sich tragen, dabei aber nie zu belehrend wirken, erlebt der Leser (und Zuhörer) dieses Buchs die Welt des Katers Boris.

Illustriert sind die Geschichten mit wunderbar farbigen, fröhlichen Bildern, die mit Federstrichen und Farbe einfach gehalten, dabei aber sehr lebendig und ausdrucksstark sind.

Das Buch garantiert schöne Momente beim Lesen, Vorlesen und Anschauen.

Fazit:
Ein wunderbares Buch mit kurzweiligen Geschichten und fröhlichen Zeichnungen. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Erwin Moser
Erwin Moser wurde 1954 in Wien geboren und wuchs im Burgenland auf. Er absolvierte eine Ausbildung zum Schriftsetzer. Aus Unzufriedenheit mit der vorhandenen Kinder und Jugendliteratur begann Erwin Moser ab Ende der Siebzigerjahre eigene Geschichten zu erzählen und zu illustrieren. Seit 1980 sind über 100 Bücher, Geschenkbücher, Kalender und Sammlungen mit Geschichten erschienen, für die er oftmals ausgezeichnet wurde.

Angaben zum Buch:
MoserBorisGoldfischGebundene Ausgabe: 64 Seiten
Verlag: NordSüd Verlag (20. Februar 2015)
Empfohlenes Alter: ab 4 Jahren
ISBN-Nr.: 978-3314101977
Preis: EUR 12.99 / CHF 18.90

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Rezension: Pinocchio (Chauvel / McBurnie)

Nach einer Idee von Carlo Collodi

Von einem, der Schule lästig fand und von Leben gelehrt wurde

Pinocchio 1Eines Tages landet ein Stück Holz in Meister Antonios Werkstatt, kein edles, eher Brennholz. Dem Meister kommt das wie gerufen, er beschliesst, ein Tischbein draus zu machen, wird aber schon bei den ersten Beilschlägen gestoppt – Das Holzstück spricht und es will kein Tischbein sein. In dem Moment klopft es an die Tür und Gepetto steht da: Das Leben ist beschwerlich, er wünscht sich eine Holzpuppe, die ihm die täglichen Bedürfnisse erfüllt. Nach einem kurzen Handgemenge übergibt ihm Antonio das sprechende Holzstück und Gepetto macht sich ans Werk: Pinocchio entsteht. Statt aber dankbar zu sein, weil er als Puppe ein schönes Zuhause und in Gepetto einen lieben Papa hat, rennt er, was die Füsse tragen, davon. Die Nacht wird grausam und er bedauert schon bald, nicht auf den Rat der Grille gehört zu haben, die ihm noch vor seinem Weggang gesagt hat, dass die, welche nicht gehorchen, selten Glück im Leben haben.

Pinocchio 2Nach vielen Turbulenzen, Pinocchio verbrennt sich die Füsse, was für eine Holzpuppe gefährlich ist, Gepetto kommt ins Gefängnis und vieles mehr, sind die beiden wieder zusammen und Pinocchio verspricht, von nun an folgsam zu sein, zur Schule zu gehen und etwas lernen zu wollen. Doch schon auf dem nächsten Schulweg locken wieder viel spannendere Abenteuer. Auf seinen Reisen trifft er auf eine Fee, die seine Mama wird, auf Schurken, die ihn um alles bringen, was er hat, auf gefährliche Kreaturen, die ihn aufessen wollen, aber auch immer wieder auf Helfer, die ihn aus der Not retten.

Diese neue Auflage der Geschichte „Pinocchio“ nach der Idee von Carlo Collodi beinhaltet alles, was Comic-Bücher zum Genuss machen: Der Plot ist packend, sprachlich witzig und modern umgesetzt und illustratorisch ein Hochgenuss fürs Auge. Die Figuren sind charakterstark gezeichnet, die Farben greifen die Stimmung der jeweiligen Szenen auf. Das ist grosse Illustrationskunst.

Wer denkt, Comics seien nur was für Kinder, Pinocchio sowieso, der wird bei dem Buch eines Besseren belehrt: Das ist Lesespass für jung und alt. Für die jüngeren Semester hat es die eine oder andere „Moral von der Geschicht“ enthalten, unter anderem, dass aus Kindern, die nicht in die Schule wollen, Taugenichtse werden und dass Eltern mitunter Recht haben, wenn sie vor etwas warnen. Empfohlen ab 6 Jahren.

Fazit:
Wunderbar erzählte Geschichte mit hochwertigen Illustrationen. Sehr empfehlenswert!

Angaben zum Buch:
pinocchioGebundene Ausgabe: 224 Seiten
Idee: Carlo Collodi
Textadabtion: David Chauvel
Zeichnungen und Farben: Tim McBurnie
Empfohlen ab: 6 Jahren
Verlag: Splitter Verlag (11. Mai 2015)
ISBN-Nr.: 978-3958399037
Preis: EUR 15.95 / CHF 23.90

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Kunsthaus Zürich: Inspiration Japan

tamamura_kozaburo_glyzinien_beim_kameido_schreinMonet, Gauguin, van Gogh – dies nur einige Namen der aktuellen Ausstellung im Kunsthaus Zürich. Über 350 Gemälde, Holzschnitte und Kunstgegenstände europäischer und japanischer Meister warten auf den Besucher – und dieser wird nicht enttäuscht werden. Die ausgestellte Kunst stammt hauptsächlich aus dem Zeitraum 1860 bis 1919, als die Rezeption japanischer Kunst in Frankreich ihre Anfangs- und Hochphase erlebte. Das grosse Interesse ist auf die Öffnung Japans im Jahr 1854 zurückzuführen – vorher war das Land vollständig abgeschottet.

monet_seerosenteich_pushkinDurch die Augen vieler grosser Künstler (Monet, Gauguin, van Gogh, Degas – um nur einige zu nennen) sieht man das Bild, das man im Europa des 19. Jahrhunderts von Japan hatte. Diese liessen sich von Motiven, Stilmitteln und den leuchtend kräftigen Farben inspirieren. Entstanden ist eine Kunst, die einerseits japanische Bildsujets übernommen hat, andererseits die Bildsprache verinnerlicht und sie mit der eigenen Kultur und Bildtradition verbunden hat.

monet_chrysanthemenbeetAls Beispiel sei hier Monet genannt, welcher Seerosenteiche und die Brücken von japanischen Farbholzschnitten übernommen hat und in seinen Gärten die fernöstliche Pflanzenwelt (wie Schwertlilien, Glyzinien, Azaleen und Chrysanthemen) integrierte.

