Kunst und ihr Wert

Viele ganz grosse Künstler haben ihr Leben lang – oder zumindest grosse Teile davon – am Hungertuch genagt. Sie wurden von denen, die bestimmten, was Kunst sei, ignoriert, verlacht, diskriminiert. Und doch gaben sie nie auf. Gaugin starb arm auf Tahiti, Cezanne, wartete lange auf Anerkennung, van Gogh verzweifelte fast. Als sie dann tot waren, schnellten die Preise für ihre Bilder in die Höhe. Plötzlich waren sie gefragt. Plötzlich waren die vorher verkannten Künstler Genies, jeder wollte ein Stück von ihnen haben.

Kürzlich sah ich eine Doku über den Fälscher Wolfgang Beltracchi. Er malte Bilder im Stil bekannter Künstler und gab sie als deren Werke aus. Er verbesserte – dies seine Worte – deren Kunst sogar noch. Dies würden auch die Verkaufszahlen belegen, waren doch einige seiner Bilder die am teuersten gehandelten von Künstlern, unter deren Namen sie liefen. Aufgeflogen ist er wegen chemischer Unstimmigkeiten, nicht wegen künstlerischer Mängel. Die Folge war eine Haftstrafe, die er momentan im freien Vollzug absitzt.

Wo liegt sein Verbrechen? Er hat Bilder gemalt und die unter falschem Namen verkauft. Das ist Betrug. Allerdings scheinen seine Bilder in der Tat besser gewesen zu sein als die der Künstler, unter deren Namen sie liefen. Der Preis aber war nur darum so hoch, weil dieser Name drunter stand. Hätte Beltracchi seine Bilder unter seinem Namen verkauft, hätten sie wohl kaum je diese Phantasiesummen erreicht. Von einer Million war die Rede, die er mal schnell an einem Nachmittag auf die Leinwand bannte.

Was also ist Kunst wert? Ist Kunst in der Tat nur eine Frage von Angebot und Nachfrage? Bemisst sich ihr Wert an der Summe, die sie einbringt? Ist Beltracchi ein Künstler oder nur ein Kopist? Wobei: Er hat nicht konkrete Bilder gefälscht, sondern den Stil. Ist ein Stil geschützt?

Menschen waren gewillt, Millionen für ein Stück meisterlich bemalter Leinwand zu zahlen. Und bevor sie den Preis zahlten, sassen sie sicherlich vor dem Bild und fachsimpelten über den Wert des Bildes und das Können des Künstlers. Daran änderte eigentlich nichts ausser dem kleinen Detail der Signatur und Zuschreibung. Entlarvt das nicht viel mehr als nur den Betrug dessen, der meisterlich malen kann?

18 Comments

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  1. Was ist Kunst wert?
    Ich denke, dies ist eine der schwierigsten Fragen überhaupt. Ich stimme dir absolut zu.

    Dann noch weiter… Was ist der einzelne Künstler wert, seine Bilder, Werke?
    Wohl noch schwieriger…

    Kunst sollte aus meiner Sicht eine Form des Ausdrucks sein, die nicht an direkt Benötigtes gebunden ist, sondern beim Betrachter eine Emotion auslösen kann/soll. Sie soll aber frei sein und nicht Zweck, politik- oder sachbezogen…
    Leider ist aber der Wert von Kunst in unserer (und wohl in allen bisherigen Formen von Gesellschaft) auch definiert durch Nachfrage und Preis… Es muss im Hier und Jetzt Massen anziehen: Millionen Clicks oder einige wenige Wichtige, die entsprechend zahlen können.
    Schöne finde ich in unser jetzigen Gesellschaft, dass wir wenigstens über diverse Medien verschiede Formen von Kunst geniessen können – nicht wie vor einigen Jahrhunderten, wo dies nur privilegierten Kreisen zustand.

    Mir gefällt auf jeden Fall sehr, was du machst – hoffe du findest immer wieder die Kraft für mehr – denn es ist Kunst! Es geht nicht um die Millionen-Werke – dies meine Sicht.

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  2. Im Falle Betracchi gibts es auch noch zu beachten, dass die gefälschten Werke der Fachwelt, den Sammlern und den Kunstspekulanten nicht als Bestandteil des Oeuvres des betroffenen Künstlers bekannt waren. Und auf solche vermeintlichen Trouvaillen stürzen sich die üblichen Verdächtigen natürlich und das treibt dann die Preise in astronomische Höhen..

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  3. Der Wert der Kunst liegt darin, was sie den Menschen gibt, der sie betrachtet, in sich aufnimmt, ob optisch oder akkustisch. Der Wert liegt darin, was das Bild, die Musik an Gefühlen auslösen. Sachwert ist niemals ein Wert. Die Millionen sind unwichtig, der Preis ist unwichtig und wichtiger noch: der Name ist unwichtig.

    Das hilft dem Künstler zwar nicht viel. Aber er wollte ja auch mit dem Bild, mit der Musik oder dem Text etwas ausdrücken. In dem Momemt, in dem es um den Wert geht, verschwindet die Magie. Ein Autor hat das gut erkannt und zwischen die Zeilen geschrieben: Das Bildnis des Dorian Grey von Oscar Wilde.

