5 Inspirationen – Woche 17

Diese Woche durften hier die Terrassen der Restaurants wieder öffnen. Das Wetter spielte mit und es war, wann immer ich vorbeifuhr, alles voll, Lebensfreude sprudelte regelrecht von den Tischen. Das unbeschwerte Miteinander ist wohl für viele das, was wirklich fehlt. Ich bin dankbar, konnte ich das diese Woche dreimal im privaten Rahmen geniessen. Der persönliche Austausch, das Hinaustreten aus dem eigenen Denk-Universum und das Erleben von Freundschaften, von Austausch, von Miteinander ist auch für einen eher introvertierten Menschen wie mich immer wieder wertvoll.

Was ist mir diese Woche begegnet, hat mich diese Woche inspiriert?

  • Im Zusammenhang mit einem der drei oben genannten Treffen erreichte mich dieses Zitat von Viktor Frankl, den ich schon lange thematisch studiere und als gedanklich wertvoll erachte:

„Wir sind nicht verantwortlich für die Zeit, in der wir leben, aber wir sind verantwortlich dafür, wieweit wir diese Zeitströmungen mitprägen oder ihnen auch gegenhalten.“

Wir können die Zeiten nicht ändern, in denen wir leben, wir können auch gewisse Einflüsse von aussen nicht ändern, aber wir können doch bestimmen, wofür wir in unserem eigenen Leben verantwortlich sein wollen. Wir können Grenzen setzen für uns persönlich (nicht für die ganze Welt und missionarisch), müssen aber dann bereit sein, den Preis zu zahlen. Ich wünsche mir manchmal ein beherzteres «Nein» zu Dingen, die mir wirklich widersprechen. Aber: Das liegt dann allein in meiner Macht. Ich muss ja nicht jeden Trend mitmachen, muss nicht jeder Mode entsprechen, muss auch nicht mit dem Mainstream schwimmen – aber es wird etwas mit sich bringen.

  • Ich hörte einen Podcast. Ich habe überhaupt keine Lehre draus gezogen. Wobei. Das stimmt nicht, wohl ganz viele. Aber hauptsächlich war ich unterhalten, habe laut gelacht, war begeistert, die Zeit flog förmlich beim Hören. Das allein ist schon so wertvoll. Ich kann ihn nur ans Herz legen: Der Podcast vom Spiegel mit Joachim Meyerhoff. Hinsetzen, reinhören, geniessen. Danach ist alle schlechte Laune verflogen – und ja… so ein paar Gedanken zu sich selber macht man sich durchaus auch. 
  • Ich schaute am Wochenende die Regenprognosen an: Nur Regen… über Tage. Grau in Grau. Und ich fand das keine wirklich erbauliche Aussicht. Am Montag war der Tag dann doch etas sonnig, der Regen blieb aus, am Dienstag ebenso. Am Mittwoch hiess es, er käme, kam aber nicht, am Donnerstag war er dann da… die weiteren Prognosen verheissen immer noch nichts Gutes. Was mich daran inspiriert? Oft wird alles nicht so schlimm, wie es scheint, und: Ich mag das leise Prasseln am Fenster irgendwie auch. Sicher nicht über Tage, aber so im Moment ist es durchaus schön.
  • Vor ungefähr vier Jahren gab es einen grossen Bruch in meinem Leben – alles, was mal war, brach weg…Vor etwa drei Jahren trat ich in ein ziemlich neues Leben ein. Ich hatte wunderbares Neues gefunden, manche Dinge mit viel Schmerz und Tränen verloren, einiges suchte ich. Und ich musste mich in diesem Neuen einrichten und ich war unsicher. Und wenn ich heute zurück blicke, sehe ich ganz viel Schönes, sehe eine Veränderung auch bei mir selber, sehe, dass ich an all den Herausforderungen gewachsen bin. Ich habe seit Jahren, Jahrzehnten schon ein Lebensmotto, das ich einer Gedichtzeile von Rainer Maria Rilke entnahm:

«Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen…»

Ich nehme aus allem etwas mit, auch aus dem Schweren. Und ich wachse daran. Und nur so geht es weiter.

  • Ich sitze ganz oft am Donnerstag da und denke an meinen Vorsatz, jeden Freitag fünf Dinge zu haben, die mich in der Woche inspirierten. Anfangs hatte ich alle beisammen, das nahm dann ab, in letzter Zeit habe ich am Donnerstag wenig bis nichts. Und jedes Mal denke ich, es dieses Mal nicht zu schaffen. Und dann setze ich mich doch hin und überlege. Ich lasse die Woche Revue passieren und eines nach dem anderen stellt sich ein. Und ich habe gemerkt, dass mir auch dieser Prozess wirklich gut tut, weil ich mir nochmals bewusst vor Augen führe, was ich alles Wunderbares hatte diese Woche. Es wäre sonst einfach verpufft. So freute ich mich nochmals drüber. Vielleicht sollten wir das öfters tun: Wenn wir denken, dass die Zeit sinn- und nutzlos verstrichen ist, einfach mal zurückschauen. Hinschauen. Und merken, dass da ganz viele Dinge waren, die schön waren, bereichernd, sinnstiftend. (Und wer weiss… vielleicht gibt es irgendwann einen Freitag, an welchem nichts mehr kommt… aber das dürfte dann nach so vielen bereichernden Wochen auch mal sein. Irgendwie)

Ich hoffe, es war was für euch dabei, das euch angesprochen hat. Wenn ihr etwas habt, das euch diese Woche angesprochen, bewegt, inspiriert hat – ich würde mich freuen, wenn ihr davon berichten würdet. Ich wünsche euch ein schönes Wochenende und einen guten Start in die neue Woche!

5 Inspirationen – Woche 16

Schon wieder ist eine Woche um, zwar verändert sich in meinem Leben ja selten viel, da ich darum bemüht bin, es möglichst gleichförmig zu halten – und aktuell ist auch wenig drüber hinaus möglich. Das Highlight der Woche war sicher, dass meine Mutter in meine Nähe zog. Wir waren über Jahrzehnte lokal weit gestreut, der Kontakt war eher wenig. Ich freue mich auf hoffentlich noch ganz viele wunderbare gemeinsame Zeiten. Ansonsten bin ich dankbar für alles, was gut ist, stosse ab und zu an eigene Grenzen, nehme sie wahr, hadere weiter und versöhne mich. Leben halt.  

Was ist mir diese Woche begegnet, hat mich diese Woche inspiriert?

  • Diese Woche wurde mir etwas bewusst, das ich zwar schon wusste, das ich mir aber wohl immer wieder neu vor Augen führen muss: Ich bin in meiner Art des Seins wohl eher eigen. Ich bin ein Mensch, der viel Zeit für sich, für seine Projekte braucht, ein Mensch, der schnell an Grenzen stösst, wenn zu viele Menschen etwas wollen oder schlicht da sind, wenn zu viele Termine in der Agenda stehen. Für andere Menschen mag das anders sein, doch hilft mir das nichts. Ich bin, wie ich bin. Es tat mir gut, in einem Podcast eine Schriftstellerin sagen zu hören:

„Mir ging es in dieser Coronazeit sehr gut, endlich hatte ich Ruhe, endlich wollte keiner mehr was von mir, endlich musste ich das Haus nicht mehr verlassen.“

Und auch sie hat sich diese Pandemie nicht gewünscht, auch sie hatte grosses Mitgefühl für all diejenigen, die auf ganz verschiedenen Ebenen leiden darunter. Aber sie empfand für sich selber so. Und das tue ich auch. Ich nenne diese Erkenntnis „Mut, ich selber zu sein und dazu zu stehen“.

