Tagesgedanken: Neues wagen

Wieder beginnt ein neuer Tag, wieder besteht die Chance, neu anzufangen. So sah zumindest Hannah Arendt das Leben und mir gefällt der Gedanke, dass wir frei sind in unseren Entscheidungen, in unserem Tun, so dass wir auch entscheiden können, alte Pfade und Denkmuster zu verlassen und neue Wege zu beschreiten. In Hannah Arendts Worten klingt das so:

„Wir fangen etwas an. Wir schlagen unseren Faden in ein Netz von Beziehungen. Was daraus wird, wissen wir nie.“

Im letzten Satz schwingt eine Unsicherheit mit, die Angst machen kann: Was kommt dabei raus, wenn ich etwas Neues tue? Das Alte kenne ich schon, das ist – selbst wenn es nicht gut ist – vertraut und damit auf eine Weise sicher. Beim Neuen kommt ein Wagnis dazu, die Offenheit des Ausgangs und damit die Möglichkeit des Nicht-Gelingens. Damit sind Ängste verbunden, denn wir leben in einer Welt mit einer miserablen Fehlerkultur, so dass wir fürchten, für die unseren ausgelacht, verspottet zu werden. Da hilft nur das Vertrauen in die anderen Menschen:

„Wir sind alle darauf angewiesen, dass sie sagen: „Herr vergib ihnen, was sie tun, denn sie wissen nicht, was sie tun. Es ist ein Wagnis.“

Darin steckt die Botschaft, dass es allen so geht, dass damit auch alle Verständnis aufbringen können für das Tun (und auch mal Misslingen) von anderen. Wie traurig wäre es, aus Angst das Wagnis und die Freiheit des Neuen nicht zu geniessen? Frei nach Seneca:

„Nicht weil es schwierig ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwierig.“

Tagesgedanken: Das gute Leben

Was ist ein gutes Leben? Wohl eines, in dem wir als Menschen in Frieden zusammenleben können. Was so einfach klingt, scheint etwas vom Schwersten zu sein, schaut man in die Welt. Bringt es überhaupt, sich die Frage nach einem guten Leben zu stellen? Wir tun das als Menschen seit Jahrtausenden und scheinen doch nicht weiterzukommen in unserem Tun. Krieg, Rassismus, Sexismus – Unterdrückung wo man hinschaut. Diese Tatsachen können wir nicht negieren, und doch wäre es ein zu negatives Bild, wenn wir wirklich glaubten, wir hätten nichts erreicht. Wir sind durchaus an einem anderen Punkt, als wir noch im Mittelalter waren, wir haben durchaus eine gerechtere Gesellschaft mit weniger Ausschlüssen, als es damals noch der Fall war. Unsere Welt ist nicht perfekt, aber sie wurde über die Jahrhunderte doch eine bessere, wie ich finde. Aber es ist noch Luft nach oben und darum stellt sich auch die Frage nach dem guten Leben immer wieder, frei nach Aristoteles:

„Der ignorante Mann verkündet, der weise Mann hinterfragt und reflektiert.“

Martha Nussbaum hat sich die Frage nach dem guten Leben auch gestellt und sie kommt zum Schluss, dass wir ein gutes Lebe nur bestimmen können, wenn wir wissen, was der Mensch ist, was er braucht, um sein Menschsein zu leben: Was sind seine grundlegenden Bedürfnisse und Ansprüche? Was brauchen Menschen, um als Menschen mit Menschen zusammenleben zu können? Nussbaum kommt zum Schluss, dass es nicht reicht, ein ausreichendes Auskommen zu haben, sondern man dieses auch umsetzen können müsse, sprich: Wir müssen als Menschen die Möglichkeit haben, unsere Fähigkeiten in Tätigkeit umzusetzen, damit wir unser Leben gestalten und uns in die Gemeinschaft einbringen können. Dazu ist es wichtig, dass wir als Gleichberechtigte und Gleichwertige anerkannt sind, Ungleichbehandlungen aufgrund von Geschlecht, Rasse, Aussehen, etc. nehmen dem Menschen einen grundlegenden Teil seines Menschseins.

Nun ist Martha Nussbaum aber nicht so naiv zu glauben, dass solche Veränderungen einfach eintreten, weil sie für uns alle besser wären und schon gar nicht, weil sie für die (in unserem System machtlosen) anderenMenschen besser wären. Um eine Veränderung bewirken zu können, braucht es einen bewussten Einsatz und eine Organisation von Menschen, die gemeinsam erkennen, dass sie mit dieser Veränderung auch die eigenen Interessen schützen und das eigene Leben befördern. Dafür ist es wichtig, das Augenmerk mehr auf unsere Gemeinsamkeiten als auf das uns Trennende zu richten.

Zentral bei all dem ist es, zu erkennen, dass unsere Rollenmuster und Zuschreibungen soziale Konstruktionen sind und nicht natürlich gewachsen oder gar essentiell dem Menschsein inhärent. Unsere Gefühle werden in einer Gesellschaft, einer Kultur, bewertet nach da gültigen Massstäben.

„Die Gesellshaft gibt den Gefühlen eine bestimmte Bedeutung und Färbung.“ (Martha Nussbaum)

Emotionen werden geprägt von Überzeugungen. Wir müssen also hinschauen, worauf unsere Gefühle gründen, woher wir unsere Zuschreibungen nehmen, aufgrund derer wir unsere Gesellschaften mit allen ihren Strukturen aufbauen. So sind zum Beispiel Mütter nicht von Natur dazu geschaffen, mit ihren Kindern zu Hause zu bleiben, den Grossteil der Hausarbeit und Betreuung unentgeltlich zu übernehmen. Männer sind auch nicht per se die starken Kämpfer, die in den Krieg ziehen oder sich in Grosskonzernen um des Profits und finanziellen Wachstums Willen ausbeuten zu lassen. Nicht jede Frau ist fürsorglich und nicht jeder Mann rational. Wir formen unsere Welt durch unsere (oft eingeprägten, festgesetzten, darum aber nicht richtigen) Vorstellungen, was einen grossen Vorteil hat: Wir können diese ändern – und damit auch unsere gesellschaftlichen Strukturen.

Immer wieder stützt sich Nussbaum auf Aristoteles bei ihren Ausführungen und zeigt uns damit: Eigentlich wüssten wir alles seit langer Zeit, nun müssten wir es nur noch umsetzen. Das ist fast wie im wirklichen Leben: Wir wüssten, was für uns gut wäre, und doch… Wie sagte schon Aristoteles:

“Die Intelligenz besteht nicht nur im Wissen, sondern auch in der Fähigkeit, das Wissen anzuwenden.”

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Buchtipp: Martha C. Nussbaum: Gerechtigkeit oder Das gute Leben, edition Suhrkamp, 7. Auflage, Frankfurt am Main 2012.

Tagesgedanken: Gemeinsam die Welt gestalten

Manchmal fühlt sich das Leben an, als wären die Dinge festgefahren und man selber habe keine Wahl als sie zu nehmen, wie sie sind. Nun kann man sicher nicht alles ändern im Leben, und doch besteht da doch ein Spielraum, den wir aber erkennen müssen, um ihn nutzen zu können. Festgefahren scheinen mir auch oft die Meinungen in Diskussionen: Es besteht wenig Offenheit für die Argumente des anderen, man bleibt in seiner Meinung verhaftet, versucht den anderen immer heftiger zu überzeugen oder aber grenzt ihn aus als falsch Denkenden. 

Bei Hannah Arendt gibt es zwei zentrale Begriffe: Pluralität und Natalität. Wir sind als Menschen in diese eine gemeinsame Welt geworfen und für Hannah Arendt bedeutet das, dass wir als Verschiedene und Vielfältige jeder von seinem Standort aus auf die Welt blicken und sie anders wahrnehmen. Erst im gemeinsamen Diskurs als Verschiedene aber mit gleichem Wert können wir die Welt als eine gemeinsame erschaffen, weil wir die Dinge auch von verschiedenen Seiten betrachten, Seiten, die wir alleine nie sehen würden. 

In der Natalität liegt der Gedanke des Neubeginns: Die Geschichte ist nicht einfach eine Folge von Gesetzmässigkeiten, sondern ein Zusammenkommen von vielen unvorhersehbaren Ereignissen, die dann zu unserer Geschichte werden. Mit jedem Ereignis, mit jeder Geburtsstunde, kommt etwas Neues in diese Welt. Wir selber als Menschen sind so in der Lage, neu anzufangen. Immer wieder. Wir sind nicht einfach auf einen vorherbestimmten Ablauf festgelegt. Ich mag diesen Gedanken sehr. Ich mag auch ihr freies Denken, das Denken ohne Geländer, von dem sie aber weiss: 

„Es gibt keinen gefährlichen Gedanken, das Denken an sich ist gefährlich.“

Man setzt sich damit auch gerne mal zwischen die Stühle – und da muss man sich dann einrichten. 

