Jenny Erpenbeck: Kairos

Inhalt

„In so einem Koffer, in so einem Karton, liegen, Ende, Anfang und Mitte gleichgültig miteinander im Staub der Jahrzehnte, liegt das, was zum Täuschen geschrieben wurde, und das, was als Wahrheit gedacht war, das Verschwiegene und das Beschriebene, liegt all das, ob es will oder nicht, eng ineinandergefaltet, liegt das sich Widersprechende, liegen der stummgewordene Zorn ebenso wie die stummgewordene Liebe miteinander in einem Umschlag, in ein und derselben Mappe, ist Vergessenes genauso vergilbt und zerknickt wie das, woran man sich noch, dunkel oder auch hell, erinnert.“

Als Katharina nach Hans‘ Tod zwei Kartons mit den Erinnerungsstücken an ihre gemeinsame Beziehung ausgehändigt erhält, lässt sie diese Revue passieren. Es muss ein glücklicher Zufall gewesen sein – Gott Kairos steht dafür – dass sie sich überhaupt über den Weg liefen damals, sie gerade 19 und angehende Schriftsetzerin, er gestandener Autor in den Fünfzigern, verheiratet und mit einem Sohn. Dass es immer ein Glück neben der Ehe sein wird, macht Hans von Anfang an klar – Katharina lässt sich darauf ein, zu groß ist ihre Liebe, zu sehr genießt sie das gemeinsame Glück.

Hans teilt mit ihr die Musik, die er liebt, zeigt ihr die Bilder, die er mag, erfüllt sie mit Inhalten, die ihr in seinen Augen noch fehlen. Es sind nicht nur glückliche Stunden, Hans misstraut Katharina immer wieder, unterstellt ihr andere Männer, ist eifersüchtig, sucht die Kontrolle und verlangt totale Offenheit und Wahrheit. Als Katharina wirklich mit einem anderen Mann die Nacht verbringt, versinkt Hans in einer grenzenlosen Enttäuschung, für welche er Katharina hart bestrafen muss. Katharina anerkennt ihre Schuld und hofft trotz allem, dass sie wieder glücklich werden würden. Irgendwann.

Weitere Betrachtungen

„Im Angesicht dieses Mannes, der ihr bei diesem Abendessen als ungeheures Glück, als Unglück und als Frage gegenübersitzt, versteht sie: Jetzt hat das Leben begonnen, für das alles andere nur Vorbereitung gewesen ist.“

Kairos, der Gott des Augenblicks, steht Pate bei dieser Geschichte, die sich aus einem Augenblick in einem Bus entwickelt. Ob der Augenblick glücklich ist oder nicht, weiß man erst im Nachhinein.

Jenny Erpenbeck erzählt die Geschichte dieses ungleichen Liebespaars in der zu Ende gehenden DDR auf eine eigenwillige, temporeiche, eindrückliche Weise. Die beiden Lebensläufe verweben sich förmlich ineinander, indem sich Gedankenfetzen von Katharina und Hans abwechseln, damit sowohl die jeweiligen Innensichten sowie das erlebte Miteinander sichtbar machen. Entstanden ist ein Buch, das von der ersten Seite in den Bann zieht und nicht mehr loslässt. Die Figuren sind authentisch, plastisch, die Orte anschaulich und die Zeit der DDR in den späten Achtzigerjahren mit ihren politischen und sozialen Gegebenheiten fundiert als Schauplatz präsentiert.

„Kairos“ ist eine Liebesgeschichte, es ist aber auch die Geschichte einer Abhängigkeit, die Geschichte von Kontrolle, Macht und Dominanz. Es ist die Geschichte einer jungen Frau, die für die Liebe bereit ist, sich, eigene Gedanken, Pläne, Wünsche aufzugeben, um dafür glückliche Stunden erleben zu können mit dem Mann, den zu verlieren ihr das größte Unglück scheint. Es ist die Geschichte eines Mannes, der in der unschuldigen Jugend und Verehrung ein Ideal sieht, aus dem er Kraft für sich schöpft. Er gestaltet dafür die Beziehung nach seinen Vorgaben, behält die Kontrolle darüber, was passiert, und reagiert, als er die einmal verloren glaubt, auf eine äußerst unnachgiebige, gnadenlose Weise, indem er nach außen ganz klar Täterin und Opfer in der Beziehung definiert, als Opfer die Täterin ihre Schuld spüren lässt, sie aber bei Lichte betrachtet selber zum Opfer macht.

All das erzählt Erpenbeck ohne Parteinahme, ohne psychologisierende Erklärungen, rein durch den Fortlauf der Geschichte in einer schnörkellosen, eingängigen, gut lesbaren und doch nicht seichten Sprache.  

Persönliche Einschätzung
Das Buch hat mich von der ersten Seite an gepackt und nicht mehr losgelassen. Die Liebesgeschichte war mitreißend, frisch, glücklich und doch nie seicht oder kitschig. Der Umstand, dass Hans verheiratet ist, trübte das Bild ein wenig, was aber nur einem moralischen Andersempfinden, keiner Verurteilung geschuldet war. Erst kamen einige Szenen, die aufmerken ließen, Wendungen, die von einer Erziehungsabsicht des Älteren sprachen, Aussagen, die auf Kontrolle hindeuteten, wo diese – aus der Situation heraus – sicher nicht legitim war. Diese Momente häuften sich, steigerten sich, das Kräfteverhältnis in dieser ungleichen Beziehung kristallisierte sich immer deutlicher heraus. Mit Katharinas Fehltritt drehte das Bild komplett.

Hans wurde immer unsympathischer, ich hatte schlussendlich eine regelrechte Wut im Bauch beim Lesen. Gleichzeitig fragte ich mich, wie Katharina das alles einfach hinnehmen, mit sich machen lassen konnte. Und es erschütterte mich, wie es in einer Beziehung geschehen kann, dass ein Mensch regelrecht gebrochen werden kann in seinem Selbstverständnis, so stark, dass ihm fast der Lebenssinn abhanden kommt.

Fazit:
Ein mitreißendes, aufwühlendes, großartig erzähltes Buch über die Geschichte einer ungleichen Liebe und was daraus entstehen kann, wenn einer sich in einer Beziehung aufgibt. Sehr empfehlenswert.

Über die Autorin
Jenny Erpenbeck, geboren 1967 in Ost-Berlin, debütierte 1999 mit der Novelle »Geschichte vom alten Kind«. Es folgten zahlreiche Veröffentlichungen, darunter Romane, Erzählungen und Theaterstücke. Ihr Roman »Aller Tage Abend« wurde von Lesern und Kritik gleichermaßen gefeiert und vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Joseph-Breitbach-Preis und dem Independent Foreign Fiction Prize. Für »Gehen, ging, gegangen« erhielt sie u. a. den Thomas-Mann-Preis. 2017 gewann Jenny Erpenbeck den Premio Strega Europeo und wurde mit dem Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 384 Seiten
Verlag: Penguin Verlag; Originalausgabe Edition (30. August 2021)
ISBN-Nr.: 978-3328600855

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Stephanie Schuster: Milena und die Briefe der Liebe

Inhalt

„…und ich liebe Dich also, Du Begriffsstutzige, so wie das Meer einen winzigen Kieselstein auf seinem Grunde lieb hat, genauso überschwemmt Dich mein Liebhaben.“

Milena ist eine fortschrittliche, ehrgeizige und lebenslustige Frau. Nach einem abgebrochenen Medizinstudium studiert sie Musik. Als sie den Literaturkritiker Ernst Pollak kennenlernt, führt der sie in die Literatenszene Prags ein, wo sie neben Max Brod auch Franz Kafka kennenlernt.  Milenas Vater ist von der Beziehung seiner Tochter zu einem deutschsprachigen Juden wenig angetan. Von diesem verstoßen heiratet sie Pollak und geht nach Wien, wo sie wegen der Frauengeschichten ihres Mannes bald unglücklich ist. Die Ehe scheitert schließlich und in ihrer finanziellen Not schreibt Milena einen Brief an Franz Kafka mit dem Vorschlag, seine Bücher zu übersetzen. Es kommt nicht nur zu den Übersetzungen, es entsteht auch ein immer intensiver werdender Briefwechsel, der deutlich die wachsenden Gefühle der beiden aufzeigt.

Zum Buch

„Er war ein Mann des Augenblicks, das erkannte sie jetzt. Für ihn gab es kein Morgen. Also liebte sie ihn im Heute und dennoch fühlte sie sich bei jeder Berührung dem Abschied näher.“

Stephanie Schuster erzählt in diesem Buch die Geschichte einer fortschrittlichen (ein Studium war damals nicht üblich für eine Frau), mutigen Frau, die ihren Weg selbstbestimmt und mutig geht, trotz aller Widrigkeiten. Zuerst unter dem strengen Regime ihres Vaters quasi eingesperrt, schlittert sie in eine unglückliche Ehe. Als sie auf Franz Kafka trifft, glaubt sie, ihre Liebe gefunden zu haben. Franz Kafka ist kein Mann, der sich wirklich einlassen kann und will. Er ist zu sehr mit sich, seinen Befindlichkeiten und seinem Schreiben beschäftigt. Als Milena beginnt, von einer gemeinsamen Beziehung zu reden, geht er auf Distanz, beendet die Beziehung schließlich. Milena lässt sich nicht unterkriegen, sie nimmt ihr Leben einmal mehr in die Hand und schaut nach vorne.

Zwar erkennt man anhand des Buches, daß sich Stephanie Schuster durchaus in die Materie eingearbeitet hat und auch die historischen Hintergründe der von ihr erzählten Geschichte kennt, trotzdem ist es ihr nicht gelungen, ein wirklich stimmiges, plastisches Bild der Zeit und dieser Beziehung zu entwerfen. Die beiden Figuren bleiben eher blass, es fällt schwer, wirklich einen Zugang zu ihnen zu finden. Dies ist schade, da wir es mit zwei sehr spannenden Persönlichkeiten zu tun haben, welche jede für sich schon spannend war. In ihrer Unterschiedlichkeit hätten sie, plastischer gezeichnet, mehr hergegeben auch für die Beschreibung dieser Beziehung.

Die Sprache des Romans ist eher seicht und leicht, teilweise gar flapsig, was in meinen Augen zu beiden Protagonisten schlecht passt.

„Milena und die Briefe der Liebe“ wirkt insgesamt wie eine gut lesbar erzählte Liebesgeschichte, leider (dem Leben geschuldet) ohne Happy End. So gelesen, ohne zu große Erwartungen auf neue Erkenntnisse oder tiefgehende Entdeckungen, ist das Buch durchaus unterhaltsam.