  •  Ich hörte den Podcast „Hotel Matze“, dieses Mal mit dem Philosophen Markus Gabriel zur Frage, wie Philosophen über die Zeit nachdenken. Es ging darin um Themen wie die Schere zwischen Arm und Reich und was man dagegen tun könnte, um das Aufräumen mit Feindbildern durch eine klarere Sicht auf sich selber, um das Lernen und den Umgang mit Fehlern – und vieles mehr. Ein schönes Zitat aus dem Podcast:


Moralischer Fortschritt geschieht dann, wenn wir neue Erkenntnisse darüber gewinnen, was wir tun und was wir lassen sollten.“

Und noch ein Podcast hat mich diese Woche inspiriert und bewegt, da er ein Thema behandelt, das mir auch am Herzen liegt: Der Bücher-Podcast der FAZ zum Buch «Lesen macht stark». (Die Rezension zum Buch wird noch folgen). Darin wurde das Thema «Leseförderung» angesprochen, ein Feld, in dem ich mich auch noch mehr engagieren möchte. Wenn man weiss, dass (in Deutschland – in der Schweiz sind die Zahlen wohl ähnlich und sie stammen von vor Corona… eventuell gab es da noch eine Verschiebung) 18% der Kinder in der 4. Klasse nicht sinnentnehmend lesen können (sie kennen zwar die Buchstaben, verstehen aber den Sinn dessen, was sie lesen nicht), dass es in der 1. Sekundarstufe schon 21% sind und insgesamt 1/3 der nichtgymnasialen Abgänger ebenso strukturelle Analphabeten sind, dann zeigt sich da ein Handlungsbedarf. Dabei denke ich nicht an Lesezwang oder ähnliche Unsinnigkeiten, sondern daran, Kindern Freude am Lesen zu vermitteln durch das Einbinden von Lesen in gemeinsame Erlebnisse. Und so einiges mehr. (Mehr würde diesen Rahmen sprengen, aber auch darüber werde ich noch genauer schreiben).

  • Prokrastination ist etwas, das ich fast in Perfektion beherrsche. Ich setze mich am Morgen – eigentlich guten Mutes – an meinen Schreibtisch und verzettle mich dann völlig. Lese meine Mails, statt mit meiner Arbeit zu beginnen, bleibe bei einem hängen, dieses führt zum nächsten, und so finde ich mich schon bald dabei kreuz und quer durchs Netz zu lesen, durchaus spannende und interessante Artikel, aber halt nicht das, was ich mir vorgenommen habe. Ab und an geschieht das unbewusst, ab und an schiebe ich wirklich bewusst auf, weil ich irgendwie eine Ladehemmung habe. Die Frustration über das Liegengebliebene ist verständlicherweise gross, zumal es eigentlich Herzensprojekte sind, die ich aufschiebe. Diese Woche war ich wieder einmal dabei und sagte dann „stopp“. Und ich „zwang mich, alles auszuschalten und mich an meine Arbeit zu setzen. Und siehe da. Sobald ich angefangen hatte, lief es wie von selber, es machte Spass, ich kam voran und war danach richtig erfüllt. Ab und an muss man seinen eigenen inneren Schweinehund in die Schranken weisen – das ist im Moment schwierig, danach aber so bereichernd.
  • Kürzlich machte ich mir Sorgen um einen lieben Menschen. Da ich mir das nicht anmerken lassen wollte, überspielte ich diese Sorge mit gut gemeinten (kennt ihr den Ausspruch *gut gemeint ist der kleine Bruder von scheisse gemacht“ oder habe ich den erfunden? Ist zumindest meine Überzeugung) Sprüchen, die Fürsorge zeigen sollten, aber wohl davon ziemlich weit entfernt waren. Nicht, weil ich diese nicht haben wollte, im Gegenteil, aber ich wollte dem Betroffenen nicht mit meiner besorgten Haltung zur Last fallen. Und ich habe wohl genau damit alles falsch gemacht, was man falsch machen konnte. Weil: Ich war nicht mehr verständlich. Zumindest nicht für einen Menschen, der hinsieht, mich kennt, „mit dem Herzen sieht“. Ich wäre es wohl auch für den Rest nicht gewesen, was bleibt: Sich verstellen bringt wenig – und wenn, dann nur bei Menschen, die eigentlich nicht zählen sollten, da sie so weit weg sind, dass weder sie mich noch ich sie betreffe. So wirklich.

Ich hoffe, es war was für euch dabei, das euch angesprochen hat. Wenn ihr etwas habt, das euch diese Woche angesprochen, bewegt, inspiriert hat – ich würde mich freuen, wenn ihr davon berichten würdet. Ich wünsche euch ein schönes Wochenende und einen guten Start in die neue Woche!

5 Inspirationen – Woche 15

Was ist mir diese Woche begegnet, hat mich diese Woche inspiriert?

  • Ferdinand Schirach denkt schon eine Weile über eine Europäische Verfassung nach, welche für den Menschen in Zukunft wichtige Grundrechte beinhalten soll. Dabei möchte er auf die Utopie einer wünschenswerten Umwelt setzen, nicht auf nach heutiger Sicht mögliche Forderungen – dass dies gelingen kann, zeigt er an historischen Beispielen. Dazu hörte ich kürzlich einen Podcast ( hier auf Video oder auf Spotify und anderen Kanälen als Podcast), dazu gibt es neben seinem Buch „Jeder Mensch“ eine Petition, die man unterschreiben kann: HIER
  • Ein weiterer Podcast, den ich hörte, stammt aus dem letzten Jahr, es war der Literaturpodcast der FAZ, ich weiss leider nicht, welche Folge. Aber: Es drehte sich um das Beethoven-Jahr und die damit zusammenhängenden Neuerscheinungen zum Leben und Wirken Beethovens. Nun mag ich zwar seine Musik, aber ich habe ich nie weiter mit ihm befasst. Ich habe in den wohl 20 Minuten so viel gelernt und gehört, fand einen Zugang zu einem mir neuen Feld, dass ich mir dachte, dass es ab und an wertvoll ist, einfach mal mit offenem Blick in neue Gebiete hineinzuschauen… klar sollten sie wohl einen Bezug zu einem selber haben, sonst schweben sie gar im luftleeren Raum. Aber mit einem Minibezug lassen sich ganz schnell neue Gebiete ertasten, die so wertvoll sind.
  • Mein dritter Punkt ist ähnlich: Ich habe das schon mehrfach in meinem Leben erlebt, nun gerade neu: Ich bin an einem Projekt, das ziemlich fokussiert ist. Und doch habe ich – zwar verwandt, aber eher weitverzweigt – Interessen und Wissensdurst, so dass ich mir Bücher bestelle, Artikel suche. Ich schelte mich im ersten Moment innerlich, dass ich mich wieder verzettle, finde beim nähere Hinschauen Bezüge, auf die ich rein rational nie gestossen wäre. Manchmal denke ich, dass wir, wenn wir unseren Weg haben, wie von Zauberhand auf Passendes stossen. Synergien zeigen sich, wenn man genug in die Tiefe geht und aus sich heraus arbeitet. Es klingt esoterisch, ist aber nicht so gemeint, denn daran glaube ich nicht. So wie Schwangere plötzlich nur noch andere Schwangere sehen, öffnen sich plötzlich Bezugsmomente.
  • Ich schaue in letzter Zeit wieder vermehrt Filme, die mit der Kriegs- oder Nachkriegszeit in Verbindung stehen. Das war über Jahre mein Thema, wissenschaftlich und durch die grosse Präsenz davon auch im Leben. Es war nicht immer leicht, mit all dem Leid, mit all der Schwierigkeit so nah konfrontiert zu sein (und immer noch unglaublich privilegiert durch die zeitliche Distanz). Heute rückt es mir ab und an die Relationen zurecht. Wenn ich höre, wie schwer die Zeiten heute doch seien… und sehe, was mal war… fühle ich mich unglaublich glücklich, heute und nicht damals zu leben. Zumal ich nicht wüsste, wer ich damals gewesen wäre und welches Schicksal mich ereilt hätte…
  • Diese Woche ertappte ich mich beim Gedanken, gerne zu einer Gruppe zu gehören, zu der ich offensichtlich nicht gehöre. Zwar ist sie im nächsten Umfeld und doch bin ich aussen vor. Zuerst kam der Schmerz des Ausgeschlossenseins. Dann das Nachdenken, was ein Eingeschlossensein bedeuten würde. Ich müsste etwas mir sehr Wichtiges aufgeben. Etwas, das in meinem Leben oberste Priorität hat. Auch die zweitoberste Priorität müsste ich aufgeben. Aber dann… wäre es eventuell möglich. Ohne dieses Nachdenken war ich im Schmerz des Ausgeschlossenseins gefangen. Danach merkte ich, dass ein Teil auch bei mir liegt. Wie möchte ich leben? Welche Konsequenzen hat das? Will ich die tragen oder gebe ich was auf? Es ist zumindest teilweise auch meine Entscheidung. Und ich muss sie bewusst fällen.

Ich hoffe, es war was für euch dabei, das euch angesprochen hat. Wenn ihr etwas habt, das euch diese Woche angesprochen, bewegt, inspiriert hat – ich würde mich freuen, wenn ihr davon berichten würdet. Ich wünsche euch ein schönes Wochenende und einen guten Start in die neue Woche!