Die Ausstellung läuft schon seit Februar, wurde nun aber verlängert bis am 25. Mai – Zeit genug, ihr einen Besuch abzustatten, was ich nur empfehlen kann.

Am Mittwoch, 29. April findet von 18 – 19 Uhr eine Führung durch die Ausstellung statt, in der man viel Hintergrundwissen mitnehmen kann. Wer diesen Termin nicht wahrnehmen kann, hat immer die Möglichkeit, mit dem Audioguide selber durch die Ausstellung zu gehen und Wissenswertes über die einzelnen Kunstwerke zu erfahren.

Link zur Ausstellung

Öffnungszeiten Museum
Di/Fr–So 10–18 Uhr
Mi/Do 10–20 Uhr

Feiertage: 1. Mai, Auffahrt 14. Mai,  Pfingsten 23.–25. Mai: 10–18 Uhr.

Holocaustleugnung – kein Kavaliersdelikt, sondern ein Verbrechen

 „Ich möchte wissen, wo die angeblich sechs Millionen Menschen umgebracht worden sind“, ruft der Mann seinen Kameraden zu. „Warum bin ich jahrzehntelang belogen worden?“ (Panorama, Das Erste)

Ein Mensch stellt den Holocaust in Frage, spinnt Verschwörungstheorien. Das ist schon schlimm genug, noch schlimmer ist, dass er Zustimmung findet und alles nicht geistig verwirrte Menschen sind, sondern eigentlich solche, die man als klar denkend und rational erachten würde. Es sind Menschen, die eine Schuldbildung absolviert haben, Menschen, die es besser wissen müssten. In der Schweiz käme er damit durch, da wir keinen gesonderten Völkermordleugnungsparagraphen haben. Leider gibt es viele grosse Stimmen, die sich in unserem Land dagegen aussprechen, einen solchen im Strafrecht zu realisieren. Er widerspreche unserem liberalen Gedanken, beschränke die Meinungsäusserungsfreiheit – dies nur einige Argumente. Zum Glück sehen das nicht alle Länder so (eine Auflistung der rechtlichen Lage findet sich in meinem Buch Genozidleugnung als ethisch-moralisches Problem).

Ist Völkermordleugnung einfach eine Meinung, eine, die man frei äussern können soll? Ist der Holocaust wirklich eine historische Tatsache wie so viele, über die man heute frei schreiben und reden können muss, ihn auch verleugnen, weil dies der wissenschaftlichen Forschung geschuldet ist? Ist das Ganze sowieso Schnee von gestern und damit nicht mehr relevant für heutige Gesetze? Ich denke nicht:

Ein Mensch, dem in seinem Leben ein traumatisierendes Unrecht wiederfährt, trägt dieses Unrecht in sich mit in die Gegenwart und in die Zukunft. Es wird immer Teil seiner selbst sein, bedarf einerseits einer Aufarbeitung, damit der Mensch überhaupt weiter existieren kann und dieses Trauma ihn nicht überwältigt, und andererseits stellt das traumatische Unglück einen Teil seiner Persönlichkeit dar, prägt es sein Wesen unweigerlich. Spricht man nun von historischem Unrecht in der Grössenordnung von Völkermord, welcher wie im Falle des Holocaust sogar Millionen von Menschen das Leben kostete, welcher die Menschen über viele Jahre hinweg in grossem Leid leben liess und der ganze Völker ins Unglück stürzte, so hat dieses Unglück nicht nur eine prägende Wirkung auf die einzelnen Individuen, sondern auch auf die ganzen Völker. Die von dem Unrecht betroffenen Menschen fühlen sich durch ihr Schicksal verbunden, die Völker fühlen sich durch dasselbe geprägt.

Nach der Herrschaft eines Unrechtsregimes geht es darum, einen adäquaten Umgang mit historischem Unrecht zu finden. Es geht darum, sich als neue Regierung zu positionieren und zu signalisieren, dass man sich von dem Unrecht des Vorgängerregimes distanziert. Es geht weiter darum, das Unrecht, das geschehen ist, zu verarbeiten und ihm mit den nötigen Massnahmen entgegen zu treten.

Sowohl für die Opfer wie für die Nachfahren der Opfer historischen Unrechts ist dieses Unrecht auch nach Beendigung der Unrechtshandlungen noch präsent. Die Erinnerung an dieses Unrecht ist etwas, das sie umtreibt. Nun gibt es verschiedene Reaktionen auf historisches Unrecht bei den Überlebenden, die einen schweigen, weil sie die Emotionen, die mit dem Unrecht verbunden sind, nicht mehr weiter ertragen, sie haben innerlich abgeschaltet, um sich nicht ständig neu überwältigen zu lassen. Andere jedoch sehen es als ihre Pflicht an, an das Unrecht zu erinnern, da nur die Überlebenden noch Zeugnis ablegen können von dem Schrecklichen, was passiert ist. Sie sehen es als ihre Pflicht gegenüber ihren Mitopfern an, welche nicht mehr sprechen können, weil diese das Unrecht nicht überlebt haben. Und diese Pflicht zur Erinnerung, die trägt auch die Gesellschaft nach einem historischen Unrecht wie Völkermord. In dem man die Erinnerung an das Unrecht aufrechterhält, zeigt man den Opfern des Völkermords, dass man ihren Opferstatus anerkennt und sie in ihrem Unrecht, das ihnen widerfahren ist, annimmt. Die Erinnerung und die Stellungnahme, dass das, was passiert war, Unrecht war, ist ein Dienst an den Opfern, eine Pflicht an den Opfern, welcher von den Überlebenden und der Gesellschaft als Ganzes gefordert ist.

