Lesemonat Januar

Man könnte sagen, bei mir fliesst alter Wein in neuen Fässern, denn es ist im neuen Jahr alles so, wie das alte es hinterliess, und so kommt es, dass auch im Januar gelesen wurde. Den Anfang machte Michelle Obama mit ihrem neuen Buch «Das Licht in uns». Nachdem dieses Licht mal entdeckt war, ging es mit Selbstliebe und Aufforderungen zur Lebensänderungen weiter (ein grossartiges Buch, das mir ans Herz gegangen ist). Mit Jay Shetty wurde es dann wieder seichter, Osho toppte das noch. Gekämpft habe ich mit Audre Lorde. Schön daran war, dass ich es nicht alleine las, die Diskussion zum Buch steht noch aus, ich weiss nur, meiner Mitleserin ging es wie mir: Diese Wut und so vieles war uns zu fremd.

Das grosse HIghlight im Januar war Karl Jaspers mit seinen grossen Philosophen, eine wunderbare MIschung aus Ost und West mit tiefgründigen Texten zu Leben und Werk. Von Viktor E. Frankl holte ich mir Ermutigungen für schwierige Zeiten (die ich zum Glück aktuell nicht habe). Danach ging ich mit Alan Watts auf Glückssuche, um am Schluss mit Nietzsche zu schauen, was so ein Leben überhaupt ausmacht und wie es gelebt werden sollte. Eine spannende Lesereise.

Es wurden 10 Bücher, mehrheitlich in Spanien gelesen bei wunderbaren 20 Grad. Wieder zuhause bin ich noch nicht so im Lesen angekommen, dafür habe ich die ganzen Bücherregale umgeräumt, um sie für meine neuen Projekte und weiteren Leseabsichten passend zu haben. Vielleicht schwang auch ein wenig die Freude mit, wieder mit all meinen Büchern vereint zu sein – für mich ein Gefühl von Heimat, frei nach dem Motto:

«My Home is, where my books are.»

Ich habe beschlossen, wieder mehr über Bücher zu schreiben, was ich nun doch eine Zeit lang vernachlässigt habe. Einerseits, weil Bücher seit ich denken kann einen zentralen Wert in meinem Leben habe und ich gerne zum Lesen anrege, vor allem weil ich der Überzeugung bin, dass Bücher gute Freunde sein können, die einem mit Trost, Freude und auch neuen Einsichten das Leben bereichern können.

Was waren eure Lesehighlights im Januar?

Hier die ganze Liste

Michelle Obama: Das Licht in uns. Halt finden in unsicheren ZeitenEin sehr authentisches, offenes Buch über das Leben, über Beziehungen, ein Buch über Selbstzweifel, die auch nicht aufhören, wenn man es nach aussen „geschafft hat“. Ein Buch darüber, wo wir Kraft finden können, wenn es schwierig wird, und darüber, dass wir hinstehen müssen und können, wenn wir etwas bewirken wollen – für uns und für andere. Ein Blich in die Lebensgeschichten von Michelle Obama, das berührt, weil es von Herzen zu kommen scheint. 5
Rüdiger Schache:Die Selbstliebe-Illusion. 7 grosse Selbstliebe-Irrtümer – und wie du wirklich bei dir ankommst. Ein Buch darüber, dass wir uns nicht mehr lieben müssen, sondern anfangen, uns nicht mehr abzulehnen. Indem wir erkennen, wer und was wir wirklich sind und wollen im Leben, können wir zu dem Menschen werden, der wir sein wollen und tief im Herzen auch sind. Die Selbstliebe wird dann von selbst kommen. Etwas seicht, aber leicht und flüssig zu lesen und zum Nachdenken anregend.4
Wayne Dyer: Ändere deine Gedanken und dein Leben ändert sich. Die lebendige Weisheit des TaoInterpretationen der 82 Verse des Tao te Kings, Gedanken und Meditationen über die Inhalte, lebenspraktisch, teilweise persönlich, zum Nachdenken und ins eigene Leben Integrieren anregende Texte. Ein gedankliches Kleinod, ein zu Herzen gehendes und da wirkendes Buch. 5
Jay Shetty: Ruhe in dir. Zeitlose Weisheiten für ein selbstbestimmtes LebenJay Shetty erzählt von seinem Alltag als Mönch im Ashram und greift auf die Methoden der Mönche zurück, um zu zeigen, wie ein selbstbestimmtes und gelingendes Leben erreicht werden kann. Durch Selbsterkenntnis, Annehmen der Umstände, Loslassen des falschen Strebens und Dankbarkeit für die Gaben des Lebens können wir an einen Punkt kommen, mit uns und andern in Frieden und Harmonie zu leben – nach unseren Werten.4
Osho: Tantra. Die höchste EinsichtAbgebrochen – Ein Kommentar zum tantrischen Buddhismus. Sehr ausführliche und mit Beispielen versehen Eklärung des „Gesangs vom Mahamudra“ – leider zur falschen Zeit, da im Moment zu blumig. Zudem zu viele Wiedreholungen, zu  viel Geplauder.
Audre Lorde: Sister OutsiderEin Zeugnis der Wut einer schwarzen, lesbischen, feministischen, alleinerziehenden Mutter und Uni-Dozentin, welche diese ergründet, in Geschichten erläutert und, gezielt eingesetzt, als Motivation für den Kampf gegen die Unterdrückung propagiert. Ein Einblick in die Welt einer Schwarzen und was es bedeutet, mit dieser Hautfarbe auf die Welt gekommen zu sein in den herrschenden Herrschaftsverhältnissen. Manchmal ein wenig zu schwarz-weiss, mitunter aber auch ein kraftvoller Aufruf für mehr Miteinander im Kampf für eine gemeinsame gerechtere Welt. 5
Karl Jaspers: Die grossen PhilosophenEinblicke ins Denken grosser Philosophien. Kein schlichtes Zusammenfassen oder Darlegen, sondern ein analytisches Ergründen und Durchdenken. Sowohl Erläuterung wie auch Schulung im Selberdenken, Hinterfragen, genauer Lesen. Ein grossartiges Buch, ein Buch, das nachhallt und zum tiefer Graben und Weiterdenken inspiriert. 5
Viktor E. Frankl: Zeiten der Entscheidung. ErmutigungenEin Werkzeugkasten aus ausgewählten Texten mit Fallbeispielen aus dem Gesamtwerk Frankls, der dazu dienen soll, gerade in schwierigen Zeiten als Anleitung zum gelingenden und sinnerfüllten Leben zu dienen. Teilweise in wissenschaftlichem Jargon verfasst bieten die einzelnen Texte eine Einsicht ins Denken und Arbeiten Frankls und in seine Logotherapie, es sind Texte, die darauf bauen, dass der Mensch für ein gelingendes Leben einen Sinn braucht und er frei ist, auf eine gute Weise auf das, was das Leben bringt zu reagieren.4

Christiane Wunderlich: 6 Schritte zur Achtsamkeit

Ein Stressbewältigungsprogramm für mehr Gelassenheit und Lebensfreude

Mehr Achtsamkeit im Alltag

„Präsenz zu entwickeln, heisst, mit der Aufmerksamkeit und den Gedanken bewusst im gegenwärtigen Moment zu sein, bei dem, was jetzt gerade ist oder was wir gerade tun.“ Christiane Wunderlich

Thich Nhat Hanh zitiert in seinen Büchern gerne einen Mönch, der Achtsamkeit folgendermassen beschreibt:

„Wenn ich gehe, gehe ich,
wenn ich esse, esse ich,
wenn ich trinke, trinke ich.“

Oft kommt dann der Einwand, dass man das doch auch tue. Doch ist es wirklich so? Denken wir beim gehen nicht schon ans Ankommen? Essen wir nicht schnell mal etwas im Stehen zwischendurch, um schnell weiter zu können? Planen wir nicht heute schon, was wir morgen machen?

Kürzlich las ich diesen schönen Satz:

„Geniesse deine Gegenwart, dann hast du in Zukunft eine schöne Vergangenheit.“

Leider haben wir genau das oft verlernt. Wir sind getrieben von eigenen und fremden Ansprüchen, denen wir allen gerecht werden wollen, und vergessen uns dabei oft selbst. Wie fühlen wir uns? Ist das wirklich das Leben, das wir leben wollen? Wem es so geht, dem sei das kleine Buch von Christiane Wunderlich empfohlen: „6 Schritte zur Achtsamkeit. Ein Stressbewältigungsprogramm für mehr Gelassenheit und Lebensfreude“

Christiane Wunderlich erklärt zuerst, was Stress ist und wie er sich auswirkt auf unseren Körper. Danach führt sie ins Thema Achtsamkeit ein und zeigt auf, wie diese helfen kann bei der Stressbewältigung. Sie hat ein Programm in sechs Schritten entwickelt, das hilft, den eigenen Stress zu erkennen und mit gezielten Übungen dagegen anzugehen, um das Leben gelassener und freudvoller zu gestalten.

Entstanden ist ein kleines, leicht lesbares Buch mit guten Anleitungen, die einzelnen Übungen gleich umzusetzen.

Fazit:
Ein lebenspraktisches Buch mit leicht anwendbaren Übungen für ein wichtiges Thema in der heutigen Zeit, das vielen Menschen Leid bringt. Empfehlenswert!

Die Autorin
Christiane Wunderlich ist Heilpraktikerin für Psychotherapie und Achtsamkeitstrainerin in eigener Praxis bei Nürnberg. Sie ist Dozentin in der Heilpraktikerausbildung für Psychotherapie und gibt Stressbewältigungs- und Achtsamkeitstrainings in Unternehmen. Daraus entwickelte Sie in den vergangenen Jahren ein großes Repertoire an Techniken zum Umgang mit stressvollen Gedanken sowie das Konzept »6 Schritte zur Achtsamkeit«, das bereits bei vielen Teilnehmern zu mehr Gelassenheit und Lebensfreude in ihrem Alltag geführt hat. http://www.christine-wunderlich-coaching.de

Angaben zum Buch
Herausgeber : Schirner Verlag; 1. Edition (20. Mai 2021)
Taschenbuch : 200 Seiten
ISBN-13 : 978-3843414784

Luvvie Ajaye Jones: Handbuch für Unruhestifterinnen. Feier deine Stärken – und zwar laut

Sei mutig und wild, sei du selbst

Inhalt

„Es geht vielmehr darum, ein waches Bewusstsein entwickeln. Zu wissen, dass wir genauso auf die Erde gehören wie jede und jeder andere auch.“

Als Kind der letzten Generation bin ich mit Aufforderungen aufgewachsen, bloss nicht zu laut zu sein, bloss nicht aufzufallen, mich auch ja schön artig zu benehmen. Am besten war es, wenn man mich nicht wahrnahm, ich quasi als braver Mitläufer in dieser Welt existierte, der seine Leistungen gut und richtig (nach äusserem Massstab) erfüllte und wenn eine Wirkung, dann eine positive hervorrief. Unter allem lag die latente Botschaft: Sei nicht so (wie du bist). und bei Nicht-Gelingen sofort: „Du bist nicht gut genug.“

„Denn was wir für möglich halten, hat Einfluss darauf, wie weit wir gehen.“

Leider nehmen wir solche Prägungen oft ins Erwachsenenleben, die Sätze setzen sich fest, sie werden Glaubenssätze, an denen wir unser Denken, Fühlen und Handeln ausrichten. Der Satz „Das kann ich nicht.“, die eigene Verurteilung „Ich bin nicht gut genug.“ und das harte Gericht mit uns selbst, wenn etwas misslingt, sind Zeugen davon.