Corona, Gedanken und eine Utopie

Ich bin ein Mensch, der schnell zu viel hat. Zu viel Lärm, zu viele Termine, zu viel Müssen, zu viel von aussen, zu viel Einfluss, zu viel Druck. Vieles von all dem mache ich selber, vieles kommt einfach. Durch die Welt, wie sie ist. Ich suchte mir mein Leben lang Nischen und entzog mich. Das klappte mehrheitlich gut. Das Unverständnis ebenso. 
Es passt nicht in unsere Welt, gerne allein zu sein. In unserer Welt muss man präsent sein, man muss sich zeigen, man muss dabei sein, man braucht Termine, man stellt was dar. In unserer Welt repräsentiert man, fügt sich in Schubladen ein, ist nur genehm, wenn man darin Platz findet. In unserer Welt leistet man, und zwar immer das, was an Leistung gefordert ist aktuell. In unserer Welt ist man, wie man ist, weil man eben so ist und zu sein hat. Wie könnte man nur anders sein?

Und ja in unserer Welt ist man sehr tolerant, man spricht über alles und das soll so sein dürfen. Nur wenn jemand spricht, wie man das nicht möchte, dann grenzt man ihn aus. Das fällt in unserer Welt ja auch so leicht: Ein Klilck, er ist weg. Unsere Welt ist geprägt. Von genau dem. Von diesem Leben in einer pluralistischen und liberalen Gesellschaft, das man sich gross auf die Fahnen schreibt, von dem aber wenig zu spüren ist, da schlussendlich doch nur ein kleiner Teil des Pluralismus genehm und nur ein noch kleinerer Teil vom Liberalismus gedeckt ist. Über den Rest diskutieren wir bevorzugt nicht. 

Und nun sitzen wir in diesem Lockdown. Und mir ist es – um es in meiner Sprache zu sagen – vögeliwohl. Ich bin wohl der Profituer eines Umstandes, den ich mir in meinen wildesten Träumen nie gewünscht hätte. NIcht mal geträumt. Nein, schlicht nicht gewollt. Was aber wertvoll ist: Ich muss nirgends hin. Ich darf nicht. Keiner fragt mich, wieso ich nicht will. Es ist klar: Ich kann nicht. Endlich ist die Ruhe da, die mir gut tut. Endlich darf ich so leben, wie es für mich passt, ohne schräg angeschaut zu werden. Endlich bin ich kein Exot, sondern halt einfach so wie alle anderen. Etwas, das ich nicht kenne. Endlich muss ich mich nicht rechtfertigen – auf Arten und Weisen, die dann doch keiner versteht. 
Und langsam kommt die Angst auf: Es wird ein Nachher geben. Kommt dann alles doppelt und dreifach zurück? Was kommt auf mich zu? Kann ich dem bestehen? Was, wenn nicht? Was mir auffällt ist, dass sich meine schon vorher so ausgeprägten Züge nach Rückzug nicht nur gestillt, sondern verstärkt haben. Was vorher noch mal so ging, ist in der Vorstellung nun schon viel. Ich komme mehr als gut klar mit dem Rückzug (auch wenn sogar mir das Eine oder Andere durchaus fehlt), aber ich merke eine immer grössere Angst, dass ich mit einer Umkehr Mühe haben würde. 

Wird nachher mehr Verständnis da sein? Ich denke, dass eher das Gegenteil der Fall sein wird. Jeder, der Mühe hatte, wird umso mehr darauf bedacht sein, einen Zustand hinzukriegen, der all dem entgegen wirkt. Er wird kompensieren wollen. 

Noch ist es nicht so weit. Und noch behalte ich die Hoffnung, dass diese Zeit, die trotz allem nicht einfach ist und war, etwas bewirkt hat in den Köpfen. Und ich wünsche mir, dass wir mit mehr Miteinander daraus hervor gehen. Vielleicht ist das eine Utopie. Nur: Schon ganz viele Staatsphilosophien gründeten auf Utopien, die Amerikanische Verfassung war eine, um nur ein Beispiel zu nennen… und vieles konnte umgesetzt werden. Wieso nicht auch das?

5 Inspirationen – Woche 14

Es war eine kurze Woche durch das Osterwochenende. Ich war sehr vertieft in mein neues Projekt und merkte, wie viel Spass es mir macht, mich endlich mal wieder in die Tiefe zu begeben, zu wühlen, zu forschen. Einmal Wissenschaftler, immer Wissenschaftler wohl… die Leidenschaft am Stöbern ist ungebrochen und sie hat diese Woche mit viel Energie befeuert. Es bleibt nicht aus, dass dabei so einiges auf der Strecke blieb – aber ich habe schlussendlich alles noch reingepackt. Auch reingepackt habe ich die erste von zwei Impfungen gegen (für/wegen?) Corona… der Arm schmerzte am ersten Tag doch ziemlich, ein Ponstan später war besser, der zweite Tag war noch spürbar, aber ich bin ja hart im Nehmen. Oder so. Oder aber der Zahnarzttermin gleich am nächsten Tag hat die Aufmerksamkeit schlicht abgezogen.

Was ist mir diese Woche begegnet, hat mich diese Woche inspiriert?

  • Ich hörte den FAZ Bücher-Podcast mit Helga Schubert. Mit 80 Jahren gewann sie den Ingeborg-Bachmann-Preis und hat nach nun 60 Jahren des Schreibens noch mehr Mut gefasst, Neues zu versuchen. Was sicher bleibt, so Schubert, ist das Schreiben an sich, sei es doch ihre Art des Ausdrucks. Die Frau hat mich in ihrer Lebensfreude, in ihrer Erzählenergie, in ihrem Mut und Witz, ihrem Umgang auch mit schwierigen Themen sehr beeindruckt.
  • Eine eMail von brainpickings in meiner Inbox hat mich dazu gebracht, wieder einmal meinen Gedichtband von Emily Dickinsen hervorzuholen und darin zu lesen. Sie hat es wohl wie keine andere geschafft, die Natur in klingende Bilder zu verpacken. In fast immer gleichem Rhythmus singt sie ihre kleinen Lieder. Hier das Gedicht:

A Light exists in Spring
Not present on the Year
At any other period —
When March is scarcely here

A Color stands abroad
On Solitary Fields
That Science cannot overtake
But Human Nature feels.

It waits upon the Lawn,
It shows the furthest Tree
Upon the furthest Slope you know
It almost speaks to you.

Then as Horizons step
Or Noons report away
Without the Formula of sound
It passes and we stay —

A quality of loss
Affecting our Content
As Trade had suddenly encroached
Upon a Sacrament.

  • Ich schaute im Fernsehen die Verfilmung von Ferdinand Schirachs «Schuld». Schirach zeigt auf eindrückliche Weise, wie schwer es ab und an ist, Schuld von Unschuld zu trennen, ein Urteil zu fällen. Die Verfilmung wie das Buch kann ich nur ans Herz legen, beide laden – wie bei Ferdinand von Schirach üblich – zum Nachdenken ein.
  •  Es gab Zeiten, da hatte ich einen hohen Anspruch an mein Zeichnen und Malen. Und ich setzte mich selber unter Druck. Als Kind spielte ich Klavier und hörte ständig, ich müsste mehr üben. Und verlor die Freude. Irgendwann kaufte ich mir ein Keyboard, das machte unsinnig Spass, doch es erfüllte keinen Anspruch. Ich verkaufte es und ersetzte es durch ein Klavier. Der Spass war raus und es stand bis zum Wiederverkauf rum. Kürzlich setzte ich mich hin und fing an, Mandalas zu zeichnen. Grund? Mir war grad danach. Dann setzte ich mich an mein Keyboard (ich hatte mir in Erinnerung an die frühere Freude eines angeschafft, ohne Anspruch auf irgendwas). Und ich sass da und spielte und freute mich. Wohl länger als gezwungen je geschafft. Und ich merkte: Es gibt im Leben sicher Dinge, die man muss. Wo es aber keinen Grund für einen Zwang gibt, bringt ein solcher gar nichts ausser den Verlust an jeglicher Lust und Freude. Ich geniesse es, einen Ausgleich zu haben beim Zeichnen und beim Klimpern (Musik möchte ich das gar nicht nennen). Ein freudvoller Ausgleich tut gut – und was ich lange vernachlässigte: Er raubt keine Zeit, er bringt neue Energie. Nicht alles muss einem Anspruch genügen.
  • Und irgendwie in Anlehnung daran, hier mein fünfter Punkt: Ich lass mal fünfe grad sein. Es könnten auch mal vier Punkte sein, wieso müssen es fünf sein? Zwar habe ich damit nun einen fünften und sogar einen, den ich für ganz wichtig erachte… aber die Botschaft dahinter liegt mir am Herzen: Wie oft setzen wir uns selber unter Druck? Wie oft wollen wir etwas/jemandem genügen? Wie oft gehen wir sogar über unsere Grenzen, um dies zu tun? Wozu?