Eine Leugnung dieser schrecklichen Vergangenheit kommt dabei einem erneuten Unrecht gleich. Wurden während des Völkermords Menschen und ganze Volkstämme umgebracht (in der Absicht, diese schlussendlich sogar vollständig auszulöschen), so versucht Völkermordleugnung nun auch noch den letzten Rest zu eliminieren, nämlich die Erinnerung an das Unrecht und damit auch die Erinnerung an die diesem zum Opfer gefallenen Menschen. Die Leugnung vernichtet dabei quasi in letzter Konsequenz und stellt so eine eigentliche Fortsetzung des Völkermordes dar.
Unter diesen Gesichtspunkten ist es moralisch gefordert, historische Wahrheit über historisches Unrecht zu erinnern, anzuerkennen und Leugnung desselben nicht zu tolerieren. Es darf nicht angehen, dass Menschen, die ein solches historisches Unrecht erlitten haben, ein zweites Mal zum Opfer gemacht werden und dass das historische Unrecht seine Fäden in die Gegenwart spannt.

Scheint die moralische Position klar, so steht die rechtliche Handhabe des Problems unter grösseren Fragezeichen. Die Frage, die sich hier hauptsächlich stellt ist, ob in einer liberalen Gesellschaft das Grundrecht der freien Meinungsäusserung eingeschränkt werden darf und jemand dafür bestraft werden darf, dass er behauptet, ein historisches Unrecht wie Völkermord hätte nie statt gefunden oder dieses wird nur schon verharmlost und unter andere Vorzeichen gesetzt. Ist es zulässig, eine Meinung unter Sanktion zu stellen? Und wenn ja, wo zieht man die Grenzen? Stellt der Holocaust eine Sonderform von Völkermord dar, da die Zeit des Nationalsozialismus und die darin verübten Verbrechen zu einer ganzen Reihe Folgen führten, welche die heutige Zeit prägen.

Grundsätzlich kann man sicher argumentieren, dass Völkermordleugnung über den Paragraphen der Beleidigung und unter Umständen auch über Rassismusgesetze und gar als Verstoss gegen Grundrechte wie die Verletzung der Menschenwürde rechtlich verfolgt werden könnte, und man könnte sagen, ein eigener Völkermordparagraph wäre insofern hinfällig. Allerdings erscheint das erstens im Hinblick auf die Schwere des historischen Verbrechens unangemessen, dass etwas, das als eigentliche Fortführung desselben qualifizieren kann, nur über Umwege rechtlich belangt wird, und andererseits wäre es auch im Hinblick auf die Positionierung eines Staates und seiner Regierung angemessen, hier direkt und ohne Umwege zu reagieren. Völkermordleugnung stellt ein Unrecht dar, indem es die menschliche Würde antastet und Menschen erneut viktimisiert, welche schon einmal Opfer wurden. Sie stellt zudem eine Infragestellung einer heute eingenommenen gesellschaftlichen und politischen Haltung ein, dass solches Unrecht wie Völkermord nicht toleriert wird, dass es nie mehr passieren darf und man sich heute dagegen stellt. Würde man Völkermordleugnung akzeptieren und ihr nicht begegnen, setzte man so ein Signal in die entgegengesetzte Richtung und das wäre nicht gewünscht und kann im Interesse der gegenwärtig wie auch der zukünftig Lebenden nicht gewünscht sein.

Zu argumentieren, dass Völkermordleugnung der freien Meinungsäusserung unterstellt sein müsse und somit von einem Grundrecht gedeckt sei, welches man nicht rechtlich antasten dürfe, wäre dabei eine Affront, da die freie Meinungsäusserung vor allem deswegen zum Grundrecht wurde, um genau solche Zustände, wie sie zu den Zeiten herrschten, die man nun durch die Leugnung verherrlichen oder verharmlosen will, in Zukunft nicht mehr möglich machen zu können.

(Der Grossteils dieses Blogbeitrags ist das ursprüngliche Fazit meines oben genannten Buches, welches ich wegen gewisser Umstände zu ändern gezwungen war. )

Art meets Ad

Ich schreibe. Ich schreibe gut. Und gerne. Ich schreibe so, dass Menschen es gerne lesen. Darauf bin ich stolz, das liegt mir. Was für einen Sinn hätte Schreiben, wenn es nicht darum ginge, zu kommunizieren? Von Mensch zu Mensch? Wie oft hörte ich, meine Texte seien wunderbar, seien schön zu lesen, wie aus einem Fluss. Und so entstehen sie auch. Ich schreibe und gerate in einen Fluss und die Buchstaben quellen aus mir. Ich habe etwas zu sagen und packe es in Sprache. Sprache ist wundervoll und sie soll auch schön zu Papier (oder auf den Bildschirm) kommen. Ich überlege kaum je während des Schreibens. Es fliesst. Und das Ergebnis ist in meinen Augen so, wie es eben sein soll: Sprache, die Inhalt zu Menschen bringt. Gedanken in einer Form.

