Patricia Highsmisth: Suspense oder Wie man einen Thriller schreibt

Die Meisterin lässt sich in die Karten blicken

„Suspense fängt mit den Grundlagen an und wendet sich vor allem an junge Schriftsteller – obwohl natürlcih ein Anfänger fortgeschrittenen Alters ebenfalls ‚jung’ ist, was die Schriftstellerei betrifft, und die ersten Schritte für alle die gleichen sind. In meinen Augen sind auch angehende Schriftsteller oder Anfänger schon Schriftsteller, da sie willentlich das Risiko auf sich nehmen, ihre Gefühle, ihre Schrullen und ihre Weltanschauungen den prüfenden Blicken der Öffentlichkeit preiszugeben.“

Patricia Highsmith lässt sich in diesem Buch beim Schreiben über die Schulter blicken und zeigt auf, wie sie von der ersten Idee bis hin zum fertigen Manuskript voranschreitet. Sie zeigt dies anhand ihrer bekannten Bücher, leuchtet im Detail aus, wie viele Anläufe es ab und an brauchte, bis das fertige Buch in seiner endgültigen Fassung stand, welche oft von der ersten völlig abweichen konnte. Sie schildert dabei ihre Stolpersteine beim Schreiben, Punkte, über die sie kaum hinweg kam und erzählt auch von diversen Ablehnungen von Verlagen, von unveröffentlichten Manuskripten und fehlgeleiteten Geschichtsverläufen.

„Wenn man ein Buch schreibt, sollte es in erster Linie dem Autor gefallen. Hat man selbst während der Dauer des Schreibprozesses Spass daran, dann kann und wird es Verlegern und Lesern später ebenso gehen.“

Am Anfang steht eine Idee. Zwar gibt es viele Ideen, doch es existiert durchaus auch das Gefühl, keine Ideen mehr zu haben, welches oft dann eintritt, wenn zu viel Druck, zu wenig Raum, zu grosse Erschöpfung herrscht. Auch Gesellschaft kann hinderlich werden, vor allem, wenn es die falsche ist. Hat man die packende Idee aber erst gefunden, geht es darum, sie auszubauen, eine Geschichte darum zu spinnen, diese durch Handlungen und Nebenhandlungen zu erweitern, bis man einen Plot entwickelt, der schliesslich zu einer ersten Fassung führt.

„Ein Autor muss jederzeit ein Gefühl für die Wirkung haben, die er auf dem Papier schafft, für die Plausibilität dessen, was er schreibt. Er muss spüren, wenn da etwas schiefläuft, genauso schnell wie ein Mechaniker ein falsches Geräusch im Motor wahrnimmt, und er muss es korrigieren, bevor es schlimmer wird.“

An diesem Punkt fängt das Überarbeiten an, das Umschreiben, Verwerfen, Streichen – alles ab und an schmerzhafte Prozesse, die auch viel von einem Schriftsteller verlangen. Nicht selten heisst es, Passagen zu streichen, die einem eigentlich am Herz liegen.

Patricia Highsmith beschreibt auf eine sehr offene und persönliche Art ihre Herangehensweise ans Schreiben. Sie beleuchtet den Schreibprozess mit allen Höhen und Tiefen, mit den wichtigen Zutaten wie Disziplin, Emotion, Freude und Spass am Schreiben. Sie zeigt die Schwierigkeiten des Daseins als Schriftsteller sowie auch dessen schönen Seiten. Ein Buch, das genausoviel über Patricia Highsmith selber aussagt wie über ihr Schreiben und ein Bild von einer am Boden gebliebenen, authentischen und äusserst sympathischen Frau zeichnet.

Fazit:
Ein Werkstattbericht, der nicht Ratgeber sein will, sondern einen tiefen Einblick in das Schreiben und Wesen der Meisterin der Spannungsliteratur gewährt. Sehr empfehlenswert.

Zur Autorin
Patricia Highsmith wurde am 19. Januar 1921 in Fort Worth, Texas geboren. Ihre Eltern trennten sich schon vor ihrer Geburt, Patricia Highsmith wuchs die ersten Jahre bei ihrer Grossmutter auf. 1934 zog sie mit ihrer Mutter und ihrem Stiefvater nach New York, wo sie nach der High School am renommierten Barnard College Englische Literaturwissenschaft mit dem Nebenfach Latein studierte. Es folgten diverse Jobs und 1943 eine Stelle als Comic-Texterin und Geschichtenentwicklerin beim Verlag Fawcett in New York. Schon während der Schulzeit hat Patricia Highsmith erste Geschichten und Gedichte geschrieben, in der Studienzeit Erzählungen in der Studentenzeitschrift „Barnard Quarterly“ veröffentlicht. Ihr erster Romanversuch blieb unvollendet und unveröffentlicht. Einen ersten Erfolg erzielte sie mit ihrer Kurzgeschichte The Heroine, es folgte ein Stipendium für die Künstlerkolonie Yaddo, wo sie in Ruhe arbeiten konnte und erste Teile ihres grossen Erfolges Zwei Fremde im Zug schrieb. Patricia Highsmith starb am 4. Februar 1995 in Locarno, Schweiz. Sie hat 22 Romane und eine Vielzahl von Kurzgeschichten, unter anderem Zwei Fremde im Zug (1950; dt. 1967), Der Stümper (1954; dt. 1974), Der talentierte Mr. Ripley (1955; dt. 1961/1979), Suspense oder Wie man einen Thriller schreibt (1966; dt. 1990/2013), Ripley under Ground ((1970; dt. 1972), Ripley’s Game (1974; dt. 1976), Ediths Tagebuch (1977; dt. 1980), Elsies Lebenslust (1986; dt. 1986).

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 168 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag (23. April 2013)
ISBN: 978-3257242034
Preis: EUR 9.99/ CHF 15.90

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Elisabeth Jacquet: Wir zwei. Reflexion über das Leben als Paar


„Eines Tages wurde aus einem Mann mein Mann.“

Was passiert, wenn man einen Menschen trifft, heiratet, das Leben gemeinsam bestreitet? Was verändert das in jedem von uns und aus uns als Paar? Worauf hat die Heirat sonst noch Einfluss?

Elisabeth Jacquet denkt sich in kleinen Häppchen durch das Leben zu zweit, auf das gefühlte und geteilte Miteinander. Sie zeigt, wie aus Dingen plötzlich gemeinsame Dinge werden, sogar die Welt wird zu einer geteilten:

„Ausserdem ist der Raum um uns herum zu einem Mischraum geworden.“

Das Teilen hört auch nicht auf, wenn einer von beiden nicht anwesend ist, er ist trotzdem dabei:

„Wo immer ich bin, ist plötzlich auch mein abwesender Mann.“

„Wir zwei“ handelt vom Leben als (Ehe-)Paar, von den sich einschleichenden Gewohnheiten, den geliebten Ritualen, von den Besonderheiten und den Veränderungen im Leben und in der eigenen Person. Das Buch zeigt, wie ein geteiltes Leben ein reicheres wird, da man sich gegenseitig so viel zeigt, was einer allein nicht gesehen hätte oder dem er sonst vielleicht weniger Bedeutung zugedacht hätte, wäre da keiner gewesen, dem man es hätte zeigen können.