Ich hoffe, es war was für euch dabei, das euch angesprochen hat. Wenn ihr etwas habt, das euch diese Woche angesprochen, bewegt, inspiriert hat – ich würde mich freuen, wenn ihr davon berichten würdet. Ich wünsche euch ein schönes Wochenende und einen guten Start in die neue Woche!

Erich Mühsam: Angst packt mich an

Heute würde Erich Mühsam 143 Jahre alt. Ich hebe mein Glas auf einen Schriftsteller, der neben seiner dichterischen Tätgkeit immer politisch aktiv war, was ihm schliesslich auch zum Verhängnis wurde. 1938 wurde er im KZ Oranienburg von den SS-Wachen ermordet.

Avatar von Sandra von SiebenthalDenkzeiten - Philosophie als Lebenskunst

Erich Mühsam ( 1878 – 1934)

Angst packt mich an.
Denn ich ahne, es nahen Tage
Voll grosser Klage.
Komm du, komm her zu mir! –
Wenn die Blätter im Herbst ersterben,
Und sich die Flüsse trüber färben,
Und sich die Wolken ineinander schieben
Dann komm, du, komm!
Schütze mich –
Stütze mich –
Fass meine Hand an.
Hilf mir lieben!

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedichte, wenn man von Angst geplagt ist

Es ist nicht immer leicht, um Hilfe zu bitten, aber man kann und muss im Leben nicht alles alleine tragen. Oft fühlen wir uns klein und schämen uns unserer Nöte, aber: Hilfe anzunehmen hat nichts mit Schwäche zu tun, im Gegenteil.

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5 Inspirationen – Woche 13

Der April ist angebrochen, Ostern steht vor der Tür. Es war eine anstrengende Woche, ich hoffe auf ein paar ruhige Tage. Diese Woche fiel mir plötzlich auf, dass ich viel zu wenig auf alles achtete, was mich inspiriert hat – es zog alles an mir vorbei. So setzte ich mich hin und dachte nach. Und fand Stück für Stück die Dinge wieder, die diese Woche auf mich Eindruck machten. Ab und an glaube ich, dass vieles zu unbeachtet an uns vorbei zieht. Eine bewusste Rückschau kann die Lichtblicke des Alltags wieder in den Blick bringen.

Was ist mir diese Woche begegnet, hat mich diese Woche inspiriert?

  • Als es mir diese Woche mal nicht so besonders ging, wollte ich mir keine Schwäche anmerken lassen und gab mich betont stark. Ich dachte, das sei wichtig und nötig, ich wollte mir und nach aussen etwas beweisen, wollte auch nicht zur Last fallen – und tat es wohl gerade drum umso mehr. Das zeigte mir mal wieder deutlich:

„Immer stark sein wollen, um zu merken, dass ich am stärksten dann bin, wenn ich die eigene Schwäche zulasse.“ (SvS)

  • Rundherum blühen die Kirschbäume und es ist eine wahre Pracht, das zu sehen. Auch wenn die Welt gerade aus den Fugen ist durch diese ganze Corona-Geschichte, gibt es ganz viel Schönes. Es ist wohltuend, dies mit offenem Blick und Dankbarkeit zu sehen.
  • Diese Woche las ich mal wieder ein Gedicht einer meiner liebsten Lyrikerinnen, Mascha Kaleko, weil es mir so direkt aus dem Herzen spricht – immer wieder:

Memento

Vor meinem eigenen Tod ist mir nicht bang,
Nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?

Allein im Nebel tast ich todentlang
Und lass mich willig in das Dunkel treiben.
Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.

Der weiß es wohl, dem gleiches widerfuhr;
– Und die es trugen, mögen mir vergeben.
Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur,
Doch mit dem Tod der anderen muß man leben.

  • Interessant fand ich den Podcast von Radio 1, Roger Schawinski im Gespräch mit Esther Vilar. Anlass war das Jubiläum ihres Bestsellers „Der dressierte Mann“. Ein spannendes Buch, das mal eine andere Sicht einnimmt zu den gemeinhin verbreiteten Sichtweisen. Spannend fand ich aber auch ihre Sicht auf die Freiheit, die sie in ihrem Buch „Die Angst vor der Freiheit“ thematisierte:

„..die Sehnsucht, alle persönliche Verantwortung in die Hände eines anderen zu legen, sich aus freien Stücken dessen Befehlen zu beugen – war von jeher das Thema meiner schriftstellerischen Arbeit und wird wohl bis zuletzt irgendwie bestimmend für sie bleiben.“

Eine Sicht, die ich durchaus teile. So sehr wir uns alle Freiheit wünschen, oft begeben wir uns freiwillig in Situationen, in denen wir nicht mehr wirklich frei sind. Und die Frage ist: Wie frei können wir überhaupt wirklich sein als soziale Wesen?

  • Nach einem wirklich traumhaft schönen Sonnentag sass ich abends am Schreibtisch und hörte plötzlich, wie der Regen gegen die Fenster prasselte, der Himmel grollte, graue Wolken am selben standen. Und ich fand es wunderschön. Das Geräusch des Regens hatte eine versöhnlich-beruhigende Wirkung, ein kühler Luftzug kam durch das geöffnete Fenster und ich dachte plötzlich bei mir: Nichts ist nur gut oder schlecht. Alles hat zwei Seiten. Wichtig ist, beide immer zu sehen.

Ich hoffe, es war was für euch dabei, das euch angesprochen hat. Wenn ihr etwas habt, das euch diese Woche angesprochen, bewegt, inspiriert hat – ich würde mich freuen, wenn ihr davon berichten würdet. Ich wünsche euch ein schönes Wochenende und einen guten Start in die neue Woche!

5 Inspirationen – Woche 12

Diese Woche hat der Frühling leise an die Tür geklopft. Nun hoffe ich, dass er bleibt, dass die Tage hier schön werden. Ich habe diese Woche viel gelesen, recherchiert, Pläne geschmiedet, war aber auch oft einfach sehr müde – die Erschöpfung begleitet mich nun doch schon eine Weile und es wäre schön, wenn ich sie mit dem Winter ablegen könnte.

Was ist mir diese Woche begegnet, hat mich diese Woche inspiriert?

  • Ich hörte den Podcast „Doppepunkt“ von Radio 1, Roger Schawinski im Gespräch mit Martin Suter. Die Themen waren vielfältig, sie reichten vom Menschen Martin Suter über dessen Lebensstationen in anderen Ländern, sein Schreiben sowie auch seinen Lebensstil und weitere Gedanken zum Leben. Ein Punkt, den ich (neben anderen) für mich mitnehme, ist Martin Suters Abneigung gegen den Spruch (und die Haltung dahinter) „Geiz ist geil“. Wieso? „Wenn ich etwas für weniger kaufen kann, als es kosten müsste, kommt irgendwo jemand zu kurz.“

Wie wahr. Und meist sind das die schwächsten Glieder in der Kette der Gesellschaft. Bewusstes Einkaufen wäre ein erster Schritt hin zu einer bewussteren Konsumkultur, welche so viel hinter sich trägt. Und jeder kann ihn für sich tun.