Ich bin in die Werbebranche gegangen, eine Branche, mit der ich immer liebäugelte. Cool, innovativ, kreativ sei sie. Hiess es. Dachte ich. Bildete ich mir nur ein? Nein, sie ist es. Ohne Frage. Aber: Es geht nicht mehr um Menschen, die lesen, es geht um Google, das durch Seiten pflügt und Stichworte sammelt. Texte müssen nicht schön sein, sie müssen nicht Freude bereiten beim Lesen und Inhalte portieren, sie müssen googleoptimiert sein. Dazu muss man Keywords einpflegen und Long Tails berücksichtigen. Schöne Texte, die dem Leser zeigen, was Sache ist, indem sie alle Informationen auf eine gute Weise überbringen, sind da nichts, dafür kriegt man einen Rüffel – klar mit dem Nebensatz, dass es wirklich schön zu lesen wäre, aber eben nicht gut genug für die Werbung, für die Kommunikation. Das relativiert die Floskel „Content is king“, die man gerne in Marketingkreisen hört, neu heisst es: „Google is dictator“ und alle unterwerfen sich.

Kunst ist das nicht. Mein Schreiben darf es auch nicht mehr sein. Der Frust ist gross. Ich schreibe gerne. Ich schreibe gut. Ich bin nicht eingebildet, aber das bilde ich mir ein. Trotzdem ist die Werbebranche toll. Die Stimmung in Agenturen ebenso. Aber schön schreiben muss man nicht mehr können. Man muss wissen, was Google mag. Für mich als Künstlerin, die ich bin, immer wieder eine Herausforderung. Aber ich nehme sie an.

Rezension zur Serie: Alles was zählt

Ich liebe meine Tochter über alles. Und wenn Sie ihr das Herz brechen, dann breche ich Ihnen das Genick. Ich schwöre es.

Der Satz ist typisch für die Serie und ich liebe diese Haltung. Sie drückt Kraft, Spannung, Energie und völlig verschwurbelte Verhältnisse aus. Worum es geht? Um einen Familienbetrieb, der mal auf Eislauf setzt, dann auf Sport, dann auf Wellness, schliesslich auf Tanzen – bis alle Tänzer bei einem Busunglück ums Leben kommen und die Firma vor dem Ruin steht und sich neu erfindet. Schliesslich und endlich aber geht es um die Irrungen und Wirrungen einer Familie: den Steinkamps.

An vorderster Front Richard und Simone, die schon mehrfach verheiratet und wieder geschieden waren (aktuell geschieden zusammen). Gemeinsam haben sie ein paar Kinder (ich weiss gar nicht wie viele, zwei sind grad präsent) – er hat ein paar mehr als sie, wobei sie vor kurzem nachzog mit dem Geliebten ihrer Tochter. Noch alles klar soweit? Auf alle Fälle zeigt das so ziemlich den Charakter der Serie, der in etwa als Dallas und Denver für überm Teich zu umschreiben wäre.

AWZHochstehend ist das nicht, aber die Serie wartet immer gerade mit soviel Liebe und Spannung auf, dass ich unbedingt die nächste Folge sehen möchte. Aktuell zapple ich, weil ich wissen will, was mit Vanessa (eine Tochter von Richard und Simone) und „Big Daddy“ (viel älter, verheiratet, aber es ist kompliziert und er kein Schwein) wird.

Alles was zählt schafft es, immer so viel Neugier zu wecken, dass man dranbleiben will. Glaubwürdigkeit fällt als Entscheidungskriterium unter den Tisch, einmal gefangen, bleibt man haften. Da es nur eine halbe Stunde täglich ist und man die im Replay gestaffelt und zu Zeiten, die passen, schauen kann, bin ich seit einer ganzen Weile dabei… und bleibe noch, bis die Sache mit Vanessa geklärt ist. Dann hör ich auf (wobei ich sicher bin, dass bis dahin sicher eine andere tolle Liebesgeschichte so spannend ist, dass ich unbedingt deren Ende abwarten muss….).

Für die, welche nicht so auf Liebeschnulzen stehen, gibt es auch das Krimielement. Für diese Fälle hat Simone einen verkommenen Sohn, der immer und überall für kriminelle und mörderische Intermezzi sorgt. Auch Richard nimmt es nicht immer so genau mit dem Gesetz und wenn es um die Familie geht, drückt sogar Simone alle Augen zu – man sieht es beim Zitat am Anfang – und sie meint das so. Was nämlich ganz zentral ist bei dieser Serie: Wenn es hart auf hart kommt, gelten Liebe, Familie, Freundschaft – und alle stehen füreinander ein.

Fazit:
Nicht hochstehend oder hochtrabend, aber wunderbare Unterhaltung mit der nötigen Spannung, verworrenen Verbandelungen und menschlichen Werte, die man sich im Alltag wünscht. Das perfekte Programm zum Abschalten.

