Rezension: Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit

„Ich stosse ins Innere vor und sehe ein Bild klar vor mir: wie unser Leben beim Tod unserer Eltern an einer Weiche ankommt, falsch abbiegt und wir seitdem ein anderes, falsches Leben führen. Ein nicht korrigierbarer Fehler im System.“

Als die Eltern von Jules und seinen Geschwistern sterben, kommen die drei getrennt in ein Heim. Die vorher so enge Beziehung wird lockerer, sie werden sich fremder. Und doch ist da ein Band, das sie immer zusammenhält – vor allem auch in schwierigen Zeiten. Das Leben nimmt für jeden von Ihnen seinen Lauf, führt sie auf Wege, die unterschiedlicher nicht sein könnten und die wohl doch alle dem frühen Verlust der Eltern geschuldet sind.

Benedict Wells schafft es, von der ersten Seite an eine Spannung aufzubauen, die er durch die Geschichte hindurch aufrecht erhalten kann. Immer wieder steht etwas im Raum, das erst noch geschehen wird, von dem man als Leser aber noch nicht weiss, was es ist. «Vom Ende der Einsamkeit» lebt von wirklich authentischen, fassbaren Charakteren, von den Beziehungen dazwischen und von einer eingängigen Sprache, die durch die Geschichte führt.

Mein persönlicher Leseeindruck:
Jules hat mich in seinen Bann gezogen, ich ging mit ihm durch sein Leben, dachte mit ihm seine Gedanken, habe das Gefühl, ihn so verinnerlicht zu haben, dass ich mittlebte. Es war ein wirkliches Eintauchen in eine Geschichte über die Vergangenheit und ihre Spuren in der Gegenwart, die Geschichte von drei Geschwistern, welche schon jung ihre Eltern verloren haben, und die von dem Moment an mit den Folgen dieses Verlusts umgehen musste. Es war die Geschichte von drei Menschen, die versuchten, diese Vergangenheit loszuwerden, ihr zu trotzen, um dann nur noch tiefer davon geprägt zu sein. Das alles passierte wohl anfangs im Unterbewussten, schwelte da, brach langsam und immer schneller was ihr Leben in Bahnen lenkte, aus denen auszubrechen schwer scheint. Was anfangs noch im Unterbewussten schwelte, brach dann mit grosser Wucht aus. Und es forderte den bewussten Umgang damit. Als Leser war ich immer mittendrin.

„Vom Ende der Einsamkeit“ ist ein Buch über die Liebe, über Vertrauen, über die Erinnerung und den Umgang damit. Es ist ein Buch über den Zusammenhalt, den Wert der Familie und Prägungen, die die Vergangenheit in uns hinterlässt. Es ist ein zutiefst menschliches Buch, ein tiefgründiges Buch, ohne schwermütig zu sein oder machen, kein Buch der lauten Töne, sondern der feinen Nuancen.

Fazit
Eine erzählerische Meisterleistung, welche einen von der ersten Seite in den Bann zieht und nicht mehr loslässt. Absolute Leseempfehlung!

Zum Autor
Benedict Wells wurde 1984 in München geboren, zog nach dem Abitur nach Berlin und entschied sich gegen ein Studium, um zu schreiben. Seinen Lebensunterhalt bestritt er mit diversen Nebenjobs. Sein vierter Roman, ›Vom Ende der Einsamkeit‹, stand mehr als anderthalb Jahre auf der Bestsellerliste, er wurde u.a. mit dem European Union Prize for Literature (EUPL) 2016 ausgezeichnet und bislang in 37 Sprachen veröffentlicht. Nach Jahren in Barcelona lebt Benedict Wells in Zürich.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Diogenes; 13. Edition (26. September 2018)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 368 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3257244441

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE oder ORELLFUESSLI.CH

Claude Anet: Ariane: Liebe am Nachmittag

Ariane ist eine junge, intelligente Frau, der die Männer zu Füssen liegen, was sie für sich zu nutzen weiss. Als sie auf Konstantin trifft, verabreden die beiden, dass dies eine Beziehung auf Zeit werden solle, zumal Konstantin schon verlobt ist. Von Liebe soll nicht die Rede sein, blosser Spass und eine gute Zeit sind das Ziel. Doch meistens kommt es anders als man denkt, Gefühle lassen sich selten mit Regeln beschränken. 

Der Roman spielt in Russland, erinnert vom Ton her an die Romane Tolstois. Es ist flüssig geschrieben, die Protagonistin ist stimmig und authentisch gezeichnet, die restlichen Figuren bleiben eher blass und im Hintergrund, sind quasi nur Staffage für den Auftritt der wichtigen Heldin. Das tut dem Buch aber keinen Abbruch, im Gegenteil, es widerspiegelt ganz das Naturell der Protagonistin, welche sich oft selber genauso zu sehen scheint: Als Mittelpunkt, um den sich die anderen quasi wie Personal scharen.

So unsympathisch das klingen mag, doch es ist nicht alles, nicht das gesamte Bild. Manchmal scheint es, dass hinter dieser ach so coolen Fassade eine sensible Seele steckt, dass diese aber geschützt werden soll. Zudem will Ariane für Ihre Ziele und Ideale kämpfen, sie will ihr Leben in die Hand nehmen und erreichen, was sie sich in den Kopf gesetzt hat. Das zeigt sich auch im Studium an, das sie gegen alle Widrigkeiten und in den Weg gelegte Steine durchsetzt und durchzieht. Dafür ist sie auch bereit, die sich ihr bietenden Möglichkeiten zu nutzen, auf Menschen (mehrheitlich Männer) zurückzugreifen, die ihr dabei helfen können.

«Ariane: Liebe am Nachmittag» ist unterhaltsam und flüssig geschrieben und ebenso zu lesen, die perfekte Sommerlektüre für die, welche keine schwere Kost und doch keinen zu seichten Roman mögen.

Fazit:
Eine stimmig erzählte Geschichte mit einer authentischen Protagonistin, flüssig zu lesen und alles in allem sehr zu empfehlen.

Zum Autor:
CLAUDE ANET, eigentlich Jean Schopfer, geboren 1868 in Morges (Schweiz). Er studierte an der Sorbonne und an der École du Louvre und arbeitete als Reporter u. a. für Le Temps und Le Petit Parisien. 1892 wurde er französischer Tennismeister. Als Korrespondent des Journal wurde er 1917 Augenzeuge der Russischen Revolution in Sankt Petersburg. Neben Reiseliteratur und Theaterstücken veröffentlichte Anet mehrere Romane, darunter Ariane, jeune fille russe (1920), der für den Prix Goncourt nominiert und u. a. von Billy Wilder mit Audrey Hepburn verfilmt wurde. Claude Anet starb 1931 in Paris.

KRISTIAN WACHINGER, geboren 1956, gelernter Buchhändler, studierte Germanistik und Romanistik in München, Nantes und Hamburg und arbeitete drei Jahrzehnte als Verlagslektor. Er übersetzte Werke u. a. von Giacomo Casanova, Prosper Mérimée, Georges Simenon und Laurent Binet.

Angaben zum Buch:

  • Herausgeber ‏ : ‎ Dörlemann; 1. Edition (27. Januar 2021)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 272 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3038200789
  • Originaltitel ‏ : ‎ Ariane
  • Übersetzung: Kristian Wachinger

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE oder ORELLFUESSLI.CH

Ein Monat in Büchern – Juni 21

Wieder ist ein Monat vorbei, es war ein Monat, in dem ich mich mehrheitlich mit Lyrik beschäftigt habe, und doch ging auch das eine oder andere Buch sonst durch meine Hände. Eine Auswahl findet ihr hier. Die aufgeführten Bücher sind solche, die mich diesen Monat interessiert haben, die ich teilweise aktuell gelesen habe, mich sonst an sie erinnert habe aus Gründen oder aber solche, die ich zwar angelesen, aus unterschiedlichen Gründen aber (noch) nicht beendet habe.

Björn Kern: Solikante Solo

«Der ist doch total verrückt geworden, das war immer ein beliebter Ausspruch gewesen in ihrer Ehe, wenn sie einmal auf jemanden trafen, der nicht nur nachplapperte, was in den Zeitungen oder im Internet stand. Der ist total verrückt geworden, das galt in ihrer Ehe immer als Kompliment. Was aber, wenn Jann nun wirklich verrückt geworden war?»

Zwei Menschen werden ein Paar, kriegen ein Kind und plötzlich merken sie, dass alles schwierig wird: Die Wohnung wird eng, das Leben überfordert, Gegensätze zeigen sich mehr und mehr, Gemeinsamkeiten schwinden. Ist das das Ende der Beziehung? Bricht hier alles auseinander? Doch da ist die kleine Tochter, die verbindet. Und noch mehr… Ein Buch über die innere Zerrissenheit zweier Menschen, über die Schwierigkeiten, gemeinsam Unterschiede auszuhalten und damit umzugehen, den Wunsch nach Liebe und Zusammengehörigkeit.

  • Herausgeber : FISCHER Taschenbuch; 1. Edition (10. März 2021)
  • Sprache : Deutsch
  • Broschiert : 336 Seiten
  • ISBN-13 : 978-3596700899
  • Preis: EUR 15.32 / CHF 24.90

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und ORELlFUESSLI.CH

Mareike Krügel: Schwester

Als Lone nach einem Unfall im Koma liegt, übernimmt ihre Stiefschwester Julia einige ihrer Aufgaben als Hebamme. Als Bankerin und Frau eines Pastors steht sie plötzlich vor Herausforderungen, die so ganz anders sind als sie sich das Leben gewohnt ist. Julia beginnt, sich und ihr Leben zu hinterfragen, stellt vieles in Frage, und sucht für sich Antworten darauf, wie es weiter gehen soll und kann. Was erwartet sie noch vom Leben? Wonach sehnt sie sich wirklich? Stimmen die gelebten Rollenbilder noch oder ist es Zeit für neue?