„Gewöhnt euch daran, euch unbeliebt zu machen.“

Und immer versuchen wir, es anderen recht zu machen. Wir verbiegen uns, passen uns an und vergessen uns darüber nicht selten selbst. Luvvie Ajayi Jones sagt in ihrem Buch: „Stopp!“ Sie ruft auf, an sich zu glauben, sich ernst zu nehmen, sich den Wert zuzuschreiben, der einem zusteht. Sie macht Mut, sich selbst zu entdecken und auszuleben, an sich zu glauben.

„Dein Leben ist keine Zirkusvorstellung und nicht alle Menschen haben das Recht auf eine Eintrittskarte.“

Das ist nicht immer einfach, denn es wird nicht jedem gefallen, nur: Es gefällt nie allen, und wer mich so, wie ich wirklich bin, nicht mag, der ist vielleicht in meinem Leben am falschen Platz.
Ich kann nicht aufhören zu wachsen, nur weil es einem anderen Menschen mehr behagen würde. Es ist nicht meine Aufgabe, es den Menschen behaglich zu machen.“

Aus diesem Grund ist es Jones Botschaft: Sei du selbst. Sei es in deinem Sein, in deinem Sprechen und in deinem Tun. Traue dir was zu, riskiere auch mal ein Scheitern, es gehört dazu und ist kein Weltuntergang. Vertraue auf dich und feuere dich selbst immer wieder an. Und vor allem: Setze deine Grenzen. Bestimme selbst, was du willst, wen du in deinem Leben willst, und wo ein Nein die bessere Wahl ist. Das wird dich verändern und diese Veränderung wird nicht jedem gefallen, denn du wirst nicht mehr das bequeme Objekt für die Erfüllung von fremden Erwartungen sein. Sei stolz darauf!

„Anstatt es als Beleidigung aufzufassen, wenn uns Veränderung attestiert wird, sollten wir einfach sagen: „Danke fürs Bemerken, ich hab auch schwer an mir gearbeitet.““

Fazit
Ein inspirierendes Buch, das Mut machen will, das Leben in die Hand zu nehmen und die zu sein, die man ist. Empfehlenswert.

Zur Autorin
Luvvie Ajayi Jones ist Bestsellerautorin, Podcasterin und eine gefragte Rednerin an der Schnittstelle von Humor, Medien und Gerechtigkeit. Ihre hochgelobten Bücher Professional Troublemaker: The Fear-Fighter Manual and I’m Judging You: The Do-Better Manual schafften es auf Anhieb auf die New York Times Bestseller List. Als Speakerin tritt sie regelmäßig auf Bühnen rund um den Globus auf, unter anderem bei Großunternehmen wie Google, Facebook, Amazon und Twitter. Ajayi Jones ist zudem Mitegründerin der Initiative #SharetheMicNow und hat ihren eigenen Podacst: Professional Troublemaker.

Angaben zum Buch
Herausgeber : Rowohlt Taschenbuch; 1. Edition (13. September 2022)
Sprache : Deutsch
Taschenbuch : 336 Seiten
ISBN-13 : 978-3499008542
Originaltitel : Professional Troublemaker: The Fear-Fighter Manualar-Fighter Manual: Lessons From a Professional Troublemaker
Übersetzung: Viola Krauss

Andreas Salcher: Die grosse Erschöpfung und die Quellen der Kraft

Dem Leben mit mehr Kraft begegnen

Inhalt
Immer mehr Menschen klagen über Erschöpfung, immer mehr Menschen fallen in ein Burnout. Schaut man in die Welt, scheint der Grund dafür klar: Die immer grösseren Belastungen durch den Leistungsdruck, die Klimakatastrophe, Pandemien und Kriege – die Welt scheint nicht mehr sicher, das eigene Überleben wird immer herausfordernder. Der Umstand, dass diese äusseren Umstände viele Menschen betreffen, davon aber nicht alle erschöpft sind, deutet darauf hin, dass die Gründe tiefer liegen müssen, dass sie beim Menschen selbst gesucht werden sollten.

Andreas Salcher geht der Frage nach diesen Gründen nach und er beruft sich dabei immer wieder auf drei Menschen: Viktor Frankl, der trotz seinen grausamen Erfahrungen als Überlebender Sinn im Leben sah, Mihaly Csikszentmihalyi, der sein Leben der Erforschung des Glücks gewidmet hat, und den Benediktinermönch David Steindl-Rast, der zu Innehalten und Ruhe für die richtige Entscheidung zum Tun aufrief.

Zu lernen, mit Frustration und Ablehnung umzugehen, ist ein Schlüssel zu einem gelungenen Leben. Unsere Einstellung ist unsere grösste Freiheit, die wir uns von niemandem nehmen lassen sollten.“

In vielen, oft wie zusammengewürfelt erscheinenden Beispielen, Gedankengängen und Geschichten kreist Andreas Salcher sein Thema ein, beleuchtet es von den verschiedensten Seiten und fördert so einem Goldschürfer gleich Erkenntnisse ans Tageslicht. Er zeigt auf, wie falsche Erwartungen, zu viel Fremdbestimmung und zu wenig Selbstverantwortung regelrecht krank machen können, und nennt wirkungsvolle Werte und Haltungen, besser mit den Herausforderungen des Lebens umzugehen.

„Du bist für dein Denken und Handeln, deine Sicht auf die Welt und deren Konsequenzen selbst verantwortlich.“

Der Weg zum Glück ist kein einfacher, er braucht Disziplin, den Mut, genau hinzuschauen und den Willen, etwas zu tun. Wichtig dabei ist, zu entscheiden, was wirklich selbstgewolltes und passendes Tun ist und wo wir äusseren Erwartungen und Zwängen unterliegen. Die nächste Herausforderung ist, für das eigene Tun die Verantwortung zu übernehmen, im Wissen, dass es unsere Wahlfreiheit war, die dieses Tun bewirkt hat. Und bei all dem dürfen wir nicht vergessen, dankbar zu sein für das, was uns möglich ist und für das Gute, das wir oft zu schnell übersehen.

Fazit
Andreas Salcher ist es gelungen, ein wichtiges Thema unserer Zeit aus verschiedenen Blickrichtungen zu beleuchten, es anschaulich und verständlich zu präsentieren und lebenspraktische Herangehensweisen für eine Verbesserung der eigenen Lebensqualität zu skizzieren. Ein Buch, das ich sehr empfehlen kann.

Tagesgedanken: Schreiben

«Ich brauchte einige Jahre, um herauszufinden, was ich war. Eine Schriftstellerin. Womit ich nicht eine ‚gute‘ oder eine ‚schlechte‘ Schriftstellerin meine, sondern einfach eine Schriftstellerin, ein Mensch, der seine tiefsten und leidenschaftlichsten Stunden damit verbringt, Wörter auf einem Stück Papier anzuordnen.»

Das schrieb Joan Didion und ich fühle, da ist eine Gleichgesinnte, da ich jemand, der mich versteht. Das Gefühl, wenn die Buchstaben fliessen, das Gefühl, wenn die Gedanken langsam auf dem Papier Gestalt annehmen, der Fluss des Schreibens, der ein unaufhaltsamer zu sein scheint plötzlich, wenn sich Wort an Wort in Sätze giesst, die zu dem werden, was im Kopf vorgeht, das aber vorher nicht so bewusst war, wie es nun wird, da es vor mir schwarz auf weiss erscheint. 

Schreiben ist die erste Tätigkeit des Tages und es zieht sich durch diesen hindurch. Lesen ist die Beschäftigung, die gleich danach kommt, die das Schreiben begleitet teilweise, ihm vorauseilt, um schliesslich oft den Tag auch zu beenden. Und so ziehen die Tage mit ihren Wörtern ins Land, Notizbücher füllen sich, Dokumente werden eröffnet, gefüllt, geschlossen, neue Welten entstehen, die vormals in meinem Kopf waren, nun ihren Weg in die Freiheit gefunden haben. Und in jedem Text komme ich mir wieder neu auf die Spur. Denn es ist, wie Joan Didion sagt:

«Ich schreibe ausschliesslich, um herauszufinden, was ich denke, was ich anschaue, was ich sehe und was das bedeutet. Was ich will und wovor ich mich fürchte.»

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Buchtipp: Joan Didion: Was ich meine

Joan Didion schrieb mal, dass sie nur darum schreibe, um herauszufinden, was sie denkt, fühlt, sieht. In diesem Buch werden wir Zeuge davon. In zwölf Essays lernt der Leser Amerika aus ihrem Blick kennen, erfährt mehr über ihr Leben in diesem Land und mit den Herausforderungen, die das Leben birgt. Mit ihrem Erzählen schafft es Joan Didion immer wieder, die Augen des Lesers für die Welt zu öffnen.

Angaben zum Buch:
Herausgeber: Ullstein Hardcover (24. Februar 2022)
ISBN-13: 978-3550201813
Übersetzung: Antje Rávik Strubel
Originaltitel: Let Me Tell You What I Mean

Julian Barnes: Vom Ende einer Geschichte

Was kann man vom eigenen Leben wissen?

„Das letzte Bild habe ich nicht wirklich gesehen, aber am Ende ist das, was man in Erinnerung behält, nicht immer dasselbe wie das, was man beobachtet hat“.

Tony Webster denkt über sein Leben nach, reist in der Zeit zurück bis zu seiner Schulzeit, der Zeit, in der Adrian Fynn in seine Klasse gekommen ist und sich ihm und seinen beiden Freunden anschloss, aus dem Dreier- in Vierergespann machte. Oder haben sich die drei Adrian angeschlossen? Wer war Ziehender, wer Gezogener? Die Geschichte scheint nicht so eindeutig, wie man sie gerne hätte. So oder so veränderte sich mit Adrian vieles im Leben der Jugendlichen.

„Natürlich waren wir prätentiös – wozu ist Jugend sonst da?“

Neben der Ausbildung, den Auseinandersetzungen mit Geschichte

„Geschichte ist ein Sandwich mit rohen Zwiebeln, Sir. […] Sie stösst einem immer wieder auf, Sir. Sie rülpst.“

Literatur und vielem mehr, was den Weg Jugendlicher säumt, spielen Sex und mögliche und unmögliche Beziehungen eine grosse Rolle im Leben der drei.

