Frau sein

Ich bin eine Frau. Als Kind wäre ich lieber ein Junge gewesen. Das hätte irgendwie mehr Spass gemacht. Ich mochte Autos, mochte es, auf Bäume zu klettern, spielte Fussball. Beim Friseur liess ich mir immer Jungenfrisuren schneiden, mein grösstes Kompliment war, als ein Vater seinem kleinen Kind auf der Schaukel sagte, der Junge auf der Schaukel nebenan (er meinte mich) stosse es sicher mal an.

Das hat sich irgendwann ausgewachsen. Ich bin Frau und ich bin es gerne.Vor allem aber bin ich Mensch. Ich kann und mag Dinge, weil ich Mensch bin, nicht weil ich Frau bin. Ich habe mich bislang gegen Feminismus gesträubt, weil ich vieles davon zu plakativ finde, es für mich zu sehr nach Geschlechterkampf aussieht und ich finde, es wäre langsam an der Zeit, ein Miteinander anzustreben. Ich will keine Männer bekämpfen, ich will auch nicht überall ein „-in“ anhängen, denn ich sehe darin keinen positiven Effekt auf das tatsächliche Leben. Den kann nur ein Umdenken in den Köpfen haben. Bin ich naiv?

Als ich mein Studium mit Prädikat abschloss, kriegte ich zu hören, dass ich wohl bei der Prüfung einen kurzen Rock getragen hätte, um es zu erreichen. Als ich mein Stipendium für die Dissertation erhielt, gingen gewisse Statements in dieselbe Richtung. Dass beim Abschluss der Dissertation nur noch Witze wie „Wo hast du den Titel gekauft?“ kamen, war wohl eher der Zeit um Gutenberg denn eines Umdenkens in Sachen Geschlechterpolitik zu verdanken (?).

Manchmal kommt es mir so vor, als ob die Bewegung des Feminismus mehr den Männern als den Frauen nützt. Während die Frauen sich abstrampeln, ihre Werte und Ansprüche in den schillerndsten Farben und bei Lichte betrachtet den unmöglichsten Auswüchsen zu zementieren, klagen die Männer an allen Fronten über nicht mehr klare Rollenmodelle, Verhaltensmaximen und sonstige Zipperlein. Nachdem sie sich so zum Opfer der Zeit erklärt haben – viele Psychologen springen auf den Zug auf und begründen fleissig, wie arm der arme Mann doch sei -, gehen sie dazu über, noch kantiger und markiger zu pointieren. Sie dürfen ja nun, sie sind ja so arm. Und wenn sie nicht arm sind, dann sind sie Mann und holen sich doch das Weibchen, wie eines Tages ein Chefredakteur, der ein Treffen vereinbarte, was von Frau und offener Beziehung faselte und Annäherungsversuche startete. Auf mein Intervenieren, dass ich durch Leistung, nicht durch anderes ankommen möchte, meinte er: „Es ist das Gesamtpaket…“

Ich mag Männer. Sehr. Schliesslich bin ich mit einem verheiratet und bin zudem Mutter eines absolut gewünschten Sohnes. Ich bin nach wie vor keine Befürworterin des Feminismus, allerdings verstehe ich die Beweggründe dafür. Nur: Es wird nie besser werden, wenn einer immer gegen den andern kämpft. Dadurch entsteht immer nur Druck und dieser provoziert Gegendruck. Was wirklich nötig ist? Ein Miteinander. Vor allem anderen sind wir Menschen. Erst danach teilen wir uns auf in Frauen und Männer. Und nein, Frauen und Männer sind nicht gleich, sie sollen es auch nicht sein. Aber: Sie haben denselben Wert und sollen mit denselben Massstäben gemessen werden.

7 Gedanken zu “Frau sein

  1. ich find’s großartig. als kind wollte ich bauarbeiter werden (nicht bauarbeiterin) und hab mir gleichzeitig die nägel lackiert und heute will ich auch einfach nur das tun, was mir spaß macht. ohne mikrofoninnen oder sonstige scherze, die erst betonen müssen, dass ich das als frau mache. pah. wir sind nicht gleich (gottseidank), aber alle menschen und deswegen gleich-berechtigt.
    großartiger text!! aus dem herzen, und ich rede sonst nie über gender.

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  2. Ich wäre als Kind lieber Mädchen gewesen – meine Mutter litt darunter, nur Jungen bekommen zu haben. Erst der 11. oder 12. Enkel meiner Großmutter wurde ein Mädchen.
    Ich hatte Locken wie ein Mädchen und meine Mutter meinte zu Bekannten: „Das ist mein Mädchen!“
    Mein Bild von Männern ist etwas gespalten. Ich distanziere mich z. Teil von ihnen. Übrigens geht es meiner Partnerin Frauen gegenüber auch so. Sie langweilt sich schnell im Kreis von Frauen.
    Unlängst hatte ich ein Klassentreffen und ein sehr männlicher Typ trat ein. Das gefiel mir. Früher mochte ich diesen Menschen nicht besonders, er war für mich nicht identifizierbar, da war vieles sperrig für mich.
    In einer Encounter-Session, die ich vor 16 Jahren mitmachte, gefiel ein Mann den Frauen besonders: Das war ein kerniger, gutaussehender Mann mit hoher Sensibilität. Er konnte sich rühren lassen und weinen. Das sprach sie gewaltig an: Sehr männlich, aber mit zarter Seele behaftet.
    Was mir gut tut und meinen Tag verschönt, ist der Eindruck, den viele Frauen bei mir hinterlassen.
    Gerade erst kam mir eine fröhlich gekleidete Frau mittleren Alters auf der Treppe entgegen, ein südländischer Typ mit einer gewissen Grazie. Das berührt und veredelt den Tag.

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