Tagesgedanken: Lesemonat März

Ich habe im März 14 Bücher gelesen, davon waren drei ganz dicke Wälzer (1275 Seiten war das Maximum), einige dick, einige normal und wenige dünn. Und nun? Weiss ich mehr? Ich weiss es nicht. Wohl schon, ich habe mich in die Wirtschaft hineinbegeben, mir Gedanken über Armut gemacht, ich bin mit Hannah Arendt in den zweiten Weltkrieg gegangen und geflohen, ich bin mit Martha Nussbaum der Frage nach Gerechtigkeit und deren Grenzen nachgegangen und habe mit Maja Göpel versucht, die Welt neu zu denken.

Und im Moment sitze ich grad hier und frage mich: Und nun? Wie weiter? So viele grosse Themen: Menschenrechte, Demokratie, Gerechtigkeit, Armut, Würde geistern durch meinen Kopf (und immer wieder Hannah Arendt), so viele Bücher liegen hier und wollen gelesen werden und alles scheint drängend und wichtig und interessant. Ich bin gespannt, wo mich meine Lesereise im April hinführt, welche Welten ich entdecken werde, welche Gedanken sich entwickeln. Manchmal wünschte ich mir die eine klarere Richtung, so dieses eine Thema, aber so bin ich nicht. Und vielleicht ist es auch mal an der Zeit, anzuerkennen, dass es verschiedene Menschen gibt und das gut ist – was bedeutet, dass auch ich gut bin, wie ich bin, mit all meinen Interessen, meiner Neugier, meinem Lernwillen, meinen Eigenarten.

Am Schluss halte ich es mit Goethe:

Da steh’ ich nun, ich armer Tor,
Und bin so klug als wie zuvor!
Heisse Magister, heisse Doktor gar,
Und ziehe schon an die zehen Jahr’
Herauf, herab und quer und krumm
Meine Schüler an der Nase herum –
Und sehe, dass wir nichts wissen können!

Und irgendwie ist das auch gut, dieses Nicht-wissen-Können, denn wo man nicht weiss, kann man offen neu erkunden und auf Neues stossen. Und das bereichert das Leben doch mehr als festgefahrene Glaubens- und Wissenssätze, die man runterbeten kann.

10 Kommentare zu „Tagesgedanken: Lesemonat März

  1. Mir tut es in Momenten wie diesen immer gut, mich an thematische Linien zu halten und mich in den jeweiligen Themen zu „vertiefen“ anstatt zu „verbreitern“. Den Überfluss (auch) an interessanten Büchern blende ich gerne aus. Dass es so vieles Interessantes gäbe, das ist wohl auch vielen Dingen des Lebens zu eigen: am Ende zählt, was wir als wichtig IN uns behalten, nicht was es AUSSEN geben möchte. Den Pessimismus Goethes teile ich freilich nicht.

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  2. „Das viele Lesen hat uns eine gelehrte Barbarei zugezogen.“ ( Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft F 1085)
    STATUS: Helen Pluckrose und James Lindsay warnen in ihrem Buch „Zynische Theorien“ vor der Zerstörungskraft der postmodernen Akademia.

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      1. “ Man lese nicht viel und nur das Beste, langsam, und befrage sich alle Schritte, warum glaube ich dieses? “ (Lichtenberg, B 285)
        Ich habe nur Rezensionen (Pluckrose) gelesen, das Thema ist schon länger anhängig, so wie Derrida, Lacan, Foucault … Nicht nur bei diesen ist das Denken gefährlich, und das fängt bei Platons „Politeia“ an. „O glücklich, wer noch hoffen kann, aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen …“

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  3. In Bezug auf Ökonomie habe ich vielleicht einen redundanten Vorschlag: Joseph Vogel und „Gespenst des Kapitals“ … die meisten kümmern sich nicht um die Deutungsverfahren, wie überhaupt Daten der Ökonomie ausgewertet werden. Es stimmt. Es gibt Daten, und anhand derer könnte man Schlüsse ziehen, doch Daten entstehen in Mess- und Auswertungsprozessen, die bereits Deutungshorizonten unterliegen (beispielsweise wie sollte man Inflation berechnen, wenn nicht mit einem Standart-Warenkorb, aber wer legt diesen fest?) Was ich bei Vogel inspirierend fand, ist die etwas breitere Sicht in die Dinge. Es ist ein knappes und gutes Buch. Und ja, Luhmann „Wirtschaft der Gesellschaft“ ist absolut empfehlenswert. Ich habe von Hannah Arendt „Vita activa“ diesen Monat gelesen und schlage mich noch mit ihrer Platon-Exegese herum. Viele Grüße in den Sonntag!

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    1. Danke für diese Tipps. Luhmann schwebt mir schon lange vor, ich kneife immer wieder. Vita Activa möchte ich eigentlich auch bald mal wieder lesen, ich habe es ziemlich vergessen, zu lange ist es her. Ich lese gerade „Was ist Politik?“ von ihr, das sind aber nur Fragmente, was man dem Schreiben anmerkt und was mich ein wenig stört, trotzdem finden sich gute Gedanken darin.

      Was mich (wieder) sehr beeindruckt hat, ist Aristoteles Modell einer Gesellschaft, wie sie Martha Nussbaum in ihrem Buch „Grenzen der Gerechtigkeit“ nachgezeichnet hat. Das möchte ich auch nochmals neu lesen. Aktuell bin ich an Avishai Margalit, Politik der Würde – und finde es grossartig (auch wenn ich darin einen Gedanken fand, von dem ich dachte, ich hätte ihn grad neu gehabt… 😉 )

      Auch dir einen schönen Sonntag.

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    2. Luhmann gibt eine gute Überblickstheorie ebenso wie eine differenzierte Erkenntnistheorie. In „Wirtschaft der Gesellschaft“ bietet er die Chance, von der immer noch virulenten Marx’schen Dichotomie herunterzukommen: „Alles wirtschaftliche Handeln ist soziales Handeln, daher ist alle Wirtschaft immer auch Vollzug von Gesellschaft.“ (L., WdG, S.8) Luhmanns Denkwelt ist allerdings nicht gerade simpel gestrickt, eine Einführung in sein Denken leistet vielleicht der kleine Interviewband „Archimedes und wir“ von 1987 bei Merve.

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