Persönliche Einschätzung
Ich kam mit den Briefen Kafkas an Milena (ihre Briefe sind leider bis heute verschollen) im Zuge meines Studiums in Berührung. Besucht habe ich das Seminar mehr wegen des von mir sehr verehrten Professors als wegen der Materie, von der ich aber doch sehr angetan war. Die Analyse der Sprache, die Psychologie zwischen den Zeilen hat viel über den Schriftsteller Franz Kafka offenbart. Von Milena erfuhr man eher wenig, sie war kaum Thema damals, was wohl den fehlenden Briefen aber auch der eher auf Kafka (den Mann?) ausgerichteten Perspektive geschuldet war. Auf das Buch bezogen hätte ich gerade da, wo Milena als Protagonistin im Titel geführt wird, mehr über diese Frau erfahren wollen.

Es mag sein, dass ich mit falschen Erwartungen an das Buch herangegangen bin, es ist durchaus flüssig lesbar, die lebensgeschichtlichen Hintergründe korrekt, hier und da (was durchaus legitim ist) mit einiger Fiktion vermischt, und bietet auch ansatzweise Einblicke in die Zeit in Prag und Wien zwischen 1916 und 1920. Insgesamt bietet das Buch aber auf allen Ebenen zu wenig: Zu wenig plastische Schauplätze, zu wenig authentische Figuren, zu wenig Einblicke in die Zusammenhänge innerhalb der damaligen Zeit – und nicht zuletzt: eine nicht der Materie entsprechende Sprache.

Fazit:
Ein Buch, das grosse Erwartungen weckte, diese aber leider nicht erfüllte wegen zu wenig plastischer Figuren, zu schwachen Schauplätzen und einem zu seichten Erzählstil, welcher aber durchaus flüssig und unterhaltsam lesbar ist.

Über die Autorin
Stephanie Schuster, geboren 1967, studierte Grafikdesign und illustrierte viele Jahre die Bücher anderer Autoren, bevor sie selbst zu schreiben begann. Heute arbeitet sie als Schriftstellerin, Malerin und Illustratorin. Sie lebt mit ihrer Familie am Starnberger See in Bayern. 

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 368 Seiten
Verlag: Aufbau Taschenbuch; 1. Edition (10. November 2020)
ISBN-Nr.: 978-3746635934

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Delphine de Vigan: Das Lächeln meiner Mutter

Inhalt

„Was ist passiert, als Folge welcher Störung, welchen schleichenden Gifts? Ist der Tod eines Jungen eine hinreichende Erklärung für die Bruchlinie, die Bruchlinien? Denn die Jahre danach sind nicht zu beschreiben ohne die Begriffe Tragödie, Alkohol, Irrsinn, Suizid, die genauso zu unserem Familienwörterbuch gehören wie die Wörter Fest, Spagat und Wasserski.“

Als Lucile aus dem Leben scheidet, stellt sich ihre Tochter Delphine die Frage, wie es dazu kommen konnte. Diese Frau, die sie schon immer durch ihre Schönheit, durch ihr Talent, durch ihr Auftreten fasziniert hat, der sie aber doch nie wirklich nahe kam, weckt in Delphine eine Menge an Fragen, welchen sie in der Folge nachgehen will. Sie sammelt alles Material, das sie über ihre Familie findet, spricht mit den noch lebenden Mitgliedern und versucht so, die Geschichte der eigenen Familie aufzuarbeiten, offene Fragen zu klären, sich ein Bild zu machen davon, was wirklich passiert ist. Vor allem aber möchte sie ihre Mutter endlich kennenlernen, möchte verstehen, wieso diese so war, wie sie war.

Bedeutung

„Ich bin das Produkt dieses Mythos und habe in gewisser Weise die Aufgabe, ihn aufrechtzuerhalten und fortzusetzen, damit meine Familie weiterlebt und auch die etwas absurde, verzweifelte Phantasie, die uns eigen ist.

Delphine de Vigan erzählt die Geschichte einer Familie in den Fünfziger- und Sechzigerjahren in Frankreich, sie erzählt vom Leben damals in Gesellschaft und auch von privaten Erlebnissen. Sie geht mit ihrer Geschichte weit zurück, bis zur Ursprungsfamilie ihrer Mutter, versucht, aus dem Lauf der Geschichte Antworten zu finden für das, was passiert ist, dafür, wieso ihre Mutter war, wie sie war, wieso sie sich nicht wirklich einliess, sondern sich immer wieder allem entzog, nicht zuletzt auch ihrer eigenen Tochter. Der Weg hin zur Mutter ist auch ein Weg hin zu sich selber für Delphine, sie lernt sich und ihr eigenes Verhalten und Leben besser zu verstehen dadurch, dass sie merkt, wie sich Dinge in der Familie weitervererben.

Delphine de Vigan erzählt nicht nur die Geschichte ihrer Familie, immer wieder reflektiert sie auch die eigenen Schwierigkeiten, diese schriftlich festzuhalten. Sie schreibt von den Selbstzweifeln, davon, die richtige Art des Erzählens zu finden. Da Schreiben immer auch eine Form ist, sich selber bewusst zu werden über die Dinge, deuten diese Schreibschwierigkeiten auch auf die  Schwierigkeit hin, mit der eigenen Geschichte umzugehen, wirklich hinzuschauen. Dies fiel sicher umso schwerer, als es keine heitere Geschichte ist, sondern eine Familiengeschichte voller Tragödien und Schicksalsschläge. Krankheit und (auch selbstgewählter) Tod sind immer präsent, das Leben als Kind in so einer Familie oft verstörend. Zu gerne würde man das wohl vergessen, wegschauen – doch die Fragen sind zu drängend.

Es ist Delphine de Vigan gelungen, diese sehr düstere Geschichte voller Schicksalsschläge und Tragödien authentisch und mit Mitgefühl zu erzählen, Vorwürfe, Selbstmitleid oder Klagen über eine schwierige Kindheit sucht man vergebens. Entstanden ist ein Buch, das trotz der schweren Kost gut lesbar ist.

Persönliche Einschätzung
Ich habe anfangs gekämpft mit dem Buch, fand den Zugang erst, als Delphine de Vigan von ihren eigenen Problemen schrieb, die Geschichte zu Papier zu bringen. Vorher war es schlicht eine Familiengeschichte, von der man zwar wusste, dass es die von Delphine de Vigane selber ist, die aber doch sonderbar absorbiert im Raum stand. Erst mit dieser Passage wurde der Zusammenhang wirklich spürbar, wurde auch das Involviert-Sein der Autorin fassbar.

Ich bin grundsätzlich kein Freund von Erinnerungsbüchern, habe dieses nur gelesen, weil ich von Delphine de Vigans Buch „Dankbarkeiten“ so begeistert war. In meinen Augen kann dieses nicht mit dem anderen mithalten, „Dankbarkeiten“ hat mich mehr berührt und ergriffen – vielleicht, weil hier die Sprache viel sachlicher war als dort, was vielleicht der Nähe der Autorin zum Stoff geschuldet ist. Oft brauchen wir ja die Distanz zu den ganz nahen Dingen, um ihnen überhaupt begegnen zu können. So wirkt dieses Buch auf mich.

Fazit:
Ein authentisches, sensibles Buch über die Geschichte einer Familie, über die Geschichte einer Mutter-Tochter-Beziehung und über das Erbe, das wir aus unserer Familiengeschichte mitnehmen. Empfehlenswert.

Über die Autorin
Delphine de Vigan, geboren 1966, erreichte ihren endgültigen Durchbruch als Schriftstellerin mit dem Roman ›No & ich‹ (2007), für den sie mit dem Prix des Libraires und dem Prix Rotary International 2008 ausgezeichnet wurde. Ihr Roman ›Nach einer wahren Geschichte‹ (DuMont 2016) stand wochenlang auf der Bestsellerliste in Frankreich und erhielt 2015 den Prix Renaudot. Bei DuMont erschien außerdem 2017 ihr Debütroman ›Tage ohne Hunger‹ und 2018 der Roman ›Loyalitäten‹.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 400 Seiten
Verlag: DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG; 1. Edition (16. Juli 2021)
Übersetzung: Doris Heinemann
ISBN-Nr.: 978-3832165468

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Uwe Wittstock: Februar 33

Der Winter der Literatur

Inhalt

«Wenn der Satz, Hitlers Verbrechen seien unvorstellbar, einen Sinn hat, dann gilt er zuallererst für seine Zeitgenossen. […] Vermutlich gehört es zur Natur eines Zivilisationsbruchs, schwer vorstellbar zu sein.»

 Joseph Roth, Thomas Mann, Berthold Brecht, Heinrich Mann, Klaus und Erika Mann, Alfred Döblin, Erich Mühsam, Erwin Egon Kisch, Else Lasker-Schüler, Ricarda Huch und viele mehr sind betroffen von einem Umbruch, der in Deutschland 1933 stattfindet: Hitler soll Reichskanzler werden und damit wird sich das Leben der oben genannten ändern. Ihre Stücke können nicht mehr aufgeführt, ihre Bücher nicht mehr gedruckt werden. Sie werden verfolgt, eingesperrt, bedroht und müssen schliesslich fliehen.

«Heute muss er [Heinrich Mann] sich auf konspirativen Wegen aus dem Land schleichen. Er, einer der wichtigsten Schriftsteller des Landes, darf froh sein, wenn man ihn nicht erkennt. Zu Fuß ist er unterwegs, mit einem Köfferchen in der Hand und einem Schirm, mehr nicht.»

Uwe Wittstock arbeitet sich Tag für Tag durch einen Monat, der nicht nur Deutschland und das Leben da, sondern die ganze Welt verändern wird. Er zeichnet mit grossem Wissen und auf gut lesbare Weise einerseits die politischen Entscheide und Fakten auf, und beleuchtet, was diese für Auswirkungen auf das Leben der dargestellten Literaten hat. Viele schauen zwar besorgt, aber doch nicht hoffnungslos auf die sich verändernde politische Landschaft. Zwar erkennen sie mehrheitlich das Verhängnis einer Wahl Hitlers, glauben aber nicht, dass diese Regierung lange an der Macht sein wird, geschweige denn, dass sie zum Verhängnis für so viele Menschen werden kann. So kommt es dann bei vielen zu sehr überstürzten Abreisen aus Deutschland, weil die Gefahr oft zu spät, wenn zum Glück auch oft gerade noch rechtzeitig, erkannt wurde.

Weiterführende Betrachtungen

«Nur diesen Monat brauchte es, um einen Rechtsstaat in eine Gewaltherrschaft ohne Skrupel zu verwandeln.»