„Gewöhnlich verspricht die erste Liebe, selbst wenn sie nicht gut ausgeht – vielleicht gerade wenn sie nicht gut ausgeht -, dass wir nun endlich wüssten, was das Leben lebenswert macht und rechtfertigt.“

Nach der Schule trennen sich ihre Wege, bis eines Tages die Nachricht von Adrians Selbstmord die ehemaligen Freunde ereilt und neue Fragen aufwirft. Allen voran immer wieder die nach der eigenen Erinnerung, nach dem, was man eigentlich vom eigenen Leben weiss und wissen kann.

Auf sehr engem Raum entwickelt Julian Barnes eine tiefgründige Geschichte, die nachdenken lässt, mehr Fragen als Antworten liefert und Abgründe menschlichen Seins und Tuns offen legt. Ein packendes Buch, ein tiefes Buch, eines, das man schnell lesen möchte und dabei doch immer wieder innehält, in Gedanken versinkt, weiter liest und am Schluss ergriffen ist, weil die Geschichte nach der letzten Seite noch nicht zu Ende ist – zumindest nicht die eigene Auseinandersetzung damit.

Dazu passt ein Zitat von Max Frisch:

„Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält, oder ein ganze Reihe von Geschichten.“

Fazit:
Nachdenklich, dicht, sprachlich und inhaltlich packend. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Julian Barnes
Julian Barnes, 1946 geboren, arbeitete nach dem Studium moderner Sprachen als Lexikograph, dann als Journalist. Von Barnes, der zahlreiche internationale Preise erhielt, zuletzt den David-Cohen-Prize, liegt ein umfangreiches erzählerisches und essayistisches Werk vor, darunter die Romane „Flauberts Papagei,“ „Eine Geschichte der Welt in 10 ½ Kapiteln“ und „Darüber reden“. Julian Barnes lebt in London. Gertraude Krueger, 1949 geboren, lebt als Dozentin und freie Übersetzerin in Berlin. Zu ihren Übersetzungen gehören u.a. Sketche der Monty-Python-Truppe und Werke von Julian Barnes, Alice Walker, Siri Hustvedt, Jhumpa Lahiri und E.L. Doctorow.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 192 Seiten
Verlag: Kiepenheuer & WitschVerlag (1. Dezember 2011)
ISBN-Nr.: 978-3462044331
Preis: EUR  18.99 / CHF 29.90

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Jasmina Kuhnke: Schwarzes Herz

Inhalt

«Schleichend verfestigte sich ein Selbstbild, gegen das ich nicht ankam, weil ich den Zuschreibungen von aussen nichts mehr entgegensetzen konnte. Ein Selbstbild, das nicht nur sagte: Ich kann nichts, sondern auch: Ich bin nichts.»

Am Rande des Ruhrgebiets wächst Anfang der neunziger Jahre ein Mädchen auf. Es ist eine Kindheit, wie man sie keinem Kind wünscht: Ein gewalttätiger Stiefvater, Ausgrenzungen in der Schule und Alltagsrassismus prägen ihr Leben. Während sie heranwächst, fühlt sie sich immer kleiner, rechnet immer und überall mit Gefahren. Als sich plötzlich ein Mann ernsthaft für sie interessiert, übersieht sie die Alarmzeichen, begibt sich in eine Beziehung, die bald zum Gefängnis wird. Und wieder prägen Gewalt und Herabsetzungen ihren Alltag. Sie weiss nur eines: Sie muss einen Ausweg finden, denn sonst wird sie das alles nicht überleben.

Weitere Betrachtungen

«Meine Oma, mein Onkel und meine Tante, mein Cousin und meine Cousine, wir hatten ein gutes Verhältnis zueinander. Wenn sie mir das Gefühl gaben, anders zu sein, dann nicht aus Boshaftigkeit, sondern weil sie es nicht besser wussten. Oft war ihr Vergalten eine Strategie, um mit den eigenen Kränkungen umzugehen, die das Leben bereithielt.»

Jasmina Kuhnke erzählt einerseits eine Geschichte, andererseits deutet sie auf gesellschaftliche Strukturen. Sie zeigt auf, wie Menschen mit anderen Menschen umgehen, wenn die nicht ihrer Norm entsprechen. Die Schwarze Hautfarbe ist dabei ein deutlich sichtbares Zeichen für eine Abweichung derselben, der Umgang damit vielfältig, im besten Falle gut gemeint oder schlecht durchdacht, im schlimmsten Fall ausgeprägter und verachtender Rassismus. Während der zweite offensichtlich ist, sind es die anderen Formen nicht. Das macht sie umso gefährlicher, weil sie unter der Oberfläche ein Milieu bereiten, auf welchem der Rest wachsen kann.

«Das Gefühl, richtig zu sein, wie ich war, ist mir schon als Kind abhanden gekommen. Als Teenagerin richtete ich mich nur darin ein, falsch im Leben zu sein.»

Wenn man von klein auf spürt, dass man anders ist, richtet das etwas mit einem an: Sich nicht dazugehörig zu fühlen gibt das Gefühl der Einsamkeit, des Alleingelassenseins in einer Welt, in welcher die anderen nicht nur zusammenstehen, sondern sich als solche Gemeinschaft auch noch gegen einen richten. Es ist schwer, wenn nicht fast unmöglich, in einem solchen Umfeld ein gesundes Selbstwertgefühl aufzubauen, das hilft, das Unrecht, das einem widerfährt, tatkräftig zu bekämpfen. Einerseits ist die Angst, alles noch schlimmer zu machen, wohl gross, andererseits herrscht wohl auch das Gefühl vor, dass einem das nicht zusteht.

Jasmina Kuhnke ist ein eindringliches Buch gelungen, ein Buch, das berührt, erschüttert, aufrüttelt. Es ist ein Buch, das aufzeigt, was man in einem Leben als weisser Mensch nicht mal erahnen kann. Es ist dem Buch und der Menschheit zu wünschen, dass sich viele davon bewegen lassen, genauer hinzuschauen und Teil einer Veränderung werden zu wollen.

Beim Lesen des Buches passierte es leicht, die Protagonistin mit der Autorin gleichzusetzen. Zwar weiss man als professioneller Leser, dass man dies nicht tun sollte, selbst wenn die Geschichte in der Ich-Form erzählt wird, und doch fiel die Trennung bei dem Buch schwer. Und da liegt ein mögliches Problem: Die Geschichte ist in gewissen Details sehr extrem, weit weg von dem, was wohl viele der Leser selbst erfahren haben. Ist das Buch wirklich «nur» Roman, stellt sich die Frage, was Übertreibung, was wirkliche Realität ist. Das ist bei anderen Büchern unproblematischer, bei der Behandlung eines so aktuellen und brennenden Themas stellen sich mehr Fragen.

Die verwendete Sprache ist wenig literarisch, sondern oft sehr hart und teilweise vulgär. Das mag vor allem am Anfang durchaus zum Inhalt und dem sozialen Milieu der Geschichte passen, wirkt manchmal aber als zuviel und erscheint gegen den Schluss mit der Entwicklung der Protagonistin immer unpassender. Man hätte erwartet, dass sich die Sprache an die Entwicklung anpasst. Störend wirkten sehr viele Wiederholungen. Ein Lektorat hätte diese streichen müssen, um den Erzählfluss weniger zu stören.

Persönlicher Bezug

«Ohne den Druck, sich Gedanken darüber zu machen, was die Gesellschaft von mir hält, war ich frei. Sie hat mich eh nie als vollwertiges Mitglied betrachtet. Nun gibt es keine Zwänge mehr. Keine Anspruchshaltung oder die Angst vor Verurteilung. ich weiss, es liegt nicht in meiner Hand, ob man mich respektiert. Ich muss anfangen, mich selbst zu respektieren, und mein Selbstwertgefühl nicht weiter von aussen bestimmen zu lassen.»

Sätze wie dieser machen das Buch für mich zu einer Entdeckung. Nicht dass die Botschaft neu wäre, nur wirkt sie im Kontext dieser Geschichte nochmals deutlicher. Ich kenne von mir selbst das Gefühl (wenn auch zum Glück aus anderen Gründen und mit weniger dramatischen Auswirkungen), nicht dazuzugehören, in meinem Sein und Denken und Tun nicht der sich als normal setzenden Gesellschaftsmehrheit zu entsprechen. Auch ich habe schon gelitten unter Unverständnis, Spott, Ablehnung oder zumindest Ignoranz. Zu sehen, wie ein Mensch nach so vielen Rückschlägen, Tiefpunkten auf- und hinsteht, ist beeindruckend und macht Mut.

Fazit
Rassismus und soziale Ungerechtigkeit – wichtige Themen erzählt in der eindrücklichen und bedrückenden Geschichte einer Frau, die gegen Gewalt und Diskriminierung kämpfen und ihren Platz in einer ihr feindlich gesinnten Welt finden muss. Empfehlenswert!

Autorin
Jasmina Kuhnke wurde 1982 in Hagen geboren. Sie arbeitet als TV-Autorin und Kolumnistin für ein Satire Magazin. Jasmina lebt mit ihrem Mann und ihren vier Kindern in Köln. Sie engagiert sich in der Öffentlichkeit unter ihrem Künstlernamen Quattromilf – „Mom I´d like to follow“ gegen Rassismus und Diskriminierung.

Angaben zum Buch
Herausgeber: Rowohlt Buchverlag; 3. Edition (19. Oktober 2021)
Gebundene Ausgabe: 208 Seiten
ISBN-Nr.: 978-3498002541

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Simone de Beauvoir: Die Unzertrennlichen

Inhalt

«Mit neun Jahren war ich ein sehr artiges kleines Mädchen; das war nicht immer so gewesen; in meiner frühen Kindheit stürzte mich die Tyrannei der Erwachsenen bisweilen in eine derart blindwütige Raserei, dass eine meiner Tanten eines Tages ernsthaft erklärte: «Sylvie ist vom Teufel besessen.» Der Krieg und die Religion bezwangen mich schliesslich.»

Als Sylvie Andrée in der Schule kennenlernt, ist sie sofort hingerissen von diesem selbstsicheren, selbständig wirkenden Mädchen. Zwischen den beiden entwickelt sich eine tiefe Freundschaft. Sie durchleben gemeinsam die erste Liebe, den damit verbundenen Schmerz. Sie versuchen, trotz des strengen Regimes des jeweiligen Elternhauses ihr Leben zu leben, was oft unmöglich ist und schlussendlich tragisch enden wird.

Weitere Betrachtungen

«Warum hatte ich ihr meine Liebe nicht zeigen können? Andrée war mir in allem so herausragend erschienen, dass ich gemeint hatte, sie müsse vollkommen glücklich sein. Mir war danach zumute, sie und mich zu beweinen.»