Tagesgedanken: Lesemonat März

Ich habe im März 14 Bücher gelesen, davon waren drei ganz dicke Wälzer (1275 Seiten war das Maximum), einige dick, einige normal und wenige dünn. Und nun? Weiss ich mehr? Ich weiss es nicht. Wohl schon, ich habe mich in die Wirtschaft hineinbegeben, mir Gedanken über Armut gemacht, ich bin mit Hannah Arendt in den zweiten Weltkrieg gegangen und geflohen, ich bin mit Martha Nussbaum der Frage nach Gerechtigkeit und deren Grenzen nachgegangen und habe mit Maja Göpel versucht, die Welt neu zu denken.

Und im Moment sitze ich grad hier und frage mich: Und nun? Wie weiter? So viele grosse Themen: Menschenrechte, Demokratie, Gerechtigkeit, Armut, Würde geistern durch meinen Kopf (und immer wieder Hannah Arendt), so viele Bücher liegen hier und wollen gelesen werden und alles scheint drängend und wichtig und interessant. Ich bin gespannt, wo mich meine Lesereise im April hinführt, welche Welten ich entdecken werde, welche Gedanken sich entwickeln. Manchmal wünschte ich mir die eine klarere Richtung, so dieses eine Thema, aber so bin ich nicht. Und vielleicht ist es auch mal an der Zeit, anzuerkennen, dass es verschiedene Menschen gibt und das gut ist – was bedeutet, dass auch ich gut bin, wie ich bin, mit all meinen Interessen, meiner Neugier, meinem Lernwillen, meinen Eigenarten.

Am Schluss halte ich es mit Goethe:

Da steh’ ich nun, ich armer Tor,
Und bin so klug als wie zuvor!
Heisse Magister, heisse Doktor gar,
Und ziehe schon an die zehen Jahr’
Herauf, herab und quer und krumm
Meine Schüler an der Nase herum –
Und sehe, dass wir nichts wissen können!

Und irgendwie ist das auch gut, dieses Nicht-wissen-Können, denn wo man nicht weiss, kann man offen neu erkunden und auf Neues stossen. Und das bereichert das Leben doch mehr als festgefahrene Glaubens- und Wissenssätze, die man runterbeten kann.

Tagesgedanken: Freiheit

Als Simone de Beauvoir jung war, gab es einen zentralen Wunsch: Sie wollte frei sein (und schreiben). Der Wunsch entsprang wohl vor allem dem Umstand, dass sie sehr eingeschränkt aufwuchs, mit vielen Verboten und Geboten, von aussen aufgestellte Mauern gegen die eigene freie Entfaltung. Es gibt aber auch die eigenen Schranken, die, welche man sich selber errichtet. Oft haben sie ihren Ursprung in eingeprägten Mustern, die aus der Kindheit stammen, sie äussern sich in Stimmen, die einen selber geformt haben. Das meint Simone de Beauvoir wohl mit diesem Satz aus dem Buch „Memoiren einer Tochter aus gutem Hause“:

„Das Schlimmste aber, wenn man ein Gefängnis mit unsichtbaren Mauern bewohnt, ist, dass man sich den Schranken nicht bewusst ist, die den Horizont versperren.“

Was heisst Freiheit? Ich würde sie so definieren, dass mir ein Leben möglich ist, in welchem ich meine Fähigkeiten nach meinen Wünschen und Absichten entwickeln kann, mir die Möglichkeiten dazu offenstehen. Vielen Menschen auf dieser Welt ist das nicht möglich, sie haben keinen Zugang zu ausreichender Ernährung, Bildung, Gesundheit. Noch immer sind es mehrheitlich Frauen, die darunter leiden. Auch wenn es in unseren Breitengrade sicher besser ist, so finden sich auch hier immer noch strukturelle Benachteiligungen von Frauen, Ungleichbehandlungen, die die Freiheit massgeblich einschränkten. Simone de Beauvoir sah uns hier in der Pflicht:

„Der Frau bleibt kein anderer Ausweg, als an ihrer Befreiung zu arbeiten. Diese Befreiung kann nur eine kollektive sein.“

Es geht nicht an, nur für uns selber zu schauen, denn Unterdrückung ist selten ein individuelles Problem, sondern ein strukturelles. Es ist ein Problem, das in den Köpfen der Menschen sitzt und da ersetzt werden muss durch eines der gleichberechtigten Mitmenschlichkeit oder wie Hannah Arendt es ausdrückt: Weltgestaltung. Schön wäre es, wenn wir uns dieses verinnerlichen würden:

„Das eigene Leben hat einen Wert, so lange man dem Leben anderer einen Wert zuschreibt.“ (SdB)

Tagesgedanken: Von Zahlen und Menschen

Das war meine Lektüre der letzten Tage. Ich muss gestehen, sie fiel mir nicht leicht und sie brachte mir keine gute Laune. Auf der einen Seite waren es schlicht viele Zahlen, Tabellen, Diagramme, technischen Fakten, auf der anderen Seite zeigten die Inhalte auf Missstände der heutigen Welt, die so vor Augen zu haben, bedrückten. Was ich schon lange dachte, nämlich, dass wir unser ganzes Leben der Wirtschaft unterordnen, dass demokratische Werte den ökonomischen geopfert werden, dass Mitmenschlichkeit gegen Profit verliert, wird in diesen Büchern durch den klaren Blick auf die globalen Zustände und die Mechanismen, die dahin geführt haben, offensichtlich.

Die Schere zwischen den Reichsten und den Ärmsten wird grösser, Armut ist ein Problem, das moralisch kaum mehr zu vertreten ist, wirtschaftlich aber weiter gepflegt wird, während die Reichen mit ihrem Reichtum zusätzlich einen Grossteil der ökologischen Sünden verursachen, unter welchem dann mehrheitlich die Ärmsten auf der Welt leiden. Und wir sitzen zu Hause im bequemen Sofa und wollen es offensichtlich so haben. Wir würden schon etwas ändern, wenn die Anderen in der Pflicht wären, aber mit uns hat das nichts zu tun. Dabei gäbe es Lösungen. Machbare.

Man weiss, dass ab einer gewissen Grösse des Einkommens/Besitzes das Glück nicht mehr zunimmt. Nehmen wir einen Millionär mit einem Vermögen von 100 Millionen. Er hat mit einem Bruchteil dieser Millionen zu tun, er braucht sie nicht alle. Er hat sie und definiert sich durch dieses Haben. Hätte er – sagen wir – nur 50, lebte er noch genauso wie jetzt. Und wenn es vielleicht eine Yacht weniger wäre – ich denke nicht, dass er massiv unglücklicher wäre. Wieso also keine progressive Steuer auf diese hohen Vermögen? Wieso keine Umverteilung von denen, denen es nicht weh tut, zu denen, denen das Nichthaben grosse Schmerzen bereitet? Darauf habe ich leider keine Antwort. Und genau das treibt mich um, da ich verstehen möchte. Immer. Ich bleibe dran (allerdings lieber wieder mehr philosophisch, weniger ökonomisch).

Tagesgedanken: Freiheit des Tuns

Carolin Emcke schrieb in ihrem Buch „Journal“ den wunderbaren Satz, in dem ich mich so gut wiederfinde:

„Ohne die Sprache, ohne das Schreiben, fühle ich mich wie ein Obdachloser ohne Heimat.“

So fühlte es sich an, als ich von einem Tag auf den anderen meine Sprache und mein Lesen verloren hatte. Ich stand zwischen all meinen Büchern und fand keinen Zugang mehr. Ich war wie ausgeschlossen aus einer Welt, die so eigentlich die meine war, doch sie blieb mir verschlossen. Jeder Versuch, hineinzukommen, scheiterte. Ich begann zu malen. Es klingt ein wenig wie ein Klischee und vermutlich entspricht es genau dem. Frau, mittleren Alters auf der Suche nach sich selbst.

Es war der verzweifelte Versuch, eine neue Heimat zu finden. Ich malte wie besessen, jeden Tag, für Stunden. Ich wollte „es richtig machen“, es sollte nicht einfach ein kleines Hobby am Rand sein, sondern ein neues Zuhause werden, mein neues Ich. Und da es sich nicht so anfühlte, war ich unsicher und interpretierte jede Äusserung von aussen als Abwertung meines Tuns und Seins. Und vermutlich war ich die einzige, die beides abgewertet hat innerlich. Weil ich zweifelte. Am Tun. An mir. An allem. Es fühlte sich nichts richtig an, es fühlte sich nichts richtig gut an.

Vieles gelang, vieles machte auch Freude. Einmal sagte mir jemand, ich müsse meine Sprache finden. Die Antwort war sofort klar: Ich habe keine Bildsprache, meine Sprache sind die Worte, doch die sind mir ausgegangen. Ich habe viele Sprachen ausprobiert, mich in vielen auch ein wenig wohl gefühlt für eine kurze Zeit, doch nie auf Dauer und nie so ganz. Und immer fehlte etwas, immer war da eine innere Unruhe, ein inneres Ziehen, ein Suchen, eine Unsicherheit in und mit mir.

Das alles war mir nicht so bewusst damals, ich erkenne es im Rückblick. Seit einiger Zeit bin ich endlich wieder zurück in meiner Heimat. Ich merke, wie ich in mir mit meinem Tun sicherer bin und mich darum nicht mehr so schnell in Frage gestellt fühle. Ich zweifle sicher noch immer ab und zu an mir, aber das eher situativ als in einem mich im Ganzen erschütternden Mass. Dafür bin ich dankbar.

