Hannah Arendt: Vita Activa oder Vom tätigen Leben

Inhalt

«Für den Menschen heisst Leben…’unter Menschen weilen’ (inter homines esse) und Sterben soviel wie ‘aufhören unter Menschen zu weilen’ (desinere inter homines esse).

In ihrem Werk «Vita activa oder Vom tätigen Leben befasst sich Hannah Arendt mit den menschlichen Grundtätigkeiten, damit, was Menschen tun, wenn sie leben. Sie unterteilt diese in drei Kategorien: Das Arbeiten (alles, was für den Lebenserhalt notwendig ist), das Herstellen (das Schaffen von überdauernden Gütern) und das Handeln (den Umgang von Menschen miteinander, das Tun und Sprechen zum Zwecke der Gestaltung der gemeinsamen Welt). Während Arbeiten und Herstellen notwendig sind für das Leben und Überleben in dieser Welt, ist Handeln das, was den Menschen erst wirklich zum Menschen macht. Es ist das tätige In-der-Welt-Sein als viele Menschen (Pluralität), durch welches sich das jeweilige Wer des einzelnen Menschen offenbart und sich gleichzeitig in das Wir einfügt.

Weitere Betrachtungen

«Es liegt in der Natur eines jeden Anfangs, dass er, von dem Gewesenen und Geschehenen her gesehen, schlechterdings unerwartet und unerrechenbar in die Welt bricht.»

Wir Menschen neigen dazu, das Leben als Kausalkette zu sehen. Dinge passieren, so denken wir, weil wir sie so geplant haben, weil aus dem vorher zwangsläufig dies oder jenes hervorgehen könnte. Kommt es anders, sind wir erstaunt, um dann eine neue Erklärung zu finden, wieso es so kam. Kierkegaard sagte dazu, dass sich das Leben immer nur rückwärts erklärt, aber vorwärts gelebt werden muss. 

Nun ist es nicht so, dass wir dem Leben willkürlich ausgeliefert sind, keine eigenen Entscheidungsmöglichkeiten haben, sondern uns in die Dinge fügen müssen, wie sie sich darbieten. Es hilft aber, ein kleines bisschen Demut zu bewahren, wenn Dinge gelingen, denn sie hätten durchaus auch misslingen können – das gilt für uns selbst wie auch für andere. Nicht jeder, der im Leben nicht auf der Sonnenseite steht, hat dies selbst verschuldet, es ist nicht nur Dummheit, Faulheit oder mangelnder Wille, wenn Menschen durch die gesellschaftlichen Maschen fallen, sondern oft das Leben, das Menschen mit Schicksalen bedenkt, welche diese weder erwarten noch bewältigen konnten.

Dies im Blick, ist es an uns, dafür zu sorgen, dass diese Gesellschaft so aufgebaut ist, dass sie für diese Menschen Halt bietet, dass sie schaut, dass keiner durch die Maschen fällt, dass das Grundanliegen ist, dass jeder Mensch in Würde leben kann. Wir haben nur diese eine Welt und wir können sie gemeinsam gestalten – was würde unser Leben für einen Sinn ergeben ohne sie?

«Jede menschliche Tätigkeit spielt in einer Umgebung von Dingen und Menschen; in ihr ist sie lokalisiert und ohne sie verlöre sie jeden Sinn. Diese umgebende Welt wiederum, in die ein jeder hineingeboren ist, verdankt wesentlich dem Menschen ihre Existenz…»

Hannah Arendt kritisiert die Verherrlichung der Arbeit, während das politische Handeln, welches erst eigentlich den Menschen und sein Leben in der Welt ausmacht, vernachlässigt wird. Sie betont die Notwendigkeit des Miteinandersprechens, da nur durch dieses die Möglichkeit besteht, die Welt zu gestalten.

Sie weist auf die Gefahren der modernen Massengesellschaften hin, in welchen nicht mehr Menschen miteinander sprechen, sondern die statt eines Jemands von Niemanden beherrscht werden, welche sich hinter bürokratischen Abläufen verstecken und damit jeglicher Verantwortung entgehen.

«Wo immer es um die Relevanz der Sprache geht, kommt Politik notwendigerweise ins Spiel; denn Menschen sind nur darum zur Politik begabte Wesen, weil sie mit Sprache begabte Wesen sind.»

Indem Menschen einen öffentlichen Raum schaffen, in welchem sie gemeinsam über die geteilte Welt sprechen, betreiben sie Politik und nur insofern sind sie frei.

Fazit
Ein umfassendes, scharfsinniges und tiefgründiges Buch über das menschliche Tun und was es heisst, ein verantwortungsvoller und politisch aktiver Mensch zu sein.

Hannah Arendt (eigentlich Johanna Arendt)
Geboren am 14. Oktober 1906 in Linden bei Hannover als Tochter jüdischer Eltern. Obwohl sie sich keiner religiösen Gemeinschaft anschloss, sah sie sich immer als Jüdin.
Studium bei Martin Heidegger (die Liebschaft ist wohlbekannt) und später Promotion bei Karl Jaspers. 1933 Flucht nach Frankreich, 1940 Internierung im Lager Gurs, aus welchem ihr die Flucht gelang. 1941 Ankunft in New York. Verschiedene Tätigkeiten fürs Überleben und auch aus Überzeugung, daneben Publikation mehrerer Artikel. Später Lehrtätigkeit und mehrere für die Philosophie herausragende Werke (Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Eichmann in Jerusalem, Vita Activa). Sie stirbt am 4. Dezember 1975 in New York.

Hannah Arendt: Rahel Varnhagen. Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik

Inhalt

„Was mich interessierte, war lediglich, Rahels Lebensgeschichte so nachzuerzählen, wie sie selbst sie hätte erzählen können. Warm sie selbst sich, im Unterschied zu dem, was andere über sie sagten, für ausserordentlich hielt, hat sie in nahezu jeder Epoche ihres Lebens in sich gleichbleibenden Wendungen und Bildern, die alle das umschreiben sollten, was sie unter Schicksal verstand, zum Ausdruck gebracht.“

Hannah Arendt erzählt die Lebensgeschichte der Rahel Varnhagen und gibt dabei sehr viel von sich selbst preis. Die Suche nach dem eigenen Platz in der Welt ist nicht nur Lebensthema bei Rahel Varnhagen, sie durchzieht auch Hannah Arendts (politisches) Denken. Hannah Arendt begann 1930 mit der Arbeit an diesem Buch, 1933 verliess sie Deutschland, das durch die politischen Umstände nicht mehr ihr Zuhause bleiben konnte. Zu dem Zeitpunkt hatte sie das Buch über Rahel Varnhagen bis auf die zwei letzten Kapitel geschrieben.

Arendt bettet Rahels Geschichte ein in die die sie umgebende Zeit der Romantik, sie beleuchtet ihren Charakter mit den Stilmitteln ihrer Zeit, verweist auf verwandte (Frauen)Schicksale und Freundschaften zu Männern. Aus Briefwechseln und Aussagen anderer zu Rahels Person zeichnet sie das Bild einer im Inneren einsamen Frau, die sich selbst und ihren Platz in der Welt sucht, zu der sie nicht dazuzugehören scheint. Sie beschreibt eine Frau, die krampfhaft versucht, das von Geburt ihr anhaftende Stigma des Jüdischseins abzuschütteln, die aber bei jedem Anpassungsversuch an die nichtjüdische Welt scheitert.

„Es gibt keine Assimilation, wenn man nur seine eigene Vergangenheit aufgibt, aber die fremde ignoriert. In einer im grossen Ganzen judenfeindlichen Gesellschaft […] kann man sich nur assimilieren, wenn man sich an den Antisemitismus assimiliert.“

Erst als Rahel sich selbst als Jüdin anerkennen kann, steht ihr der Weg in die Gesellschaft wirklich offen und sie kann als politisches Wesen agieren. Diese Einsicht am Ende ihres Lebens hilft Rahel, aus ihrer eigenen Selbstverleugnung herauszutreten.

Weitere Betrachtungen

„Die Flucht in die Fremde ist der verzweifelte Versuch, nocheinmal geboren zu werden.“

Die „Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik“ ist eine Geschichte des Ausgestossenseins. Es ist die Geschichte einer Frau, die sich nichts mehr wünscht, als dazuzugehören und dafür sich selbst aufzugeben bereit ist, nur um zu merken, dass auch das nicht ganz reicht. Zu Hause, wo man sie kennt, haftet ihr immer ihre Geschichte, ihre (jüdische) Geburt an. Erst als sie ins Ausland, nach Paris, geht, fällt dies teilweise ab und sie erhält die Chance, sich neu zu erfinden. Durch ihre Heirat und den Erfolg ihres Mannes, an dem sie massgeblich beteiligt ist, ist sie in eine neue Gesellschaftsschicht geraten, in welcher sie sich endlich dazugehörend fühlt, ohne durch den Makel ihrer Herkunft befleckt zu sein. Doch auch da holt sie Judentum ein.

„Wenn man ganz allein ist, ist es schwer, zu entscheiden, ob Anderssein Makel oder Auszeichnung ist.“

 Rahel Varnhagen ist in eine Zeit hineingeboren, welche klare Vorstellungen davon hat, wie Mädchen und Jungen aufwachsen sollen, was ihre Rolle in der Gesellschaft sein wird und was sie dafür später brauchen. So wird Rahel keine Bildung zuteil, dass sie nicht eben ansehnlich und ohne finanzielle Mittel ist, schmälert die Aussicht auf eine Heirat. Der Zugang zu praktisch allem war Frauen verwehrt, was sie zu umgehen vermag durch ihren eigenen Salon, in welchem die Geistesgrössen der damaligen Gesellschaft verkehren und Rahel immer wieder für kurze Zeit das Gefühl geben, ein Teil von ihnen zu sein. In der Tat ist die junge Frau durchaus intelligent, mit Witz und Tiefsinn begabt, schafft es aber nicht, ein wirkliches Selbstbewusstsein daraus abzubilden, weshalb sie zeitlebens auf die Bestätigung von aussen angewiesen und davon abhängig bleibt.

Die vielen Verweise auf Rahel Varnhagens Zeitgenossen, der philosophisch tiefe Blick in deren Denken, Handeln und Sein in einer Zeit, die genauso detailliert durchdrungen wird, macht dieses Buch zu einer eher schwierigen Lektüre. Es zeichnet das Bild einer Frau, die weder schön noch charmant ist, die sich selbst verleugnet und sich ihrer selbst schämt. Rahel Varnhagen ist eine Frau, die trotz klarem Blick auf die Gesellschaft sich selbst nicht in ihr verhaften kann und immer am Rande und allein bleibt. Trotzdem übt sie eine Faszination auf ihre Umwelt aus, wird als scharfe und individuelle Denkerin erkannt. Sie setzt nie auf Hergebrachtes oder Überliefertes, sie sucht selbst nach der Wahrheit, indem sie selbst denkt. Sie löst sich von einer historisch gegebenen Welt, indem sie unbeschwert auf das schaut, was ist und versucht, vorurteilslos an die Dinge heranzugehen.

„Rahel stand immer als Jüdin ausserhalb der Gesellschaft, war ein Paria und entdeckte schliesslich, höchst unfreiwillig und höchst unglücklich, dass man nur um den Preis der Lüge in die Gesellschaft hineinkam, um den Preis einer viel allgemeineren Lüge als die der einfachen Heuchelei; entdeckte, dass es für den Parvenue – aber eben auch nur für ihn – gilt, alles Natürliche zu opfern, alle Wahrheit zu verdecken, alle Liebe zu missbrauchen, alle Leidenschaft nicht nur zu unterdrücken, sondern schlimmer, zum Mittel des Aufstiegs zu machen.“

Anhand von Rahels Geschichte wird die Unterscheidung zwischen Paria und Parvenue deutlich gemacht, den zwei Wegen, die ein Jude in der Welt einschlagen kann. Insofern ist das als Biographie gedachte Buch zugleich die Geschichte der jüdischen Emanzipation in einer Zeit des aufkeimenden Antisemitismus, aber auch die der Suche nach der weiblichen Identität in einer Zeit, da diese schwer öffentlich zu leben war.

„Worauf es ihr ankam, war, sich dem Leben so zu exponieren, dass es sie treffen konnte ‚wie Wetter ohne Schirm’.“

Die Suche nach Bestätigung von aussen kann schmerzhaft sein, wenn diese ausbleibt und man nichts in der Hand zu haben scheint, das dies ändern kann. Das eigene Sein als ein anderes Sein, als eines, das von denen, die dazugehören, als das andere und damit das Falsche, nicht Passende gewertet wird, wird zum Stigma und zur Wunde des Betroffenen. Der Versuch, sich zu verbiegen, das Eigene aufzugeben zugunsten einer Anpassung (als Parvenue), ist zum Scheitern verurteilt, vor allem dann, wenn das Eigene doch im Innern weiterlebt und leben will, wenn die Anpassung eine rein äusserliche bleibt. Dann bleibt man innerlich ein Paria, der nur zum Schein Parvenue ist, was zur Zerrissenheit führt. Der einzige Weg aus dem heraus ist insofern, mit sich selbst ins Reine zu kommen, das eigene Sein anzunehmen und sich selbst so die Bestätigung zu geben, die man zum Leben braucht.

„Ohne Kulisse kann der Mensch nicht leben.“

Das geht zwar nicht im losgelösten Raum, ohne andere Menschen, aber man kann sich wohl dahingehend vor Schmerz schützen, dass man sich diesen Raum passend aussucht und nicht versucht, sich in einen unpassenden hineinzuverbiegen.

Fazit:
Eine historische, philosophische und biographische Sicht auf eine Zeit, auf das Leben einer Frau in dieser Zeit. Sehr empfehlenswert, allerdings keine leichte Lektüre.