«Die Unzertrennlichen» ist ein Buch über Freundschaft. Es ist eine Freundschaft, die trotz aller Nähe und des gegenseitigen Vertrauens immer auch einen Rest an Zurückhaltung behält. Die beiden Freundinnen gehen auch nie zum vertraulichen Du über, sie bleiben die ganze gemeinsamen Jahre über beim förmlichen Sie. Im Nachhinein bereut Sylvie, sie steht für Simone de Beauvoir, diese Zurückhaltung zutiefst.

«In Büchern erklären die Leute einander ihre Liebe , ihren Hass, sie wagen, sich alles zu erzählen, was sie auf dem Herzen haben; weshalb ist das im wahren Leben unmöglich?»

Ob dieses Bedauern mit ein Grund dafür ist, dass sie später in ihrer Beziehung mit Sartre vollkommene Offenheit will, Transparenz in den Gedanken und im Tun?

«Zaza ist daran gestorben, dass sie aussergewöhnlich war. Man hat sie umgebracht, ihr Tod war ein «spirituelles Verbrechen».»

Dies schreibt Sylvie Le Bon de Beauvoir, die Frau, die Simone de Beauvoir adoptiert  und mit ihrem Nachlass betraut hat. Sie war viele Jahre die engste Vertraute von Simone de Beauvoir. Die Geschichte dieses aussergewöhnlichen Mädchens hat Simone de Beauvoir im vorliegenden, zu Lebzeiten nie veröffentlichten Roman festgehalten. Sie hat ihn mit folgenden Worten Zaza gewidmet:

«Wenn ich heute Abend Tränen in den Augen habe, ist es dann, weil sie tot sind oder weil ich lebe? Ich sollte ihnen diese Geschichte widmen. Aber ich weiss, dass sie nirgends mehr sind, dass mir nur der Kunstgriff der Literatur erlaubt, hier mit Ihnen zu reden.»

«Die Unzertrennlichen» ist nicht grosse Literatur in dem Sinn, aber es ist ein kleines, authentisches und zum Nachdenken anregendes Buch, das die Gefahren von Erwartungen aufzeigt. Es ist ein Buch darüber, wie Menschen leiden, die unter dem Druck des gefallen Wollens und gehorchen Müssens zerbrechen, die sich selber verleugnen müssen, um dem zu entsprechen, das sie darstellen sollen.

Es ist ein leidenschaftliches und auch tragisches Buch, ein Zeitzeugnis und ein Bild der bürgerlichen Gesellschaft mit all ihren Zwängen und Moralvorstellungen. Simone de Beauvoir schrieb mit «Die Unzertrennlichen» einen autofiktionalen Roman, in welchem sie ihre Freundschaft mit Zaza thematisierte. Sie zeigt darin sehr deutlich die Einschränkungen, die sie als Kind und Jugendliche hinnehmen musste und die bei Zaza zum Tod führten. Diese Erlebnisse sind es wohl auch, welche bei ihr den tiefen Wunsch nach Freiheit und Eigenständigkeit wachsen liessen.

Persönlicher Bezug
Simone de Beauvoir übt immer wieder eine grosse Faszination auf mich aus. Ihre Gedanken, ihr Schreiben, ihr Hinsehen auf die eigene Geschichte und die Form, in welche sie diese verpackt, um damit soviel offenzulegen von ihrem Werden, sind eine grosse Inspiration. Nie lassen sie mich einfach kalt, immer erkenne ich mich in gewissen Punkten wieder und immer regt mich die Lektüre ihrer Schriften zum Nachdenken an.

Simone de Beauvoir hat den Finger auf Missstände gegen Frauen gelegt, sie hat immer wieder gegen deren Unterdrückung angeschrieben und selber ein Leben gelebt, das dieser entgegentrat. Damit ist sie ein Vorbild für die Generationen nach ihr geworden. Ihre Ansichten und auch ihre Forderungen für eine gerechte Gesellschaft sind auch heute noch aktuell wie damals. Leider ist noch viel zu wenig davon umgesetzt worden.

Fazit
Ein authentisches Buch über die Freundschaft zweier Mädchen, die den Erwartungen der Zeit zu trotzen versuchen. Grosse Leseempfehlung.

Autorin
Simone de Beauvoir wurde am 9.1.1908 in Paris in ein ursprünglich wohlhabendes, später mit den Finanzen kämpfendes Elternhaus geboren. Mit fünfeinhalb Jahren kam Simone an das katholische Mädcheninstitut, den Cours Désir, Rue Jacob; als Musterschülerin legte sie dort den Baccalauréat, das französische Abitur, ab. 1925/26 studierte sie französische Philologie am Institut Sainte-Marie in Neuilly und Mathematik am Institut Catholique, bevor sie 1926/27 die Sorbonne bezog, um Philosophie zu studieren. 1928 erhielt sie die Licence, schrieb eine Diplomarbeit über Leibnitz, legte gemeinsam mit Merleau-Ponty und Lévi-Strauss ihre Probezeit als Lehramtskandidatin am Lycée Janson-de-Sailly ab und bereitete sich an der Sorbonne und der École Normale Supérieure auf die Agrégation in Philosophie vor. In ihrem letzten Studienjahr lernte sie dort eine Reihe später berühmt gewordener Schriftsteller kennen, darunter Jean-Paul Sartre, ihren Lebensgefährten seit jener Zeit. 1932-1936 unterrichtete sie zunächst in Rouen und bis 1943 dann am Lycée Molière und Camille Sée in Paris. Danach zog sie sich aus dem Schulleben zurück, um sich ganz der schriftstellerischen Arbeit zu widmen. Zusammen mit Sartre hat Simone de Beauvoir am politischen und gesellschaftlichen Geschehen ihrer Zeit stets aktiv teilgenommen. Sie hat sich, insbesondere seit Gründung des MLF (Mouvement de Libération des Femmes) 1970, stark in der französischen Frauenbewegung engagiert. 1971 unterzeichnete sie das französische Manifest zur Abtreibung. 1974 wurde sie Präsidentin der Partei für Frauenrechte, schlug allerdings die «Légion d’Honneur» aus, die ihr Mitterrand angetragen hatte. Am 14.4.1986 ist sie, 78-jährig, im Hospital Cochin gestorben. Sie wurde neben Sartre auf dem Friedhof Montparnasse beigesetzt.

Übersetzung: Amelie Thoma, geboren 1970 in Stuttgart. Sie studierte Romanistik und Kulturwissenschaften in Berlin und arbeitete als Lektorin, ehe sie die Übersetzerlaufbahn einschlug. Neben Leïla Slimanis Romanen und Essays übertrug sie u. a. Texte von Marc Levy, Joël Dicker und François Sagan ins Deutsche.

Angaben zum Buch
Herausgeber: Rowohlt Buchverlag; 2. Edition (19. Oktober 2021)
Gebundene Ausgabe: 144 Seiten
Originaltitel: Les inséparables
Übersetzung: Amelie Thoma
ISBN: 978-3498002251

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Aude: Das Wanderkind

Inhalt

«Aber der Kleine war auch dieses Mal nicht gestorben, allen Prophezeihungen zum Trotz. Alle nennen ihn immer noch den Kleinen. Und wenn man ihn nach seinem Namen fragt, antwortet er: «Der Kleine.»»

Als Corinne mit Zwillingen schwanger ist, stellt sie sich die beiden harmonisch ineinander verschlungen vor und freut sich mit ihrem Mann auf den Familienzuwachs. Die Nachricht, dass einer der beiden immer kleiner, der andere immer grösser wird, ist der erste Schock, dass der kleinere Zwilling sterben wird, weil der andere ihm alles wegnimmt, sie beide austragen muss, weckt in ihr eine Wut. Die Überraschung ist gross, als beide lebendig zur Welt kommen, was bleibt, ist der Grössenunterschied. Hans, der grosse Zwilling, und der Kleine, wie Benoît nur genannt wird, sind durch ein enges Band verbunden, Hans errichtet regelrecht Mauern um sie beide. Wen will er schützen? Und wovor?

Weitere Betrachtungen

«Wovor er solche Angst hat – vor der schrecklichen Einsamkeit, der gähnenden Leere, die nur der Kleine ausfüllen kann -, Alexandra kennt das Gefühl nicht nur genauso gut, sondern sogar noch besser als er. Hans spürt immer deutlicher, dass er eines Tages, wenn sein Bruder sterben sollte, genauso allein sein wird wie sie.»

Aude (eigentlich Claudette Charbonneau) erzählt in „Das Wanderkind“ die Geschichte von den Brüdern Hans und dem Kleinen. Es ist eine Geschichte über Beziehungen, über Familie, über Liebe. Es ist die Geschichte von gegenseitigen Abhängigkeiten und darüber, dass nicht immer alles so ist, wie es scheint. Es ist eine Geschichte über die Verletzlichkeit von Menschen und die Suche nach dem eigenen Platz in einem System. Es ist aber auch eine Geschichte über die Liebe und darüber, was Menschen verbindet. Über die Ängste, die entstehen, wenn man an den Verlust eines Menschen denkt.

Aude ist ein kleines, feines, leises Buch gelungen, in welchem kein Wort zu viel scheint. Es ist ein märchenhafter Roman über die Wunder des Lebens, darüber, dass keiner allein sein will und wir alle Nähe und Zuneigung brauchen. Vielleicht ist das eine oder andere Wunder etwas zu gesucht, doch das tut dem Buch keinen Abbruch.

Persönlicher Bezug
Die Geschichte ist sehr warmherzig und schön erzählt, und doch hat sie mich persönlich nicht ganz gepackt, auch wenn ich das Buch nicht hätte zur Seite legen wollen. Dies rührte wohl daher, dass ich selber keine Geschwister habe und mir so irgendwie ein Anknüpfungspunkt an die Gefühle der Figuren im Buch fehlte. Zwar gibt es auch in anderen Beziehungen ähnliche Probleme und Situationen, und doch bin ich mir nicht sicher, ob die Gefühle und Dynamiken innerhalb einer Familie nicht eine andere sind als in ausserfamiliären Beziehungen. 

Fazit
Ein kleines und feines Buch über zwei unterschiedliche Brüder, über Liebe und Verbundenheit. Sehr empfehlenswert.

Autorin und Übersetzerin
Claudette Charbonneau alias Aude wurde in 1947 Montréal geboren und gilt als eine der wichtigsten Figuren der frankokanadischen Literaturszene. Nach dem Studium unterrichtete sie in Québec Kreatives Schreiben und Literaturtheorie. Ihr preisgekrönter Kurzgeschichtenband Cet imperceptible mouvement (1997) erschien 1998 auf Englisch (The Indiscernible Movement). Nach einer Phase des düsteres Erzählens über Wahnsinn und Tod wandte sie sich mit L’enfant migrateur einer hoffnungsfrohen Weltsicht zu. Aude starb 2012 an Leukämie. Sie wurde posthum zur Ehrenpräsidentin des nach ihr benannten Centre Aude d’études sur la nouvelle zur Förderung der Gattung Kurzgeschichte ernannt.