Uwe Wittstock zeichnet die Zeit vom 28. Januar bis zum 15. März 1933 nach, erläutert in kurzen Abschnitten die politischen Umbrüche und sich verändernden Umstände für die Bevölkerung anhand verschiedener Biographien von Schriftstellern. Als Leser ist man Zeuge eines Umbruchs und dem langsamen Bewusstwerden einzelner Schriftsteller, dass die Weimarer Republik zu Ende ist, jeder, der noch daran festhalten will, aufs falsche Pferd setzt – nicht nur das: Er ist in Gefahr, da nicht völkisch Denkende als Gefahr für die neue Regierung und damit (sogenannt) das Volk eliminiert werden sollen – mit Schiesserlaubnis.  

Das vorliegende Buch ist einerseits ein informatives Zeitzeugnis, andererseits auch eine Warnung, den Blick heute nicht zu verschliessen vor alarmierenden Veränderungen in der Gesellschaft. Die wachsende Spannung in und Spaltung derselben, Terrortaten und zunehmender Judenhass sind nur einige aktuelle Probleme, denen es bewusst zu begegnen gilt, die nicht ignoriert werden dürfen. Das Buch ist ein gutes Mittel, sich vor Augen zu führen, dass eine Demokratie aktiv geschützt werden muss, dass politische Fehlentscheide verheerende Folgen haben können – für den Staat, für die Gesellschaft, für den Einzelnen.

Uwe Wittstock ist es gelungen, in einem überschaubaren Rahmen geschichtliche Fakten und persönliche Schicksale aufzuzeichnen. Das Buch ist ab und an sprachlich uneinheitlich, schwankt von fast romanhaften Wendungen hin zu faktisch-sachlicher Sprache und weist andererseits einige Redundanzen auf. Dies sei nur der objektiven Sicht wegen gesagt, tut dem Wert des Buches aber keinen Abbruch.

Persönlicher Bezug
Die Zeit um das Ende der Weimarer Republik, die Machtergreifung der Nationalsozialisten und den Zweiten Weltkrieg ist seit vielen Jahren, mittlerweile Jahrzehnten eine mich faszinierende und in verschiedenen Forschungsprojekten auch beschäftigende. Als Literaturwissenschaftlerin und politische Philosophin war dieses Buch also quasi eine Pflichtlektüre, vereint es doch die Themen, die mir so lange am Herzen liegen. Sie tun dies aber nicht nur aus reinem Interesse an der Geschichte, sondern eher vor dem Hintergrund, dass ich denke, dass wir nicht vergessen dürfen, was passiert ist – gerade mit Blick auf die Situation heute.

Der Satz, dass man aus der Geschichte lernen kann, hat sich leider oft nicht bewahrheitet, weil immer wieder gleiche Fehler passieren. Dies tun sie aber umso mehr, wenn wir die Vergangenheit zu wenig bewusst vor Augen haben. Bücher wie dieses können das ändern.

Fazit
Ein grossartiges Buch über die politische Lage eines folgenreichen Umbruchs und die Geschichte einiger Schriftsteller, die davon betroffen und bedroht waren. Eine ganz grosse Leseempfehlung.

Zum Autor
Uwe Wittstock ist Literaturkritiker und Buchautor. Bis 2018 war er Redakteur des „Focus“, für den er heute als Kolumnist schreibt. Zuvor hat er als Literaturredakteur für die FAZ (1980 – 1989), als Lektor bei S. Fischer (1989 – 1999) und als stellvertretender Feuilletonchef und Kulturkorrespondent für die «Welt» (2000 – 2010) gearbeitet. Er wurde mit dem Theodor-Wolff-Preis für Journalismus ausgezeichnet.

Mehr zu Uwe Wittstock findet sich auf seiner
Homepage: uwe-wittstock.de
und in seinem Blog: http://blog.uwe-wittstock.de/

Angaben zum Buch
Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
Verlag: C.H.Beck; 2. Edition (16. September 2021)
ISBN: 978-3406776939

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Edgar Rai: Ascona

Inhalt
Anfang der 1930er-Jahre flieht Erich Maria Remarque aus Berlin in sein Haus in Ascona. Der Autor, der mit seinem Buch «Im Westen nichts Neues» grosse Erfolge feierte, fühlt sich in Deutschland nicht mehr sicher und hatte ein gutes Timing: Am Tag nach seiner Flucht wird Hitler zum Reichskanzler ernannt und wenig später landen Remarques Bücher im Feuer.

«Hier saßen sie, am Lago Maggiore, während ihr Land in einem Strudel aus Willkür und Gewalt versank. Ohnmacht war ein quälender Zustand.»

Erich Maria Remarque ist nicht der einzige in Ascona, mit ihm finden sich 1933 eine ganze Reihe in Deutschland nicht mehr gewünschter Künstler ein, unter anderem Else Lasker-Schüler, Marianne von Werefkin, Ernst Toller oder Emil Ludwig.

Er selbst würde immer ein Hineingeworfener bleiben, trotz seines Erfolgs, seiner Villa, des Autos und der Kaschmirschals. So teuer konnten die Zigarren und der Wein nicht sein, dass die Thomas Manns und Bertold Brechts dieser Welt ihn nicht dahinter erkannt hätten. Alles Staffage.

Remarque leidet an der Zeit, an Selbstzweifeln und unter seinem blockierten Schreiben, er ertränkt sein Leiden im Alkohol, treibt Raubbau mit seinem Körper, flüchtet sich in Liebschaften, die ihm dann doch wieder zu eng werden. Als auch noch seine Exfrau in Ascona auftaucht, wird alles noch komplizierter. Dann trifft er die eine Frau, in die er seine Hoffnungen setzt, obwohl sie teilweise innerlich wie äußerlich viel zu weit weg scheint. Als die Lage sich in ganz Europa zuspitzt, ist sie es, die ihn aus seinem Schweizer Exil holt.

Zum Buch
Anhand von Erich Maria Remarques Biografie wird in «Ascona» das Bild einer Zeit wieder lebendig, die wohl als die schwärzeste unserer hiesigen Welt bezeichnet werden darf. Wir treffen zusammen mit Remarque auf eine ganze Reihe namhafter Persönlichkeiten, die alle ihre Heimat verloren haben und im Exil zwischen Verzweiflung, Ohnmacht und Hoffnung schwanken, wobei jeder für sich anders damit umgeht.

Edgar Rai ist es gelungen, sowohl Remarque als auch das Leben im Exil auf anschauliche, authentische, eindrückliche Weise zu schildern, die sowohl kompetent recherchiert und doch flüssig zu lesen ist. Es ist ihm gelungen, das Zeitzeugnis als unterhaltsame, mitreißende, betroffen machende und einnehmende Weise zu erzählen. Zudem weckt das Buch den großen Wunsch, mehr über die Zeit und die in der Geschichte spielenden Figuren zu erfahren.

«Er liebte seine Künstlereinsamkeit, doch sobald er sich in sie hineingab, krochen die Dämonen aus den Ecken. Aber nur dann war er gut. Er musste in Gefahr schweben, wenn er verstehen wollte, worum es ihm bei Schreiben wirklich ging.»

«Ascona» ist aber nicht nur die Geschichte einer Zeit, es ist auch die Geschichte von Remarques Schreiben, mit allen Kämpfen, die damit zusammenhingen. Es ist die Geschichte der Entstehung seines Romans «Drei Kameraden», die Geschichte um das Ringen mit der Geschichte und mit sich selbst.

„Arbeiten, das sollte er! Das Schaffen im Exil war ja auch immer ein Akt der Selbstbehauptung.“

Persönliche Einschätzung
Das Buch hat mich von der ersten Seite an gepackt und nicht mehr losgelassen. Wollte ich es erst noch neben anderen Büchern und in kleinen Etappen lesen, musste ich alles andere bald zur Seite legen und mich nur noch diesem Buch widmen. Einerseits liegt das sicher daran, dass mich diese Zeit und alles damit Zusammenhängende interessiert und ich generell Künstlerbiographien, vor allem solche von Schriftstellern, liebe. Andererseits liegt es aber auch an der wirklich großartigen Erzählleistung von Edgar Rai.

Es finden sich in diesem Buch immer wieder wunderbare Sätze, die fast poetisch anmuten. Dabei wirken diese aber nie deplatziert, gekünstelt oder irgendwie unpassend, sondern sie machen das Buch zu einer noch größeren Freude für den Leser. Hier nur ein Beispiel:

„…der See flirrte als blaue Ahnung durch das Grün.“

Fazit
Eine sehr intensive Geschichte um einen in Depressionen und Alkohol versunkenen Schriftsteller, die das Leiden an der Zeit sowie das Kämpfen ums eigene Überleben in derselben auf plastische, sprachlich hochstehende und trotzdem lesbare Weise erzählt. Ganz große Leseempfehlung.

Zum Autor
Edgar Rai, geboren 1967 in Hessen, studierte Musikwissenschaften und Anglistik. Von 2003 bis 2008 war er Dozent für Kreatives Schreiben an der FU-Berlin. Seit 2012 ist er Mitinhaber der literarischen Buchhandlung Uslar & Rai in Berlin. Mit seinem Bestseller »Nächsten Sommer« (2010) gelang ihm der Durchbruch als Autor. Außerdem erschienen »Die fetten Jahre sind vorbei« (Roman zum Film von Hans Weingartner 2004) ), »Vaterliebe« (Roman, 2008), »Salto Rückwärts« (Roman, 2010), »88 Dinge, die Sie mit Ihrem Kind gemacht haben sollten, bevor es auszieht« (Sachbuch zus. mit Hans Rath, 2011), »Sonnenwende« (Roman, 2011), »Wenn nicht, dann jetzt« (Roman, 2012) sowie zuletzt »Die Gottespartitur« (2014) und »Halbschwergewicht« (2018). Als Autorenduo zusammen mit Hans Rath entwickelte er die Kriminalromanreihe »Bullenbrüder«, zu denen die beiden auch die Drehbücher verfasst haben. Außerdem legte Edgar Rai unter dem Pseudonym Leon Morell den Bestseller »Der sixtinische Himmel« vor. Er lebt mit seiner Frau, der Übersetzerin Amelie Thoma, und den gemeinsamen Kindern in Berlin.

