Julian Barnes: Vom Ende einer Geschichte

Was kann man vom eigenen Leben wissen?

„Das letzte Bild habe ich nicht wirklich gesehen, aber am Ende ist das, was man in Erinnerung behält, nicht immer dasselbe wie das, was man beobachtet hat“.

Tony Webster denkt über sein Leben nach, reist in der Zeit zurück bis zu seiner Schulzeit, der Zeit, in der Adrian Fynn in seine Klasse gekommen ist und sich ihm und seinen beiden Freunden anschloss, aus dem Dreier- in Vierergespann machte. Oder haben sich die drei Adrian angeschlossen? Wer war Ziehender, wer Gezogener? Die Geschichte scheint nicht so eindeutig, wie man sie gerne hätte. So oder so veränderte sich mit Adrian vieles im Leben der Jugendlichen.

„Natürlich waren wir prätentiös – wozu ist Jugend sonst da?“

Neben der Ausbildung, den Auseinandersetzungen mit Geschichte

„Geschichte ist ein Sandwich mit rohen Zwiebeln, Sir. […] Sie stösst einem immer wieder auf, Sir. Sie rülpst.“

Literatur und vielem mehr, was den Weg Jugendlicher säumt, spielen Sex und mögliche und unmögliche Beziehungen eine grosse Rolle im Leben der drei.

„Gewöhnlich verspricht die erste Liebe, selbst wenn sie nicht gut ausgeht – vielleicht gerade wenn sie nicht gut ausgeht -, dass wir nun endlich wüssten, was das Leben lebenswert macht und rechtfertigt.“

Nach der Schule trennen sich ihre Wege, bis eines Tages die Nachricht von Adrians Selbstmord die ehemaligen Freunde ereilt und neue Fragen aufwirft. Allen voran immer wieder die nach der eigenen Erinnerung, nach dem, was man eigentlich vom eigenen Leben weiss und wissen kann.

Auf sehr engem Raum entwickelt Julian Barnes eine tiefgründige Geschichte, die nachdenken lässt, mehr Fragen als Antworten liefert und Abgründe menschlichen Seins und Tuns offen legt. Ein packendes Buch, ein tiefes Buch, eines, das man schnell lesen möchte und dabei doch immer wieder innehält, in Gedanken versinkt, weiter liest und am Schluss ergriffen ist, weil die Geschichte nach der letzten Seite noch nicht zu Ende ist – zumindest nicht die eigene Auseinandersetzung damit.

Dazu passt ein Zitat von Max Frisch:

„Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält, oder ein ganze Reihe von Geschichten.“

Fazit:
Nachdenklich, dicht, sprachlich und inhaltlich packend. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Julian Barnes
Julian Barnes, 1946 geboren, arbeitete nach dem Studium moderner Sprachen als Lexikograph, dann als Journalist. Von Barnes, der zahlreiche internationale Preise erhielt, zuletzt den David-Cohen-Prize, liegt ein umfangreiches erzählerisches und essayistisches Werk vor, darunter die Romane „Flauberts Papagei,“ „Eine Geschichte der Welt in 10 ½ Kapiteln“ und „Darüber reden“. Julian Barnes lebt in London. Gertraude Krueger, 1949 geboren, lebt als Dozentin und freie Übersetzerin in Berlin. Zu ihren Übersetzungen gehören u.a. Sketche der Monty-Python-Truppe und Werke von Julian Barnes, Alice Walker, Siri Hustvedt, Jhumpa Lahiri und E.L. Doctorow.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 192 Seiten
Verlag: Kiepenheuer & WitschVerlag (1. Dezember 2011)
ISBN-Nr.: 978-3462044331
Preis: EUR  18.99 / CHF 29.90

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Colm Tóibín: Der Zauberer

Inhalt

«Da geschah etwas: Er sah den Roman, über den er seit Längerem nachdachte, vollständig vor sich. Für dieses Buch würde er sich als ein Einzelkind neu erschaffen…»

Der Inhalt dieses Buches ist leicht erzählt, denn es ist die in einen Roman verpackte Lebensgeschichte von Thomas Mann. Begonnen mit seiner Kindheit in Lübeck geht die Lebensbeschreibung weiter, durchläuft die Schulzeit, Reisen mit dem Bruder nach Italien, die Begegnung und Hochzeit mit Katja Pringsheim, die Kinderschar, die sich bald einstellt, die Machtergreifung und die sich dadurch einstellende Gegnerschaft gegen Hitler bis hin zum amerikanischen Exil. Immer wieder werden auch Schaffensprozesse vom Erlebten hin zum Werk dargestellt, geheime, zumeist sexuelle Gedanken offengelegt und in die Lebenserzählung eingebettet.

Weitere Betrachtungen
Colm Tóibín hat sich einer schwierigen Aufgabe gewidmet mit diesem Buch: Er erzählt die Geschichte eines herausragenden Schriftstellers in Romanform, welcher sich schon selbst in all seinen Büchern autobiographisch dargestellt hat. Wie wollte er dagegen ankommen, das gar übertreffen? Praktisch ein Ding der Unmöglichkeit. Nun kann man dahin gehen und sagen, dass Thomas Mann das eigene Leben nie ganz der Wirklichkeit entsprechend erzählt hat, sich nur in einzelnen Figuren verewigt hat, so dass durchaus ein Unterschied zu einem nacherzählten Leben besteht. Dies mag zwar so stimmen, nur erscheint Thomas Mann in seinen eigenen Erzählungen plastischer und authentischer, als er dies zumindest im ersten Teil von Tóibíns Buch tut.

Es ist zu ergänzen, dass die vorliegende Romanbiografie wenig Neues ans Licht bringt, das, was sie erzählt, relativ chronologisch dahinplätschert und wenig Mehrwert oder gesteigerten Lesegenuss bringt gegenüber einer fundierten Biographie wie sie zum Beispiel Hermann Kurzke geschrieben hat. Es bleibt die Frage zurück, für welche Zielgruppe dieser Roman geschrieben wurde. Ein Kenner von Thomas Manns Leben und Werk wird sich wohl eher langweilen, da er wenig Neues erfährt, ein Neuling in Bezug auf Thomas Manns Leben kann durchaus Neues erfahren, wobei er sich allerdings wohl durch die ersten Kapitel durchbeissen muss, da diese noch wenig packend geschrieben sind.

Positiv herauszuheben ist, dass sich Tóibín offensichtlich intensiv mit Thomas Mann auseinandergesetzt hat, er hat die Entstehungsgeschichten der einzelnen Werke des Literaten studiert und fundiert in seinen Roman eingebaut. Dies nimmt dem Roman leider etwas Fahrt im Erzählstrang, ist aber für den interessierten und wenig informierten Thomas-Mann-Fan durchaus spannend zu lesen – leider verliert Tóibín wohl genau damit die Leser, welche einen guten und packenden Roman, eine interessante Lebensgeschichte lesen wollen.

Auffällig ist die sehr intensive und plakativ dargestellte sexuelle Ausrichtung von Thomas Mann.

«Und aus der Erzählung würde hervorgehen müssen, dass das Verlangen sexueller Natur war, zugleich aber würde es, natürlich, unerfüllbar und unmöglich sein müssen. Der Blick des älteren Mannes würde umso. brennender sein, als weiter nichts geschehen konnte. Die Begegnung würde das Leben des Protagonisten umso einschneidender. verändern, als sie flüchtig sein und zu nichts führen würde. Denn etwas liesse sich niemals zähmen, niemals bändigen, nie gesellschaftsfähig machen. Es würde die Pforten einer Seele sprengen, die sich für uneinnehmbar gehalten hatte.»

