Rembrandt: Sämtliche Zeichnungen und Radierungen

Rembrandt van Rijn wurde 1606 in Leiden (NL) geboren. Nach dem Besuch der Lateinschule und einem abgebrochenen Studium beschloss er, Maler zu werden. Was für ein Glück. Superlative sind in der Kunst immer so eine Sache, doch gehört Rembrandt wohl durchaus zu einem der grössten Maler aller Zeiten. Dass nicht nur seine Malereien, sondern auch die Zeichnungen grossartig sind, davon kann man sich im vorliegenden Buch überzeugen. Pünktlich zum 350. Todestag 2019 brachte der Taschenverlag diesen monumentalen Band mit 700 Zeichnungen und 313 Radierungen auf den Markt.

Durch die hohe Bildqualität sieht man die Meisterschaft von Rembrandts Zeichnungen deutlich: Sein Spiel mit Licht und Schatten, das er mit gekonnten Schraffuren umsetzt und damit auch eine emotionale Botschaft vermittelt. In seinen Porträts schafft er es, mit gezielten Strichen die Mimik herausarbeiten, welche oft auch Hinweis auf die inneren Vorgänge des Porträtierten ist.

Zwar lagen Rembrandts Schwerpunkte bei biblischen und historischen Motiven, doch finden sich unter seinen Zeichnungen und Radierungen auch wunderbare Landschaften, Porträts und Tiere. Es ist schwer, bei diesem Buch bescheidenere Worte zu verwenden, da das Können dieses Künstlers aus allen Seiten sticht. Zudem ist das Buch so hochwertig gestaltet, dass man wohl kaum näher an den Genuss der Betrachtung eines Originals käme als auf diese Weise. Für einen Bewunderer grosser Zeichenkunst eine wahre Freude.

Das Buch ist nicht nur haptisch und vom Design her hochwertig gestaltet, es ist mit 36,2 x 8,8 x 42,4 cm auch nicht wirklich klein.

Fazit
Ein wunderschönes, sehr hochwertig gestaltetes Buch, das die Zeichnungen und Radierungen Rembrandts eindrücklich präsentiert. Absolut empfehlenswert.

Zu den Autoren:
Peter Schatborn war Leiter des Rijksprentenkabinet im Amsterdamer Rijksmuseum und Gastdozent am Getty Research Institute in Los Angeles. Er kuratierte unter anderem Ausstellungen der Frick Collection in New York und der Fondation Custodia in Paris. Den Schwerpunkt seiner Forschung bilden die niederländischen Zeichnungen des 17. Jahrhunderts.Erik Hinterding studierte Kunstgeschichte an der Universität Utrecht und promovierte über Rembrandt als Radierer. Er wirkte an zahlreichen Publikationen und Ausstellungen mit, unter anderem für die Fondation Custodia in Paris, die Scuderie del Quirinale in Rom, die Klassik Stiftung Weimar und das National Museum of Western Art in Tokio. Er ist einer der beiden Verfasser des New Hollstein Werkverzeichnisses der Radierungen Rembrandts aus dem Jahr 2013. Seit 2012 ist er Kurator im Amsterdamer Rijksmuseum, wo er die Sammlung frühneuzeitlicher Drucke betreut.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 756 Seiten
Verlag: Taschen Verlag (19. Mai 2019)
Autoren: Peter Schatborn und Erik Hinterding
ISBN: 978-3836575423
Preis: EUR: 150 ; CHF 204
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Richard David Precht: Jäger, Hirten, Kritiker

Eine Utopie für die digitale Gesellschaft


„Dieses Buch möchte einen Beitrag dazu leisten, aus dem Fatalismus des unweigerlichen Werdens aus- und zu einem Optimismus des Wollens und Gestaltens aufzubrechen. Es möchte helfen, ein Bild einer guten Zukunft zu malen.“


Unsere Welt ist in einem schnellen Wandel und manchmal scheint es, alle schauen gespannt zu. Es gibt verschiedene Lager der Zuschauer, die, welche die Entwicklungen als Fortschritt hochjubeln, und die, welche auf Ängsten gegründete Horrorszenarien an die Wand malen.

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die fortschreitende Digitalisierung unser Leben stark verändern wird, dass wir uns in vielen Lebensbereichen mit neuen Umständen auseinandersetzen müssen. Berufe werden wegfallen, neue werden kommen, wie die genau aussehen, steht noch in den Sternen, was aber sicher ist: Diese Veränderungen werden sich sicher nicht zugunsten von den jetzt schon sozial Schwachen auswirken, die Schere zwischen Arm und Reich wird sich vergrössern, wenn wir nicht dagegen steuern und in einer humanen Weise auf die neuen Möglichkeiten reagieren.


„Die Digitalisierung wird bereits von allen Volkswirtschaften als Macht anerkannt. Und es ist hohe Zeit zu zeigen, wo die Weichen liegen, die wir jetzt richtig stellen müssen, damit sie sich in einen Segen und nicht in einen Fluch verwandelt. Denn die Zukunft KOMMT nicht! […] die Zkunft wird von uns GEMACHT! Und die Frage ist nicht: Wie WERDEN wir leben? Sondern: Wie WOLLEN wir leben?“


Richard David Precht zeichnet ein sehr realistisches Bild der aktuellen Situation, der vierten industriellen Revolution, welche in vollem Gange mit noch offenem Ausgang ist. Er ruft dazu auf, sich nicht hinter Fortschrittglauben und Ängsten zu verstecken, sondern aktiv die Idee einer wünschenswerten Welt zu schaffen, in welcher Maschinen nicht zur Optimierung oder zum Ersatz von Menschen werden, sondern diese unterstützen.

Er weist weiter auf die Chancen der Digitalisierung hin, welche es dem Menschen ermöglichen könnte, vom Arbeiten im Lohnhamsterrad zu einem selbstbestimmteren und erfüllteren Leben zu kommen, was allerdings nur mit einem bedingungslosen Grundeinkommen zu verwirklichen wäre, da gerade die wegfallenden Berufe in vormaligen Ausbildungsberufen ein würdevolles Leben ansonsten verunmöglichen würden. Precht nennt seine Lösungsansätze selber eine Utopie, beklagt aber den negativen Klang, den dieses Wort heute hat. Wenn wir den Begriff der Utopie als das sehen, was wir uns wünschen würden, könnten wir es uns aufs Papier schreiben und damit anfangen, das Leben und dessen Bedingungen und Umstände so zu gestalten, dass aus der Utopie die nächste Wirklichkeit wird.

„Jäger, Hirten, Kritiker“ greift ein aktuelles Thema auf und vermittelt auf gut lesbare und verständliche Weise Hintergründe und Aussichten. Die Sprache ist ab und zu etwas gar plakativ und flapsig, die Ausführungen zu umfassend, doch die Grundbotschaft ist eine durchaus gute und bedenkenswerte.

Fazit:
Ein gut lesbares Buch über ein aktuell brennendes Thema, bei dem weniger mehr gewesen wäre, das aber viele bedenkenswerten Ansätze für den Umgang mit einer noch unsicheren Zukunft vermittelt.

Zum Autor:
Richard David Precht wird 1964 in Solingen geboren. Nach dem Abitur studiert er Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte und promoviert 1994 in Germanistik mit der Dissertation Die gleitende Logik der Seele. Ästhetische Selbstreflexivität in Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“. Precht arbeitet fünf Jahre als Wissenschaftlicher Assistent in einem kognitionspsychologischen Forschungsprojekt, hält danach Vorträge und Vorlesungsreihen an unterschiedlichen Universitäten und Kongressen und wird 2011 Honorarprofessor für Philosophie an der Leuphana Universität Lüneburg, 2012 Honorarprofessor für Philosophie und Ästhetik an der Musikhochschule Hanns Eisler in Berlin. Daneben schreibt er für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften Essays, moderiert seit 2012 die Sendung „Precht“ im ZDF. Von ihm erschienen sind unter anderem Wer bin ich – und wenn ja, wieviele? (2007), Liebe . Ein unordentliches Gefühl (2010), Die Kunst, kein Egoist zu sein (2010), Warum gibt es alles und nicht nichts (2011), Anna, die Schule und der liebe Gott (2013).


Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
Verlag: Goldmann Verlag; Originalausgabe Edition (23. April 2018)
ISBN-Nr: 978-3442315017
Preis: EUR 20; CHF 29.90

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Bernhard Schlink: Sommerlügen


„Wenn dieser Sommer stimmt, haben alle früheren nicht gestimmt, und wenn alle früheren gestimmt haben, stimmt dieser nicht.“

Wovor fürchten wir uns, wenn wir eine Beziehung eingehen? Was erwartet der andere Mensch von uns und sind wir diesen Erwartungen gewachsen? Wie viel von mir kann ich preisgeben, was ist wahr, was Lüge und wieviel von beidem mag es leiden, braucht es gar? Was, wenn sich einer von beiden plötzlich ändert, sind wir dann doch noch die gleichen oder andere geworden? Und wie gehen wir mit diesem anders sein um? Was erhoffen wir uns von einer Beziehung? Für uns? Von anderen? Was macht unsere Beziehung überhaupt aus? Werden wir dem gerecht?

„Alles Glück will Ewigkeit? Wie alle Lust? Nein, dachte er, es will Stetigkeit. Es will in die Zukunft dauern und schon das Glück der Vergangenheit gewesen sein.“

Bernhard Schlink geht den menschlichen Beziehungen nach, erzählt Geschichten von Menschen, die lieben, geliebt werden, geliebt haben, mit der LIebe hadern oder sich mit ihr arrangiert haben. Er erzählt von den Schwierigkeiten des Anfangens mit all seinen Ängsten und Zweifeln, von den Herausforderungen des Beziehungsalltags und auch von den Komplikationen, wenn zwei Menschen mit unterschiedlichen Wünschen und Zielen aufeinandertreffen.


„Ich hatte mir unsere Ehe anders vorgestellt, aber anders ging es anscheinend nicht, und so habe ich mich mit dem eingerichtet, was ging.“

Entstanden ist ein Buch, das einen klaren Blick auf die menschlichen Sehnsüchte, Ängste, Hoffnungen und Abgründe bietet. „Sommerlügen“ umfasst sieben Erzählungen, die einen von der ersten Zeile packen und nicht mehr loslassen, die einen zum Mitfühlen und Nachdenken anregen. Es bleibt nicht aus, dass man beim Lesen die eigene Haltung in den erzählten Situationen überlegt, die eigenen Vorstellungen, Ängste, Hoffnungen hinterfragt, das eigene Leben und Denken in die Waagschale wirft.

Fazit:
Ein grossartiges und zutiefst menschliches Buch, welches einen von der ersten Seite packt und nicht mehr loslässt, das zum Mitfühlen und Nachdenken anregt. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Bernhard Schlink, geboren 1944 bei Bielefeld, ist Jurist und lebt in Berlin und New York. Zu seinen Veröffentlichungen zählen der 1995 erschienene und in über 50 Sprachen übersetzte Roman ›Der Vorleser‹ und zuletzt die Sammlung von Geschichten ›Abschiedsfarben‹.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 288 Seiten
Verlag: Diogenes; 8. Edition (24. April 2012))
ISBN: 978-3257241693
Preis: EUR 12/ CHF 17.90

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Ilka Piepgras (Hrsg.): Schreibtisch mit Aussicht


„Nach wie vor wird die Arbeit von Schriftstellerinnen weniger ernst- und wahrgenommen als die von Schriftstellern. Für Debatten und Gesprächsstoff sorgen hauptsächlich Publikationen von Männern…“

Ilka Piepgras hat sich aufgemacht und Schriftstellerinnen über die Schulter geschaut. Was bedeutet es, zu schreiben? Wie sieht der Weg vom Gedanken hin zum Buch aus? Womit hat man dabei zu kämpfen? Vor allem als Frau? Das Buch konzentriert sich auf Frauen, da diese auch heute noch wenig präsent sind im Literaturbetrieb.

„Bei mir sind das die heiklen Stellen, die, wo die Verzweiflung und die Angst vor dem Scheitern wohnen: Ich weiss danach oft einfach nicht weiter. Ich habe alles gegeben, um diese paar Seiten zu schreiben, durchzustrukturieren, mit Crescendo und Diminuendo und im besten Fall sogar mit einer Fermate. Und dann? Dann ist da ein Stück Text, korrigiert, fertig, ein fast perfekt poliertes Werkstück, leider ins Unbestimmte ragend wie ein Sprungbrett über einer Schlucht.“

Das Buch umfasst 24 Texte von Schriftstellerinnen, in welchen diese offenlegen, was Schreiben für sie bedeutet, wie ihr Schreiballtag aussieht, womit sie kämpfen, worüber sie sich freuen und wo sie ihre Kraft herholen. Entstanden ist ein offenes und ehrliches Buch, das von Ängsten und Nöten spricht, vom Spagat zwischen Familie und Schreibtisch, von Schuldgefühlen und Zweifeln.

Mit all dem stehen sie bei weitem nicht alleine, so schrieb schon Edith Warton:

„Wenn meine Arbeit nur besser wäre, wäre sie alles, was ich brauche. Aber meine Art von halbem Talent reicht zur Flucht nicht aus.“

Und auch Joan Didion war nicht nur Schreibikone, sondern von Zweifeln und Unsicherheiten geplagte Schriftstellerin:

„Es steht viel schlampiges Zeug darin. Irrelevantes Zeug. Wörter, die nicht funktionieren. Unbeholfenheit.“

An dieser Stelle sei zu bemerken, dass durchaus auch Männer unter Selbstzweifeln, schrieb doch Theodor Fontane in einem seiner Briefe sinngemäss an seine Frau, dass er eigentlich gar nicht schreiben könne und das Ganze am besten sein liesse. Im vorliegenden Buch mussten die Männer aber schweigen, da es darum ging, Frauen eine Stimme zu geben in einem Bereich, in welchem sie noch immer viel zu wenig gehört werden. „Schreibtisch mit Aussicht“ ist ein Buch voller Einblicke, ein ehrliches Buch, ein Buch, das tief blicken und nachdenken lässt. Es ist ein Buch, das seinen Beitrag dazu leisten will, mehr Bewusstsein auf die noch immer vorherrschenden Ungleichbehandlungen zwischen den Geschlechtern zu lenken, welche gerade in dem Bereich umso unverständlicher sind, da Kreativität eine menschliche Angelegenheit und keine Frage des Geschlechts ist. Das einzige, was hier unterscheidet, ist der Fokus, welchen wir hier und heute setzen – es wäre an der Zeit, diesen besser auszurichten.

Fazit:
Ein grossartiges Buch mit Einblicken in die Schreibprozesse von 24 Schriftstellerinnen, über ihre Kämpfe und Freuden. Sehr empfehlenswert!