Ina Böhme studierte Romanische Philologie und Interkulturelle Deutsch-Französische Studien in Marburg, Poitiers, Aix-en-Provence und Tübingen. Nach mehreren Jahren in Frankreich lebt sie inzwischen als literarische Übersetzerin in Berlin. 2018 war sie Stipendiatin des Georges-Arthur-Goldschmidt-Programms für junge Literaturübersetzer und erhielt 2019 ein Initiativstipen­dium des Deutschen Übersetzerfonds.

Angaben zum Buch
Herausgeber: Alfred Kröner Verlag; 1. Edition (22. März 2021)
Gebundene Ausgabe: 128 Seiten
Originaltitel: L’enfant migrateur
Übersetzung: Ina Böhme
ISBN: 978-3520616012

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort und online u. a. bei AMAZON.DE und ORELLFUESSLI.CH

Tara Haigh – Nachgefragt

Tara Haigh schreibt seit vielen Jahren große TV-Unterhaltung und als Tessa Hennig Frauenromane mit Herz und Humor, die bereits erfolgreich verfilmt und alle Bestseller wurden. In ihren historischen Romanen erzählt sie spannende Liebesgeschichten an exotischen Sehnsuchtsorten, die mit viel Liebe zum Detail recherchiert sind und dabei Aspekte der Weltgeschichte aufgreifen, die weniger bekannt oder bisher kaum literarisch in Erscheinung getreten sind. Weitere Informationen unter http://www.tessa-hennig.de.

Nun ist ihr neuer Roman „Die Klänge der Freiheit erschienen“. Hier findet ihr den Trailer zum Buch:

Der Roman erzählt die Geschichte von Inge, welche in Nürnberg behütet aufwächst, sich dann gegen den Willen ihres Vaters zur Rotkreuzschwester ausbildet und dann 1943 an die Ostfront geschickt wird. Das Leid, das sie da sieht, übertrifft alle ihre Vorstellungen. Als sie die Chance erhält, nach Italien zu gehen, nutzt sie die Chance. Dort, im Kloster Montecassino, findet sie ihre Liebe und noch einiges mehr.

Ich habe der Autorin im Rahmen einer Bloggertour (die anderen Blogs seht ihr unten im Bild und sie werden natürlich verlinkt mit den einzelnen Beiträgen) ein paar Fragen gestellt:

Wie würden Sie Ihre Biografie erzählen?

Die ist von Ausflügen in verschiedene Welten geprägt. Banklehre, Wirtschaftsstudium im In- und Ausland mit Schwerpunkt Marketing und strategische Planung. Studium der Neueren Deutschen Literaturwissenschaft. Ein Jahr in Malaysia, dort einen Film gedreht. Jahre in der Filmproduktion. Das war der Einstieg ins Drehbuchschreiben. Auf Anraten der Agentur entstand mein erster Roman „Mutti steigt aus“. Der hüpfte gleich auf die Spiegel-Bestsellerliste. Seit ein paar Jahren schreibe ich nur noch Romane, weil mich die Arbeit mehr erfüllt.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen konkreten Auslöser?

Die inneren Triebfedern sind persönliche Anliegen, Themen, die mich interessieren. Beim Komödienlabel sind das Dinge, die die Generation Ü 50 bewegt. Bei den historischen Romanen Aspekte der Weltgeschichte, die bisher gar nicht oder kaum literarisch in Erscheinung getreten sind. Ich finde es spannend mich tief in Recherchen einzugraben.

Ich habe bereits mit fünfzehn meinen ersten Roman geschrieben, doch nur zum Spaß. Brotlose Kunst hieß es. Rückblickend bin ich froh um die vielen Umwege, denn sie füllten mich mit Erfahrungen und Menschenkenntnis. Auf diese Weise fällt es mir leicht etwas „about human nature“ zu erzählen, weil ich Vieles selbst erleben und in viele unterschiedliche Welten eintauchen durfte.

Sie haben unter verschiedenen Namen in verschiedenen Bereichen geschrieben. Wieso die unterschiedlichen Namen? Und: Wäre es nicht einfacher, immer im gleichen Gewässer zu fischen oder brauchen Sie die Abwechslung, um sich nicht selbst zu langweilen?

Die unterschiedlichen Namen haben sich aus rein pragmatischen Überlegungen, auch verlagsseits ergeben. Ich bemerke, dass ich beim Schreiben je nach Label tatsächlich in andere Rollen schlüpfe. Die Leserschaft bemerkt die unterschiedlichen Schreibstile. Das verblüfft mich manchmal selbst. Die Mischung aus Komödie und historischen Romanen gefällt mir gut, weil ich damit viele Facetten meiner Persönlichkeit entfalten, ja regelrecht „ausleben“ kann.

Woher holen Sie Ihre Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt und sieht man viel, aber wie wird eine Geschichte daraus?

Die Ideen trägt mir das Leben zu. Bei den Klängen der Freiheit war es beispielsweise ein rein zufälliger Besuch der Abtei Montecassino während ich für „Kann Gelato Sünde sein?“ auf Recherchereise war. Schon seinerzeit erwuchs der Drang die faszinierende Geschichte und die überragend wichtige Bedeutung dieses Klosters für das Christentum zu erzählen, zumal es eine unglaublich spannende Rolle im zweiten Weltkrieg spielte. Damit füttere ich mein Unterbewusstes. Und nach und nach kommen dann Ideen für Figuren zu Tage. Die haben mir dann plötzlich eine Geschichte zu erzählen. Manchmal fühle ich mich wie jemand der nur „aufschreibt“.

Wenn Sie auf Ihren eigenen Schreibprozess schauen, wie gehen Sie vor? Mit Papier und Stift oder am Computer? Entsteht zuerst ein durchdachtes Gerüst oder aber schreiben Sie drauf los und schauen, wo das Schreiben hinführt? Variiert das in den verschiedenen Genres?

Wenn die Idee einmal steht, wird in der plattformübergreifenden App „Evernote“ am Computer alles an Recherchematerial gesammelt, bzw. herausgeschrieben. Historische Ereignisse setze ich als Eckpfeiler für das Timing. Mit diesen Informationen verdichten sich die Figuren und ihre Erzählbögen. Daraus wiederum entwickeln sich ihre Handlungen. Steht der stichpunktartig erarbeitete Rahmen, schreibe ich ein Exposé, um den Verlag zu überzeugen. Bei den Komödien, die ja alle an einem attraktiven Urlaubsort spielen, steht die Recherche der Besonderheiten dieses Orts im Vordergrund, aus dem sich meist viel Situationskomik ziehen lässt. Grundsätzlich lasse ich den Figuren aber innerhalb des gesteckten Rahmens freien Lauf. Erst im zweiten Durchgang wird präzise verortet (die Regie und Ausstattung beim Roman – die Örtlichkeiten). Denn das hält mich sonst im Schreibfluss zu lange auf.

Wie gehen Sie mit Schreibblockaden um? Gibt es diese überhaupt?

Ich hatte noch nie eine. Gelegentlich ist der Alltag aber so fordernd, dass ich vor lauter Müdigkeit unliterarisch oder „Unsätze“ schreibe und nur noch diszipliniert das Exposé umsetze. Das macht aber nichts, weil ich diese Stellen im zweiten Durchgang mit Freude poliere.

Ich hörte mal, der größte Feind des Schriftstellers sei nicht mangelndes Talent, sondern die Störung durch andere Menschen. Brauchen Sie zum Arbeiten Stille und Einsamkeit, oder stören Sie andere Menschen nicht? Wo schreiben sie bevorzugt?

Ich brauche beim Schreiben mehrere Stunden am Stück meine Ruhe. Schlimm sind von außen an mich herangetragene komplexe Probleme, die nach aufwendigen Lösungen verlangen. Das ist für mich der Supergau, weil mich diese Dinge dann aus der Geschichte herausreißen. Daher versuche ich die gesamte Lifeadmin und Reisen so zu legen, dass ich mehrere Wochen am Stück möglichst wenig anderes zu erledigen habe. Einen bevorzugten Ort zum Schreiben habe ich nicht. Manchmal im Garten, auf einer Terrasse, im Büro und sogar mit Laptray entspannt im Bett.

Mit „Die Klänge der Freiheit“ haben sie einen Liebesroman geschrieben, den sie im Zweiten Weltkrieg ansiedelten. Was hat Sie an diesem Setting gereizt?

Zum einen die Rolle der Rotkreuzschwestern, die im zweiten Weltkrieg schier Übermenschliches leisten mussten. Zum anderen die unfassbar interessante Rolle der Abtei im zweiten Weltkrieg, ihr tragisches Schicksal und dass ausgerechnet ein deutscher Wehrmachtsoffizier die Schätze der Abtei vor den Angriffen der Alliierten in Sicherheit gebracht hat.

Ein historischer Roman erfordert immer auch viel Recherche, in diesem Fall mussten Sie wohl tief in die Gräuel unserer Geschichte eintauchen? War das zeitweise nicht auch belastend? Wie sind Sie mit all dem angelesenen Leid und all den grausamen Verbrechen umgegangen?

Vor allem der Teil, der in der Ukraine spielt, hat mir sehr viel abverlangt. Es ist eine Sache etwas von den Großeltern über den Krieg erzählt zu bekommen und eine andere, wenn man beim Schreiben so tief in die Geschehnisse eintaucht und sie aus der Sicht der Figuren miterlebt – durchlebt. Ich hielt es aus, weil ich wusste, wie meine Heldin an diesen Erfahrungen wachsen wird.

„Die Klänge der Freiheit“ hat ein Happy End, wie es sprichwörtlich im Buche steht. Man könnte anmerken, dass dies fast zu seicht sei für die Thematik. Wieso haben Sie sich dazu entschlossen?

Der Entschluss entspringt einer persönlichen Lesevorliebe. Es gibt für mich nichts Schlimmeres, als wenn ein Roman die Leserschaft mit einem schlechten Gefühl entlässt. In Inges „Happy End“ steckt für mich zudem die Botschaft, dass es sich lohnt für etwas, an das man glaubt, zu kämpfen. Es ist ein Plädoyer für die Stimme des Herzens, die der Stimme der Vernunft oft überlegen ist und die Kraft spendet, selbst schlimme Zeiten schadlos zu überstehen.

Goethe sagte einst, alles Schreiben sei autobiographisch. Wie viel von Tara Haigh steckt in Ihren Büchern generell? Wie viel in Ihrem Roman „Die Klänge der Freiheit“?

Dem widerspreche ich gänzlich was die Handlung eines Romans betrifft. Dennoch steckt in all meinen Figuren viel von meinem Ich, der Summe des Erlebten, Facetten meines Charakters, meiner Überzeugungen und Ansichten, die sich bei jedem Roman in den Figuren niederschlagen.