Es werden Situationen und Fantasien teilweise sehr detailliert beschrieben, es werden Gedankengänge und Sehnsüchte ans Licht gezerrt und förmlich breitgetreten, welche Thomas Mann sorgsam unter Verschluss hielt. Nun kann man sagen, dass dies legitim sei für einen Roman und eine Erzählung eines Lebens, dass es sogar um des wahren Blicks auf den Charakter nötig sei, allerdings hätte es nicht so plakativ und fast schon penetrant wiederkehrend passieren müssen. So mutet dem Text fast ein wenig Sensationslust und lüsternes Verlangen an.

Persönliche Einschätzung
Ich habe dieses Buch mit grosser Spannung erwartet, da ich ein grosser Thomas-Mann-Fan bin. Nun mag es durchaus sein, dass die Erwartungen zu hoch und mein Hintergrundwissen schon zu gross war, so dass meine Einschätzung des Buchs nicht objektiv daher kommt. Ich habe mich bemüht, einen möglichst objektiven Blick zu bewahren, was allerdings schwer war, da ich teilweise wütend wurde beim Lesen, vor allem bei den blossstellenden Szenen über Thomas Manns Homosexualität.

Colm Tóibín hat sich einer schwierigen Aufgabe gestellt, das Buch deutet durchaus auf eine sehr intensive Recherche und ein grosses Interesse an seinem Protagonisten hin, aber er hat die Aufgabe in meinen Augen leider nicht erfolgreich gelöst. Trotzdem möchte ich das Buch nicht nur verreissen oder davon abraten. Als erster Einstieg in das Leben und Schaffen von Thomas Mann kann es durchaus lesenswert sein. Und vielleicht stossen dann auch die von mir kritisierten Stellen nicht so sauer auf.

Fazit:
Eine gut recherchierte und fundierte Romanbiografie, welche leider zu sehr nacherzähltes Leben und wenig literarisches Werk ist und den Protagonisten seltsam blass erscheinen lässt. Als Einstiegslektüre in Thomas Manns Leben denkbar.

Colm Tóibín
Colm Tóibín, 1955 in Enniscorthy geboren, ist einer der wichtigsten irischen Autoren der Gegenwart. Bereits sein erster Roman Der Süden (1994) wurde von der Kritik enthusiastisch gefeiert. Bei Hanser erschienen der Henry-James-Roman Porträt des Meisters in mittleren Jahren (2005), Mütter und Söhne (Erzählungen, 2009), Brooklyn (Roman, 2010), Marias Testament (Roman, 2014), Liebe und Tod (Hanser-Box, 2014), Nora Webster (Roman, 2016), Haus der Namen (Roman, 2020) und zuletzt Der Zauberer (Roman, 2021). Sein Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u. a. mit dem IMPAC-Preis.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 560 Seiten
Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG (27. September 2021)
ISBN: 978-3446270893

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Bethan Roberts: Der Liebhaber meines Mannes

Inhalt

«Eigentlich wollte ich mit diesen Worten beginnen: Ich will dich nicht mehr zerstören – denn ich will es wirklich nicht – kam aber zu dem Schluss, dass du das viel zu melodramatisch finden würdest. […] Denn ich will alles aufschreiben, damit ich es richtig verstehe. Dies ist eine Art Geständnis und es ist wichtig, bis in die Einzelheiten genau zu sein. Wenn ich fertig bin, will ich dir diese Aufzeichnungen vorlesen, Patrick, denn du kannst mir nicht mehr widersprechen.»

Wir schreiben das Jahr 1999. Nachdem Patrick zwei Schlaganfälle hatte und nicht mehr für sich sorgen kann, beschliesst Marion, ihn bei sich aufzunehmen. Die beiden verbindet eine lange Geschichte, in die auch Marions Mann Tom verstrickt ist, eine Geschichte, die Marion nun aufschreiben will. Sie beginnt bei der ersten Begegnung mit Tom. Sie erinnert sich, wie sie über Jahre für ihn geschwärmt hatte, endlich von ihm wahrgenommen wurde. Die beiden heirateten und Marion konnte ihr Glück kaum fassen. Sie erzählt weiter von Unternehmungen mit Toms Freund Patrick, welche anfänglich zu dritt stattfanden, später mehrheitlich als Männerfreundschaft weiterliefen.

In ihrem Rückblick schaut Marion endlich genau hin, beschreibt sachlich, nie anklagend, was passiert ist und wie sie selber zu lange die Augen verschlossen hat. Sie erklärt den menschlichen Hang, lieber nichts zu sehen, als sich Tatsachen stellen zu müssen. Und sie beschreibt von dem Moment, an dem sie nicht mehr wegschauen konnte.

«Es ist schon sehr spät und ich kann nicht schlafen. Dunkle Gedanken – böse Gedanken – treiben mich um. Ich habe immer wieder daran gedacht, den letzten Eintrag zu verbrennen. Aber ich kann nicht. Was sonst lässt ihn wirklich werden, ausser meinen Worten auf Papier? Da niemand sonst davon weiss, wie kann ich mich sonst von seiner tatsächlichen Existenz, von meinen tatsächlichen Gefühlen überzeugen?»

Wir schreiben das Jahr 1957. Aus Patricks Tagebuch erfahren wir alles über sein erstes Treffen mit einem Polizisten, welcher zugleich Marions Tom ist. Wir lesen von der Schwärmerei des älteren Patricks für den jungen Tom, welche der von Marion ähnlich ist. Wir lesen von den Gefühlen eines Mannes zu einem Mann, die im England dieser Zeit verpönt und verboten sind.

«Und je mehr ich an ihn denke, desto weniger finde ich Gründe, warum wir nicht zusammen sein könnten. Je mehr ich an ihn denke, desto weniger erinnere ich mich an etwas, das falsch war oder schwierig. Alles, woran ich mich erinnere , ist, wie süss er war. Und das ist am schwersten zu ertragen.»

Und dann nimmt alles einen Lauf, welcher 1999 aus einer anderen Warte erzählt wird.

Weitere Betrachtungen
In Der Liebhaber meines Mannes erleben wir die Geschichte von drei Menschen, die alle auf ihre Art Opfer ihrer Zeit geworden sind. Alle leiden sie unter den Normen der Gesellschaft und unter den Gesetzen, welche diese Normen sanktionieren. Die Gesellschaft bestimmt, wie eine Frau sein soll, welche Möglichkeiten sie im Leben hat und welchem Bild sie entsprechen soll. Sie bestimmt weiter, wer wen lieben darf und was als sittenwidrig und unnatürlich gilt.

Bethan Roberts gelingt es, in einer sehr feinfühligen Art die Geschichte dieser drei Menschen nachzuzeichnen. Sie erzählt die Geschichte aus der Sicht von Marion, welche 1999 zurückblickt, und anhand von Patricks Tagebuch aus der Zeit der 50er Jahre. Tom ist sprachlos, er findet weder eigene Worte für das, was geschah, noch findet er sie für die Gegenwart. Er ist nur die Figur, um welche Marion und Patrick drehen, quasi die Sonne in deren Universum. Strahlend ist dabei nur seine optische Schönheit, sein Wesen bleibt merkwürdig blass, er scheint nur als Projektionsfläche für zwei Menschen zu dienen, welche ihren Platz in der Gesellschaft suchen und Tom dazu brauchen.

