Schweizerin

Ich bin Schweizer. So ein richtig uriger mit Wurzeln bis ins Mittelalter und wohl noch weiter. Politische Diskussionen, wann die Schweiz entstanden ist und wie lange zurück das eigene Schweizersein überhaupt gehen kann, möchte ich hiermit nicht vom Stapel reissen. Irgendwo in geistigen Tiefen schwirren Daten von Schwüren, Bünden und ähnlichem umher, anhand derer man das wohl festmachen könnte. Ich möchte das nun nicht reaktivieren. Was bleibt ist: Ich bin Schweizer – eigentlich ja Schweizerin, will man feministischen Vorstössen Genüge tun – und ich bin es gerne. Ich bin es drum gerne, weil mir daraus kein Schaden erwächst und ich nichts anderes kenne. Ich bin gewohnt, Schweizerin zu sein und sehe, dass es auch hätte schlimmer kommen können. Ich habe nichts aktiv dazu getan, eine zu sein, würde es aber auch nicht unbedingt ändern wollen.

Gut, es gab eine Zeit, da hätte ich gerne in den USA gelebt. Ich hörte damals von unmöglichen politischen Zuständen und überhaupt. Das kümmerte mich nicht bei dem Gedanken, wieso ich dahin wollte. Es waren andere Gründe. Weites Land, offene Menschen, Möglichkeiten, die andernorts nicht vorhanden schienen. Es gab auch eine Zeit, in der ich gerne nach Deutschland – genauer nach München – ausgewandert wäre. Auch da hörte ich was von politischen Schwierigkeiten und wie schön ich es doch in der Schweiz hätte. Auch da kümmerte mich das nicht, meine Gründe waren anders, orientierten sich an wunderbar grossen Städten, offeneren Menschen, offenerem Denken, mehr kulturellem Interessen und Nischenkulturen in Grossstädten. Ich hätte wohl alles machen können, aber ich blieb hier. Weil ich es hier kannte, weil ich hier irgendwie zuhause war.

So gerne ich Schweizerin bin, so sehr stösst mir immer wieder eines auf: Schweizer scheinen darauf erpicht zu sein, Negatives zu sehen und anzuprangern. Freut sich einer, findet der andere ein Haar in der Suppe. Bringt eine Zeitung eine schöne Nachricht, findet sich ein Kommentator, der alles ins Negative interpretieren kann. Es kann nicht sein, dass alles gut ist, nein, da muss was dahinter stecken. Und wenn nichts dahinter steckt, fragt man sich, wieso man das überhaupt in der Zeitung lesen musste. Wen kümmern schon positive Nachrichten?

Der Schweizer denkt eng, er denkt in Normen und Masstäben. Alles hat seine Ordnung und so war es schon immer. Man hält fest an dem, was man kennt und backt lieber kleine Brötchen. Schliesslich ist man ja bescheiden. Drum fragt man immer, ob man was sagen dürfe, statt es einfach zu sagen. Drum sagt man immer „oder“ am Schluss des Satzes, um sich auch wirklich zu vergewissern, dass man richtig liegt und wenn nicht, schon angetönt zu haben, dass man nicht sicher war. Man steht nicht hin und tut, man kriecht sich ran. Stellt sich ein anderer hin, so wirft man es ihm vor, er ist arrogant, er ist überheblich. Wie kann der nur meinen, etwas zu wissen, das würde man selber nie tun. Daher rührt wohl auch das Problem mit den Deutschen, das man oft zitiert. Sagt dieser „Ich kriege noch ein Bier!“ an der Bar, klänge das bei unserem Schweizer so: „Dürfte ich bitte noch ein Bier haben?“ Kein Wunder erscheint ihm der Deutsche ungehobelt. Wie kann der bloss denken, dass er das einfach kriegt. So ohne „Bitte“ und höfliche Frage. Der Schweizer fragt am Schluss auch höflich, ob er nun noch zahlen dürfe. Spätestens dann müsste die Sprechweise entlarvt sein, da wohl keiner davon ausgeht, dass er nicht zahlen müsste. Nur denkt man nicht so weit, man interpretiert da, wo es negativ auffällt und fällt nichts auf, sucht man es.

Und so lebt der Schweizer fröhlich vor sich hin in seinen selbstgesteckten Grenzen und Bescheidenheit, und misst die Welt an seinem Masstab. Schliesslich darf er das, er ist hier zu Hause. Und das bin auch ich und bin es gerne. Ab und an ärgere ich mich über Kleingeist und enge Grenzen. Aber vielleicht ist das ja genau dasselbe Kritikergen, das dem Schweizer innewohnt, schliesslich bin ich einer. Also eine. –in.

7 Gedanken zu “Schweizerin

  1. Ich denke darüber ähnlich wie du. Ich glaube auch, dass die deutsche Direktheit leider oft als Arroganz ausgelegt wird. Hier floskelt man ja auch am Telefon immer erst mal herum, statt direkt zum Punkt zu kommen, weshalb man anruft. Das muss ich trotz meiner 17 Jahre in diesem Land immer noch üben. 😁
    Aber das Genörgel an allem haben die deutschen genauso drauf. Das ist reine Charaktersache und nationenübergreifend 😄

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  2. im nörgeln sind die wiener auch ganz groß, da heisst es nur raunzen 😉 … ich finde es immer interessant, wie sehr die deutsche sprache den nachbarländern in die quere kommt. man geht davon aus, dass man sich verständigen kann, weil ja alle deutsch reden, aber da irrt man sich manchmal gewaltig 😉

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  3. Stimmt, die Deutschen sind oft direkter, aber Höflich ist das nicht. Schöner ist es mit Bitte und, ich hätte gerne, aber der Deutsche neigt auch zum Miesepeter. Speziell die Wiener haben da einen besonderen Schmäh, den ich persönlich liebe, aber viele Österreicher seltsamer Weise nicht. In Deutschland wird bereits nach 1,8 Sekunden an einer grünen Ampel gehupt – statistisch gesehen. In Wie steigt der Hintermann aus, kommt zum Wagen und fragt höflich, „Naaa, sans net die richtgen Farbn dabei gwesn?“ Jedes Land in dem ich war, hat diese Nörgler und engstirnigen Querköpfe. Du bist Schweizerin und ich Deutscher, und selbst wenn das alles ohne unser Zutun geschehen ist, so haben wir jedoch keine Grenzen im Kopf, und das macht mich glücklich, oder? 😉 (tut es 🙂 )

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  4. Ich bin nicht viel herumgekommen. Von einem Kabarettisten hörte ich mal, daß jede Region anders auf sein Stück reagiert, auf eine fast festzumachende Weise.

    Ich selbst bin Franke (so muß das wohl korrekt heissen). Man erkennt mich aber nicht immer am Dialekt, sodaß mir mal jemand auf dem Nürnberger Bardentreffen, das ich eine Zeitlang besuchte, sagte, daß ich kein Franke sein kann.

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  5. Wir Deutschen sind arrogant. Daran lässt sich nicht kritteln. Das liegt an den 80 Millionen . Man hält sich für wichtig. Die Schweizer sind konservativ. Das liegt in der Natur der Sache. Großes erreicht man, wenn man sich zwischenmenschlich über diese Vorurteile hinweg setzt.

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