Rezension zur Serie: True Detective

Matthew-McConaughey-and-Woody-Harrelson-in-True-Detective-Season-1-Episode-3Lousianna 1995. Eine ehemalige Prostituierte wird ermordet, das Ganze erinnert an ein Ritual. Die beiden Kriminalpolizisten Martin Hart und Rustin Cohle, sie könnten unterschiedlicher nicht sein, untersuchen den Fall. Der Verdacht erhärtet sich, dass dies nicht der erste Mord des Täters war, sie finden weitere Mordfälle mit ähnlich ritualhaftem Vorgehen. Trotz aller Anstrengungen gelingt die Aufklärung nicht. Die beiden Detectives zerstreiten sich, beide steigen 2002 aus dem Polizeidienst aus, gehen getrennte Wege. Während sich Martin Hart mit einer Sicherheitsfirma selbständig machte, fristet Cohle sein Leben als Aussteiger und Pegeltrinker. Nach 10 Jahren Sendepause werden beide getrennt voneinander zu dem Fall befragt. Anlass dafür ist ein neuer Mord, der an die alten erinnert. Matthew-McConaughey-and-Woody-Harrelson-in-True-Detective-Season-1-Episode-1True Detective ist ein brilliant aufgegleister Krimi. Aus den Erzählungen der beiden ehemaligen Detectives erfährt der Zuschauer nach und nach, was vor 17 Jahren vor sich ging, wie die Ermittlungen liefen. Spannung pur wird vermischt mit philosophischen Betrachtungen über das Leben und generell von Cohle, markigen Sprüchen von Hart und epischen Autofahrten durch endlose Weiten.Und immer schweben über allem viele Fragezeichen darüber, was wirklich vorgefallen ist, wem man trauen kann, wo die Lösung des Geheimnisses liegt. Man wähnt sich immer knapp vor der Erkenntnis, wird aber immer wieder in neue Zweifel geworfen. Diese erste Staffel umfasst insgesamt 8 Folgen an je einer Stunde, wobei das Ende einer jeden so spannungsgeladen ist, dass man gleich weiter schaut. Ich als Serienjunkie habe es geschafft, acht Stunden am Stück auf dem Sofa angewachsen zu sitzen und wie gebannt in den Fernseher zu starren. Darum meine Warnung: Absolute Suchtgefahr, nur schauen, wenn genügend Zeit ist. Fazit Brillante Schauspieler, tolles Drehbuch, gut umgesetzt – Spannung pur mit Suchtfaktor 10. Unbedingt schauen! Informationen:

Deutscher Titel True Detective
Originaltitel True Detective
Prouktionsjahr 2014
Besetzung:
Rustin „Rust“ Cohle Matthew McConaughey
Martin Hart Woody Harrelson
Maggie Hart Michelle Monaghan

Trailer

Ich bin kein Schatz

Spätestens als ich diese Frau mit schriller Stimme quer über den grossen Anlegeplatz des Schiffes laut „Liebling! rufen hörte, wusste ich: Ich hasse Kosenamen. Für einen erwachsenen Menschen? Das ist lächerlich. Wozu soll das gut sein? Wieso ist ein Mann ein Bärchen, Stier, Tiger, Mäuschen, Schätziputz oder sonstiges und nicht einfach Klaus, Karl, Heinz, Thomas oder Gianluca? Was will man ihm damit sagen?

Und: Fühlt man sich besser, wenn man Schatz, Spatz, Herz oder Liebling ist statt einfach nur Susi, Claudia, Sabine oder Hildegard? Ein Kosename ist persönlicher? Ich finde, eher das Gegenteil ist der Fall. Jeder kann Schatz heissen, Ilse heisse ich (wenn dem denn so wäre) – vielleicht ein paar mit mir, aber so kann nicht jede heissen, denn die heissen Berta, Heidi oder Erika.

Und drum: Wer mich liebt, soll mich nennen, wie ich heisse. Ich brauche keine Kosenamen, keine Verkleinerungen, Verniedlichungen oder sonstigen Veränderungen. Wer mich liebt, soll das beweisen und sich nicht mit abgestumpften Übernamen behelfen. Ich meine ja nur.

Hätte ich doch nie Kinder gekriegt

Ich habe mal wieder gelesen. Dieses Mal einen Artikel über unglückliche Mütter. Das Glücksgefühl werde nicht automatisch mit dem Kind mitgeliefert, heisst es. Einige Mütter bereuen den Schritt schon nach der Geburt, spätestens nach vier Jahren seien Frauen mit Kindern nicht mehr glücklicher als solche ohne. Von einem Alptraum ist gar die Rede. Und davon, dass es ein Tabuthema sei, als Mutter nicht glücklich zu sein, nicht in überbordenden Muttergefühlen zu baden.

In meinen Augen mischt der Artikel ziemlich viel. Dass es ein Tabuthema ist, mag hinkommen. Von Müttern wird landläufig erwartet, dass sie in ihrer Rolle aufgehen, viele haben auch kaum mehr andere Themen als Windeln, die Farbe deren Inhalts und die ersten Zähne, Schritte, Worte. Ich denke, dieser Druck, glücklich sein zu müssen, kann überfordern. Zusätzlich zum Kind, das sicher auch nicht immer nur pure Freude ist – spätestens nach der 5. schlaflosen Nacht in Folge, der dritten Grippe im Winter und wiederholten Trotzanfällen im Supermarkt kann sich das eine oder andere Gefühl von Müdigkeit einstellen. Wenn man sich dann nicht einfach mal Luft verschaffen kann, jammern, heulen, klagen, nagt das doppelt am Seelenkostüm. Es hilft dann auch nichts, zu hören, dass das nur eine Phase ist, denn erstens kommt die nächste bestimmt, wenn diese fertig ist, und zweitens nervt die – und zwar jetzt und in dem Moment.

Nun aber dahin zu gehen und zu finden, ein Leben ohne Kinder wäre die bessere Wahl gewesen, zeugt von wenig erwachsener Einstellung. Keiner wurde gezwungen, Kinder in die Welt zu setzen. Und klar kann man nicht alle Veränderungen und Konsequenzen vorhersehen, wirklich spürbar werden sie, wenn das Kind da ist. Und doch: Dass es anders wird, weiss man hinlänglich, dass Kinder zahnen, nicht durchschlafen, toben, trotzen und vieles mehr, ist auch nicht die neuste Erkenntnis, sondern ziemlich bekannt.

Ja, Kinder zu haben, ist nicht nur eitel Sonnenschein, sondern Arbeit, Aufgabe, Verantwortung. Es ist Einschränkung in vielem, oft Geld, immer Zeit, sehr viel Freiheit. Da nun zu kommen, sie gäben einem auch viel, stimmt zwar, ist aber nicht immer spürbar, da sie hauptsächlich viel nehmen – was in der Natur der Sache liegt. Sie brauchen ihre Eltern in ganz vielen Lebenslagen und bei Lebensnotwendigkeiten, wären aufgeschmissen ohne diese. Also alles nur Plage und Last? Sicher nicht.