Welche fünf Tipps würden Sie einem angehenden Schriftsteller geben?

  1. Das Anliegen einer Geschichte zu hinterfragen. Was interessiert mich daran? Was bewegt mich? Warum fasziniert mich eine Figur oder ein Ereignis?
  2. Welches Thema möchte ich erzählen? Welche Aussage möchte ich treffen? Damit meine ich nicht die Folie (bei den Klängen Montecassino und die Rotkreuzschwestern im zweiten Weltkrieg), sondern was soll die Leserschaft aus diesem Roman mitnehmen? Im Idealfall ist das etwas „about human nature“, mit dem sich viele Menschen identifizieren können – Konflikte, Werte, Entscheidungen und Verhaltensmuster im Leben. Etwas, was uns alle in irgendeiner Form beschäftigt, bewegt und angeht. Nur dann ist ein Roman gehaltvoll und keine reine Konsumware mit Bausteinen aus der Schublade.
  3. Die Grundzüge der Dramaturgie anhand von Literatur erarbeiten – das Handwerkszeug!
  4. Hemmungslos drauf losschreiben. Sich von den Figuren treiben lassen. Formelles, Satzbau und der literarische Anspruch sind dabei zunächst völlig zweitrangig. Das lässt sich alles erarbeiten. Wichtig sind lebendige Figuren, die etwas Relevantes zu erzählen haben.
  5. Disziplin! Ein Ziel setzen und jeden Tag schreiben. Man gewöhnt sich an diese Zeitfenster und irgendwann fehlt einem was, wenn man nicht schreibt. Das ist wie beim Sport.

Hier geht es zu den anderen Beiträgen:

22.11. lebe-lache-lies.de

24.11. fraugoetheliest.wordpress.com

25.11. tesbuecherblog.blogspot.de

26.11. spiegelseelen.blogspot.de

27.11. kunterbuntbuecherreisen.wordpress.com

Hansjörg Schertenleib: Offene Fenster, offene Türen

Inhalt

«Mitleid darf er so wenig erwarten wie Gnade. Juliette Noirot ist die Schülerin, er der Lehrer. Der Fall ist klar, das Urteil wird schnell gefällt werden. Sie ist neunzehn, er fünfundfünfzig. Opfer, Täter.»

Der 55jährige Rhythmikprofessor Carsten und die 19jährige Studentin Juliette haben bei einem Konzert Sex und werden dabei gefilmt. Nachdem dieser Film in die sozialen Medien gerät, ist das Leben der beiden aus den Fugen, Carsten wird entlassen, seine Frau verlässt ihn und er wie auch Juliette werden in den sozialen Medien und von Freunden und Familie beschimpft und verachtet. Wie kommen sie aus dieser Geschichte wieder raus?

Weitere Betrachtungen

Hansjörg Schertenleib erzählt die Geschichte von Carsten Arbenz und Juliette aus zwei Perspektiven. Abwechselnd begleiten wir die beiden Protagonisten in ihren Alltag und in ihre Gedanken. Wir sehen widersprüchliche Wahrnehmungen, unterschiedliche Wege, mit dem Geschehenen umzugehen. Wir erfahren wenig über ihr Leben vorher, wissen nicht mal genau, wie beide aussehen, alles spielt im Hier und Jetzt. Das Buch spielt hauptsächlich an sechs Tagen, einem Rückblick auf den verhängnisvollen Tag des gefilmten sexuellen Stelldicheins, den vier Tagen danach und einem Tag ein halbes Jahr später.

«Was oder wer entscheidet darüber, ob jemand ein guter Mensch ist? Ist sie schlecht, weil sie sich auf Arbenz eingelassen hat? Hat sie ihn verführt oder hat sie sich von ihm verführen lassen?»

«Offene Fenster, offene Türen» ist ein Buch über Schuld ohne einen Schuldigen aber mit vielen, die einen Schuldigen brauchen, suchen und da sie ihn nicht kennen dazu ernennen – willkürlich, erbarmungslos, vehement. Nachdem die sozialen Medien Blut geleckt haben, verfolgen sie die Spur gnadenlos, es gibt kein Entrinnen mehr. Was einmal in dieser Welt ist, geht nicht mehr so schnell wieder raus. Zumindest nicht gleich. Die Wellen schlagen hoch und reissen mit sich. In diesem Ausgeliefertsein entstehen Hilflosigkeit und Selbstmitleid, aber auch die Suche nach einem Ausweg für sich, wenn nötig gegen den andern.

«Offene Fenster, offene Türen» ist kein schönes Buch, kein Buch für die Seele. Es ist hart in Sprache und Inhalt, es erzählt von zwei Protagonisten, die einem nicht ans Herz wachsen, sondern die einen beide gleichermassen abstossen. Juliette und Carsten schlittern durch eine Unbedachtheit in eine Situation, die ihnen entgleitet und droht, ihr Leben zu zerstören. Danach ist nichts mehr, wie es mal war. Dieser Kontrollverlust bringt ihr Naturell ans Licht, ein Naturell, das so wohl nicht selten ist in der Welt. Es offenbaren sich Egoismus und Opportunismus, Freude an Macht und Manipulation.

Es ist kein Buch, das gefällt, aber die Geschichte hat einen Sog, der einen gleichwohl packt. Man will als Leser wissen, wie sich die beiden Protagonisten entscheiden, wie sie sich in der Situation verhalten, was auf sie einschlägt und wie ob sie aus allem wieder rauskommen. Das Buch ist stimmig aufgebaut, ohne Sentimentalitäten und Schnörkel erzählt und es schliesst mit einem zum Buch passenden Ende.

«Das Tribunal der sozialen Medien, rachsüchtig und ungerecht, wie er findet, weil es sich einseitig entweder auf Juliettes Seite oder auf seine schlägt, gierig nach Verurteilung, süchtig nach einem Opfer, einem Täter.»

Es ist ein Buch über die Macht der sozialen Medien und den Kontrollverlust, den er Einzelne dadurch erfährt. Es ist damit auch eine Art Sozialstudie der heutigen Welt, in welcher wir uns mit Mechanismen herumschlagen, die einem Freiheit durch unbeschränkte Mitteilungsmöglichkeiten versprechen, die aber gleichzeitig eine Gefahr mit sich bringen, uns selber einer Meute zum Frass vorzuwerfen.

Persönliche Einschätzung
Bücher, die mir nicht gefallen, breche ich ab. Ziemlich unbarmherzig und auch meist schnell. Das ging hier nicht. Dass mir das Buch nicht im landläufigen Sinne gefiel, heisst nicht, dass es mich nicht in den Bann zog – im Gegenteil. Beiläufig erzählt entwickelte die Geschichte einen Sog, der packte. Alles schien so aus dem realen Leben gegriffen, war so gut vorstellbar, so vertraut in den Mechanismen, dass ich als Leser ganz schnell mittendrin sass. Und wenn man mittendrin ist, kann man nicht einfach raus, man ist gefangen und muss lesend mitmachen.

«Hat sie sich geholt, worauf sie Lust hatte? Oder hat er es? Falls es nötig ist, um ihren Kopf aus der Schlinge zu ziehen, wird sie ihn anzeigen. Er hat sie gedrängt und, ja, gezwungen, die Lüge klingt wie die Wahrheit. Rücksicht kann sie keine nehmen, sie muss ihren Ruf schützen.»

Ich habe mich einige Male gefragt, ob der Autor Partei ergreift. Kommt der männliche Protagonist nicht besser weg, auch wenn er nach landläufiger Moral durchaus kein Sympathieträger ist mit seinen sexuellen Eskapaden und Frauengeschichten. Trotzdem wirkt er vernünftiger, er nimmt in Kauf, für diesen Seitensprung die Konsequenzen zu tragen. Juliette dagegen offenbart doch Seiten, welche zutiefst unsympathisch ist, sie würde, wenn nötig mit einer Lüge versuchen, sich reinzuwaschen und Carsten reinzureiten. Sie freut sich fast an ihrer Macht, die ihr diese Möglichkeit gibt, was sie umso mehr unsympathisch macht.

Fazit:
Das Buch erzählt die Geschichte von zwei Menschen, deren Leben nach einer Unbedachtheit aus dem Ruder läuft, es ist quasi eine knallharte und wenig mitfühlende Sozialstudie, die einen gleichwohl in den Bann zieht..

Hansjörg Schertenleib
Hansjörg Schertenleib, 1957 in Zürich geboren, ist gelernter Schriftsetzer und Typograph. Seine Novellen, Erzählbände und Romane wie die Bestseller Das Zimmer der Signora und Das Regenorchester wurden in ein Dutzend Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet, seine Theaterstücke auf der ganzen Welt gezeigt. Schertenleib, der auch aus dem Englischen übersetzt, u.a. Werke von Eoin McNamee und Sam Shepard, lebte zwanzig Jahre in Irland, vier Jahre auf Spruce Head Island in Maine und pendelt seit Sommer 2020 zwischen Autun im Burgund und Suhr im Kanton Aargau. Im Kampa Verlag sind erschienen: Die Fliegengöttin, Palast der Stille, Der Glückliche (siehe auch S. 85) und die Maine-Krimis Die Hummerzange und Im Schatten der Flügel.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 256 Seiten
Verlag: ‎ Kampa Verlag; 1. Edition (26. August 2021)
ISBN: 978-3311100645

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Colm Tóibín: Der Zauberer

Inhalt

«Da geschah etwas: Er sah den Roman, über den er seit Längerem nachdachte, vollständig vor sich. Für dieses Buch würde er sich als ein Einzelkind neu erschaffen…»

Der Inhalt dieses Buches ist leicht erzählt, denn es ist die in einen Roman verpackte Lebensgeschichte von Thomas Mann. Begonnen mit seiner Kindheit in Lübeck geht die Lebensbeschreibung weiter, durchläuft die Schulzeit, Reisen mit dem Bruder nach Italien, die Begegnung und Hochzeit mit Katja Pringsheim, die Kinderschar, die sich bald einstellt, die Machtergreifung und die sich dadurch einstellende Gegnerschaft gegen Hitler bis hin zum amerikanischen Exil. Immer wieder werden auch Schaffensprozesse vom Erlebten hin zum Werk dargestellt, geheime, zumeist sexuelle Gedanken offengelegt und in die Lebenserzählung eingebettet.

Weitere Betrachtungen
Colm Tóibín hat sich einer schwierigen Aufgabe gewidmet mit diesem Buch: Er erzählt die Geschichte eines herausragenden Schriftstellers in Romanform, welcher sich schon selbst in all seinen Büchern autobiographisch dargestellt hat. Wie wollte er dagegen ankommen, das gar übertreffen? Praktisch ein Ding der Unmöglichkeit. Nun kann man dahin gehen und sagen, dass Thomas Mann das eigene Leben nie ganz der Wirklichkeit entsprechend erzählt hat, sich nur in einzelnen Figuren verewigt hat, so dass durchaus ein Unterschied zu einem nacherzählten Leben besteht. Dies mag zwar so stimmen, nur erscheint Thomas Mann in seinen eigenen Erzählungen plastischer und authentischer, als er dies zumindest im ersten Teil von Tóibíns Buch tut.