Obwohl der Roman in meinen Augen etwas zu langsam und zu langgezogen anfängt, lässt er einen nicht mehr los. Bethan Roberts verzichtet auf Anklagen, auf sozialkritische und moralische Zeigefinger, sondern lässt die Figuren ihre Geschichte erzählen auf eine Weise, dass sie direkt ins Herz des Lesers trifft. Das Buch macht nachdenklich, wehmütig, ein wenig traurig auch. Das traurigste daran ist aber, dass es irgendwann zu Ende ist und man sich wünschte, man könnte noch lange weiterlesen.

Fazit:
Ein feinfühliger Roman mit viel Tiefe, Sensibilität, der ohne Kitsch und Schnörkel die Komplexität menschlicher Beziehungen beschreibt. Berührend, zum Nachdenken animierend, einnehmend. Sehr empfehlenswert.

Bethan Roberts
Bethan Roberts ist 1973 in Oxford geboren und wuchs in Abingdon auf. Nach einem Master in kreativem Schreiben an der Chichester Universität arbeitete sie unter anderem als Autorin und Produktionsassistentin beim Fernsehen und unterrichtete selber kreatives Schreiben. Bethan Roberts wohnt mit ihrer Familie in Brighton. Von ihr erschienen sind auch Stille Wasser (2008) und Köchin für einen Sommer (2009).

Ein Interview mit der Autorin: HIER

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 365 Seiten
Verlag: Verlag Antje Kunstmann (12. Februar 2013)
Übersetzung: Astrid Gravert
ISBN: 978-3888978166

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Franz Hohler: Der Enkeltrick

Inhalt

„Rom“, sagte sie zu sich, „ich bin in Rom“, und plötzlich wurde sie von einem Gefühl erfüllt, das sie kaum mehr kannte. Es war eine Neugier, eine Unternehmungslust, etwas von ganz früher, wenn es in ein Klassenlager ging oder auf eine Schulreise, als sie noch nicht Amalie Ott war, Mutter zweier Kinder, sondern selbst noch ein Kind, ein Kind, das sich auf das Leben freute. Aber da mischte sich noch etwas ein, auch von früher, es ar die Angst vor dem Unbekannten…

Eine Grossmutter macht sich auf nach Rom, um ihre Enkelin zu retten. Aus der Reise wird eine Fahrt in die eigene Vergangenheit und auch eine Hilfe, wie sie so nicht vorgesehen war. Ein pensionierter Steuerbeamter findet Freude daran, anderen Menschen eine Freude zu machen, indem er ihnen zum Geburtstag gratuliert. Das lässt seine Frau nicht ganz kalt. Ein Mann macht sich auf, sich einen Kindheitstraum zu erfüllen, entgegen dem Rat seiner Nächsten, inklusive dem Autor. Der Weg zum Glück ist manchmal anstrengend. Ein reservierter Tisch bringt mitunter Unglück für den, welcher sich unberechtigt an ihn setzt – und für andere auch. Eine Katze sucht eine Ferienunterkunft und bringt ein Familiengeheimnis auf den Tisch. In einer Küche fliegen Steine aus dem heiteren Himmel, so dass wohl nur noch eine Teufelsaustreibung hilft.

„Kinder, so lautet eine oft gehörte Schätzung, lachen etwas 400 Mal am Tag, Erwachsene etwa 15 Mal. Den Gang zur Freudlosigkeit, der dazwischen liegt, nennen wir Erziehung.“

Ein Mann macht sich mit der Novelle „Das verlorene Lachen“ im Gepäck auf eine Wanderung und erinnert sich an sein eigenes Lachen. Ein Komponist macht sich auf zu einer grossen Reise und ein Vogel hält ein Quartier auf Trab. Eine Zugfahrt entblösst die Verlockungen der Maske und ein Handy fängt das Lügen an.

Weitere Betrachtungen
Franz Hohler vereint in diesem Büchlein elf Kurzgeschichten, die für unterschiedliche Anlässe geschrieben wurden. Sieben Erzählungen entstanden im Rahmen von Rafik Schamis Eniladung seiner Reihe „Sechs Sterne“, eine als Beitrag zu einer Aufführung von Joseph Haydn und drei aus kompett eigenem Antrieb. Zusammengekommen ist ein buntes Potpurri von Geschichten, die im Zentrum immer einen Menschen haben, der vor einer Herausforderung steht, die nicht immer mit ganz normalen Dingen zu tun zu haben scheint.

Der Aberglaube dörflicher Gemeinschaften findet ebenso Einzug in das Buch wie auch persönliche Ahnungen und mysteriöse Geschehnisse. Als Leser weiss man oft bis zum Schluss nicht, worauf die Geschichte hinausläuft und nicht selten ist man bass erstaunt. Das macht das Buch zu einem, welches man von der ersten bis zur letzten Geschichte nicht aus den Händen legen mag.

Persönlicher Bezug
Franz Hohler begleitet mich seit Kindesbeinen. Zuerst liebte ich seine Kindersendung „Franz und René“, später seine humorvollen und doch auch zum Nachdenken anregenden Texte auf der Bühne. Bald schon kamen auch seine Kurzgeschichten und Gedichte dazu. Ich schätze an Franz Hohler seinen Tiefgang, sein genaues Hinschauen, sein leichtes Erzählen, in welches doch immer auch ernste Themen einfliessen. Ich mag es, wie er immer eine Prise Humor als Würze bereit hält, die wohldosiert ist. All das zeigt sich auch im vorliegenden Buch.  

Fazit:
„Der Enkeltrick“ ist ein Buch, das von einzelnen Menschen erzählt, die Gesellschaft dabei im Blick behält. Es ist ein Buch, das zum Nachdenken und zum Schmunzeln anregt, ein Buch, das Leichtigkeit und Tiefgang vereint. Sehr empfehlenswert.

Über den Autor
Franz Hohler wurde 1943 in Biel, Schweiz, geboren. Er lebt heute in Zürich und gilt als einer der bedeutendsten Erzähler seines Landes. Hohler ist mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden, zuletzt mit dem Alice-Salomon-Preis und dem Johann-Peter-Hebel-Preis. Sein Werk erscheint seit über fünfzig Jahren im Luchterhand Verlag.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 160 Seiten
Verlag: Luchterhand Literaturverlag; Originalausgabe Edition (11. Oktober 2021)
ISBN-Nr.: 978-3630876795

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Helmut Koopmann: Thomas Mann Heinrich Mann

Die ungleichen Brüder

«Niemand hat Thomas Manns Schreiben stärker beeinflusst als der Bruder, von niemandem war Heinrich innerlich stärker abhängig als von Thomas. Die Geschwister antworteten sich unablässig: in Familienromanen, Entwürfen zu Gesellschaftsdarstellungen, in dem, was «Leben» hiess, und wenn sie literarische Selbstporträts entwarfen, oft unter dem Namen von Romanfiguren, dann war der Bruder nicht weit entfernt.»

Sie haben einige Gemeinsamkeiten: Heinrich Mann bricht die Schule ab, arbeitet in einem Verlag, wird dann Schriftsteller. Thomas Mann tritt quasi in seine Fussstapfen und geht den gleichen Weg. In jungen Jahren reisen die beiden auch gemeinsam, so zum Beispiel nach Italien, teilweise für mehrere Monate, wo die Anfänge zu Thomas Manns «Buddenbrooks» zu Papier gebracht wurden. Heinrich Mann ist schon literarisch erfolgreich, als Thomas Mann erst beginnt mit dem Schreiben. Klar fühlt sich Thomas unsicher, ebenso klar, dass er nicht ewig zurückstehen, sondern den grossen Bruder einholen, wenn nicht überholen will.