Ich denke, es ist beim Kinderkriegen wie bei allem anderen im Leben: Man kann nie alles haben. Alles im Leben hat seinen Preis und den muss man zahlen. Im Nachhinein zu jammern und zu finden, dass man sich das anders vorgestellt hätte und so lieber die Uhr zurückdrehte, ist etwas kurzsichtig. Und vor allem auch den Kindern gegenüber unfair, da diese Einstellung sicher dann und wann durchdrückt – im Stile von: Wenn du nicht wärst/gewesen wärst… Ich bin überzeugt, hätte man damals anders gewählt, würde man heute jammern, dass eben das Kind fehlt. Man keinen hätte, der einen besucht im Alter, man nie mit liebendem Blick angehimmelt wird und keine kleinen Ärmchen um den Hals spürt.

Es liegt wohl eher in der Natur der (zumindest gewisser) Menschen, immer dem nachzutrauern, das sie nicht haben. Kinder zu haben, ist sicher nicht die einzig glückselig machende Form des Lebens. Ich könnte mir ein Leben ohne Kind gut vorstellen, stünde ich heute erneut vor dieser Frage. Allerdings stehe ich nicht da, mein Kind ist 12 Jahre alt. Und es waren, logischerweise, wunderbare, anstrengende, glückliche, müde, fröhliche, sorgenvolle, unbeschwerte Jahre – das ganz normale, bunte Leben halt. Ein Leben ohne dieses Kind wäre für mich das Schlimmste überhaupt, heute betrachtet, da ich genau dieses Kind habe. Ein anderes würde ich nicht wollen, aber dieses unbedingt!

Beziehungen – Gedanken im Kreis

Heute las ich einen Artikel über den perfekten Mann. Die Frage lautete, ob ein guter Mann entweder vergeben oder schwul sei. Mal abgesehen davon, was das denn für Frauen bedeuten würde, ob alle guten frei rumlaufen und wie die Hühner nach dem leckersten Korn suchen oder aber auch vergeben respektive nicht an der Männerwelt interessiert wären, fand ich den Ansatz etwas gar plakativ und wenig durchdacht.

Perfekte Männer gibt es nicht. Sorry, ist so. Es gibt auch keine perfekten Frauen, darum eh keinen, der ein Anrecht auf einen perfekten Mann hätte. Insofern hat die Natur das prima gerichtet, passt alles. Frau habe es so an sich, Männer zu erziehen und zu reparieren, lese ich. Dem würde ich gerne widersprechen, habe mich aber selber kürzlich ertappt. Ich schaute eine Doku über einen eigenwilligen, rebellischen, spannenden Schriftsteller, hübsch, anziehend, aber: Chaotisch, ungekämmt, nachlässig. Ich dachte so bei mir, wie ich ihn kämmen, anders anziehen, die Wohnung aufräumen lassen und angepasster werden liesse. Und merkte schon beim Denken, dass dann die ganze Spannung weg wäre.

Ich vermute, genau das passiert auch oft in Beziehungen. Man lernt ein stimmiges Gesamtpaket kennen und fängt dann an, Details zu verändern. Lassen sie sich ändern, stimmt nachher das Paket nicht mehr, ist nichts mehr davon da, was einen mal anzog. Lassen sie sich nicht ändern, stören wir uns an der Sturheit. Ich möchte fast selbstkritisch behaupten, dass Frauen noch ein wenig mehr dazu neigen. Dies nur unter uns, soll keiner erfahren und ich habe das nie gesagt.

In eine Beziehung zu gehen und zu denken, dass dieser eine Mensch dann all das abdeckt, was ich mir vom Leben wünsche und vorstelle, ist gar illusionär bei Lichte betrachtet, in Tat und Wahrheit aber wohl genau das, was wir machen. Und fehlt etwas, hacken wir drauf rum, blasen es auf und lassen die ganze Beziehung damit davonfliegen. Weil sie nichts taugt. Weil er nichts taugt, zumindest genau in dem Bereich, an dem wir uns gerade festbeissen, nicht. Wir können Stunden damit verbringen, zu jammern, weil unser Bauch wabbelt, die Brüste asymmetrisch sind und der Po aus der Form geraten ist. Wir hadern mit Macken von uns und wollen doch geliebt werden. Seine Macke ist aber das Killerkriterium. Die geht gar nicht. Fair? Niemand sagte, das Leben sei fair.

Nur: Ob wir so glücklich werden? Ich wage es zu bezweifeln. Ein kluger Mann sagte mir mal, dass man von einem Partner drei Dinge wünschen kann, die er abdeckt. Mehr ist nicht drin. Man muss sich also gut überlegen, wo die eigenen Prioritäten liegen. Dabei auf Gegensätze zu setzen, könnte die Sache schwierig machen. Sicherheit und Risikofreude schliessen sich irgendwie aus. Problematisch wird es wohl, wenn über die Jahre die Prioritäten ändern. Das ist oft die Klippe, über die Beziehungen stürzen. Sätze wie „Wir haben uns auseinandergelebt.“ stehen dann im Raum.

Was oft folgt? Das Leben als Single. Und die Klage: Alle guten Männer sind vergeben oder schwul. Und damit fangen wir wieder vorne an. (Einfach wieder oben anfangen zu lesen). Bei Beziehungsfragen: Einfach fragen. Irgendwas fällt mir immer ein. Wie man sieht.