Über die Herausgeberin
Ilka Piepgras, geboren 1964, studierte in München Politische Wissenschaften und begann, 1991 als Reporterin bei der Berliner Zeitung zu arbeiten. Nach einem Studienjahr in Harvard wechselte sie 1999 zur deutschen Ausgabe der Financial Times Deutschland, wo sie die Buchseiten in der Weekend-Beilage betreute. Sie ist Autorin der Bücher Meine Freundin, die Nonne und Wie ich einmal auszog, den Tod kennenzulernen, und dabei eine Menge über das Leben erfuhr und arbeitet heute als Redakteurin im ZEITmagazin.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
Verlag: Kein & Aber; 2. Auflage, neue (3. November 2020)
ISBN-Nr.: 978-3036958262
Preis: EUR 23 / CHF 32.90

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Patricia Highsmisth: Suspense oder Wie man einen Thriller schreibt

Die Meisterin lässt sich in die Karten blicken

„Suspense fängt mit den Grundlagen an und wendet sich vor allem an junge Schriftsteller – obwohl natürlcih ein Anfänger fortgeschrittenen Alters ebenfalls ‚jung’ ist, was die Schriftstellerei betrifft, und die ersten Schritte für alle die gleichen sind. In meinen Augen sind auch angehende Schriftsteller oder Anfänger schon Schriftsteller, da sie willentlich das Risiko auf sich nehmen, ihre Gefühle, ihre Schrullen und ihre Weltanschauungen den prüfenden Blicken der Öffentlichkeit preiszugeben.“

Patricia Highsmith lässt sich in diesem Buch beim Schreiben über die Schulter blicken und zeigt auf, wie sie von der ersten Idee bis hin zum fertigen Manuskript voranschreitet. Sie zeigt dies anhand ihrer bekannten Bücher, leuchtet im Detail aus, wie viele Anläufe es ab und an brauchte, bis das fertige Buch in seiner endgültigen Fassung stand, welche oft von der ersten völlig abweichen konnte. Sie schildert dabei ihre Stolpersteine beim Schreiben, Punkte, über die sie kaum hinweg kam und erzählt auch von diversen Ablehnungen von Verlagen, von unveröffentlichten Manuskripten und fehlgeleiteten Geschichtsverläufen.

„Wenn man ein Buch schreibt, sollte es in erster Linie dem Autor gefallen. Hat man selbst während der Dauer des Schreibprozesses Spass daran, dann kann und wird es Verlegern und Lesern später ebenso gehen.“

Am Anfang steht eine Idee. Zwar gibt es viele Ideen, doch es existiert durchaus auch das Gefühl, keine Ideen mehr zu haben, welches oft dann eintritt, wenn zu viel Druck, zu wenig Raum, zu grosse Erschöpfung herrscht. Auch Gesellschaft kann hinderlich werden, vor allem, wenn es die falsche ist. Hat man die packende Idee aber erst gefunden, geht es darum, sie auszubauen, eine Geschichte darum zu spinnen, diese durch Handlungen und Nebenhandlungen zu erweitern, bis man einen Plot entwickelt, der schliesslich zu einer ersten Fassung führt.

„Ein Autor muss jederzeit ein Gefühl für die Wirkung haben, die er auf dem Papier schafft, für die Plausibilität dessen, was er schreibt. Er muss spüren, wenn da etwas schiefläuft, genauso schnell wie ein Mechaniker ein falsches Geräusch im Motor wahrnimmt, und er muss es korrigieren, bevor es schlimmer wird.“

An diesem Punkt fängt das Überarbeiten an, das Umschreiben, Verwerfen, Streichen – alles ab und an schmerzhafte Prozesse, die auch viel von einem Schriftsteller verlangen. Nicht selten heisst es, Passagen zu streichen, die einem eigentlich am Herz liegen.

Patricia Highsmith beschreibt auf eine sehr offene und persönliche Art ihre Herangehensweise ans Schreiben. Sie beleuchtet den Schreibprozess mit allen Höhen und Tiefen, mit den wichtigen Zutaten wie Disziplin, Emotion, Freude und Spass am Schreiben. Sie zeigt die Schwierigkeiten des Daseins als Schriftsteller sowie auch dessen schönen Seiten. Ein Buch, das genausoviel über Patricia Highsmith selber aussagt wie über ihr Schreiben und ein Bild von einer am Boden gebliebenen, authentischen und äusserst sympathischen Frau zeichnet.

Fazit:
Ein Werkstattbericht, der nicht Ratgeber sein will, sondern einen tiefen Einblick in das Schreiben und Wesen der Meisterin der Spannungsliteratur gewährt. Sehr empfehlenswert.

Zur Autorin
Patricia Highsmith wurde am 19. Januar 1921 in Fort Worth, Texas geboren. Ihre Eltern trennten sich schon vor ihrer Geburt, Patricia Highsmith wuchs die ersten Jahre bei ihrer Grossmutter auf. 1934 zog sie mit ihrer Mutter und ihrem Stiefvater nach New York, wo sie nach der High School am renommierten Barnard College Englische Literaturwissenschaft mit dem Nebenfach Latein studierte. Es folgten diverse Jobs und 1943 eine Stelle als Comic-Texterin und Geschichtenentwicklerin beim Verlag Fawcett in New York. Schon während der Schulzeit hat Patricia Highsmith erste Geschichten und Gedichte geschrieben, in der Studienzeit Erzählungen in der Studentenzeitschrift „Barnard Quarterly“ veröffentlicht. Ihr erster Romanversuch blieb unvollendet und unveröffentlicht. Einen ersten Erfolg erzielte sie mit ihrer Kurzgeschichte The Heroine, es folgte ein Stipendium für die Künstlerkolonie Yaddo, wo sie in Ruhe arbeiten konnte und erste Teile ihres grossen Erfolges Zwei Fremde im Zug schrieb. Patricia Highsmith starb am 4. Februar 1995 in Locarno, Schweiz. Sie hat 22 Romane und eine Vielzahl von Kurzgeschichten, unter anderem Zwei Fremde im Zug (1950; dt. 1967), Der Stümper (1954; dt. 1974), Der talentierte Mr. Ripley (1955; dt. 1961/1979), Suspense oder Wie man einen Thriller schreibt (1966; dt. 1990/2013), Ripley under Ground ((1970; dt. 1972), Ripley’s Game (1974; dt. 1976), Ediths Tagebuch (1977; dt. 1980), Elsies Lebenslust (1986; dt. 1986).

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 168 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag (23. April 2013)
ISBN: 978-3257242034
Preis: EUR 9.99/ CHF 15.90

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Elisabeth Jacquet: Wir zwei. Reflexion über das Leben als Paar


„Eines Tages wurde aus einem Mann mein Mann.“

Was passiert, wenn man einen Menschen trifft, heiratet, das Leben gemeinsam bestreitet? Was verändert das in jedem von uns und aus uns als Paar? Worauf hat die Heirat sonst noch Einfluss?

Elisabeth Jacquet denkt sich in kleinen Häppchen durch das Leben zu zweit, auf das gefühlte und geteilte Miteinander. Sie zeigt, wie aus Dingen plötzlich gemeinsame Dinge werden, sogar die Welt wird zu einer geteilten:

„Ausserdem ist der Raum um uns herum zu einem Mischraum geworden.“

Das Teilen hört auch nicht auf, wenn einer von beiden nicht anwesend ist, er ist trotzdem dabei:

„Wo immer ich bin, ist plötzlich auch mein abwesender Mann.“

„Wir zwei“ handelt vom Leben als (Ehe-)Paar, von den sich einschleichenden Gewohnheiten, den geliebten Ritualen, von den Besonderheiten und den Veränderungen im Leben und in der eigenen Person. Das Buch zeigt, wie ein geteiltes Leben ein reicheres wird, da man sich gegenseitig so viel zeigt, was einer allein nicht gesehen hätte oder dem er sonst vielleicht weniger Bedeutung zugedacht hätte, wäre da keiner gewesen, dem man es hätte zeigen können.