  • Herausgeber : Piper; 2. Edition (15. März 2021)
  • Sprache : Deutsch
  • Gebundene Ausgabe : 336 Seiten
  • ISBN-13 : 978-3492058568
  • Preis: EUR 21.07 / CHF 29.90

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und ORELlFUESSLI.CH

Barney Norris: Die Jahre ohne uns

«Dies ist nicht mein wahres Leben und ich glaube auch nicht, dass es das je sein wird. Wahrscheinlich wird es Zeit für mich zu akzeptieren, dass mein wahres Leben niemals stattfinden wird. Es hätte längst beginnen müssen, um auch nur den Hauch einer Chance zu haben länger als einen Augenblick zu bestehen, sich zu irgendetwas zu entwickeln. Stattdessen sollte ich mich einfach mit dem zufriedengeben, was ich habe.»

Zwei Menschen um die 70 treffen sich an einer Hotelbar und erzählen aus ihrem Leben, ziehen Bilanz. Die Frau erzählt von ihren Plänen, Träumen, von ihrem Scheitern, von Neuanfägen, der Mann erzählt vom grössten Irrtum seines Lebens, bedauert, zeigt, wie all das sein Leben beinflusst hat. Am Ende sitzen sie da und es steht die Frage: Wie gehen beide nun damit um? Wie geht es weiter? Eine sehr ungewöhnlich erzählte Geschichte mit einem äusserst überraschenden Ende.

  • Herausgeber : DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG; 1. Edition (12. Februar 2021)
  • Sprache : Deutsch
  • Gebundene Ausgabe : 272 Seiten
  • ISBN-13 : 978-3832181130
  • Originaltitel : The Vanishing Hours
  • Preis: EUR 21.07 / CHF 33.90

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und ORELlFUESSLI.CH

Roland Buti: Das Leben ist ein wilder Garten

«Ich hatte mir nie die Frage gestellt, ob Mama eigentlich ein glückliches Leben hatte.
Und sie hatte sich durch die Seitentür hinausgeschlichen.»

Als ob das Leben nicht schon kompliziert genug wäre nachdem seine Frau ihn verlassen hat und die Tochter ins Ausland zum Studieren gezogen ist, verschwindet plötzlich auch noch Carlos Mutter spurlos. Carlo, von Beruf Gärtner, zieht mit seinem Angestellten und Freund Agon, der vor kurzem grundlos zusammengeschlagen bei ihm aufgetaucht war, los, um sie zu suchen. Sie finden sie schliesslich im Grand National, einem Hotel der gehobenen Klasse, welches in der Erinnerung der alten Dame eine wichtige Rolle spielt.

Ein Buch über den Trost der Natur, über Menschen, über die Vergangenheit und ihre Spuren in der Gegenwart.

  • Herausgeber : Paul Zsolnay Verlag; 4. Edition (17. August 2020)
  • Sprache : Deutsch
  • Gebundene Ausgabe : 176 Seiten
  • ISBN-10 : 3552059997
  • ISBN-13 : 978-3552059993
  • Originaltitel : Grand National
  • Preis: EUR 20 / CHF 29.90

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und ORELlFUESSLI.CH

Andreas Vollenweider: Im Spiegel der Venus

««Und das alles macht die Musik?», fragte der Junge ungläubig. «Weisst du, es gibt für alle Dinge auf dieser Welt einen grossen Plan der Natur, einen Urplan. Er sieht vor, dass alles, was lebt, gesund, stark und fruchtbar sein soll. Krankheiten und Unglück sind Störungen dieses Plans, sie kommen vor, und manchmal sind sie sogar so stark, dass sie den Plan ganz unter sich begraben, er geht vergessen…»»

Armando Hector Ruiz gilt ab dem neunten Lebensjahr als Wunderkind auf dem Chello, welchem er berührende Melodien entlocken kann. Als seine Musik auch noch heilende Wirkung auf Kranke zeigt, wird er zum Messias. Armando reicht dieser Erfolg irgendwann nicht mehr, Fragen nach den Gründen stellen sich ihm und er sucht an allen möglichen Orten nach Antwort und findet schliesslich einige Erkenntnisse sowohl in den Naturwissenschaften als auch in den alten Philosophien des Buddhismus und der Veden.

Ein Buch über Musik, über das Erwachsenwerden, die nicht fassbaren Dinge zwischen Himmel und Erde.

  • Herausgeber : Midas Collection; 2. Edition (5. Oktober 2020)
  • Sprache : Deutsch
  • Broschiert : 416 Seiten
  • ISBN-13 : 978-3038761792
  • Preis: EUR 25 / CHF 36.90

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und ORELlFUESSLI.CH

Françoise Dorner: Die letzte Liebe des Monsieur Armand

«Noch einmal dachte ich über unsere Begegnung nach. Zwei Einsamkeiten, die zueinander finden, deren eine die Spielregeln kennt, Intelligenz und Bildung über alles stellt, Herz und Güre der moralischen Pflicht opfert, während die andere, instinktiv und empfindsam, spontan Liebe und Aufmerksamkeit zu schenken weiss, ohne dass Missverständnisse aufkommen. «

Armand, ein pensionierter Philosophiedozent, fährt im Bus nach Hause, als der mit plötzlichem Ruck hält und Armand fast hinfällt. Ein junge Frau hilft ihm und begleitet ihn nach Hause. Obwohl die beiden 50 Jahre trennen, ihre Leben und Lebenseinstellungen nicht unterschiedlicher sein könnten, verbindet sie etwas: Sie sind beide einsam, ohne Familie, ohne Sinn und Ziel im Leben. Für beide soll diese Begegnung eine Befreiung werden, ein Tor zu Einsichten über das eigene Leben und die eigenen Versäumnisse, und zum Öffner zu mehr Lebensfreude – ein Start in eine neue Lebensetappe.

Ein Buch über die Liebe, über das Glück, ein wunderbares Buch, das uneingeschränkt zu empfehlen ist. HIER findet ihr die ganze Rezension.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber : Diogenes; 6. Edition (25. November 2008)
  • Sprache : Deutsch
  • Taschenbuch : 144 Seiten
  • ISBN-13 : 978-3257239034
  • Originaltitel : La douceur assassine
  • Übersetzung Christel Gersch

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und ORELLFUESSLI.CH

Françoise Dorner: Die letzte Liebe des Monsieur Armand

«Noch einmal dachte ich über unsere Begegnung nach. Zwei Einsamkeiten, die zueinander finden, deren eine die Spielregeln kennt, Intelligenz und Bildung über alles stellt, Herz und Güre der moralischen Pflicht opfert, während die andere, instinktiv und empfindsam, spontan Liebe und Aufmerksamkeit zu schenken weiss, ohne dass Missverständnisse aufkommen. «

Armand, ein pensionierter Philosophiedozent, fährt im Bus nach Hause, als der mit plötzlichem Ruck hält und Armand fast hinfällt. Ein junge Frau hilft ihm und begleitet ihn nach Hause. Obwohl die beiden 50 Jahre trennen, ihre Leben und Lebenseinstellungen nicht unterschiedlicher sein könnten, verbindet sie etwas: Sie sind beide einsam, ohne Familie, ohne Sinn und Ziel im Leben. Für beide soll diese Begegnung eine Befreiung werden, ein Tor zu Einsichten über das eigene Leben und die eigenen Versäumnisse, und zum Öffner zu mehr Lebensfreude – ein Start in eine neue Lebensetappe.

Ein kurzes Buch mit viel Tiefe, mit grossen Themen, mit einer berührenden Wärme und Menschlichkeit. Die Geschichte zweier Menschen, die so unterschiedlich sie auch sind, einander ans Herz wachsen und den Weg gemeinsam gehen auf der Suche nach Verbindung, auf der Suche nach dem, was beiden im Leben so sehr fehlt: Liebe und Familie.

Auf wenigen Seiten entwickelt Françoise Dorner eine zutiefst menschliche Welt, es gelingt ihr, die beiden Charaktere stimmig, authentisch und mit Tiefe zu gestalten. Obwohl es um viele eigentlich schwierige Themen geht wie Tod, Einsamkeit, den Verlust der Familie, das Alter und die Suche nach dem Sinn, wird das Buch nie schwer, nie psychologisierend.

«Die heitere Kraft derer, die begriffen haben, dass selbsterobertes Glück die einzige gültige Antwort auf das anfängliche Unglück ist.»

«Die letzte Liebe des Monsieur Armand» ist eine Geschichte darüber, worauf es im Leben ankommt, es ist eine Geschichte über die Liebe, das Leben, das Glück und darüber, wie es zu finden ist. Eine Geschichte, die zeigt, dass nur, wer sich frei macht von den Erwartungen anderer und sich traut, das eigene Leben in die Hand zu nehmen, das Leben gewinnt.

Fazit:
Die Geschichte zweier Menschen, die trotz vieler Gegensätze zueinander finden. Ein Buch über die Liebe, über das Glück, ein wunderbares Buch, das uneingeschränkt zu empfehlen ist.

Über die Autorin
Françoise Dorner, geboren 1949 in Paris, ist Schauspielerin gewesen und hat fürs Theater geschrieben. Sie hat nicht nur in ›Flic Story‹ mitgespielt an der Seite von Alain Delon und Jean-Louis Trintignant, sondern auch in ›Maigret und der Weihnachtsmann‹. Als Drehbuchautorin hat sie ›Eine Frau nach Maß‹ und ›Die Sekretärin des Weihnachtsmanns‹ (mit Marianne Sägebrecht) verfasst. Sie erhielt den Theaterpreis der Académie française und 2004 den Goncourt du Premier Roman für ihren von der Kritik in Frankreich wie in den USA gelobten Erstling ›La fille du rang derrière‹, der jetzt auch auf Deutsch vorliegt. Heute widmet sie sich ganz dem Schreiben und lebt in Paris.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber : Diogenes; 6. Edition (25. November 2008)
  • Sprache : Deutsch
  • Taschenbuch : 144 Seiten
  • ISBN-13 : 978-3257239034
  • Originaltitel : La douceur assassine
  • Übersetzung Christel Gersch

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und ORELLFUESSLI.CH

Bücher 21- Mai

Die letzten Monate stand an dieser Stelle ein Überblick über alle gelesenen (und abgebrochenen) Bücher des Monats. Ich habe auch diesen Monat damit begonnen, diesen zu schreiben, kam über die Tage und Wochen doch auf 12 gelesene Bücher und drei abgebrochene – dann hörte ich auf, weiterzuschreiben. Im Laufe dieses Monats hat sich meine Leseverhalten stark verändert, da zunehmend neue Projekte dazukamen, die viel Fach- und spezifische Literatur erfordern. Die Zeit für vollständige Rezensionen und viele Bücher nebenher fehlt dadurch leider und das effektiv gelesene ist wohl wenig spannend für andere.