Zur Autorin:
Hannah Arendt (eigentlich Johanna Arendt)
Geboren am 14. Oktober 1906 in Linden bei Hannover als Tochter jüdischer Eltern. Obwohl sie sich keiner religiösen Gemeinschaft anschloss, sah sie sich immer als Jüdin.
Studium bei Martin Heidegger (die Liebschaft ist wohlbekannt) und später Promotion bei Karl Jaspers. 1933 Flucht nach Frankreich, 1940 Internierung im Lager Gurs, aus welchem ihr die Flucht gelang. 1941 Ankunft in New York. Verschiedene Tätigkeiten fürs Überleben und auch aus Überzeugung, daneben Publikation mehrerer Artikel. Später Lehrtätigkeit und mehrere für die Philosophie herausragende Werke (Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Eichmann in Jerusalem, Vita Activa). Sie stirbt am 4. Dezember 1975 in New York.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 363 Seiten
Verlag: Piper Verlag (17. Auflage März 2013)
ISBN-Nr: 978-3492202305
Preis: EUR 12.99; CHF 16.90

Michael J. Sandel: Gerechtigkeit. Wie wir das Richtige tun

Inhalt

„Es geht um die Frage, wie man die Einstellungen, Voraussetzungen und Charaktereigenschaften kultiviert, die in einer guten Gesellschaft wünschenswert sind.“

Der Philosoph Michael J. Sandel, Professor in Harvard, widmet sich in diesem Buch einer grundlegenden Frage, der der Gerechtigkeit. Anhand von aktuellen Ereignissen legt er die Konflikte dar, die entstehen können, wenn es darum geht, eine Entscheidung zu treffen, wie wir handeln sollen. Steht die Gemeinschaft zuvorderst und wir müssen nach dem grösstmöglichen Nutzen derselben trachten? Damit wären wir bei der Position der Utilitaristen. Auf der anderen Seite steht das Interesse des Individuums. Ist es legitim, ihm in Form von Steuern etwas wegzunehmen, um andere damit zu unterstützen?

Was ist gerecht und was zeichnet richtiges Handeln aus? Woher stammen die Kriterien, die wir anwenden, um dies zu entscheiden? Können wir rechtlich zur Solidarität verpflichtet werden oder müsste Hilfe immer ein freiwilliger Akt sein? Diese und weitere Fragen rollt Michael J. Sandel auf und analysiert die möglichen Antworten auf einer fundiert abgestützten Basis. Er legt gut verständlich die massgebenden Positionen von Kant, Rawls und Aristoteles dar, verweist auf die Utilitaristen Bentham und Mill, denen er die Position Nozicks entgegenstellt. Er vergleicht den voluntaristischen Entwurf der Person mit einem narrativen und entwickelt aus all dem eine Theorie des richtigen Handelns, wie es in einer nach Gerechtigkeit strebenden Gesellschaft gelebt werden sollte.

Weitere Betrachtungen
Sandel konstatiert generell, dass wir immer mehr materiellen statt moralischen Werten nachhängen, und propagiert eine Verschiebung zurück zu den Werten, weg von den Dingen. Damit negiert er nicht die Relevanz materieller Güter, im Gegenteil, er zeigt auf, wie die (fehlende) Verteilungsgerechtigkeit durchaus weitreichende Konsequenzen hat.

„Eine zu grosse Kluft zwischen Reich und Arm untergräbt die Solidarität, die für eine demokratische Bürgerschaft unerlässlich ist. Aufgrund der grossen sozialen Ungleichheit entfernt sich die Lebenswelt der Reichen zunehmend von jener der Armen.“

Damit zieht Sandel eine direkte Linie von der Ungleichverteilung der Güter hin zum Gemeinwohl. Die Ungleichverteilung lässt also nicht nur die Armen leiden, sondern sie hat Auswirkungen auf die ganze Gemeinschaft, welche die immer grösser werdende Kluft nicht nur im sozialen Miteinander, sondern auch in der Ausübung der Bürgerpflichten, welche für eine lebendige demokratische Gemeinschaft wichtig wären, spürt.

„Einrichtungen, die einst Menschen zusammenbrachten und als informelle Schulen staatsbürgerlicher Tugenden dienten, werden immer seltener. Die Aushöhlung des öffentlichen Raums erschwert es, die Solidarität und den Gemeinschaftssinn zu pflegen, von denen eine demokratische Zivilgesellschaft abhängt.“

Gerechtigkeit. Wie wir das Richtige tun ist ein sehr fundiertes, klar durchdachtes und leicht lesbares Buch, welches die vielleicht wichtigste Frage des individuellen wie des sozialen Lebens verständlich an aktuellen Beispielen aufrollt und analysiert. Sandel stellt die unterschiedlichen philosophischen Ansätze des liberalen Egalitarismus, des Libertarianismus, des Utilitarismus sowie die Moralkonzeption Kants und Aristoteles’ fair nebeneinander, erläutert ihre Vor- und Nachteile und schält so langsam einen Begriff der Gerechtigkeit heraus. Schlussendlich präsentiert er seine eigene Position, welche an Aristoteles und Alasdair McIntyre anlehnt und am amerikanischen Kommunitarismus orientiert ist. Kernpunkt dieser Theorie ist sicher der am Gemeinwohl orientierte Dialog aller Menschen, die einander als Menschen verpflichtet sind.

Persönlicher Bezug
Es gibt wenige Bücher, die auf so gut lesbare Weise so viel Tiefe und fundiertes Denken an den Tag legen. Michael J. Sandel gelingt es, anhand von vielen anschaulichen Beispielen die grundlegenden Fragen danach zu stellen, was wir tun sollen, wie wir leben sollen, um ein gutes Leben zu ermöglichen für alle. Er legt den Finger in die Wunden der heutigen Gesellschaften, bespricht die fehlende Bereitschaft zur Teilhabe an der Demokratie, wodurch die Mittel fehlen, die nötig wären, das Land zu gestalten und die Frage, was wir tun sollen und können, mit zu beantworten.

Er zeigt, was es bedeutet, wenn einige immer mehr und andere immer weniger haben. Nicht nur leiden die Armen unter ihrer Situation, diese Ungleichheit hat einen massgeblichen Einfluss auf das ganze System: Es driftet auseinander, und das nicht nur finanziell, sondern auch in der Haltung. Wie soll man Solidarität mit jemandem empfinden, der so weit von einem weg ist? Wieso sich kümmern, wenn man gar keinen Bezug mehr hat? Und wenn ein Problem ansteht, das alle miteinander betrifft, kämpfen sie in Lagern gegeneinander, statt solidarisch miteinander für die wichtige Sache. Es ist Zeit, aufzuwachen und diesen Riss zu kitten, der sich durch die Gesellschaft bahnt. Gerechtigkeit ist der Leim dazu.

Fazit
Ein sehr fundiertes, gut strukturiertes, gut verständlich geschriebenes Buch zu einem grossen und schwierigen, nichtsdestotrotz wichtigen Thema.

Zum Autor:
Michael J. Sandel, geboren 1953, ist politischer Philosoph. Er studierte in Oxford und lehrt seit 1980 in Harvard. Seine Vorlesungsreihe über »Justice« machte ihn zum weltweit populärsten Moralphilosophen.

Terry Eagleton: Der Sinn des Lebens

Inhalt

„Weil das Leben […] keinen vorgegebenen Sinn hat, ist der Weg für den einzelnen Menschen frei, ihm jeden Sinn zu geben, den er möchte. Wenn unser Leben einen Sinn hat, dann einen, den wir selbst ihm geben, und nicht einen, der fertig vorgegeben wäre… Wir [sind] Urheber und Autoren unserer selbst.“

Es gibt einige Fragen, die sind so alt wie die Menschen selber, sie haben Philosophen beschäftigt, seit es diese gibt. Die Frage nach dem Sinn ist eine davon. Aristoteles sah den höchsten Sinn des Lebens in der Glückseligkeit, die es zu erreichen gilt, nachfolgende Denker fanden die verschiedensten sinngebenden Dinge, bis hin zu Sartre, der im Leben gar keinen Sinn mehr sah ausser dem, den man diesem selber gibt.

Terry Eagleton schafft es auf humorvolle, kurzweilige Art, die Sinnfrage neu aufzurollen und sie auf Herz und Nieren zu prüfen. Eine abschliessende Antwort findet er nicht, aber er liefert höchst unterhaltsam Einblicke und Gedankenanstösse. Als Fazit könnte vielleicht folgendes gelten:

„Der Sinn des Lebens ist nicht die Lösung eines Problems, sondern eine bestimmte Art, zu leben. Er ist nicht metaphysisch, sondern ethisch. Er ist … das, was das Leben lebenswert macht, d.h. eine bestimmte Qualität, Tiefe, Fülle und Intensität des Lebens.“ „Sinn ist .. ein auf Dauer unabgeschlossener Prozess.“

Weitere Betrachtungen

„Es gibt einen häufig genannten Grund, weshalb manche Denker die Frage nach dem Sinn des Lebens selbst für eine sinnlose Frage halten: Sinn sei eine Sache der Sprache und nicht der Dinge. Er sei keine Eigenschaft von Dingen wie etwa die Textur, das Gewicht oder die Farbe, sondern habe damit zu tun, wie wir über Dinge reden…. Nach dieser Theorie können wir dem Leben durch unser Reden einen Sinn geben, aus sich selbst heraus kann es keinen haben.“

Der Mensch denkt, so lange er lebt. Das merkt man, wenn man denkt, nicht mehr denken zu wollen, zum Beispiel bei einer Meditation. Dann erst fällt einem auf, was einem die ganze Zeit meist unbewusst durch den Kopf schiesst. Leben ohne zu denken ist ein Ding der Unmöglichkeit, da wir die Welt nur denkend – und das ist durch Sprache – erfassen. Erst wenn wir sie denken können, befinden wir uns in der Welt. Erst wenn wir sie benennen können, haben wir eine Beziehung zu derselben.

Insofern ist Sinn immer auch ein sprachliches Phänomen, eines der eigenen sprachlichen Verortung in der Welt.

„Über die Welt nachzudenken ist Teil unserer Art, in der Welt zu sein.“

Persönlicher Bezug

„Die grosse Sinnfrage taucht meist in Zeiten auf, in denen wir bislang als gesichert geltende Rollen, Überzeugungen und Konventionen in eine Krise geraten.“

Wenn das Leben gut läuft, keine Probleme aufwirft, ist die Sinnfrage wohl selten sehr präsent – ausser man stellt sie sich als Philosoph quasi beruflich. Im alltäglichen Leben taucht sie dann auf, wenn die Dinge nicht mehr laufen, wie man sie gerne hätte, wenn Unglück oder Leid über einen hereinbricht und man sich fragt: Wozu das Ganze, warum? Man sucht einen Sinn in allem, was passiert, um es dann einordnen und dadurch besser damit umgehen zu können.

Wenn wir etwas Sinn zusprechen, können wir es besser annehmen, weil es eine Bedeutung bekommt, mit der wir etwas anfangen können. Dann haben wir eine Art, die Dinge zu fassen und gewinnen dadurch eine Hoffnung, damit umgehen zu können. Sinn ist also auch etwas, das hilft, das Leben zu leben, weil es dieses fassbar macht und ihm dadurch gefühlt etwas von der Willkür nimmt, die man sonst fürchten müsste.

Fazit
Ein unterhaltsames, differenziertes und gut lesbares Buch über den Sinn des Lebens, wieso es ihn nicht gibt und wir ihn trotzdem finden können. Sehr empfehlenswert.

Autor
Terry Eagleton ist Professor für Englische Literatur an der University of Manchester und Fellow der British Academy. Der international gefeierte Literaturwissenschaftler und Kulturtheoretiker hat über 50 Bücher verfasst. Auf Deutsch liegen u.a. vor Der Sinn des Lebens (2008), Das Böse (2011), Warum Marx recht hat (2012) und Hoffnungsvoll, aber nicht optimistisch (2016).

Angaben zum Buch
Herausgeber: List Taschenbuch; 6. Edition (13. Januar 2010)
Taschenbuch: 160 Seiten
Übersetzung: Michael Bischoff
ISBN-Nr.: 978-3548609430

Seyda Kurt: Radikale Zärtlichkeit

Warum Liebe politisch ist

Inhalt

„Ich schreibe, weil mich die Welt zutiefst beunruhigt. Buchstaben machen die Unruhe für mich fassbar. Und ich schreibe, weil ich Veränderung will.“

Wer glaubt, dass Liebe Privatsache ist, täuscht sich gewaltig. Liebe findet nicht im luftleeren Raum statt, Liebende sind keine unbeschriebenen Blätter. Durch die kulturelle und gesellschaftliche Prägung haben wir alle Muster und Bilder verinnerlicht, die wir in unsere Liebe, in unser Begehren hineintragen. Wen wir begehren oder begehren dürfen, ist oft von ganz vielem gesteuert. Und wehe, wenn unser Lieben nicht dem entspricht, was der gesellschaftlichen Norm entspricht, dann sind wir in Gefahr, Diskriminierung und Gewalt zu erleben.

Seyda Kurt erzählt einerseits ihre eigene Geschichte mit den lange verinnerlichten Mustern, die es für sie zu durchbrechen galt. Andererseits beleuchtet sie die althergebrachten Beziehungsmodelle und plädiert für einen Bruch mit diesen, um eine gerechtere Gesellschaft ohne Diskriminierungen zu schaffen.