Ich bin aber auch dankbar für den (Um-?)Weg. Er hat mich viel gelehrt. Und es sind einige Bilder entstanden, die mir sehr am Herzen liegen, auf die ich stolz bin, die mir viel Freude gemacht haben und weiter machen. Auch hat mir dieser Weg eine Zuflucht gewährt in einer Zeit, in der ich sie so sehr brauchte und suchte, in der so viel Unsicherheit und Haltlosigkeit lag. Ab und zu denke ich, damals war ich irgendwie freier, weil das Malen nicht so tief in mir war wie das Schreiben. Es hing nie so viel daran, es war nicht so eminent wichtig. Ich konnte auch mal nicht malen. Beim Schreiben ist das schwerer. Es ist ab und zu ein regelrechter Kampf, mich dazu zu entscheiden, mit Schreiben Lesen zu pausieren und mich anderem zu widmen. Aber vielleicht ist genau das die grösste Freiheit: Tun zu können, was einem so sehr Bedürfnis ist.

Tagesgedanken: Was kümmert mich die Welt?

Ich lese aktuell drei Bücher: eines über die Geschichte des Kapitalismus, eines über Philosophie und Armut, eines über Moral und Politik. Ich lese Zeitungen, sehe, was passiert auf dieser Welt und es erschüttert mich. Wir haben es geschafft, aus dieser Welt ein Schlachtfeld zu machen, einen Tummelplatz der Schädigungen, die alle auf dem eigenen Profitdenken fussen. Nun kann man einfach sagen: Ich selber habe ja nichts gemacht, ich lebe ja nur mein Leben – doch ich denke, das ist zu einfach gedacht.

Wir frönen dem Konsum, während andere Menschen auf der Welt verhungern. Woher rührt die Gleichgültigkeit, die mangelnde Aufregung, die fehlende Empörung? Ist das Thema zu wenig präsent? Zu wenig konkret? Hätten wir nicht die Pflicht, zu helfen? Worauf gründen überhaupt Pflichten? Wer steht in der Verantwortung? Wofür? Auf welche Weise?*

Versuchen wir es mit einer Analogie zur Veranschaulichung (das Beispiel ist von Peter Singer): Ein Mann geht an einem Teich vorbei, darin ertrinkt gerade ein Säugling. Der Mann hilft dem Kind nicht, weil er seinen teuren Anzug nicht ruinieren will. Das löst bei den meisten vermutlich Empörung aus. Man ist sich wohl mehrheitlich einig, dass der Mann dem Kind hätte helfen müssen. Es wäre hier um eine Güterabwägung gegangen, bei welcher das Leben eines Kindes mehr Gewicht gehabt hätte als ein Anzug. Wir sehen hier also den Mann in der Pflicht. Zudem sind wir uns mehrheitlich sicher, dass wir geholfen hätten.

Kann man diese Sicht analog auf das Armutsproblem anwenden? Dort sterben Menschen, hier sitzen wir, könnten helfen (wie wäre noch konkret zu klären) und tun es nicht. Wieso sehen wir uns hier nicht in derselben Hilfspflicht wie beim ertrinkenden Kind? Es gibt einige Unterschiede zwischen den beiden Fällen:

Im Teichbeispiel haben wir einen einzelnen Mann und ein Opfer. Die Hilfe ist einmalig und danach ist alles wieder gut, das Kind in Sicherheit. Im Falle der Armut haben wir es mit 800 Millionen Menschen zu tun, das kann kein Einzelner bewältigen. Eine Spende wäre sicher eine Gewissensberuhigung, aber noch keine ausreichende oder gar nachhaltige Hilfe. Armut ist kein individuelles Problem, es reicht nicht, allen etwas zu essen zu geben, einen Einzelnen von einer Krankheit zu heilen. Die nächste Krankheit wird kommen und der nächste Hunger auch. Armut ist ein strukturelles Problem, es rührt daher, dass Menschen keinen Zugang zu Gütern für ihre Grundversorgung (Nahrung, medizinische Versorgung, Bildung, etc.) haben. Da müsste man ansetzen. Es gibt einige sehr sinnvolle globale NGOs, die in grösserem Masse helfen und die auf Unterstützung angewiesen, allerdings müsste das Problem auch auf politischer Ebene und in noch umfassenderem Rahmen angegangen.

Sind wir also doch fein raus aus der Pflicht? Können wir weiterleben wie bisher, unserem Vergnügen frönen und die Probleme dieser Welt vergessen, da wir nichts tun können? Ich denke nicht. Mit unserem Konsumverhalten fördern wir die Ungleichheiten auf dieser Welt. Indem wir uns mit Kleiderbergen aus wenig nachhaltiger und ausbeuterischer Produktion eindecken, stärken wir Systeme, die so produzieren. Der Verzicht auf diese Produkte würde nicht den Menschen dort die Arbeit nehmen (so wird der eigene Kaufrausch oft gerechtfertigt), sondern die Firmen dazu anhalten, andere Bedingungen zu schaffen (natürlich nicht von heute auf morgen und das ist nur ein Schritt von vielen).

Ein weiteres Problem: Unsere Regierungen unterstützen die Politiker in den von Armut betroffenen Ländern, sie tun das für unseren Profit. Sie kaufen Rohstoffe aus Verbrecherstaaten, der Gewinn kommt nur der jeweiligen Regierung, nie dem Volk zugute. So werden die Ressourcen ganzer Länder geplündert, das Volk bleibt in Armut und die machthabenden Gauner bereichern sich.

Das geht uns nichts an? Wir haben damit nichts zu tun? Auch hier kommen wir nicht so leicht davon: Wir haben unsere Regierungen gewählt und wir wählen die Bedingungen in unserem Land durch Wahlen, Abstimmungen und durch unser Verhalten. Wir verschwenden Ressourcen, da sie ja endlos vorhanden zu sein scheinen (die Bedingungen dafür ignorieren wir). Wir sind nicht mal im eigenen Land bereit, zu einer gerechteren Umverteilung beizutragen, um hier die Armut, die durchaus existiert, zu bekämpfen. So stimmen wir zum Beispiel immer wieder gegen höhere Besteuerung, weil wir nicht wollen, dass man uns etwas wegnimmt. Helfen ja, aber nicht auf unsere Kosten… Es würde sonst nicht mehr für das tägliche Fleisch und das 12. Paar Schuhe reichen.

Mich frustriert das im Moment sehr. Auch das Wissen, dass ich mir in der Vergangenheit viel zu wenig Gedanken darüber gemacht habe, frustriert mich. Ich werde die Welt nicht retten können, aber ich möchte zumindest hinsehen, was passiert und meinen Beitrag zu einer möglichen Verbesserung leisten. Da ich als Philosophin ein denkender und schreibender Mensch bin, werden das meine vorrangigen Mittel sein zur Bewusstmachung des Problems. Ich will und darf nicht mehr schweigen, wenn ich Missstände sehe, und ich will und muss auch mein eigenes Verhalten überdenken. Frei nach Gandhi:

„Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.“


*Das sind nur Gedanken und soll keine abschliessende Abhandlung darstellen. So liegt es in der Natur der Sache, dass vieles Erwähnenswerte keinen Eingang fand und die perfekte Lösung des Problems noch aussteht. Man möge es mir nachsehen.

Tagesgedanken: Was kann ich wissen?

Kürzlich dachte ich so bei mir, dass ich vieles nicht weiss, weil mich Dinge früher zu wenig interessiert haben oder ich zu sehr mit anderem beschäftigt war. Und es kam das Gefühl auf: Das kann ich nie mehr aufholen. Es war ein Bedauern darin. Wenn ich lese, komme ich meist von einem Buch zu xxx anderen, die auch noch lesenswert wären. Ich lege Listen an und sehe diese immer mehr anwachsen. Und mir wird bewusst: Das werde ich nie alles lesen können, es wird mir nie möglich sein, alles wirklich tief zu ergründen. Auch da schwingt ein Bedauern mit und immer die Frage: Könnte ich mehr tun? Müsste ich mehr tun? Alles werde ich wohl nie wissen, das ist mir klar, aber zu sehen, wie wenig vom grossen Ganzen ich selber erfasse, gibt ab und zu das Gefühl des Klein-Seins. Hier Sokrates zu zitieren wäre zu billig…

Neben dem Bedauern denke ich aber auch, dass es vielleicht gut ist, sich bewusst zu sein, wie wenig man eigentlich weiss – wissen kann. Da draussen ist so viel und wir haben nie alles von allen Seiten im Blick. Umso erstaunlicher ist es doch, mit welcher Vehemenz teilweise Dinge behauptet werden, Wissen demonstriert wird. Wie viele (oft selbsternannte) Experten erklären uns die Welt, im Glauben, die einzig richtige Sicht auf alles zu haben? Und wie oft lassen wir uns davon beeindrucken und fühlen uns klein daneben, statt wirklich zu hinterfragen, ob das wirklich so ist, so sein muss, oder ob es nicht auch andere Möglichkeiten gäbe, die Dinge zu sehen?