Ein Interview mit dem Autor findet sich HIER

Angaben zum Buch
Gebundene Ausgabe: 256 Seiten
Herausgeber: ‎ Piper; 2. Edition (29. Juli 2021)
Übersetzung: Sabine Leopold
ISBN: 978-3492070683

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Felicity Ward: Sag mir, wer ich bin

Ihre ersten Worte waren: „Ich wusste, dass ich in Paris sterben würde. Ich wusste es schon, als ich herkam.“
„Aber sie sind nicht gestorben“, erwiderte der Arzt. „Sie sind am Leben und werden wieder ganz gesund.“

Inhalt
Mehr tot als lebendig in ein Pariser Krankenhaus eingeliefert, weiss Sally, als sie aufwacht, nichts mehr: Nicht, wer sie ist, nicht, wo sie wohnt, nicht, was ihr passiert ist. Langsam kehren die wichtigsten Erinnerungen zurück, so erinnert sie sich bald an ihren Namen, ihre Herkunft, dass sie ein Mann im Cafe angesprochen, belästigt, danach verfolgt und zu sich nach Hause gebracht hat, wo es zu den grausamen Misshandlungen gekommen ist. Andere Lücken bleiben hartnäckig: Wie sah der Mann aus, wie kam sie in sein Auto, wie ins Spital?

Sally kehrt nach Hause, nach Montreal zurück und richtet sich langsam in einem Leben ein, welches von vielen Ängsten geprägt ist: Sally kann nicht in kleinen Räumen sein, allein ins Cafe gehen, meidet Männer mehrheitlich, kann nicht allein auf die Strasse – und vieles mehr. Ihr Patenonkel Carson nimmt sich schliesslich ihr an, setzt alles daran, ihre Blockaden zu überwinden, was teilweise auch gelingt. Die beiden heiraten und man könnte Sally fast als glücklich bezeichnen – bis eine schicksalshafte Begegnung dieses Glück und Sally als Menschen ins Wanken bringt. Das kann kein gutes Ende nehmen.

Zum Buch
«Sag mir, wer ich bin» ist die Geschichte einer Frau, die durch ein Erlebnis in jungen Jahren tief traumatisiert ist und die es kaum schafft, in ein normales Leben zurückzufinden. Es ist eine Geschichte über Angst, Hass und Rache, eine Geschichte über die Prägungen im Leben und unser Ausgeliefertsein.

«Weil dies eine Geschichte ist, möchte ich sie nicht mit einem Vorwort belasten, doch irgendetwas in der Art scheint mir nötig zu sein, denn es handelt sich um einen Roman über Kanada.»

Felicity Ward hat der Geschichte ein sehr ausführliches Vorwort zur Lage Kanadas und dem schwierigen Verhältnis der französischsprachigen und englischsprachigen Bevölkerung vorangestellt, welches politisch interessierte Menschen sicher interessiert, der Geschichte aber keinen Mehrwert gibt. Zwar spielt das Thema am Rande mit, ist aber auch in der Geschichte nicht wirklich relevant.

Persönliche Einschätzung
Ein Buch, das mich sehr ambivalent zurückgelassen hat. Einerseits behandelt es ein wichtiges Thema, welches viel zu sehr als Tabu behandelt und mit Schweigen bedacht wird. Es ist wichtig, zu zeigen, dass ein Übergriff auf eine (junge) Frau nicht einfach mit dem Vorfall beendet ist, sondern seine Spuren im Leben hinterlässt und mitunter zu einem lebenslangen Leiden führen kann. Auch ist es Felicity Ward gelungen, zu zeigen, dass die Folgen oft nicht nur für die betroffene Person, sondern für deren ganzes Umfeld zu einem das Leben immer wieder prägenden Thema wird.

Auf der anderen Seite wurde ich mit der Protagonistin nicht warm. Obwohl diese in der Geschichte viele Jahre begleitet wurde, war keine Entwicklung feststellbar, sie blieb immer ein junges Mädchen in ihrem Verhalten. In einer fast schon als pubertär zu bezeichnenden Trotzigkeit brachte sich Sally so immer wieder in Situationen, mit denen sie nicht umgehen konnte, die sie in durchaus vermeidbare Schwierigkeiten brachten, in welche sie dann ihr Umfeld involvierte und gleich darauf auch wieder vor den Kopf stiess.

Dass sie auch jegliche professionelle Hilfe ausschlug, sich in ihrem Opferdasein des Lebens praktisch einrichtete, wirkte auf die Dauer wenig nachvollziehbar, selbst wenn man zugesteht, dass verschiedene Menschen unterschiedlich mit einer solchen Geschichte umgehen, das also ein Weise sein könnte.

Die schicksalshafte Begegnung und deren Folgen könnte man als spannendes Katz- und Maus-Spiel bezeichnen, was es auch wurde, allerdings kam bei mir keine Spannung, sondern nur noch mehr Unverständnis auf. Vermutlich auch aus diesem Grund zog sich das Buch für mich nur noch in die Länge.

Das Buch hat mich trotz einiger guter Ansätze und einem wichtigen Thema nicht wirklich überzeugen können, was aber ein anderer Leser durchaus anders empfinden kann.

Fazit
Die Geschichte einer misshandelten und schwer traumatisierten Frau, die versucht, sich wieder im Leben einzurichten. Ein wichtiges Thema, leider auf eine mich nicht überzeugende Weise erzählt.

Zur Autorin
Felicity Ward, geb. 1945, verbrachte die ersten zehn Jahre ihres Lebens in Montreal, wo sie noch heute Verwandtschaft hat. Sie lebte an vielen verschiedenen Orten der Welt, bevor sie sich endgültig in Frankreich niederließ. Bis heute kehrt sie in regelmäßigen Abständen in ihre Heimat Montreal zurück. Sie war zweimal verheiratet und hat Kinder aus beiden Ehen.

Angaben zum Buch
Gebundene Ausgabe: 328 Seiten
Herausgeber: Europa Verlag; 1. Edition (29. Juli 2021)
Übersetzung: Sabine Leopold
ISBN: 978-3958904057

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Michael Maar: Die Schlange im Wolfspelz

„Was ist guter Stil? Und was hat guter Stil mit grosser Literatur zu tun? Alles, oder fast alles.

Inhalt
Michal Maar geht in diesem Buch auf die ihm eigene Art wieder einmal ins Detail. Schon im Klappentext steht, dass in diesem Buch vierzig Lesejahre verarbeitet worden sind, was sich dann auch so zeigt: Eine Fülle an Literaturverweisen pflastern den Weg hin zur Antwort auf die Frage, was denn nun grosse Literatur ausmache, was man unter gutem Stil verstehe und wieso dieser relevant ist, um aus Geschichten gute Literatur zu machen. Dabei achtet er – dafür ist er schon aus seinen früheren Werken bekannt – auf die kleinen Details der Sprache und der Geschichte, zeigt auf, wieso das Eine funktioniert, anderes nicht. Er beleuchtet Essays, Gedichte, Romane, Erzählungen und Novellen, hinterfragt den gängigen Kanon und setzt ihm seine persönliche Meinung entgegen. Dabei begründet er seine eigenen Urteile sorgfältig, so dass der Leser diese gut nachvollziehen und sich auf dieser Basis auch eine eigene Meinung bilden kann.

Klar ist: Es ist einfacher, schlechten Stil zu definieren als guten, und DEN einen guten Stil gibt es nicht. Eine generelle Regel lässt sich nicht finden, der passende Stil hängt immer vom Inhalt, vom Autor und von der literarischen Form ab.

Michael Maar verweist auf viele Bücher, der Vielleser wird sicherlich einige davon kennen, aber es bleibt sicher nicht aus, dass er neue entdeckt bei der Fülle, die präsentiert wird. Maar gelingt es dabei, den spontanen Kaufwunsch seiner gelobten Bücher auszulösen, indem er durch seine Präsentation die Lust am Lesen des ganzen Werks auszulösen vermag.

Persönliche Einschätzung
Ich liebe Bücher über Literatur, ab und an denke ich, ich liebe die Bücher über Bücher fast mehr als die Bücher selber, da ich es immer wieder spannend finde, was andere Menschen in Büchern entdecken, worauf sie achten, was sie finden und wie sie es dann übermitteln. Ein neues solches Buch ist Michael Maars „Die Schlange im Wolfspelz“. Es wurde verdient für den Deutschen Sachbuchpreis 2021 nominiert und hat ihn unverdient nicht gewonnen (wobei der Sieger, Jürgen Kaube mit „Hegels Welt“ durchaus verdient gewonnen hat).

Was mir natürlich persönlich gefällt, ist, dass Michael Maar meine Sicht teilt, dass man Bücher nie von ihrem Autor und dessen Biographie trennen kann. Zu der Zeit, in welcher ich studierte, kam die Tendenz auf, gerade dies zu tun und ich habe es nie verstanden. Zwar denke ich durchaus, dass ein Text auch etwas über das bewusst hineingefügte enthalten kann, dass ihm erst der Leser mit seiner Biographie und daraus resultierenden Lesart zufügt, und doch ist in meinen Augen – um es mit Goethe zu sagen – alles Schreiben autobiographisch. Das heisst nicht, dass jeder Roman eine Wiedergabe der Lebenseckdaten des Autors ist, aber er entsteht schlicht aus einem Menschen heraus und trägt diesen dann auch in sich.

Etwas bitter ist natürlich, dass der Lyrik nur ein Kürzestausflug gewidmet ist, aber auch dieser zeugt, wie der Rest des Buches, von viel Wissen, Belesenheit und Tiefgang. Es sei also verziehen. Es ist eine wahre Freude, mit Michael Maar auf der Suche nach dem guten Stil durch die Literatur zu streifen. Ich kann das Buch nur empfehlen!

Fazit:
Ein gut lesbares und fundiert geschriebenes Buch darüber, was gute Literatur ausmacht und was der Stil dazu beiträgt. Sehr empfehlenswert!

Zum Autor
Michael Maar, geboren 1960, ist Germanist, Schriftsteller und Literaturkritiker. Bekannt wurde er durch „Geister und Kunst. Neuigkeiten aus dem Zauberberg“ (1995), für das er den Johann-Heinrich-Merck-Preis erhielt. 2002 wurde er in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung aufgenommen, 2008 in die Bayerische Akademie der Schönen Künste, 2010 bekam er den Heinrich-Mann-Preis verliehen. Zuletzt sind von ihm erschienen: „Heute bedeckt und kühl. Große Tagebücher von Samuel Pepys bis Virginia Woolf“ (2013) und „Tamburinis Buckel. Meister von heute“ (2014). Er hat zwei Kinder und lebt in Berlin. 

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 656
Verlag: Rowohlt Buchverlag; 8. Edition (13. Oktober 2020)
ISBN: 978-3498001407

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Rezension: Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit

„Ich stosse ins Innere vor und sehe ein Bild klar vor mir: wie unser Leben beim Tod unserer Eltern an einer Weiche ankommt, falsch abbiegt und wir seitdem ein anderes, falsches Leben führen. Ein nicht korrigierbarer Fehler im System.“

Als die Eltern von Jules und seinen Geschwistern sterben, kommen die drei getrennt in ein Heim. Die vorher so enge Beziehung wird lockerer, sie werden sich fremder. Und doch ist da ein Band, das sie immer zusammenhält – vor allem auch in schwierigen Zeiten. Das Leben nimmt für jeden von Ihnen seinen Lauf, führt sie auf Wege, die unterschiedlicher nicht sein könnten und die wohl doch alle dem frühen Verlust der Eltern geschuldet sind.