Weitere Betrachtungen

„Strukturelle Privilegien legen sich gleichsam wie eine Schutzschale um manche Körper und bewahren sie davor, gewisse Formen der Gewalt zu erfahren.“

Wer der gängigen Norm entspricht, lebt in einer sehr privilegierten Welt, in welcher er von Gewalt, Abwertung und Diskriminierung verschont ist. Oft sind wir uns dessen nicht bewusst und tragen sogar noch dazu bei, diese toxischen Strukturen aufrecht zu erhalten. Seyda Kurt zeigt auf, inwiefern die landläufig als normal angesehene monogame, heterosexuelle Beziehung sich als Normalität in unseren Köpfen und in unserem Begehren eingenistet hat, und sie ruft dazu auf, damit zu brechen.

Die aktuell sehr breit vertretene Auffassung, dass eine offene Beziehung, mehrere Partner und homosexuelle Erotik die freie und wirklich gefühlte Form sei, die monogame heterosexuelle nur alten Mustern und Zwängen aufsitzt, hat auch in diesem Buch wieder eine Vertreterin. Es mutet dabei komisch an, in einem Plädoyer für mehr Offenheit und Toleranz auf die Verurteilung des von der Autorin als nicht mehr der Zeit entsprechenden Beziehungsmodells zu stossen. Ich bin durchaus der Meinung, dass jeder auf seine Weise den von ihm gewünschten Menschen (oder auch mehrere) lieben soll, nur sollte das alle Formen beinhalten, auch die monogame heterosexuelle, die nicht immer nur auf Mustern, nicht wahrem Begehren fusst.

„Jemand kann dich lieben und dich gleichzeitig unterdrücken, dich nicht beachten, wenn du deine Stimme erhebst. Es ist Zeitverschwendung, immer auf die Liebe zu verweisen. Stattdessen müssen wir auf die ungleiche Verteilung von Macht verweisen, die hierarchischen Strukturen auflösen, in denen die einen immer unten und die anderen immer oben stehen.“

Es gibt immer wieder Stimmen, welche die Liebe allmächtig sehen. Wenn nur die Liebe da ist, wird alles gut. Leider ist das zu kurz gedacht. Auch in Liebesbeziehungen kann es zu Gewalt kommen, auch in Liebesbeziehungen können Hierarchien existieren, auch in Liebesbeziehungen kann einer unterdrückt werden. Dies muss nicht aus mangelnder Liebe oder Boshaftigkeit geschehen, es können auch tief verinnerlichte Muster und Veranlagungen Auslöser von all dem sein. Oft passiert ganz viel davon unbewusst, wird von beiden (allen) Beteiligten nicht wahrgenommen. Dagegen können wir nur angehen, wenn wir uns dieser Möglichkeiten bewusster werden, wenn wir hinschauen, wie und was wir eigentlich leben, und uns immer auch fragen, ob wir das so wirklich wollen oder aber nur hinnehmen, weil es „normal“ ist, oder wir nicht wüssten, wie wir es anders haben könnten.

„Ich kann und will Diskriminierungen nicht gegeneinander aufrechnen… Privilegien sind oft formbar, anpassungsfähig, mehrdeutig. Sie sind nicht universell. Ihre politische Wirkkraft ist stark gekoppelt an Kontexte und historische Gegebenheiten.“

Es gibt verschiedene Gründe für Diskriminierung: Hautfarbe, Geschlecht, Religion, sexuelle Ausrichtung, etc. Sie wirken sich in verschiedenen Situationen verschieden aus. Oft treten sie auch kombiniert auf. Hierarchien zu schaffen, welches die am schlimmsten betroffenen Opfer seien, dient der Sache nicht, da sie nur Spaltung unter den Opfern provoziert, statt diese zu vereinen im gemeinsamen Kampf gegen Diskriminierung auf allen Ebenen. Intersektionalität ist gefragt, nicht Hierarchie oder neue Formen des Ausschlusses.

Persönlicher Bezug

„Je konkreter ich meine Bedürfnisse formuliere, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich und andere Menschen sie befriedigen können. Desto verständlicher mache ich für mich und andere Menschen Verletzungen, an denen ich leide. Vielleicht hilft es mir zu heilen.“

Ich neige dazu, meine Bedürfnisse hintenan zu stellen und schweigend die anderen zu erfüllen. Ich merke zwar, dass ich innerlich ab und zu damit an Grenzen stosse, doch es fällt mir schwer, das zu durchbrechen, da ich ja genügen möchte, es den anderen recht machen möchte. Auf Dauer geht das selten gut, die eigene Unzufriedenheit wächst, weil man sich nicht gesehen fühlt, weil man zu kurz kommt. Und irgendwann ist auch das Fass voll und es kommt zu einer Reaktion, die aus dem Anstau von unbefriedigten Bedürfnissen resultiert und in der aktuellen Situation nicht angemessen ist.

„Doch gerade im Kontext romantischer Liebe habe ich oft Angst, konkret zu werden. Denn je konkreter ich formuliere, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass meine Bedürfnisse jenen anderer Menschen widersprechen. Dass ich vielleicht verurteilt werde.“

Schweigen aus Angst, abgelehnt zu werden – das ist der sicherste Weg ins Unglück. Und doch erscheint es oft als einfachster Weg.

Für mich hat das Buch ein paar interessante Einblicke gewährt, ein paar Denkanstösse gegeben, es brachte aber wenig Neues (Bücher rund um die Themen boomen grad, ich habe ja einige besprochen in der letzten Zeit, und sie erzählen alle in etwa das gleiche) und war mir teilweise zu sehr auf neue Beziehungsformen ausgerichtet und zu verallgemeinernd ablehnend gegenüber anderen.

Fazit
Ein gut lesbares Buch über die Liebe, Liebesformen und die Bedeutung von gesellschaftlichen Strukturen für dieselbe.

Autorin
Şeyda Kurt, geboren 1992 in Köln, studierte Philosophie, Romanistik und Kulturjournalismus in Köln, Bordeaux und Berlin und ist Journalistin und Moderatorin. Sie schreibt unter anderem für taz. Die Tageszeitung und ZEIT ONLINE. In der Kolumne Utopia bespricht sie für das Theater-Onlinemagazin nachtkritik.de kulturelle Repräsentationen von Liebe und Zärtlichkeit auf Theaterbühnen. Auf Twitter schreibt sie unter @kurtsarbeit über politische und soziologische Belange.

Angaben zum Buch
Herausgeber: HarperCollins; 7. Edition (20. April 2021)
Taschenbuch: 224 Seiten
ISBN-Nr.: 978-3749901142

Julia Cruschwitz/ Carolin Haentjes: Femizide. Frauenmorde in Deutschland

Inhalt

„Frauenmord ist keine Familientragödie.
Frauenmord ist keine Beziehungstat.
Frauenmord ist kein Eifersuchtsdrama.
FRAUEN WERDEN GETÖTET, WEIL SIE FRAUEN SIND.
ES HEISST FEMIZID.“

Jeden dritten Tag wird in Deutschland eine Frau von ihrem (Ex-)Partner getötet, einfach weil sie eine Frau ist. Jeden zweiten Tag versucht ein Mann, seine (Ex-)Partnerin zu töten – und das sind nur die bekannten Fälle. Viele Kinder werden durch solche Taten traumatisiert, weil sie dabei sind, oder auch umgebracht. Hunderte Kinder werden so jedes Jahr zu Halbwaisen.

Julia Cruschwitz und Carolin Haentjes wollen mit ihrem Buch „Femizide“ aufrütteln und ein Thema ins Bewusstsein bringen, welches viel zu wenig bekannt ist. Sie haben dazu mit Menschen aus relevanten Gebieten wie der Wissenschaft, der Polizei, Sozialarbeit oder dem Rechtssystem geredet, liessen betroffene Überlebende zu Wort kommen und analysierten Studien.

Wir haben ein Problem, aber es ist lösbar – mit den nötigen Massnahmen auf verschiedenen Ebenen. Julia Cruschwitz und Carolin Haentjes zeigen sie auf.

Weitere Betrachtungen

„Die Ursache der Gewalt […liegt] in gesellschaftlichen Strukturen. Männliche Machtansprüche seien in der Gesellschaft immer noch akzeptiert, die Geschlechterrollen hätten sich in der Tiefe nicht verändert, beispielsweise sei es immer noch ungewöhnlich, wenn eine Frau mehr verdiene als ihr Mann oder gesellschaftlich höher stehe, und viele Männer hätten ein Problem damit.“

Femizide sind nicht nur einzelne Gewalttaten, auch hier haben wir es mit einem strukturellen Problem zu tun. Noch immer herrscht in vielen Köpfen das alte Rollenbild der männlichen Dominanz vor, der Mann hat das starke Geschlecht auf allen Ebenen zu sein, die Frau ihm unterlegen und von ihm beschützt. Wenn ein so denkender und fühlender Mann nun in eine Situation kommt, in welcher er seine Rolle in Gefahr sieht, muss er sich wehren, das gebührt seiner Männlichkeit und seiner Ehre. Nun ist dieses Rollenbild nicht bei allen Männern gleich stark (oder überhaupt noch da) und nicht jeder mit einem solchen wird seine Partnerin irgendwann umbringen, aber das Rollenbild birgt eine Gefahr in sich, die im schlimmsten Fall tödlich ausgehen kann. Aus diesem Grund ist es wichtig, diese Rollenbilder ins Bewusstsein zu bringen und sie durch neue, gleichberechtigtere zu ersetzen.

„In der Mehrzahl der Fälle wurde mit erheblichem Aufwand reflektiert, geplant und entschlossen gehandelt… In mehr als 90% der Tötungen kam es im Vorfeld zu Stalking – das ist ein untrügliches Warnzeichen für mögliche Gewalt. Ein weiteres, starkes Warnsignal sei es, wenn Männer massive Kontrolle während der Beziehung auf ihre Partnerin ausübten.“

Femizide passieren selten aus dem Nichts und auch kaum je spontan. Sie werden von langer Hand geplant, aus einer Wut heraus, aus Berechnung, aus dem Gefühl, dass diese Frau nicht mehr zu leben verdient, weil sie eben diese Frau ist. Oft wird fälschlicherweise angenommen, in der Beziehung vorher müsste es schon zu Gewalt gekommen sein, damit die Gefahr eines Femizids gegeben sei. Was oft schon während der Beziehung passiert, ist eine sich steigernde Dominanz des Mannes der Frau gegenüber. Ihr Bewegungsradius wird eingeschränkt und kontrolliert. Dem ist nicht so. Die meisten Femizide passieren nach Trennungen, oft, wenn ein neuer Partner im Spiel ist. Im Vorfeld kam es oft zu Stalking, oft auch zu Drohungen, die leider zu wenig wahrgenommen werden, weil die Sensibilität und das nötige Wissen in dem Bereich fehlt bei den Behörden.

„Es braucht politischen Willen, damit ein Hochrisikomanagement eingeführt wird, das allen an einem Fall Beteiligten ermöglicht, die Gefahr zu erkennen und Betroffene zu schützen. Das setzt voraus, die Gefahr zu erkennen und Betroffene zu schützen. Das setzt voraus, dass auch häusliche Gewalt und Stalking als schwerwiegendes öffentliches Problem erkannt werden. Diese Haltung muss auf allen Ebenen vorhanden sein.

Persönlicher Bezug

„Verbleibt eine Frau in einer Beziehungs- oder Liebesgemeinschaft, … in der sie stets mit Misshandlungen und Demütigungen rechnen muss und aus der sie sich mit einem Mindestmass an Selbstverantwortung hätte befreien können, kann im Falle einer Körperverletzung keine staatliche Entschädigung beansprucht.“

Dies war Teil der Begründung der Ablehnung einer Entschädigung nach dem Opferentschädigungsgesetz, welches Opfern von Gewalt, welche unter gesundheitlichen Beeinträchtigungen leiden dadurch unterstützen soll. In diesem Satz zeigt sich ein grosser Teil der Problematik, nämlich das mangelnde Wissen um die Hintergründe solcher Taten. Oft geht dem versuchten Femizid eine lange Leidensstrecke der Frau voraus. Sie hat über Jahre Erniedrigungen, Gewalt und Kontrolle erfahren. Sie ist dadurch immer schwächer geworden in ihrer Selbstwahrnehmung, so dass ihr schlussendlich sowohl die Kraft wie auch der Glaube fehlt, es allein schaffen zu können. Zudem lässt ein solcher Mann seine Frau nicht einfach gehen. Entweder schafft er es, sie mit überzeugend klingenden Argumenten zu halten, oder aber er kann sie mit Drohungen in eine Angst versetzen, die jegliche Handlungsmacht der Frau auslöscht.

Das in diesem Entscheid sichtbare Unverständnis zeigt sich leider auch bei den behandelnden Behörden, so dass eine Frau, die es zur Polizei oder gar vor Gericht schafft, damit rechnen muss, nicht ernst genommen zu werden und keine dringend nötige Hilfe zu erhalten. Dafür das Risiko auf sich zu nehmen, ist doppelt schwer.

Es gibt viel zu tun, wir können das Problem der häuslichen Gewalt nicht länger ignorieren. Auf Stufe der Polizei. gibt es vielerorts Ausbildungen und Handlungsanleitungen, wodurch mehr Sensibilität und ein besserer Umgang mit diesem Problem gewährleistet ist. Sieht man teilweise Gerichtsurteile und die dahinterliegenden Begründungen (es finden sich einige in dem Buch), stehen einem die Haare zu Berge. Ich hoffe und wünsche mir, dass dieses Buch aufrüttelt, dass es an den richtigen Stellen gelesen wird und Handlungen auslöst.

Fazit
Ein analytisches, differenziertes, ausführliches Buch über Femizide, deren Hintergründe und Bedingungen sowie der offensichtlichen Mängel, die es in unserer Gesellschaft und bei unseren Behörden im Umgang damit noch gibt. Sehr empfehlenswert.