Ein gutes Beispiel sind die russischen Medien: Sie fälschen gezielt Informationen, um das Volk zu manipulieren. Wer einfach in blindem Glauben und Gehorsam folgt, wird nur das von der Welt wissen, was ihn andere glauben machen wollen. Kant sagte einst, man solle den Mut haben, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Ich ziehe meinen Hut vor dem Mut von Maria Ovsiannikova, ich hätte ihn wohl nicht, aber es zeigt, dass man Dinge immer hinterfragen sollte, im Wissen, dass man die Wahrheit vielleicht nie entdeckt, sich ihr aber annähern kann durch eine Ausweitung des eigenen Blicks, die verschiedene Perspektiven zulässt.

Lohnungleichheit Frauen und Männer

Ich habe mich in der letzten Zeit in Ökonomie-Bücher gestürzt – eine neue Welt, die für mich zwar anstrengend war durch die doch trockenen Fakten, die mir aber auch ganz neue Einblicke ins Leben und in die Welt eröffnet haben. Mir wurde einmal mehr bewusst, wie wertvoll es ist, die eigenen Pfade ab und an zu verlassen und Neues zu entdecken. Ich kam zum Schluss, dass eigentlich ökonomische Zusammenhänge ganz viel von unserem (Zusammen-)Leben bestimmen, dass diese Zahlen und Fakten viel mehr sind als nur das. Sie bestimmen Lebensumstände.

Es gibt den Spruch, dass das, was einer hat, bestimmt, was einer ist. Das ist ein Denken, das man gerne ablehnt, weil man findet, den Mensch mache viel mehr aus als sein Besitz. Man liest den Ausspruch in der Weise, dass das Haben wichtiger ist als das Sein und ist darüber moralisch empört, da das Sein doch viel zentraler ist. Nur: Um sein zu können, muss man etwas haben, denn ohne die grundlegende Finanzierung dieses Seins wird dieses Sein nicht nur kein befriedigendes sein, sondern sogar ein leidvolles. Und das ist es in der heutigen Zeit immer noch für viele Menschen auf dieser Welt.

Befasst man sich intensiver mit der Thematik der Geldverteilung auf dieser Welt, sieht man, dass diese alles andere als gleich oder gerecht ausfällt. 1 % der Menschen am oberen Ende der Skala besitzt mehr als 50 % am unteren zusammen. Die Menschen am ganz unteren Ende haben von allem zu wenig, ihr Überleben ist auf menschenwürdige Weise oft nicht mehr möglich. Hier möchte ich eine andere Ungleichheit herausgreifen: Die Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen. Die Zahlen dazu habe ich aus dem Buch „Der Sozialismus der Zukunft“ des französischen Ökonomen Thomas Piketty. Es versammelt seine Kolumnen aus Le Monde aus den Jahren 2016 – 21.

Im Alter von 25 arbeiten beide Geschlechter in vergleichbaren Stellen, da beträgt der Einkommensunterschied zwischen 10 und 20 %. Im Laufe der Jahre werden Männer mehr befördert als Frauen, der Unterschied steigt an, liegt bei 50 Jahren bei 60 & und kurz vor der Rente bei 64 %. Das sind die Zahlen aus Frankreich im Jahr 2016, ich denke aber, viel hat sich da noch nicht geändert und auch in anderen Ländern wird es nicht komplett anders sein. Piketty hat berechnet, dass dies aber schon eine Verbesserung zu früher darstellt, und da, wenn die Entwicklung so weiter geht, wir im Jahr 2102 Lohngleichheit haben werden.

Ich frage mich, ob wirklich jemand mit einem Ansatz von Gewissen in einer solchen Welt leben möchte?! Oft heisst es, das patriarchalische System hänge noch in den Köpfen, diese Umstände seien den Ängsten der Männer vor Macht- und Jobverlust geschuldet, weshalb sie die alten Strukturen leben liessen. Ich kann (will) nicht glauben, dass jemand am Abend wirklich noch in den Spiegel schauen könnte, wenn er das bewusst so geplant hätte. Sind uns diese Zahlen zu wenig bewusst? Müssten wir uns mehr dafür einsetzen, diese Missstände aufzuzeigen? Wer? Wo? Auf welche Weise? Was können wir tun? Mir war das alles nicht in dem Ausmass bekannt (in Ansätzen aber schon). Das Thema will ich weiter verfolgen, vor allem auch, weil ich denke, dass mit dieser Ungleichheit noch ganz viele andere Probleme dieser Welt zusammenhängen, Piketty spricht in dem Zusammenhang auch von er weltweiten Armut sowie dem Klimaschutz.

Seyda Kurt: Radikale Zärtlichkeit

Warum Liebe politisch ist

Inhalt

„Ich schreibe, weil mich die Welt zutiefst beunruhigt. Buchstaben machen die Unruhe für mich fassbar. Und ich schreibe, weil ich Veränderung will.“

Wer glaubt, dass Liebe Privatsache ist, täuscht sich gewaltig. Liebe findet nicht im luftleeren Raum statt, Liebende sind keine unbeschriebenen Blätter. Durch die kulturelle und gesellschaftliche Prägung haben wir alle Muster und Bilder verinnerlicht, die wir in unsere Liebe, in unser Begehren hineintragen. Wen wir begehren oder begehren dürfen, ist oft von ganz vielem gesteuert. Und wehe, wenn unser Lieben nicht dem entspricht, was der gesellschaftlichen Norm entspricht, dann sind wir in Gefahr, Diskriminierung und Gewalt zu erleben.

Seyda Kurt erzählt einerseits ihre eigene Geschichte mit den lange verinnerlichten Mustern, die es für sie zu durchbrechen galt. Andererseits beleuchtet sie die althergebrachten Beziehungsmodelle und plädiert für einen Bruch mit diesen, um eine gerechtere Gesellschaft ohne Diskriminierungen zu schaffen.

Weitere Betrachtungen

„Strukturelle Privilegien legen sich gleichsam wie eine Schutzschale um manche Körper und bewahren sie davor, gewisse Formen der Gewalt zu erfahren.“

Wer der gängigen Norm entspricht, lebt in einer sehr privilegierten Welt, in welcher er von Gewalt, Abwertung und Diskriminierung verschont ist. Oft sind wir uns dessen nicht bewusst und tragen sogar noch dazu bei, diese toxischen Strukturen aufrecht zu erhalten. Seyda Kurt zeigt auf, inwiefern die landläufig als normal angesehene monogame, heterosexuelle Beziehung sich als Normalität in unseren Köpfen und in unserem Begehren eingenistet hat, und sie ruft dazu auf, damit zu brechen.

Die aktuell sehr breit vertretene Auffassung, dass eine offene Beziehung, mehrere Partner und homosexuelle Erotik die freie und wirklich gefühlte Form sei, die monogame heterosexuelle nur alten Mustern und Zwängen aufsitzt, hat auch in diesem Buch wieder eine Vertreterin. Es mutet dabei komisch an, in einem Plädoyer für mehr Offenheit und Toleranz auf die Verurteilung des von der Autorin als nicht mehr der Zeit entsprechenden Beziehungsmodells zu stossen. Ich bin durchaus der Meinung, dass jeder auf seine Weise den von ihm gewünschten Menschen (oder auch mehrere) lieben soll, nur sollte das alle Formen beinhalten, auch die monogame heterosexuelle, die nicht immer nur auf Mustern, nicht wahrem Begehren fusst.

„Jemand kann dich lieben und dich gleichzeitig unterdrücken, dich nicht beachten, wenn du deine Stimme erhebst. Es ist Zeitverschwendung, immer auf die Liebe zu verweisen. Stattdessen müssen wir auf die ungleiche Verteilung von Macht verweisen, die hierarchischen Strukturen auflösen, in denen die einen immer unten und die anderen immer oben stehen.“

Es gibt immer wieder Stimmen, welche die Liebe allmächtig sehen. Wenn nur die Liebe da ist, wird alles gut. Leider ist das zu kurz gedacht. Auch in Liebesbeziehungen kann es zu Gewalt kommen, auch in Liebesbeziehungen können Hierarchien existieren, auch in Liebesbeziehungen kann einer unterdrückt werden. Dies muss nicht aus mangelnder Liebe oder Boshaftigkeit geschehen, es können auch tief verinnerlichte Muster und Veranlagungen Auslöser von all dem sein. Oft passiert ganz viel davon unbewusst, wird von beiden (allen) Beteiligten nicht wahrgenommen. Dagegen können wir nur angehen, wenn wir uns dieser Möglichkeiten bewusster werden, wenn wir hinschauen, wie und was wir eigentlich leben, und uns immer auch fragen, ob wir das so wirklich wollen oder aber nur hinnehmen, weil es „normal“ ist, oder wir nicht wüssten, wie wir es anders haben könnten.

„Ich kann und will Diskriminierungen nicht gegeneinander aufrechnen… Privilegien sind oft formbar, anpassungsfähig, mehrdeutig. Sie sind nicht universell. Ihre politische Wirkkraft ist stark gekoppelt an Kontexte und historische Gegebenheiten.“

Es gibt verschiedene Gründe für Diskriminierung: Hautfarbe, Geschlecht, Religion, sexuelle Ausrichtung, etc. Sie wirken sich in verschiedenen Situationen verschieden aus. Oft treten sie auch kombiniert auf. Hierarchien zu schaffen, welches die am schlimmsten betroffenen Opfer seien, dient der Sache nicht, da sie nur Spaltung unter den Opfern provoziert, statt diese zu vereinen im gemeinsamen Kampf gegen Diskriminierung auf allen Ebenen. Intersektionalität ist gefragt, nicht Hierarchie oder neue Formen des Ausschlusses.