  • Diese Woche bin ich über das Zitat von Robert Musil gestolpert:

„Was bleibt von der Kunst? Wir als Veränderte bleiben.“

  • Ich bin der Überzeugung, dass es für jede Lebenslage ein passendes Gedicht gibt. Aus diesem Grund habe ich vor einigen Jahren eine lyrische Hausapotheke begonnen, in welche ich Gedichte stellte, die zu einzelnen Lebenslagen passen. Ich denke aber, das gibt es auch bei Romanen. Bücher verändern uns. Wir haben nach einem Buch etwas dazu gelernt, das wir vorher noch nicht wussten. Robert Musil hat das in seinem Zitat schön ausgedrückt.
  • Manchmal merke ich schlagartig, dass schon wieder Donnerstag ist, was bedeutet, dass der Freitag vor der Tür steht und mit ihm meine fünf Inspirationen der Woche stehen müssten. Und dann sitze ich da und frage mich. Und ja, es gab so viel, das inspiriert hat: Der Blick eines Menschen, ein kurzes Gespräch mit der Frau an der Kasse beim Einkauf, ein Buchstabe, ein Graffiti unterwegs, eine Blume, die mich erfreute, die Sonne, die unter- oder wieder aufging. Oft ist es schlicht der ganz normale Alltag, der mich inspiriert. Man muss nur hinschauen.
  • Ich suchte ein Lied von Etta James, weil ich es irgendwo gehört hatte und ihre Lieder früher so geliebt habe. Dabei stiess ich auf diese Playllist auf Spotify: A Sunday Kind of Love Radio Einfach mal wieder da sitzen, zuhören, mitschwingen…. Musik war mir im Leben immer wichtig. In letzter Zeit wurde es weniger… ich hoffe, das kommt wieder mehr.
  • Eine Mücke flog mir um den Kopf. Rundherum und immer wieder, sass kurz ab, kitzelte, flog weiter. Ich habe ihr natürlich was zu Essen und zu Trinken offeriert und mit ihr angestossen – oder so… aber für mich war es ein Zeichen für den nahenden Frühling. Und nur schon der Gedanke an mehr Sonne, Wärme, Farben hat mich froh gemacht. Und im Hintergrund singt Nat King Cole „Unforgettable“ im Andenken an die kleine Mücke… so schliesst sich der Kreis der heutigen Inspirationen.

Ich hoffe, es war was für euch dabei, das euch angesprochen hat. Wenn ihr etwas habt, das euch diese Woche angesprochen, bewegt, inspiriert hat – ich würde mich freuen, wenn ihr davon berichten würdet. Ich wünsche euch ein schönes Wochenende und einen guten Start in die neue Woche!

5 Inspirationen – Woche 11

Noch immer ist es ungewiss, wie alles weiter geht, noch immer scheint die Welt in einem Ausnahmezustand, der irgendwie doch langsam auch so etwas wie normal wird… und noch immer hört man Stimmen, die sich das alte Normal wieder wünschen. Und mir stellt sich ein wenig die Frage, was genau eigentlich „normal“ bedeutet. Nicht immer das, was man sich als Einzelner oder Gesellschaft eigentlich wünscht? Die Frage ist dann: Wie einheitlich ist das? Ich habe keine Ahnung, ich frage nur, bin dabei sehr dankbar, dass ich auch jetzt tun kann, was ich tue. Und ja, mir kommt aktuell mein Naturell als Leseratte und zurückgezogener Schreibtischarbeiter wohl entgegen.

Was ist mir diese Woche begegnet, hat mich diese Woche inspiriert?

  • Der Podcast „Eins zu Eins. Der Talk“ mit Brigitte Riebe hat mich diese Woche begeistert. Besprochen werden Themen wie die Kriegs- und Nachkriegszeit, das Schreiben unter Pseudonymen, und Bücher, die zum passenden Leser finden.
  • Einmal mehr hat mich dir Verfilmung von Marcel Reich-Ranickis Autobiografie „Mein Leben“ sehr beeindruckt. Die Lebensgeschichte zeigt die Gräuel unserer Vergangenheit und der Verbrechen an den Juden auf, seine Liebe zur Kultur und zur Literatur dringt aus jeder Szene, jedem Buchstaben. Ich kann sowohl das Buch wie auch den Film sehr empfehlen, was oft nicht so ist, enttäuscht doch die Verfilmung eines geliebten Buches häufig. Was Marcel Reich-Ranicki selber zu der Verfilmung dachte, findet man HIER
  • Der Film „Mut zum Leben“ hat mich sehr berührt, bewegt, zum Nachdenken gebracht. Überlebende des Holocaust kamen zu Wort, Menschen, die in Auschwitz waren und die wohl schlimmsten Gräuel erleben mussten, die man sich vorstellen kann, denen man alles nahm: Familie, Freunde, Hab und Gut. Menschen, denen man die Menschenwürde wegnehmen wollte, die sie aber doch bewahrten, sogar im Kleinsten. Menschen, die überlebten und sich nicht als Opfer der Geschichte sahen (die sie durchaus waren), sondern hin standen und sich nicht kleinkriegen liessen. Die sagten, dass dieses Überleben ein Leben sein soll, das sie in den Händen haben und welche die Chance nutzen wollten. Ich wünsche uns allen ein wenig von diesem Mut. Der Film liess mich mit ganz viel Dankbarkeit für das, was ich habe, zurück.
  • Ich las im Netz von einem eigentlich gebildeten, durchaus intelligenten Menschen den Begriff „Coronanazis“. Ich habe mich in meinem ganzen Studium, sehr intensiv während meiner Dissertation mit der Zeit des Nationalsozialismus, mit dem Holocaust, mit dem Regime der Nazis beschäftigt und damit, was diese Zeit den Opfern antat. Corona mag eine Herausforderung sein, das teilweise hilflose Versuchen, damit umzugehen auf politischer Ebene mag unbefriedigend sein, Verbote und Gebote mögen einschneidend und teilweise zumindest im finanziellen, sicher aber auch im psychischen Bereich mögen ans Lebendige gehen. Und doch würde ich mir wünschen, wenn wir die Relationen bewahren würden, wenn wir den Sprachgebracht prüfen und sehen würden, wo wir wirklich stehen mit all dem. Ich schaue im Moment gerade den Vierteiler „Holocaust“. Die fiktive (aber durchaus realistische) Geschichte der Familie Weiss. Ich würde jedem, der die heutige Politik mit damals vergleichen will, diese ans Herz legen. Wer es noch realistischer mag, soll Claude Lanzmanns Dokumentation „Shoah“ empfohlen… Es gibt zudem sehr viele Bücher von Zeugnissen Überlebenden. Bei Interesse gebe ich gerne Tipps.
  • Friedrich Hölderlin schrieb einst:
    „Glaube und Liebe und Hoffnung sollen nie aus meinem Herzen weichen. Dann gehe ich, wohin es soll, und werde gewiß am Ende sagen: „Ich habe gelebt.“ Und wenn es kein Stolz und keine Täuschung ist, so darf ich wohl sagen, daß ich in jenen Stunden nach und nach, durch die Prüfungen meines Lebens, fester und sicherer geworden bin.“
    Das wünsche ich uns allen. Hölderlin würde übrigens am 20. März 2021 251 Jahre alt. Vielleicht ein schöner Anlass, ein wenig in seinen Gedichten zu stöbern. Sein Porträt erscheint dann auf meinem Blog,

Ich hoffe, es war was für euch dabei, das euch angesprochen hat. Wenn ihr etwas habt, das euch diese Woche angesprochen, bewegt, inspiriert hat – ich würde mich freuen, wenn ihr davon berichten würdet. Ich wünsche euch ein schönes Wochenende und einen guten Start in die neue Woche!

5 Inspirationen – Woche 10

Wieder ist eine Woche förmlich vorbeigeflogen, Zeit, Rückschau zu halten. Es war für mich eine nachdenkliche Woche, eine Woche, die viel Innensicht und Selbsthinterfragung beinhaltete. Die heutigen fünf Punkte spiegeln das wohl ein wenig wieder. Als Motto könnte man vielleicht ein Zitat aus den Yoga Sutras voranstellen:

„Selbsterforschung führt zum inneren Licht.“ (Patanjalis Yoga Sutras, 2.44)

Was ist mir diese Woche begegnet, hat mich diese Woche inspiriert?