Rezension: Carola Saavedra – Blaue Blumen

Was von der Liebe bleibt

Inhalt

Liebster,
Eine Trennung, sagte man, ist nie abgeschlossen, kommt nie plötzlich. Man sagt, eine Trennung beginnt mit ihrem Gegenteil. Sie beginnt genau im sanftesten Moment, bei der ersten Begegnung, beim ersten Blick. Ich möchte glauben, eine Trennung kennt kein Ende, und der letzte Tag, die letzte Nacht wiederholen sich unaufhörlich, mit jedem Warten, jeder Wiederkehr, immer dann, wenn du mir fehlst, immer dann, wenn ich deinen Namen sage.

Eine Frau schreibt dem Mann Briefe, der sie eines Morgens einfach verlassen hat. Für sie unverständlich, wie er einfach gehen konnte, schreibt sie ihm jeden Tag, ruft ihm die Beziehung zurück in die Erinnerung, erzählt, wie es ihr geht, was in ihr vorgeht. Sie steckt die Briefe in den Briefkasten seiner Wohnung und hofft, so das Band der Liebe aufrecht zu halten oder sogar weiterzuknüpfen. Leider wohnt heute jemand anders in der Wohnung, leert ein anderer Mann diesen Briefkasten. Marcos ist selber getrennt lebend. Seine Beziehung zerbrach, zurück blieb eine kleine Tochter, die ihm fremd ist, mit der er wenig anfangen kann, vor der er sogar Angst hat. Und irgendwie scheint ihm das ganze Leben mit allen Entscheidungen fremd.

Die Dinge geschahen, ohne dass er auch nur die geringste Kontrolle gehabt hätte, dachte er. Immer gab es jemanden, der die Entscheidungen für ihn traf. Die Hochzeit, die Idee seiner Frau, sie hatte ihn so sehr bedrängt, dass er irgendwann zugestimmt hatte; dann die Tochter, keine einzige Frage oder Ankündigung, ob er das denn auch wolle, ob er einverstanden war […] eine Aneinanderreihung von Beschlüssen in seiner Abwesenheit.

Marcos liest die Briefe, die nicht für ihn bestimmt sind. Er fühlt sich mehr und mehr in die Geschichte hineingezogen, wartet täglich auf den nächsten Brief, lässt seine Gedanken um die Frau drehen, die sie geschrieben hat. Zum ersten Mal fühlt er sich involviert. In eine Geschichte, die nicht seine ist und ihm doch nahe geht. Kann man sich in Briefe verlieben?

Carola Saavedra ist auch mit diesem Roman ein tiefgründiger und feinfühliger Roman gelungen. Es ist ein Roman, der die ganze Klaviatur des Lebens spielt, von der Liebe über Beziehungen, Trennungen hin zum Neuanfang. Blaue Blumen handelt vom Miteinander der Geschlechter. Es handelt von einem Mann, der immer wieder denselben Typ Frau in sein Leben lässt und sich dann nicht einlassen kann, weil er sich daneben klein fühlt,

Obwohl wir Erfahrungen sammeln, machen wir immer wieder dieselben Fehler

und von einer einer Frau, die liebt, obwohl sie hassen wollte, die darüber nachdenkt, wie kommen konnte, was kam. Sie setzt sich auseinander, durch die Briefe sieht man ihr Inneres.

Marcos Geschichte wird in der dritten Person aus Marcos Sicht erzählt. Der Leser verfolgt das Geschehen durch seinen Blick, sitzt in seinem Kopf und erfährt seine Gedanken. Es entsteht das Bild eines Mannes, der sich aus dem eigenen Leben ausgeschlossen fühlt, der keine Verantwortung für dieses übernimmt, weil er findet, er sei in allen Entscheidungen übergangen worden. Er baut keine Beziehung zu seinem Kind auf, ist eher gestört, wenn dieses bei ihm ist, da er es ja eigentlich auch nie gewollt hatte.

Statt sich in sein eigenes Leben zu stürzen, sich mit diesem auseinanderzusetzen, lässt er sich nun auf das Leben der unbekannten Briefschreiberin ein, lebt und fühlt mit ihr, ist mehr und mehr angezogen von ihr – was Frauen in seinem Umfeld nicht vermögen, weswegen auch seine jüngste Beziehung zerbricht.

Zurück bleiben Fragen – Fragen danach, was Liebe sei und wann sie ende. Fragen, ob in Beziehungen immer einer Täter, einer Opfer ist, einer, der bestimmt, einer, der mitläuft. Es steht die Frage im Raum, wann Beziehungen enden und wieso. Wer das bestimmt und was danach kommt – überhaupt kommen kann. Und die Frage, wo die Liebe hingeht, wenn sie geht, und wo der Hass anfängt. Am Schluss des Buches bleiben ganz viele Fragen offen und man hat das Gefühl, dass dies eigentlich erst der Anfang war – irgendwie.

Fazit:
Ein Buch mit vielen Fragen zum Leben, zur Liebe, zu Beziehungen. Tiefgründig und klug hinterlässt es am Schluss viele Fragen. Empfehlenswert.

Zum Autor
Carola Saavedra
Carola Saavedra, geboren 1973, lebt als Schriftstellerin und Übersetzerin in Rio de Janeiro. Sie hat in Deutschland Kommunikationswissenschaft studiert. 2013 erschien bei C.H.Beck ihr Roman Landschaft mit Dromedar. Für diesen erhielt sie den Rachel de Queiroz-Preis und war unter den Finalisten für die renommierten Literaturpreise Jabuti und São Paulo de Literatura. Die Zeitschrift „Granta“ zählt sie zu den zwanzig besten jungen Autoren und Autorinnen Brasiliens.