Auf jeder Seite stehen ein bis zwei kurze Gedanken, oft nicht länger als ein Satz. Anfänglich sind diese Gedanken sehr originell, entlocken mal ein Lächeln, führen zu einem Aha-Erlebnis, dann werden sie etwas seicht und auch gesucht. Das Buch ist generell klein, die Seiten mehrheitlich weiss, es entsteht ein wenig der Eindruck über die Seiten hinweg, dass der Stoff doch nicht für ein ganzes Buch gereicht hat. Trotzdem ist es eine schöne Idee, der Umstand, dass das Buch bei mir auf der Gästetoilette liegt, ist keine Abwertung des Buches, sondern schlicht der für diese Form geeignete Lektüreort, wie ich finde.

Fazit:
Das Leben als Paar in kurzen Gedanken dargestellt – eine schöne Idee, wenn auch ein wenig mager ausgefallen. Empfehlenswert.

Über die Autorin
Elisabeth Jacquet, geboren 1963, hat als Drehbuchautorin, Werbetexterin und Lektorin gearbeitet, bevor sie selbst begann, Romane zu schreiben. In ihren Texten beschäftigt sie sich u.a. mit verschiedenen Formen des Erzählens und fragt sich dabei stets, wie man die Menschen in unserer durchtechnologisierten Zeit zum Lesen bewegen kann. Sie lebt mit ihrem Mann in Paris.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 144 Seiten
Verlag: Piper; 1. Edition (1. Februar 2019)
ISBN-Nr.: 978-3492058926
Preis: EUR 17.95 / CHF 28.90

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Clara Maria Bagus: Die Farbe von Glück

„Antoines Geschichte beginnt zweimal. Einmal mit dem tag seiner Geburt. Und ein zweites Mal, sechs Jahre später, am Tag, an dem seine Mutter Marlene verschwand.“

Antoine ist sechs, als ihn seine Mutter verlässt. Verzweifelt und tieftraurig bleibt er im Haus zurück, wo ihn Charlotte findet und bei sich aufnimmt. Mit viel Liebe und Geduld schafft sie es, bei Antoine Trauer und Verlassenheit durch Zuversicht und Lebensfreude zu ersetzen. Sie haben nicht viel, aber sie haben einander und das ist für beide das wichtigste. Und genau das gerät in Gefahr, als eines Tages Jules auf Charlotte bei ihrer Arbeit im Krankenhaus zukommt und von ihr verlangt, sein gerade geborenes kränkliches Kind mit einem gesunden zu tauschen. Sonst nähme er ihr Antoine.

„Jeder schien an diesem Tag am falschen Ort gewesen zu sein. Jules und Charlotte hatten ins Schicksal eingegriffen, die Karten neu gemischt und anders verteilt, als es vorgesehen war. Das Schicksal würde sie verfolgen. Beide. Da waren sie sich sicher. Wann würde es kommen, sie einholen und Rache nehmen?“

Auch wenn der Beweggrund die eigene Verzweiflung und keine Böswilligkeit gewesen war, lastet diese Entscheidung fortan schwer auf allen. Und: Sie betrifft das Leben so vieler Menschen, die mit den Folgen leben müssen.

„Wie konnte es falsch sein, das Richtige zu tun? War es nicht ein Zeichen dafür, dass die Welt, in der sie lebte, verkehrt war?“

Was ist richtig im Leben, was falsch? Darf ich zum Schutz meiner Lieben anderen Leid zufügen? Womit kann ich leben? Wie gehe ich mit meiner Schuld um? Diese und weitere Fragen stehen philosophisch im Zentrum des vorliegenden Buches. „Die Farbe von Glück“ ist aber auch ein Buch über Liebe, Verantwortung, Fürsorge. Es ist die Geschichte eines kleinen Jungen, der von allem verlassen und ohne Halt im Leben wieder Zuversicht lernt und sieht, was Liebe ist. Es ist ein Buch, das immer wieder dazu aufruft, dass wir es selber sind, die unser Leben in der Hand haben, egal, wie die Umstände sind. Es ist ein Buch, das Mut machen will, das anhand von verschiedenen Geschichten aufzeigt, dass es unsere Entscheidungen sind, welche unser Leben prägen – in verschiedener Hinsicht.

Es ist ein wunderbares Buch mit authentischen Charakteren und einer mitreissenden und bewegenden Geschichte. Teilweise verliert sich diese leider in zu vielen Wiederholungen und Längen, manchmal geht sie fast unter in vorgetragenen, oft esoterisch anmutenden Lebensweisheiten, welche mehr an einen seichten Ratgeber als an einen Roman erinnern und ab und zu sehr kitschig erscheinen. Weniger wäre mehr gewesen, trotzdem überwiegt das Positive, da es der Autorin gelingt, die Geschichte mit einer grossen Zärtlichkeit zu erzählen, welche auf den Leser übergreift und ihn mit den Figuren in Kontakt treten und mitfühlen lässt.

Fazit:
Eine wunderbare Geschichte mit authentischen Figuren und ganz viel Zärtlichkeit. Ein Buch über Schuld, Verlust und Trauer, aber auch über Liebe, Vertrauen und Selbstverantwortung. Wenn auch teilweise langatmig und zu esoterisch, so doch empfehlenswert.

Über die Autorin
Clara Maria Bagus hat in den USA und in Deutschland Psychologie studiert und war einige Zeit in der Hirnforschung tätig. Ihr Lebensweg führte sie über zahlreiche Kontinente. Dort begegneten ihr immer wieder Menschen auf der Suche nach sich selbst. In einer Welt, in der Orientierung schwer zu finden ist, hat sie ihnen durch ihre berührenden Bücher geholfen, den roten Faden ihres Lebens wiederzufinden. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihren Zwillingssöhnen in Bern.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 352 Seiten
Verlag: Piper; 5. Edition (2. November 2020)
ISBN-Nr.: 978-3492059954
Preis: EUR 18 / CHF 26.90

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Doris Dörrie: Diebe und Vampire

Ich hatte tatsächlich die nebulöse Vorstellung, ich müsse nur genug vor mich hin träumen, dann würden irgendwann die Gedankenfetzen, Bilder, Töne und Geschichten schon ihren Weg aufs Papier finden.

Alice weiss genau, was sie will: Schreiben, Schriftstellerin sein. Dieser Wunsch wird noch mehr bestärkt, als sie in einem Urlaub in Mexiko auf eine bekannte Schriftstellerin trifft, die genau das tut, was sie eben nicht tut: Schreiben. Jeden Tag zieht sich die Meisterin, so nennt Alice sie insgeheim, zurück und schreibt, während Alice keinen Buchstaben zu Papier bringt. Um Eindruck zu machen und Aufmerksamkeit zu erregen, setzt sie sich fortan mit einem Heft hin und schreibt vor sich hin.

Das Vorhaben gelingt, die Meisterin bemerkt sie. Als sie abreist, lässt sie Alice zurück mit der Aufforderung, weiter zu schreiben, nicht aufzugeben und sie bald zu besuchen in San Francisco. Das einzige, was Alice schreibt, ist der Meisterin einen Brief, ab und an telefoniert sie ihrem grossen Vorbild und fliegt eines Tages unangekündigt nach San Francisco, um vor Ort von der Meisterin zu lernen.

Diebe und Vampire ist ein Roman über das Schreiben, ein Roman über das Leben einer jungen Frau, die vom Traum, Schriftstellerin besessen ist, aber mehr Gründe dafür findet, nicht zu schreiben, als zu schreiben.