Auf jeder Seite stehen ein bis zwei kurze Gedanken, oft nicht länger als ein Satz. Anfänglich sind diese Gedanken sehr originell, entlocken mal ein Lächeln, führen zu einem Aha-Erlebnis, dann werden sie etwas seicht und auch gesucht. Das Buch ist generell klein, die Seiten mehrheitlich weiss, es entsteht ein wenig der Eindruck über die Seiten hinweg, dass der Stoff doch nicht für ein ganzes Buch gereicht hat. Trotzdem ist es eine schöne Idee, der Umstand, dass das Buch bei mir auf der Gästetoilette liegt, ist keine Abwertung des Buches, sondern schlicht der für diese Form geeignete Lektüreort, wie ich finde.

Fazit:
Das Leben als Paar in kurzen Gedanken dargestellt – eine schöne Idee, wenn auch ein wenig mager ausgefallen. Empfehlenswert.

Über die Autorin
Elisabeth Jacquet, geboren 1963, hat als Drehbuchautorin, Werbetexterin und Lektorin gearbeitet, bevor sie selbst begann, Romane zu schreiben. In ihren Texten beschäftigt sie sich u.a. mit verschiedenen Formen des Erzählens und fragt sich dabei stets, wie man die Menschen in unserer durchtechnologisierten Zeit zum Lesen bewegen kann. Sie lebt mit ihrem Mann in Paris.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 144 Seiten
Verlag: Piper; 1. Edition (1. Februar 2019)
ISBN-Nr.: 978-3492058926
Preis: EUR 17.95 / CHF 28.90

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Clara Maria Bagus: Die Farbe von Glück

„Antoines Geschichte beginnt zweimal. Einmal mit dem tag seiner Geburt. Und ein zweites Mal, sechs Jahre später, am Tag, an dem seine Mutter Marlene verschwand.“

Antoine ist sechs, als ihn seine Mutter verlässt. Verzweifelt und tieftraurig bleibt er im Haus zurück, wo ihn Charlotte findet und bei sich aufnimmt. Mit viel Liebe und Geduld schafft sie es, bei Antoine Trauer und Verlassenheit durch Zuversicht und Lebensfreude zu ersetzen. Sie haben nicht viel, aber sie haben einander und das ist für beide das wichtigste. Und genau das gerät in Gefahr, als eines Tages Jules auf Charlotte bei ihrer Arbeit im Krankenhaus zukommt und von ihr verlangt, sein gerade geborenes kränkliches Kind mit einem gesunden zu tauschen. Sonst nähme er ihr Antoine.

„Jeder schien an diesem Tag am falschen Ort gewesen zu sein. Jules und Charlotte hatten ins Schicksal eingegriffen, die Karten neu gemischt und anders verteilt, als es vorgesehen war. Das Schicksal würde sie verfolgen. Beide. Da waren sie sich sicher. Wann würde es kommen, sie einholen und Rache nehmen?“

Auch wenn der Beweggrund die eigene Verzweiflung und keine Böswilligkeit gewesen war, lastet diese Entscheidung fortan schwer auf allen. Und: Sie betrifft das Leben so vieler Menschen, die mit den Folgen leben müssen.

„Wie konnte es falsch sein, das Richtige zu tun? War es nicht ein Zeichen dafür, dass die Welt, in der sie lebte, verkehrt war?“

Was ist richtig im Leben, was falsch? Darf ich zum Schutz meiner Lieben anderen Leid zufügen? Womit kann ich leben? Wie gehe ich mit meiner Schuld um? Diese und weitere Fragen stehen philosophisch im Zentrum des vorliegenden Buches. „Die Farbe von Glück“ ist aber auch ein Buch über Liebe, Verantwortung, Fürsorge. Es ist die Geschichte eines kleinen Jungen, der von allem verlassen und ohne Halt im Leben wieder Zuversicht lernt und sieht, was Liebe ist. Es ist ein Buch, das immer wieder dazu aufruft, dass wir es selber sind, die unser Leben in der Hand haben, egal, wie die Umstände sind. Es ist ein Buch, das Mut machen will, das anhand von verschiedenen Geschichten aufzeigt, dass es unsere Entscheidungen sind, welche unser Leben prägen – in verschiedener Hinsicht.

Es ist ein wunderbares Buch mit authentischen Charakteren und einer mitreissenden und bewegenden Geschichte. Teilweise verliert sich diese leider in zu vielen Wiederholungen und Längen, manchmal geht sie fast unter in vorgetragenen, oft esoterisch anmutenden Lebensweisheiten, welche mehr an einen seichten Ratgeber als an einen Roman erinnern und ab und zu sehr kitschig erscheinen. Weniger wäre mehr gewesen, trotzdem überwiegt das Positive, da es der Autorin gelingt, die Geschichte mit einer grossen Zärtlichkeit zu erzählen, welche auf den Leser übergreift und ihn mit den Figuren in Kontakt treten und mitfühlen lässt.

Fazit:
Eine wunderbare Geschichte mit authentischen Figuren und ganz viel Zärtlichkeit. Ein Buch über Schuld, Verlust und Trauer, aber auch über Liebe, Vertrauen und Selbstverantwortung. Wenn auch teilweise langatmig und zu esoterisch, so doch empfehlenswert.

Über die Autorin
Clara Maria Bagus hat in den USA und in Deutschland Psychologie studiert und war einige Zeit in der Hirnforschung tätig. Ihr Lebensweg führte sie über zahlreiche Kontinente. Dort begegneten ihr immer wieder Menschen auf der Suche nach sich selbst. In einer Welt, in der Orientierung schwer zu finden ist, hat sie ihnen durch ihre berührenden Bücher geholfen, den roten Faden ihres Lebens wiederzufinden. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihren Zwillingssöhnen in Bern.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 352 Seiten
Verlag: Piper; 5. Edition (2. November 2020)
ISBN-Nr.: 978-3492059954
Preis: EUR 18 / CHF 26.90

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Erich Kästner (23.2.1899 – 29.7.1974)

Erich Kästner wurde am 23. Februar1899 in Dresden geboren und wuchs in kleinbürgerlichen Verhältnissen auf. Schon als Kind hatte er eine sehr enge Beziehung zu seiner Mutter, welche das ganze Leben anhalten sollte, oft Thema seiner Schriften war und auch Grund, dass Kästner nicht ins Ausland floh bei der Machtübernahme der Nationalsozialisten.