Persönlicher Bezug

„Je konkreter ich meine Bedürfnisse formuliere, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich und andere Menschen sie befriedigen können. Desto verständlicher mache ich für mich und andere Menschen Verletzungen, an denen ich leide. Vielleicht hilft es mir zu heilen.“

Ich neige dazu, meine Bedürfnisse hintenan zu stellen und schweigend die anderen zu erfüllen. Ich merke zwar, dass ich innerlich ab und zu damit an Grenzen stosse, doch es fällt mir schwer, das zu durchbrechen, da ich ja genügen möchte, es den anderen recht machen möchte. Auf Dauer geht das selten gut, die eigene Unzufriedenheit wächst, weil man sich nicht gesehen fühlt, weil man zu kurz kommt. Und irgendwann ist auch das Fass voll und es kommt zu einer Reaktion, die aus dem Anstau von unbefriedigten Bedürfnissen resultiert und in der aktuellen Situation nicht angemessen ist.

„Doch gerade im Kontext romantischer Liebe habe ich oft Angst, konkret zu werden. Denn je konkreter ich formuliere, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass meine Bedürfnisse jenen anderer Menschen widersprechen. Dass ich vielleicht verurteilt werde.“

Schweigen aus Angst, abgelehnt zu werden – das ist der sicherste Weg ins Unglück. Und doch erscheint es oft als einfachster Weg.

Für mich hat das Buch ein paar interessante Einblicke gewährt, ein paar Denkanstösse gegeben, es brachte aber wenig Neues (Bücher rund um die Themen boomen grad, ich habe ja einige besprochen in der letzten Zeit, und sie erzählen alle in etwa das gleiche) und war mir teilweise zu sehr auf neue Beziehungsformen ausgerichtet und zu verallgemeinernd ablehnend gegenüber anderen.

Fazit
Ein gut lesbares Buch über die Liebe, Liebesformen und die Bedeutung von gesellschaftlichen Strukturen für dieselbe.

Autorin
Şeyda Kurt, geboren 1992 in Köln, studierte Philosophie, Romanistik und Kulturjournalismus in Köln, Bordeaux und Berlin und ist Journalistin und Moderatorin. Sie schreibt unter anderem für taz. Die Tageszeitung und ZEIT ONLINE. In der Kolumne Utopia bespricht sie für das Theater-Onlinemagazin nachtkritik.de kulturelle Repräsentationen von Liebe und Zärtlichkeit auf Theaterbühnen. Auf Twitter schreibt sie unter @kurtsarbeit über politische und soziologische Belange.

Angaben zum Buch
Herausgeber: HarperCollins; 7. Edition (20. April 2021)
Taschenbuch: 224 Seiten
ISBN-Nr.: 978-3749901142

Daniel Schreiber: Nüchtern

Inhalt

„Das Wissen, dass man zu viel trinkt, ist völlig nutzlos. Man trinkt nicht weniger, weil man weiß, dass man ein Problem hat. Man hört auch nicht damit auf, indem man analysiert, warum man trinkt. Man hört damit auf, indem man aufhört.“

Da Feierabendbier, der Gin mit Freunden, das Glas Rotwein zu Käse und Brot – was für eine Genuss. Was aber, wenn es nicht bei einem Glas bleibt? Was, wenn Alkohol immer mehr zum Leben gehört und sich dieses auch immer mehr um Alkohol dreht? Redet man sich anfangs selber schön, dass man kein Problem hat, weil man ja problemlos Pausen einlegen kann (Tage, Wochen, Monate gar), merkt man irgendwann, dass man dies zwar kann, aber trotzdem eine Schwelle überschritten ist, weil Alkohol vom Genuss zum Thema wurde.

Daniel Schreiber erzählt seine persönliche Geschichte mit dem Alkohol und die Entscheidung, keinen mehr zu trinken. Er liefert zudem Fakten und Zahlen über Alkoholkonsum, gesteigertes Risiko an Krankheiten und gefährliche Auswirkungen auf Zellen und das Gehirn.

Ein wichtiges Buch, das ohne zu moralisieren zum Nachdenken anregt.

Weitere Betrachtungen

„Die Fassaden, die man sich errichtet, sind mächtig. Sie gehören zu einem, man kann selbst gar nicht mehr sagen, wo sie aufhören und wo man selbst beginnt. Sie halten einen aufrecht.“

Die WHO-Aussagen, wie viel Alkohol gesund ist und wo eine Grenze überschritten wird, sind relativ klar und die Menge so klein, dass sie von vielen wohl schnell überschritten ist. Das muss nicht grundsätzlich auf ein Problem hinweisen, aber es kann – ein Problem, das man gerne verdrängt und schon gar nicht gegen aussen preisgibt. Es finden sich viele und gute Argumente, welche die Problematik des eigenen Alkoholkonsums nicht nur verdecken, sondern als nichtig erklären. Das Argument, dass man sofort aufhören könnte, wenn man nur wolle, man auch mal einen Monat ohne Alkohol ohne Probleme schaffe oder wöchentlich alkoholfreie Tage einlege, gehören zum Standardrepertoire. Was aber sagen sie wirklich aus?

„Jede Halbwahrheit, jede Lüge, die man sich selbst und anderen erzählt, geht auf Kosten der inneren Substanz, so lange, bis man irgendwann gar nicht mehr richtig weiß, wer man ist.“

Was man nach aussen vertritt, glaubt man sich auch oft selber. Man hüllt sich in eine (Schein-)Sicherheit und vermeidet, genauer hinter die Fassade des eigens aufgerichteten Lügengebäudes zu schauen. Ein paar alkoholfreie Tage, an welchen man sich schon aufs Wochenende freut und plant, welchen Wein man dann trinken will, mögen zwar weniger Alkohol im Blut bedeuten, nicht aber weniger im Leben. Wenn Anlässe immer automatisch mit Alkohol verbunden sind, dieser sogar einen Teil ausmachen, nimmt dieser einen grossen Raum im Leben ein – einen zu grossen?

„Man versteckt sie nicht bloß vor anderen Menschen, sondern auch und vor allem vor sich selbst. Man kann Scham hinter einer ganzen Reihe von Gefühlen verbergen, ohne dass es einem bewusst ist.“

Zuzugestehen, dass man ein Problem hat, ist mit Scham verbunden. Probleme sind etwas für Schwächlinge, für Verlierer. Gewinner haben Lösungen – oder stehen generell über allem. Sich und anderen einzugestehen, dass vielleicht doch nicht alles so perfekt ist, wie man gerne den Anschein machen möchte, braucht Mut. Das hängt sicher auch mit unserer Gesellschaft zusammen, in welcher Alkohol eine sozial akzeptierte, fast geförderte Droge ist. Trinkt man nichts, wird man gefragt, wieso. Wenn keine Schwangerschaft oder eine Krankheit (Alkoholismus sieht man nicht als solche, sondern als Schwäche) dahinter steckt, weckt das Misstrauen. Eigentlich traurig, dass es einfacher ist, weiterzutrinken, als hinzusehen und etwas zu unternehmen.

Persönlicher Bezug

«Scham wird von der Angst vor dem Verlust von Zuneigung und sozialem Prestige motiviert, von der Angst, aus sozialen Gruppen ausgeschlossen zu werden.»

Das Buch hat mich nachdenklich gemacht. Ich trank sehr lange keinen Alkohol, weil er mir nicht schmeckte, kam dann aber auf den Geschmack von Wein. Ein guter Weisswein zum Apéro, ein schwerer Rotwein zum Essen, ein Cava mit Freunden – ein Genuss. Die Notwendigkeit, aufzuhören, sah ich nicht, zumal all meine Werte vorbildlich sind und ich auch sonst keine gesundheitlichen Probleme habe. Da ich in einem Umfeld lebe, in dem gemeinsame Essen und damit auch immer sehr guter Wein oft vorkommen, war die Vorstellung, nicht zu trinken, schwierig. Die Angst, dann nicht mehr dazu zu gehören, war doch gross und das würde mir wehtun.

Wieso also bin ich trotz fehlendem zwingendem Grund und dieser Angst nachdenklich geworden? Die Selbstverständlichkeit, mit welcher Alkohol, welcher bei Lichte betrachtet keine leichte Droge sondern eigentlich ein Nervengift ist, getrunken wird (auch von mir), gefällt mir nicht. Ich bin zudem durchaus ein Mensch, der nicht ein Glas trinkt. Wenn das Glas da steht, fülle ich gerne nach, in fröhlicher Gesellschaft auch mal mehr. Ich würde trotzdem sagen, dass ich kein Alkoholproblem habe – und doch. Ich habe nach dem Lesen dieses Buches beschlossen, Alkohol mal für eine Weile aus meinem Leben zu streichen. Einfach als persönliches Experiment. Ich bin gespannt, ob sich etwas in meinem Leben, bei mir, verändert, wenn ich keinen mehr trinke.