„Ich habe Angst zu scheitern, platzte ich heraus. Ich habe Angst, dass ich nie gut sein werde, nie eine richtig, richtig gute Schriftstellerin sein werde. Ich habe Angst, dass man mich fertigmachen und über mich lachen wird, dass ich einen Traum habe, der so lächerlich ist, als wolle eine Taube eine Nachtigall sein.“

Es ist ein Buch, das von den Ängsten und Nöten des Schreibens handelt, ein Buch, das auch autobiographische Züge trägt zumindest, was den Schreibprozess, den Akt des Schreibens betrifft. Es ist aber auch ein Buch über das Scheitern, das Älterwerden – schonungslos, offen, teilweise etwas abstrus, teilweise verwirrend, weil nicht klar ist, was real und was Phantasie der Protagonistin ist, dabei aber unterhaltsam und flüssig zu lesen.

Fazit:
Die Geschichte einer jungen Frau, von ihrem Traum vom Schreiben und den Schwierigkeit, es wirklich zu tun. Ein Buch, das trotz einiger Schwächen Spass macht beim Lesen. Empfehlenswert.

Über die Autorin
Doris Dörrie, geboren in Hannover, studierte Theater und Schauspiel in Kalifornien und in New York, entschloss sich dann aber, lieber Regie zu führen. Parallel zu ihrer Filmarbeit (zuletzt der Spielfilm ›Kirschblüten und Dämonen‹) veröffentlicht sie Kurzgeschichten, Romane, ein Buch über das Schreiben und Kinderbücher. Sie leitet den Lehrstuhl ›Creative Writing‹ an der Filmhochschule München und gibt immer wieder Schreibworkshops. Sie lebt in München.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 224 Seiten
Verlag: Diogenes; 2. Edition (23. November 2016)
ISBN-Nr.: 978-3257243659
Preis: EUR 12 / CHF 17.90

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Colum McCann: Briefe an junge Autoren

„Niemand kann Ihnen raten und helfen, niemand“, sagte Rilke vor über einem Jahrhundert in Briefe an einen jungen Dichter. „Es gibt nur ein einziges Mittel. Gehen Sie in sich.“

Mit diesem Zitat eröffnet Colum McCann sein Buch und er stimmt Rilke zu. Nun mag man sich als Leser fragen, wieso er dann dieses Buch geschrieben hat. Er gesteht sogar kurz nach dieser Einführung ein, dass er mit der vorliegenden Zusammenstellung von Ratschlägen elend gescheitert sei, was aber nicht so tragisch ist, da er es „liebe, zu scheitern“.

Damit drückt er vielleicht etwas vom Wichtigsten aus, was ein (angehender) Autor wissen muss: Schreiben ist schwierig und nur dann, wenn man trotzdem immer wieder hinsitzt und schreibt, wird man ein Autor sein. Das Autorendasein ergibt sich nicht durch das Reden übers Schreiben, nur das Schreiben macht den Menschen zum Autoren. Und: In diesem kann er immer wieder scheitern.

„Verzweifeln Sie nicht. Schreiben Sie weiter. Bleiben Sie mit dem Hintern auf dem Stuhl sitzen. Bringen Sie Wörter auf die Seite. Tun Sie, was Sie lieben. Kämpfen Sie. Seien Sie beharrlich.“

In kurzen Absätzen schreibt McCann über die erste Zeile, den Schrecken der weissen Seite, die Erschaffung von Figuren und Dialogen – und vieles mehr. Und immer wieder die Aufforderung, zu schreiben. Viel zu schreiben. Und zu lesen, viel und Verschiedenes zu lesen, um dann wieder zu schreiben. Und beim Schreiben solle man mutig sein, nicht zu sehr an den Dingen hängen, wenn man merkt, dass sie nicht funktionieren. Es könne sein, dass man nach einem Jahr Arbeit und mehreren hundert Seiten merkt, man muss alles löschen und neu anfangen. Der Autor hat eine ganz grosse Aufgabe:

„Die Fähigkeit aufzubringen, an das Schwierige zu glauben. Zäh um die Erkenntnis zu ringen, dass Erfolg Zeit und Geduld braucht.“

Briefe an junge Autoren ist kein Schreibratgeber im üblichen Sinne. Column McCann sieht sich eher als Begleiter, als einer, der schreibt, dabei das ein oder andere über die Jahre gelernt hat und nun ein bisschen davon weitergeben will. Entstanden sind leicht lesbare, mit viel Humor und Selbstironie gewürzte kurze Texte rund ums Schreiben, Texte, die anregen, die Mut machen wollen, die dem verzweifelt vor dem leeren Blatt sitzenden jungen Autor sagen wollen: Wir waren alle an dem Punkt, wir kommen wieder an den Punkt, es gibt nur eines: Weiter schreiben.

Fazit:
Ein wunderbares Buch eines grossartigen Geschichtenerzählers über das Schreiben, – humorvoll, unterhaltsam, inspirierend. Sehr empfehlenswert.

Über den Autor
Colum McCann wurde 1965 in Dublin geboren. Er arbeitete als Journalist, Farmarbeiter und Lehrer und unternahm lange Reisen durch Asien, Europa und Amerika. Für seine Romane und Erzählungen erhielt McCann zahlreiche Literaturpreise, unter anderem den Hennessy Award und den Rooney Prize for Irish Literature. Zum internationalen Bestsellerautor wurde er mit den Romanen «Der Tänzer» und «Zoli». Für den Roman «Die große Welt» erhielt er 2009 den National Book Award. Er ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt in New York.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 192 Seiten
Verlag: Rowohlt Taschenbuch; 1. Edition (19. Mai 2017)
ISBN-Nr.: 978-3499291401
Preis: EUR 12 / CHF 17.90

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Maxim Leo: Wo wir zu Hause sind

„Als Kind habe ich Menschen mit grossen Familien beneidet, alles schien mir so warm und selbstverständlich zu sein, wie ein Nest, aus dem man nicht herausfallen kann. Meine eigene Familie kam mir dagegen zerbrechlich vor.“

Maxim Leos Berliner Familie ist sehr überschaubar, der Rest der Menschen seiner Verwandschaft ist über den ganzen Erdenball verteilt, an spannenden Orten, wie Maxim als Junge denkt, während er im langweiligen Deutschland sitzt. Die Verteilung hatte ernste und tragische Gründe, die Machtübernahme der Nationalsozialisten liess der Familie keine andere Wahl, wollte sie überleben. Für einen kleinen Jungen war das nicht immer verständlich und teilweise schmerzhaft.

„Heute kann ich selbst durch die Welt reisen und meine Familie besuchen, aber je näher ich meinen Leuten in der Ferne komme, desto mehr fehlen sie mir hier, zu Hause. Ich fühle mich wie ein Scheidungskind, das immer hofft, eines Tages könnten wieder alle zusammen sein.“

Anlässlich der Hochzeit von Maxims Bruder kommt die Familie in Berlin zusammen und es wird offenkundig: Die Geschichte hat alle betroffen und auch erschüttert, die Trennung hat auf alle eine prägende Wirkung gehabt und die Sehnsucht sitzt bei allen tief – bei jedem auf seine Weise.

„An diesem warmen Septemberabend wurde mir klar, wie tief die Sehnsucht der anderen nach ihrer verlorenen Heimat ist. Wie sehr sie die Nähe und Zugehörigkeit brauchen, Erinnerungen suchen.“¨

Maxim Leo reist durch die Welt auf den Spuren seiner Familie. Er sucht die Lebensgeschichten der einzelnen Mitglieder zusammen, erzählt von ihren ursprünglichen Träumen, Wünschen und vom Weg, den sie schliesslich gingen. Er gräbt in der Geschichte und legt einerseits das Schicksal einer Generation von Menschen offen, andererseits die ganz persönlichen Lebensgeschichten der einzelnen Familienmitglieder. Sein Hauptaugenmerk liegt in diesem Buch auf drei Frauen, seiner Grosstante Ilse und deren Cousinen Hilde und Irmgard.