Nach der Schule trat Kästner ins Lehrerseminar ein, brachte zwar keinen Abschluss als Lehrer heraus, aber immerhin genügend Stoff als Inspiration für sein fliegendes Klassenzimmer. Später studierte Kästner in Leipzig Geschichte, Philosophie, Germanistik und Theaterwissenschaft und promovierte in Germanistik. Schon während des Studiums arbeitete er journalistisch. Dies behielt er auch nach dem Studium – auch unter vielen Pseudonymen – bei. Daneben veröffentlichte er Geschichten, Gedichte, Romane und auch Kinderbücher

„Ich bin ein Deutscher aus Dresden in Sachsen.
Mich läßt die Heimat nicht fort.
Ich bin wie ein Baum, der – in Deutschland gewachsen –
wenn’s sein muss, in Deutschland verdorrt.“

1933 wurde Erich Kästner von den Nationalsozialisten als Autor verboten. Trotzdem blieb er als einer der wenigen prominenten und intellektuellen Gegner des Systems in Deutschland, sicherte sich sein finanzielles Überleben durch schreiben unter Pseudonym, entstanden sind in der Zeit einige Drehbücher zu unterhaltsamen Komödien. Das wurde ihm – vor allem in späterer Zeit – immer wieder zum Vorwurf gemacht. Zu seicht sei er gewesen, zu wenig auflehnend und kämpferisch. Ganz böse Zungen nannten ihn gar Profiteur, habe er doch mit seichtem und dem Regime genehmem Stoff ein Auskommen gehabt.

Dass ein kritischer Geist wie Kästner aber nicht einfach zuschaute, ohne sich Gedanken zu machen, liegt aber auf der Hand. Zwar konnte er diese nicht mehr schriftlich unter die Leute bringen, aber er hielt sie in einem blauen Buch fest.

„Der Entschluss ist gefasst. Ich werde ab heute wichtige Einzelheiten des Kriegsalltags aufzeichnen. Ich will es tun, damit ich sie nicht vergesse, und bevor sie, je nachdem wie dieser Krieg ausgehen wird, mit Absicht und auch absichtslos allgemein vergessen, verändert, gedeutet oder umgedeutet sein werden.“


Nach dem Krieg zog Kästner nach München, wo er erst das Feuilleton der Neuen Zeitung leitete, sich dann immer mehr dem literarischen Kabarett zuwandte. Die anfängliche Nachkriegseuphorie wich schnell einer Resignation, er sah unter anderem die Pressefreiheit durch zu viele staatlichen Massnahmen gefährdet. Zwar war Kästner auch nach dem Krieg noch erfolgreich, allerdings nahm seine Produktivität ab und gleichzeitig der Alkoholkonsum zu.
Auch in der Liebe war ihm das Glück nicht hold, blieb er doch ein Leben lang unverheiratet, wenige etwas längere Beziehungen waren eher kompliziert als glücklich.
1965 zog sich Kästner von allem zurück, er starb am 29. Juli 1974 in München an Speiseröhrenkrebs.

Bekannt wurde Erich Kästner vor allem durch seine Kindergeschichten „Das doppelte Lottchen“, „Das fliegende Klassenzimmer“, „Emil und die Detektive“ und einige mehr, die alle auch verfilmt wurden. Aber auch seine Gedichte waren sehr erfolgreich. In all seinen Schriften zeigt sich der Satiriker, der Mensch, der hinter die Fassaden schaut, der seine Zeitgenossen kritisiert und ihre (fehlende) Moral anprangert. Er tut dies nicht analytisch, aber mit klarem Blick, immer als vorgehaltenen Spiegel, verpackt in einen feinen (ab und an auch beissenden) Humor.

Marcel Reich-Ranicki hat den Menschen und Denker Kästner schön beschrieben:

»Erich Kästner war ein wehmütiger Satiriker und ein augenzwinkernder Skeptiker. Er war Deutschlands hoffnungsvollster Pessimist und der deutschen Literatur positivster Negationsrat. War er ein Schulmeister? Aber ja doch, nur eben Deutschlands amüsantester und geistreichster. Er war ein Prediger, der stolz die Narrenkappe trug.«


Einige ausgewählte Gedichte:

Apropos Einsamkeit
Man kann mitunter scheußlich einsam sein!
Da hilft es nichts, den Kragen hochzuschlagen
und vor Geschäften zu sich selbst zu sagen:
Der Hut da drin ist hübsch, nur etwas klein …

Da hilft es nichts, in ein Café zu gehn
und aufzupassen, wie die andren lachen.
da hilft es nichts, ihr Lachen nachzumachen.
Es hilft auch nicht, gleich wieder aufzustehn.

Da schaut man seinen eignen Schatten an.
Der springt und eilt, um sich nicht zu verspäten,
und Leute kommen, die ihn kühl zertreten.
Da hilft es nichts, wenn man nicht weinen kann.

Da hilft es nichts, mit sich nach Haus zu fliehn
und, falls man Brom zu Haus hat, Brom zu nehmen.
Da nützt es nichts, sich vor sich selbst zu schämen
und die Gardinen hastig vorzuziehn.

Da spürt man, wie es wäre: Klein zu sein.
So klein, wie nagelneue Kinder sind!
Dann schließt man beide Augen und wird blind.
Und liegt allein.

Ich bin die Zeit
Mein Reich ist klein und unabschreitbar weit.
Ich bin die Zeit.
Ich bin die Zeit, die schleicht und eilt,
die Wunden schlägt und Wunden heilt.
Hab weder Herz noch Augenlicht.
Ich kenn die Gut‘ und Bösen nicht.
Ich trenn die Gut‘ und Bösen nicht.
Ich hasse keinen, keiner tut mir leid.
Ich bin die Zeit.

Da ist nur eins, – das sei euch anvertraut:
Ihr seid zu laut!
Ich höre die Sekunden nicht,
Ich hör‘ den Schritt der Stunden nicht.
Ich hör‘ euch beten, fluchen schrei’n,
Ich höre Schüsse zwischendrein;
Ich hör‘ nur Euch, nur Euch allein …
Gebt acht, ihr Menschen, was ich sagen will:
Seid endlich still!

Ihr seid ein Stäubchen am Gewand der Zeit, –
Lasst euren Streit!
Klein wie ein Punkt ist der Planet,
Der sich samt euch im Weltall dreht.
Mikroben pflegen nicht zu schrei’n.
Und wollt ihr schon nicht weise sein,
Könnt ihr zumindest leise sein.
Schweigt vor dem Ticken der Unendlichkeit!
Hört auf die Zeit!

Kleines Solo
Einsam bist du sehr alleine.
Aus der Wanduhr tropft die Zeit.
Stehst am Fenster. Starrst auf Steine.
Träumst von Liebe. Glaubst an keine. Kennst das Leben.
Weißt Bescheid. Einsam bist du sehr alleine –                           
und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.