Benedict Wells schafft es, von der ersten Seite an eine Spannung aufzubauen, die er durch die Geschichte hindurch aufrecht erhalten kann. Immer wieder steht etwas im Raum, das erst noch geschehen wird, von dem man als Leser aber noch nicht weiss, was es ist. «Vom Ende der Einsamkeit» lebt von wirklich authentischen, fassbaren Charakteren, von den Beziehungen dazwischen und von einer eingängigen Sprache, die durch die Geschichte führt.

Mein persönlicher Leseeindruck:
Jules hat mich in seinen Bann gezogen, ich ging mit ihm durch sein Leben, dachte mit ihm seine Gedanken, habe das Gefühl, ihn so verinnerlicht zu haben, dass ich mittlebte. Es war ein wirkliches Eintauchen in eine Geschichte über die Vergangenheit und ihre Spuren in der Gegenwart, die Geschichte von drei Geschwistern, welche schon jung ihre Eltern verloren haben, und die von dem Moment an mit den Folgen dieses Verlusts umgehen musste. Es war die Geschichte von drei Menschen, die versuchten, diese Vergangenheit loszuwerden, ihr zu trotzen, um dann nur noch tiefer davon geprägt zu sein. Das alles passierte wohl anfangs im Unterbewussten, schwelte da, brach langsam und immer schneller was ihr Leben in Bahnen lenkte, aus denen auszubrechen schwer scheint. Was anfangs noch im Unterbewussten schwelte, brach dann mit grosser Wucht aus. Und es forderte den bewussten Umgang damit. Als Leser war ich immer mittendrin.

„Vom Ende der Einsamkeit“ ist ein Buch über die Liebe, über Vertrauen, über die Erinnerung und den Umgang damit. Es ist ein Buch über den Zusammenhalt, den Wert der Familie und Prägungen, die die Vergangenheit in uns hinterlässt. Es ist ein zutiefst menschliches Buch, ein tiefgründiges Buch, ohne schwermütig zu sein oder machen, kein Buch der lauten Töne, sondern der feinen Nuancen.

Fazit
Eine erzählerische Meisterleistung, welche einen von der ersten Seite in den Bann zieht und nicht mehr loslässt. Absolute Leseempfehlung!

Zum Autor
Benedict Wells wurde 1984 in München geboren, zog nach dem Abitur nach Berlin und entschied sich gegen ein Studium, um zu schreiben. Seinen Lebensunterhalt bestritt er mit diversen Nebenjobs. Sein vierter Roman, ›Vom Ende der Einsamkeit‹, stand mehr als anderthalb Jahre auf der Bestsellerliste, er wurde u.a. mit dem European Union Prize for Literature (EUPL) 2016 ausgezeichnet und bislang in 37 Sprachen veröffentlicht. Nach Jahren in Barcelona lebt Benedict Wells in Zürich.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Diogenes; 13. Edition (26. September 2018)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 368 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3257244441

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Claude Anet: Ariane: Liebe am Nachmittag

Ariane ist eine junge, intelligente Frau, der die Männer zu Füssen liegen, was sie für sich zu nutzen weiss. Als sie auf Konstantin trifft, verabreden die beiden, dass dies eine Beziehung auf Zeit werden solle, zumal Konstantin schon verlobt ist. Von Liebe soll nicht die Rede sein, blosser Spass und eine gute Zeit sind das Ziel. Doch meistens kommt es anders als man denkt, Gefühle lassen sich selten mit Regeln beschränken. 

Der Roman spielt in Russland, erinnert vom Ton her an die Romane Tolstois. Es ist flüssig geschrieben, die Protagonistin ist stimmig und authentisch gezeichnet, die restlichen Figuren bleiben eher blass und im Hintergrund, sind quasi nur Staffage für den Auftritt der wichtigen Heldin. Das tut dem Buch aber keinen Abbruch, im Gegenteil, es widerspiegelt ganz das Naturell der Protagonistin, welche sich oft selber genauso zu sehen scheint: Als Mittelpunkt, um den sich die anderen quasi wie Personal scharen.

So unsympathisch das klingen mag, doch es ist nicht alles, nicht das gesamte Bild. Manchmal scheint es, dass hinter dieser ach so coolen Fassade eine sensible Seele steckt, dass diese aber geschützt werden soll. Zudem will Ariane für Ihre Ziele und Ideale kämpfen, sie will ihr Leben in die Hand nehmen und erreichen, was sie sich in den Kopf gesetzt hat. Das zeigt sich auch im Studium an, das sie gegen alle Widrigkeiten und in den Weg gelegte Steine durchsetzt und durchzieht. Dafür ist sie auch bereit, die sich ihr bietenden Möglichkeiten zu nutzen, auf Menschen (mehrheitlich Männer) zurückzugreifen, die ihr dabei helfen können.

«Ariane: Liebe am Nachmittag» ist unterhaltsam und flüssig geschrieben und ebenso zu lesen, die perfekte Sommerlektüre für die, welche keine schwere Kost und doch keinen zu seichten Roman mögen.

Fazit:
Eine stimmig erzählte Geschichte mit einer authentischen Protagonistin, flüssig zu lesen und alles in allem sehr zu empfehlen.

Zum Autor:
CLAUDE ANET, eigentlich Jean Schopfer, geboren 1868 in Morges (Schweiz). Er studierte an der Sorbonne und an der École du Louvre und arbeitete als Reporter u. a. für Le Temps und Le Petit Parisien. 1892 wurde er französischer Tennismeister. Als Korrespondent des Journal wurde er 1917 Augenzeuge der Russischen Revolution in Sankt Petersburg. Neben Reiseliteratur und Theaterstücken veröffentlichte Anet mehrere Romane, darunter Ariane, jeune fille russe (1920), der für den Prix Goncourt nominiert und u. a. von Billy Wilder mit Audrey Hepburn verfilmt wurde. Claude Anet starb 1931 in Paris.

KRISTIAN WACHINGER, geboren 1956, gelernter Buchhändler, studierte Germanistik und Romanistik in München, Nantes und Hamburg und arbeitete drei Jahrzehnte als Verlagslektor. Er übersetzte Werke u. a. von Giacomo Casanova, Prosper Mérimée, Georges Simenon und Laurent Binet.

Angaben zum Buch:

  • Herausgeber ‏ : ‎ Dörlemann; 1. Edition (27. Januar 2021)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 272 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3038200789
  • Originaltitel ‏ : ‎ Ariane
  • Übersetzung: Kristian Wachinger

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Ein Monat in Büchern – Juni 21

Wieder ist ein Monat vorbei, es war ein Monat, in dem ich mich mehrheitlich mit Lyrik beschäftigt habe, und doch ging auch das eine oder andere Buch sonst durch meine Hände. Eine Auswahl findet ihr hier. Die aufgeführten Bücher sind solche, die mich diesen Monat interessiert haben, die ich teilweise aktuell gelesen habe, mich sonst an sie erinnert habe aus Gründen oder aber solche, die ich zwar angelesen, aus unterschiedlichen Gründen aber (noch) nicht beendet habe.

Björn Kern: Solikante Solo

«Der ist doch total verrückt geworden, das war immer ein beliebter Ausspruch gewesen in ihrer Ehe, wenn sie einmal auf jemanden trafen, der nicht nur nachplapperte, was in den Zeitungen oder im Internet stand. Der ist total verrückt geworden, das galt in ihrer Ehe immer als Kompliment. Was aber, wenn Jann nun wirklich verrückt geworden war?»

Zwei Menschen werden ein Paar, kriegen ein Kind und plötzlich merken sie, dass alles schwierig wird: Die Wohnung wird eng, das Leben überfordert, Gegensätze zeigen sich mehr und mehr, Gemeinsamkeiten schwinden. Ist das das Ende der Beziehung? Bricht hier alles auseinander? Doch da ist die kleine Tochter, die verbindet. Und noch mehr… Ein Buch über die innere Zerrissenheit zweier Menschen, über die Schwierigkeiten, gemeinsam Unterschiede auszuhalten und damit umzugehen, den Wunsch nach Liebe und Zusammengehörigkeit.

  • Herausgeber : FISCHER Taschenbuch; 1. Edition (10. März 2021)
  • Sprache : Deutsch
  • Broschiert : 336 Seiten
  • ISBN-13 : 978-3596700899
  • Preis: EUR 15.32 / CHF 24.90

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Mareike Krügel: Schwester

Als Lone nach einem Unfall im Koma liegt, übernimmt ihre Stiefschwester Julia einige ihrer Aufgaben als Hebamme. Als Bankerin und Frau eines Pastors steht sie plötzlich vor Herausforderungen, die so ganz anders sind als sie sich das Leben gewohnt ist. Julia beginnt, sich und ihr Leben zu hinterfragen, stellt vieles in Frage, und sucht für sich Antworten darauf, wie es weiter gehen soll und kann. Was erwartet sie noch vom Leben? Wonach sehnt sie sich wirklich? Stimmen die gelebten Rollenbilder noch oder ist es Zeit für neue?

  • Herausgeber : Piper; 2. Edition (15. März 2021)
  • Sprache : Deutsch
  • Gebundene Ausgabe : 336 Seiten
  • ISBN-13 : 978-3492058568
  • Preis: EUR 21.07 / CHF 29.90

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Barney Norris: Die Jahre ohne uns

«Dies ist nicht mein wahres Leben und ich glaube auch nicht, dass es das je sein wird. Wahrscheinlich wird es Zeit für mich zu akzeptieren, dass mein wahres Leben niemals stattfinden wird. Es hätte längst beginnen müssen, um auch nur den Hauch einer Chance zu haben länger als einen Augenblick zu bestehen, sich zu irgendetwas zu entwickeln. Stattdessen sollte ich mich einfach mit dem zufriedengeben, was ich habe.»

Zwei Menschen um die 70 treffen sich an einer Hotelbar und erzählen aus ihrem Leben, ziehen Bilanz. Die Frau erzählt von ihren Plänen, Träumen, von ihrem Scheitern, von Neuanfägen, der Mann erzählt vom grössten Irrtum seines Lebens, bedauert, zeigt, wie all das sein Leben beinflusst hat. Am Ende sitzen sie da und es steht die Frage: Wie gehen beide nun damit um? Wie geht es weiter? Eine sehr ungewöhnlich erzählte Geschichte mit einem äusserst überraschenden Ende.

