Colm Tóibín: Der Zauberer

Inhalt

«Da geschah etwas: Er sah den Roman, über den er seit Längerem nachdachte, vollständig vor sich. Für dieses Buch würde er sich als ein Einzelkind neu erschaffen…»

Der Inhalt dieses Buches ist leicht erzählt, denn es ist die in einen Roman verpackte Lebensgeschichte von Thomas Mann. Begonnen mit seiner Kindheit in Lübeck geht die Lebensbeschreibung weiter, durchläuft die Schulzeit, Reisen mit dem Bruder nach Italien, die Begegnung und Hochzeit mit Katja Pringsheim, die Kinderschar, die sich bald einstellt, die Machtergreifung und die sich dadurch einstellende Gegnerschaft gegen Hitler bis hin zum amerikanischen Exil. Immer wieder werden auch Schaffensprozesse vom Erlebten hin zum Werk dargestellt, geheime, zumeist sexuelle Gedanken offengelegt und in die Lebenserzählung eingebettet.

Weitere Betrachtungen
Colm Tóibín hat sich einer schwierigen Aufgabe gewidmet mit diesem Buch: Er erzählt die Geschichte eines herausragenden Schriftstellers in Romanform, welcher sich schon selbst in all seinen Büchern autobiographisch dargestellt hat. Wie wollte er dagegen ankommen, das gar übertreffen? Praktisch ein Ding der Unmöglichkeit. Nun kann man dahin gehen und sagen, dass Thomas Mann das eigene Leben nie ganz der Wirklichkeit entsprechend erzählt hat, sich nur in einzelnen Figuren verewigt hat, so dass durchaus ein Unterschied zu einem nacherzählten Leben besteht. Dies mag zwar so stimmen, nur erscheint Thomas Mann in seinen eigenen Erzählungen plastischer und authentischer, als er dies zumindest im ersten Teil von Tóibíns Buch tut.

Es ist zu ergänzen, dass die vorliegende Romanbiografie wenig Neues ans Licht bringt, das, was sie erzählt, relativ chronologisch dahinplätschert und wenig Mehrwert oder gesteigerten Lesegenuss bringt gegenüber einer fundierten Biographie wie sie zum Beispiel Hermann Kurzke geschrieben hat. Es bleibt die Frage zurück, für welche Zielgruppe dieser Roman geschrieben wurde. Ein Kenner von Thomas Manns Leben und Werk wird sich wohl eher langweilen, da er wenig Neues erfährt, ein Neuling in Bezug auf Thomas Manns Leben kann durchaus Neues erfahren, wobei er sich allerdings wohl durch die ersten Kapitel durchbeissen muss, da diese noch wenig packend geschrieben sind.

Positiv herauszuheben ist, dass sich Tóibín offensichtlich intensiv mit Thomas Mann auseinandergesetzt hat, er hat die Entstehungsgeschichten der einzelnen Werke des Literaten studiert und fundiert in seinen Roman eingebaut. Dies nimmt dem Roman leider etwas Fahrt im Erzählstrang, ist aber für den interessierten und wenig informierten Thomas-Mann-Fan durchaus spannend zu lesen – leider verliert Tóibín wohl genau damit die Leser, welche einen guten und packenden Roman, eine interessante Lebensgeschichte lesen wollen.

Auffällig ist die sehr intensive und plakativ dargestellte sexuelle Ausrichtung von Thomas Mann.

«Und aus der Erzählung würde hervorgehen müssen, dass das Verlangen sexueller Natur war, zugleich aber würde es, natürlich, unerfüllbar und unmöglich sein müssen. Der Blick des älteren Mannes würde umso. brennender sein, als weiter nichts geschehen konnte. Die Begegnung würde das Leben des Protagonisten umso einschneidender. verändern, als sie flüchtig sein und zu nichts führen würde. Denn etwas liesse sich niemals zähmen, niemals bändigen, nie gesellschaftsfähig machen. Es würde die Pforten einer Seele sprengen, die sich für uneinnehmbar gehalten hatte.»

Es werden Situationen und Fantasien teilweise sehr detailliert beschrieben, es werden Gedankengänge und Sehnsüchte ans Licht gezerrt und förmlich breitgetreten, welche Thomas Mann sorgsam unter Verschluss hielt. Nun kann man sagen, dass dies legitim sei für einen Roman und eine Erzählung eines Lebens, dass es sogar um des wahren Blicks auf den Charakter nötig sei, allerdings hätte es nicht so plakativ und fast schon penetrant wiederkehrend passieren müssen. So mutet dem Text fast ein wenig Sensationslust und lüsternes Verlangen an.

Persönliche Einschätzung
Ich habe dieses Buch mit grosser Spannung erwartet, da ich ein grosser Thomas-Mann-Fan bin. Nun mag es durchaus sein, dass die Erwartungen zu hoch und mein Hintergrundwissen schon zu gross war, so dass meine Einschätzung des Buchs nicht objektiv daher kommt. Ich habe mich bemüht, einen möglichst objektiven Blick zu bewahren, was allerdings schwer war, da ich teilweise wütend wurde beim Lesen, vor allem bei den blossstellenden Szenen über Thomas Manns Homosexualität.

Colm Tóibín hat sich einer schwierigen Aufgabe gestellt, das Buch deutet durchaus auf eine sehr intensive Recherche und ein grosses Interesse an seinem Protagonisten hin, aber er hat die Aufgabe in meinen Augen leider nicht erfolgreich gelöst. Trotzdem möchte ich das Buch nicht nur verreissen oder davon abraten. Als erster Einstieg in das Leben und Schaffen von Thomas Mann kann es durchaus lesenswert sein. Und vielleicht stossen dann auch die von mir kritisierten Stellen nicht so sauer auf.

Fazit:
Eine gut recherchierte und fundierte Romanbiografie, welche leider zu sehr nacherzähltes Leben und wenig literarisches Werk ist und den Protagonisten seltsam blass erscheinen lässt. Als Einstiegslektüre in Thomas Manns Leben denkbar.

Colm Tóibín
Colm Tóibín, 1955 in Enniscorthy geboren, ist einer der wichtigsten irischen Autoren der Gegenwart. Bereits sein erster Roman Der Süden (1994) wurde von der Kritik enthusiastisch gefeiert. Bei Hanser erschienen der Henry-James-Roman Porträt des Meisters in mittleren Jahren (2005), Mütter und Söhne (Erzählungen, 2009), Brooklyn (Roman, 2010), Marias Testament (Roman, 2014), Liebe und Tod (Hanser-Box, 2014), Nora Webster (Roman, 2016), Haus der Namen (Roman, 2020) und zuletzt Der Zauberer (Roman, 2021). Sein Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u. a. mit dem IMPAC-Preis.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 560 Seiten
Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG (27. September 2021)
ISBN: 978-3446270893

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2 Kommentare zu „Colm Tóibín: Der Zauberer

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