Wünsche gehen auf die Freite.
Glück ist ein verhexter Ort.
Kommt dir nahe. Weicht zur Seite.
Sucht vor Suchenden das Weite.
Ist nie hier. Ist immer dort.
Stehst am Fenster. Starrst auf Steine.
Sehnsucht krallt sich in dein Kleid.Einsam bist du sehr alleine –                          
und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.

Schenkst dich hin. Mit Haut und Haaren.
Magst nicht bleiben, wer du bist.
Liebe treibt die Welt zu Paaren.
Wirst getrieben. Musst erfahren,
dass es nicht die Liebe ist …
Bist sogar im Kuss alleine.
Aus der Wanduhr tropft die Zeit.
Gehst ans Fenster. Starrst auf Steine.
Brauchtest Liebe. Findest keine.
Träumst vom Glück. Und lebst im Leid.
Einsam bist du sehr alleine –                          
und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.

Er weiss nicht, ob er sie liebt
Soll man sein Herz bestürmen: »Herz, sprich lauter!«
da es auf einmal leise mit uns spricht?
Einst sprach es laut zu uns. Das klang vertrauter.
Nun flüstert’s nur. Und man versteht es nicht.

Was will das Herz? Man denkt: wenn es das wüßte,
dann wär es laut, damit man es versteht.
Dann riefe es, bis man ihm folgen müßte!
Was will das Herz, daß es so leise geht?

Das Allerschönste, was sich Kinder wünschen,
das wagt sich kaum aus ihrem Mund hervor.
Das Allerschönste, was sich Kinder wünschen,
das flüstern sie der Mutter bloß ins Ohr.

Ist so das Herz, daß es sich schämt zu rufen?
Will es das Schönste haben? Ruft es Nein?
Man soll den Mächten, die das Herz erschufen,
nicht dankbar sein.

5 Inspirationen – Woche 7

Was ist mir diese Woche begegnet, hat mich diese Woche inspiriert?

  • Ich habe einige Yogalehrerausbildungen und auch Unterrichtungen in buddhistischer Tradition hinter mir. Die östliche Philosophie war viele Jahre sehr zentral in meinem Leben und auch heute noch begleiten mich einige Dinge im Leben, die mir immer wieder gute Dienste leisten. Ich las einen Artikel im Netz über Eckhart Tolle und darüber, was er als tägliche spirituelle Praxis vorschlagen würde: Atembewusstsein. An anderer Stelle las ich kurz vor dem Artikel etwas ähnliches. Zufall? Passt es gerade in mein Leben und ich stosse drum drauf? Zwar praktiziere ich das Atembewusstsein jeden Morgen auf der Yogamatte und in schwierigen Situationen versuche ich, bewusst dazu zurückzukommen. Doch ab und an verliere ich mich doch in der Hektik der Tageserfordernisse und merke viel zu spät, dass der Atem oberflächlich ist, ich gehetzt bin. Öfter am Tag einfach mal schnell den Atem beobachten kann helfen, gelassener zu bleiben, wacher zu sein, kann auch Kraft geben für das, was noch ansteht. Ich kann es nur empfehlen und werde es auch wieder mehr in den Tag einbauen.
  • Ich hörte den Podcast von Tim Ferriss mit Joyce Carol Oates über das Schreiben, über ein kreatives Leben.
    “If you feel that you just can’t write or you’re too tired or this, that, and the other, just stop thinking about it, and go and work. Life doesn’t have to be so overthought. You don’t have to wait to be inspired. Just start working.”— Joyce Carol Oates
  • Ich lese gerade das Buch „Schreibtisch mit Aussicht“ (Ilka Piepgras, Hrsg.), welches von schreibenden Frauen handelt. Auf Frauen ist es vor allem beschränkt, da diese in der Literaturwelt noch immer einen viel zu kleinen Stellenwert haben, da diese noch heute sehr von Männern dominiert ist. Liegt es bei den Klassikern noch auf der Hand, dass diese mehrheitlich von Männern geschrieben wurden (mit wenigen dankenswerten Ausnahmen), da die Zeiten waren, wie sie waren, beschleicht einen heute doch ein Gefühl des Unverständnisses, dass dies zwar etwas gebessert hat, aber noch lange nicht so ist, wie man es sich wünschen würde. Das Buch regt an das eigene Leseverhalten zu hinterfragen. Schreiben Frauen anders als Männer?
  • Beim Durchforsten des Regals stiess ich wieder einmal auf das schöne Buch von Marcel Reich-Ranicki: Frauen dichten anders. Deutsche Dichterinnen vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Da ich einerseits Lyrik sehr mag, dies ein schöner Anstoss ist, Lyrik von Frauen kennenzulernen und vielleicht danach weiter zu lesen, möchte ich es an dieser Stelle auch noch nennen.
  • Am 13. Februar starb die Schweizer Schriftstellerin Helen Meier. Geboren am 17. April 1929 in Mels, Str. Gallen, arbeitete sie zuerst als Primarlehrerin, studierte später Sprachen und Pädagogik und arbeitete später in der Flüchtlingshilfe sowie als Sonderschullehrerin. Geschrieben hat sie ihr Leben lang, dass das Geschriebene auch veröffentlicht werden könnte, auf den Gedanken kam sie erst mit 55. 1984 erhielt sie an den Klagenfurter Literaturtagen einen Preis. Sie lebte und schrieb bis zu ihrem Tod in Trogen. Hier ein Interview mit dieser tiefgründigen und humorvollen Frau, deren Texte ich nur ans Herz legen kann: INTERVIEW MIT HELEN MEIER (SRF)

Ich hoffe, es war was für euch dabei, das euch angesprochen hat. Wenn ihr etwas habt, das euch diese Woche angesprochen, bewegt, inspiriert hat – ich würde mich freuen, wenn ihr davon berichten würdet. Ich wünsche euch ein schönes Wochenende und einen guten Start in die neue Woche!

Doris Dörrie: Diebe und Vampire

Ich hatte tatsächlich die nebulöse Vorstellung, ich müsse nur genug vor mich hin träumen, dann würden irgendwann die Gedankenfetzen, Bilder, Töne und Geschichten schon ihren Weg aufs Papier finden.

Alice weiss genau, was sie will: Schreiben, Schriftstellerin sein. Dieser Wunsch wird noch mehr bestärkt, als sie in einem Urlaub in Mexiko auf eine bekannte Schriftstellerin trifft, die genau das tut, was sie eben nicht tut: Schreiben. Jeden Tag zieht sich die Meisterin, so nennt Alice sie insgeheim, zurück und schreibt, während Alice keinen Buchstaben zu Papier bringt. Um Eindruck zu machen und Aufmerksamkeit zu erregen, setzt sie sich fortan mit einem Heft hin und schreibt vor sich hin.