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  4. Viele Künstler träumen davon, von ihrer Kunst leben zu können. Für viele bleibt es ein Traum. Reich werden ist gar nicht ihr Ziel.
    Es ist ihre Arbeit, die, zumindest materiell, oft keine oder wenig Wertschätzung findet. Dasselbe gilt für viele andere Branchen: Krankenschwestern, Sozialarbeiter, Erzieher, Hebammen, Altenpfleger usw. Es werden täglich mehr Berufe, von denen die Menschen nicht leben können…

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    • Leider wird heute (und wohl auch schon früher, einfach in geringerem Masse, wie mir scheint) alles am Geldwert gemessen, den es einbringt. Womit man nichts verdient, das zählt auch nichts, ist höchstens Hobby. Und gewisse Berufe werden zwar immer als wichtig genannt (die von dir erwähnten), trotzdem nie auf die Stufe gehoben, dass die sie Ausübenden gut davon leben können. Das bleibt denen überlassen, die in den wirtschaftlich relevanten Berufen stecken – Geld zieht Geld an.

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    • Mein Kunstlehrer sagte mir damals auf meine Frage nach einem Kunststudium: „Von Kunst kann man nicht leben!“. Also studierte ich Mathematik.
      Ich war (und ich bin) nicht jemand, der seine Werke verkaufen kann. Ich will auch nicht ausstellen, ganz unabhängig davon, wie wertvoll meine Sachen wären.
      Vor einem Jahr, auf einem Töpfermarkt, fragte ich einen ehemaligen Aussteller nach dem „Stundenlohns“ für seine Arbeit. Die Auskunft will ich hier garnicht wiedergeben.
      Ich denke, viele Künstler haben einen Beruf oder einen Ehegatten/Ehegattin, die das trägt.
      Mich schmerzt das.
      Auf dem Keramik/Töpfermarkt, so meine Einschätzung, kaufen meist Leute, die selber Töpfer/Keramiker sind. Die kennen den Wert der Arbeiten, zum Unterschied von Laien. Ich kaufte mal ein teures Stück, weil mir klar war, daß ich so etwas in der gezeigten Perfektion (es war eine rein geometrische Arbeit) nicht herstellen kann, obwohl schon einige Male grob angedacht.

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      • Meine Schwiegermutter ist Töpferin, gibt auch Kurse und verkauft ihre Sachen – von Skulpturen bis hin zu Geschirr alles. Ob das immer ganz gereicht hätte, um eine ganze Familie zu ernähren, weiss ich nicht, sie hatte das Glück, einen unterstützdenden Ehemann zu haben. Dabei ist es nicht mal nur immer die finanzielle Unterstützung, die wichtig ist, es ist der ganze Weg, der allein und ohne Unterstützung kaum möglich ist, da er, selbst wenn er mal trägt, immer auch die Unsicherheit in sich trägt, ob er das immer tut. Und bis er trägt, ist die Unsicherheit noch viel grösser, ob er es je tun wird.

        Kunst kann man in der Tat nicht im Stundenlohn messen, schon gar nicht, wenn man noch lebt und nicht Picasso heisst. Glücklich ist wohl jeder, der Kunst schaffen will und irgendwie eine Möglichkeit findet, es tun zu können – meist wohl neben einem Brotberuf und anderen Verpflichtungen.

        Ich kenne ja ein paar deiner Sachen und ja: Sie sind toll. Mir gefallen sie sehr und ich würde sie sofort aufstellen. Ich verstehe deine Entscheidung aber gut, Mathematik statt Kunst zu studieren, es ist der sicherere Weg. Zum Glück hast du nicht aufgehört, deine Kunst weiterzumachen. Das wäre schade gewesen.

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        • Danke für Deinen Zuspruch!
          Ich hatte allerdings schon aufgehört mit der Kunst bzw. nie richtig angefangen! Ein paar Zeichnungen hie und da im alten Jahrtausend.
          Aber so ab 2002 wurde mir bewusst: Du kannst Deine kreative Begabung nicht einfach versacken lassen und völlig untätig sein. Also fing ich wieder mit dem regelmässigen Zeichnen an und ab 2008 mit Keramik.
          Zeichnen war mal in einer Phase auch ein wichtiger Strohhalm. Deshalb werde ich es nie aufgeben, allein schon deswegen.

          Vielleicht kannst Du mal mir per Mail die Webseite Deiner Schwiegermutter zukommen lassen.
          Zur moralischen Unterstützung: Es ist ein Glück, wenn der Partner Bezug zu Deiner schöpferischen Arbeit hat. Das ist nicht immer gegeben. Manchmal ist es nur geduldet oder man unterstützt, weil man weiß, daß die Kunst für den anderen sehr wichtig ist. Aber man will ja auch vom Partner/von der Partnerin in seiner Kunst angenommen sein – und das zurecht!