  • Herausgeber : DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG; 1. Edition (12. Februar 2021)
  • Sprache : Deutsch
  • Gebundene Ausgabe : 272 Seiten
  • ISBN-13 : 978-3832181130
  • Originaltitel : The Vanishing Hours
  • Preis: EUR 21.07 / CHF 33.90

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Roland Buti: Das Leben ist ein wilder Garten

«Ich hatte mir nie die Frage gestellt, ob Mama eigentlich ein glückliches Leben hatte.
Und sie hatte sich durch die Seitentür hinausgeschlichen.»

Als ob das Leben nicht schon kompliziert genug wäre nachdem seine Frau ihn verlassen hat und die Tochter ins Ausland zum Studieren gezogen ist, verschwindet plötzlich auch noch Carlos Mutter spurlos. Carlo, von Beruf Gärtner, zieht mit seinem Angestellten und Freund Agon, der vor kurzem grundlos zusammengeschlagen bei ihm aufgetaucht war, los, um sie zu suchen. Sie finden sie schliesslich im Grand National, einem Hotel der gehobenen Klasse, welches in der Erinnerung der alten Dame eine wichtige Rolle spielt.

Ein Buch über den Trost der Natur, über Menschen, über die Vergangenheit und ihre Spuren in der Gegenwart.

  • Herausgeber : Paul Zsolnay Verlag; 4. Edition (17. August 2020)
  • Sprache : Deutsch
  • Gebundene Ausgabe : 176 Seiten
  • ISBN-10 : 3552059997
  • ISBN-13 : 978-3552059993
  • Originaltitel : Grand National
  • Preis: EUR 20 / CHF 29.90

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Andreas Vollenweider: Im Spiegel der Venus

««Und das alles macht die Musik?», fragte der Junge ungläubig. «Weisst du, es gibt für alle Dinge auf dieser Welt einen grossen Plan der Natur, einen Urplan. Er sieht vor, dass alles, was lebt, gesund, stark und fruchtbar sein soll. Krankheiten und Unglück sind Störungen dieses Plans, sie kommen vor, und manchmal sind sie sogar so stark, dass sie den Plan ganz unter sich begraben, er geht vergessen…»»

Armando Hector Ruiz gilt ab dem neunten Lebensjahr als Wunderkind auf dem Chello, welchem er berührende Melodien entlocken kann. Als seine Musik auch noch heilende Wirkung auf Kranke zeigt, wird er zum Messias. Armando reicht dieser Erfolg irgendwann nicht mehr, Fragen nach den Gründen stellen sich ihm und er sucht an allen möglichen Orten nach Antwort und findet schliesslich einige Erkenntnisse sowohl in den Naturwissenschaften als auch in den alten Philosophien des Buddhismus und der Veden.

Ein Buch über Musik, über das Erwachsenwerden, die nicht fassbaren Dinge zwischen Himmel und Erde.

  • Herausgeber : Midas Collection; 2. Edition (5. Oktober 2020)
  • Sprache : Deutsch
  • Broschiert : 416 Seiten
  • ISBN-13 : 978-3038761792
  • Preis: EUR 25 / CHF 36.90

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Françoise Dorner: Die letzte Liebe des Monsieur Armand

«Noch einmal dachte ich über unsere Begegnung nach. Zwei Einsamkeiten, die zueinander finden, deren eine die Spielregeln kennt, Intelligenz und Bildung über alles stellt, Herz und Güre der moralischen Pflicht opfert, während die andere, instinktiv und empfindsam, spontan Liebe und Aufmerksamkeit zu schenken weiss, ohne dass Missverständnisse aufkommen. «

Armand, ein pensionierter Philosophiedozent, fährt im Bus nach Hause, als der mit plötzlichem Ruck hält und Armand fast hinfällt. Ein junge Frau hilft ihm und begleitet ihn nach Hause. Obwohl die beiden 50 Jahre trennen, ihre Leben und Lebenseinstellungen nicht unterschiedlicher sein könnten, verbindet sie etwas: Sie sind beide einsam, ohne Familie, ohne Sinn und Ziel im Leben. Für beide soll diese Begegnung eine Befreiung werden, ein Tor zu Einsichten über das eigene Leben und die eigenen Versäumnisse, und zum Öffner zu mehr Lebensfreude – ein Start in eine neue Lebensetappe.

Ein Buch über die Liebe, über das Glück, ein wunderbares Buch, das uneingeschränkt zu empfehlen ist. HIER findet ihr die ganze Rezension.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber : Diogenes; 6. Edition (25. November 2008)
  • Sprache : Deutsch
  • Taschenbuch : 144 Seiten
  • ISBN-13 : 978-3257239034
  • Originaltitel : La douceur assassine
  • Übersetzung Christel Gersch

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Françoise Dorner: Die letzte Liebe des Monsieur Armand

«Noch einmal dachte ich über unsere Begegnung nach. Zwei Einsamkeiten, die zueinander finden, deren eine die Spielregeln kennt, Intelligenz und Bildung über alles stellt, Herz und Güre der moralischen Pflicht opfert, während die andere, instinktiv und empfindsam, spontan Liebe und Aufmerksamkeit zu schenken weiss, ohne dass Missverständnisse aufkommen. «

Armand, ein pensionierter Philosophiedozent, fährt im Bus nach Hause, als der mit plötzlichem Ruck hält und Armand fast hinfällt. Ein junge Frau hilft ihm und begleitet ihn nach Hause. Obwohl die beiden 50 Jahre trennen, ihre Leben und Lebenseinstellungen nicht unterschiedlicher sein könnten, verbindet sie etwas: Sie sind beide einsam, ohne Familie, ohne Sinn und Ziel im Leben. Für beide soll diese Begegnung eine Befreiung werden, ein Tor zu Einsichten über das eigene Leben und die eigenen Versäumnisse, und zum Öffner zu mehr Lebensfreude – ein Start in eine neue Lebensetappe.

Ein kurzes Buch mit viel Tiefe, mit grossen Themen, mit einer berührenden Wärme und Menschlichkeit. Die Geschichte zweier Menschen, die so unterschiedlich sie auch sind, einander ans Herz wachsen und den Weg gemeinsam gehen auf der Suche nach Verbindung, auf der Suche nach dem, was beiden im Leben so sehr fehlt: Liebe und Familie.

Auf wenigen Seiten entwickelt Françoise Dorner eine zutiefst menschliche Welt, es gelingt ihr, die beiden Charaktere stimmig, authentisch und mit Tiefe zu gestalten. Obwohl es um viele eigentlich schwierige Themen geht wie Tod, Einsamkeit, den Verlust der Familie, das Alter und die Suche nach dem Sinn, wird das Buch nie schwer, nie psychologisierend.

«Die heitere Kraft derer, die begriffen haben, dass selbsterobertes Glück die einzige gültige Antwort auf das anfängliche Unglück ist.»

«Die letzte Liebe des Monsieur Armand» ist eine Geschichte darüber, worauf es im Leben ankommt, es ist eine Geschichte über die Liebe, das Leben, das Glück und darüber, wie es zu finden ist. Eine Geschichte, die zeigt, dass nur, wer sich frei macht von den Erwartungen anderer und sich traut, das eigene Leben in die Hand zu nehmen, das Leben gewinnt.

Fazit:
Die Geschichte zweier Menschen, die trotz vieler Gegensätze zueinander finden. Ein Buch über die Liebe, über das Glück, ein wunderbares Buch, das uneingeschränkt zu empfehlen ist.

Über die Autorin
Françoise Dorner, geboren 1949 in Paris, ist Schauspielerin gewesen und hat fürs Theater geschrieben. Sie hat nicht nur in ›Flic Story‹ mitgespielt an der Seite von Alain Delon und Jean-Louis Trintignant, sondern auch in ›Maigret und der Weihnachtsmann‹. Als Drehbuchautorin hat sie ›Eine Frau nach Maß‹ und ›Die Sekretärin des Weihnachtsmanns‹ (mit Marianne Sägebrecht) verfasst. Sie erhielt den Theaterpreis der Académie française und 2004 den Goncourt du Premier Roman für ihren von der Kritik in Frankreich wie in den USA gelobten Erstling ›La fille du rang derrière‹, der jetzt auch auf Deutsch vorliegt. Heute widmet sie sich ganz dem Schreiben und lebt in Paris.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber : Diogenes; 6. Edition (25. November 2008)
  • Sprache : Deutsch
  • Taschenbuch : 144 Seiten
  • ISBN-13 : 978-3257239034
  • Originaltitel : La douceur assassine
  • Übersetzung Christel Gersch

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Bücher 21- Mai

Die letzten Monate stand an dieser Stelle ein Überblick über alle gelesenen (und abgebrochenen) Bücher des Monats. Ich habe auch diesen Monat damit begonnen, diesen zu schreiben, kam über die Tage und Wochen doch auf 12 gelesene Bücher und drei abgebrochene – dann hörte ich auf, weiterzuschreiben. Im Laufe dieses Monats hat sich meine Leseverhalten stark verändert, da zunehmend neue Projekte dazukamen, die viel Fach- und spezifische Literatur erfordern. Die Zeit für vollständige Rezensionen und viele Bücher nebenher fehlt dadurch leider und das effektiv gelesene ist wohl wenig spannend für andere.

Nun möchte ich diese Bücherrückblicke doch nicht ganz streichen und habe mir überlegt, wie ich das machen könnte. Hier die Lösung:

Ich werde weiter ein paar Bücher vorstellen, die ich gelesen habe, diese auch kurz beschreiben und die bibliographischen Angaben hinterlassen, so dass sie für Interessierte schnell auffindbar sind. Dieser kleine Rückblick wird grossenteils ausführliche Rezensionen ersetzen. Zudem möchte ich fortan ab und zu Bücherempfehlungen reinstellen von Büchern, die mir aus irgendwelchen Gründen in die Hände oder in den Sinn kamen. Und ab und an gibt es sicher auch mal wieder eine Rezension.

Ich hoffe, das wird ein für mich und euch schöner Weg sein, denn ganz ohne Bücher und Gespräche über Bücher soll und kann es hier nicht weitergehen für mich. Der heutige Rückblick ist noch ziemlich ähnlich wie die letzten, es fehlen einfach die zu spezifischen Bücher drauf.