Das Vorhaben gelingt, die Meisterin bemerkt sie. Als sie abreist, lässt sie Alice zurück mit der Aufforderung, weiter zu schreiben, nicht aufzugeben und sie bald zu besuchen in San Francisco. Das einzige, was Alice schreibt, ist der Meisterin einen Brief, ab und an telefoniert sie ihrem grossen Vorbild und fliegt eines Tages unangekündigt nach San Francisco, um vor Ort von der Meisterin zu lernen.

Diebe und Vampire ist ein Roman über das Schreiben, ein Roman über das Leben einer jungen Frau, die vom Traum, Schriftstellerin besessen ist, aber mehr Gründe dafür findet, nicht zu schreiben, als zu schreiben.

„Ich habe Angst zu scheitern, platzte ich heraus. Ich habe Angst, dass ich nie gut sein werde, nie eine richtig, richtig gute Schriftstellerin sein werde. Ich habe Angst, dass man mich fertigmachen und über mich lachen wird, dass ich einen Traum habe, der so lächerlich ist, als wolle eine Taube eine Nachtigall sein.“

Es ist ein Buch, das von den Ängsten und Nöten des Schreibens handelt, ein Buch, das auch autobiographische Züge trägt zumindest, was den Schreibprozess, den Akt des Schreibens betrifft. Es ist aber auch ein Buch über das Scheitern, das Älterwerden – schonungslos, offen, teilweise etwas abstrus, teilweise verwirrend, weil nicht klar ist, was real und was Phantasie der Protagonistin ist, dabei aber unterhaltsam und flüssig zu lesen.

Fazit:
Die Geschichte einer jungen Frau, von ihrem Traum vom Schreiben und den Schwierigkeit, es wirklich zu tun. Ein Buch, das trotz einiger Schwächen Spass macht beim Lesen. Empfehlenswert.

Über die Autorin
Doris Dörrie, geboren in Hannover, studierte Theater und Schauspiel in Kalifornien und in New York, entschloss sich dann aber, lieber Regie zu führen. Parallel zu ihrer Filmarbeit (zuletzt der Spielfilm ›Kirschblüten und Dämonen‹) veröffentlicht sie Kurzgeschichten, Romane, ein Buch über das Schreiben und Kinderbücher. Sie leitet den Lehrstuhl ›Creative Writing‹ an der Filmhochschule München und gibt immer wieder Schreibworkshops. Sie lebt in München.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 224 Seiten
Verlag: Diogenes; 2. Edition (23. November 2016)
ISBN-Nr.: 978-3257243659
Preis: EUR 12 / CHF 17.90

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Gegensätze ziehen sich an – oder: Zum Valentinstag

Ich hab’ so diesen einen Mann,
nicht weil ich mehr nicht haben kann,
weil einer reicht, es ist genug,
behaupte ich, mit Recht und Fug.

Ich habe also diesen Mann,
der sich nur Reime merken kann,
nicht Zahlen, Namen, Worte so,
es braucht was mehr, so irgendwo.

Da steht er dann, zitiert den Faust,
die Brust weit raus, ganz aufgebauscht,
den Jahrestag, ich wusst es zwar,
der war ihm nicht mehr ganz so klar.

So gehen wir durch diese Zeit,
und tun das gerne auch zu zweit,
im Wissen, wer der andre ist,
den man mit Vorsicht nur bemisst

nach eignem Mass, mit eignem Sinn,
er ist nicht so, wie ich halt bin,
das macht ihn aus, das ist schlicht er,
klagt‘ ich es an, wer wär ich, wer?

Ich merk mir Zahlen, merk mir Zeit,
des Esels Brück’ geht mir zu weit,
bin schlicht ganz klar, bin grad heraus,
liebe aber auch den Faust,

so sind wir beide, wie wir sind,
nicht immer nur das liebe Kind
des andren Wunsch, des andren Sein,
und sagen doch: „Auf immer dein!“

©Sandra von Siebenthal

Maxim Leo: Wo wir zu Hause sind

„Als Kind habe ich Menschen mit grossen Familien beneidet, alles schien mir so warm und selbstverständlich zu sein, wie ein Nest, aus dem man nicht herausfallen kann. Meine eigene Familie kam mir dagegen zerbrechlich vor.“

Maxim Leos Berliner Familie ist sehr überschaubar, der Rest der Menschen seiner Verwandschaft ist über den ganzen Erdenball verteilt, an spannenden Orten, wie Maxim als Junge denkt, während er im langweiligen Deutschland sitzt. Die Verteilung hatte ernste und tragische Gründe, die Machtübernahme der Nationalsozialisten liess der Familie keine andere Wahl, wollte sie überleben. Für einen kleinen Jungen war das nicht immer verständlich und teilweise schmerzhaft.

„Heute kann ich selbst durch die Welt reisen und meine Familie besuchen, aber je näher ich meinen Leuten in der Ferne komme, desto mehr fehlen sie mir hier, zu Hause. Ich fühle mich wie ein Scheidungskind, das immer hofft, eines Tages könnten wieder alle zusammen sein.“

Anlässlich der Hochzeit von Maxims Bruder kommt die Familie in Berlin zusammen und es wird offenkundig: Die Geschichte hat alle betroffen und auch erschüttert, die Trennung hat auf alle eine prägende Wirkung gehabt und die Sehnsucht sitzt bei allen tief – bei jedem auf seine Weise.

„An diesem warmen Septemberabend wurde mir klar, wie tief die Sehnsucht der anderen nach ihrer verlorenen Heimat ist. Wie sehr sie die Nähe und Zugehörigkeit brauchen, Erinnerungen suchen.“¨

Maxim Leo reist durch die Welt auf den Spuren seiner Familie. Er sucht die Lebensgeschichten der einzelnen Mitglieder zusammen, erzählt von ihren ursprünglichen Träumen, Wünschen und vom Weg, den sie schliesslich gingen. Er gräbt in der Geschichte und legt einerseits das Schicksal einer Generation von Menschen offen, andererseits die ganz persönlichen Lebensgeschichten der einzelnen Familienmitglieder. Sein Hauptaugenmerk liegt in diesem Buch auf drei Frauen, seiner Grosstante Ilse und deren Cousinen Hilde und Irmgard.

Es gelingt Maxim Leo, trotz der Tragik der Thematik einen gut lesbaren, sachlichen und doch menschlichen Ton anzuschlagen. Im Stil einer Reportage beschreibt er die Flucht vor dem Regime, die neuen Lebensentwürfe in der Fremde, die Höhen und Tiefen der verschiedenen Leben. Zwar wird man als Leser Zeuge von vielen Schicksalen und verhinderter Lebenswünsche, daneben aber auch von Lebenswillen, Kraft und Kampfgeist.