Autorin
Julia Cruschwitz studierte Kommunikationswissenschaften, Hispanistik und Literaturwissenschaften und ist seit 2003 als freie Autorin fürs Fernsehen tätig. Für ihre Beiträge wurde sie mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Carolin Haentjes arbeitet seit ihrem Studium der Politik-, Kultur- und Literaturwissenschaften als freie Journalistin und Feature-Autorin, unter anderem für das Deutschlandradio und den Mitteldeutschen Rundfunk.

Angaben zum Buch
Herausgeber: S. Hirzel Verlag GmbH; 1. Edition (25. November 2021)
Taschenbuch: 216 Seiten
ISBN-Nr.: 978-3777630298

Zoe Beck: Depression

Inhalt

– Jetzt reiss dich doch mal zusammen
– Du hast doch alles im Leben!
– Es ist völlig normal, dass man mal einen schlechten Tag hat!
– Denk einfach was Schönes!

Diese Sprüche kennt wohl jeder Depressive – und einige ähnlichen Sprüche mehr. Aus ihnen allen spricht das Unverständnis, spricht die Ungeduld mit einem Menschen, der nicht so reagiert, wie man es erwartet, einem Menschen, der im Bett liegen bleibt, nicht mehr unter die Leute mag, dem alles zuviel ist, einem Menschen, der keine Kraft mehr hat. Dieser Mensch ist krank. Er tut all das nicht nicht, weil er grad keine Lust oder einen schlechten Tag hat. Er tut sie nicht, weil er nicht mehr kann. Schon die kleinsten Dinge stellen für ihn unüberwindbare Hindernisse dar, die Tage sind düster, die Angst, dass es nie mehr hell wird, erdrückt. Angst – sie ist generell eine Begleiterin der Depression, denn die kommt selten allein. Die Angst schleicht sich in alle Bereiche, sie ist grundlos und doch so präsent. Es kann die Angst vor Menschen, vor Räumen, vor Strassen, vor öffentlichen Verkehrsmitteln sein, die Angst einzuschlafen, weil man fürchtet, nie mehr aufzuwachen.

Über all das schreibt Zoe Beck in diesem einerseits persönlichen und doch sehr informativen und sachlichen Buch. Sie beschreibt die Zustände, in welchen sich depressive Menschen befinden, von den Reaktionen auf diese. Sie schreibt von möglichen Behandlungsmethoden und Medikationen. Sie weist auf Hilfsmöglichkeiten hin und erläutert, was eine Depression eigentlich ist. Sie schreibt von ihrem Weg, offen mit der Depression umzugehen und ruft auf, diese von dem Stigma zu befreien, das sie noch immer darstellt.

Weitere Betrachtungen

„Trotz aller bestens zurechtgelegten Ausreden mir selbst und meinem Umfeld gegenüber kam es immer öfter vor, dass ich anlasslos Herzrasen bekam, dazu quälten mich Schwindel, Übelkeit und die feste innere Überzeugung, jede Sekunde zu sterben. So etwas ging nach einer Weile vorüber, kostete mich aber viel Kraft und Energie. […] und ich machte mir ununterbrochen Vorwürfe, warum ich nicht besser klarkam. Warum ich nicht so funktionierte, wie ich es von mir erwartete. Wie es allgemein von mir erwartet wurde.“

Die Depression mit allem, was sie mit sich bringt an Einschränkungen, Lasten, Leiden, ist das Eine, dazu kommt die grosse Schuld und Scham, die man fühlt als Kranker. Man fühlt sich klein und als Versager, wirft sich vor, nicht mal das Kleinste auf die Reihe zu kriegen. Man schämt sich vor den anderen und vor sich selber, denkt, ihnen und ihren Erwartungen nicht zu genügen und in ihren Augen ein Versager zu sein. Das alles macht das Leiden noch viel schlimmer, als es sowieso schon ist.

„Das Einzige, was man dann noch spürt, ist die Verzweiflung darüber, in diesem Loch zu sitzen, ohne Verbindung zum Rest der Welt. Weil es unerklärlich ist, wie man sich fühlt. Weil es keinen erkennbaren Grund dafür gibt. Weil sich Zusammenreissen und Aufraffen keine Optionen mehr sind. Es geht nicht mehr.“

Und oft weiss man selber nicht, wie einem geschieht, wenn die Kraft wieder weg ist, man nicht mehr kann, einfach alles schwarz wird. Es bleibt nur die Verzweiflung, dass es so ist, und die Angst, dass es nie mehr besser wird.

„Es ist in der Regel ein Zusammenspiel aus Erziehung, genetischer Veranlagung und den äusseren Umständen, das unser Leben bestimmt. Prägend sind dabei Grundüberzeugungen und Glaubenssätze, die mit dem Erziehungsstiel der Eltern und dem sozialen Umfeld zusammenhängen und die wir uns zu eigen machen. Daraus entwickeln wir innerpsychische Muster, mit denen wir uns auch später noch die Welt erklären.“

Es gibt nicht den einen Auslöser einer Depression, oft sind die Verläufe auch schleichend, so dass man nicht mal einen Anfangspunkt festlegen kann. Sicher tragen bestimmte Dinge zu einer Depression bei, es gibt auch Vererbungen einer solchen.

„Es gibt einen Irrglauben, der sich hartnäckig hält: „Wer von Selbstmord spricht, hat nicht vor, sich umzubringen.“ Das stimmt nicht. Wer davon spricht, hat definitiv Probleme und will und braucht Hilfe.“

Im Umgang mit Depressiven ist vor allem eines wünschenswert: Die Anerkennung ihrer Krankheit und das diese auch ernst genommen wird. Abwertende, sogenannt aufmunternde Aussagen können mehr Leiden bringen als verhindern. Aussagen von Depressiven nicht ernst zu nehmen, kann diese noch in grössere Verzweiflung führen, da sie noch mehr mit sich ins Gericht gehen, noch mehr Scham empfinden, die Abwärtsspirale der selbstanklagenden Vorwürfe noch tiefer dreht. Und: Es kann tödlich werden da, wo man einen angekündigten Selbstmord nicht ernst nimmt. Die landläufige Meinung, dass die, welche ihn ankündigen, ihn nicht ausführen, ist leider nicht richtig, ebensowenig wie es stimmt, dass ein missglückter Versuch Zeichen dafür sei, dass er nicht ernst gemeint war. Suizidgedanken kennt wohl jeder Depressive und viele setzen diese mindestens einmal im Leben um, oft mit dem Tod als Ergebnis.

Persönlicher Bezug

„Selbst Erfolge, grosse wie kleine, werden kaputtgeredet: „Wenn ich das geschafft habe, dann kann es nichts Besonderes sein.“ Nette Gesten oder Komplimente werden innerlich abgewehrt… Die inneren Strategien, alles schlechtzureden, kennt keine Grenzen. Man nimmt sich selbst nur noch als nutzlos und überflüssig wahr, eine einzige Enttäuschung, völlig wertlos, eine Zumutung für sich und andere.“

Ich habe mich in diesem Buch an vielen Stellen wiedererkannt, was etwas Erschreckendes, aber natürlich nichts Überraschendes hatte. Ich lebe mit all diesen hier geschilderten Gedanken seit knapp vierzig Jahren. Die Jahre haben mich gelehrt, dass man es überleben kann, sie haben mich gelehrt, dass es immer wieder gute Phasen gibt, und ich habe durch sie gelernt, mit all dem umzugehen. Heute lebe ich mehrheitlich gut damit und darüber bin ich sehr froh. Es gab andere Zeiten, Zeiten, die ich nie mehr erleben möchte und die ich niemandem wünsche.

Ich wünsche mir, dass dieses Buch viele Leser findet – selber Betroffene und Angehörige. Zwar wird Depression aktuell grad immer mehr zum Thema, aber sie ist noch lange nicht so „normal“ wie ein Beinbruch. Noch immer hängt psychischen Krankheiten ein Stigma an, noch immer fühlt man sich als psychisch Kranker wertlos, nicht in Ordnung, nicht gut genug, weil nicht normal. Es wäre schön, wenn zum Leid der Krankheit nicht noch das der Zuschreibungen hinzukäme.

Fazit
Ein wichtiges Buch, ein persönliches Buch, ein Buch, das fundierte Informationen, mögliche Medikationen, Behandlungen und weitere Hilfen bietet zum Thema Depression. Sehr empfehlenswert.

Autorin
Zoë Beck, geb. 1975, ist Schriftstellerin, Übersetzerin, Dialogbuchautorin und Dialogregisseurin sowie Verlegerin von CulturBooks. Zuletzt erschien ihr Roman »Paradise City« (2020)

Angaben zum Buch
Herausgeber: Reclam, Philipp, jun. GmbH, Verlag (7. Mai 2021)
Taschenbuch: 100 Seiten
ISBN-Nr.: 978-3150205754

Svenja Flasspöhler Sensibel

Über moderne Empfindlichkeit und die Grenze des Zumutbaren

Inhalt

„Offenbar sind wir mehr denn je damit beschäftigt, das Limit des Zumutbaren neu zu justieren. Doch fährt sich der Diskurs hierüber zunehmend fest: Liberale und Egalitäre, Rechte und Linke, Alte und Junge, Betroffene und Nicht-Betroffene stehen sich unversöhnlich gegenüber.“

Wir leben in einer Gesellschaft, die durch zunehmende Sensibilisierung um gegenseitige Anerkennung kämpft, die Menschen in ihrer Verletzlichkeit schützen will und dafür Mittel und Wege findet im Umgang miteinander in verschiedenen Bereichen. Svenja Flasspöhler streicht die Errungenschaften dieser Haltung heraus, beleuchtet aber auch kritisch ihre Gefahren:

Entmündigt eine Gesellschaft, die alles unternimmt, Verletzungen zu vermeiden, nicht auch das Individuum, da es dieses aus der Pflicht der Selbstbehauptung und Selbstermächtigung nimmt und es als hilfloses Opfer äusserer Umstände betrachtet? Müsste im Kampf um Emanzipation und Gleichberechtigung nicht auch das Individuum selber seine Widerstandskraft trainieren?

Entstanden ist ein gut lesbares, informatives, differenziertes Buch über die Möglichkeiten, wie ein Weg in eine gleichberechtigte Gesellschaft gelingen kann, welcher immer ein gemeinsamer sein muss.

Weitere Betrachtungen

„Unbestritten gehört es zu den Errungenschaften der Emanzipation, dass man Menschen nicht auf ihr Geschlecht reduziert, sondern für das anerkennt, was sie können und machen. Wenn es gelänge, das generische Maskulinum als universale, geschlechtsunabhängige Bezeichnungspraxis zu nehmen, die es rein formal eben ist: Böte es dann nicht ein erstaunliches emanzipatorisches Potenzial – und zwar gerade durch seine umfassende Bezeichnungskraft, die nicht nur einzelne Gruppen meint, sondern alle?“

Neben anderen Themen geht Svenja Flasspöhler in ihrem Buch auch auf die Sprache ein, die in der heutigen Gesellschaft ein Politikum geworden ist. Was darf man noch sagen und wie muss man es sagen, dass alle mit gemeint und keiner verletzt ist? In Bezug auf das generische Maskulinum bedeutet das, zu sehen, dass mit ihm kein Geschlecht gemeint ist, sondern alle unter den Begriff fallenden Einheiten. Lehrer sind damit nicht nur Männer, sondern alle möglichen Ausprägungen des Geschlechts. Da nun neue Begriffe einzuführen, bringt nicht zwingend mehr Gerechtigkeit, sondern meistens auch neue Fronten, da jeder neue Begriff wieder jemand anderen ausschließt, wie sich am Beispiel LGBTQIA+ zeigt, welcher nach und nach um einen weiteren Punkt erweitert werden musste, bis nun mit dem + alle noch nicht genannten mit gemeint sind.

„Sondern gesagt werden soll lediglich, dass – um noch mal auf Saussure und Derrida zurückzukommen – Lautbild und Vorstellung nicht unauflöslich aneinandergekoppelt sind und gerade in der Bedeutungsverschiebung emanzipatorisches Potenzial liegt.“

Sprache und ihre Bedeutung ist nicht in Stein gemeisselt, sondern unterliegt Konventionen. Je nach Zeit und Umfeld und Kontext bedeutet ein Wort etwas anderes und diese Bedeutung ist von all dem abhängig. Insofern bildet Sprache nicht die Wirklichkeit ab, sondern sie ist eine konnotierte Bedeutungszuschreibung. In Anbetracht dessen könnte es sinnvoll sein, statt Wörter auszuwechseln, sie neu zu konnotieren, sie mit einer neuen, positiven Bedeutung zu belegen. Das passierte so zum Beispiel mit dem Wort „queer“, welches seltsam, komisch heisst und damit nicht wirklich positiv wirkt. Durch eine Neubewertung steht das Wort nun für den Widerstand, es hat also quasi seinen Effekt umgekehrt, die ursprüngliche Zielsetzung der Verletzung und Abwertung wurde zum Ausdruck der Selbstermächtigung.

„Wörter haben aus psychoanalytischer Perspektive immerhin sichtbares Heilungspotenzial. Umgekehrt können sie auch, so offenbart sich an konkreten psychosomatischen Leiden, wie ein ‚Schlag ins Gesicht‘ wirken.“

Bei all dem betont Flasspöhler, dass Sprache verletzen kann und ein sensibler Umgang damit deswegen wünschenswert und nötig ist.

Persönlicher Bezug

«…dann kann sich eine funktionsfähige Gesellschaft nicht in der Aufgabe erschöpfen, Verletzungen zu vermeiden. Genauso fundamental muss die gezielte Stärkung von Widerstandskraft sein, die wesentlich ist für die Ausübung von Autonomie.»