«Heinrich war wohl der bessere Psychologe, sah, dass der Bruder, «um sicher zu stehen», vor allem die «Abwehr des «Anderen» brauchte. Mehr noch: Thomas Mann brauchte den Bruder, um sich selbst dadurch zu bestimmen, dass er sich gegen den Anderen absetzte […] Er (Thomas) brauchte Vorbilder.»

Aus der eigenen Unsicherheit heraus suchte sich Thomas Mann Vorbilder. Goethe ist wohl das bekannteste, Thomas Mann hat sich regelrecht schreibend an dessen Werk entlang gearbeitet und schon früh gesagt, dass auch er irgendwann seinen Faust schreiben würde. Dazu kam es denn auch, nachdem er viele Jahrzehnte mit dem Thema schwanger ging. Ein anderes Vorbild war Gerhart Hauptmann. Beide aber wurden noch übertroffen von Heinrich Mann, dem grossen Bruder, den er einerseits liebte und wohl auch schätzte, andererseits aber auch für vieles verachtete, was aus Tagebucheinträgen ersichtlich ist. Wie tief diese Verbindung aber ist, zeigt sich gerade dadurch: Er konnte nicht einfach Abstand nehmen, er konnte nicht einfach unabhängig seinen Weg gehen, er brauchte die lebenslange Auseinandersetzung mit dem Bruder, liess ihn in all seinen Werken aufleben, indem er ihn in den unterschiedlichsten Figuren auftreten liess.

Es ist aber nicht so, dass nur Thomas Mann literarisch mit seinem Bruder umging, auch Heinrich Mann schrieb immer wieder literarische Antworten auf das Werk Thomas Manns, er liess sich von diesem ebenso beeinflussen, inspirieren und anstacheln. So gesehen war die Beziehung eine durchaus befruchtende.

Dass es bei diesem Konkurrenzverhalten und dieser kritischen Betrachtung des jeweils anderen nicht ausblieb, dass es auch zu Streit kam, zumal die Brüder sowohl politisch wie auch von der Lebenseinstellung total unterschiedlich waren, liegt in der Natur der Sache. Sie fanden aber, wenn auch manchmal erst nach Jahren, immer wieder zusammen und sollten sich bis zu Heinrichs Tod auch verbunden bleiben.

Weiterführende Betrachtungen
Helmut Koopmann legt mit diesem Buch die Biografie einer Brüderbeziehung vor. Er tut dies auf eine sehr kompetente, seine Belesenheit und sein Hintergrundwissen beweisende Art, die trotz der Informationsdichte gut lesbar bleibt. Anhand von persönlichen Aussagen aus Briefen und Tagebüchern analysiert er die unterschiedlichen Lebenseinstellungen und politischen Ausrichtungen der beiden und stellt die jeweiligen Urteile über das Anderssein des jeweiligen Bruders vor. Er zeigt zudem ausführlich die gegenseitigen Bezüge in den beiden Werken.

Es ist Helmut Koopmann gelungen, eine Beziehungsbiografie zu schreiben, welche mehr ist als nur das Zusammenführen von zwei Biografien. Es ist ein Buch über die Dynamik von zwei verbundenen Lebenswegen, in welche jeder sich selber einbrachte und aus welcher etwas entstand, das mehr als nur die Summe von zweien war. Helmut Koopmann bezieht nie Stellung, er bevorzugt keinen der beiden und stellt auch keinen in ein besseres Licht. Seine Sicht ist ausgeglichen, sachlich und sie geht in die Tiefe, ohne dort nach Abgründen zu suchen oder aus ihr heraus zu verurteilen.

Persönlicher Bezug
Meine Liebe zu Thomas Mann ist wohl mittlerweile hinreichend bekannt. Da ich schon mehrere Biographien zu Thomas Mann gelesen habe, auch einige von anderen Familienmitgliedern der Familie Mann, war auch der Bruderkonflikt bekannt, allerdings niemals in seinen ganzen Ausmassen. Dieses Buch hat diese Lücke geschlossen. Nicht nur erfuhr ich Neues über diese zwei grossartigen Schriftsteller (ich mag auch Heinrich Manns Romane sehr), die Bezüge zwischen den Werken waren sehr aufschlussreich.

So schliessen sich mehr und mehr Lücken in einem Lebenspuzzle, in das ich vor vielen Jahren eingestiegen bin.

Fazit
Ein grossartiges Buch über die Beziehung zweier ungleicher Brüder, welche einen kompetenten, informativen und gut lesbaren Einblick in Leben und Werk der beiden bietet. Eine ganz grosse Leseempfehlung.

Zum Autor
Helmut Koopmann
war Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Augsburg. Er ist Herausgeber von Schillers Sämtlichen Werken und Autor zahlreicher Bücher zur Literaturgeschichte.

Angaben zum Buch
Taschenbuch: 544 Seiten
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft (1. Juni 2015)
ISBN: 978-3423348584

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Thomas Mann: Tonio Kröger

Inhalt

„Diese Art und Weise, sich selbst und sein Verhältnis zum Leben zu betrachten, spielte eine wichtige Rolle in Tonios Liebe zu Hans Hansen. Er liebte ihn zunächst, weil er schön war; dann aber, weil er in allen Stücken als sein eigenes Widerspiel und Gegenteil erschien.“

Tonio Kröger, Sohn einer angesehenen, bürgerlichen Familie, selber von dunklem Aussehen durch die südländische Mutter, verehrt die blonden, blauäugigen Wesen, bewundert die Menschen, die dazugehören zur Norm, während er immer am Rande, aussen vor steht. Er weiss schon früh, dass er seiner Bestimmung nicht entkommen wird, dass er Schriftsteller werden und damit die ganzen Nöte des Künstlertums, dessen Einsamkeit, dessen Ausserhalb-Stehen, auf sich nehmen muss. Er verlässt seine Heimat und kehrt nach vielen Jahren zurück, ängstlich vor den Erinnerungen, die noch in ihm sind und wieder aufbrechen. Als er dann schliesslich mit seinen Jugendlieben konfrontiert wird und ihm erneut sein Leben zwischen Welten bewusst wird, merkt er, dass wohl genau da sein Platz ist. Er kann nicht das Bürgertum verachten wie früher, aber er wird die Künstlernatur nicht los, die seine eigene ist. Sein Leben wird genau da stattfinden: Zwischen zwei Welten. 

Weiterführende Betrachtungen
Thomas Mann schrieb «Tonio Kröger» 1903, zwei Jahre nach dem Erscheinen der Buddenbrooks, zu welchem sich durchaus einige Parallelen finden lassen. Er ist zu dem Zeitpunkt 28 Jahre alt und noch nicht als Schriftsteller gefestigt. Noch kämpft er mit seinem Status, mit seiner Herkunft und auch mit der Konkurrenz mit seinem Bruder. Das alles fliesst in den «Tonio Kröger» hinein.

„Tonio Kröger“ ist sicher nicht Thomas Manns herausragendstes Werk, sofern man überhaupt in solchen Kategorien denken will, und doch hat sogar Mann selber dieses Werk als sein Lieblingskind bezeichnet. Im «Tonio Kröger» hat Thomas Mann viel von seiner eigenen Geschichte verarbeitet, er hat seine Eltern als Vorbilder für Tonios Eltern genommen, die eigenen Schwierigkeiten beim Heranwachsen und bei der Wahl seiner Zukunft als Schriftsteller thematisiert. Vor allem aber hat er sein eigenes Lebensthema, das Schwanken zwischen Bürger- und Künstlertum in Worte gefasst und dabei die eine grosse Frage gestellt:

«Aber was ist der Künstler?»