Ich sage nicht, dass es für immer ist, möglich wäre es. Vielleicht trinke ich nach Ablauf der Frist wieder wie vorher. Vielleicht lasse ich ein paar spezielle Gelegenheiten, an denen ich ein Glas trinke mit Genuss und aus Nostalgie. Vielleicht war das letzte Glas Cava auch das letzte Glas Alkohol überhaupt. Ich bin gespannt. Alles ist möglich. Vielleicht schreibe ich irgendwann über meine Erfahrungen.

Fazit
Ein sehr persönliches, informatives, zum Nachdenken anregendes Buch über ein wichtiges und oft verkanntes Thema: Alkohollismus. Sehr empfehlenswert.

Autor
Daniel Schreiber, geboren 1977, lebt in Berlin. Er arbeitet als freier Autor u. a. für die Zeit, Deutschlandradio Kultur und die taz. 2007 erschien seine Susan-Sontag-Biographie Geist und Glamour.

Angaben zum Buch
Herausgeber: Suhrkamp Verlag; 6. Edition (11. April 2016)
Taschenbuch: 159 Seiten
ISBN-Nr.: 978-3518466711

Kate Manne: Down Girl

Die Logik der Misogynie

Inhalt

„Konstitutiv betrachtet, umfasst Misogynie in einem gesellschaftlichen Milieu die feindseligen Kräfte, a) mit denen eine (grössere oder kleinere) Gruppe von Frauen und Mädchen konfrontiert ist, eben weil sie Frauen und Mädchen…sind; undb) die zur Kontrolle und Durchsetzung einer patriarchalischen Ordnung dienen und sich in Verbindung mit anderen, sich überschneidenden Herrschafts- und Benachteiligungssystemen äussern…“

Kate Manne legt mit analytischer Klarheit und anhand von vielen Beispielen eine Studie über Misogynie, ihre Ursprünge, ihre Ausprägungen und ihre Auswirkungen vor. Sie zeigt deren Verankerung in Gesellschaft und Politik, beschreibt das ihr zugrundeliegende Frauenbild und die Mittel, mit welchen Misogynie betrieben wird. Neben einer klaren Begriffsanalyse, in welcher auch die Abgrenzung zum Sexismus definiert wird, behandelt die Philosophin verschiedene Probleme beim Umgang mit der Misogynie, sie schreibt von der Bedrohung von Frauen, von der Verharmlosung und Ignoranz gegenüber Taten und Tätern, vom Misstrauen gegenüber Opfern und damit einhergehenden weiteren Herabsetzungen derselben.

Weitere Betrachtungen

„Somit dient Misogynie dazu, vor dem Hintergrund anderer sich überschneidender Systeme von Unterdrückung, Verwundbarkeit, Dominanz und Benachteiligung sowie unterschiedlicher materieller Ressourcen, fördernder beziehungsweise hemmender Gesellschaftsstrukturen, Institutionen, bürokratischer Mechanismen usw. die Unterwerfung der Frauen durchzusetzen und zu überwachen und männliche Herrschaft aufrecht zu erhalten.“

Misogynie ist nicht einfach ein jeweils einzelner Fall von Herabsetzung oder Beleidigung, sie ist ein strukturelles Mittel, eine Eigenschaft gesellschaftlicher Verhältnisse, um Frauen in patriarchischen Gesellschaften zu unterdrücken.

„Ich beschreibe Misogynie als System feindlicher Kräfte, das im Grossen und Ganzen aus Sicht der patriarchalischen Ideologie insofern sinnvoll ist, als es die patriarchalische Ordnung wirkungsvoll durchsetzt und kontrolliert.“

Die Problematik liegt also dabei darin, dass das System, welches die Misogynie hervorbringt und pflegt, auch das System ist, vor welchem man Fälle davon behandeln würde. Es sind Polizisten und Richter aus ebendem System, welche darüber entscheiden, ob ein Fall von Misogynie geahndet werden muss. Dass dabei die Entscheidung oft negativ ausfällt, scheint auf der Hand zu liegen, auf alle Fälle sprechen die entsprechenden Fälle eine dementsprechende Sprache.

„Wenn unsere Loyalität dem Vergewaltiger gilt, fügen wir den Verletzungen, die er seinen Opfern beigebracht hat, noch eine tiefgreifende moralische Kränkung hinzu.“

Viele Vergewaltigungen kommen nicht zur Anzeige aus Angst des Opfers vor dem, was es dabei durchmachen müsste. Doch auch viele zur Anzeige gebrachten Fälle gehen straffrei aus, wobei die angeführten Gründe dafür vielfältig sind und im Schlimmsten Fall sogar dem Opfer zugeschrieben werden (zu kurzer Rock, zu anzügliches Verhalten, etc.). Dass dabei nicht nur ein Verbrechen ungesühnt bleibt, sondern auch ein Opfer zum zweiten Mal zum Opfer gemacht wird, wird ignoriert.

Opfer von Misogynie nicht ernst zu nehmen, sie als Lügner abzustempeln oder ihnen mangelnde Widerstandsfähigkeit vorzuwerfen, stellt nicht nur eine weitere Abqualifizierung einer schon zum Opfer gemachten Frau dar, dieses Verhalten dient der Verstärkung der Misogynie und entspringt denselben Mechanismen, denen auch diese selber entspringt: Einem patriarchalischen Weltbild, einer Ideologie, welche sich durch solche Verhaltensweisen ausdrückt und selber am Leben lässt. Es gilt, diese Strukturen und Verhaltensweisen aufzudecken, anzuprangern und auszurotten. Es darf nicht sein, dass sich ein so frauenverachtendes und diese herabsetzendes Verhalten immer weiter in die DNA unserer Gesellschaft einfrisst und diese auf eine Weise prägt, welche gefährlich ist für die, welche unterdrückt werden, weil es deren körperliche und seelische Integrität bedroht.

Kate Manne hat sich in diesem Buch einem wichtigen und aktuellen Thema angenommen, das bislang in der Literatur zu kurz kam. Sie hat – wohl um einer besseren Anschaulichkeit willen, diverse (teilweise willkürlich gewählt wirkende) Beispiele angefügt, welche sie in einer seitenlangen Ausführlichkeit darlegt und auf die sie im Laufe des Buches auch immer wieder zurück kommt. Dieses Vorgehen stört den Lesefluss dessen, dem es um eine reine konzise Beschreibung des Begriffes geht, es macht das Lesen anstrengend und dehnt es unnötig aus. Das Buch weist einen wissenschaftlichen Duktus auf, hält diesen Schein dann aber formal nicht wirklich ein. Zudem stellt Kate Manne viele Fragen und Vermutungen in den Raum, bleibt aber oft die Antworten schuldig. Trotz allem ist das Buch empfehlenswert, wenn auch nicht frei von Mängeln.

Persönlicher Bezug

„Daraus folgt, dass wir Grund haben, kritisch zu sein und an unseren Instinkten zu zweifeln, wenn wir den Eindruck haben, eine Frau „spiele das Opfer“, ziehe die Gender-Karte oder sei allzu dramatisch… Ihr Verhalten mag nicht deshalb herausstechen, weil wir es nicht gewöhnt sind, dass Frauen in diesen Zusammenhängen das ihnen Zustehende einfordern.“

Misogynie kann auch im Kleinen gefunden werden, in so genannt witzigen, eigentlich aber abwertenden Bemerkungen. Frauen werden oft dazu erzogen, still zu sein, Dinge hinzunehmen, nicht zu laut aufzubegehren. Werden sie dann beleidigt und klagen das lautstark an, werden sie schnell belächelt und gar verspottet, man hört Aussagen wie „nun hab’ dich doch nicht so!“, „das war doch nur witzig gemeint“ und dergleichen mehr. Und ja, man fühlt sich als Frau dann humorlos und fragt sich, ob man wirklich übertreibt.

Witze, die Menschen herabsetzen, sind nicht lustig. Sie sind beleidigend und unnötig. Humor ist eine Tugend und das Leben ist schöner damit, dies gilt aber nur, wenn die Witze nicht dazu dienen, Hierarchien zu schaffen, den einen über den anderen zu stellen. Witze sollten nie verletzen, sie sollten nie herabsetzen. Tun sie das, sind es keine Witze und das muss gesagt werden dürfen. Wer das nicht begreift, hat nicht nur ein Humor-Problem, sondern auch eines im respektvollen Umgang mit Menschen. Dies dem Frieden zu liebe zu ignorieren, mag eine lange eingeübte Verhaltensweise sein, aber keine, welche auf lange Frist jemandem dient. Schon gar nicht dem Herabgesetzten.

Fazit
Ein analytisches, differenziertes, sehr (zu?) umfangreiches Buch über den Begriff der Misogynie, deren Ursprünge und Auswüchse. Empfehlenswert.

Autorin
Kate Manne ist Assistant Professor of Philosophy an der Cornell University, außerdem schreibt sie für die New York Times, Times Literary Supplement, Newsweek und The Huffington Post. Für ihre Forschung wurde sie u.a. mit dem General Sir John Monash Award ausgezeichnet, der herausragende australische Wissenschaftler*innen fördert. Ihr Buch Down Girl wurde von Times Higher Education und der Washington Post zu einem der besten Bücher des Jahres 2017 gekürt.