Nun möchte ich diese Bücherrückblicke doch nicht ganz streichen und habe mir überlegt, wie ich das machen könnte. Hier die Lösung:

Ich werde weiter ein paar Bücher vorstellen, die ich gelesen habe, diese auch kurz beschreiben und die bibliographischen Angaben hinterlassen, so dass sie für Interessierte schnell auffindbar sind. Dieser kleine Rückblick wird grossenteils ausführliche Rezensionen ersetzen. Zudem möchte ich fortan ab und zu Bücherempfehlungen reinstellen von Büchern, die mir aus irgendwelchen Gründen in die Hände oder in den Sinn kamen. Und ab und an gibt es sicher auch mal wieder eine Rezension.

Ich hoffe, das wird ein für mich und euch schöner Weg sein, denn ganz ohne Bücher und Gespräche über Bücher soll und kann es hier nicht weitergehen für mich. Der heutige Rückblick ist noch ziemlich ähnlich wie die letzten, es fehlen einfach die zu spezifischen Bücher drauf.

Gelesene Bücher

  • Ingeborg Bachmann: Undine geht (Erzählung)
    Undine sinniert über die Welt, welche eine Welt von Ungeheuern ist, eine Welt von Männern namens Hans, die die Welt und auch sie beherrschen. Doch einige sind anders, einen Hans liebt sie sogar. Und doch wird sie nicht glücklich mit dieser Liebe.
  • Doris Dörrie: Die Welt auf dem Teller
    In ihrem Buch „Die Welt auf dem Teller“ nimmt uns Doris Dörrie mit auf eine Reise durch die Welt des Essens. Wir haben auf unserem Leseteller ein Arrangement von kurzweiligen Lesehäppchen für den kleinen Lesehunger zwischendurch.
  • Irmgard Keun: Nach Mitternacht
  • Hannah Arendt: Die Freiheit, frei zu sein
    Ein wunderbares kleines Buch. Was sie hier im politischen Raum aufzeichnet, lässt sich auch gut auf das Miteinander im engen Rahmen runterbrechen. Was also ist Freiheit für Hannah Arendt?

„Diese öffentliche Freiheit ist eine handfeste lebensweltliche Realität, geschaffen, von Menschen, um in der Öffentlichkeit gemeinsam Freude zu haben – um von anderen gesehen, gehört, erkannt und erinnert zu werden. Und diese Art von Freiheit erfordert Gleichheit, sie ist nur unter seinesgleichen möglich.“

«Er war meine grosse Liebe» – Das sagte Ingeborg Bachmann über Paul Celan. Und doch war die Liebe nicht lebbar auf Dauer, kam es immer wieder zu Brüchen und auch Abbrüchen. Helmut Böttiger beleuchtet die Geschichte der beiden Königskinder, die nicht zueinander finden konnten, er zeigt auf die gegenseitigen Verweise in Leben und Werk und verortet die Beziehung im Lebensumfeld der beiden Literaten.

  • Ina Hartwig: Wer war Ingeborg Bachmann? Eine Biografie in Bruchstücken
    Wer war Ingeborg Bachmann? Dieser Frage geht Ina Hartwig nach und zeigt das Leben dieser faszinierenden Frau in kleinen Puzzlestücken, die sich irgendwie zu keinem ganzen Bild zusammenfügen, aber trotzdem tief blicken lassen. Wir werden mit einer Frau voller Geheimnisse konfrontiert, einer Frau, die verschiedene Seiten in sich trug und diese je nach Bedarf ans Licht holte. Und bei all dem bleibt das Gefühl zurück, dass tief drin ganz viel dunkel war und auch im Dunkeln bleiben sollte. Bachmann war eine Meisterin des Vertuschens, des Versteckens, des Geheimhaltens. 
  • Peter von Matt: Liebesverrat
    Wo gelebt wird, wird geliebt und oft auch verraten. Peter von Matt streift auf die ihm eigene, kompetente, humorvolle und scharfsichtige Art durch die Bücher von Antike bis heute und Erzählt von den Liebenden und den Gehörnten, von den Verrätern und den Enttäuschten.
  • Stephen Fry Feigen, die fusseln. Entfessle den Dichter in dir
    Stephen Fry ist hier ein sehr unterhaltsames Buch gelungen, das einerseits fundiert in die Theorie der Gedichtanalyse einleitet, andererseits dazu auffordert, selber zu Papier und Stift zu greifen und das Gelernte umzusetzen.
  • Hilde Domin: Dichterin des Dennoch
    Das Porträt einer Dichterin, die im Leben viel erlebt hat und in der grössten Not das Schreiben angefangen hat. Ilka Scheidgen beleuchtet das Leben und Schaffen der unermüdlich für die Lyrik einstehenden Hilde Domin auf eine persönliche Weise. Ab und an wird die Geschichte etwas verklärt, aber das tut dem Buch keinen Abbruch, zumal nicht ersichtlich ist, ob das nicht sogar Hilde Domins Wunsch gewesen ist.

Abgebrochene Bücher

  • Ingrid Noll: Kein Feuer kann brennen so heiss
    Die Geschichte handelt von der nicht wirklich attraktiven, aber doch sehr patenten Altenpflegerin Lorina, welche bei einer alten Dame ihre Dienste verrichtet. Mit im Spiel sind auch noch ein am Erbe interessierter Grossneffe der Arbeitgeberin, ein Techtelmechteln gegenüber nicht abgeneigter Masseur und ein kleiner Pudel. Es wird sicher wieder ein paar beiläufige Todesfälle geben, wie das bei Ingrid Noll so üblich ist, allerdings zieht sich das Buch unglaublich in die Länge mit ganz viel Anfangsgeplauder. Irgendwann ging mir der Leseatem aus…
  • Kent Haruf: Kostbare Tage
    Nachdem ich Unsere Seelen bei Nacht sehr liebte, freute ich mich sehr auf das Buch, doch es hat mich nicht gepackt. Der Anfang versprach noch eine menschlich warme Geschichte, doch dann wurde es zu einer Aneinanderreihung einzelner Episoden, bei der es mir nicht möglich war, in die Geschichte hineinzufinden.
  • Max Küng: Fremde Freunde
    Drei Paare, die sich nur von den Elternabenden ihrer Kinder kennen, verbringen gemeinsame Ferien in einem Haus in Frankreich. Der Roman fängt locker, flockig an mit vielen geplauderten Oberflächlichkeiten, die Sprache ist leicht und flapsig, die Sprüche teilweise ebenso. Und: Es passiert nichts, was man als Handlung bezeichnen könnte. Mir fehlte der Atem, bis zu den versprochenen tieferen Stellen vorzudringen, zumal willkürlich aufgeschlagene Textpassagen den Eingangston weiterführten.

Bücher 21- April

Gelesene Bücher

  1. Ingeborg Bachmann: Der gute Gott von Manhatten
    Jennifer und Jan treffen sich zufällig am Bahnhof, aus einer als Affäre gedachten Nacht wird Liebe, was dem guten Gott von Manhattan nicht gefällt, da diese mit der bürgerlichen Ordnung nicht vereinbar ist. Vor Gericht muss er sich für den Mord an Jennifer verantworten.
  2. Thommy Bayer: Das Glück meiner Mutter
    Der Drehbuchautor Philip Dorn, ein alleinstehender Mann in den mittleren Jahren, der sich nach dem Scheitern seiner letzten Beziehung in seinem Leben allein eingerichtet hat, beschliesst, sich sein Traumauto, einen Mini, zu kaufen und damit in die Toskana zu fahren. Beim Dahingleiten auf den Strassen, erinnert er sich an seine Kindheit, an seine Beziehung zu seinen Eltern, vor allem die zu seiner Mutter, und an seine gescheiterte Beziehung zu Bettina. Ein Buch mit leisen Tönen, das berührt und bewegt.
  3. Klara Jahn: Die Farbe des Nordwinds
    Klara Jahn erzählt zwei Lebensgeschichten in zwei unterschiedlichen Zeiten, einerseits die von Ellen, welche nach vielen Jahren auf die Halligen zurückkehrt und da ihre Heimat sucht, andererseits die von Arjen, einem Waisen, der nach einer Ausbildung ausserhalb ebenfalls zurückkehrt auf die Halligen, um die Kinder dort zu unterrichten. Mehr als das aber erzählt sie die Geschichte der Halligen, beschreibt die Natur und die Landschaft mit all ihren Eigenheiten, Schönheiten, mit den Menschen, die da leben und welche durch die Natur geprägt sind. Neben diesem wunderschön beschriebenen Landschaftsbild bleiben die Figuren des Romans eher blass, sind schwer fassbar. Zwar widerspiegelt das durchaus ihr Naturell, doch bleibt man als Leser dadurch immer aussen vor, fällt es nicht leicht, wirklich in die Geschichten einzutauchen.
  4. Dr. Mirriam Priess: Die Kraft des Dialogs
    Mirriam Prieß erläutert auf fundierte und gut lesbare Weise das Dialogprinzip, welches sie als grundlegend für ein erfülltes Beziehungsleben und damit für ein gelingendes Leben erachtet. Sie gibt dem Leser immer wieder Übungen an die Hand, mit denen dieser prüfen kann, wo er im Moment steht und wie er an einzelnen Punkten arbeiten kann. Zusätzlich führt Mirriam Prieß Beispiele aus der Praxis an, um an konkreten Fällen zu demonstrieren, wie sich eine fehlende Dialogstruktur auswirken kann und womit Verbesserungen herbeigeführt werden können.
  5. Marietheres Wagner: Epikurs Bibliothek
    Marie Theres Wagner stellt anhand von Büchern aus verschiedenen Genres Epikurs Philosophie vor.
  6. Ingeborg Bachmann: Malina
    Eine Liebesgeschichte, ein Roman um Themen wie Tod, Angst, Mord, ein Gesellschaftsroman, eine Zeitkritik, eine Sozialkritik, eine Suche nach der richtigen Sprache – und vieles mehr. Das ist Malina, die Geschichte einer Frau zwischen zwei Männern, einer Frau, auf der Suche nach Leben, ihrem Leben, eine Frau, die lieben will und durch die Traumata der Vergangenheit zu unsicher ist, sich wirklich einlassen zu können – ohne sich selber zu vergessen.
  7. Ingeborg Bachmann: Wir müssen wahre Sätze finden. Gespräche und Interviews
    Obwohl Ingeborg Bachmann Interviews, generell Fragen zu ihrer Person als eher unangenehm empfand, existieren mehr als 50 davon. Dieser Band enthält dreissig davon in chronologischer Reihenfolge. Man erfährt einiges über Bachmanns eigene Ansichten zu ihrem Schreiben und zu den Absichten hinter einzelnen Büchern.
  8. Ingeborg Bachmann: Alles (Erzählung)
    Wie ein Kind das Leben von zwei Menschen verändern kann, wie Menschen unterschiedlich mit Kindern umgehen aus ihrer Sicht der Welt heraus: Die liebende Mutter, welche das Kind umsorgt und herzt und fördert, der ängstliche Vater, welcher distanziert hofft, dass das Kind nicht zu einem gewöhnlichen Menschen heranwächst, wie sie in dieser kranken Welt alle sind – und weiss, dass es doch passieren wird. Und hinter allem liegt ein drohendes Unglück.
  9. Volker Weidermann: Lichtjahre
    In vielen kleinen Kapiteln, von welchen jedes zwischen zwei und fünf Schriftstellern behandelt führt uns Volker Weidermann auf eine humorvolle, pointiert geschriebene und neben dem sehr hohen Unterhaltungsfaktor auch sehr fundierte, aus grossem Wissen schöpfende Reise durch die Literaturgeschichte nach 1945.
  10. Ingeborg Bachmann: Unter Mördern und Irren (Erzählung)
    Männer unter sich in einer von Männern und für Männer gemachten. Während die Ehefrauen sich zu Hause ihrem Leben als Opfer einer so ausgerichteten Gesellschaft ausgeliefert sehen, tauschen die Männer in Wirtshäusern Meinungen aus, suchen sich dabei selber und stehen immer wieder vor der einen Frage: Wie lebt man weiter nach dem Krieg, wenn plötzlich vorherige Opfer und Täter wieder in einer Gesellschaft zusammenleben müssen?