Tonio Kröger kommt zum Schluss, dass nur er, welcher sich vom Menschlichen entfernt, der das Leben den anderen überlässt, diese aus sicherer Distanz beobachtet, ein Künstler im wahren Sinne sein könne:

«Das Gefühl, das warme, herzliche Gefühl ist immer banal und unbrauchbar, und künstlerisch sind bloss die Gereiztheiten und kalten Ekstasen unseres verdorbenen, unseres artistischen Nervensystems. Es ist nötig, daß man etwas Außermenschliches und Unmenschliches sei, daß man zum Menschlichen in einem seltsam fernen und unbeteiligten Verhältnis stehe, um imstande und überhaupt versucht zu sein, es zu spielen, damit zu spielen, es wirksam und geschmackvoll darzustellen.

Zu viel Gefühl verdirbt die Kunst, macht sie sentimental und nimmt ihr damit den wirklichen Ausdruck, den guten Stil:

«Es ist aus mit dem Künstler, sobald er Mensch wird und zu empfinden beginnt.»

Und weiter:

«Die Begabung für Stil, Form und Ausdruck setzt bereits dies kühle und wählerische Verhältnis zum Menschlichen, ja, eine gewisse menschliche Verarmung und Verödung voraus.»

Auch diese Sicht ist durchwegs autobiographisch zu nennen, hat Thomas Mann sich doch auch zeitlebens gewisse Neigungen auszuleben verboten, hat sich in die Kunst geflüchtet und sie in dieser sublimiert. In seine Werke sind all seine Lieben eingegangen, teils als Jünglinge, teils noch verdeckter als Frauen. Es fällt in diesem wie auch in Thomas Manns anderen Werken auf, dass sich darin wenig Erfundenes findet. Thomas Mann schöpft aus der Wirklichkeit und verarbeitet diese in seine Geschichten. Er selber nannte das «Aneignungsgeschäfte».

Persönlicher Bezug
Die Liebe zu Thomas Mann begleitet mich schon viele Jahre. Als ich am Ende des Studiums meine Masterarbeit zu ihm schrieb, eröffneten sich mir da ein Leben und ein Werk, die mich beide faszinierten und in den Bann zogen. Dass ich mich deswegen oft auf die autobiographischen Bezüge in seinem Werk konzentrierte, liegt wohl auf der Hand – abgesehen davon, dass sie sich anbieten bei diesem Künstler.

Ich mag an Thomas Mann so ziemlich alles: Seine Geschichten, seine Sprache, seine Gedankengänge, die so vielfältige Bezüge zur Philosophie und auch zu einem mir wichtigen Thema, dem Künstlertum, aufweisen. Immer wieder zeigt sich mir bei der Lektüre etwas, das auch im «Tonio Kröger» erwähnt wird:

«Die reinigende, heiligende Wirkung der Literatur, die Zerstörung der Leidenschaften durch die Erkenntnis und das Wort, die Literatur als Weg zum Verstehen, zum Vergeben und zur Liebe, die erlösende Macht der Sprache…»

Zum Autor
Paul Thomas Mann, wie Thomas Mann eigentlich hiess, wird am 6. Juni 1875 in Lübeck in eine Kaufmannsfamilie hinein geboren. Er mag die Schule nicht, geht vor dem Abschluss ab.

Schon während seiner Schulzeit hat Thomas Mann geschrieben, allerdings meistens schwülstige, von leidenschaftlicher Verliebtheit (zu einem Mitschüler) geprägte Gedichte (Eine Erinnerung daran findet sich wohl im Tonio Kröger und der Bleistiftszene wieder.). Nach einem kurzen Ausflug in die Arbeitswelt – Thomas Mann hat eine Stelle als Volontär bei einer Feuerversicherung angenommen und schnell wieder gekündigt – steht bei ihm der Entschluss, Schriftsteller werden zu wollen. Eine erste Erzählung mit dem Titel Gefallen wird auch sofort in einer Zeitschrift veröffentlicht, weitere folgen

1895 und 1986 reist Thomas Mann mit seinem Bruder Heinrich für einige Monate nach Italien, die beiden Brüder bleiben bis im April 1898 und Thomas Mann verfasst mehrere kleinere Arbeiten und beginnt 1897 mit den Buddenbrooks, welche er 1900 an Samuel Fischer schickt, es wird 1901 gedruckt.

1905 heiratet Thomas Mann Katia Pringsheim, Schlag auf Schlag folgen vier Kinder: Erika (1905), Klaus (1906), Golo (1909) und Monika (1910), später dann noch Elisabeth (1918) und Michael (1919). Es sind produktive und erfolgreiche Jahre, die lange andauern. Auch die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 ändert daran nicht viel.

Die Situation in Deutschland spitzt sich zu, Thomas Mann geht nach Küsnacht in der Schweiz 1936 verliert Thomas Mann die deutsche Staatsbürgerschaft und wird tschechoslowakischer Bürger. 1938 wandert die Familie Mann in die USA aus. Am 7 .Mai 1945 kapituliert Deutschland, Thomas Mann weigert sich lange, dahin zurückzukehren. 1950 reist Mann nach Zürich in die Schweiz. Thomas Mann stirbt am 12. August 1955 im Krankenhaus in Zürich.

Fazit:
Eine persönliche, sehr authentische, sprachlich herausragend geschriebene Künstler-Erzählung. Sehr empfehlenswert!

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 128 Seiten
Verlag: FISCHER Taschenbuch; 50. Edition (26. September 1988)
ISBN-Nr.: 978-3596213818

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Jenny Erpenbeck: Kairos

Inhalt

„In so einem Koffer, in so einem Karton, liegen, Ende, Anfang und Mitte gleichgültig miteinander im Staub der Jahrzehnte, liegt das, was zum Täuschen geschrieben wurde, und das, was als Wahrheit gedacht war, das Verschwiegene und das Beschriebene, liegt all das, ob es will oder nicht, eng ineinandergefaltet, liegt das sich Widersprechende, liegen der stummgewordene Zorn ebenso wie die stummgewordene Liebe miteinander in einem Umschlag, in ein und derselben Mappe, ist Vergessenes genauso vergilbt und zerknickt wie das, woran man sich noch, dunkel oder auch hell, erinnert.“

Als Katharina nach Hans‘ Tod zwei Kartons mit den Erinnerungsstücken an ihre gemeinsame Beziehung ausgehändigt erhält, lässt sie diese Revue passieren. Es muss ein glücklicher Zufall gewesen sein – Gott Kairos steht dafür – dass sie sich überhaupt über den Weg liefen damals, sie gerade 19 und angehende Schriftsetzerin, er gestandener Autor in den Fünfzigern, verheiratet und mit einem Sohn. Dass es immer ein Glück neben der Ehe sein wird, macht Hans von Anfang an klar – Katharina lässt sich darauf ein, zu groß ist ihre Liebe, zu sehr genießt sie das gemeinsame Glück.

Hans teilt mit ihr die Musik, die er liebt, zeigt ihr die Bilder, die er mag, erfüllt sie mit Inhalten, die ihr in seinen Augen noch fehlen. Es sind nicht nur glückliche Stunden, Hans misstraut Katharina immer wieder, unterstellt ihr andere Männer, ist eifersüchtig, sucht die Kontrolle und verlangt totale Offenheit und Wahrheit. Als Katharina wirklich mit einem anderen Mann die Nacht verbringt, versinkt Hans in einer grenzenlosen Enttäuschung, für welche er Katharina hart bestrafen muss. Katharina anerkennt ihre Schuld und hofft trotz allem, dass sie wieder glücklich werden würden. Irgendwann.