Wir leben in einer Welt, die uns mit vielem konfrontiert, Gutem wie Schlechtem. Als Menschen streben wir danach, das Gute zu fördern und das Schlechte zu meiden. Das liegt in der Natur der Sache und unseres Wesens. So lange das eine eigene Strategie ist, schaut jeder für sich, wie er dahin kommt, möglichst viel Leid zu vermeiden. Wenn wir diese Aufgabe Gesellschaft und Staat übereignen, nehmen wir uns aus der Pflicht. Nun ist es durchaus so, dass eine Gesellschaft so gestaltet sein sollte, dass jeder Mensch sich in ihr wohl fühlen kann, keiner um sein Leben oder seine Integrität fürchten muss. Auch dem Staat fällt die Aufgabe zu, die einzelnen Menschen in grösstmöglicher Weise vor Unrecht zu bewahren.

Vergessen werden darf allerdings nicht, dass auch der einzelne Mensch durchaus etwas in der Hand hat und dies auch nützen soll. Selbstverantwortung schliesst auch mit ein, dass man selber dafür sorgt, sich so gut wie möglich aus eigener Kraft in der Welt einzurichten, sich für sich selber einzusetzen, wo man Unrecht erfährt. Es ist wichtig, die eigene Potenz zu entfalten und nicht darauf zu hoffen, dass von aussen alle Steine aus dem Leben geschafft werden. Ich mag Rilkes Sicht aufs Leben deswegen, die hinter seinem Satz „du musst dein Leben ändern“ steht. Er sieht das Leben als Kunstwerk, welches wir selber gestalten und verändern können. Den grossen Rahmen dazu haben wir, die Gesetze in unseren Breitengraden sind grossmehrheitlich so, dass sie eine gleichberechtigte Gesellschaft unterstützen und jedem Menschen seine Würde und Persönlichkeit zusprechen. An der Umsetzung können wir aktiv mitarbeiten.

Fazit
Ein sehr differenziertes Buch über die heutige Gesellschaft, ihre Empfindlichkeiten und Möglichkeiten, als Individuen in einer liberalen, demokratischen Gesellschaft ein Miteinander zu leben. Sehr empfehlenswert.

Autorin
Svenja Flaßpöhler ist Chefredakteurin des Philosophie Magazin. Die promovierte Philosophin war leitende Redakteurin beim Deutschlandfunk Kultur, wo sie die Sendung »Sein und Streit« verantwortete. Mit Wolfram Eilenberger, Gert Scobel und Jürgen Wiebicke gestaltet sie das Programm der »Phil.cologne«, dem größten Philosophie Festival Deutschlands. Ihre Bücher wurden in mehrere Sprachen übersetzt, die Streitschrift »Die potente Frau« wurde ein Beststeller.

Angaben zum Buch
Herausgeber: Klett-Cotta; 4. Druckaufl., 2021 Edition (20. Oktober 2021)
Gebundene Ausgabe: 240 Seiten
ISBN-Nr.: 978-3608983357

Daniel Schreiber: Nüchtern

Inhalt

„Das Wissen, dass man zu viel trinkt, ist völlig nutzlos. Man trinkt nicht weniger, weil man weiß, dass man ein Problem hat. Man hört auch nicht damit auf, indem man analysiert, warum man trinkt. Man hört damit auf, indem man aufhört.“

Da Feierabendbier, der Gin mit Freunden, das Glas Rotwein zu Käse und Brot – was für eine Genuss. Was aber, wenn es nicht bei einem Glas bleibt? Was, wenn Alkohol immer mehr zum Leben gehört und sich dieses auch immer mehr um Alkohol dreht? Redet man sich anfangs selber schön, dass man kein Problem hat, weil man ja problemlos Pausen einlegen kann (Tage, Wochen, Monate gar), merkt man irgendwann, dass man dies zwar kann, aber trotzdem eine Schwelle überschritten ist, weil Alkohol vom Genuss zum Thema wurde.

Daniel Schreiber erzählt seine persönliche Geschichte mit dem Alkohol und die Entscheidung, keinen mehr zu trinken. Er liefert zudem Fakten und Zahlen über Alkoholkonsum, gesteigertes Risiko an Krankheiten und gefährliche Auswirkungen auf Zellen und das Gehirn.

Ein wichtiges Buch, das ohne zu moralisieren zum Nachdenken anregt.

Weitere Betrachtungen

„Die Fassaden, die man sich errichtet, sind mächtig. Sie gehören zu einem, man kann selbst gar nicht mehr sagen, wo sie aufhören und wo man selbst beginnt. Sie halten einen aufrecht.“

Die WHO-Aussagen, wie viel Alkohol gesund ist und wo eine Grenze überschritten wird, sind relativ klar und die Menge so klein, dass sie von vielen wohl schnell überschritten ist. Das muss nicht grundsätzlich auf ein Problem hinweisen, aber es kann – ein Problem, das man gerne verdrängt und schon gar nicht gegen aussen preisgibt. Es finden sich viele und gute Argumente, welche die Problematik des eigenen Alkoholkonsums nicht nur verdecken, sondern als nichtig erklären. Das Argument, dass man sofort aufhören könnte, wenn man nur wolle, man auch mal einen Monat ohne Alkohol ohne Probleme schaffe oder wöchentlich alkoholfreie Tage einlege, gehören zum Standardrepertoire. Was aber sagen sie wirklich aus?

„Jede Halbwahrheit, jede Lüge, die man sich selbst und anderen erzählt, geht auf Kosten der inneren Substanz, so lange, bis man irgendwann gar nicht mehr richtig weiß, wer man ist.“

Was man nach aussen vertritt, glaubt man sich auch oft selber. Man hüllt sich in eine (Schein-)Sicherheit und vermeidet, genauer hinter die Fassade des eigens aufgerichteten Lügengebäudes zu schauen. Ein paar alkoholfreie Tage, an welchen man sich schon aufs Wochenende freut und plant, welchen Wein man dann trinken will, mögen zwar weniger Alkohol im Blut bedeuten, nicht aber weniger im Leben. Wenn Anlässe immer automatisch mit Alkohol verbunden sind, dieser sogar einen Teil ausmachen, nimmt dieser einen grossen Raum im Leben ein – einen zu grossen?

„Man versteckt sie nicht bloß vor anderen Menschen, sondern auch und vor allem vor sich selbst. Man kann Scham hinter einer ganzen Reihe von Gefühlen verbergen, ohne dass es einem bewusst ist.“

Zuzugestehen, dass man ein Problem hat, ist mit Scham verbunden. Probleme sind etwas für Schwächlinge, für Verlierer. Gewinner haben Lösungen – oder stehen generell über allem. Sich und anderen einzugestehen, dass vielleicht doch nicht alles so perfekt ist, wie man gerne den Anschein machen möchte, braucht Mut. Das hängt sicher auch mit unserer Gesellschaft zusammen, in welcher Alkohol eine sozial akzeptierte, fast geförderte Droge ist. Trinkt man nichts, wird man gefragt, wieso. Wenn keine Schwangerschaft oder eine Krankheit (Alkoholismus sieht man nicht als solche, sondern als Schwäche) dahinter steckt, weckt das Misstrauen. Eigentlich traurig, dass es einfacher ist, weiterzutrinken, als hinzusehen und etwas zu unternehmen.

Persönlicher Bezug

«Scham wird von der Angst vor dem Verlust von Zuneigung und sozialem Prestige motiviert, von der Angst, aus sozialen Gruppen ausgeschlossen zu werden.»

Das Buch hat mich nachdenklich gemacht. Ich trank sehr lange keinen Alkohol, weil er mir nicht schmeckte, kam dann aber auf den Geschmack von Wein. Ein guter Weisswein zum Apéro, ein schwerer Rotwein zum Essen, ein Cava mit Freunden – ein Genuss. Die Notwendigkeit, aufzuhören, sah ich nicht, zumal all meine Werte vorbildlich sind und ich auch sonst keine gesundheitlichen Probleme habe. Da ich in einem Umfeld lebe, in dem gemeinsame Essen und damit auch immer sehr guter Wein oft vorkommen, war die Vorstellung, nicht zu trinken, schwierig. Die Angst, dann nicht mehr dazu zu gehören, war doch gross und das würde mir wehtun.

Wieso also bin ich trotz fehlendem zwingendem Grund und dieser Angst nachdenklich geworden? Die Selbstverständlichkeit, mit welcher Alkohol, welcher bei Lichte betrachtet keine leichte Droge sondern eigentlich ein Nervengift ist, getrunken wird (auch von mir), gefällt mir nicht. Ich bin zudem durchaus ein Mensch, der nicht ein Glas trinkt. Wenn das Glas da steht, fülle ich gerne nach, in fröhlicher Gesellschaft auch mal mehr. Ich würde trotzdem sagen, dass ich kein Alkoholproblem habe – und doch. Ich habe nach dem Lesen dieses Buches beschlossen, Alkohol mal für eine Weile aus meinem Leben zu streichen. Einfach als persönliches Experiment. Ich bin gespannt, ob sich etwas in meinem Leben, bei mir, verändert, wenn ich keinen mehr trinke.

Ich sage nicht, dass es für immer ist, möglich wäre es. Vielleicht trinke ich nach Ablauf der Frist wieder wie vorher. Vielleicht lasse ich ein paar spezielle Gelegenheiten, an denen ich ein Glas trinke mit Genuss und aus Nostalgie. Vielleicht war das letzte Glas Cava auch das letzte Glas Alkohol überhaupt. Ich bin gespannt. Alles ist möglich. Vielleicht schreibe ich irgendwann über meine Erfahrungen.

Fazit
Ein sehr persönliches, informatives, zum Nachdenken anregendes Buch über ein wichtiges und oft verkanntes Thema: Alkohollismus. Sehr empfehlenswert.

Autor
Daniel Schreiber, geboren 1977, lebt in Berlin. Er arbeitet als freier Autor u. a. für die Zeit, Deutschlandradio Kultur und die taz. 2007 erschien seine Susan-Sontag-Biographie Geist und Glamour.

Angaben zum Buch
Herausgeber: Suhrkamp Verlag; 6. Edition (11. April 2016)
Taschenbuch: 159 Seiten
ISBN-Nr.: 978-3518466711

Carolin Wiedemann: Zart und frei

Vom Sturz des Patriarchats

Inhalt

„Am Umgang mit der Frage nach Geschlechtern, nach Identitäten, nach Begehrens- und Beziehungsformen zeigt sich, wie frei unsere Gesellschaft tatsächlich ist und wie gerecht wir sind. An diesen Fragen entscheidet sich, wohin wir steuern.“

Angriffe gegen den Feminismus sind an der Tagesordnung, Themen wie Gendersternchen, Queerness und Transsexualität spalten nicht nur die Gemüter, sie sorgen gar für Spott, Häme und auch Hass. All das sind Auswüchse eines patriarchalen Systems, es sind Zeichen einer nach rechts rutschenden Bevölkerungsschicht, welche mit aller Kraft versucht, das althergebrachte System, das ihnen die Macht sichert, zu erhalten.

Carolin Wiedemann behandelt in ihrem Buch diesen Antifeminismus, zeigt auf seine Herkunft hin und beschreibt neue Möglichkeiten, diesem entgegenzutreten. Sie ruft dazu auf, trennende Konstrukte aufzugeben zugunsten einer pluralistischen Sicht auf den Menschen und auf die Gesellschaft. Sie ruft dazu auf, althergebrachte Lebensmuster und -rollen zu hinterfragen und, wenn nötig, aufzubrechen.

„Die binäre Geschlechtersozialisation spaltet die Menschen weiter in zwei Gruppen und gibt ihnen jeweils Denk-, Gefühls- und Verhaltensmuster vor, an denen die Menschen immer wieder scheitern.“

Weitere Betrachtungen

„Wir sind alle ausgebeutet durch das Patriarchat, unterschiedlich stark, doch wir sind alle betroffen von patriarchaler Gewalt, entweder, weil wir als Frauen, egal ob mit Vagina oder ohne, abgewertet werden oder weil wir gar nich in die binäre Matrix passen und damit gegen die Grundfesten der patriarchalen Ordnung verstossen.“

Sexuelle Gewalt ist nicht nur ein individueller Akt, es ist eine strukturelle Form von Gewalt, welche durch das Patriarchat geschützt ist. Um sich gegen sexuelle Gewalt zu wehren, braucht es entsprechende Massnahmen, welche die patriarchalische Ordnung in Frage stellen und durchbrechen. Es gilt, eingefahrene Denk- und Handlungsmuster zu hinterfragen und sich für neue Wege zu öffnen.

„Das zentrale Anliegen der Gender Studies ist folglich die Aufklärung der Menschen über Korsette, in die sie das etablierte Verständnis von Geschlecht presst. Laut Judith Butler, der Pionierin der Forschung, soll Gender-Theorie den Menschen in erster Linie ermöglichen, ihre Sexualität und ihre Persönlichkeit ohne Angst vor Diskriminierung in einer gerechteren Welt auszuleben.“

Gender Studies und auch Feminismus handelt nicht davon, Frauen gegen Männer auszuspielen. Es geht auch nicht darum, Machtverhältnisse ins Gegenteil zu verkehren, sondern es geht um Befreiung. Menschen sollen in Freiheit leben können, was und wer sie sind, ohne dabei Angst vor Gewalt und Unterdrückung haben zu müssen.