Es gelingt Maxim Leo, trotz der Tragik der Thematik einen gut lesbaren, sachlichen und doch menschlichen Ton anzuschlagen. Im Stil einer Reportage beschreibt er die Flucht vor dem Regime, die neuen Lebensentwürfe in der Fremde, die Höhen und Tiefen der verschiedenen Leben. Zwar wird man als Leser Zeuge von vielen Schicksalen und verhinderter Lebenswünsche, daneben aber auch von Lebenswillen, Kraft und Kampfgeist.

Ein gelungenes Buch, ein Buch über Menschen, denen das Leben viel genommen hat, ein Buch über Menschen, die Opfer eines Unrechtsregimes wurden, ein Buch, das von den Sehnsüchten und Wünschen von Menschen handelt, welche ein Leben weit weg vom ursprünglichen Lebensentwurf suchen mussten, und ein Buch über Menschen, die dieses Leben fanden und lebten.

Fazit:
Ein Buch über eine Familie, die durch das Regime des Nationalsozialismus auf der ganzen Welt verstreut ist, ein Buch über die Sehnsucht von Menschen, die sich nach Nähe und Miteinander sehnen, ein Buch über den Wert eines Zuhauses. Und vieles mehr. Sehr empfehlenswert.

Über den Autor
Maxim Leo, 1970 in Ost-Berlin geboren, ist gelernter Chemielaborant, studierte Politikwissenschaften, wurde Journalist. Heute schreibt er Kolumnen für die Berliner Zeitung, gemeinsam mit Jochen Gutsch Bestseller über sprechende Männer und Alterspubertierende, außerdem Drehbücher für den »Tatort«. 2006 erhielt er den Theodor-Wolff-Preis. Für sein autobiografisches Buch »Haltet euer Herz bereit« wurde er 2011 mit dem Europäischen Buchpreis ausgezeichnet. 2014 erschien sein Krimi »Waidmannstod. Der erste Fall für Kommissar Voss«, 2015 »Auentod«. Maxim Leo lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Berlin.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 368 Seiten
Verlag: Kiepenheuer&Witsch; 2. Edition (14. Februar 2019)
ISBN-Nr.: 978-3462000405
Preis: EUR 12 / CHF 18.90

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Marco Missiroli: Treue

„Deine Frau ist mir gefolgt.“
„Meine Frau.“
„Bis hierher.“ Sofia sah ihn an: „Professore?“
Er warf eien Blick auf die Tür des Seminarraums.
„Sie ist im Hof, glaube ich.“
Carlo Pentecoste trat ans Fenster und erkannte Margheritas amarantroten Mantel, den sie seit dem zweiten warmen Frühlingstag trug.“

Carlo und Margherita sind ein schönes und ein glückliches Paar, er Dozent für Literatur, sie Inhaberin einer Immobilienagentur. Als Carlo eines Tages auf der Universitätstoilette mit einer jungen Studentin erwischt wird, behauptet er, dieser nur nach einem Schwächeanfall geholfen zu haben. Der Vorfall bleibt als Stachel in der Beziehung. War wirklich alles nur ein Missverständnis? Oder ist entgegen der Behauptungen mehr passiert?

Carlo und Margherita gehen unterschiedlich mit dieser Geschichte um, doch auf ihre Weise wird sie für beide eine Obsession. Und sie löst Fragen aus: Nimmt eine Affäre dem Ehepartner etwas weg? Ist eine unterdrückte Leidenschaft nicht schädlicher als das Ausleben derselben? Muss man etwas wirklich leben, um es loswerden zu können, oder kann man es auch sonst aus dem Leben verbannen? Wo fängt ein Seitensprung an, was ist wirklich Betrug?

„Was konnte ein neuer Körper ihrer Ehe überhaupt anhaben?“

Marco Missiroli stellt die grossen Fragen der Liebe. Wie viel Freiheit ist erlaubt, wie viel Geheimnis erträgt sie, wo hört sie auf? Woher kommt die Sehnsucht nach Neuem, wenn man doch glücklich ist? Er erzählt die Geschichte von zwei Menschen, die trotz ihrer gegenseitigen Liebe mit dem Wunsch nach Neuem kämpfen, die sich und die Beziehung hinterfragen und sich den Herausforderungen, welche dadurch entstehen, stellen müssen. Indem er diese Geschichte immer wieder aus anderen Perspektiven erzählt, sieht man als Leser hinter die Kulissen des reinen Geschehens, man nimmt teil an den Gedanken und Abwägungen jedes Einzelnen. Das macht das Buch spannend und hintergründig, wird ab und zu aber auch etwas chaotisch, da die Perspektiven oft mitten im Absatz wechseln, so dass man sich als Leser wieder zurechtfinden muss, wo man sich im Zusammenspiel der Figuren gerade befindet.

Treue ist ein Roman ohne grosse Höhen und Tiefen, er plätschert ruhig dahin und lässt dadurch Zeit und Raum für die Gedanken der Protagonisten. Missirolis Sprache ist einfach und gut lesbar, sie passt sich dem Lauf der Geschichte an, in einzelnen Passagen vergreift er sich allerdings im Wort, bezeichnet er doch die Sexualität als vögeln (was aber auch der Übersetzung geschuldet sein kann und dann nicht dem Autor zugeschrieben werden dürfte), was irgendwie nicht zum restlichen Sprachduktus passen will. Trotz vieler Innensichten bleiben die Figuren merkwürdig fremd, es fällt schwer, sich mit ihnen zu identifizieren, was aber nicht bedeutet, dass die Fragen, die sie sich stellen, nicht zu eigenen Fragen werden. Als Leser wird man oft auf sich zurückgeworfen, der eigene Blick auf die Fragen der Protagonisten wird herausgefordert.

Fazit:
Die Geschichte von zwei Menschen, die trotz Eheglück mit den Verlockungen der Abwechslung und mit geheimen Sehnsüchten kämpfen. Teilweise etwas chaotisch, aber durchaus empfehlenswert.

Über den Autor
Marco Missiroli, 1981 in Rimini geboren, lebt in Mailand und schreibt für den Kulturteil des »Corriere della Sera«. Er ist Verfasser mehrerer Romane wie »Obszönes Verhalten an privaten Orten« (2017), die Publikum und Kritik gleichermaßen begeisterten. Mit »Treue« gewann Missiroli 2019 den Premio Strega Giovani und stand auf der Shortlist des Premio Strega. »Treue« erscheint in über 30 Ländern, eine auf dem Roman basierende Netflix-Serie startet 2021.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 256 Seiten
Verlag: Wagenbach, K (28. Januar 2021)
ISBN-Nr.: 978-3803133304
Preis: EUR 23 / CHF 35.90

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Doris Dörrie: Alles inklusive


„Ich war einsam, meine Mutter war einsam, und wir wussten es voneinander, das war das Schlimmste.“

Ingrid versucht an einem Hippiestrand in Spanien für sich und ihre Tochter Apple den Lebensunterhalt durch den Verkauf von selbstgemachtem Schmuck zu verdienen. Ingrid ist unglücklich, Apple ist unglücklich, und beide fühlen sich allein. Als Ingrid auf Karl trifft, geht sie mit ihm eine Affäre ein, wobei sie insgeheim hofft, dass er ihre Zukunft sein könnte. Karl, selber verheiratet und Vater von Tim, sieht in Ingrid auch eine Rettung und eine Flucht. Am Ende stehen alle vor den Scherben eines Unglücks, das ihr aller Leben für immer verändern wird: Karls Frau ertränkt sich im Pool. Wie sollen Sie mit diesem Schicksal weiter leben?