Weitere Betrachtungen

„Im Angesicht dieses Mannes, der ihr bei diesem Abendessen als ungeheures Glück, als Unglück und als Frage gegenübersitzt, versteht sie: Jetzt hat das Leben begonnen, für das alles andere nur Vorbereitung gewesen ist.“

Kairos, der Gott des Augenblicks, steht Pate bei dieser Geschichte, die sich aus einem Augenblick in einem Bus entwickelt. Ob der Augenblick glücklich ist oder nicht, weiß man erst im Nachhinein.

Jenny Erpenbeck erzählt die Geschichte dieses ungleichen Liebespaars in der zu Ende gehenden DDR auf eine eigenwillige, temporeiche, eindrückliche Weise. Die beiden Lebensläufe verweben sich förmlich ineinander, indem sich Gedankenfetzen von Katharina und Hans abwechseln, damit sowohl die jeweiligen Innensichten sowie das erlebte Miteinander sichtbar machen. Entstanden ist ein Buch, das von der ersten Seite in den Bann zieht und nicht mehr loslässt. Die Figuren sind authentisch, plastisch, die Orte anschaulich und die Zeit der DDR in den späten Achtzigerjahren mit ihren politischen und sozialen Gegebenheiten fundiert als Schauplatz präsentiert.

„Kairos“ ist eine Liebesgeschichte, es ist aber auch die Geschichte einer Abhängigkeit, die Geschichte von Kontrolle, Macht und Dominanz. Es ist die Geschichte einer jungen Frau, die für die Liebe bereit ist, sich, eigene Gedanken, Pläne, Wünsche aufzugeben, um dafür glückliche Stunden erleben zu können mit dem Mann, den zu verlieren ihr das größte Unglück scheint. Es ist die Geschichte eines Mannes, der in der unschuldigen Jugend und Verehrung ein Ideal sieht, aus dem er Kraft für sich schöpft. Er gestaltet dafür die Beziehung nach seinen Vorgaben, behält die Kontrolle darüber, was passiert, und reagiert, als er die einmal verloren glaubt, auf eine äußerst unnachgiebige, gnadenlose Weise, indem er nach außen ganz klar Täterin und Opfer in der Beziehung definiert, als Opfer die Täterin ihre Schuld spüren lässt, sie aber bei Lichte betrachtet selber zum Opfer macht.

All das erzählt Erpenbeck ohne Parteinahme, ohne psychologisierende Erklärungen, rein durch den Fortlauf der Geschichte in einer schnörkellosen, eingängigen, gut lesbaren und doch nicht seichten Sprache.  

Persönliche Einschätzung
Das Buch hat mich von der ersten Seite an gepackt und nicht mehr losgelassen. Die Liebesgeschichte war mitreißend, frisch, glücklich und doch nie seicht oder kitschig. Der Umstand, dass Hans verheiratet ist, trübte das Bild ein wenig, was aber nur einem moralischen Andersempfinden, keiner Verurteilung geschuldet war. Erst kamen einige Szenen, die aufmerken ließen, Wendungen, die von einer Erziehungsabsicht des Älteren sprachen, Aussagen, die auf Kontrolle hindeuteten, wo diese – aus der Situation heraus – sicher nicht legitim war. Diese Momente häuften sich, steigerten sich, das Kräfteverhältnis in dieser ungleichen Beziehung kristallisierte sich immer deutlicher heraus. Mit Katharinas Fehltritt drehte das Bild komplett.

Hans wurde immer unsympathischer, ich hatte schlussendlich eine regelrechte Wut im Bauch beim Lesen. Gleichzeitig fragte ich mich, wie Katharina das alles einfach hinnehmen, mit sich machen lassen konnte. Und es erschütterte mich, wie es in einer Beziehung geschehen kann, dass ein Mensch regelrecht gebrochen werden kann in seinem Selbstverständnis, so stark, dass ihm fast der Lebenssinn abhanden kommt.

Fazit:
Ein mitreißendes, aufwühlendes, großartig erzähltes Buch über die Geschichte einer ungleichen Liebe und was daraus entstehen kann, wenn einer sich in einer Beziehung aufgibt. Sehr empfehlenswert.

Über die Autorin
Jenny Erpenbeck, geboren 1967 in Ost-Berlin, debütierte 1999 mit der Novelle »Geschichte vom alten Kind«. Es folgten zahlreiche Veröffentlichungen, darunter Romane, Erzählungen und Theaterstücke. Ihr Roman »Aller Tage Abend« wurde von Lesern und Kritik gleichermaßen gefeiert und vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Joseph-Breitbach-Preis und dem Independent Foreign Fiction Prize. Für »Gehen, ging, gegangen« erhielt sie u. a. den Thomas-Mann-Preis. 2017 gewann Jenny Erpenbeck den Premio Strega Europeo und wurde mit dem Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 384 Seiten
Verlag: Penguin Verlag; Originalausgabe Edition (30. August 2021)
ISBN-Nr.: 978-3328600855

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Ingeborg Bachmann: Alles

«Wenn wir uns, wie zwei Versteinte, zum Essen setzen oder abends an der Wohnungstür zusammentreffen, weil wir beide gleichzeitig daran denken, abzusperren, fühle ich unsere Trauer wie einen Bogen, der von einem Ende der Welt zum anderen reicht – also von Hanna zu mir….»

Ein namenloser Icherzähler schaut zurück im Leben, denkt an seine Hochzeit mit Hanna, an die Schwangerschaft und an seine Gedanken während der Schwangerschaft. Er denkt an sich, daran, was er dem Kind alles beibringen und zeigen wollte – und steht dann bei dessen Geburt vor dem Nichts, da nichts anwendbar scheint. Wieso Fipps, so heisst das Kind, eine Welt erklären, wieso sie ihm nicht überlassen, in der Hoffnung, dass er nicht eintritt, sondern eine neue findet? Der Vater zieht sich mehr und mehr zurück, spricht weniger, rät nichts, tut alles, um Fipps nicht zu sehr in der Welt zu verhaften. Und er wird immer mehr enttäuscht, weil Fipps die Welt, wie sie ist, immer besser versteht, sich doch in diese eingliedert.

«Ich war mit dem Kind gefangen und verurteilt von vornherein, die alte Welt mitzumachen. Darum liess ich das Kind fallen. Ich liess es aus meiner Liebe fallen. Dieses Kind war ja zu allem fähig, nur dazu nicht, auszutreten, den Teufelskreis zu durchbrechen.»

Die Mutter hingegen geht einen anderen Weg: Sie zeigt dem Kind voller Liebe und mit Geduld alles, was es auf dieser Welt gibt. Alles will sie für dieses Kind haben:

«…mehr Liebe, die ganze Liebe, einen Liebesspeicher wollte sie anlegen, der reichen sollte ein Leben lang, wegen draussen, wegen der Menschen…»

Sie glaubt an das Gute in Fipps, sie will ihn beschützen vor dem Bösen in der Welt. Doch auch Fipps wird zum Menschen, auch in ihm steckt das Böse. Und er trägt es in die Welt. Bis zu dem Tag, an dem er stirbt durch einen Unfall. Nach seinem Tod kann der Vater plötzlich all das tun und sagen, was er sich vorher versagt hat.