Abgebrochene Bücher

  1. Anna Brüggemann: Trennungsroman
    «Trennungsroman» handelt von den letzten Tagen einer Beziehung, davon, was wichtig ist in einer solchen und wann es Zeit ist zu gehen. Das Thema klang erst spannend, war dann aber nur ein alltägliches Dahinfliessen der Zeit mit einigen Gedanken und Zweifeln, umgeben von den Anforderungen des Alltags. Die Kapitel sind die verbleibenden Tage rückwärts gezählt, der Countdown läuft, leider fehlt die Spannung, das Ziel zu erreichen.

Matthias Jügler: Die Verlassenen

«Schliesslich kam Grossmutter aus dem Wohnzimmer. Sie verlor kein Wort über Vaters Abwesenheit, stattdessen hielt sie eine Tüte Bonbons in der Hand…zum Trost, wie sie sagte. Als ich sie nun sah, die Tüte in der Hand, mitleidig ihr Blick, da begriff ich, dass Vater nicht wiederkommen würde. Ich fing an zu weinen. Viel lieber wollte ich wütend sein, auf Vater, so wütend, wie ich es am Vormittag gewesen war. Aber es klappte nicht.»

Johannes hat schon früh seine Mutter verloren. Als auch noch sein Vater von einem Tag verschwindet, bleibt er bei der Grossmutter zurück. Mit ihm bleiben viele offene Fragen, über die aber nie gesprochen werden kann. Auf diesem unsicheren Boden wächst er zu einem melancholischen, an vielem zweifelnden Mann heran, sucht seinen Platz im Leben und kann sich doch nicht frei einlassen.

„Dann entdeckte ich den Brief, und kaum dass ich ihn gelesen hatte, wusste ich, dass dies der eine Moment war, der alles änderte, nicht nur meine Zukunft, sondern vor allem meine Vergangenheit, beziehungsweise das, was ich dafür gehalten hatte.“

Als er eine Kiste mit Briefen findet, in welcher auch einer an seinen Vater adressiert ist, sieht er plötzlich einen Weg, doch noch zu Antworten zu kommen. Dazu macht er sich auf nach Norwegen, wo er immer tiefere Einsichten in seine Kindheit in der DDR und das, was damals ablief bekommt.

Matthias Jügler erzählt die Geschichte eines Jungen, Johannes, aus dessen Sicht und es gelingt ihm dabei, das Erzählte in Sprache und Denken authentisch und dem Alter entsprechend zu halten. Trotz der tragischen und Johannes erschütternden Umstände verfällt die Erzählung nie in eine zu melancholische Stimmung, das Beibehalten einer Sachlichkeit und Distanz sind die dem Verhalten von Johannes entsprechend Form. Sie bringen es aber auch mit sich, dass es nicht möglich ist, dem Protagonisten und seinem Fühlen wirklich nahe zu kommen. Man bleibt als Leser der Betrachter von aussen, so wie es wohl im wirklichen Leben bei einem Treffen mit Johannes auch gewesen wäre.

So begleitet man Johannes durch seine Kindheit, Jugend hinein ins Erwachsenenalter, sieht ihn eine Familie gründen, doch etwas bleibt immer präsent: Die Erinnerung an die Vergangenheit, die Ungewissheit, was wirklich war damals und die Unsicherheit im Leben und in seinem Sein, die daraus entstanden ist. Das Finden des Briefes erscheint da wie ein Weckruf aus einem Schlafzustand. Endlich schreitet er zur Tat, endlich zeigt er den Willen, den Dingen auf den Grund zu gehen.

„Die Verlassenen“ ist ein Buch ohne grosse Ereignisse, ohne laute Töne, ohne eindringliche Bilder. Leise und sanft fliesst die Erzählung dahin und nimmt den Leser mit auf eine Reise ins Ungewisse. Was dann ans Licht kommt, hätte man zwar bei dem Setting erahnen können, und doch liegt es nicht so offen da, dass das Weiterlesen sich erübrigen würde.

Eine durch und durch gelungene Erzählung, in welcher der Autor es versteht, Inhalt und Form in ein stimmiges Ganzes zu verweben und den Leser durch eine unterschwellige Melancholie zu berühren, die nie zu abgrundtief wird, dass sie bedrückt.

Fazit:
Ein Buch der leisen Töne, die Lebensgeschichte eines Jungen, der zu früh von den nächsten Menschen verlassen wird, dabei das Vertrauen verliert, und erst zu sich selber findet, als er sein Leben selber in die Hand nimmt und Antworten auf seine offenen Fragen sucht. Grosse Empfehlung!

Bewertung:
4***/5 – vier von fünf Sternen

Zum Autor
Matthias Jügler, geboren 1984 in Halle/Saale, studierte Skandinavistik und Kunstgeschichte in Greifswald sowie Oslo und Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Für seinen Debütroman »Raubfischen« (2015) erhielt er eine Reihe von Auszeichnungen. Er lebt mit seiner Familie in Leipzig, wo er auch als freier Lektor arbeitet.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 176
Verlag: Penguin Verlag; Originalausgabe Edition (1. März 2021)
ISBN: 978-3328601616
Preis: EUR 18 / CHF 27.90
Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online unter anderem bei AMAZON.DE und ORELLFUESSLI.CH

Klara Jahn: Die Farbe des Nordwinds

«Zu oft hatte sie nur Urlaub im Leben anderer Menschen gemacht, zu oft waren sie gegangen, als es schwierig wurde, zu oft hatte sich Ellen wie ein Kugelschreiber aus einem Hotelzimmer gefühlt, den man irrtümlich einsteckt. […] Ellens Herz lechzte nach Heimat.»

In ihrer Kindheit zieht Ellen mit ihrer Mutter einige Male um, irgendwann auch auf die Halligen, wo sie von Anfang an das Gefühl hat, angekommen, zu Hause zu sein. Leider bleiben sie und ihre Mutter auch da nicht lange. Als Ellen nach über 20 Jahren auf die Halligen zurückkehrt, hofft sie, die Heimat wieder zu finden, die sie als Kind verlassen musste. Sie hofft ebenfalls, mit Liske, welche damals für ein paar Monate wie eine Schwester war, wieder an dem Punkt weiter zu machen, an dem sie damals aufhörten. Liske ist wenig erfreut über ihr Kommen, und auch die Integration in die Gemeinde ist nicht einfach. Doch Ellen will an ihrem Traum festhalten.

„Was, wenn mir das Leben eines Halligbauern nicht genügte? Was, wenn die Hallig zu klein für einen wie mich war? Der Tod des Vaters war gleichsam der erste Schritt auf dem Weg in ein anderes Leben, mit dem Tod der Mutter kam ein zweiter hinzu, und am Ende dieses Weges stand Pastor Danjel. Ein Mann, der mein Lehrer sein wollte, mein Wissen mehren, einen Menschen aus mir machen. Ich wer gerne auf ihn zugelaufen. Doch da war noch Hendrik.“

Arjen Martenson wächst mit seinem Bruder Hendrik auf den Halligen auf, bis zuerst der Vater, dann die Mutter stirbt. Ein Pfarrer kümmert sich um ihn, will ihn mitnehmen nach Husum und ihm eine Ausbildung ermöglichen. Arjen zweifelt, sieht sich in der Verantwortung für seinen Bruder. Schliesslich stimmt er zu. Später kehrt Arjen mit seiner Frau, der Pastorentochter, als Lehrer zurück nach Halligen, um die Kinder dort zu unterrichten. Er muss erleben, dass sein Bruder ihm übel nimmt, dass er ihn als Kind zurückgelassen hat, nichts mit ihm zu tun haben will.