30 Jahre später ist Ingrid wieder in Spanien und trifft zufällig auf Karl.

„Ich möchte mir vorstellen, dass einfach nichts weiter geschehen ist zwischen damals und jetzt, als sässen wir an den gegenüberliegenden Enden eines langen Tisches, mit einem unbefleckten weissen Tischtuch zwischen uns, das wir nun langsam von beiden Seiten her zusammen rollen.“

„Alles inklusive“ ist die Geschichte verschiedener Menschen, die alle mit ihrem Leben hadern, daran verzweifeln, falsche Entscheidungen treffen, sich selber ins Unglück reiten. Alle wirken sie auf ihre Weise verrückt und doch auch wie Menschen mit ihren Abgründen und Hoffnungen. Es ist die Geschichte einer Mutter-Tochter-Beziehung, die nie eine wirklich gelebte und gefühlte war und doch Boden für viele Anschuldigungen mit sich bringt. So sagt Ingrid einmal über ihre Tochter:

„Hauptberuflich nimmt sie mir mein Leben von damals übel.“

Doris Dörrie gelingt es, ohne Moralkeule und hochgehobenen Zeigefinger menschliche Schwächen zu erzählen, trotz vieler Tiefschläge und auch verkorkster Lebensentwürfe driftet das Buch nie ins Schwere ab. Es ist wohl gerade die Leichtigkeit des Erzählens, die einen immer weiter lesen lässt, auch wenn die Geschichte ab und an etwas langatmig und gar abstrus wird. Kleine Heiterkeiten wie ein Hund namens Dr. Freud oder launige Beschreibungen und Assoziationen entlocken beim Lesen immer wieder ein Schmunzeln, durch das man gerne über kleine Schwächen hinwegliest.

Fazit:
Nicht die beste Leistung der Autorin, aber durch die Leichtigkeit des Erzählflusses und den klaren Blick auf die menschlichen Kuriositäten durchaus ein Lesevergnügen. Empfehlenswert.

Über die Autorin
Doris Dörrie, geboren in Hannover, studierte Theater und Schauspiel in Kalifornien und in New York, entschloss sich dann aber, lieber Regie zu führen. Parallel zu ihrer Filmarbeit (zuletzt der Spielfilm ›Kirschblüten und Dämonen‹) veröffentlicht sie Kurzgeschichten, Romane, ein Buch über das Schreiben und Kinderbücher. Sie leitet den Lehrstuhl ›Creative Writing‹ an der Filmhochschule München und gibt immer wieder Schreibworkshops. Sie lebt in München.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 256 Seiten
Verlag: Diogenes; 5. Edition (26. Februar 2013)
ISBN-Nr.: 978-3257241938
Preis: EUR 12 / CHF 27.90

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Natascha Lusenti: Die Welt in meinen Farben


„Dieses Jahr in der Schwebe ist eine Art Zwischenzeit, die ihr ganz alleine gehört. So wie die Stunden im Kino, wo man sich über nichts Gedanken machen muss. Eine Zeit, die in der Endabrechnung nicht zählt, weil sie niemand richtig bemerkt.“


Als Emilia vor dem Haus steht, in welchem sie das nächste Jahr leben wird, hat sie in ihrem Leben viel verloren und irgendwie auch sich selber. Ohne Arbeit, ohne Menschen in der Stadt, in die sie nach langer Zeit zurückgekommen ist, startet sie in eine ungewisse Zeit. Was ihr bleibt, sind die Erinnerungen an vergangene Zeiten sowie die Farben in ihrem Leben, durch die sie das Leben fassen, erklären und sich auch mal in sie retten kann.


„Seitdem ist Gelb meine Lieblingsfarbe. Weil sie keine Veränderungen fürchtet. Sie hat nicht einmal Angst, dass sie ein bisschen braun werden könnte. Und ich habe dadurch gelernt, dass es Zeit braucht, wenn etwas entstehen soll. das es vorher nicht gab, und dass man immer die richtigen Zutaten parat haben muss.“

Emilia fängt an, jeden Morgen eine kleine Geschichte ans Schwarze Brett des Hauses zu hängen. Es ist ihr Tor zu anderen Menschen, vor denen sie sich sonst eher versteckt, aus Angst vor falschen Fragen, aus Angst, erkannt zu werden, aus Angst, dass diese etwas sehen könnten, was sie selber nicht erkannt hat oder preisgeben will. Und langsam stellen sich Kontakte ein, Emilia schliesst Freundschaften, schafft es, sich mehr und mehr dem Leben zu öffnen. Leider gefallen die Geschichten nicht allen. Und als dann auch noch schwierige Erinnerungen wieder auftauchen, gibt es nur noch einen Weg: Emilia muss sich dem stellen, sie kann sich nicht weiter verstecken.

„Schreibend erforsche ich die Welt. Meine Welt. Was beeindruckt mich? Was merke ich mir? Was erschüttert mich? Was erheitert mich? Was begeistert mich? Woran erinnere ich mich?“

„Die Welt in meinen Farben“ ist die Geschichte einer jungen Frau, die ihren Platz im Leben erst finden muss, weil sie ihn durch zu viele Verluste verloren hat. Die Geschichte fängt sehr langatmig, sprachlich schwer fassbar und mit zu vielen Wiederholungen an, wird dann aber immer einnehmender, bis sie den Leser vollends in den Bann zieht. Emilia wirkt als Charakter so glaubwürdig, so authentisch in ihrem Denken, Fühlen, Tun, das sich in einer grossen Verletzlichkeit äussert, dass man sie als Leser ins Herz schliesst und weiter begleiten will.

Die kleinen Geschichten, die Emilia täglich ans Schwarze Brett hängt, regen auch als Leser zum Nachdenken an, indem er sich mit Fragen nach dem dem letzten Moment des Glücks oder der Angst vor Fehlern konfrontiert sieht, um nur zwei zu nennen. Die in der Geschichte nicht immer nur einfachen zwischenmenschlichen Beziehungen lassen unbewusste Muster offenkundig werden, welche auch im wirklichen Leben prägend sind.

Alles in allem ist Natascha Lusenti eine kleine, feine Geschichte voller Zärtlichkeit, Nachdenklichkeit, Mit-Menschlichkeit gelungen, die von der Suche nach sich selbst, von Zugehörigkeit, von Liebe, Angst und Glück handelt. Wären der unbefriedigende Anfang und ein paar zu ausführliche Ausschweifungen später nicht, könnte man sie rundum wunderbar nennen.

Fazit:
Ein wunderbares Buch über die Suche einer jungen Frau nach sich selber und nach Zugehörigkeit, das zum nachdenken und mitfühlen anregt. Von ein paar sprachlichen Schwächen und einigen Ausuferungen abgesehen eine kleine, feine Geschichte voller Zärtlichkeit. Sehr empfehlenswert.

Über die Autorin
Natascha Lusenti wurde 1971 in der italienischsprachigen Schweiz geboren. Bevor sie vor sechs Jahren als Radiosprecherin zu arbeiten begann, war sie als Journalistin, Fernsehmoderatorin und Schauspielerin tätig. Ihre bei den Hörern sehr beliebte Morgensendung bei Radio2 Rai beginnt sie immer mit Gedanken zu Alltagsthemen und den Worten: „Heute morgen bin ich aufgewacht und …“
Seit ihrer Kindheit träumte Natascha Lusenti davon, einen Roman zu schreiben – nun liegt dieser mit „Die Welt in meinen Farben“ vor und eroberte die Herzen der italienischen Leserinnen im Sturm. Natascha Lusenti lebt in Mailand.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 176 Seiten
Verlag: Knaur TB (2. Dezember 2019)
ISBN-Nr.: 978-3426524251
Preis: EUR 9.99 / CHF 27.90

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„Das Salz der Erde“


Eine Reise mit Sebastião Salgado
Ein Film von Wim Wenders und Juliano Ribeiro Salgado

Rezensiere ich sonst mehrheitlich Bücher, so ist es dieses Mal ausnahmsweise ein Film: „Das Salz der Erde“, eine Dokumentation über den Fotografen Sebastião Salgado – nein mehr: Ein Zeugnis über die Grausamkeit der Menschen, die Schönheit der Erde und die Möglichkeit, deren Zerstörung rückgängig zu machen. Was es braucht? Man muss hinsehen.