„Wir müssen und können uns von vielem, was uns gesellschaftlich anerzogen wurde, nicht befreien, wir müssen nicht alle möglichen Vorlieben überwinden… Aber wir sollten all jene Verhaltensweisen und Neigungen darauf befragen, wie tief sie mit Machtverhältnissen verwoben sind, wie sehr patriarchale und auch rassistische Muster in sie eingeschrieben sind, und ob wir sie gegebenenfalls nicht doch ein bisschen herausfordern können.“

Viele der Machtstrukturen sind unbewusst in uns verankert. Wir sind mit Sprüchen, Wörtern, Handlungsmustern aufgewachsen und haben sie als normal kennengelernt. Die gesellschaftlichen Werte sind tief in uns verankert und steuern unsere Wünsche, unser Begehren, unser Sein. Um wirklich etwas gegen das Patriarchat machen zu können, müssen wir uns dieser tief liegenden Prägungen bewusst werden. Wir müssen uns hinterfragen, ob wir wirklich von uns aus wollen, was wir wollen, oder ob diese Wünsche nur einer gesellschaftlichen Wertvorstellung geschuldet ist, welche sich in uns eingebrannt hat. Wir müssen unser Handeln daraufhin analysieren, wo seine Ursprünge sind und was seine Folgen.

„Zart und frei“ ist ein informatives, gut lesbares Buch zu wichtigen Themen unserer Gesellschaft und unseres individuellen Seins. Es regt zum Nachdenken an, lenkt den Blick auf alternative Formen des Zusammenlebens. In diesem Zusammenhang führt Carolin Wiedemann auch in die Polyamourie ein und zeigt die Vorteile einer Abkehr vom traditionellen Familienmodell hin zu Co-Parenting auf. Nun möchte ich diese Lebensformen nicht grundsätzlich in Frage stellen, doch schien mir beim Lesen das Gewicht zu sehr darauf zu liegen. Teilweise schien jeder herkömmlich lebende Mensch als veraltet gesehen zu werden, wer noch nicht polyamourös lebt, hat seine wahren Wünsche noch nicht entdeckt oder traut sich nicht, sie zu leben. Dies mag nicht die Absicht der Autorin gewesen sein, doch ich hätte mir ein grösseres Gleichgewicht der Anerkennung für alle Modelle gewünscht statt neue Präferenzen und Abwertungen zu schaffen.

Persönlicher Bezug

„Die soziale Gleichheit ist das Ziel queerfeministischer Politik: Dafür muss und kann Solidarität zwischen sehr unterschiedlichen Positionen ermöglicht werden. Solidarität bezeichnet damit nicht den Zusammenhang all jener, die ähnliche Erfahrungen mit Diskriminierung oder die gleichen Probleme haben. Solidarität muss überhaupt nicht auf gemeinsamer Erfahrung basieren.“

Ich habe mich immer wieder gefragt, was Menschen dazu bringen könnte, miteinander statt gegeneinander zu sein. Wie können wir Fronten aufbrechen und uns mehr auf Verbindendes als auf Trennendes konzentrieren. Liebe ist sicher eine grosse Macht und Kraft, aber es ist wohl nicht einfach, sie konkret auf alle Menschen auszuweiten. Was in meinen Augen aber durchaus machbar wäre, ist eine Solidarität zu leben, die alle Menschen einschliesst, weil man sich durch dieses Menschsein und was es bedeutet, Mensch zu sein, verbunden fühlt. Menschen wollen überall auf der Welt wohl vor allem eines: Frei von Leiden leben können. Dies als kleinsten gemeinsamen Nenner zu nehmen, wäre ein Anfang. Es wäre ein Anfang, gemeinsam einzustehen, dass möglichst Leid verhindert und ein gutes Leben ermöglicht wird.

Fazit
Ein Buch, das anregt, sich und die Gesellschaft zu hinterfragen, eingefahrene Muster zu durchbrechen und neue Wege anzuerkennen mit dem Ziel einer gerechteren Welt. Sehr empfehlenswert.

Autorin
Carolin Wiedemann, 1983 in München geboren, schreibt u. a. für FAS, analyse & kritik, Spiegel und Missy Magazine über Fragen von Kritik und Emanzipation. In Hamburg und Paris hat sie Journalistik und Soziologie studiert und im Anschluss eine Doktorarbeit zu neuen Formen von Kollektivität und Subversion unter digitalen Bedingungen verfasst, die 2016 mit dem Titel Kritische Kollektivität im Netz erschien


Angaben zum Buch
Herausgeber: Matthes & Seitz Berlin; 2. Edition (28. Januar 2021)
Taschenbuch: 218 Seiten
ISBN-Nr.: 978-3957579492

Kate Manne: Down Girl

Die Logik der Misogynie

Inhalt

„Konstitutiv betrachtet, umfasst Misogynie in einem gesellschaftlichen Milieu die feindseligen Kräfte, a) mit denen eine (grössere oder kleinere) Gruppe von Frauen und Mädchen konfrontiert ist, eben weil sie Frauen und Mädchen…sind; undb) die zur Kontrolle und Durchsetzung einer patriarchalischen Ordnung dienen und sich in Verbindung mit anderen, sich überschneidenden Herrschafts- und Benachteiligungssystemen äussern…“

Kate Manne legt mit analytischer Klarheit und anhand von vielen Beispielen eine Studie über Misogynie, ihre Ursprünge, ihre Ausprägungen und ihre Auswirkungen vor. Sie zeigt deren Verankerung in Gesellschaft und Politik, beschreibt das ihr zugrundeliegende Frauenbild und die Mittel, mit welchen Misogynie betrieben wird. Neben einer klaren Begriffsanalyse, in welcher auch die Abgrenzung zum Sexismus definiert wird, behandelt die Philosophin verschiedene Probleme beim Umgang mit der Misogynie, sie schreibt von der Bedrohung von Frauen, von der Verharmlosung und Ignoranz gegenüber Taten und Tätern, vom Misstrauen gegenüber Opfern und damit einhergehenden weiteren Herabsetzungen derselben.

Weitere Betrachtungen

„Somit dient Misogynie dazu, vor dem Hintergrund anderer sich überschneidender Systeme von Unterdrückung, Verwundbarkeit, Dominanz und Benachteiligung sowie unterschiedlicher materieller Ressourcen, fördernder beziehungsweise hemmender Gesellschaftsstrukturen, Institutionen, bürokratischer Mechanismen usw. die Unterwerfung der Frauen durchzusetzen und zu überwachen und männliche Herrschaft aufrecht zu erhalten.“

Misogynie ist nicht einfach ein jeweils einzelner Fall von Herabsetzung oder Beleidigung, sie ist ein strukturelles Mittel, eine Eigenschaft gesellschaftlicher Verhältnisse, um Frauen in patriarchischen Gesellschaften zu unterdrücken.

„Ich beschreibe Misogynie als System feindlicher Kräfte, das im Grossen und Ganzen aus Sicht der patriarchalischen Ideologie insofern sinnvoll ist, als es die patriarchalische Ordnung wirkungsvoll durchsetzt und kontrolliert.“

Die Problematik liegt also dabei darin, dass das System, welches die Misogynie hervorbringt und pflegt, auch das System ist, vor welchem man Fälle davon behandeln würde. Es sind Polizisten und Richter aus ebendem System, welche darüber entscheiden, ob ein Fall von Misogynie geahndet werden muss. Dass dabei die Entscheidung oft negativ ausfällt, scheint auf der Hand zu liegen, auf alle Fälle sprechen die entsprechenden Fälle eine dementsprechende Sprache.

„Wenn unsere Loyalität dem Vergewaltiger gilt, fügen wir den Verletzungen, die er seinen Opfern beigebracht hat, noch eine tiefgreifende moralische Kränkung hinzu.“

Viele Vergewaltigungen kommen nicht zur Anzeige aus Angst des Opfers vor dem, was es dabei durchmachen müsste. Doch auch viele zur Anzeige gebrachten Fälle gehen straffrei aus, wobei die angeführten Gründe dafür vielfältig sind und im Schlimmsten Fall sogar dem Opfer zugeschrieben werden (zu kurzer Rock, zu anzügliches Verhalten, etc.). Dass dabei nicht nur ein Verbrechen ungesühnt bleibt, sondern auch ein Opfer zum zweiten Mal zum Opfer gemacht wird, wird ignoriert.

Opfer von Misogynie nicht ernst zu nehmen, sie als Lügner abzustempeln oder ihnen mangelnde Widerstandsfähigkeit vorzuwerfen, stellt nicht nur eine weitere Abqualifizierung einer schon zum Opfer gemachten Frau dar, dieses Verhalten dient der Verstärkung der Misogynie und entspringt denselben Mechanismen, denen auch diese selber entspringt: Einem patriarchalischen Weltbild, einer Ideologie, welche sich durch solche Verhaltensweisen ausdrückt und selber am Leben lässt. Es gilt, diese Strukturen und Verhaltensweisen aufzudecken, anzuprangern und auszurotten. Es darf nicht sein, dass sich ein so frauenverachtendes und diese herabsetzendes Verhalten immer weiter in die DNA unserer Gesellschaft einfrisst und diese auf eine Weise prägt, welche gefährlich ist für die, welche unterdrückt werden, weil es deren körperliche und seelische Integrität bedroht.

Kate Manne hat sich in diesem Buch einem wichtigen und aktuellen Thema angenommen, das bislang in der Literatur zu kurz kam. Sie hat – wohl um einer besseren Anschaulichkeit willen, diverse (teilweise willkürlich gewählt wirkende) Beispiele angefügt, welche sie in einer seitenlangen Ausführlichkeit darlegt und auf die sie im Laufe des Buches auch immer wieder zurück kommt. Dieses Vorgehen stört den Lesefluss dessen, dem es um eine reine konzise Beschreibung des Begriffes geht, es macht das Lesen anstrengend und dehnt es unnötig aus. Das Buch weist einen wissenschaftlichen Duktus auf, hält diesen Schein dann aber formal nicht wirklich ein. Zudem stellt Kate Manne viele Fragen und Vermutungen in den Raum, bleibt aber oft die Antworten schuldig. Trotz allem ist das Buch empfehlenswert, wenn auch nicht frei von Mängeln.

Persönlicher Bezug

„Daraus folgt, dass wir Grund haben, kritisch zu sein und an unseren Instinkten zu zweifeln, wenn wir den Eindruck haben, eine Frau „spiele das Opfer“, ziehe die Gender-Karte oder sei allzu dramatisch… Ihr Verhalten mag nicht deshalb herausstechen, weil wir es nicht gewöhnt sind, dass Frauen in diesen Zusammenhängen das ihnen Zustehende einfordern.“

Misogynie kann auch im Kleinen gefunden werden, in so genannt witzigen, eigentlich aber abwertenden Bemerkungen. Frauen werden oft dazu erzogen, still zu sein, Dinge hinzunehmen, nicht zu laut aufzubegehren. Werden sie dann beleidigt und klagen das lautstark an, werden sie schnell belächelt und gar verspottet, man hört Aussagen wie „nun hab’ dich doch nicht so!“, „das war doch nur witzig gemeint“ und dergleichen mehr. Und ja, man fühlt sich als Frau dann humorlos und fragt sich, ob man wirklich übertreibt.

Witze, die Menschen herabsetzen, sind nicht lustig. Sie sind beleidigend und unnötig. Humor ist eine Tugend und das Leben ist schöner damit, dies gilt aber nur, wenn die Witze nicht dazu dienen, Hierarchien zu schaffen, den einen über den anderen zu stellen. Witze sollten nie verletzen, sie sollten nie herabsetzen. Tun sie das, sind es keine Witze und das muss gesagt werden dürfen. Wer das nicht begreift, hat nicht nur ein Humor-Problem, sondern auch eines im respektvollen Umgang mit Menschen. Dies dem Frieden zu liebe zu ignorieren, mag eine lange eingeübte Verhaltensweise sein, aber keine, welche auf lange Frist jemandem dient. Schon gar nicht dem Herabgesetzten.

Fazit
Ein analytisches, differenziertes, sehr (zu?) umfangreiches Buch über den Begriff der Misogynie, deren Ursprünge und Auswüchse. Empfehlenswert.

Autorin
Kate Manne ist Assistant Professor of Philosophy an der Cornell University, außerdem schreibt sie für die New York Times, Times Literary Supplement, Newsweek und The Huffington Post. Für ihre Forschung wurde sie u.a. mit dem General Sir John Monash Award ausgezeichnet, der herausragende australische Wissenschaftler*innen fördert. Ihr Buch Down Girl wurde von Times Higher Education und der Washington Post zu einem der besten Bücher des Jahres 2017 gekürt.

Angaben zum Buch
Herausgeber: Suhrkamp Verlag; 1. Edition (20. Juli 2020)
Taschenbuch: 512 SeitenISBN-Nr.: 978-3518299197

Rahel Jaeggi: Entfremdung

Zur Aktualität eines sozialphilosophischen Problems

Inhalt

„Entfremdung bedeutet Indifferenz und Entzweiung, Machtlosigkeit und Beziehungslosigkeit sich selbst und einer als gleichgültig und fremd erfahrenen Welt gegenüber. Entfremdung ist das Unvermögen, sich zu anderen Menschen, zu Dingen, zu gesellschaftlichen Institutionen und damit auch – so die Grundintention des Entfremdungsmotivs – zu sich selbst in Beziehung zu setzen.“

Rahel Jaeggi widmet sich einem alten Begriff aus der Soziologie und holt ihn ins Heute. Sie definiert ihn als Beziehung der Beziehungslosigkeit, als ein Verhältnis zu etwas, das einem eigentlich wichtig ist, zu dem man aber den Bezug verloren hat. Entfremdet ist also jeder, welcher zu jemandem oder etwas, zu dem er in einer Beziehung steht, die Beziehung verloren hat. Sie analysiert, wie dieses Gefühl der Entfremdung zustande kommt und was es für Auswirkungen auf den Menschen hat.