Es ist zu ergänzen, dass die vorliegende Romanbiografie wenig Neues ans Licht bringt, das, was sie erzählt, relativ chronologisch dahinplätschert und wenig Mehrwert oder gesteigerten Lesegenuss bringt gegenüber einer fundierten Biographie wie sie zum Beispiel Hermann Kurzke geschrieben hat. Es bleibt die Frage zurück, für welche Zielgruppe dieser Roman geschrieben wurde. Ein Kenner von Thomas Manns Leben und Werk wird sich wohl eher langweilen, da er wenig Neues erfährt, ein Neuling in Bezug auf Thomas Manns Leben kann durchaus Neues erfahren, wobei er sich allerdings wohl durch die ersten Kapitel durchbeissen muss, da diese noch wenig packend geschrieben sind.

Positiv herauszuheben ist, dass sich Tóibín offensichtlich intensiv mit Thomas Mann auseinandergesetzt hat, er hat die Entstehungsgeschichten der einzelnen Werke des Literaten studiert und fundiert in seinen Roman eingebaut. Dies nimmt dem Roman leider etwas Fahrt im Erzählstrang, ist aber für den interessierten und wenig informierten Thomas-Mann-Fan durchaus spannend zu lesen – leider verliert Tóibín wohl genau damit die Leser, welche einen guten und packenden Roman, eine interessante Lebensgeschichte lesen wollen.

Auffällig ist die sehr intensive und plakativ dargestellte sexuelle Ausrichtung von Thomas Mann.

«Und aus der Erzählung würde hervorgehen müssen, dass das Verlangen sexueller Natur war, zugleich aber würde es, natürlich, unerfüllbar und unmöglich sein müssen. Der Blick des älteren Mannes würde umso. brennender sein, als weiter nichts geschehen konnte. Die Begegnung würde das Leben des Protagonisten umso einschneidender. verändern, als sie flüchtig sein und zu nichts führen würde. Denn etwas liesse sich niemals zähmen, niemals bändigen, nie gesellschaftsfähig machen. Es würde die Pforten einer Seele sprengen, die sich für uneinnehmbar gehalten hatte.»

Es werden Situationen und Fantasien teilweise sehr detailliert beschrieben, es werden Gedankengänge und Sehnsüchte ans Licht gezerrt und förmlich breitgetreten, welche Thomas Mann sorgsam unter Verschluss hielt. Nun kann man sagen, dass dies legitim sei für einen Roman und eine Erzählung eines Lebens, dass es sogar um des wahren Blicks auf den Charakter nötig sei, allerdings hätte es nicht so plakativ und fast schon penetrant wiederkehrend passieren müssen. So mutet dem Text fast ein wenig Sensationslust und lüsternes Verlangen an.

Persönliche Einschätzung
Ich habe dieses Buch mit grosser Spannung erwartet, da ich ein grosser Thomas-Mann-Fan bin. Nun mag es durchaus sein, dass die Erwartungen zu hoch und mein Hintergrundwissen schon zu gross war, so dass meine Einschätzung des Buchs nicht objektiv daher kommt. Ich habe mich bemüht, einen möglichst objektiven Blick zu bewahren, was allerdings schwer war, da ich teilweise wütend wurde beim Lesen, vor allem bei den blossstellenden Szenen über Thomas Manns Homosexualität.

Colm Tóibín hat sich einer schwierigen Aufgabe gestellt, das Buch deutet durchaus auf eine sehr intensive Recherche und ein grosses Interesse an seinem Protagonisten hin, aber er hat die Aufgabe in meinen Augen leider nicht erfolgreich gelöst. Trotzdem möchte ich das Buch nicht nur verreissen oder davon abraten. Als erster Einstieg in das Leben und Schaffen von Thomas Mann kann es durchaus lesenswert sein. Und vielleicht stossen dann auch die von mir kritisierten Stellen nicht so sauer auf.

Fazit:
Eine gut recherchierte und fundierte Romanbiografie, welche leider zu sehr nacherzähltes Leben und wenig literarisches Werk ist und den Protagonisten seltsam blass erscheinen lässt. Als Einstiegslektüre in Thomas Manns Leben denkbar.

Colm Tóibín
Colm Tóibín, 1955 in Enniscorthy geboren, ist einer der wichtigsten irischen Autoren der Gegenwart. Bereits sein erster Roman Der Süden (1994) wurde von der Kritik enthusiastisch gefeiert. Bei Hanser erschienen der Henry-James-Roman Porträt des Meisters in mittleren Jahren (2005), Mütter und Söhne (Erzählungen, 2009), Brooklyn (Roman, 2010), Marias Testament (Roman, 2014), Liebe und Tod (Hanser-Box, 2014), Nora Webster (Roman, 2016), Haus der Namen (Roman, 2020) und zuletzt Der Zauberer (Roman, 2021). Sein Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u. a. mit dem IMPAC-Preis.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 560 Seiten
Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG (27. September 2021)
ISBN: 978-3446270893

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Carsten Henn: Der Buchspazierer

Inhalt

«Hier lebte er mit seiner Familie aus Papier, die er in Vitrinen mit Milchglasscheiben vor Licht und staub schützte. Die Bücher wollten immer wieder von ihm gelesen werden. So, wie Perlen getragen werden mochten, weil sie dann schöner wurden, und, mehr noch, wie Tiere gestreichelt werden wollten, um sich geliebt zu fühlen. Manchmal kam es Carl vor, als beständen all die Worte in ihnen aus seinen Zellen, dabei wusste Carl, dass er sie mit den Jahren einfach nur in sich hineingelesen hatte.»

Carl Kollhof war Buchhändler aus Leidenschaft. Heute hat er nur noch ein kleines Pensum, das darin besteht, ausgewählten Kunden die für sie passenden Bücher persönlich vorbei zu bringen. Obwohl die Beziehungen zu seinen Kunden vordergründig auf Bücher und deren Auslieferung beschränkt erscheint, bildet sich doch eine Verbundenheit. Carl versteht die Menschen in ihrem Sein und ihren Nöten, er sieht in der passenden Literatur eine kleine Heilung.

Irgendwann gesellt sich Schascha zu Carl, ein kluges und fröhliches Mädchen, das ihn fortan auf seinen Wegen begleitet und neuen Wind in die Bücherspaziergänge und die Bücherübergaben bringt. Schon bald wächst in den Beiden der Wunsch, noch mehr für seine Bücherkunden zu tun in ihren jeweiligen Lebenssituationen. Dass Carl selber in Schwierigkeiten steckt, verrät er dabei keinem, sondern tut alles, den anderen Menschen, die ihm so wichtig sind, zu helfen.

Weitere Betrachtungen
«Der Buchspazierer» erzählt auf eine sehr feinfühlige Art aus dem Leben eines Mannes, der eine grosse Liebe zur Literatur hat und eine ebensolche zu Menschen. Carl Kollhof ist der Meingung, dass es für jeden Menschen das richtige Buch gibt, das in sein aktuelles Leben passt. Bücher sind Freunde, Bücher sind Heilmittel, Bücher sind mehr als blosse Worte, sie lösen etwas im Leser aus. Insofern ist dieses Buch hier eine grosse Hommage ans Lesen, an das Buch.

«Er wusste, dass er komisch war, doch es fühlte sich nicht so an. Denn wenn man lange genug komisch war, war es wieder normal. Wenn auch nur für einen selbst, aber das reichte ihm.»

Es gelingt Carsten Henn, Carl Kollhof plastisch und authentisch durchs Buch gehen zu lassen, man fühlt sich ihm als Leser von Anfang an tief verbunden und im Herzen berührt. Und vielleicht fühlt man sich auch verstanden in der eigenen Leidenschaft für Bücher.

Schon der Inhalt zeigt es, dass wir es hier nicht mit grosser und tiefgründiger Literatur zu tun haben. Die Sprache ist einfach (aber durchaus dem Inhalt und den einzelnen Personen angepasst und somit stimmig), der Plot ist lieblich aber auch eher offensichtlich gestrickt. Das alles nimmt dem Buch aber nicht den Charme, im Gegenteil. Das Buch lässt einen in eine Bücherwelt eintauchen, es wärmt das Herz, es bereitet von der ersten bis zur letzten Seite schlicht Lesefreude. Und dann und wann regt es auch zum Nachdenken an, über sich, über Beziehungen, über das Leben – ganz ohne mahnenden Zeigefinger oder Erziehungsabsicht, einfach mit einer zu Herzen gehenden Geschichten. Mehr geht eigentlich nicht.

Persönliche Einschätzung
«Der Buchspazierer» ist ein wunderbares Buch, ein Buch, das mich berührt hat, das mich gepackt und nicht losgelassen hat. Ich liebte es, lesend auf Carls Spaziergängen dabei zu sein, verliebte mich in die kleine Schascha, fühlte mit den einzelnen Kunden mit – sprich: Ich war in dem Buch zu Hause beim Lesen. Das ist  mir schon lange nicht mehr passiert mit einem Buch.

Das Thema, dass aus Büchern Heilung kommen kann, beschäftigt mich schon eine Weile. Auch ich bin, wie Carl, der Überzeugung, dass es für jede Lebenslage ein passendes Buch gibt. Ich denke, dass wir durch Geschichten viel über die Welt, über die Möglichkeiten, in ihr zu bestehen, und über uns selber erfahren. Dadurch erweitern wir unseren Horizont im Aussen und im Innen, das Leben kann ein reicheres werden.

Dass Bücher auch Freunde sein können, ist zudem ein schöner und mir bekannter Gedanke. Ich liebte es von klein auf, mich mit einem Buch zurückzuziehen und in andere Welten einzutauchen. Dieses Buch hier hat mir eine ganz wunderbare bereitet.

Fazit:
Ein kleiner, feiner, feinfühliger Roman mit viel Herz, liebenswürdigen Charakteren und einer zu Herzen gehenden Geschichte. Berührend, zum Nachdenken animierend, einnehmend. Sehr empfehlenswert.