Ein gelungenes Buch, ein Buch über Menschen, denen das Leben viel genommen hat, ein Buch über Menschen, die Opfer eines Unrechtsregimes wurden, ein Buch, das von den Sehnsüchten und Wünschen von Menschen handelt, welche ein Leben weit weg vom ursprünglichen Lebensentwurf suchen mussten, und ein Buch über Menschen, die dieses Leben fanden und lebten.

Fazit:
Ein Buch über eine Familie, die durch das Regime des Nationalsozialismus auf der ganzen Welt verstreut ist, ein Buch über die Sehnsucht von Menschen, die sich nach Nähe und Miteinander sehnen, ein Buch über den Wert eines Zuhauses. Und vieles mehr. Sehr empfehlenswert.

Über den Autor
Maxim Leo, 1970 in Ost-Berlin geboren, ist gelernter Chemielaborant, studierte Politikwissenschaften, wurde Journalist. Heute schreibt er Kolumnen für die Berliner Zeitung, gemeinsam mit Jochen Gutsch Bestseller über sprechende Männer und Alterspubertierende, außerdem Drehbücher für den »Tatort«. 2006 erhielt er den Theodor-Wolff-Preis. Für sein autobiografisches Buch »Haltet euer Herz bereit« wurde er 2011 mit dem Europäischen Buchpreis ausgezeichnet. 2014 erschien sein Krimi »Waidmannstod. Der erste Fall für Kommissar Voss«, 2015 »Auentod«. Maxim Leo lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Berlin.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 368 Seiten
Verlag: Kiepenheuer&Witsch; 2. Edition (14. Februar 2019)
ISBN-Nr.: 978-3462000405
Preis: EUR 12 / CHF 18.90

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5 Inspirationen – Woche 6

Was ist mir diese Woche begegnet, hat mich diese Woche inspiriert?

  • Erich Fromm: Die Kunst des Liebens – es ist nicht das erste Mal, dass ich das Buch lese, und doch packt es mich immer wieder in seiner Klarheit, in seiner Einsicht. Der Mensch, ein Wesen, das Zugehörigkeit und Verbindung braucht wie die Luft zum Atmen, so Fromm, leidet unter seiner Abgrenzung gegen andere Menschen und gegen die Natur. Es gibt verschiedene Wege, diese Abgrenzung aufzulösen: Orgiastische Zustände, Konformität und eben Liebe. Das Bewusstsein, dass wir alle verbunden sind und nur in dieser Verbindung leben können, hilft, sie zurück ins Leben zu bringen. Ein schönes Zitat dazu:„Es gibt im anderen Menschen nichts, was es nicht auch in mir gibt. Dies ist die einzige Grundlage für das Verstehen der Menschen untereinander.“ (Erich Fromm)Das fällt nicht einfach zu, das ist eine Kunst, die wie jede andere neu gelernt und gepflegt werden will.
  • Ich brauche mehr Gelassenheit. Das wurde mir wieder einmal bewusst. Dabei kam mir ein Zitat in den Sinn, das genau das ausdrückt:
    “ Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“ (Reinhold Niebuhr)

    Wie oft hadere ich mit Dingen, die noch gar nicht real sind, reagiere aus Ängsten heraus, die auf wenig realen Füssen stehen, oder rege mich über Dinge auf, die schlicht nicht in meiner Hand liegen. Und wenn sie das tun, sollte ich mich nicht aufregen, sondern etwas ändern. Ich arbeite dran….
  • Eine wahre Freude war die Rede von Neil Gaiman, die er 2012 vor einer Abschlussklasse hielt: Make good Art! Er plädiert dafür, sich eigene Ziele zu setzen und darauf zuzugehen – aus ganzem Herzen und mit Freude. Er windet Fehlern einen Kranz, denn sie zu machen bringt einen weiter. Sei du selber, sprich mit deiner Stimme, denn alle anderen Stimmen gibt es, die deine ist das Einzigartige in der Welt – so Neil Gaiman! Eine grossartige Rede voller Witz, Einsichten, Bescheidenheit, Inspiration.
  • Ich mochte sie immer sehr, doch in der Flut des Lesestoffes und da es doch viele tolle Dichter und Schriftsteller gibt, ging sie ein wenig unter. Diese Woche hätte Else Lasker-Schüler ihren 152. Geburtstag gefeiert und ich las ein paar Gedichte von ihr – und sie berührten mich tief, liessen mich innehalten, eintauchen, durchatmen, mich freuen. Schön, solche unverhofften Momente ganz für sich zu finden und zu geniessen.
  • Kochen – Ich liebe es, auf Rezeptseiten zu stöbern und neue Gerichte zu finden. Zwar koche ich höchst selten streng nach Vorschrift, finde immer etwas, das ich für mich austausche oder „optimiere“, und doch bin ich auch diese Woche wieder auf Gerichte gestossen, die ich so von selber nie gekocht hätte, die aber von Anfang bis Ende ein Erlebnis waren: Die Suche nach dem Rezept, die Jagd nach den teilweise komplizierten Zutaten, die Planung der Zubereitung, die effektive Zubereitung und die Freude, wenn es gelingt. Im Kochen liegt für mich schlicht viel Kreativität, Vorfreude und beim Gelingen erst noch Genuss.

Ich hoffe, es war was für euch dabei, das euch angesprochen hat. Wenn ihr etwas habt, das euch diese Woche angesprochen, bewegt, inspiriert hat – ich würde mich freuen, wenn ihr davon berichten würdet. Ich wünsche euch ein schönes Wochenende und einen guten Start in die neue Woche!

Marco Missiroli: Treue

„Deine Frau ist mir gefolgt.“
„Meine Frau.“
„Bis hierher.“ Sofia sah ihn an: „Professore?“
Er warf eien Blick auf die Tür des Seminarraums.
„Sie ist im Hof, glaube ich.“
Carlo Pentecoste trat ans Fenster und erkannte Margheritas amarantroten Mantel, den sie seit dem zweiten warmen Frühlingstag trug.“

Carlo und Margherita sind ein schönes und ein glückliches Paar, er Dozent für Literatur, sie Inhaberin einer Immobilienagentur. Als Carlo eines Tages auf der Universitätstoilette mit einer jungen Studentin erwischt wird, behauptet er, dieser nur nach einem Schwächeanfall geholfen zu haben. Der Vorfall bleibt als Stachel in der Beziehung. War wirklich alles nur ein Missverständnis? Oder ist entgegen der Behauptungen mehr passiert?