Klara Jahn erzählt zwei Lebensgeschichten in zwei unterschiedlichen Zeiten. Mehr noch aber erzählt sie die Geschichte der Halligen, beschreibt die Natur und die Landschaft mit all ihren Eigenheiten, Schönheiten, mit den Menschen, die da leben und welche durch die Natur geprägt sind. Neben diesem wunderschön beschriebenen Landschaftsbild bleiben die Figuren des Romans eher blass, sind schwer fassbar. Zwar widerspiegelt das durchaus ihr Naturell, doch bleibt man als Leser dadurch immer aussen vor, fällt es nicht leicht, wirklich in die Geschichten einzutauchen.

Zwar gibt es durchaus eine Verbindung zwischen den Erzählsträngen, doch käme jede der beiden Geschichten auch unabhängig von der anderen aus, so dass sich der Zweck dieses Vorgehens mit der Verknüpfung zweier Erzählebenen nicht ganz erschliesst. Die beiden Geschichten wechseln sich kapitelweise ab, es ist immer klar ersichtlich, in welcher Geschichte man sich gerade befindet, was das Lesen einfach macht. Dadurch, dass man nie wirklich tief in einen Strang hineinkommt, fällt auch der Wechsel nicht schwer. Doch bleibt ein unbefriedigendes Gefühl zurück.

Unterm Strich lässt sich sagen, dass es Klara Jahn gelungen ist, die Stimmung eines Ortes einzufangen und bildhaft zu beschrieben. Menschen, die einen Zugang zu dieser Landschaft haben, werden sich im Buch sicher heimisch fühlen. Die Figuren lassen es leider nicht zu, sich mit ihnen in einer Weise zu identifizieren, um auf diese Weise in die Geschichten hineinzufinden. So bleiben beide auch eher Beschreibungen von Lebensumständen, denen man als Leser von aussen zuschaut.

Fazit:
Das Leben auf den Halligen anhand von zwei Lebensgeschichten erzählt – Bildhaft beschriebenes Setting mit eher blassen Figuren. Für Leser, welche die Gegend mögen, eine gut lesbare und sicher interessante Geschichte!

Bewertung:
3***/5 – drei von fünf Sternen

Zur Autorin
Klara Jahn ist das Pseudonym einer bekannten Bestsellerautorin. Die Historikerin liebt es, große Geschichten zu erzählen und dabei tief in die Geschichte der Orte und Menschen einzutauchen. Dabei lässt sie sich von ihrer Liebe zur Natur und ihrer Faszination für raue Landschaften leiten. Bei Heyne wagt sie sich zum ersten Mal in den deutschen Norden vor, dessen herbe Schönheit sie seit Jahren begeistert. Die gebürtige Österreicherin und Mutter einer Tochter lebt seit 2001 in Frankfurt am Main.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 400
Verlag: Heyne Verlag (8. März 2021)
ISBN: 978-3453273139
Preis: EUR 20 / CHF 31.90

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online unter anderem bei AMAZON.DE und ORELLFUESSLI.CH

Thommie Bayer: Das Glück meiner Mutter

«Ich wollte nicht mehr. Das immer gleiche Spiel von Anziehung und Abwehr, Verschmelzung und Selbsterhalt schien mir aus der neu gewonnenen Distanz auf einmal öde und vorhersehbar, alles lief auf Abnutzung und Missverstehen hinaus, als könne es Liebe zwischen zwei Menschen nur in Phasen geben, nach deren Ablauf man sich die eigene Ernüchterung so lange nicht eingestand, bis ein äusseres Ereignis, eine neue Verliebtheit, ein Job in einer anderen Stadt oder ein irreversibel verletzender Streit für klare Verhältnisse sorgte.“

Der Drehbuchautor Philip Dorn, ein alleinstehender Mann in den mittleren Jahren, der sich nach dem Scheitern seiner letzten Beziehung in seinem Leben allein eingerichtet hat, beschliesst, sich sein Traumauto, einen Mini, zu kaufen und damit in die Toskana zu fahren. Beim Dahingleiten auf den Strassen, erinnert er sich an seine Kindheit, an seine Beziehung zu seinen Eltern, vor allem die zu seiner Mutter, und an seine gescheiterte Beziehung zu Bettina.

„Wenn das Auge immer neue Bilder erfasst, kommt Luft ins Gehirn und die inneren Regale werden abgestaubt.“

Italien erscheint ihm als Paradies, das Freisein von Verpflichtungen und die Abgeschiedenheit von anderen Menschen eröffnet ihm die Möglichkeit, sein bisheriges Leben und seine eigene Rolle darin zu beleuchten – bis eines Nachts eine nackte Frau in seinem Pool schwimmt, die seine Aufmerksamkeit weckt. Zuerst beobachtet er sie nur fasziniert aus dem Versteckten, in bald darauf folgenden Gesprächen findet Philip Dorn weitere Antworten auf seine höchstpersönlichen Fragen.

Thommie Bayer legt uns eine warmherzige Geschichte vor, welche ohne grosse Höhen und Tiefen in ihren Bann zieht und das Herz erwärmt. Der Protagonist eröffnet durch sein eigenes Nachdenken – erzählt in einem inneren Monolog – Denkräume, in welche auch der Leser eintreten kann. Er lässt die verschiedenen Etappen seines Lebens Revue passieren, sinniert über seine Beziehung zu seinen Eltern, vor allem seiner Mutter, über verpasste Gelegenheiten, Hoffnungen, Erwartungen und auch das Glück.

„Das muss das Alter sein, dachte ich, wenn dir auf einmal klar wird, dass das Beste, was dir passieren kann, die Aussicht ist, dass alles so bleibt, wie es ist, dass dich keine Krankheit niederwirft, niemand an dir ein Verbrechen verübt, Siechtum und Tod dich möglichst lange nicht erwischen – wird Zeit, zu begreifen, dass du glücklich bist.“

„Das Glück meiner Mutter“ ist ein Buch mit leisen Tönen, das berührt und bewegt, ein Buch mit Spuren von Wehmut, aber auch Hoffnung, Einsicht und Dankbarkeit. Es ist der Versuch, herauszufinden, was Glück ist und die Frage danach, ob die anderen Menschen im eigenen Umfeld glücklich gewesen sind – und ob und wie man selber dazu beitragen oder im Weg stehen kann.

Die Geschichte ist vielleicht etwas einfach gestrickt, gewisse Dinge, liegen, wenn auch nicht ausgesprochen, in greifbarer Nähe, sind eventuell auch etwas zu konstruiert, doch tut dies dem Gefühl, das dieses Buch beim Lesen hinterlässt, keinen Abbruch. Es ist ein wunderbares Buch, das leider viel zu schnell endet, einen aber auch dann noch nicht gleich loslässt.

Fazit:
Lebenserinnerungen in eine Reise verpackt, ein Buch mit leisen Tönen, das berührt und bewegt, ein Buch mit Spuren von Wehmut, aber auch Hoffnung, Einsicht und Dankbarkeit. Ein wunderbares Buch und eine grosse Empfehlung!

Bewertung:
5****/5 – fünf von fünf Sternen

Zum Autor
Thommie Bayer, 1953 in Esslingen geboren, studierte Malerei und war Liedermacher, bevor er begann, Drehbücher und später Stories, Gedichte und Romane zu schreiben. Neben anderen erschienen von ihm Die gefährliche Frau, Singvogel, der für den Deutschen Buchpreis nominierte Roman Eine kurze Geschichte vom Glück, Die kurzen und die langen Jahre sowie Weisser Zug nach Süden.

Ein Interview mit dem Autoren findet sich HIER

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 224
Verlag: Piper; 1. Edition (15. März 2021)
ISBN: 978-3492057264
Preis: EUR 22 / CHF 29.90

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online unter anderem bei AMAZON.DE und ORELLFUESSLI.CH