Gelesene Bücher

  • Ingeborg Bachmann: Undine geht (Erzählung)
    Undine sinniert über die Welt, welche eine Welt von Ungeheuern ist, eine Welt von Männern namens Hans, die die Welt und auch sie beherrschen. Doch einige sind anders, einen Hans liebt sie sogar. Und doch wird sie nicht glücklich mit dieser Liebe.
  • Doris Dörrie: Die Welt auf dem Teller
    In ihrem Buch „Die Welt auf dem Teller“ nimmt uns Doris Dörrie mit auf eine Reise durch die Welt des Essens. Wir haben auf unserem Leseteller ein Arrangement von kurzweiligen Lesehäppchen für den kleinen Lesehunger zwischendurch.
  • Irmgard Keun: Nach Mitternacht
  • Hannah Arendt: Die Freiheit, frei zu sein
    Ein wunderbares kleines Buch. Was sie hier im politischen Raum aufzeichnet, lässt sich auch gut auf das Miteinander im engen Rahmen runterbrechen. Was also ist Freiheit für Hannah Arendt?

„Diese öffentliche Freiheit ist eine handfeste lebensweltliche Realität, geschaffen, von Menschen, um in der Öffentlichkeit gemeinsam Freude zu haben – um von anderen gesehen, gehört, erkannt und erinnert zu werden. Und diese Art von Freiheit erfordert Gleichheit, sie ist nur unter seinesgleichen möglich.“

«Er war meine grosse Liebe» – Das sagte Ingeborg Bachmann über Paul Celan. Und doch war die Liebe nicht lebbar auf Dauer, kam es immer wieder zu Brüchen und auch Abbrüchen. Helmut Böttiger beleuchtet die Geschichte der beiden Königskinder, die nicht zueinander finden konnten, er zeigt auf die gegenseitigen Verweise in Leben und Werk und verortet die Beziehung im Lebensumfeld der beiden Literaten.

  • Ina Hartwig: Wer war Ingeborg Bachmann? Eine Biografie in Bruchstücken
    Wer war Ingeborg Bachmann? Dieser Frage geht Ina Hartwig nach und zeigt das Leben dieser faszinierenden Frau in kleinen Puzzlestücken, die sich irgendwie zu keinem ganzen Bild zusammenfügen, aber trotzdem tief blicken lassen. Wir werden mit einer Frau voller Geheimnisse konfrontiert, einer Frau, die verschiedene Seiten in sich trug und diese je nach Bedarf ans Licht holte. Und bei all dem bleibt das Gefühl zurück, dass tief drin ganz viel dunkel war und auch im Dunkeln bleiben sollte. Bachmann war eine Meisterin des Vertuschens, des Versteckens, des Geheimhaltens. 
  • Peter von Matt: Liebesverrat
    Wo gelebt wird, wird geliebt und oft auch verraten. Peter von Matt streift auf die ihm eigene, kompetente, humorvolle und scharfsichtige Art durch die Bücher von Antike bis heute und Erzählt von den Liebenden und den Gehörnten, von den Verrätern und den Enttäuschten.
  • Stephen Fry Feigen, die fusseln. Entfessle den Dichter in dir
    Stephen Fry ist hier ein sehr unterhaltsames Buch gelungen, das einerseits fundiert in die Theorie der Gedichtanalyse einleitet, andererseits dazu auffordert, selber zu Papier und Stift zu greifen und das Gelernte umzusetzen.
  • Hilde Domin: Dichterin des Dennoch
    Das Porträt einer Dichterin, die im Leben viel erlebt hat und in der grössten Not das Schreiben angefangen hat. Ilka Scheidgen beleuchtet das Leben und Schaffen der unermüdlich für die Lyrik einstehenden Hilde Domin auf eine persönliche Weise. Ab und an wird die Geschichte etwas verklärt, aber das tut dem Buch keinen Abbruch, zumal nicht ersichtlich ist, ob das nicht sogar Hilde Domins Wunsch gewesen ist.

Abgebrochene Bücher

  • Ingrid Noll: Kein Feuer kann brennen so heiss
    Die Geschichte handelt von der nicht wirklich attraktiven, aber doch sehr patenten Altenpflegerin Lorina, welche bei einer alten Dame ihre Dienste verrichtet. Mit im Spiel sind auch noch ein am Erbe interessierter Grossneffe der Arbeitgeberin, ein Techtelmechteln gegenüber nicht abgeneigter Masseur und ein kleiner Pudel. Es wird sicher wieder ein paar beiläufige Todesfälle geben, wie das bei Ingrid Noll so üblich ist, allerdings zieht sich das Buch unglaublich in die Länge mit ganz viel Anfangsgeplauder. Irgendwann ging mir der Leseatem aus…
  • Kent Haruf: Kostbare Tage
    Nachdem ich Unsere Seelen bei Nacht sehr liebte, freute ich mich sehr auf das Buch, doch es hat mich nicht gepackt. Der Anfang versprach noch eine menschlich warme Geschichte, doch dann wurde es zu einer Aneinanderreihung einzelner Episoden, bei der es mir nicht möglich war, in die Geschichte hineinzufinden.
  • Max Küng: Fremde Freunde
    Drei Paare, die sich nur von den Elternabenden ihrer Kinder kennen, verbringen gemeinsame Ferien in einem Haus in Frankreich. Der Roman fängt locker, flockig an mit vielen geplauderten Oberflächlichkeiten, die Sprache ist leicht und flapsig, die Sprüche teilweise ebenso. Und: Es passiert nichts, was man als Handlung bezeichnen könnte. Mir fehlte der Atem, bis zu den versprochenen tieferen Stellen vorzudringen, zumal willkürlich aufgeschlagene Textpassagen den Eingangston weiterführten.

Bücher 21- April

Gelesene Bücher

  1. Ingeborg Bachmann: Der gute Gott von Manhatten
    Jennifer und Jan treffen sich zufällig am Bahnhof, aus einer als Affäre gedachten Nacht wird Liebe, was dem guten Gott von Manhattan nicht gefällt, da diese mit der bürgerlichen Ordnung nicht vereinbar ist. Vor Gericht muss er sich für den Mord an Jennifer verantworten.
  2. Thommy Bayer: Das Glück meiner Mutter
    Der Drehbuchautor Philip Dorn, ein alleinstehender Mann in den mittleren Jahren, der sich nach dem Scheitern seiner letzten Beziehung in seinem Leben allein eingerichtet hat, beschliesst, sich sein Traumauto, einen Mini, zu kaufen und damit in die Toskana zu fahren. Beim Dahingleiten auf den Strassen, erinnert er sich an seine Kindheit, an seine Beziehung zu seinen Eltern, vor allem die zu seiner Mutter, und an seine gescheiterte Beziehung zu Bettina. Ein Buch mit leisen Tönen, das berührt und bewegt.
  3. Klara Jahn: Die Farbe des Nordwinds
    Klara Jahn erzählt zwei Lebensgeschichten in zwei unterschiedlichen Zeiten, einerseits die von Ellen, welche nach vielen Jahren auf die Halligen zurückkehrt und da ihre Heimat sucht, andererseits die von Arjen, einem Waisen, der nach einer Ausbildung ausserhalb ebenfalls zurückkehrt auf die Halligen, um die Kinder dort zu unterrichten. Mehr als das aber erzählt sie die Geschichte der Halligen, beschreibt die Natur und die Landschaft mit all ihren Eigenheiten, Schönheiten, mit den Menschen, die da leben und welche durch die Natur geprägt sind. Neben diesem wunderschön beschriebenen Landschaftsbild bleiben die Figuren des Romans eher blass, sind schwer fassbar. Zwar widerspiegelt das durchaus ihr Naturell, doch bleibt man als Leser dadurch immer aussen vor, fällt es nicht leicht, wirklich in die Geschichten einzutauchen.
  4. Dr. Mirriam Priess: Die Kraft des Dialogs
    Mirriam Prieß erläutert auf fundierte und gut lesbare Weise das Dialogprinzip, welches sie als grundlegend für ein erfülltes Beziehungsleben und damit für ein gelingendes Leben erachtet. Sie gibt dem Leser immer wieder Übungen an die Hand, mit denen dieser prüfen kann, wo er im Moment steht und wie er an einzelnen Punkten arbeiten kann. Zusätzlich führt Mirriam Prieß Beispiele aus der Praxis an, um an konkreten Fällen zu demonstrieren, wie sich eine fehlende Dialogstruktur auswirken kann und womit Verbesserungen herbeigeführt werden können.
  5. Marietheres Wagner: Epikurs Bibliothek
    Marie Theres Wagner stellt anhand von Büchern aus verschiedenen Genres Epikurs Philosophie vor.
  6. Ingeborg Bachmann: Malina
    Eine Liebesgeschichte, ein Roman um Themen wie Tod, Angst, Mord, ein Gesellschaftsroman, eine Zeitkritik, eine Sozialkritik, eine Suche nach der richtigen Sprache – und vieles mehr. Das ist Malina, die Geschichte einer Frau zwischen zwei Männern, einer Frau, auf der Suche nach Leben, ihrem Leben, eine Frau, die lieben will und durch die Traumata der Vergangenheit zu unsicher ist, sich wirklich einlassen zu können – ohne sich selber zu vergessen.
  7. Ingeborg Bachmann: Wir müssen wahre Sätze finden. Gespräche und Interviews
    Obwohl Ingeborg Bachmann Interviews, generell Fragen zu ihrer Person als eher unangenehm empfand, existieren mehr als 50 davon. Dieser Band enthält dreissig davon in chronologischer Reihenfolge. Man erfährt einiges über Bachmanns eigene Ansichten zu ihrem Schreiben und zu den Absichten hinter einzelnen Büchern.
  8. Ingeborg Bachmann: Alles (Erzählung)
    Wie ein Kind das Leben von zwei Menschen verändern kann, wie Menschen unterschiedlich mit Kindern umgehen aus ihrer Sicht der Welt heraus: Die liebende Mutter, welche das Kind umsorgt und herzt und fördert, der ängstliche Vater, welcher distanziert hofft, dass das Kind nicht zu einem gewöhnlichen Menschen heranwächst, wie sie in dieser kranken Welt alle sind – und weiss, dass es doch passieren wird. Und hinter allem liegt ein drohendes Unglück.
  9. Volker Weidermann: Lichtjahre
    In vielen kleinen Kapiteln, von welchen jedes zwischen zwei und fünf Schriftstellern behandelt führt uns Volker Weidermann auf eine humorvolle, pointiert geschriebene und neben dem sehr hohen Unterhaltungsfaktor auch sehr fundierte, aus grossem Wissen schöpfende Reise durch die Literaturgeschichte nach 1945.
  10. Ingeborg Bachmann: Unter Mördern und Irren (Erzählung)
    Männer unter sich in einer von Männern und für Männer gemachten. Während die Ehefrauen sich zu Hause ihrem Leben als Opfer einer so ausgerichteten Gesellschaft ausgeliefert sehen, tauschen die Männer in Wirtshäusern Meinungen aus, suchen sich dabei selber und stehen immer wieder vor der einen Frage: Wie lebt man weiter nach dem Krieg, wenn plötzlich vorherige Opfer und Täter wieder in einer Gesellschaft zusammenleben müssen?