Weitere Betrachtungen

„Eine entfremdete Welt präsentiert sich dem Individuum als sinn- und bedeutungslos, erstarrt oder verarmt, als eine Welt, die nicht ‚die seine‘ ist, in der es nicht ‚zu Hause‘ ist oder auf die es keinen Einfluss nehmen kann.“

Jeder Mensch befand sich wohl schon mal in einer Situation, in der er sich fremd fühlte, sei es, weil er sich in einem fremden Umfeld befand oder aber sich zu Dingen gezwungen sah, die ihm nicht entsprachen. Manchmal manövriert man sich auch selbst in diese Situationen, weil sich Dinge plötzlich verselbständigen und an einen Ort führen, an welchen man nie gelangen wollte. Dann stellt sich das Gefühl ein, fehl am Platz zu sein, nicht im eigenen Leben verankert zu sein. Wenn dieses Gefühl anhaltend ist, führt das zu einer Entfremdung, die krank machen kann. ALs Menschen und damit als soziale Wesen sind wir darauf angewiesen, mit unserer Umwelt in einer Beziehung zu stehen, dies umso mehr, als wir uns nur durch diese Beziehung als ein Selbst erfahren.

„Das entfremdete Subjekt wird sich selbst zum Fremden, es erfährt sich nicht mehr als ‚aktiv wirksames Subjekt‘, sondern als passives Objekt.“

Eine Welt, der wir uns ausgeliefert fühlen, die mit uns nichts zu tun zu haben schein, weil wir uns in ihr nicht wiederfinden und auch nicht tätig wirksam sein können, bedeutet nicht nur eine krankende Beziehung zur Welt, sondern auch zu uns selber. Wenn wir uns nur durch die Beziehung zu anderen Menschen und Dingen als ein Selbst erfahren, fällt auch die Beziehung zu uns selber weg, wenn die Beziehungen nach aussen fehlen.

„Das Selbst […] ist ein handelndes und weltliches Selbst, eines, das sich immer schon handelnd in der Welt vorfindet und aus dieser nicht herauszulösen ist. […] Eingelassen in die Welt, existiert das ‚Selbst‘ nicht in einem abgeschlossenen ‚inneren‘ Raum, in dem es sich in Isolation von der äusseren Welt vorfinden liesse.“

Schon Hannah Arendt bestimmte in „Vita Activa“ das Sein als ein Tätigsein. Der Mensch ist Mensch insofern er etwas tut. Es reicht nicht, einfach nur in einer Welt zu sitzen, wir wollen in dieser auch etwas tun, etwas bewirken, das Gefühl des selbst Gestaltens zu haben. Das Verhältnis Welt – Selbst ist kein eindimensionales, in welchem die Welt das Selbst gestaltet, sondern das Selbst gestaltet die Welt als Teil davon auch mit. Es ist ein gegenseitiges Durchdringen, welches aber nur geschehen kann, wenn ich als Selbst auch an der Welt partizipieren kann. Das bedarf einerseits der eigenen Offenheit und Aufgeschlossenheit der Welt gegenüber, andererseits aber auch die Möglichkeit, an der Welt und am Weltgeschehen teilhaben zu können, weil ich als akzeptierter Teil davon in ihr lebe.

„Das Selbst ist ein Verhältnis, es entsteht nicht selbstgenügsam ‚aus sich heraus‘, sondern ist grundlegend relational verfasst. Als ‚Beziehendes von Beziehungen‘ konstituiert es sich in und durch die Beziehungen, die es zu den Anderen und Anderem hat, und ‚ist‘ nicht ausserhalb dieser Beziehungen. Auch wenn es sich vereinzelt, vereinzelt es as diesen heraus.“

Persönlicher Bezug

„Wir sind, was wir tun und womit wir uns identifizieren.“

Ich war immer ein sehr selbstbestimmter Mensch, ein Mensch, welche so leben wollte, wie er es für sich vorstellte. Ich hatte von klein an Ziele für mein Leben, die ich unbedingt erreichen wollte und wofür ich alles tat, das nötig war. Ich hatte dafür das Glück, mehrheitlich in einer Welt zu sein, die mir die Möglichkeit bot, dies zu tun. Ich hatte Zugang zu Schulen, das Recht, zu studieren, ich durfte meine Zukunft selber planen und wurde nicht von Eltern oder Institutionen in eine Richtung gezwungen. Ich lebte also in einer Welt, welche ich als die meine wahrnahm, eine, in der ich selbstwirksam meine Ziele erreichen und mich verwirklichen konnte als das Ich, das ich sein wollte.

Es ist in unserer westlichen Welt noch nicht lange so, dass all das so möglich ist, es bedurfte vieler Kämpfe, Rechte zu bekommen. In ganz vielen Teilen der Welt ist es das bis heute noch nicht möglich, da haben Mädchen keinen Zugang zu Schulen, da können Frauen keinen Beruf wählen, da haben Menschen, welche in eine bestimmte Klasse hineingeboren wurden, keine Chance, aus der je wieder herauszukommen.
«Entfremdung behindert ein Leben in Freiheit. Erst dann nämlich, wenn wir unser Leben in einem anspruchsvollen Sinn als unser ‚eigenes‘ erfahren können, sind wir frei.»
Und: Es ist auch bei uns nicht für alle möglich, weil nicht alle im gleichen Masse frei sind, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen, weil es Menschen gibt, die aufgrund irgendwelcher Zuschreibungen unterdrückt und ausgeschlossen werden von Möglichkeiten und Chancen. Für sie ist die Welt nicht ihre Welt, sondern es ist eine Welt, die sie ausschliesst. Das verschliesst nicht nur die Möglichkeit, eigene Wege zu gehen, es lässt den Einzelnen auch mit Verletzungen zurück, weil er zu der Welt, in der er leben muss, nicht gehört. Im Wissen darum sollten wir die Welt so öffnen, dass alle ihren Platz dahin haben, dass alle, unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer Hautfarbe, ihrer Religion, ihrer sexuellen Ausrichtung als selbstbestimmte und autonome Menschen leben können und einen ihren Fähigkeiten entsprechenden Zugang zu Möglichkeiten und Chancen haben.

Fazit
Ein tiefgründiges, differenziertes und doch gut lesbares Buch über das Phänomen der Entfremdung, über die Beziehungslosigkeit des Einzelnen zu sich und der Welt. Sehr empfehlenswert.

Autorin
Rahel Jaeggi ist Professorin für Praktische Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Angaben zum Buch
Herausgeber: Suhrkamp Verlag; 2. Edition (8. August 2016)
Taschenbuch: 337 Seiten
ISBN-Nr.: 978-3518297858

Susan Arendt: Sexismus

Geschichte einer Unterdrückung

Inhalt

«Dem Buch geht es darum, Sexismus als etwas Systemisches zu verstehen und entsprechend zu fragen, was ihn im Kern zusammenhält. Im Zentrum steht dabei die These, dass Sexismus an Macht gebunden ist, die auf dem Postulat der binären Zweigeschlechtlichkeit aufgebaut und dadurch patriarchalische Herrschaft ermöglicht.»

Die gesellschaftlich verteilte Macht an die heterosexuellen Männer führt zur Unterdrückung von Frauen, homo-, intersexuellen und transgeschlechtlichen Menschen. Susan Arndt versucht die dahinter liegenden Mechanismen zu analysieren, indem sie auf die biologische Erklärung der Zweigeschlechtlichkeit eingeht, die daraus resultierenden sozialen Deutungen herausarbeitet und die darauf fussenden Moral- und Rechtsvorstellungen beschreibt. In der Folge werden Massnahmen aufgezeigt, die helfen, das System zu durchbrechen, dies auf gesetzlicher, sozialer und individueller Ebene.

Weitere Betrachtungen
Anhand von persönlichen Erlebnissen und sachlichen Referenzen zeigt Susan Arendt, wie präsent Sexismus in der heutigen Gesellschaft ist. Es sind nicht nur die offensichtlichen (oft gewaltsamen) körperlichen Übergriffe, es fängt schon viel früher an.

«Sexuelle Belästigung umfasst also ein breites Spektrum von Handlungen. Physische Übergriffe und diskriminierende Vokabeln sind dabei nur die Spitze des Eisbergs. Auch verbale Übergriffe wie Witze, Kommentare, Erzählungen über Sexualität oder (vermeintliche) Komplimente gehören zum Gesamtbild.»

Wie oft hört man als Frau, wenn man sich wehrt, man sei empfindlich, das sei nur ein Witz? Auch die Aussage, man dürfe bald keine Komplimente mehr machen, wenn man nicht inhaftiert werden wolle, ist eine gern geäusserte. Aber: Will Mann wirklich sagen, dass er so dumm ist, so wenig Feingefühl hat, um nicht zu merken, wo etwas angebracht, gar gewünscht ist, und wo nicht? Ich traue Männern mehr zu. Leider lassen sich viele Frauen von solchen Aussagen einschüchtern oder fühlen sich gar schuldig, schämen sich. Ein Teufelskreis. Bücher wie das von Susan Arendt können da helfen, ein grösseres Bewusstsein zu schaffen dafür, dass es Grenzen gibt und diese eingehalten werden müssen.

«Bis in die letzten Zipfel der weissen deutschen Männer*gesellschaft hinein wissen die meisten offensichtlich sehr wohl, dass es sich nicht gehört, Frauen* anzugrapschen oder verbal übergriffig zu werden. Dennoch tun dies viel zu viele im Windschatten der sexistischen Sozialisation und der sie tragenden Institutionen und Strukturen, Wissensparadigmen und Grundsätze. »

Das grösste Problem bei all dem ist wohl, dass hinter jedem einzelnen Mann, der sich übergriffig verhält, ein System steht, welches ihn schützt. Dieses System ist über Jahre gewachsen und hat kein Interesse daran, gestürzt zu werden. Dass zum Selbstschutz also oft mit harten Bandagen, subtilen Mitteln und machtvollen Argumenten gekämpft wird, liegt auf der Hand.

«In konsequenter Fortführung des Anspruchs darauf, Diskriminierung in gegebenen Komplexitäten zu diskutieren, adressiert Intersektionalität in seiner aktuellen Dimension aber nicht nur die Verschränkung von Rassismus und Sexismus, sondern alle Facetten der Mehrfachdiskriminierung: Sexismus, rassistische Verortungen, Religion, soziale Schichten, Nation, Gesundheit, Dis*ability, Körpernormen, Ethnizität, Alter wirken ineinander, ohne auseinanderdividiert werden zu können.»

Nie aus den Augen verlieren dürfen wir aber, dass Frausein nicht der einzige Grund für Unterdrückung ist. Alles, was nicht der landläufigen Norm entspricht, läuft Gefahr, Diskriminierung zu erleben. Meistens kumuliert sich dies noch, wenn verschiedene Punkte in einem Menschen vereint sind.

Susan Arndt ist ein tiefgründiges, sachliches und fundiert recherchiertes Buch gelungen, das auf die Auswüchse des Sexismus in der heutigen Gesellschaft aufmerksam macht und diese durchleuchtet. Dass all dies nicht auf Kosten der Lesbarkeit geht, zeichnet das Buch zusätzlich aus aus.

Persönlicher Bezug

«Sexismus ist eine Machtstruktur mit System, in das alle strukturell und diskursiv eingebunden sind, ganz egal, ob das nun jemand will oder nicht. Alle durchlaufen in gemeinsam geteilten Räumen konkreter historischer Zeiten ähnliche Sozialisierungsmuster; alle werden unterschiedlich stark davon geprägt und gebrochen. Alle stecken ein und alle teilen aus… Es geht also nicht um Schuldzuschreibungen, aber es geht um MitVerantwortung.»

Ich war in meinem Leben oft Sexismus ausgesetzt. Vom übergriffigen Chefredaktor einer grossen Schweizer Zeitung über eine Professorin, welche fand, als Frau und Mutter könne ich keine Dissertation schreiben, bis hin zu Bemerkungen, ich hätte meine Prüfungen wohl nur aufgrund eines kurzen Rockes geschafft, war alles dabei (und noch so vieles mehr). Trotzdem denke ich, ist es zu kurz gegriffen, die alleinige Schuld dem Mann in die Schuhe zu schieben und ihn zum Summum Malum zu erklären.

Wir alle sind Kinder einer Zeit und einer Gesellschaft. Das Einzige, was wir tun können, ist hinschauen, bewusst wahrnehmen, was läuft und die Missstände angehen. Gemeinsam und nicht gegeneinander.

Fazit
Ein informatives, ausführliches, gut recherchiertes, sachliches Buch über Sexismus, was er bedeutet, wie er entstanden ist und was wir als Gesellschaft brauchen, die ihn befördernden Strukturen aufzubrechen. Sehr empfehlenswert.

Autorin
Susan Arndt ist Professorin für englische Literatur- und Kulturwissenschaft und anglophone Literaturen an der Universität Bayreuth.

Angaben zum Buch
Herausgeber: ‎ C.H.Beck; 1. Edition (17. September 2020)
Gebundene Ausgabe: 416 Seiten
ISBN-Nr.: ‎ 978-3406757976

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Judith Sevinç Basad: Schäm dich!

Wie Ideologinnen und Ideologen bestimmen, was gut und böse ist

Inhalt

«Es scheint also nicht nur eine Sehnsucht danach zu geben, Weisssein per se zu verteufeln und abzuwerten. Bizarr ist auch, wie man sich auf die Suche nach einer Person macht, die ein noch grösseres Opfer ist als man selbst.»

Judith Sevinç Basad spricht von Meinungsmache, welche totalitären Charakter angenommen habe, wenn sie Themen wie #MeToo, die Stigmatisierung Weisser zu Rassisten, der Verurteilung alter weisser Männer, Cancel Culture und weitere behandelt. Die Social-Justice-Warriors verbreiten eine Ideologie, welche keinen Widerspruch duldet, weil diese die einzig mögliche Wahrheit darstellt. Wer trotzdem anderer Meinung ist, wird schändlicher Motive bezichtigt und er soll sich schämen – zusätzlich zur falschen Meinung auch für seine weisse Hautfarbe, denn die offenbart ihn schon als Rassisten, egal, was er tut oder sagt.