Carlo und Margherita gehen unterschiedlich mit dieser Geschichte um, doch auf ihre Weise wird sie für beide eine Obsession. Und sie löst Fragen aus: Nimmt eine Affäre dem Ehepartner etwas weg? Ist eine unterdrückte Leidenschaft nicht schädlicher als das Ausleben derselben? Muss man etwas wirklich leben, um es loswerden zu können, oder kann man es auch sonst aus dem Leben verbannen? Wo fängt ein Seitensprung an, was ist wirklich Betrug?

„Was konnte ein neuer Körper ihrer Ehe überhaupt anhaben?“

Marco Missiroli stellt die grossen Fragen der Liebe. Wie viel Freiheit ist erlaubt, wie viel Geheimnis erträgt sie, wo hört sie auf? Woher kommt die Sehnsucht nach Neuem, wenn man doch glücklich ist? Er erzählt die Geschichte von zwei Menschen, die trotz ihrer gegenseitigen Liebe mit dem Wunsch nach Neuem kämpfen, die sich und die Beziehung hinterfragen und sich den Herausforderungen, welche dadurch entstehen, stellen müssen. Indem er diese Geschichte immer wieder aus anderen Perspektiven erzählt, sieht man als Leser hinter die Kulissen des reinen Geschehens, man nimmt teil an den Gedanken und Abwägungen jedes Einzelnen. Das macht das Buch spannend und hintergründig, wird ab und zu aber auch etwas chaotisch, da die Perspektiven oft mitten im Absatz wechseln, so dass man sich als Leser wieder zurechtfinden muss, wo man sich im Zusammenspiel der Figuren gerade befindet.

Treue ist ein Roman ohne grosse Höhen und Tiefen, er plätschert ruhig dahin und lässt dadurch Zeit und Raum für die Gedanken der Protagonisten. Missirolis Sprache ist einfach und gut lesbar, sie passt sich dem Lauf der Geschichte an, in einzelnen Passagen vergreift er sich allerdings im Wort, bezeichnet er doch die Sexualität als vögeln (was aber auch der Übersetzung geschuldet sein kann und dann nicht dem Autor zugeschrieben werden dürfte), was irgendwie nicht zum restlichen Sprachduktus passen will. Trotz vieler Innensichten bleiben die Figuren merkwürdig fremd, es fällt schwer, sich mit ihnen zu identifizieren, was aber nicht bedeutet, dass die Fragen, die sie sich stellen, nicht zu eigenen Fragen werden. Als Leser wird man oft auf sich zurückgeworfen, der eigene Blick auf die Fragen der Protagonisten wird herausgefordert.

Fazit:
Die Geschichte von zwei Menschen, die trotz Eheglück mit den Verlockungen der Abwechslung und mit geheimen Sehnsüchten kämpfen. Teilweise etwas chaotisch, aber durchaus empfehlenswert.

Über den Autor
Marco Missiroli, 1981 in Rimini geboren, lebt in Mailand und schreibt für den Kulturteil des »Corriere della Sera«. Er ist Verfasser mehrerer Romane wie »Obszönes Verhalten an privaten Orten« (2017), die Publikum und Kritik gleichermaßen begeisterten. Mit »Treue« gewann Missiroli 2019 den Premio Strega Giovani und stand auf der Shortlist des Premio Strega. »Treue« erscheint in über 30 Ländern, eine auf dem Roman basierende Netflix-Serie startet 2021.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 256 Seiten
Verlag: Wagenbach, K (28. Januar 2021)
ISBN-Nr.: 978-3803133304
Preis: EUR 23 / CHF 35.90

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Natascha Lusenti: Die Welt in meinen Farben


„Dieses Jahr in der Schwebe ist eine Art Zwischenzeit, die ihr ganz alleine gehört. So wie die Stunden im Kino, wo man sich über nichts Gedanken machen muss. Eine Zeit, die in der Endabrechnung nicht zählt, weil sie niemand richtig bemerkt.“


Als Emilia vor dem Haus steht, in welchem sie das nächste Jahr leben wird, hat sie in ihrem Leben viel verloren und irgendwie auch sich selber. Ohne Arbeit, ohne Menschen in der Stadt, in die sie nach langer Zeit zurückgekommen ist, startet sie in eine ungewisse Zeit. Was ihr bleibt, sind die Erinnerungen an vergangene Zeiten sowie die Farben in ihrem Leben, durch die sie das Leben fassen, erklären und sich auch mal in sie retten kann.


„Seitdem ist Gelb meine Lieblingsfarbe. Weil sie keine Veränderungen fürchtet. Sie hat nicht einmal Angst, dass sie ein bisschen braun werden könnte. Und ich habe dadurch gelernt, dass es Zeit braucht, wenn etwas entstehen soll. das es vorher nicht gab, und dass man immer die richtigen Zutaten parat haben muss.“

Emilia fängt an, jeden Morgen eine kleine Geschichte ans Schwarze Brett des Hauses zu hängen. Es ist ihr Tor zu anderen Menschen, vor denen sie sich sonst eher versteckt, aus Angst vor falschen Fragen, aus Angst, erkannt zu werden, aus Angst, dass diese etwas sehen könnten, was sie selber nicht erkannt hat oder preisgeben will. Und langsam stellen sich Kontakte ein, Emilia schliesst Freundschaften, schafft es, sich mehr und mehr dem Leben zu öffnen. Leider gefallen die Geschichten nicht allen. Und als dann auch noch schwierige Erinnerungen wieder auftauchen, gibt es nur noch einen Weg: Emilia muss sich dem stellen, sie kann sich nicht weiter verstecken.

„Schreibend erforsche ich die Welt. Meine Welt. Was beeindruckt mich? Was merke ich mir? Was erschüttert mich? Was erheitert mich? Was begeistert mich? Woran erinnere ich mich?“

„Die Welt in meinen Farben“ ist die Geschichte einer jungen Frau, die ihren Platz im Leben erst finden muss, weil sie ihn durch zu viele Verluste verloren hat. Die Geschichte fängt sehr langatmig, sprachlich schwer fassbar und mit zu vielen Wiederholungen an, wird dann aber immer einnehmender, bis sie den Leser vollends in den Bann zieht. Emilia wirkt als Charakter so glaubwürdig, so authentisch in ihrem Denken, Fühlen, Tun, das sich in einer grossen Verletzlichkeit äussert, dass man sie als Leser ins Herz schliesst und weiter begleiten will.

Die kleinen Geschichten, die Emilia täglich ans Schwarze Brett hängt, regen auch als Leser zum Nachdenken an, indem er sich mit Fragen nach dem dem letzten Moment des Glücks oder der Angst vor Fehlern konfrontiert sieht, um nur zwei zu nennen. Die in der Geschichte nicht immer nur einfachen zwischenmenschlichen Beziehungen lassen unbewusste Muster offenkundig werden, welche auch im wirklichen Leben prägend sind.