«Alles» ist die dritte Erzählung in Ingeborg Bachmanns Erzählband «Das dreissigste Jahr», einem Zyklus von sieben Erzählungen, welcher 1961 erschien. Es ist die Geschichte eines namenlosen Vaters, welcher seine Beziehung zu seinem verstorbenen Kind reflektiert, welcher die Unterschiede des Verhaltens von Vätern und Müttern zu ihren Kindern analysiert. Wie verändert ein Kind das Leben zweier Menschen? Wie unterschiedlich gehen diese mit einem Kind um, weil sie eine jeweils unterschiedliche Sicht auf die Welt haben? Die liebende Mutter umsorgt, herzt und fördert das Kind, der ängstliche Vater hofft aus immer mehr Distanz, dass dieses Kind nicht zu einem gewöhnlichen Menschen heranwächst, damit er nicht Teil dieser kranken Welt wird, sondern eine neue für sich findet. Und doch weiss er insgeheim, dass genau das passieren wird. Und durch all diese Gedanken und Rückblicke des namenlosen Erzählers dringt die Ahnung eines drohenden Unglücks.  

Obwohl die Geschichte einigermassen linear erzählt wird, ist es nicht im herkömmlichen Sinne eine chronologische Abfolge von Ereignissen, sondern eher ein Blick auf die sich verändernde Gefühlswelt eines Vaters zu seinem Sohn.

Wie so oft bei Ingeborg Bachmann hat die Sprache auch in dieser Erzählung eine spezielle Funktion. In ihr vermittelt sich die Welt. Die Sprache der normalen Welt ist keine, mit der sich in die Zukunft gehen lässt. Es bräuchte eine neue Sprache dafür, der Vater findet für diese neue Sprache Namen wie Schattensprache oder Wassersprache. Er hofft, dass Fipps diese neue Sprache finden und sprechen wird, um so nicht Teil der alten Sprachwelt zu werden. Die Hoffnung platzt, als Fipps mit zunehmendem Alter die Sprache seiner Umgebung sprechen lernt.

«Er äusserte schon Wünsche, sprach Bitten aus, befahl oder redete um des Redens willen.»

Das Misstrauen des Vaters gegen den Sohn wächst mit dem Erkennen von dessen Menschwerdung. Dass er diesen zudem bei Handlungen wie beim Abreissen von Grashalmen oder sinnlosen Töten von Käfern und Würmern beobachtet (die Untaten werden mit wachsendem Alter grösser), trägt mit dazu bei, dass er Fipps die Unschuld abspricht, ihn gar einen Teufel sieht. Sich selber spricht er von der Schuld an dieser Entwicklung frei, indem er konstatiert, Kinder kämen schon schuldig zur Welt. Darin steckt die philosophische Frage nach dem Ursprung des Bösen. Die Erzählung bleibt die Auflösung dieser Frage in der konkreten Geschichte von Fipps schuldig.

Fazit:
Eine Geschichte über die unterschiedlichen Beziehung eines Vaters und einer Mutter zu ihrem Kind, über das Heranwachsen in einer kranken Welt, und die – schliesslich sterbende – Hoffnung auf eine bessere Welt. Ganz grosse Leseempfehlung!

Zur Autorin
Ingeborg Bachmann wird am 25. Juni 1926 in Klagenfurt geboren. Mit dem Einmarsch deutscher Truppen im Zweiten Weltkrieg endete nach Bachmanns Aussagen die Kindheit jä – ein Ereignis, das ihr späteres Schreiben immer wieder prägen wird. Erste Gedichte finden sich schon bei der 12-jährigen Ingeborg Bachmann. 1945 beginnt Ingeborg Bachmann ihr Studium in Literatur, Kunst und Jura in Insbruck, wechselt später nach Graz und dann nach Wien, wo sie mit Philosophie und Psychologie abschloss und 1950 eine Dissertation über Martin Heidegger schrieb. Es folgten journalistische Arbeiten, welche aber neben dem schon da dringenden Wunsch, Schriftstellerin zu sein, mehrheitlich eher als ungeliebter Brotjob anzusehen waren. Nach einer Einladung in die Gruppe 47 im Jahr 1952 konnte sie im Jahr 1953 deren Preis gewinnen, im gleichen Jahr erschien ihr erster Gedichtband «Die gestundete Zeit», 1956 der zweite mit dem Titel «Anrufung des Grossen Bären». Damit stand ihr Ruhm als eine der bedeutendsten Lyrikerinnen der literarischen Moderne fest, was aber leider finanziell zu wenig einträglich war, um davon zu überleben.

Es folgten mehrere Stellen, dem finanziellen Überleben geschuldet, sowie diverse Umzüge, welche wohl finanzielle und andere, der persönlichen Unrast und privatem Unglück geschuldete Gründe hatten. Über die Jahre finden sich verschiedene Liebschaften, denen allesamt wenig (und vor allem kein anhaltendes) Glück beschieden war. Irgendwann versiegten bei Ingeborg Bachmann die Gedichte, sie widmete sich Prosawerken, später einem gross gedachten Romanprojekt, von welchem aber nur ein Roman wirklich fertiggestellt wurde: 1971 erschien Malina.

Die zunehmenden psychischen Probleme, die sie immer wieder plagten, gepaart mit Alkoholexzessen und Tablettenabhängigkeiten verdüsterten das Leben der Dichterin zunehmend. Bei einem einem Feuer in ihrer Wohnung in Rom erlitt Ingeborg Bachmann starke Verbrennungen, weswegen sie ins Krankenhaus kam. Gestorben ist sie aber mutmasslich an den Entzugserscheinungen eines Medikaments, bei welchem bis zu spät nicht klar war, welches es ist. Ingeborg Bachmann starb am 17. Oktober 1973 in Rom.

Ingeborg Bachmann: Malina – eine erste Annährerung

«Seit ich diese Nummer wählen kann, nimmt mein Leben endlich keinen Verlauf mehr, ich gerate nicht mehr unter die Räder, ich komme in keine ausweglosen Schwierigkeiten, nicht mehr vorwärts und nicht vom Weg ab, da ich den Atem anhalte, die Zeit aufhalte und telefoniere und rauche und warte.»

Eine Frau lebt mit einem Mann zusammen, Malina, sie braucht ihn, da er ihr immer wieder den Boden unter die Füsse gibt, sie von der zu leidenschaftlichen, zu gefühlverlorenen, zu selbstvergessenden Ebene in die rationale Lebenswelt zurückholt. Die Frau liebt einen anderen Mann, Ivan, den sie als ihr Leben, als ihren Mittelpunkt, als Sonne ihres Seins begreift. Ohne ihn ist sie nicht, ihr Leben ist ein Warten auf seinen Anruf, ein Hoffen auf seine Zeit, ein Wissen um das Lebensende, wäre er nicht mehr.

«Es ist unmöglich, Ivan etwas von mir zu erzählen. Aber weitermachen, ohne mich ins Spiel zu bringen?»

Die Frau ist ein verwundetes Wesen, viel hat sie erlebt, viel hat sie geprägt. Sie lebt in ihren Ängsten und Unsicherheiten, sucht nach Worten, findet sie nicht, verliert sich in Gefühlen, und sucht den Halt im Aussen, bei Malina, welcher sie ins Leben holt, bei Ivan, welcher sie aus diesem Leben in einen diesem enthobenen Raum führt, wo die eigenen Unzulänglichkeiten durch die Ausrichtung auf ihn in den Hintergrund geraten. Und doch stehen sie immer wieder zwischen ihnen, lassen sich aber nicht in Worte fassen. Die Frau ist ein schreibender Mensch, einer der Worte. Damit etwas ist, muss es dafür Worte geben.

«Kopfsätze haben wir viele, haufenweise, wie die Telefonsätze, die Schachsätze, wie die Sätze über das ganze Leben. Es fehlen uns noch viele Satzgruppen, über Gefühle haben wir noch keinen einzigen Satz, weil Ivan keinen ausspricht, weil ich es nicht wage, den ersten Satz dieser Art zu machen, doch ich denke nach über diese ferne fehlende Satzgruppe, trotz aller guten Sätze, die wir schon machen können.»