  • Diese Woche stiess ich auf einen Artikel, der mich sehr berührte: Was würde ich meinem zukünftigen Ich sagen? Wo stehe ich im Leben, worauf kann ich bauen? Es werden fünf Fragen empfohlen, die man sich stellen soll:
    • was habe ich bis heute gelernt?
    • Welche Menschen möchte ich in meinem Leben nicht missen?
    • Was bringt mein Herz zum Lächeln?
    • Kümmere ich mich gut um mich selber?
    • Wofür bin ich dankbar?
  • Am Montag war Weltfrauentag, auf Instagram sah ich lauter Bücher, die von Frauen geschrieben wurden. Es liegt in der Natur der Sache bei mir, dass ich früher hauptsächlich Männer las, da es bei den Klassikern gab und diese im Studium den grossen Schwerpunkt hatten. Ich habe bislang selten bewusst darauf geachtet, ob ein Buch von einem Mann oder einer Frau geschrieben wurde, ich schaute mehr auf Themen und wählte danach, was mich da anspricht. Als ich mir so Gedanken machte, dachte ich plötzlich, dass mir aber doch in letzter Zeit mehrheitlich Bücher von Frauen gut gefallen. Ob das Zufall ist oder nicht? Ich werde das mal bewusst im Auge behalten, einfach, weil es mich interessiert.
  • Diese Woche hörte ich den Podcast Unlocking us von Brené Brown mit Dr. Yaba Blay und der Buch One Drop: Shifting the Lens on Race. Yaba Blay sprach über eine Zeit, in welcher sie versuchte, es allen recht zu machen, zu beweisen, was sie alles schafft, was andere ihr nicht zutrauen, und wie ihre Seele darunter gelitten hat. Brené Brown hatte dazu eine Geschichte aus ihrer Therapie, als die Therapeutin sie fragte: „Was bräuchten Sie, dass es für sie endlich genug wäre, dass Sie sich als gut genug fühlen.“ Ich fragte mich, wie oft wir unseren Selbstwert aus den Erwartungen anderer ableiten, wie oft wir leiden, weil wir nicht selber unser Massstab sind, sondern dem Lob und der Anerkennung anderer nachrennen. Und ich fragte mich weiter, was wir uns selber damit antun.

„Wenn der Blick auf die Aussenwelt nötig ist, um zu erkennen und zu verstehen, wer wir sind, dann sind wir für uns selbst nur in begrenztem Umfang eine Autorität.“

Dabei geht es nicht darum, die eigene Meinung über die anderer zu stellen, aber wer sollte uns selber, unsere Wünsche und Träume besser kennen als wir selber? Wieso also beschäftigen wir uns nicht mit denen, sondern versuchen, die anderer zu erfüllen, indem wir sind, wie sie uns haben wollen?

  • Ich lese gerade das Buch von Ferdinand von Schirach, Kaffee und Zigaretten. Ich kann es nur empfehlen, es ist ein wunderbares Buch mit kleinen Kapiteln voller Lebensgeschichten, Nachdenklichkeiten, Weltbeobachtungen.

Ich hoffe, es war was für euch dabei, das euch angesprochen hat. Wenn ihr etwas habt, das euch diese Woche angesprochen, bewegt, inspiriert hat – ich würde mich freuen, wenn ihr davon berichten würdet. Ich wünsche euch ein schönes Wochenende und einen guten Start in die neue Woche!

Emanzipation? Es ist noch ein weiter Weg!

Diese Woche schaute ich eine Sendung im Fernsehen, in welcher es um Schönheitsoperationen im Intimbereich von Frauen ging. Ich sah mich mit Gedanken konfrontiert, die ich selber noch nie gehabt hatte. Und ich fragte mich:

Wieso stellt man sich hin, verbiegt sich mit Spiegel, um dann etwas an sich zu finden, das zu optimieren wäre.

Die Aussage, man täte das für sich selber, konnte ich irgendwie nicht gelten lassen, denn: So ich für mich (und ich bin ja nicht ganz unbeweglich) seh das selten und denke: Nein, das geht gar nicht, da muss ich was tun. Das denke ich nicht mal bei meinem Gesicht und das sehe ich täglich… es entspricht nun nicht den gängigen Modelidealen von landläufigen Sendungen, dazu hat es schon zu viel gesehen und durchstanden – sei es nur an Jahren.

Und dann fielen mir in den Sozialen Medien immer wieder Fotos von – in meinen Augen – wirklich schönen Frauen auf, welche so weichgezeichnet waren, dass alles leicht verschwommen, aber sicher kein Fältchen mehr zu sehen war. Das war wohl der Anspruch. Und ich ertappte mich dabei zu denken:

Wie schade. Das ganze Leben aus dem Gesicht gewischt.

Wieso? Und ja, ich kenne mich zu gut aus bei Fotoprogrammen, um es nicht zu sehen

Wir stehen hin und wollen für die Emanzipation kämpfen, schaffen es aber nicht mal selber, zu uns zu stehen und uns so, wie wir sind, als schön und wertvoll zu erachten. Wir müssen uns selber zuerst optimieren, dass es passt.
Wir haben einen weiten Weg vor uns. Und er wird bei uns selber anfangen müssen. Jetzt. Denn:

Wenn nicht jetzt, wann dann??

5 Inspirationen – Woche 9

Eine weitere Woche Lockdown ist hinter uns, und obwohl vieles nicht möglich ist wie früher, rast die Zeit, die Wochen vergehen wie im Flug. Für mich ist die ganze Zeit nicht wirklich schlimm, im Gegenteil, ich geniesse die Ruhe, die Entschleunigung, die Reduktion in so vielen Bereichen, der vermehrte Blick nach Innen als nach Aussen. Ab und an frage ich mich, wie alles wird, wenn wir wieder in so etwas wie eine Normalität eintreten. Wird sie das gewohnte Normal sein oder ein neues? Werden Hektik und Getriebensein wieder zunehmen? Wieviel hat jeder selber in der Hand und was haben wir aus all dem gelernt? Ich bin gespannt.

Was ist mir diese Woche begegnet, hat mich diese Woche inspiriert?

  • Ich las einen Artikel über Schriftsteller und ihre Beziehung zur Musik. Musik hat mich mein Leben lang begleitet, früher noch mehr als heute. Ich hörte immer Musik, sie begleitete mich durch alle Hochs und Tiefs meines Lebens. In letzter Zeit wurde es weniger – eigentlich schade. Das will ich wieder ändern.
    Ein schönes Zitat dazu von Niezsche:

„Ohne Musik wäre das Leben ein Fehler.“

  • Einmal mehr hörte ich den Podcast Hotel Matze, dieses Mal mit Ferdinand von Schirach, den ich für seine tiefen Gedanken und seine literarische Verarbeitung derselben sehr schätze. Im Podcast spricht er über sein Schreiben, über die Würde des Menschen und seinen Wunsch nach einer europäischen Verfassung, welche in seinen Augen vom Volk gewollt und als Utopie geschrieben werden müsste, die man in der Folge zu erfüllen versuchen müsse, statt von vornherein nur das festzuhalten, was in der eigenen begrenzten Sicht aktuell Sache ist.
  • Mich hat einmal mehr die Seite Pinterest inspiriert mit ihren tausenden von Kochideen. Auch diese Woche bin ich wieder über völlig neue Rezeptzusammenstellungen gestolpert, habe Neues ausprobiert und so mein Kochrepertoire um sehr leckere Novitäten erweitert. Ich habe mittlerweile auch einige Kochrezepte abgespeichert – falls jemand stöbern mag: Meine Pinwände auf Pinterest
  • Ab und an inspiriert mich mein eigenes Bücherregal. Diese Woche fiel mir beim Stöbern Max Frischs Buch „Fragebogen“ in die Hände und liess mich innehalten. Das Buch umfasst 11 Fragebogen zu Themen wie Hoffnung, Humor, Tod, Eigentum Geld und mehr. Jeder Fragebogen umfasst mehrere Fragen, die man als Leser selber durchdenken kann. Ein spannendes Buch, ein Buch, das anregt, hinterfragen lässt – sich, andere, die Welt und die Beziehungen zwischen allen. Ich habe schon mal damit begonnen, Fragen daraus zu beantworten, ich glaube, ich mache das mal wieder. Spannend könnte auch sein, über die Jahre zu sehen, wie sich die Antworten verändern.
  • Als letztes möchte ich noch ein Zitat anfügen von Goethe, welches in meinen Augen eine der wichtigsten Lebenslehren enthält: Es reicht nicht, grosse Reden zu halten, was man alles weiss. So lange man nichts tut, bleibt alles, wie es ist. Es reicht nicht, von eigenen Träumen und Wünschen und Zielen zu erzählen. Wenn man sie nicht angeht, kommt man nie an.

„Es ist nicht genug zu wissen, man muß auch anwenden; es ist nicht genug zu wollen, man muß auch tun.“ Johann Wolfgang von Goethe

Ich hoffe, es war was für euch dabei, das euch angesprochen hat. Wenn ihr etwas habt, das euch diese Woche angesprochen, bewegt, inspiriert hat – ich würde mich freuen, wenn ihr davon berichten würdet. Ich wünsche euch ein schönes Wochenende und einen guten Start in die neue Woche!

5 Inspirationen – Woche 8

Was ist mir diese Woche begegnet, hat mich diese Woche inspiriert?