Ein Interview mit der Autorin findet sich hier: Carola Saavedra – Nachgefragt

Angaben zum Buch:
SaavedraBlumenGebundene Ausgabe: 223 Seiten
Verlag: C.H.Beck Verlag (12. März 2015)
Übersetzung: Maria Hummitzsch
ISBN: 978-3406675676
Preis: EUR  18.95/ CHF 26.90

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Tramgeschichten

Eine junge Mutter mit zwei kleinen Mädchen war heute in meinem Bus. Alle drei schwer bepackt (dem Alter angemessen) vom Einkaufen, sassen sie auf drei Sitzen. Der Bus war gut gefüllt, aber es hatte doch noch Lücken da und dort. Mit mir stieg eine ältere Dame ein, wollte sich just auf den Sitz setzen, auf dem eines der zwei Töchterlein der jungen Mama sass. Statt nett zu fragen, ob sie da wohl hinsitzen dürfte (obwohl es noch andere frei Plätze gleich nebenan gehabt hätte), zerrt die resolute Dame das Kind am Arm vom Sitz und setzt sich laut schimpfend hin.

Eine andere – ebenfalls ältere Dame – stimmt in die Schimpftirade ein: Wie rücksichtslos die heutige Welt doch sei, Kindern werde kein Anstand mehr beigebracht, das hätte man davon – nur noch fremde Sitten. Ich vergass wohl, zu erwähnen, dass die junge Mutter einen südländischen Einschlag hatte.

Bald fanden sich weitere Stimmen im Bund gegen die neu erklärte Feindin von Sitte und Anstand – und Nation. Einige ereiferten sich noch dazu, dass die gute Frau aus einer Mücke einen Elefanten mache, nur weil sie sich erlaubte, ab und an zu sagen, man hätte doch nur zu fragen brauchen. Meine Widerworte gegen die alten Damen kamen nicht gut an. Ich wurde gleich ins selbe unverständige Boot geschoben verbal. Damit konnte ich gut leben. Was mir mehr ans Herz ging, war zu sehen, wie die junge Mutter mit den Tränen kämpfte, wie die zwei kleinen Töchter ängstlich zu ihr schauten und nicht wussten, was mit ihnen geschieht.

Als bei einem Ruck des Busses auch noch die Tasche der hilflosen Frau umkippte und die Einkäufe rausfielen, war ihr Tag wohl gelaufen. Ich sammelte alles ein, übergab ihr die Tasche und war unendlich traurig. Auf dem Heimweg sagte mein Sohn, der neben mir im Bus stand, zu mir: „Weißt du Mama, das mag ich nicht in der Schweiz: Alle sind so egoistisch, alle sehen nur sich. Und Ausländer gelten hier gar nichts.“

Schweigen ist Silber – Gold ist überbewertet

Ich habe etwas gelesen. Das kommt ja nicht so selten vor bei mir, dieses Mal war das Lesen schwierig (ok, auch das ist nicht so selten, ich bin wohl etwas heikel). Das Schwierige lag dieses Mal daran, dass ich immer Paroli bieten wollte (das ist übrigens auch das Hauptübel, wenn ich an Lesungen, Diskussionen, ähnlich Dozierendem bin). Zu jedem Satz hatte ich was zu sagen, zu allem ein Gegenwort. Lesen mit Gegenworten im Kopf ist schwierig, da die eigenen Worte ziemlich laut im Kopf rumoren, während die Augen über die Buchstaben fliegen.

Worum es ging? Was ein Mann denkt, wenn er schweigt. Die Welt hat es schwarz auf weiss publiziert.

Schon nach kurzem rief alles in mir: NEIN. Ich wäre froh um einen Mann, der nicht fragt, wie meine Arbeit war. Arbeit irgendwo da draussen in der Welt ist schon anstrengend genug: All die Menschen, all der Lärm. Der Weg dahin unter Menschen, all die Gedanken zu den Menschen, die durch meinen Kopf schwirren. Wenn ich dann – wieder mit Bus und mit vielen Menschen und vielen Gedanken – heim komme, will ich nur eines: RUHE. Ich mag nicht erzählen, mag keine Inquisition über alltägliche Arbeit – die mir notabene Spass macht, die beste aller Arbeiten überhaupt ist, keine Frage – und doch kein Paradies, da ja all das oben Beschriebene mit hineinspielt – und nun habe ich den Überblick über Bindestriche und Klammern und Einschübe verloren und wenn ich ihn nicht verloren hätte, würde ich es nicht zugeben, da ich mich dann als Thomas-Mann-Leser und Sprach-Enthusiasten outen würde, weshalb ich einfach mal – ))-,,, anfüge und weiter gehe…

Tage sind ja meist eher alltäglich. Zumindest meine. Und ich muss gestehen, dass ich froh drum bin, da das Leben – zumindest meines – genug Neues bereit hält, und ich das restliche Neue gerne selber bestimme. Und: Ich erzähle davon, wenn es erzählenswert ist, ich muss nicht ausgefragt werden.

Aber ich las weiter. Nicht lange, schon stiess ich auf das nächste Widerworte Provozierende: „Ganz der Vater“ war es überschrieben. Mein Papa erzählt immer, dass er ungern spricht, darum im Militär immer der Erste war, der telefonieren durfte, weil alle wussten: Er hält sich kurz. Nur: Immer, wenn ich zu Besuch bin, denke ich so innerlich, wie schön ruhig es zu Hause ist, da Papa erzählt und erzählt und erzählt – unter anderem jedes Mal die Geschichte vom Militär.

Ich lese nun nicht mehr weiter, da ich weiss, ich käme nicht weit, schon würde sich wieder ein „Aber“ regen. Und ich möchte heute keinen Roman mehr schreiben, denn eigentlich hatte ich ja beschlossen, überhaupt keinen mehr schreiben zu wollen, da ich schlicht nicht zum Romanschreiben geschaffen bin, sondern lieber mal kurz in die Welt rufe, was mir so durch den Kopf geht. Und das habe ich hiermit getan.

Nur: Durch den Kopf geht mir nun die Frage, ob ich nicht im Innersten eigentlich ein schweigsamer Mann sei… irgendwie finde ich mich darin wieder…