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  5. Die Kunst von Beltracchi sollte Bewunderung auslösen, und zwar gegenüber dem Eigentümer, der sich mit vortrefflichen Werken umgibt. Nicht ohne Grund sollten die Kunstmaler in meiner Familie unter jeden Goldhelm und jede Mona Lisa die Originalunterschrift setzen (taten sie nicht), auch wenn es lächerlich war, daß ein Zahnarzt auf dem platten Land ein Werk von da Vinci im Haus hängen hat. Heute ist die Kunst eine Währung für Reiche, die so ihr Geld sicher vor der Inflation und den Steuerbehörden anlegen, mit enormen Renditen. Selbst die moderne, zeitgenössische Kunst wird von Galerien bestimmt, die entsprechende Kontakte haben, um einen Preis frei zu kreieren. Und die Menschen kaufen diese Werke aus Profitgier, nicht weil ihnen das Kunstobjekt etwas vermittelt. Wirkliche Liebhaber suchen ihre Künstler auf kleinen unabhängigen Märkten, in den einschlägig bekannten Stadtviertel rund um den Globus, und das zu einem Zeitpunkt, wo die Werke noch aus dem Künstler selber kommen, und nicht aus einem ausgefüllten Scheckbuch, oder Katalog.

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  6. „Ich habe garantiert auch Fälschungen…(…)… aber ich will gar nicht wissen, welche es sind.“ Gloria v. Thurn & Taxis. Kluge Einstellung. *g*

    PS: Das Portrait der Fürstin im Cranach-Stil beweist Beltracchis grosses handwerkliches Können aber eine eigenständige kreative, schöpferische Leistung sehe ich nicht. Klar könnte man sagen, dass die Adaption einer heute lebenden Person in einen klassischen Stil auch eine kreative Leistung darstellt. Ich verstehe allerdings etwas anderes darunter.

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    • Ich sehe einen Unterschied darin, ein Bild zu fälschen oder einen Stil nachzuahmen. Indem ich einen Stil eines anderen adaptiere, damit aber ein neues Bild schaffe, habe ich durchaus eine Eigenleistung hineingebracht. Der Künstler, dessen Stil angewandt wurde, hat die Komposition im aktuellen Fall nicht gemacht. Beltracchi hat also durchaus etwas Neues dazugebracht und das ist in meinen Augen Kunst. Das Rad werden wir kaum mehr neu erfinden, Mal- und Mischtechniken sind wohl ausgeschöpft. Klar kann man sich mehr oder weniger an schon Dagewesenes anlehnen beim Schaffen eigener Werke, trotzdem ist es in meinen Augen Kunst, wenn man aus Vorhandenem etwas neues schafft.

      Man könnte Beltracchi höchstens vorwerfen, dass er die Adaption der Stilformen zur Perfktion beherrscht. Wäre er weniger „gut“, wäre es offensichtlicher und keiner würde ihm Plagiat oder blosse Kopie vorwerfen.

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      • Ich sehe das sehr ähnlich.
        Was ist es etwa, wenn ich eine künstlerische Idee verstehe und daran gehe, eine Version dieser Idee zu verwirklichen, etwa aus anderem Material oder in eine andere Richtung weiter vorstossend?
        Nehmen wir an, ich entwerfe ein Objekt und ein anderer baut aus Objekten, die diesem ähneln, eine Komposition aus diesen Objekten. Er hatte visualisiert, daß dadurch ein interessanter Eindruck, etwas Kraftvolles, etwas Irritierrendes entstehen kann. Insofern wäre er eigentlich aus dem Plagiat heraus.
        Zum Erfinden des Rads:
        In der Keramik, jetzt mal herausgegriffen, hörte ich schon oft, das alles schon gemacht worden ist.
        Ganz mag ich es nicht glauben, denn ein Stück mag ähnlich aussehen, aber die Intention eine andere sein. Sozusagen sein geistiger Gehalt wäre anders.

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        • Mit dem Rad meinte ich eben das grad nicht, was du sagst, sondern nur: Jede Strichrichtung mit dem Bleistift wurde schon mal gemacht, ergo dürfte man ja keine Bleistiftzeichnungen mehr machen. Die Komposition macht aber aus schon oft gemachten Strichen immer wieder neue Werke.

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  7. „Was also ist Kunst wert? Ist Kunst in der Tat nur eine Frage von Angebot und Nachfrage?“

    Ich habe mir auch einmal so eine Frage gestellt. Was macht, dass die Künstler, die zu ihres Lebens so missachtet wurden und niemand sich um ihre Werke kümmerte, plötzlich so bekannt werden? Vielleicht liegt die Ursache in ihrem tragischen Schicksal, darin, dass die Menschen tragische Geschichten mögen? Ich habe keine Ahnung.

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  8. Für mich ist der Fall Beltracchi der Beweis, wie hoch ich die Beurteilung der sogenannten Kunstexprten einschätzen kann.
    Mal abgesehen davon ob ich es gut finde was Beltracchi gemacht hat, so finde ich es grandios wie er die dekadente, snobistische und scheinintelektuelle Gesellschaft vorgeführt hat.

    Er hat uns allen eine Lehrstunde des Scheins erteilt und dafür bewundere ich ihn.

    Babsi

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