Bücher 2021 – März

Gelesene Bücher

  1. Patricia Highsmith: Suspense oder Wie man einen Thriller schreibt
    Patricia Highsmith beschreibt auf eine sehr offene und persönliche Art ihre Herangehensweise ans Schreiben. Sie beleuchtet den Schreibprozess mit allen Höhen und Tiefen, mit den wichtigen Zutaten wie Disziplin, Emotion, Freude und Spass am Schreiben. Sie zeigt die Schwierigkeiten des Daseins als Schriftsteller sowie auch dessen schönen Seiten. Ein Buch, das genauso viel über Patricia Highsmith selber aussagt wie über ihr Schreiben und ein Bild von einer am Boden gebliebenen, authentischen und äusserst sympathischen Frau zeichnet.
  2. Ilka Piepgras (Hrsg.): Schreibtisch mit Aussicht
    Das Buch umfasst 24 Texte von Schriftstellerinnen, in welchen diese offenlegen, was Schreiben für sie bedeutet, wie ihr Schreiballtag aussieht, womit sie kämpfen, worüber sie sich freuen und wo sie ihre Kraft herholen. Entstanden ist ein offenes und ehrliches Buch, das von Ängsten und Nöten spricht, vom Spagat zwischen Familie und Schreibtisch, von Schuldgefühlen und Zweifeln.
  3. Bernhard Schlink: Sommerlügen
    Bernhard Schlink geht den menschlichen Beziehungen nach, erzählt sieben Geschichten von Menschen, die lieben, geliebt werden, geliebt haben, mit der Liebe hadern oder sich mit ihr arrangiert haben. Er erzählt von den Schwierigkeiten des Anfangens mit all seinen Ängsten und Zweifeln, von den Herausforderungen des Beziehungsalltags und auch von den Komplikationen, wenn zwei Menschen mit unterschiedlichen Wünschen und Zielen aufeinandertreffen.
  4. Richard David Precht: Jäger, Hirten, Kritiker
    Richard David Precht zeichnet ein sehr realistisches Bild der aktuellen Situation, der vierten industriellen Revolution, welche in vollem Gange mit noch offenem Ausgang ist. Er ruft dazu auf, sich nicht hinter Fortschrittglauben und Ängsten zu verstecken, sondern aktiv die Idee einer wünschenswerten Welt zu schaffen, in welcher Maschinen nicht zur Optimierung oder zum Ersatz von Menschen werden, sondern diese unterstützen.
  5. Lily King: Writers & Lovers
    Lily King schreibt mit viel Feingefühl, aber auch mit der nötigen Leichtigkeit und Humor die Geschichte einer verletzlichen und doch mutigen jungen Frau, die sich ihrer Vergangenheit, ihren Ängsten und Selbstzweifeln stellen muss, um den eigenen Weg als Schriftstellerin zu gehen. Obwohl die Lebensgeschichte von Casey durchaus mit vielen Tiefen und Schwierigkeiten gepflastert ist, wird das Buch nie schwermütig, nie erdrückend, sondern schafft es, immer wieder auch eine Spur Hoffnung zu bewahren. Entstanden ist ein wunderbar menschliches Buch über eine junge Frau, die trotz allen Hindernissen an ihre Träume glaubt und diese verfolgt.
  6. Ingrid Noll: Hab und Gier
    Ein reicher Witwer bittet seine ehemalige Arbeitskollegin Karla um Hilfe bei seinem eigenen Tod, im Gegenzug soll sie sein Vermögen erben. Da Karla nicht alles alleine regeln kann, sucht sie sich eine Komplizin, welche wiederum einen Kleinkriminellen mit ins Boot holt. Eine WG, bei der nächste Tote nur eine Frage der Zeit ist. Eine rabenschwarze Komödie, die von der ersten bis zur letzten Seite Lesespass bietet.
  7. Peter Bieri: Wie wollen wir leben?
    Peter Bieri gelingt in diesem dünnen Band ein Bogen von der Frage nach dem Ich aus sich selber heraus, dessen Auseinandersetzung mit dem Du hin zur Identitätsbildung in Abhängigkeit von der umgebenden Kultur. Dabei arbeitet er mit einer klar verständlichen Sprache, einer logischen Abfolge von Begriffen, die sich schlüssig auseinander entwickeln, und zeichnet so einen Weg auf, das Ich als der, der man sein möchte, zu erkennen, zu verstehen, umzusetzen.
  8. Ferdinand von Schirach: Kaffee und Zigaretten
    Ferdinand von Schirach hat mit „Kaffee und Zigaretten“ sein wohl persönlichstes Buch geschrieben. In 48 Kapiteln, jedes eine knappe Zigarette oder einen Kaffee lang, erinnert er sich an Geschichten aus seinem Leben, wirft dem Leser kleine Informationshäppchen zu, die dieser zur Kenntnis nehmen oder zum Anstoss weiteren Nachdenkens machen kann, oder er lässt uns an den unterschiedlichsten Beobachtungen und Gedanken teilhaben.
  9. Katja Kulin: Der andere Mann
    Anlässlich einer Reise nach Amerika lernt Simone de Beauvoir den Schriftsteller Nelson Algren kennen, der sie ein wenig durch die Stadt führen soll. Die gegenseitige Anziehung lässt die Stadtbesichtigung in Algrens Wohnung enden, nach einer leidenschaftlichen Nacht heisst es jedoch schon wieder Abschied nehmen. Doch es sollte keine Affäre bleiben.
  10. Ferdinand von Schirach: Gott: Ein Theaterstück
    Ferdinand von Schirach beleuchtet in seinem Buch „Gott“ die Frage, wem das Leben gehört, von verschiedenen Standpunkten, wobei er für jeden davon überzeugende Argumente liefert. Verschiedene Sachverständige werden nach ihrer Meinung befragt und diese wird in der Folge hinterfragt. Als Leser tritt man automatisch in diesen Dialog ein.
  11. Volker Hage: Kritik für Leser
    Ein Überblick über die verschiedenen Arten, sich als Journalist/Autor mit Literatur zu beschäftigen mit Beispielen aus der jahrzehntelangen eigenen Praxis von Volker Hage.
  12. Marcel Reich-Ranicki: Über Literaturkritik
    Deutschland blickt auf eine lange Tradition der Literaturkritik zurück, schon 1750 versuchte sich Lessing daran. Ebenso lang hält die Diskussion um die Literaturkritik an, darüber, ob sie überhaupt nötig und ob nicht jeder Kritiker ein frustrierter Scheiterer im eigenen Schreiben sei, der es nun den Erfolgreichen Schriftstellern heimzahlen möchte. Was soll Kritik, welche Aufgabe hat sie? Dieser Frage geht Marcel Reich-Ranicki in diesem kleinen Bändchen nach.
  13. Isabel Bogdan: Laufen
    Durch den Verlust ihres Lebenspartners aus der Bahn des Lebens geworfen, fängt sie zu laufen an und lässt neben den Füssen auch die Gedanken laufen. In einem endlosen inneren Monolog erzählt sie sich von ihrem Verlust, von ihren Gefühlen, von ihrer Verzweiflungen, immer wieder unterbrochen durch die eigene Aufforderung, die Gedanken zu stoppen, im Körper zu bleiben, auf das eigene Atmen zu achten – und um dann wieder weiter in den Fluss der Gedanken einzutauchen.
  14. Felix Kucher: Sie haben mich nicht gekriegt
    Der Roman verbindet zwei Frauenschicksale, welche sich eigenständig und mit grossem Willen gegen die politische Unterdrückung damaliger Zeit auflehnen. Im schnellen Wechsel blendet Felix Kucher zwischen den beiden Erzählsträngen hin und her, verbunden werden die Übergänge oft durch ähnliche Worte, welche eine sprachliche Verbindung zwischen den einzelnen Lebenswegen symbolisieren. „Sie haben mich nicht gekriegt“ ist ein Zeugnis davon, dass man auch unter den widrigsten Umständen für seine Überzeugungen und Wünsche einstehen muss und kann, dass man auch gegen Widerstände ankommen und für sich Wege finden kann.
  15. Charles Lewinsky: Sind Sie das?
    Charles Lewinsky hangelt sich entlang seiner Bücher anhand von Zitaten durch sein Leben, erzählt von den Inspirationsquellen, die Einzug hielten in sein Schreiben. Er geht dabei nicht zimperlich mit sich selber um, erzählt auch von den eigenen Verfehlungen und Missgeschicken. Aber er weist auch nochmals in aller Deutlichkeit Absichten und Gründe für einzelne Werke. Entstanden ist so ein Buch voller Erinnerungen, das sowohl durch das Erzählte wie auch die Sprache das Bild eines Menschen voller Humor, Ironie, Selbstreflexion und klarem Blick lebendig werden lässt.
  16. Joachim Höll: Ingeborg Bachmann (Hörbuch)
    Joachim Höll schafft es in einer Art Montagetechnik aus Zitaten und Beziehungs- Lebensbeschreibungen, ein stimmiges Bild einer grossartigen Schriftstellerin zu zeichnen, welches er immer wieder mit deren Werk verknüpft. Entstanden ist ein Buch über eine in sich zerrissene, tiefgründige, nachdenkliche, verletzliche Frau, die immer wieder auf Beziehungen hoffte, sich von diesen oft verraten fühlte im Nachhinein, und sich tief drin allein gefühlt haben muss. Gelesen wird das Hörbuch von der österreichischen Schauspielerin Sophie Rois, welche es neben dem authentisch klingenden Akzent schafft, dem Buch das nötige Gefühl, die passende Stimmung zu verleihen. Ein wirklicher Hörgenuss!

Abgebrochene Bücher

  1. Lukas Linder: Der Unvollendete
    Ein Roman über die menschlichen Schwächen und die Suche nach einem besseren Leben sollte es sein, angefangen hat es mit Sex, der dann doch doch keiner war für den Protagonisten, haben sich doch zwei Frauen ohne ihn vergnügt, und die Festmachung des eigenen Erfolgs und Werts an solchen Misserfolgen. Nun mag das eventuell eine männliche Sicht auf Glück sein, mich hat es (lesend) abgeturnt.

Joachim Höll: Ingeborg Bachmann (Hörbuch)

„Angaben zur Person sind immer das, was mit der Person am wenigsten zu tun hat.“

Diese Überzeugung Ingeborg Bachmanns und das damit einhergehende vornehmliche Schweigen über die privaten Hintergründe machen es für einen Biografen nicht leicht, ein Leben zu erkunden und zu präsentieren. Die über die Jahre erschienen Briefwechsel mögen das ein wenig erleichtert haben (die waren bei Erscheinen dieser Biografie aber noch nicht öffentlich bekannt), doch bleibt ein Rest Distanz immer da, weil Ingeborg Bachmann diese auch zu den sogar engen Freunden oft wahrte. Es kommt nicht von ungefähr, dass die Person Ingrid Bachmann mit vielen Mythen umgeben und schwer fassbar erscheint. Joachim Höll hat sich dieser Aufgabe trotzdem angenommen und gut gemeistert.

Die vorliegende Biografie beleuchtet Ingeborg Bachmanns Kindheit und Jahre des Aufwachsens, ihre Verbundenheiten und Beziehungen dieser Jahre. Diese sind es auch, welche in ihr Werk immer wieder einziehen, dieses ausfüllen. Die späten Jahre sind im Werk praktisch inexistent, sie werden gelebt, in ihnen wird auf eine Weise auch ums (Über-)Leben gekämpft, aber sie werden nicht zum Stoff, und wenn, dann nur durch die Prägung der frühen Jahre.

Joachim Höll schafft es in einer Art Montagetechnik aus Zitaten und Beziehungs-  Lebensbeschreibungen, ein stimmiges Bild einer grossartigen Schriftstellerin zu zeichnen, welches er immer wieder mit deren Werk verknüpft. Entstanden ist ein Buch über eine in sich zerrissene, tiefgründige, nachdenkliche, verletzliche Frau, die immer wieder auf Beziehungen hoffte, sich von diesen oft verraten fühlte im Nachhinein, und sich tief drin allein gefühlt haben muss.

Gelesen wird das Hörbuch von der österreichischen Schauspielerin Sophie Rois, welche es neben dem authentisch klingenden Akzent schafft, dem Buch das nötige Gefühl, die passende Stimmung zu verleihen. Ein wirklicher Hörgenuss!

Fazit:
Ein Blick auf das Leben und Schaffen der grossartigen Ingeborg Bachmann, mit viel Hintergrundwissen und Gespür für die verschlossene Autorin geschrieben und auf wunderbare Weise gelesen. Grosse Empfehlung!