Weitere Betrachtungen
Judith Sevinç Basad hat mit diesem Buch einen Gegenentwurf entworfen zu der aktuellen Debatte um Feminismus und Rassismus. Sie kritisiert linke Kriegerinnen, die sich soziale Gerechtigkeit auf die Fahnen schreiben und die eigene Meinung als richtige definieren, welche keinen Widerspruch duldet. Sie werden damit dem vergleichbar, was Hannah Arendt als Methoden totalitärer Systeme bezeichnet: Man führe die verschiedenen Mitglieder einer definierten Gruppe auf einen typischen Vertreter derselben zusammen und teile dann das System in gut (die Eigenen) und schlecht (der definierte andere Gruppenmensch) zusammen. Eine so gleichgeschaltete Gruppe lässt sich in der Folge besser manipulieren.

Basad beschreibt auf eine unaufgeregte, sachliche und gut abgestützte und mit Beispielen belegte Art die heutigen Zustände an der Front der Social Justice Warroirs und ihren treuen Folgern. Sie weist auf die so entstehenden Gefahren und Missstände hin und sensibilisiert für einen bewussteren Blick auf Forderungen und Anschuldigungen der beschriebenen Kriegerinnen, welche zwar im Ansatz teilweise durchaus legitim erscheinen, in dieser Vehemenz und Verallgemeinerung aber zu einer Stigmatisierung und Diskriminierung von Menschen führt. Es sollen hier nur einige Beispiele angeführt werden:

In den letzten Jahren wurden Geschlechterzuschreibungen immer mehr hinterfragt und geöffnet. Die Überzeugung, dass es jedes Menschen Recht sein soll, seine eigene Geschlechtsidentität definieren zu können, setzte sich durch, was ein Durchbruch war und Menschen aus der Stigmatisierung (früher gar Kriminalisierung) befreien sollte. Aktuell scheint das extreme Züge anzunehmen:

«Zugespitzt heisst das: Die weisse heterosexuelle ‘Normalität’ muss zerstört werden, weil sie rassistisch und sexistisch ist.»

Alles, was man als frühere Norm definiert, wird nun verteufelt. Nach den weissen Männern kamen die Weissen überhaupt, nun sind die Heterosexuellen an der Reihe. Dass man dabei eigentlich mit umgekehrten Vorzeichen fortführt, was man bekämpfen wollte, nämlich die Diskriminierung von Menschen aufgrund einer zugeschriebenen Gruppenzugehörigkeit, wird vehement zurückgewiesen, da all die, welche zur Norm gehörten eben darum gar nicht diskriminiert werden könnten.

«Die gendergerechte Sprache dagegen hat nichts mit natürlichem Sprachwandel zu tun. Denn beim Gendern handelt es sich nicht um harmlose Ausdrücke, die neu auftreten, sondern um eine politische Agenda, die – wenn möglich – von oben durchgesetzt werden soll, um moralisch zu erziehen.»

Einen weiteren Angriff startet Basad auf die geforderten Sprachanpassungen. Das Argument, Sprache sei immer im Wandel, lässt sich dabei nicht gelten, sondern führt Studien an, welche widerlegen, dass sich Frauen früher nicht angesprochen fühlten bei der Nennung eines generischen Maskulinums. Sie führt (korrekt) an, dass dieses mit dem biologischen oder sozialen Geschlecht nichts zu tun hat, sondern eine grammatische Eigenschaft ist.

«Alle Weissen sind rassistisch. Ihre Gesten sind rassistisch. Ihr Verstand ist rassistisch. Ihre Emotionen sind rassistisch. Ihre Handlungen sind rassistisch. Alles an ihnen ist rassistisch, weil sie eine weisse Hautfarbe haben.»

Dieses Fazit zu den vorherrschenden Meinungen zieht Basad am Schluss. Sie bezieht sich dabei auf Aussagen, die behaupten, Weisse seien per se rassistisch und könnten keinen Rassismus erfahren, sondern sollten sich eher schämen dafür, weiss zu sein. Es gibt Schulprogramme, die weisse Kinder in eine «Identitätskrise» stürzen sollen, um sie von der Neurose des Konsens zu heilen, Rassismus sei zu verurteilen, da sie, als Weisse, nicht nicht rassistisch sein könnten. Man muss nicht sehr weit in der Geschichte zurückzugehen, um ähnliche Zuschreibungen und Verurteilungen zu finden – die grausamen Auswüchse damals sind sicher noch in vielen Köpfen präsent.

Persönlicher Bezug

«Weisse, so heisst es da, würden sich nur deswegen gegen den Rassismus-Vorwurf wehren, weil ihre ‘weisse Psyche’ an einer ‘weissen Neurose’ leide. ‘Weisse Emotionen’ seien krankhafter ‘emo-kognitiver Zustand’, der zu ‘weisser Angst’, ‘weisser Furcht’, ‘weisser Wut’, ‘weisser Traurigkeit’, ‘weisser Hilflosigkeit’, ‘weisser Schuld’ und ‘weisser Scham’ führe. Diese ‘weissen Emotionen’ seien ein ‘Motor von Rassismus’.»

Ich habe in letzter Zeit viele Bücher junger Frauen zum Thema Rassismus gelesen. Ich war erschüttert, betroffen, der tiefen Überzeugung, dass das nicht immer so weiter gehen darf, dass etwas getan werden muss, um Rassismus von Generation zu Generation weiterzugeben. Dass aber gerade diese Betroffenheit eine eigene Neurose sei, die mich zu einer psychisch Kranken herabsetzt, lässt meinen Mund doch offenstehen. Dass ich aufgrund meiner Hautfarbe per se ein Rassist sein soll, macht mich sprachlos, da eine solche Zuschreibung ohne Kenntnis meiner Person und meiner Einstellung als Unrecht erscheint, das ich nicht gewillt bin, hinzunehmen.

Ich bin überzeugt, dass Rassismus wie Sexismus (auch) ein strukturelles Problem ist, das wir mit vereinten Kräften angehen sollten. Ich sehe wenig Sinn darin, uns immer wieder in neue Gruppen zu teilen und die anderen zu bekämpfen. Ich sehe wenig Erfolg für die Sache, wenn unsachliche Behauptungen und individuelle Befindlichkeiten zu allgemeingültigen Wahrheiten verklärt und mit Vehemenz und blindem Eifer durchgesetzt werden sollen. Bücher wie dieses können helfen, den Blick wieder zu schärfen, in der Hoffnung, dass wir endlich aufhören, Fronten zu schaffen.

Fazit
Ein sachlicher, fundierter, intelligenter Gegenentwurf zu aktuellen, teilweise radikalen Positionen in Bezug auf Rassismus, Sexismus und Feminismus.

Autorin
Judith Sevinç Basad studierte Germanistik und Philosophie und schloss ihren Master mit einer Arbeit über totalitäre Tendenzen in der queerfeministischen Bewegung ab. Sie arbeitete für die Berliner Ibn-Rushd-Goethe-Moschee, die einen geschlechtergerechten und liberalen Islam praktiziert und publizierte u.a. für WELT, FAZ, NZZ und den Autoren-Blog „Salonkolumnisten“. Im Jahr 2019 absolvierte Basad ein Zeitungsvolontariat im Feuilleton der NZZ. Seit 2020 erscheint ihre Online-Kolumne „Triggerwarnung“ im Cicero. Sie lebt als freie Autorin in Berlin.

Angaben zum Buch
Herausgeber: ‎ Westend; 1. Edition (29. März 2021)
Taschenbuch: 224 Seiten
ISBN-Nr.: 978-3897713376

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bell hooks: Feminismus für alle

Inhalt

«Im Grunde meines Herzens wusste ich, dass es uns nie gelingen würde, eine erfolgreiche feministische Bewegung auf die Beine zu stellen, wenn wir nicht jede und jeden, weiblich wie männlich, Frauen wie Männer, Mädchen wie Jungen, zu ermutigen können, sich dem Feminismus zu nähern.»

Feminismus ist nicht neu – trotzdem wissen wenige, was der Begriff und die dahinterstehende Bewegung wirklich bedeuten. Klischeevorstellungen herrschen in den Köpfen vor und sorgen für Ablehnung. bell hooks möchte damit aufräumen und erklärt in diesem Buch auf leicht verständliche Weise, was Feminismus will und wieso es ihn braucht.

Sie ruft dazu auf, alle ins Boot zu holen, da nachhaltige Veränderungen für alle nur gemeinsam erreicht werden können. Stimmen, die behaupten, Feminismus sei nicht mehr nötig, da alles erreicht wäre, zeigt sie auf, dass es noch immer Gewalt und Ausbeutung an und von Frauen, Sexismus und ungerechte Arbeitsbedingungen gibt. Dem können wir nur mit vereinten Kräften entgegentreten.

Weitere Betrachtungen

«Alles, was wir in unserem Leben tun, hat eine theoretische Grundlage. Ob wir nun bewusst ergründen, warum wir eine bestimmte perspektive haben oder eine bestimmte Handlung ausüben, es gibt immer auch ein zugrundeliegendes System, das unsere Gedanken und Handlungen prägt. »

Es ist wichtig, dass sexistisches Verhalten nicht per se das Verhalten eines einzelnen Menschen, sondern dass er eingebettet in ein System ist. Genauso ist es auch mit anderen Verhaltensweisen und Denkarten. Diesen auf den Grund zu gehen, sie zu analysieren, um sie durchbrechen zu können, ist der erste Schritt zur Besserung.

«Klasse ist viel mehr als Marx’ Definition vom Verhältnis zu den Produktionsmitteln. Klasse umfasst dein Vergalten, deine grundlegenden Einstellungen, welches Verhalten dir beigebracht wird, was du von dir selbst und von anderen erwartest… In der Tat fällt es heute wie früher weitaus mehr Feministinnen leichter, ihre von weisser Vorherrschaft geprägten Ansichten abzulegen als ihren Klassenelitismus.»

In der heutigen Zeit sind die Stimmen, die Rassismus vor den Feminismus stellen, laut. Was aber auch den Vertreterinnen davon meist abgeht, ist der Blick auf die durch Armut benachteiligten Frauen in der Gesellschaft. Gerade die finanziellen Verhältnisse, die soziale Schicht, in der jemand aufwächst, hat einen sehr prägenden Einfluss auf das weitere Leben eines Menschen. Dieses sollte immer im Blick bleiben bei allem, was wir anstreben. Rawls meinte in seiner «Theorie der Gerechtigkeit», dass ein System dann gerechter wird, wenn eine Veränderung auch den am schwächsten Gestellten besser hinstelle.

«Die einzige Hoffnung auf feministische Befreiung liegt in der Vision eines sozialen Wandels, die dem Klassenelitismus den Kampf ansagt.»

Schon Simone de Beauvoir war anfangs der Ansicht, dass die Umsetzung des Sozialismus das Frauenproblem von selber lösen würde. Sie rückte später davon ab. Die Unterdrückung der Frauen fusst auf mehr Kriterien als nur dem Klassenproblem. Trotzdem ist Armut eines der zentralen Frauenprobleme. Das «Handbuch Armut Schweiz», von der Caritas herausgegeben, listet Zahlen auf, nach denen vor allem Frauen (alleinerziehende Mütter, Migrantinnen, alte Frauen) von Armut gefährdet sind. Dieses Problem gilt es anzugehen, nicht statt anderer feministischer Fragen, aber als eine und zwar eine wichtige.

Persönlicher Bezug

«Wir begannen, eine Vision von Schwesterlichkeit zu verbreiten, in der alle unsere Realitäten artikuliert werden konnten.»

Betrachte ich die Geschichte des Feminismus, zeigen sich drei Wellen. Nach jeder fing man von vorne an. Erreichtes der letzten Kämpferinnen ging verloren, vergessen oder wurde mit Füssen getreten. Heute zeigt sich uns ein Bild, in welchem junge Feministinnen die «Altfeministinnen» angreifen, schwarze gegen weisse schiessen, die einen sich mehr als Opfer verstanden haben wollen als andere – Fronten, wohin man schaut, anstatt das man hingeht im Sinn der Sache und gemeinsam den Dialog führt und Wege sucht, miteinander zum Ziel zu kommen.

Immer wieder kommt die Frage auf, wie es sein könne, dass Frauen, die doch die Hälfte der Menschheit ausmachen, von der anderen Hälfte unterdrückt werden: Vermutlich genau drum: Sie treten nicht vereint als Hälfte auf, sondern schlagen sich gegenseitig die Köpfe ein, so dass am Schluss lauter kleine Grüppchen in die Welt rufen und damit weniger gehört werden, als möglich wäre.

Fazit
Eine leicht lesbare, sehr fundierte, tiefgründige und aufschlussreiche Einführung in den Feminismus, in seine Ziele und was es braucht, diese zu erreichen. Sehr empfehlenswert.

Autorin
hooks, bellbell hooks, geboren 1952 und gestorben 2021 in Kentucky, war Literaturwissenschaftlerin, Autorin und Aktivistin. Schon als junge Studentin schloss sie sich der feministischen Bewegung an und machte sich 1981 gleich mit ihrem ersten Buch „Ain’t I a Woman: Black Women and Feminism“ einen Namen. In den nachfolgenden Jahrzehnten hat sie unzählige Werke veröffentlicht, in denen sie sich mit Rassismus, Sexismus und Klassismus beschäftigt, und ist dafür mehrfach ausgezeichnet worden. Auf Deutsch erschien zuletzt 2020 „Die Bedeutung von Klasse“ im Unrast Verlag.

Angaben zum Buch
Herausgeber: ‎ Unrast; New Edition (5. Oktober 2021)
Taschenbuch: 148 Seiten
ISBN-Nr.: 978-3897713376

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