  • Diese Woche hörte ich den Podcast „Hanser Rauschen“ mit Rafik Schami. Rafik Schami gewährt spannende Einblicke in sein Leben als Schriftsteller, er erzählt, was es für ihn bedeutet, seit vielen Jahren fern der Heimat zu leben, wie er sich sprichwörtlich in die deutsche Literatur hineinschrieb und wieso er das Geschichten-Erzählen so liebt.
  • Ein Artikel über das Schreiben von Tagebüchern (Anaïs Nin on Writing, the Future of the Novel, and How Keeping a Diary Enhances Creativity) hat mich diese Woche angeregt, wieder mehr in dieser Form zu schreiben. Zwar führe ich seit Jahren Notizbücher, die sicher auch mal persönliche Gedanken enthalten, doch mehrheitlich enthalten sie Gedanken zu Gelesenem, Notizen zu Gehörtem. Die Innenansichten nehmen je länger je mehr einen eher geringen Raum ein.

    „While we refuse to organize the confusions within us we will never have an objective understanding of what is happening outside.“

    Ich bin überzeugt, dass da viel Wahres dran ist, weswegen ich früher sehr intensiv Gedanken und Persönliches festhielt. Das möchte ich wieder vermehrt tun – bin noch nicht ganz schlüssig, ob ich fortan zwei Bücher verwenden soll dazu (was umständlich ist, da noch mehr immer dabei sein muss), oder alles in einem Platz hat.
  • Die Dokumentation auf Netflix „Joan Didion. Die Mitte wird nicht halten“ erzählt vom Leben und Leiden der grossen Schriftstellerin Joan Didion. In aktuellen Interviews wie auch mit Originalfilmen und -bildern aus der Vergangenheit wird das Bild einer mutigen Frau gezeichnet, die für ihre Umwelt genau beobachtete und in ihren Schriften ein schonungsloses Bild davon zeichnete. Die Dokumentation zollt dem insofern Tribut, als sie nicht nur die Darstellung eines Lebens ist, sondern dieses auch in die Zeit einbettet und damit zu einer Gesellschaftsstudie wird – vor allem vom Künstlermilllieu Kaliforniens in den 60er Jahren.
  • Auf Instagram stiess ich auf das Bild eines Briefeschreibers und dachte an meine Kindheit zurück, als ich eine Brieffreundin in den USA hatte. Auch später gab es nochmals eine Zeit, als ich mit einem Schriftstellerkollegen Gedanken zum Leben, Lesen und anderem austauschte. Das fehlt mir irgendwie. Immerhin habe ich neu eine eMail-Freundin gewonnen, was schon wirklich schön ist, aber das Briefeschreiben lässt mich nicht ganz los. Erstens wegen des Schreibens an sich, zweitens weil ich denke, dass in Briefen (das beinhaltet nun auch eMails) ein tieferer, weil durchdachterer Austausch möglich ist als in anderen Formen der Kommunikation.
  • Mut zur Unvollkommenheit – ich neige dazu, immer alles perfekt machen zu wollen. Die Angst, es nicht zu schaffen, blockiert mich manchmal so sehr, dass ich mit gewissen Dingen gar nicht anfange, weil ich denke, ich müsste zuerst noch etwas erreichen/tun, um dann der Aufgabe gewachsen zu sein. In einem Interview sagte Margaret Atwood, dass das wichtigste sei, die Geschichte einfach mal zu schreiben. Damit hätte man den Ausgangspunkt, mit dem man dann arbeiten kann. Ich denke, das ist in vielen Bereichen so: Nicht alles klappt auf Anhieb, aber wenn man nie anfängt, wird gar nichts draus.

Ich hoffe, es war was für euch dabei, das euch angesprochen hat. Wenn ihr etwas habt, das euch diese Woche angesprochen, bewegt, inspiriert hat – ich würde mich freuen, wenn ihr davon berichten würdet. Ich wünsche euch ein schönes Wochenende und einen guten Start in die neue Woche!

5 Inspirationen – Woche 7

Was ist mir diese Woche begegnet, hat mich diese Woche inspiriert?

  • Ich habe einige Yogalehrerausbildungen und auch Unterrichtungen in buddhistischer Tradition hinter mir. Die östliche Philosophie war viele Jahre sehr zentral in meinem Leben und auch heute noch begleiten mich einige Dinge im Leben, die mir immer wieder gute Dienste leisten. Ich las einen Artikel im Netz über Eckhart Tolle und darüber, was er als tägliche spirituelle Praxis vorschlagen würde: Atembewusstsein. An anderer Stelle las ich kurz vor dem Artikel etwas ähnliches. Zufall? Passt es gerade in mein Leben und ich stosse drum drauf? Zwar praktiziere ich das Atembewusstsein jeden Morgen auf der Yogamatte und in schwierigen Situationen versuche ich, bewusst dazu zurückzukommen. Doch ab und an verliere ich mich doch in der Hektik der Tageserfordernisse und merke viel zu spät, dass der Atem oberflächlich ist, ich gehetzt bin. Öfter am Tag einfach mal schnell den Atem beobachten kann helfen, gelassener zu bleiben, wacher zu sein, kann auch Kraft geben für das, was noch ansteht. Ich kann es nur empfehlen und werde es auch wieder mehr in den Tag einbauen.
  • Ich hörte den Podcast von Tim Ferriss mit Joyce Carol Oates über das Schreiben, über ein kreatives Leben.
    “If you feel that you just can’t write or you’re too tired or this, that, and the other, just stop thinking about it, and go and work. Life doesn’t have to be so overthought. You don’t have to wait to be inspired. Just start working.”— Joyce Carol Oates
  • Ich lese gerade das Buch „Schreibtisch mit Aussicht“ (Ilka Piepgras, Hrsg.), welches von schreibenden Frauen handelt. Auf Frauen ist es vor allem beschränkt, da diese in der Literaturwelt noch immer einen viel zu kleinen Stellenwert haben, da diese noch heute sehr von Männern dominiert ist. Liegt es bei den Klassikern noch auf der Hand, dass diese mehrheitlich von Männern geschrieben wurden (mit wenigen dankenswerten Ausnahmen), da die Zeiten waren, wie sie waren, beschleicht einen heute doch ein Gefühl des Unverständnisses, dass dies zwar etwas gebessert hat, aber noch lange nicht so ist, wie man es sich wünschen würde. Das Buch regt an das eigene Leseverhalten zu hinterfragen. Schreiben Frauen anders als Männer?
  • Beim Durchforsten des Regals stiess ich wieder einmal auf das schöne Buch von Marcel Reich-Ranicki: Frauen dichten anders. Deutsche Dichterinnen vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Da ich einerseits Lyrik sehr mag, dies ein schöner Anstoss ist, Lyrik von Frauen kennenzulernen und vielleicht danach weiter zu lesen, möchte ich es an dieser Stelle auch noch nennen.
  • Am 13. Februar starb die Schweizer Schriftstellerin Helen Meier. Geboren am 17. April 1929 in Mels, Str. Gallen, arbeitete sie zuerst als Primarlehrerin, studierte später Sprachen und Pädagogik und arbeitete später in der Flüchtlingshilfe sowie als Sonderschullehrerin. Geschrieben hat sie ihr Leben lang, dass das Geschriebene auch veröffentlicht werden könnte, auf den Gedanken kam sie erst mit 55. 1984 erhielt sie an den Klagenfurter Literaturtagen einen Preis. Sie lebte und schrieb bis zu ihrem Tod in Trogen. Hier ein Interview mit dieser tiefgründigen und humorvollen Frau, deren Texte ich nur ans Herz legen kann: INTERVIEW MIT HELEN MEIER (SRF)

Ich hoffe, es war was für euch dabei, das euch angesprochen hat. Wenn ihr etwas habt, das euch diese Woche angesprochen, bewegt, inspiriert hat – ich würde mich freuen, wenn ihr davon berichten würdet. Ich wünsche euch ein schönes Wochenende und einen guten Start in die neue Woche!