Bewertung:
5****/5 – fünf von fünf Sternen

Zum Autor
Joachim Höll (1966) studierte an der Freien Universität Berlin Germanistik und Lateinamerikanistik und promovierte über Thomas Bernhard und Ingeborg Bachmann. Schon während des Studiums verfasste er Essays, Kritiken und literaturwissenschaftliche Bücher. Von ihm erschienen sind Biografien zu Thomas Bernhard, Ingeborg Bachmann und Oskar Lafontaine. Er lebt in Berlin und arbeitet aktuell an einem grossen Romanprojekt.

Angaben zum Buch:
Hörbuch: 2 Stunden und 25 Minuten
Verlag: Random House Audio, Deutschland
Sprecher: Sophie Rois

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online unter anderem bei AMAZON.DE

Charles Lewinsky: Sind Sie das? Eine Spurensuche

„Es wäre schön, wenn sich aus der gesammelten Konterbande ein Selbstbild zusammensetzte, in dem ich Dinge über mich entdecken kann, die mir vorher gar nicht bewusst waren. […] Nur eines soll es auf keinen Fall werden: eine Autobiographie.“

Den Auslöser zu diesem Buch stammt aus einer Lesung, als ein Zuhörer Charles Lewinsky fragte, ob er selber der pädophile Protagonist aus einer Geschichte sei. Diese Frage konnte er verneinen, doch in ihm wirkte die Frage weiter, wie viel von ihm selber in all seinen Büchern steckt. Eine Autobiografie sollte es aber nicht werden – aus guten Gründen:

„Das eine oder andere meiner Bücher mag vielleicht interessant sein – mein Leben ist es nicht […] Mit der bahnbrechenden Erkenntnis: „Am liebsten sass er abends neben seiner Frau auf dem Sofa“ stürmt kein Biograph die Bestsellerlisten.“

Das Stürmen der Bestsellerlisten war aber auch kein Grund für dieses Buch, denn es gab keine anvisierte Leserschaft ausser seinen drei Enkeln, denen er das Buch als Erinnerung an ihren Grossvater hinterlassen wollte.

„Mir scheint bei der Neubegegnung mit den eigenen Büchern, dass solche Zitate aus dem eigenen Leben mir immer wieder unbewusst dazu gedient haben, Erlebnisse, die ich lieber vergessen hätte, in die Quarantäne eines literarischen Textes einzusperren und damit zu neutralisieren.“

Charles Lewinsky hangelt sich entlang seiner Bücher anhand von Zitaten durch sein Leben, erzählt von den Inspirationsquellen, die Einzug hielten in sein Schreiben. Er geht dabei nicht zimperlich mit sich selber um, erzählt auch von den eigenen Verfehlungen und Missgeschicken. Aber er weist auch nochmals in aller Deutlichkeit Absichten und Gründe für einzelne Werke.

Mattscheibe war meine persönliche Abrechnung mit der Welt der Fernsehunterhaltung. Ich wollte die Dinge, die ich dort erlebt und beobachtet hatte, übertreiben und verzerren, um damit die ganze Lächerlichkeit dieses Gewerbes in parodistischer Weise sichtbar werden zu lassen. Ich fürchte, es ist mir nicht gelungen. Es gibt Dinge im Fernsehprogramm, die kann man nicht parodieren, weil sie es selber schon tun.“

Entstanden ist so ein Buch voller Erinnerungen, das sowohl durch das Erzählte wie auch die Sprache das Bild eines Menschen voller Humor, Ironie, Selbstreflexion und klarem Blick lebendig werden lässt.

Fazit:
Ein Schriftsteller sucht anhand seiner Bücher nach seinem eigenen Leben und erzählt auf humorvolle und lebendige Weise in Erinnerungen davon. Sehr empfehlenswert!

Bewertung:
4****/5 – vier von fünf Sternen

Zum Autor
Charles Lewinsky, 1946 in Zürich geboren, ist seit 1980 freier Schriftsteller. International berühmt wurde er mit seinem Roman ›Melnitz‹. Er gewann zahlreiche Preise, darunter den französischen Prix du meilleur livre étranger. Sein jüngster Roman ›Der Halbbart‹ stand auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Sein Werk erscheint in 14 Sprachen. Charles Lewinsky lebt im Sommer in Vereux (Frankreich) und im Winter in Zürich.

Angaben zum Buch:
Gebundenes Buch: 284 Seiten
Verlag: Diogenes; 1. Edition (24. März 2021)
ISBN-Nr.: 978-3257071115
Preis: EUR  24 / CHF 36.90

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online unter anderem bei AMAZON.DE oder ORELLFUESSLI.CH

Felix Kucher: Sie haben mich nicht gekriegt

„Du bist die Älteste, die die Familie erhalten muss. Du bist schuld, wenn wir hungern müssen. Du hast mit zwölf Jahren die Schule abbrechen müssen, um uns sechs zu erhalten: mich, dich, Valentina, Yolanda, Gioconda und den kleinen Benvenuto.“

Tina wächst als zweitältestes Kind einer armen Familie in Undine heran. Als ihr Vater mit der ältesten Tochter nach Amerika auswandert, ist es an ihr, die Familie zu ernähren. Das Geld ist knapp, in Tina wächst die Hoffnung, bald auch nach Amerika gehen und mehr aus ihrem Lebe machen zu können.

„Jedes Mal, wenn ich ein Buch lese, werde ich ein anderer Mensch. Nicht ganz, sondern ein wenig. Ich weiss, das klingt banal für deine Ohren. Aber wenn ich lese, verändere ich mich. Nach jedem Buch habe ich etwas dazugewonnen. Und jeder, der liest, tut das.“

Marie wächst behütet in Fürth auf als Tochter eines jüdischen Buchhändlers. Schon früh ist klar, dass ihre Geschwister studieren können, sie die Buchhandlung übernehmen muss. Marie möchte lieber studieren, sie möchte Ärztin werden und in die Welt reisen, um Menschen zu helfen. Auch wenn es nicht ihr Wunschweg ist, gibt sie sich mit vollem Einsatz in ihre Aufgabe, und über die Jahre werden Bücher immer wichtiger in ihrem Leben, je schwieriger die Zeiten werden, desto wichtiger.

„Als sie das Buch zuklappt, fragt sie sich, ob es nicht vernünftig ist, in die Welt der Bücher zu fliehen? Ist denn die Welt da draussen wirklicher als die Welt der Bücher? Wertvoller? Erhaltenswerter? Ist die Welt der Bücher nicht eine notwendige, ja lebensrettende Zuflucht in diesen Zeiten?“

Diese beiden unterschiedlichen Frauen landen schliesslich beide in Amerika, ihre Wege kreuzen sich immer mal wieder, wenn auch nicht bewusst. Es sind zwei Frauenleben, welche verschiedener nicht sein könnten, und die doch viele Parallelen aufweisen. Beiden Frauen ist Mut und Kampfgeist gegeben, für ihre Sache einzustehen, einen Weg zu finden, weiter zu machen. Beide Frauen müssen kämpfen und geben nicht auf. Tina wird zur kommunistischen Revolutionärin, setzt sich für ihre Mission mit dem Einsatz ihres Lebens ein, Marie setzt sich für ihre Überzeugung, dass Kunst wichtiger als Politik sein soll und darum bewahrenswert ist, ein, gegen das feindliche Naziregime, trotz finanzieller Nöte und Steinen im Weg.

Felix Kucher verbindet in seinem Buch „Sie haben mich nicht gekriegt“ zwei Frauenschicksale, welche sich eigenständig und mit grossem Willen gegen die politische Unterdrückung damaliger Zeit auflehnen. Im schnellen Wechsel blendet er zwischen den beiden Erzählsträngen hin und her, verbunden werden die Übergänge oft durch ähnliche Worte, welche eine sprachliche Verbindung zwischen den einzelnen Lebenswegen symbolisieren.

Die gewählte Form ist einerseits geschickt, da sich auf diese Weise die Lebensentwürfe nebeneinander entwickeln, Parallelen und Unterschiede offen da liegen. Auf der anderen Seite erschweren die schnellen Wechsel ein wirkliches Eintauchen in das je einzelne Schicksal. Manchmal ist auch nicht gleich ersichtlich, in welchem Leben man sich gerade lesend befindet, so dass der Lesefluss unterbrochen wird. Ein wirkliches hineinlesen und hineinleben wird darum immer wieder gestört, so dass die Figuren, obwohl sie authentisch gezeichnet sind, doch auf Distanz bleiben.

Der Roman weist viele Längen auf, welche der dem Fortgang der Geschichte nicht dienen, sondern diesen eher unterbrechen und langatmig werden lassen werden. Zwar mögen die vielen Liebschaften von Tina Modotti durchaus ihre Gesinnung in Sachen freier Liebe sowie ihre Suche nach Bestätigung wiederspiegeln, doch wären ein paar ausgewählte Beispiele im Sinne von pars pro toto nicht nur genügend, sondern gar der Geschichte zuträglich gewesen.  

Trotzdem ist Felix Kucher ein guter Roman gelungen, der anhand von zwei unterschiedlichen Lebenswegen die Stimmung einer Zeit wiedergibt. „Sie haben mich nicht gekriegt“ ist einerseits Zeugnis davon, dass man auch unter den widrigsten Umständen für seine Überzeugungen und Wünsche einstehen muss und kann, dass man auch gegen Widerstände ankommen und für sich Wege finden kann. Durch die vielen politischen Hintergrundinformationen, welche gut recherchiert und auf eine stimmige und nicht zu dominierende oder gar belehrende Weise eingebaut sind, wird der Roman aber auch zu einem Abbild einer Zeit, welche ihrer Grausamkeit wegen nie vergessen werden sollte. Dazu trägt der Roman bei.  

Fazit:
Zwei Biografien auf geschickte Weise miteinander verknüpft, ein Zeitzeugnis erzählt durch die Lebensentwürfe zweier mutiger und kämpferischer Frauen. Empfehlenswert!

