Tagesgedanken: Was kümmert mich die Welt?

Ich lese aktuell drei Bücher: eines über die Geschichte des Kapitalismus, eines über Philosophie und Armut, eines über Moral und Politik. Ich lese Zeitungen, sehe, was passiert auf dieser Welt und es erschüttert mich. Wir haben es geschafft, aus dieser Welt ein Schlachtfeld zu machen, einen Tummelplatz der Schädigungen, die alle auf dem eigenen Profitdenken fussen. Nun kann man einfach sagen: Ich selber habe ja nichts gemacht, ich lebe ja nur mein Leben – doch ich denke, das ist zu einfach gedacht.

Wir frönen dem Konsum, während andere Menschen auf der Welt verhungern. Woher rührt die Gleichgültigkeit, die mangelnde Aufregung, die fehlende Empörung? Ist das Thema zu wenig präsent? Zu wenig konkret? Hätten wir nicht die Pflicht, zu helfen? Worauf gründen überhaupt Pflichten? Wer steht in der Verantwortung? Wofür? Auf welche Weise?*

Versuchen wir es mit einer Analogie zur Veranschaulichung (das Beispiel ist von Peter Singer): Ein Mann geht an einem Teich vorbei, darin ertrinkt gerade ein Säugling. Der Mann hilft dem Kind nicht, weil er seinen teuren Anzug nicht ruinieren will. Das löst bei den meisten vermutlich Empörung aus. Man ist sich wohl mehrheitlich einig, dass der Mann dem Kind hätte helfen müssen. Es wäre hier um eine Güterabwägung gegangen, bei welcher das Leben eines Kindes mehr Gewicht gehabt hätte als ein Anzug. Wir sehen hier also den Mann in der Pflicht. Zudem sind wir uns mehrheitlich sicher, dass wir geholfen hätten.

Kann man diese Sicht analog auf das Armutsproblem anwenden? Dort sterben Menschen, hier sitzen wir, könnten helfen (wie wäre noch konkret zu klären) und tun es nicht. Wieso sehen wir uns hier nicht in derselben Hilfspflicht wie beim ertrinkenden Kind? Es gibt einige Unterschiede zwischen den beiden Fällen:

Im Teichbeispiel haben wir einen einzelnen Mann und ein Opfer. Die Hilfe ist einmalig und danach ist alles wieder gut, das Kind in Sicherheit. Im Falle der Armut haben wir es mit 800 Millionen Menschen zu tun, das kann kein Einzelner bewältigen. Eine Spende wäre sicher eine Gewissensberuhigung, aber noch keine ausreichende oder gar nachhaltige Hilfe. Armut ist kein individuelles Problem, es reicht nicht, allen etwas zu essen zu geben, einen Einzelnen von einer Krankheit zu heilen. Die nächste Krankheit wird kommen und der nächste Hunger auch. Armut ist ein strukturelles Problem, es rührt daher, dass Menschen keinen Zugang zu Gütern für ihre Grundversorgung (Nahrung, medizinische Versorgung, Bildung, etc.) haben. Da müsste man ansetzen. Es gibt einige sehr sinnvolle globale NGOs, die in grösserem Masse helfen und die auf Unterstützung angewiesen, allerdings müsste das Problem auch auf politischer Ebene und in noch umfassenderem Rahmen angegangen.

Sind wir also doch fein raus aus der Pflicht? Können wir weiterleben wie bisher, unserem Vergnügen frönen und die Probleme dieser Welt vergessen, da wir nichts tun können? Ich denke nicht. Mit unserem Konsumverhalten fördern wir die Ungleichheiten auf dieser Welt. Indem wir uns mit Kleiderbergen aus wenig nachhaltiger und ausbeuterischer Produktion eindecken, stärken wir Systeme, die so produzieren. Der Verzicht auf diese Produkte würde nicht den Menschen dort die Arbeit nehmen (so wird der eigene Kaufrausch oft gerechtfertigt), sondern die Firmen dazu anhalten, andere Bedingungen zu schaffen (natürlich nicht von heute auf morgen und das ist nur ein Schritt von vielen).