Carsten Henn
Carsten Henn, geboren 1973 in Köln, arbeitet als Schriftsteller, Weinjournalist und Restaurantkritiker. Er ist Chefredakteur des Weinmagazins Vinum. In St. Aldegund an der Mosel besitzt er einen Steilstweinberg mit alten Rieslingreben, den er selbst bewirtschaftet. Wenn er einmal nicht seiner Leidenschaft fürs Kochen nachgeht, ist er auf der Suche nach neuen Gaumenfreuden.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 224 Seiten
Verlag: Pendo; 18. Edition (2. November 2020)
ISBN: 978-3866124776

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Bethan Roberts: Der Liebhaber meines Mannes

Inhalt

«Eigentlich wollte ich mit diesen Worten beginnen: Ich will dich nicht mehr zerstören – denn ich will es wirklich nicht – kam aber zu dem Schluss, dass du das viel zu melodramatisch finden würdest. […] Denn ich will alles aufschreiben, damit ich es richtig verstehe. Dies ist eine Art Geständnis und es ist wichtig, bis in die Einzelheiten genau zu sein. Wenn ich fertig bin, will ich dir diese Aufzeichnungen vorlesen, Patrick, denn du kannst mir nicht mehr widersprechen.»

Wir schreiben das Jahr 1999. Nachdem Patrick zwei Schlaganfälle hatte und nicht mehr für sich sorgen kann, beschliesst Marion, ihn bei sich aufzunehmen. Die beiden verbindet eine lange Geschichte, in die auch Marions Mann Tom verstrickt ist, eine Geschichte, die Marion nun aufschreiben will. Sie beginnt bei der ersten Begegnung mit Tom. Sie erinnert sich, wie sie über Jahre für ihn geschwärmt hatte, endlich von ihm wahrgenommen wurde. Die beiden heirateten und Marion konnte ihr Glück kaum fassen. Sie erzählt weiter von Unternehmungen mit Toms Freund Patrick, welche anfänglich zu dritt stattfanden, später mehrheitlich als Männerfreundschaft weiterliefen.

In ihrem Rückblick schaut Marion endlich genau hin, beschreibt sachlich, nie anklagend, was passiert ist und wie sie selber zu lange die Augen verschlossen hat. Sie erklärt den menschlichen Hang, lieber nichts zu sehen, als sich Tatsachen stellen zu müssen. Und sie beschreibt von dem Moment, an dem sie nicht mehr wegschauen konnte.

«Es ist schon sehr spät und ich kann nicht schlafen. Dunkle Gedanken – böse Gedanken – treiben mich um. Ich habe immer wieder daran gedacht, den letzten Eintrag zu verbrennen. Aber ich kann nicht. Was sonst lässt ihn wirklich werden, ausser meinen Worten auf Papier? Da niemand sonst davon weiss, wie kann ich mich sonst von seiner tatsächlichen Existenz, von meinen tatsächlichen Gefühlen überzeugen?»

Wir schreiben das Jahr 1957. Aus Patricks Tagebuch erfahren wir alles über sein erstes Treffen mit einem Polizisten, welcher zugleich Marions Tom ist. Wir lesen von der Schwärmerei des älteren Patricks für den jungen Tom, welche der von Marion ähnlich ist. Wir lesen von den Gefühlen eines Mannes zu einem Mann, die im England dieser Zeit verpönt und verboten sind.

«Und je mehr ich an ihn denke, desto weniger finde ich Gründe, warum wir nicht zusammen sein könnten. Je mehr ich an ihn denke, desto weniger erinnere ich mich an etwas, das falsch war oder schwierig. Alles, woran ich mich erinnere , ist, wie süss er war. Und das ist am schwersten zu ertragen.»

Und dann nimmt alles einen Lauf, welcher 1999 aus einer anderen Warte erzählt wird.

Weitere Betrachtungen
In Der Liebhaber meines Mannes erleben wir die Geschichte von drei Menschen, die alle auf ihre Art Opfer ihrer Zeit geworden sind. Alle leiden sie unter den Normen der Gesellschaft und unter den Gesetzen, welche diese Normen sanktionieren. Die Gesellschaft bestimmt, wie eine Frau sein soll, welche Möglichkeiten sie im Leben hat und welchem Bild sie entsprechen soll. Sie bestimmt weiter, wer wen lieben darf und was als sittenwidrig und unnatürlich gilt.

Bethan Roberts gelingt es, in einer sehr feinfühligen Art die Geschichte dieser drei Menschen nachzuzeichnen. Sie erzählt die Geschichte aus der Sicht von Marion, welche 1999 zurückblickt, und anhand von Patricks Tagebuch aus der Zeit der 50er Jahre. Tom ist sprachlos, er findet weder eigene Worte für das, was geschah, noch findet er sie für die Gegenwart. Er ist nur die Figur, um welche Marion und Patrick drehen, quasi die Sonne in deren Universum. Strahlend ist dabei nur seine optische Schönheit, sein Wesen bleibt merkwürdig blass, er scheint nur als Projektionsfläche für zwei Menschen zu dienen, welche ihren Platz in der Gesellschaft suchen und Tom dazu brauchen.

Obwohl der Roman in meinen Augen etwas zu langsam und zu langgezogen anfängt, lässt er einen nicht mehr los. Bethan Roberts verzichtet auf Anklagen, auf sozialkritische und moralische Zeigefinger, sondern lässt die Figuren ihre Geschichte erzählen auf eine Weise, dass sie direkt ins Herz des Lesers trifft. Das Buch macht nachdenklich, wehmütig, ein wenig traurig auch. Das traurigste daran ist aber, dass es irgendwann zu Ende ist und man sich wünschte, man könnte noch lange weiterlesen.

Fazit:
Ein feinfühliger Roman mit viel Tiefe, Sensibilität, der ohne Kitsch und Schnörkel die Komplexität menschlicher Beziehungen beschreibt. Berührend, zum Nachdenken animierend, einnehmend. Sehr empfehlenswert.

Bethan Roberts
Bethan Roberts ist 1973 in Oxford geboren und wuchs in Abingdon auf. Nach einem Master in kreativem Schreiben an der Chichester Universität arbeitete sie unter anderem als Autorin und Produktionsassistentin beim Fernsehen und unterrichtete selber kreatives Schreiben. Bethan Roberts wohnt mit ihrer Familie in Brighton. Von ihr erschienen sind auch Stille Wasser (2008) und Köchin für einen Sommer (2009).

Ein Interview mit der Autorin: HIER

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 365 Seiten
Verlag: Verlag Antje Kunstmann (12. Februar 2013)
Übersetzung: Astrid Gravert
ISBN: 978-3888978166

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Franz Hohler: Der Enkeltrick

Inhalt

„Rom“, sagte sie zu sich, „ich bin in Rom“, und plötzlich wurde sie von einem Gefühl erfüllt, das sie kaum mehr kannte. Es war eine Neugier, eine Unternehmungslust, etwas von ganz früher, wenn es in ein Klassenlager ging oder auf eine Schulreise, als sie noch nicht Amalie Ott war, Mutter zweier Kinder, sondern selbst noch ein Kind, ein Kind, das sich auf das Leben freute. Aber da mischte sich noch etwas ein, auch von früher, es ar die Angst vor dem Unbekannten…

Eine Grossmutter macht sich auf nach Rom, um ihre Enkelin zu retten. Aus der Reise wird eine Fahrt in die eigene Vergangenheit und auch eine Hilfe, wie sie so nicht vorgesehen war. Ein pensionierter Steuerbeamter findet Freude daran, anderen Menschen eine Freude zu machen, indem er ihnen zum Geburtstag gratuliert. Das lässt seine Frau nicht ganz kalt. Ein Mann macht sich auf, sich einen Kindheitstraum zu erfüllen, entgegen dem Rat seiner Nächsten, inklusive dem Autor. Der Weg zum Glück ist manchmal anstrengend. Ein reservierter Tisch bringt mitunter Unglück für den, welcher sich unberechtigt an ihn setzt – und für andere auch. Eine Katze sucht eine Ferienunterkunft und bringt ein Familiengeheimnis auf den Tisch. In einer Küche fliegen Steine aus dem heiteren Himmel, so dass wohl nur noch eine Teufelsaustreibung hilft.

„Kinder, so lautet eine oft gehörte Schätzung, lachen etwas 400 Mal am Tag, Erwachsene etwa 15 Mal. Den Gang zur Freudlosigkeit, der dazwischen liegt, nennen wir Erziehung.“

Ein Mann macht sich mit der Novelle „Das verlorene Lachen“ im Gepäck auf eine Wanderung und erinnert sich an sein eigenes Lachen. Ein Komponist macht sich auf zu einer grossen Reise und ein Vogel hält ein Quartier auf Trab. Eine Zugfahrt entblösst die Verlockungen der Maske und ein Handy fängt das Lügen an.

Weitere Betrachtungen
Franz Hohler vereint in diesem Büchlein elf Kurzgeschichten, die für unterschiedliche Anlässe geschrieben wurden. Sieben Erzählungen entstanden im Rahmen von Rafik Schamis Eniladung seiner Reihe „Sechs Sterne“, eine als Beitrag zu einer Aufführung von Joseph Haydn und drei aus kompett eigenem Antrieb. Zusammengekommen ist ein buntes Potpurri von Geschichten, die im Zentrum immer einen Menschen haben, der vor einer Herausforderung steht, die nicht immer mit ganz normalen Dingen zu tun zu haben scheint.

Der Aberglaube dörflicher Gemeinschaften findet ebenso Einzug in das Buch wie auch persönliche Ahnungen und mysteriöse Geschehnisse. Als Leser weiss man oft bis zum Schluss nicht, worauf die Geschichte hinausläuft und nicht selten ist man bass erstaunt. Das macht das Buch zu einem, welches man von der ersten bis zur letzten Geschichte nicht aus den Händen legen mag.

Persönlicher Bezug
Franz Hohler begleitet mich seit Kindesbeinen. Zuerst liebte ich seine Kindersendung „Franz und René“, später seine humorvollen und doch auch zum Nachdenken anregenden Texte auf der Bühne. Bald schon kamen auch seine Kurzgeschichten und Gedichte dazu. Ich schätze an Franz Hohler seinen Tiefgang, sein genaues Hinschauen, sein leichtes Erzählen, in welches doch immer auch ernste Themen einfliessen. Ich mag es, wie er immer eine Prise Humor als Würze bereit hält, die wohldosiert ist. All das zeigt sich auch im vorliegenden Buch.  

Fazit:
„Der Enkeltrick“ ist ein Buch, das von einzelnen Menschen erzählt, die Gesellschaft dabei im Blick behält. Es ist ein Buch, das zum Nachdenken und zum Schmunzeln anregt, ein Buch, das Leichtigkeit und Tiefgang vereint. Sehr empfehlenswert.

Über den Autor
Franz Hohler wurde 1943 in Biel, Schweiz, geboren. Er lebt heute in Zürich und gilt als einer der bedeutendsten Erzähler seines Landes. Hohler ist mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden, zuletzt mit dem Alice-Salomon-Preis und dem Johann-Peter-Hebel-Preis. Sein Werk erscheint seit über fünfzig Jahren im Luchterhand Verlag.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 160 Seiten
Verlag: Luchterhand Literaturverlag; Originalausgabe Edition (11. Oktober 2021)
ISBN-Nr.: 978-3630876795

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