Angaben zum Buch
Herausgeber: Suhrkamp Verlag; 1. Edition (20. Juli 2020)
Taschenbuch: 512 SeitenISBN-Nr.: 978-3518299197

Sophie Passmann: Alte weisse Männer

Ein Schlichtungsversuch

Inhalt

„Männer, die einigermassen wachen Auges durch die Welt schreiten, werden anerkennen, dass ihr bisher schier uneingeschränkter Zugang zu Teilhabe und Mitsprache in Gremien, Parlamenten, Institutionen und Ämtern nie wirklich zweifelsfrei zustand. Die anderen scheinen den Feminismus in ihren Bestrebungen für etwas Lächerliches zu halten, sie betrachten den Wandel nicht als logische Konsequenz einer aktuellen Ungerechtigkeit zwischen Männern und Frauen, sondern als lästige Option, über die man sich nur lang genug lustig machen müsse, damit sie verschwindet.“

Wer ist das, dieser alte weisse Mann? Ist er wirklich an allem schuld? Wie wird einer ein alter weisser Mann und kann er auch wieder ein anderer werden? Gar Feminist? Sophie Passmann trifft Männer, die in die Kategorie des alten weissen passen könnten und unterhält sich mit ihnen über Feminismus, über Rollenbilder, über Klischees. Entstanden ist ein kurzweiliges, gut lesbares, unterhaltsames Buch, das mit einigen Vorurteilen aufräumen kann, zeigt, dass Feminismus auch dort gelebt werden kann, wo er nicht vermutet oder als solcher deklariert wird, und Hoffnung macht, dass Veränderungen zum Guten im Gange sind.

Weitere Betrachtungen

„Ich denke, man meint damit eine Kultur, die von sich selbst annimmt, dass sie dominant ist, sowohl ökonomisch wie in der Geschlechterpolitik, wie global gesehen. Und deswegen ist der Kontrollverlust des alten weissen Mannes gleichbedeutend mit dem Niedergang des Westens, der westlichen Dominanz der Industriegesellschaft.“ (Robert Habeck)

Robert Habeck bringt den Begriff „Alter weisser Mann“ gleich am Anfang auf den Tisch und zeigt, dass es sich dabei eher um ein patriarchalisches Konstrukt als um einen konkreten Mann handelt. Es ist wichtig, die fehlende Gleichberechtigung nicht bei einzelnen Individuen anzuklagen, sondern sie im grossen Zusammenhang zu sehen. Die Gesellschaft mit ihren Strukturen und Institutionen ist über Jahrzehnte gewachsen, das Patriarchat hat sich gefestigt und für eine Gruppe von Menschen so bewährt, dass die Gefahr des Verlusts nicht einfach so hingenommen werden will.

„Wir leben in einer patriarchalen Gesellschaft, bis heute. Unsere kulturelle Prägung beruht auf der Übermacht des Mannes, diese Übermacht durchzieht ausnahmslos jeden gesellschaftlichen, politischen und persönlichen Bereich unseres Lebens.“ (Robert Habeck)

Was so lange währt, hinterlässt tiefe Spuren, die sich nicht von heute auf morgen tilgen lassen. Verhaltensmuster sind – bei Männern und Frauen – tief eingeprägt, die eigenen Privilegien durch das System jeweils bekannt, die Angst, daran etwas zu ändern und den eigenen Status zu verlieren, gross. Es ist nötig, sich diesen oft unbewussten Prozessen bewusst zu werden, sie zu analysieren und Wege zu finden, sie zu durchbrechen.

„Es hilft gerade in unserer Zeit, die ja eigentlich nur noch geprägt ist von Lagerbildung, wenn man zumindest mal die Bereitschaft hat, die andere Seite anzusehen… Aufgelöst können die [Lager] mit Augenzwinkern und Selbstironie und vor allem Leichtigkeit. Es kann auch nie schaden, die eigene Fehlbarkeit vielleicht mal wieder ein bisschen mehr in den Fokus der eigenen Betrachtung zu rücken.“ (Micky Beisenherz)

Gerade wenn es darum geht, Unterdrückung aus der Welt zu schaffen, ist es widersinnig, neue Fronten zu bilden. Fronten sind immer dazu da, Hierarchien zu schaffen und damit neuen Formen von Abwertungen Platz zu schaffen. Anders denkende Menschen denken haben oft Gründe für ihr Anders-Denken. Um eine gemeinsame Basis zu finden, ist es wichtig, den Dialog zu suchen, um diese zu verstehen. Dies gelingt oft besser mit etwas Leichtigkeit statt nur mit Verbissenheit.

„Du musst Leute haben, die den Mumm haben, zu stören, diese heile Welt, die es ja gar nicht gibt, wie soll es anders gehen?“ (Claus von Wagner)

Natürlich wünschen wir uns eine harmonische Welt, eine friedliche Welt, Konflikte zu vermeiden ist oft einfacher als sie auszufechten. Trotzdem werden wir nichts ändern, wenn wir Dinge unter den Teppich kehren, wenn wir die Augen verschliessen vor Missständen, wenn wir um des lieben Friedens Willen einfach schweigen. Wenn ein Missstand da ist, muss er angesprochen werden. Wenn er aus der Welt geschafft werden soll, braucht das Einsatz – auch wenn dieser nicht immer angenehm, bequem und nett ist.

„Wer Frauen erst gleich behandelt, weil ein Gesetz ihn dazu zwingt, behandelt Frauen in allerletzter Konsequenz nicht gleich. Das kann man als humanistische Romantik abtun, eigentlich sollte es aber zum Selbstverständnis jedes aufgeklärten Mannes gehören.“ (Kevin Kühnert)

Brauchen wir eine Quote oder ist sie nicht auch eine Form der Nicht-Anerkennung der Leistung? Wenn jemand eine Stelle nur kriegt, weil eine Quote besteht, kann er auf diese Stelle stolz sein? Doch was, wenn sich ohne Quote nichts ändert, weil die Mechanismen zu tief gefestigt und die ungerechte Verteilung damit zu festgefahren ist? Wäre Bewusstseinsbildung nicht wichtiger als Quoten? Eine Thematik, die in dem Buch angesprochen wird und zum weiteren Nachdenken anregen soll.

Persönlicher Bezug

«Jede Frau, die Feminismus ernsthaft betreibt, muss sich von der Idee verabschieden, sich damit bei einem Grossteil der Männer beliebt zu machen. Feminismus ist, wenn er radikal im eigentlichsten Sinne des Wortes betrieben wird, unbequem, anstrengend, omnipräsent und lästig.»

Feminismus ist nichts für brave Mädchen, die gefallen wollen. Beschäftigt man sich mit der Thematik, muss man sich darauf einstellen, dass einem im besten Fall dumme Sprüche und anzügliche Bemerkungen begegnen, im schlimmsten Fall wird man zur Persona non grata, zum Feindbild. Dass dem so ist, hängt sicher zum grossen Teil damit zusammen, dass in vielen Köpfen zu viele Klischees vorhanden sind, wie Feministinnen sind und was Feminismus will. In der Abwertung von beidem liegt sicher viel Unsicherheit und auch Angst, Angst darüber, was die Konsequenz sein könnte, wo man steht, wenn plötzlich an den hergebrachten Strukturen gerüttelt wird. Ich bin überzeugt, dass Feminismus – so wie ich ihn verstehe – schlussendlich allen zu Gute kommt, weil er damit aufräumen will, Menschen in vorgefertigte Rollen zu packen, die diese dann ausfüllen müssen. Unsere vorgefertigten Rollenmodell unterdrücken nicht nur Frauen und berauben sie der gleichberechtigten Teilhabe in unserem Gesellschaftssystem, es setzt auch Männer unter einen – oft kaum zu bewältigenden – Leistungs- und Erwartungsdruck.

„Theoretisch können alle mit allen ins Gespräch kommen, die eigenen Standpunkte vergleichen und meinetwegen am Ende weiterhin darauf beharren. Die Welt wird dadurch nicht zwangsweise einfacher, aber aus jeder Chiffre wird dann plötzlich ein Mensch.“

Wichtig für eine gelingende Sache ist – ich werde wohl nie müde, das zu sagen – dass wir zu einem Miteinander kommen, dass wir uns nicht hinter den Fronten der eigenen Argumente verschliessen und alles andere abprallen lassen. Nur wenn wir als pluralistische Gesellschaft miteinander in einen Dialog treten, können wir auch erwarten, dass wir als pluralistische Gesellschaft gleichberechtigt leben können.

Zum Thema des alten weissen Mannes und mehr habe ich kürzlich den Artikel geschrieben: Die Schöne und das Biest

Fazit
Ein gut lesbares, unterhaltsames und doch auch informatives Buch zum Begriff des alten weissen Mannes, zum Feminismus sowie ein Versuch, Verbindendes zu finden oder Brücken zu schlagen. Sehr empfehlenswert.

Autorin
Sophie Passmann, 1994 geboren, ist Satirikerin, Autorin und Moderatorin. Ihr Buch „Alte weiße Männer“ stand wochenlang auf der SPIEGEL-Bestsellerliste, sie schreibt eine monatliche Kolumne im ZEIT Magazin und war Ensemble-Mitglied beim Neo Magazin Royale. Sie twittert mehrmals täglich, ohne, dass sie jemand darum bittet. 