Abgebrochene Bücher

  1. Anna Brüggemann: Trennungsroman
    «Trennungsroman» handelt von den letzten Tagen einer Beziehung, davon, was wichtig ist in einer solchen und wann es Zeit ist zu gehen. Das Thema klang erst spannend, war dann aber nur ein alltägliches Dahinfliessen der Zeit mit einigen Gedanken und Zweifeln, umgeben von den Anforderungen des Alltags. Die Kapitel sind die verbleibenden Tage rückwärts gezählt, der Countdown läuft, leider fehlt die Spannung, das Ziel zu erreichen.

Matthias Jügler: Die Verlassenen

«Schliesslich kam Grossmutter aus dem Wohnzimmer. Sie verlor kein Wort über Vaters Abwesenheit, stattdessen hielt sie eine Tüte Bonbons in der Hand…zum Trost, wie sie sagte. Als ich sie nun sah, die Tüte in der Hand, mitleidig ihr Blick, da begriff ich, dass Vater nicht wiederkommen würde. Ich fing an zu weinen. Viel lieber wollte ich wütend sein, auf Vater, so wütend, wie ich es am Vormittag gewesen war. Aber es klappte nicht.»

Johannes hat schon früh seine Mutter verloren. Als auch noch sein Vater von einem Tag verschwindet, bleibt er bei der Grossmutter zurück. Mit ihm bleiben viele offene Fragen, über die aber nie gesprochen werden kann. Auf diesem unsicheren Boden wächst er zu einem melancholischen, an vielem zweifelnden Mann heran, sucht seinen Platz im Leben und kann sich doch nicht frei einlassen.

„Dann entdeckte ich den Brief, und kaum dass ich ihn gelesen hatte, wusste ich, dass dies der eine Moment war, der alles änderte, nicht nur meine Zukunft, sondern vor allem meine Vergangenheit, beziehungsweise das, was ich dafür gehalten hatte.“

Als er eine Kiste mit Briefen findet, in welcher auch einer an seinen Vater adressiert ist, sieht er plötzlich einen Weg, doch noch zu Antworten zu kommen. Dazu macht er sich auf nach Norwegen, wo er immer tiefere Einsichten in seine Kindheit in der DDR und das, was damals ablief bekommt.

Matthias Jügler erzählt die Geschichte eines Jungen, Johannes, aus dessen Sicht und es gelingt ihm dabei, das Erzählte in Sprache und Denken authentisch und dem Alter entsprechend zu halten. Trotz der tragischen und Johannes erschütternden Umstände verfällt die Erzählung nie in eine zu melancholische Stimmung, das Beibehalten einer Sachlichkeit und Distanz sind die dem Verhalten von Johannes entsprechend Form. Sie bringen es aber auch mit sich, dass es nicht möglich ist, dem Protagonisten und seinem Fühlen wirklich nahe zu kommen. Man bleibt als Leser der Betrachter von aussen, so wie es wohl im wirklichen Leben bei einem Treffen mit Johannes auch gewesen wäre.

So begleitet man Johannes durch seine Kindheit, Jugend hinein ins Erwachsenenalter, sieht ihn eine Familie gründen, doch etwas bleibt immer präsent: Die Erinnerung an die Vergangenheit, die Ungewissheit, was wirklich war damals und die Unsicherheit im Leben und in seinem Sein, die daraus entstanden ist. Das Finden des Briefes erscheint da wie ein Weckruf aus einem Schlafzustand. Endlich schreitet er zur Tat, endlich zeigt er den Willen, den Dingen auf den Grund zu gehen.

„Die Verlassenen“ ist ein Buch ohne grosse Ereignisse, ohne laute Töne, ohne eindringliche Bilder. Leise und sanft fliesst die Erzählung dahin und nimmt den Leser mit auf eine Reise ins Ungewisse. Was dann ans Licht kommt, hätte man zwar bei dem Setting erahnen können, und doch liegt es nicht so offen da, dass das Weiterlesen sich erübrigen würde.

Eine durch und durch gelungene Erzählung, in welcher der Autor es versteht, Inhalt und Form in ein stimmiges Ganzes zu verweben und den Leser durch eine unterschwellige Melancholie zu berühren, die nie zu abgrundtief wird, dass sie bedrückt.

Fazit:
Ein Buch der leisen Töne, die Lebensgeschichte eines Jungen, der zu früh von den nächsten Menschen verlassen wird, dabei das Vertrauen verliert, und erst zu sich selber findet, als er sein Leben selber in die Hand nimmt und Antworten auf seine offenen Fragen sucht. Grosse Empfehlung!

Bewertung:
4***/5 – vier von fünf Sternen

Zum Autor
Matthias Jügler, geboren 1984 in Halle/Saale, studierte Skandinavistik und Kunstgeschichte in Greifswald sowie Oslo und Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Für seinen Debütroman »Raubfischen« (2015) erhielt er eine Reihe von Auszeichnungen. Er lebt mit seiner Familie in Leipzig, wo er auch als freier Lektor arbeitet.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 176
Verlag: Penguin Verlag; Originalausgabe Edition (1. März 2021)
ISBN: 978-3328601616
Preis: EUR 18 / CHF 27.90
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Klara Jahn: Die Farbe des Nordwinds

«Zu oft hatte sie nur Urlaub im Leben anderer Menschen gemacht, zu oft waren sie gegangen, als es schwierig wurde, zu oft hatte sich Ellen wie ein Kugelschreiber aus einem Hotelzimmer gefühlt, den man irrtümlich einsteckt. […] Ellens Herz lechzte nach Heimat.»

In ihrer Kindheit zieht Ellen mit ihrer Mutter einige Male um, irgendwann auch auf die Halligen, wo sie von Anfang an das Gefühl hat, angekommen, zu Hause zu sein. Leider bleiben sie und ihre Mutter auch da nicht lange. Als Ellen nach über 20 Jahren auf die Halligen zurückkehrt, hofft sie, die Heimat wieder zu finden, die sie als Kind verlassen musste. Sie hofft ebenfalls, mit Liske, welche damals für ein paar Monate wie eine Schwester war, wieder an dem Punkt weiter zu machen, an dem sie damals aufhörten. Liske ist wenig erfreut über ihr Kommen, und auch die Integration in die Gemeinde ist nicht einfach. Doch Ellen will an ihrem Traum festhalten.

„Was, wenn mir das Leben eines Halligbauern nicht genügte? Was, wenn die Hallig zu klein für einen wie mich war? Der Tod des Vaters war gleichsam der erste Schritt auf dem Weg in ein anderes Leben, mit dem Tod der Mutter kam ein zweiter hinzu, und am Ende dieses Weges stand Pastor Danjel. Ein Mann, der mein Lehrer sein wollte, mein Wissen mehren, einen Menschen aus mir machen. Ich wer gerne auf ihn zugelaufen. Doch da war noch Hendrik.“

Arjen Martenson wächst mit seinem Bruder Hendrik auf den Halligen auf, bis zuerst der Vater, dann die Mutter stirbt. Ein Pfarrer kümmert sich um ihn, will ihn mitnehmen nach Husum und ihm eine Ausbildung ermöglichen. Arjen zweifelt, sieht sich in der Verantwortung für seinen Bruder. Schliesslich stimmt er zu. Später kehrt Arjen mit seiner Frau, der Pastorentochter, als Lehrer zurück nach Halligen, um die Kinder dort zu unterrichten. Er muss erleben, dass sein Bruder ihm übel nimmt, dass er ihn als Kind zurückgelassen hat, nichts mit ihm zu tun haben will.

Klara Jahn erzählt zwei Lebensgeschichten in zwei unterschiedlichen Zeiten. Mehr noch aber erzählt sie die Geschichte der Halligen, beschreibt die Natur und die Landschaft mit all ihren Eigenheiten, Schönheiten, mit den Menschen, die da leben und welche durch die Natur geprägt sind. Neben diesem wunderschön beschriebenen Landschaftsbild bleiben die Figuren des Romans eher blass, sind schwer fassbar. Zwar widerspiegelt das durchaus ihr Naturell, doch bleibt man als Leser dadurch immer aussen vor, fällt es nicht leicht, wirklich in die Geschichten einzutauchen.

Zwar gibt es durchaus eine Verbindung zwischen den Erzählsträngen, doch käme jede der beiden Geschichten auch unabhängig von der anderen aus, so dass sich der Zweck dieses Vorgehens mit der Verknüpfung zweier Erzählebenen nicht ganz erschliesst. Die beiden Geschichten wechseln sich kapitelweise ab, es ist immer klar ersichtlich, in welcher Geschichte man sich gerade befindet, was das Lesen einfach macht. Dadurch, dass man nie wirklich tief in einen Strang hineinkommt, fällt auch der Wechsel nicht schwer. Doch bleibt ein unbefriedigendes Gefühl zurück.

Unterm Strich lässt sich sagen, dass es Klara Jahn gelungen ist, die Stimmung eines Ortes einzufangen und bildhaft zu beschrieben. Menschen, die einen Zugang zu dieser Landschaft haben, werden sich im Buch sicher heimisch fühlen. Die Figuren lassen es leider nicht zu, sich mit ihnen in einer Weise zu identifizieren, um auf diese Weise in die Geschichten hineinzufinden. So bleiben beide auch eher Beschreibungen von Lebensumständen, denen man als Leser von aussen zuschaut.

Fazit:
Das Leben auf den Halligen anhand von zwei Lebensgeschichten erzählt – Bildhaft beschriebenes Setting mit eher blassen Figuren. Für Leser, welche die Gegend mögen, eine gut lesbare und sicher interessante Geschichte!

Bewertung:
3***/5 – drei von fünf Sternen

Zur Autorin
Klara Jahn ist das Pseudonym einer bekannten Bestsellerautorin. Die Historikerin liebt es, große Geschichten zu erzählen und dabei tief in die Geschichte der Orte und Menschen einzutauchen. Dabei lässt sie sich von ihrer Liebe zur Natur und ihrer Faszination für raue Landschaften leiten. Bei Heyne wagt sie sich zum ersten Mal in den deutschen Norden vor, dessen herbe Schönheit sie seit Jahren begeistert. Die gebürtige Österreicherin und Mutter einer Tochter lebt seit 2001 in Frankfurt am Main.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 400
Verlag: Heyne Verlag (8. März 2021)
ISBN: 978-3453273139
Preis: EUR 20 / CHF 31.90

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