Einer der hingeschaut und (zu?) viel gesehen hat, ist Sabastião Salgado. Der 1944 in Brasilien geborene Salgado kam eher zufällig zur Fotografie. Er studierte Wirtschaftswissenschaften, lernte seine Frau Lélia Deluiz Wanick kennen und schoss sein erstes Foto von eben dieser mit deren Fotoapparat. Eine Leidenschaft war geboren. Bald schon gab er einen gut bezahlten Job in der Privatwirtschaft auf, kaufte sich mit dem Geld, das sie beide noch hatten, eine Fotoausrüstung, und begann als Fotojournalist zu arbeiten.

Bald schon führten ihn die Reisen immer weiter, er begann, grosse Projekte zu planen, die ihn zu all denen führten, denen es schlecht ging: Zu Vertriebenen, Bekriegten, Verhungernden, dem Tode geweihten durch Fehlverteilung der Ressourcen. Entstanden ist ein Werk, das hinschaut, das aufmerksam macht, das aufschreien lässt. Wie grausam kann der Mensch sein?

Sebastião selber wurde krank durch all die Anblicke und Erlebnisse – er war immer mittendrin und erlebte hautnah, wie viel Leid auf dieser Erde herrscht – und das meiste ist menschgemacht. Irgendwann musste er aufhören. Fast schon hätte er die Fotografie aufgegeben, doch dann besann er sich eines besseren: Er wollte – wohl als Gegengewicht – zeigen, dass die Erde schön ist. Sein Projekt „Genesis“ führte ihn an Plätze, die noch ursprünglich waren, zu Völkern, die noch fernab aller sogenannter Zivilisation mit anderen (oder überhaupt welchen?) Werten lebten.

Neben all dem fotografischen Engagement, das weit darüber hinaus reicht, bloss Kunst und Bilder zu sein, sondern ein soziales Engagement zeigt, haben Sebastião Saldago und seine Frau Lélia ein weiteres Projekt in Angriff genommen: Sie forsteten das Land von Salgados Familie wieder auf. Nachdem das einst fruchtbare Land zu einer Einöde verkommen war, pflanzten sie zweieinhalb Millionen Regenwaldbäume, so dass sich das lokale Klima langsam wieder erholte. Das Gelände ist heute ein Nationalpark, das Paar hat es dem Staat Brasilien geschenkt. Das engagierte Paar begnügte sich aber nicht mit dem ehemals eigenen Land, sie gründeten das Instituto Terra, welches sich der Wiederaufforstung gerodeter Wälder und dem Naturschutz generell widmet.

Am Schluss des Filmes sass ich nachdenklich, bewegt, gerührt, mit einer grossen Achtung für diesen grossartigen Menschen und Fotografen da. Ich kann den Film jedem nur ans Herz legen. Und die Bücher dieses grossartigen Fotografen, der übrigens vor nicht allzu langer Zeit den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten hat – zu recht!

Staatsgalerie Stuttgart, Ina Conzen (Hrsg.): Francis Bacon. Unsichtbare Räume

Dem Paradoxen einen Raum geben
Francis Bacon gilt als einer der grössten, figurativ malenden Künstler heutiger Zeit. Trotz horrender Verkaufspreise im zwei- und dreifachen Millionenbereich für seine Bilder ist er aber alles andere als unumstritten.
Deformiert, zerfliessend, sich windend, sind es ohne Zweifel höchst vitale Wesen, deren Intaktheit allerdings prekär infrage steht. Bacon lotet existentielle Grenzsituationen aus – Grenzsituationen zwischen Leben und Tod, physischer Präsenz und Auflösung, Mensch und Tier, Lust und Schmerz.

Geschäftsleute, Päpste, Menschenaffen werden in nicht zu entschlüsselnden Käfigen zur Schau gestellt. Meist winden sie sich in abstrusen Posen, sind in ihrer Identität oft nur durch Symbole oder künstlerische Kniffe erkennbar. Es beginnt bei der Betrachtung ein Diskurs zwischen Bild und Betrachter, bei dem nicht sicher ist, wer Objekt, wer Subjekt ist, wer spricht, wer antwortet.

Gewalt, Religion, Tod – das sind die immer wiederkehrenden Themen von Francis Bacons Malerei. Margrit Thatcher nannte seine Kunst verstörend und so mancher kann sich wohl dem Urteil auch nicht entziehen. Trotzdem geht von dem Künstler eine Faszination aus, ist sein Leben und Werken Gegenstand vieler Bücher, Dokumentationen und Filme. Man weiss um die verschiedenen Einflüsse aus Anatomie, dem Studium alter Meister und anderem mehr. Was also gäbe es noch Neues zu sagen?

Das vorliegende Buch (als Katalog zur Ausstellung in der Staatsgalerie Stuttgart) hat sich dem Thema der (unsichtbaren) Räume in Francis Bacons Werk angenommen. So offensichtlich sie eigentlich sind, betrachtet man seine Bilder, so wenig beleuchtet wurde dieser Aspekt. Es legt Francis Bacons Sicht auf seine Kunst offen, seine Abneigung gegen Abstraktion ebenso:
Abstrakte Kunst bedeutet freies Fantasieren über nichts. Von nichts kommt nichts. Man benötigt also konkrete Bilder, um die tief liegenden Gefühle und das Mysterium von Zufall und Intuition, das Besondere zu realisieren.

Wie seine Ablehnung von Narration in seinen Bildern. Es wendet sich zudem in Artikeln und auch in den ausgewählten Bildern den Bildräumen und den Räumen in diesen Räumen zu. Es behandelt auf fundierte, tiefgründige und erklärende Weise den Körper im Raum, wie er in Bacons Bildern präsentiert wird. Bei den Räumen wird – wie bei seinen Gestalten – offensichtlich, dass er auch diese verzerrte in Perspektive und Anordnung, so dass sie zu paradoxen Räumen werden, die zwischen Bühne und Käfig schwanken, die Figuren einerseits im Inneren einschliessen, sie andererseits doch dem Publikum präsentieren. Die hochwertige Gestaltung rundet das Buch ab.

Fazit
Ein informatives, tiefgründiges und hochwertig gestaltetes Buch, das sich fundiert mit Bacons Bildern auseinandersetzt und vor allem die Räume innerhalb der Bilder auf gut verständliche Weise erläutert. Absolut empfehlenswert.

Link zur Staatsgalerie Stuttgart: HIER http://www.staatsgalerie.de

Zum Herausgeber:
Die Staatsgalerie Stuttgart gehört mit ihrem reichen Bestand an Gemälden und Plastiken vom 14. bis 21. Jahrhundert zu den meistbesuchten Museen Deutschlands.

Ina Conzen ist Kuratorin für die Kunst der Klassischen Moderne und stellvertretende wissenschaftliche Direktorin der Staatsgalerie Stuttgart..

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 256 Seiten
Verlag: Prestel Verlag (12. Oktober 2016)
ISBN: 978-3791355764
Preis: EUR: 39.95 ; CHF 52
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