Angaben zum Buch
Herausgeber: KiWi-Taschenbuch; 12. Edition (7. März 2019)Taschenbuch: 288 SeitenISBN-Nr.: 978-3462052466

Carolin Emcke: Ja heisst ja und…

Ein Monolog

Inhalt

«Ich schreibe, als ob ich murmeln würde: leise, mehr vor mich hin als schon an andere gerichtet. Es ist eher ein Nachdenken mit der Tastatur. Schreibend denkt es sich genauer.»

Die #MeToo-Debatte hat ein Thema zum Gespräch gemacht, das vorher totgeschwiegen wurde: Sexuelle Gewalt. Wie werden Machtstellungen missbraucht, um Menschen auszunutzen? Wo kommt diese Gewalt her und wie können wir die zugrundeliegenden Strukturen entlarven und aufbrechen? Wie können wir unsere Welt zu einer sichereren für alle machen, zu einer, in welcher wir gleichberechtigt miteinander leben?

Carolin Emcke nimmt sich diesen Fragen an, obwohl sie schon am Anfang weiss, dass es schwer sein wird, abschliessende Antworten zu finden. Anhand von persönlichen Erlebnissen und Analysen der Gesellschaft, versucht sie die komplexen Verhältnisse von Macht, Gewalt, Sexualität und Lust zu durchdringen. Entstanden ist ein Monolog, der zum Dialog mit dem Leser aufruft.

Weitere Betrachtungen

«Um etwas kritisieren zu können, muss man es sich vorstellen können und wollen. Um sich etwas vorstellen zu können, muss man es benennen können. Wenn Gewalt abstrakt bleibt, wenn es für sie keine konkreten Begriffe und Beschreibungen gibt, bleibt sie
unvorstellbar,
unwahrscheinlich,
unantastbar.»

Viele Themen werden todgeschwiegen, als denke man, sie existieren nicht, wenn man nicht darüber spricht. Dazu kommt, dass Themen wie Sexualität und sexueller Missbrauch mit Scham und oft auch Schuld behaftet wird. Das ist bei der einvernehmlich gelebten Sexualität schon schade, aber bei sexueller Gewalt ist es verheerend. Wenn Opfer von Missbrauchserfahrungen zum Schweigen verdammt sind, weil sie nicht wissen, wie und mit wem sie über ihre Erfahrung reden können, wenn sie keine Worte dafür haben, was passiert ist, keine Sprache, die Tat und Leid abbilden, bleiben sie damit allein, ungesehen, verletzt.

«Ist ahnungslos, wer erwartet, nicht gedemütigt zu werden?
Ist selbst schuld, wer erwartet, nicht belästigt zu werden?»

Zur Sprachlosigkeit kommt die Angst: Wenn Opfer von sexueller Gewalt befürchten müssen, dass ihnen nicht geglaubt wird, man sie selber oft zum (Mit-)Schuldigen macht, werden sie es sich zweimal überlegen, ob sie das tun sollen, da sie dadurch quasi einen zweiten Missbrauch erleben würden. Sexuelle Gewalt ist nie die Schuld des Opfers, egal, ob dieses einen kurzen Rock trug, sich in düsteren Etablissements aufhielt (zumal der häufigste Missbrauch im Freundes- und Familienkreis vorkommt) oder dergleichen. Sexueller Missbrauch ist ein Unrecht, ist eine begangene Tat von einem Täter, welcher allein die Schuld daran trägt. Solange dieses nicht endlich in allen Köpfen angekommen ist, werden Opfer sich zusätzlich zur Tat auch noch mit Schuld- und Schamgefühlen quälen.

«Ohne die Fähigkeit und Möglichkeit des Nachdenkens jenseits der eigenen Bedürfnisse, jenseits der eigenen Gruppe, Klasse, Lebensform, ohne das Entwickeln von Begriffen und Vergleichen zwischen unterschiedlichen Erfahrungen kann keine Gerechtigkeit, keine Anerkennung, keine Freiheit gedacht werden.»

Bei verschiedenen Diskriminierungsformen, sei es Sexismus, Rassismus oder die Ungleichbehandlung aufgrund des Geschlechts, gibt es immer wieder Stimme, die finden, dass Ihnen nie etwas passiert sei. Das ist toll, nur hilft es denen, denen es passierte, nicht. Auch Vorschläge, man solle weniger empfindlich sein, sich halt wehren, alles nicht so eng sehen, gehen am Ziel vorbei, da ein strukturelles Unrecht ein Unrecht bleibt und nicht durch ein dickes Fell im Einzelfall zu beheben ist. Ob es wünschenswert ist, immer auf der Hut und im Abwehrmodus zu sein, weil es normal scheint, angegriffen zu werden, stellt sich als weitere Frage – ich denke nein. Wollen wir wirklich eine Welt, in der Gerechtigkeit und Freiheit Werte sind, die gelebt werden, brauchen wir den Blick aufs Grosse Ganze, über den eigenen Tellerrand hinaus. Wir brauchen die Empathie, uns in das Leid der Opfer von Diskriminierung hineinzufühlen und die Bereitschaft, Missstände verstehen zu wollen.

Persönlicher Bezug

«Ob wir nachhaltig etwas verändern, wird nicht zuletzt davon abhängig, ob Männer auch als Verbündete wahrgenommen und angesprochen werden…ob wir nachhaltig etwas verändern, wird auch davon abhängen, ob wir das Wir… immer wieder erweitern, damit sich mehr Menschen mit den unterschiedlichen Erfahrungen angesprochen fühlen.»

Ich mag keine Fronten, keine Grenzen – und doch sieht man sie, erlebt man sie immer wieder im Leben. Sobald du anders bist, sprich, von anderen als anders definiert wirst, womit sie sich implizit als Norm setzen, bist du auf der Gegenseite. Unser Weltbild ist so aufgebaut, das geht bis zu den weisen Griechen zurück und zieht sich durch die ganze (Philosophie)Geschichte. Zu denken, dass wir da einfach mal ausbrechen können, ist wohl eine Illusion. Und doch denke ich oft, es wäre der einzige Weg hin zu einem Miteinander, bei welchem ich immer denke: «Gemeinsam sind wir stark.» Wenn wir die Welt verändern wollen, die eine gemeinsame Welt sein soll (manchmal kommt es mir so vor, als ob jeder denkt, einer anderen Welt anzugehören, weswegen er sich locker abgrenzen kann), sollten wir unsere Kräfte bündeln.

Ich sehr heute oft das Gegenteil: Gruppierungen, die sich hohe Ziele wie Gerechtigkeit, Antirassismus, Antiklassismus, Antisemitismus, Sexismus, und mehr auf die Fahnen schreiben, schiessen locker gegen andere, obwohl eigentlich klar ist, dass alles zusammenhängt, dass all die Formen des Unrechts gegen Menschen ähnlichen Ursachen geschuldet sind und Menschen auch oft kumuliert treffen.

In der östlichen Philosophie herrscht das Bild, dass wir alle eins sind, dass alles miteinander verbunden ist, vor. Ein Bild ist, dass wir die Welt durch den Atem in uns aufnehmen und uns an die Welt abgeben. Ich mag dieses Bild. Nun ist es nicht so, dass alle Asiaten durch diese Philosophie friedliche Menschen wären, aber es kümmert sich ja auch nicht jeder um Philosophie im Alltag. Manchmal wäre es wünschenswert.

Fazit
Ein mitreissender, tiefgründiger, intelligenter Monolog über Gewalt und Missbrauch sowie unseren Umgang damit. Sehr empfehlenswert.

Autorin
Carolin Emcke, geboren 1967, studierte Philosophie in London, Frankfurt/Main und Harvard. Sie promovierte über den Begriff »kollektiver Identitäten«.
Von 1998 bis 2013 bereiste Carolin Emcke weltweit Krisenregionen und berichtete darüber. 2003/2004 war sie als Visiting Lecturer für Politische Theorie an der Yale University.
Sie ist freie Publizistin und engagiert sich immer wieder mit künstlerischen Projekten und Interventionen, u.a. die Thementage »Krieg erzählen« am Haus der Kulturen der Welt. Seit über zehn Jahren organisiert und moderiert Carolin Emcke die monatliche Diskussionsreihe »Streitraum« an der Schaubühne Berlin. Für ihr Schaffen wurde sie mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Theodor-Wolff-Preis, dem Otto-Brenner-Preis für kritischen Journalismus, dem Lessing-Preis des Freistaates Sachsen und dem Merck-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. 2016 erhielt sie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Bei S. Fischer erschienen ›Von den Kriegen. Briefe an Freunde‹, ›Stumme Gewalt. Nachdenken über die RAF‹, ›Wie wir begehren‹, ›Weil es sagbar ist: Über Zeugenschaft und Gerechtigkeit‹ sowie ›Gegen den Hass‹.

Angaben zum Buch
Herausgeber: ‎ ‎ S. FISCHER; 3. Edition (22. Mai 2019)
Gebundene Ausgabe: 112 Seiten
ISBN-Nr.: 978-3103974621

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