Ingeborg Bachmann ist ihren Themen treu geblieben: Liebe, Tod, Angst, Mord – alles kommt vor. Bei „Malina“ handelt es sich um einen Liebesroman, wenn auch keinen im traditionellen Sinn. Generell ist nichts an diesem Roman traditionell. Das fängt bei der Dreierbeziehung an und hört bei der Sprache noch lange nicht auf. Diese ist, wie man es bei Bachmann gewohnt ist aus ihrer Lyrik, einer Suche nach einer neuen Sprache geschuldet, die mit dem bricht, was nicht mehr brauchbar ist durch die Benutzung für das grösste Grauen der Menschengeschichte, welches auf Bachmann einen tiefen und nie verschwindenden, traumatischen Einfluss hatte. Das Unsagbare liegt offen da, indem die Worte einfach ausgespart sind, sich nur aus dem Vorhandenen erahnen lassen – oder aber schlicht nicht greifbar sind, weder für den Autor noch für den Leser.

«Die Gesellschaft ist der allergrösste Mordschauplatz. In der leichtesten Art sind in ihr seit jeher die Keime zu den unglaublichsten Verbrechen gelegt worden, die den Gerichten dieser Welt für immer unbekannt bleiben.»

„Malina“ ist auch ein Buch, welches von Unsicherheiten, Angst und vor allem vom Tod handelt. Bachmanns Bild der Welt als Kriegsschauplatz, als Mörder am Menschen, dringt durch alle Zeilen, spricht aus der ganzen Geschichte heraus, zumal die Frau an sich ein durch diese Welt verletztes Wesen ist.

«Es gibt Worte, es gibt Blicke, die töten können, niemand bemerkt es, alle halten sich an die Fassade, an eine gefärbte Darstellung.»

Die Welt besteht aus viel Schein, aus einer Fassade, hinter der das Wahre verborgen bleibt. Die Frau leidet daran und hält sich aber zum Schutz auch selber verborgen, kann nicht preisgeben, was mit ihr ist, was mit ihr geschehen ist, dass sie wurde, wer sie ist.

Ingeborg Bachmann wurde oft darauf angesprochen, ob «Malina» eine Autobiografie sei. Sie verneinte dies nicht, stellte allerdings klar, dass es sich dabei nicht um eine erzählte Geschichte, sondern um einen geistigen Prozess handle. Dies zeigt sich deutlich in der Bruchstückhaftigkeit des Buches, welches aus einzelnen Szenen und gesuchten Wörtern bestehen. Ingeborg Bachmann ist es gelungen, die individuellen Erfahrungen in paradigmatisch und symbolisch erdichtete Konstellationen zu übertragen.

Während im ersten Kapitel des Buches Ivan eine tragende Rolle spielt, indem sich alles auf ihn ausrichtet, zeigt sich im zweiten Kapitel das erzählende Ich durch seine Träume klar in seiner Verletztheit. Nur durch das Mittel des Traumes war es Ingeborg Bachmann möglich, das noch nachhallende Trauma des Krieges zu thematisieren, die Träume wurden zum Schauplatz der ihr und dem erzählenden Ich innewohnenden Angst.

Im letzten Kapitel übernimmt Malina nach und nach die Oberhand, er steuert das Kapitel durch die Gespräche. Das Ich weicht nach und nach zurück, bis es in der Wand verschwindet.

«Es war Mord.»

Mit diesem Satz endet ein Roman, der eigentlich viel mehr als ein Roman ist, der so viele Ebenen hat, dass sich bei jedem erneuten Lesen eine neue offenbart, der so viele Lücken hat, dass man als Leser in sie fallen, sich in ihnen verlieren, den Anschluss wieder neu suchen muss. Er hat so viel Offenes, das man als Leser füllt. «Malina» ist geprägt durch eine poetische, durch eine mystische Sprache, die nichts einfach klar darlegt, sondern in einer fast lyrischen Form mit den Worten spielt. Worte, Symbole – alles hat eine Bedeutung und danach noch viele über die erste hinausgreifende. Es entsteht ein Netz aus Bezügen innerhalb des Werkes und darüber hinaus ins Leben der Autorin, in andere literarische Werke, zu Aussagen von Philosophen, zu geschichtlichen Ereignissen und gesellschaftsprägenden Mechanismen.

«Malina» ist kein einfacher Roman, es empfielt sich, ihn langsam zu lesen, in Bruchstücken, wie er auch geschrieben steht. Es empfiehlt sich, Pausen zu machen, nachzudenken, nochmals zu lesen. Nur so wird man als Leser wohl dem Roman gerecht. Er ist keine leichte Lektüre für nebenbei, aber eine lohnende.

Fazit:
Ein vielschichtiges, tiefgründiges, weit verzweigtes Werk, welches seine vielen Ebenen erst nach und nach preisgibt. Durch die verschiedenen möglichen Lesarten ein Buch, das man sicher mehrfach lesen kann und sogar sollte. Ganz grosse Leseempfehlung!

Zur Autorin
Ingeborg Bachmann wird am 25. Juni 1926 in Klagenfurt geboren. Mit dem Einmarsch deutscher Truppen im Zweiten Weltkrieg endete nach Bachmanns Aussagen die Kindheit jä – ein Ereignis, das ihr späteres Schreiben immer wieder prägen wird. Erste Gedichte finden sich schon bei der 12-jährigen Ingeborg Bachmann. 1945 beginnt Ingeborg Bachmann ihr Studium in Literatur, Kunst und Jura in Insbruck, wechselt später nach Graz und dann nach Wien, wo sie mit Philosophie und Psychologie abschloss und 1950 eine Dissertation über Martin Heidegger schrieb. Es folgten journalistische Arbeiten, welche aber neben dem schon da dringenden Wunsch, Schriftstellerin zu sein, mehrheitlich eher als ungeliebter Brotjob anzusehen waren. Nach einer Einladung in die Gruppe 47 im Jahr 1952 konnte sie im Jahr 1953 deren Preis gewinnen, im gleichen Jahr erschien ihr erster Gedichtband «Die gestundete Zeit», 1956 der zweite mit dem Titel «Anrufung des Grossen Bären». Damit stand ihr Ruhm als eine der bedeutendsten Lyrikerinnen der literarischen Moderne fest, was aber leider finanziell zu wenig einträglich war, um davon zu überleben.

Es folgten mehrere Stellen, dem finanziellen Überleben geschuldet, sowie diverse Umzüge, welche wohl finanzielle und andere, der persönlichen Unrast und privatem Unglück geschuldete Gründe hatten. Über die Jahre finden sich verschiedene Liebschaften, denen allesamt wenig (und vor allem kein anhaltendes) Glück beschieden war. Irgendwann versiegten bei Ingeborg Bachmann die Gedichte, sie widmete sich Prosawerken, später einem gross gedachten Romanprojekt, von welchem aber nur ein Roman wirklich fertiggestellt wurde: 1971 erschien Malina.

Die zunehmenden psychischen Probleme, die sie immer wieder plagten, gepaart mit Alkoholexzessen und Tablettenabhängigkeiten verdüsterten das Leben der Dichterin zunehmend. Bei einem einem Feuer in ihrer Wohnung in Rom erlitt Ingeborg Bachmann starke Verbrennungen, weswegen sie ins Krankenhaus kam. Gestorben ist sie aber mutmasslich an den Entzugserscheinungen eines Medikaments, bei welchem bis zu spät nicht klar war, welches es ist. Ingeborg Bachmann starb am 17. Oktober 1973 in Rom.