Ein weiteres Problem: Unsere Regierungen unterstützen die Politiker in den von Armut betroffenen Ländern, sie tun das für unseren Profit. Sie kaufen Rohstoffe aus Verbrecherstaaten, der Gewinn kommt nur der jeweiligen Regierung, nie dem Volk zugute. So werden die Ressourcen ganzer Länder geplündert, das Volk bleibt in Armut und die machthabenden Gauner bereichern sich.

Das geht uns nichts an? Wir haben damit nichts zu tun? Auch hier kommen wir nicht so leicht davon: Wir haben unsere Regierungen gewählt und wir wählen die Bedingungen in unserem Land durch Wahlen, Abstimmungen und durch unser Verhalten. Wir verschwenden Ressourcen, da sie ja endlos vorhanden zu sein scheinen (die Bedingungen dafür ignorieren wir). Wir sind nicht mal im eigenen Land bereit, zu einer gerechteren Umverteilung beizutragen, um hier die Armut, die durchaus existiert, zu bekämpfen. So stimmen wir zum Beispiel immer wieder gegen höhere Besteuerung, weil wir nicht wollen, dass man uns etwas wegnimmt. Helfen ja, aber nicht auf unsere Kosten… Es würde sonst nicht mehr für das tägliche Fleisch und das 12. Paar Schuhe reichen.

Mich frustriert das im Moment sehr. Auch das Wissen, dass ich mir in der Vergangenheit viel zu wenig Gedanken darüber gemacht habe, frustriert mich. Ich werde die Welt nicht retten können, aber ich möchte zumindest hinsehen, was passiert und meinen Beitrag zu einer möglichen Verbesserung leisten. Da ich als Philosophin ein denkender und schreibender Mensch bin, werden das meine vorrangigen Mittel sein zur Bewusstmachung des Problems. Ich will und darf nicht mehr schweigen, wenn ich Missstände sehe, und ich will und muss auch mein eigenes Verhalten überdenken. Frei nach Gandhi:

„Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.“


*Das sind nur Gedanken und soll keine abschliessende Abhandlung darstellen. So liegt es in der Natur der Sache, dass vieles Erwähnenswerte keinen Eingang fand und die perfekte Lösung des Problems noch aussteht. Man möge es mir nachsehen.

4 Kommentare zu „Tagesgedanken: Was kümmert mich die Welt?

  1. Sandra: „Da ich als Philosophin ein denkender und schreibender Mensch bin…“

    Philosophie ist nicht vorrangig das Denken.

    Philosophie ist die
    Liebe zur Weisheit.

    Denken ist bloß die nachrangige Hilfsarbeit.

    Auf ´s Denken haben wir einen gewissen Einfluß,
    wir können es aktiv tun. Das finden wir attraktiv,
    denn das macht uns (dem Gefühl nach) mächtig.

    Die Weisheit hat nicht diesen Stellenwert, denn ihr
    gegenüber können wir nur eine rezeptive Haltung
    einnehmen. Das fühlt sich irgendwie ohnmächtig an.

    Philosophie (im Wortsinn) geht nicht über das Denken.

    Die Weisheit… (Vertikale) liegt
    nicht im Denken (Horizontale).

    Die Weisheit blitzt auf in kurzen Momenten des Nichtdenkens.
    Erst danach… folgen das Nach-denken und das Schreiben.

    Das erinnert mich an Albert Einstein, der mal äußerte,
    die besten Einfälle zu haben, wenn er in der Badewanne
    mit den Seifenblasen spiele.

    Einfälle, Eingebungen, Erkenntnisse, Weisheit, Mitgefühl,
    all das können wir nicht direkt über das Denken erreichen.

    Doch können wir uns all dem öffnen
    (und denken, wir hätten es erdacht).

    🌼

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