Milena Moser – Nachgefragt

Ein kurzer Blick auf Milena Mosers Leben

Milena Moser in ihrem Garten in San Francisco (©David Butow)

Milena Moser wurde 1963 in Zürich geboren und absolvierte nach dem Besuch der Diplommittelschule eine Buchhändlerlehre, lebte danach in Paris, wo drei unveröffentlichte Romane entstanden. Zurück in der Schweiz schrieb sie für Schweizer Rundfunkanstalten und verfasste Bücher, welche keinen Verlag fanden, so dass sie kurzerhand zusammen mit Freunden den Krösus Verlag gründete, in welchem ihr erstes Buch Gebrochene Herzen sowie Die Putzfraueninsel erschienen, zweiteres wurde zum Bestseller und später verfilmt. 1998 führte Milena Mosers Weg nach San Francisco, wo sie mit ihrer Familie acht Jahre lebte, danach wieder in die Schweiz zurückkehrte. Milena Moser wohnt in Aarau als freie Autorin und führt in ihrem Schreibatelier Menschen in die Welt des Schreibens ein. Des Weiteren begleitet sich Schulklassen beim Verfassen eines gemeinsamen Romans. 2011 folgte, zusammen mit der Musikerin und Freundin Sibylle Aeberli, der Sprung auf die Bühne, Die Unvollendeten war ein voller Erfolg, ein zweites Bühnenprojekt ist in Planung. Von Milena Moser sind unter anderem erschienen Die Putzfraueninsel (1991), Das Schlampenbuch (1992), Artischockenherz (1999), Sofa,Yoga, Mord (2003), Möchtegern (2010), Montagsmenschen (2012), Das wahre Leben (2013), Das Glück sieht immer anders aus (2017), Das schöne Leben der Toten (2019). Später zog Milena Moser zu ihrem Partner und heutigen Mann Victor nach Santa Fe, mit dem sie heute in San Francisco lebt.

Ich habe mich vor acht Jahren schon einmal über ihr Schreiben und Leben ausgetauscht (HIER das Interview), ich freue mich sehr, dass sich ein zweites Mal die Gelegenheit für einige Fragen bot.

Einblicke

Unser letztes Interview liegt 8 Jahre zurück, seit da ist viel in deinem Leben passiert. Wie würdest du das zusammenfassen?

Ich hab noch mal ganz von vorn angefangen ….

Du schreibst schon viele Jahre, dies sehr erfolgreich. Hat sich deine Beziehung zu deinem Schreiben in den Jahren verändert?

Nicht wirklich. Schreiben ist die einzige Konstante in meinem Leben.

Gab es Zeiten in deinem Leben, wo der Schreibfluss versiegte? Und wenn ja, wie gingst du damit um?

Nein. Ich schreibe täglich, sonst fühle ich mich nicht wohl, irgendwie nicht richtig. Aber je älter ich werde, desto mehr Zeit nehme ich mir für Texte, die ich veröffentlichen will.

Ich traf dich vor vielen Jahren bei einem Schreibworkshop in Aarau, nun bietest du Onlinekurse im Schreiben an. Was reizt dich an dieser neuen Form?

Sie hat sich aufgezwungen, nachdem ich all meine Kurse absagen musste. Ohne die Pandemie hätte ich mich nie auf dieses Format eingelassen. Doch es hat sich mehr als bewährt, es hat unzählige Vorteile, die mir nicht bewusst waren. Viele Schreibende sind Einzelgänger, Individualisten, die eine Gruppenerfahrungen eher scheuen, die in ihrem eigenen Rhythmus arbeiten möchten. Der individuelle Austausch zwischen mir und dem Einzelnen ist auch viel intensiver, als das in einem Gruppensetting möglich wäre.

Wenn du auf deinen eigenen Schreibprozess schaust, wie gehst du vor? Entsteht zuerst ein durchdachtes Gerüst oder aber schreibst du drauf los und schaust, wo dich das Schreiben hinführt?

Ich lasse mich treiben, oder eher: von einer Figur an die Hand nehmen und entführen. Diese Anfangsphase in der ich selbst nicht weiss, ob und was “dabei herauskommen wird”, ist eine atemlose, berauschende – ein bisschen, wie wenn man sich verliebt.

Wie schreibst du? Noch mit Papier und Stift oder alles am Computer? Und: Hat das Schreibmittel deiner Meinung nach einen Einfluss auf den Schreibprozess?

Beides, ich versuche vor allem, unabhängig zu bleiben. Ich schreibe gern mit Bleisitift, weil es so etwas Vergängliches hat, das eine grosse Freiheit beinhaltet. Aber im professionellen Umfeld muss früher oder später alles im Computer enden.

Woher holst du deine Ideen für ein Buch?

Siehe oben: Eine Figur taucht auf und nimmt mich mit.

Ich hörte mal, der grösste Feind des Schriftstellers sei nicht mangelndes Talent, sondern die Störung durch andere Menschen. Brauchst du zum Arbeiten Stille und Einsamkeit, oder stören Sie andere Menschen nicht?

Talent ist keine objektiv messbare Grösse. Der grösste Feind des Schreibenden ist der Selbstzweifel. Die Frage, was andere denken könnten. Das scheint mir generell das grösste Hindernis auf dem Weg zum Glück, nicht nur beim Schreiben.

Du lebst aktuell in San Francisco. Wie beeinflusst der Ort, an dem du lebst, dein Schreiben?

Unterschiedlich. In Santa Fe war es vor allem die Landschaft, die mich inspirierte. In San Francisco sind es eher die gesellschaftlichen Umstände oder Bedingungen.

Dein Mann Victor ist auch Künstler – wie empfindest du das Zusammenleben von zwei kreativen Menschen? Ist es Segen, weil man die Antriebe des anderen versteht, oder auch ab und an schwierig, weil doch zwei Menschen mit eigenen Ideen und Projekten aufeinander treffen?

Gerade jetzt, in dieser Ausnahmesituation ist es ein Segen für uns beide, dass wir diesen Bereich haben, in dem wir uns, trotz allen Einschränkungen, auch austoben können. Wir werden vielleicht für unsere Arbeit nicht bezahlt, aber wir können arbeiten. Wir können uns ausdrücken. Ausleben. Das nimmt enorm viel Druck von der Beziehung. Victor unterstützt mich ausserdem bedingungslos.

Dein neustes Buch handelt vom Tod. Wurde dieser erst durch die Krankheit von Victor ein Thema für dich oder war er auch schon früher präsent und ein mögliches Thema für ein Buch?

Auf diese Art nicht. Die Beziehung mit Victor wird ja nicht nur durch seinen Gesundheitszustand, sondern vor allem auch durch seine Kultur beeinflusst. Durch ihn habe ich einen ganz anderen Umgang mit dem Tod kennengelernt. “Das schöne Leben der Toten” ist nicht “mein” letztes Buch, sondern ganz klar ein Gemeinschaftswerk.

Ich las mal, wenn es den Tod nicht gäbe, wäre das Leben sinnlos, weil wir ohne Beschränkung nichts tun müssten und würden. Lehrt uns der Tod zu leben?

Der Tod gehört einfach dazu, man kann ihn nicht vom Leben trennen. Der Tod ist die einzige Gewissheit, die wir haben: Wir werden alle einmal sterben. Es ist also recht absurd, diese Tatsache verdrängen oder überspielen zu wollen. Der Tod ist Teil des Lebens.

Du schreibst, wenn wir den Tod nicht fürchten, wird das Leben leichter. Kann man die Furcht vor dem Tod ganz ablegen? Wünschenswert wird er ja selten, was macht ihn in deinen Augen leichter?

Ich habe, seit ich denken kann eine gewisse Todessehnsucht im Sinn von einer grossen Neugier, einer Ahnung, dass da durchaus noch was kommt… aber was? Angst macht mir nur der Tod der anderen, der Verlust geliebter Menschen. Die mexikanische Vorstellung, dass die Toten das schönste Leben haben, mildert diese Angst ein wenig. Die Trauer jedoch bleibt. Und wie gesagt, wünschenswert oder nicht, der Tod ist eine Tatsache. Man lebt auf jeden Fall besser, wenn man sich damit anfreundet!

Wenn du auf deine Bücher zurück schaust, gibt es ein Lieblingsbuch, eines, das dir am nächsten ging, am wichtigsten war und noch ist?

Nein. Mich beschäftigt immer das, was ich gerade schreibe, egal ob es veröffentlich wird oder nicht. Das Geschriebene ist geschrieben.

Die meisten Schriftsteller lesen auch viel – gibt es Bücher, die dich geprägt haben, die dir wichtig sind, Bücher, die du empfehlen würdest?

Lesen und Schreiben gehören untrennbar zusammen. Als junge Frau hat mich vor allem die französische Literatur inspiriert, die Surrealisten, die Oulipisten, die Pataphysiker. Nicht in dem Sinne, dass ich ihnen nacheifern wollte, aber sie zeigten mir, was möglich ist: Alles.

Was wäre dein Rat an einen angehenden Schriftsteller?

Wer schreiben will, muss – schreiben.