Bewertung:
3***/5 – drei von fünf Sternen

Zum Autor
Felix Kucher, geboren 1965 in Klagenfurt, studierte Klassische Philologie, Theologie und Philosophie in Graz, Bologna und Klagenfurt. Er lebt und arbeitet in Klagenfurt und Wien. Im Picus Verlag erschienen seine Romane »Malcontenta« und »Kamnik« (2018). 2021 erschien sein neuer Roman »Sie haben mich nicht gekriegt«.

Angaben zum Buch:
Gebundenes Buch: 512 Seiten
Verlag: Picus Verlag; 1. Edition (24. Februar 2021)
ISBN-Nr.: 978-3711721044
Preis: EUR  26 / CHF 36.90

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online unter anderem bei AMAZON.DE oder ORELLFUESSLI.CH

Isabel Bogdan: Laufen

„…ich laufe mir die Grübelei weg, andere Leute laufen angeblich, weil sie dabei gut nachdenken können, ich kann an gar nichts anderes denken als an meinen Körper, ob er funktioniert, wie er funktioniert, wie das Laufen sich anfühlt, ob ich noch kann, und wenn ja, wie weit, und ob mir gerade etwas wehtut, oder was am meisten wehtut, aber beim Laufen tut endlich der Körper weh…“

Durch den Verlust ihres Lebenspartners aus der Bahn des Lebens geworfen, fängt sie zu laufen an und lässt neben den Füssen auch die Gedanken laufen. In einem endlosen inneren Monolog erzählt sie sich von ihrem Verlust, von ihren Gefühlen, von ihrer Verzweiflungen, immer wieder unterbrochen durch die eigene Aufforderung, die Gedanken zu stoppen, im Körper zu bleiben, auf das eigene Atmen zu achten – und um dann wieder weiter in den Fluss der Gedanken einzutauchen.

Zeit zieht ins Land, wir laufen als Leser mit, erkennen Veränderungen im Denkmuster, erfahren von Verbesserungen beim Laufen und beim Fühlen, und fragen uns, wohin die Geschichte wohl laufen wird.

„Ich will nicht allein sein, ich will meinen Alltag mit jemandem teilen, es fehlt mir, ich fühle mich immer noch wie halbiert, so muss sich ein Entzug anfühlen, Entzug von der Sucht nach Anfassen, nach Körperkontakt, der Sehnsucht danach, dass jemand da ist, was für ein Blödsinn, das ist keine Sucht, das ist ganz normal, glaube ich, oder ist Sehnsucht auch eine Sucht, heisst das deswegen so?

„Laufen“ erzählt die Geschichte einer Frau, welche durch den Suizid ihres Lebenspartners plötzlich alleine im Leben steht und sich in diesem Alleinsein nicht zurechtfindet. Es ist nicht bloss das Alleinsein, das drückt, es sind auch die drängenden Fragen nach eigener (Mit-)Schuld, der Umgang mit anderen Menschen, das wieder Zurechtfinden in einer Welt, die gerade noch eine geteilte, nun eine einsame ist. Es ist die Geschichte eines Verlorenseins im Leben, in welchem die vorher noch gültigen Begriffe plötzlich ihre Bestimmtheit verloren haben: Was ist ein Zuhause? Worauf kann ich bauen? Was ist man einem anderen Menschen schuldig?

„Es kann nie wieder besser werden, darf es überhaupt besser werden, hätte ich dich dann nicht wirklich auf dem Gewissen, wäre es dann nicht wirklich meine Schuld?

Die Form des inneren Monologs, der ununterbrochene Fluss der Sprache praktisch ohne Punkte, Abschnitte, Unterbrüche passen sich dem Inhalt an, sind die perfekte Wiederspiegelung der Gedanken und Gefühle der Protagonistin, das Durchgetaktete lässt das Laufen les- und erfahrbar werden.

Isabel Bogdan ist ein authentischer, in Form und Inhalt sich grossartig ergänzender, weil sich gegenseitig aufgreifender Roman gelungen, der die schwierige Thematik des Suizids und dessen Bedeutung für die Hinterbliebenen aufgreift. Es ist nicht ganz einfach, in den Fluss der Sprache zu kommen, was vielleicht auch eine schöne Parallele zum Laufen ist, welches auch nicht von Anfang an fliessend auf lange Zeit klappt. Da wie dort kann der Wunsch, aufzuhören, auftauchen, wozu auch teilweise häufige Wiederholungen von Gedanken, gleichen Sätzen beiträgt. Man mag einwenden, dass dies im eigenen Denken auch passiert, doch stellt sich die Frage, ob ein Roman tatsächlich die Wirklichkeit abbilden muss, um realistisch zu sein, oder ob nicht zu viel Wirklichkeitsgetreues dem Lesefluss und -vergnügen schaden kann.  

Fazit:
Die durch eine geschickt gewählte Erzählperspektive authentische Erzählung einer Frau, die sich nach einem Schicksalsschlag sprichwörtlich zurück ins Leben läuft. Sehr empfehlenswert!

Zur Autorin
Isabel Bogdan, geboren 1968 in Köln, studierte Anglistik und Japanologie in Heidelberg und Tokyo. Lebt in Hamburg, weil es da so schön ist. Liest, schreibt, übersetzt (Jane Gardam, Nick Hornby, Jonathan Safran Foer, Jonathan Evison, Megan Abbott). Vorsitzende des Vereins zur Rettung des „anderthalb“. 2006 erhielt sie den Hamburger Förderpreis für literarische Übersetzung, 2011 den für Literatur. 2014 zusammen mit Maximilian Buddenbohm „Bloggerin des Jahres“ für wasmachendieda.de. Bloggt ansonsten unter isabelbogdan.de.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 208 Seiten
Verlag: KiWi-Taschenbuch; 1. Edition (11. Februar 2021)
ISBN-Nr.: 978-3462001587
Preis: EUR  11 / CHF 17.90

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online unter anderem bei AMAZON.DE oder ORELLFUESSLI.CH

Ferdinand von Schirach: Gott: Ein Theaterstück

„Aber uns vereint als aufgeklärte Gesellschaft dann doch die eine Sache: Wir können nie letztgültig wissen, was richtig und was falsch ist, absolute Urteile über die Welt gibt es nicht.“

Der Ethikrat tagt, mit dabei Sachverständige des Rechts, der Medizin und der Theologie sowie Richard Gärtner, um dessen Fall es geht, und sein Anwalt. Nachdem Gärtners Frau nach vielen gemeinsamen Jahren gestorben ist, erhofft er sich von seiner Augenärztin (auch sie vor Ort) Hilfe zum Suizid. Mit nun 78 Jahren, noch gesund, möchte er nicht mehr in einer Welt leben, in der seine Frau nicht mehr ist.

Die Frage, die sich stellt: Darf er wirklich frei entscheiden über seinen Tod und ist es ethisch vertretbar, dass ein Arzt ihm dabei hilft? Wir haben von Gesetzes wegen ein Recht auf unser Leben, doch beinhaltet dieses auch rein recht auf einen selbstbestimmten Tod?

„Wir können bedauern, wenn ein Mensch sterben will. Wir dürfen natürlich alles versuchen, ihn umzustimmen. Aber wenn uns das nicht gelingt, ist seine freie Entscheidung zu respektieren.“

Selbstbestimmung ist eine Grundvoraussetzung für Würde, nur ein selbstbestimmtes Leben ist eines, das würdig gelebt wird. Dazu kommt, das es keine Pflicht zu leben gibt, nur ein Recht. Nur: Ist das wirklich so? Haben wir nicht zumindest moralische Pflichten als soziale Wesen?

„Wir leben in einer Gemeinschaft, in Familien, in Freundeskreisen, in einem Staat. Jeder, der in einer Gemeinschaft lebt, hat auch eine Verantwortung für sie. Wir wissen heute, dass ein Selbstmord viele Menschen schwer belastet – Kinder, Enkel, Freunde, Arbeitskollegen. […] 60’000 leidende Hinterbliebene jedes Jahr. Ein Drittel davon entwickelt selbst psychische Störungen.“

Ferdinand von Schirach beleuchtet in seinem Buch „Gott“ die Frage, wem das Leben gehört, von verschiedenen Standpunkten, wobei er für jeden davon überzeugende Argumente liefert. Jeder Sachverständige wird nach seiner Meinung befragt und diese wird in der Folge hinterfragt. Fast fühlt man sich an die Sokratischen Dialoge erinnert, in welchen auch Meinungen durch Fragen ins Wanken oder gar Einstürzen gebracht werden. Es gelingt Ferdinand von Schirach, den Leser in dieses Nachdenken und Hinterfragen hineinzuziehen, so dass das Lesen zu einem quasi interaktiven Prozess wird.

Entstanden ist ein sehr philosophisches, tiefgründiges, durchdachtes, die grossen Themen des Lebens ansprechendes Buch, welches trotz der Komplexität der Thematik gut lesbar und verständlich ist. Ergänzt wird das Theaterstück durch drei Essays, welche das Thema Suizid nochmals aus religiöser und kultureller, ethischer und rechtlicher Perspektive beleuchten.

Fazit:
Ein philosophisch wertvolles, tiefgründiges und zum Hinterfragen eigener Meinungen anregendes Buch zum Thema Suizid und Beihilfe zu ebendiesem. Sehr empfehlenswert!

Zum Autor
Ferdinand von Schirach, geboren 1964, arbeitet als Strafverteidiger und Schriftsteller in Berlin. Die Erzählungsbände »Verbrechen«, »Schuld« und »Strafe« sowie die Romane »Der Fall Collini« und »Tabu« wurden zu millionenfach verkauften internationalen Bestsellern. Sie erschienen in mehr als vierzig Ländern. Sein Theaterstück »Terror« zählt zu den weltweit erfolgreichsten Dramen unserer Zeit. Ferdinand von Schirach wurde vielfach mit Literaturpreisen ausgezeichnet. Er lebt in Berlin. Zuletzt erschienen von ihm sein persönlichstes Buch »Kaffee und Zigaretten«, das Theaterstück »Gott« sowie der Band »Trotzdem« (mit Alexander Kluge).

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 160 Seiten
Verlag: Luchterhand Literaturverlag; Originalausgabe Edition (14. September 2020)
ISBN-Nr.: 978-3630876290
Preis: EUR 18 / CHF 27.90

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online unter anderem bei AMAZON.DE oder ORELLFUESSLI.CH