Alles in allem ist Natascha Lusenti eine kleine, feine Geschichte voller Zärtlichkeit, Nachdenklichkeit, Mit-Menschlichkeit gelungen, die von der Suche nach sich selbst, von Zugehörigkeit, von Liebe, Angst und Glück handelt. Wären der unbefriedigende Anfang und ein paar zu ausführliche Ausschweifungen später nicht, könnte man sie rundum wunderbar nennen.

Fazit:
Ein wunderbares Buch über die Suche einer jungen Frau nach sich selber und nach Zugehörigkeit, das zum nachdenken und mitfühlen anregt. Von ein paar sprachlichen Schwächen und einigen Ausuferungen abgesehen eine kleine, feine Geschichte voller Zärtlichkeit. Sehr empfehlenswert.

Über die Autorin
Natascha Lusenti wurde 1971 in der italienischsprachigen Schweiz geboren. Bevor sie vor sechs Jahren als Radiosprecherin zu arbeiten begann, war sie als Journalistin, Fernsehmoderatorin und Schauspielerin tätig. Ihre bei den Hörern sehr beliebte Morgensendung bei Radio2 Rai beginnt sie immer mit Gedanken zu Alltagsthemen und den Worten: „Heute morgen bin ich aufgewacht und …“
Seit ihrer Kindheit träumte Natascha Lusenti davon, einen Roman zu schreiben – nun liegt dieser mit „Die Welt in meinen Farben“ vor und eroberte die Herzen der italienischen Leserinnen im Sturm. Natascha Lusenti lebt in Mailand.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 176 Seiten
Verlag: Knaur TB (2. Dezember 2019)
ISBN-Nr.: 978-3426524251
Preis: EUR 9.99 / CHF 27.90

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Delphine de Vigan: Dankbarkeiten


„Alt werden heisst verlieren lernen. […] Und auf der Einnahmenseite steht gar nichts mehr.

Früher unabhängig und stolz auf ihre Fähigkeit, mit Sprache umzugehen, verliert Michka nach und ach, was ihr mal wichtig war: Wörter. Eins ums andere lässt sich nicht mehr finden, sie taucht vergeblich danach oder ersetzt es durch ein anderes, ähnlich klingendes. Als das Leben im eigenen Zuhause nicht mehr möglich ist, muss Michka in ein Heim. Die Tage sind lang und einsam, nur zwei junge Menschen besuchen sie regelmässig: Marie, die durch die gemeinsame Vergangenheit fast zu einer Art Tochter geworden war für Michka, und Jérôme, der Logopäde des Heims.


„Manchmal muss man sich der Leere stellen, die der Verlust hinterlassen hat.“


Während im Hier und Jetzt immer mehr verloren geht, erinnert sich Michka in ihren Träumen an die Vergangenheit. In ihr wächst der Wunsch, den Menschen noch danke sagen zu können, die sie als kleines Mädchen vor dem sicheren Tod gerettet hatten. Marie und Jérôme versuchen, ihr dabei zu helfen.


„Haben Sie sich schon einmal gefragt, wie oft Sie in Ihrem Leben wirklich Danke gesagt haben? Ein echtes Danke. Als Ausdruck Ihrer Dankbarkeit, Ihrer Anerkennung, der Schuld, in der Sie stehen.“


Delphine de Vegan erzählt auf stille und fast zärtliche Weise die Geschichte einer Frau, die damit konfrontiert ist, immer mehr zu verlieren. Sie braucht dazu keine dramatischen Wendungen, keine Verzweiflungstaten, keine emotionalen Ausbrüche, und doch (oder gerade darum?) drängt die Tragweite dieses Verlusts, der Schmerz, die Verzweiflung aus den Zeilen entgegen, lässt einen mitfühlen. Dabei gelingt es de Vegan trotzdem, eine Leichtigkeit zu bewahren, nicht in die Traurigkeit abzutauchen.

Als Leser gleitet man oft gerührt, ab und an schmunzelnd durch die Seiten, taucht ein in ein Leben und lebt mit. Dies vor allem auch darum, weil die Charaktere authentisch und lebensecht gezeichnet sind, was durch die gewählte Erzählform noch verstärkt wird. Die Geschichte wird aus drei Perspektiven erzählt, immer in der ersten Person des jeweils Erzählenden. So blickt man als Leser durch die Augen von Marie, Jérôme und Michka auf das Geschehen und ist nicht nur aussen vor, sondern quasi mittendrin.

Dankbarkeit ist ein Buch über das Altern, über den Verlust, aber auch ein Buch über das Leben, die Dankbarkeit und die Kraft des Mitgefühls, des Mit- und Füreinanders.

Fazit:
Ein leises und zärtliches Buch über eine Frau, die immer mehr verliert und sich dabei der Dankbarkeit besinnt, die sie noch ausdrücken will. Ein Buch, das einen sanft an der Hand nimmt und mitleben lässt. Sehr empfehlenswert.

Über die Autorin
Delphine de Vigan, geboren 1966, erreichte ihren endgültigen Durchbruch als Schriftstellerin mit dem Roman ›No & ich‹ (2007), für den sie mit dem Prix des Libraires und dem Prix Rotary International 2008 ausgezeichnet wurde. Ihr Roman ›Nach einer wahren Geschichte‹ (DuMont 2016) stand wochenlang auf der Bestsellerliste in Frankreich und erhielt 2015 den Prix Renaudot. Bei DuMont erschien außerdem 2017 ihr Debütroman ›Tage ohne Hunger‹ und 2018 der Roman ›Loyalitäten‹.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 176 Seiten
Verlag: DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG; 2. Edition (17. April 2020)
Übersetzung: Doris Heinemann
ISBN-Nr.: 978-3832181123
Preis: EUR 20 / CHF 31.90

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E. T. A. Hoffmann (24.1.1776 – 25. Juni 1822)

Geboren am 24. Januar 1776 in Königsberg schlug E. T. A. Hoffmann, ganz der Familientradition folgend, nach seiner Schulzeit die juristische Laufbahn ein. Schon damals war er den Künsten zugewandt, schrieb, zeichnete und musizierte, gab auch Musikunterricht. Trotz seines schon damals ausgeprägten Interesses an Kunst und Kultur, zog er die Juristerei bis zum dritten Staatsexamen durch, bekleidete danach diverse Ämter, doch die Kunst liess ihn nie los. Er schrieb, komponierte, entschied sich ganz für die Künstlerlaufbahn und kehrte doch wieder in den Staatsdienst zurück – nicht ganz glücklich, worauf verschiedene Bewerbungen im Musikbereich deuten, welche leider nur zu Absagen führten.

In E. T. A. Hoffmanns Schreiben zeigt sich eine Welt, die zwischen Realität und Märchen angesiedelt ist. Einerseits durchleuchtet und präsentiert er den Menschen in seinem Sein auf sehr entlarvende Weise, andererseits werden seine Charaktere immer auch mit Wundersamem und Wunderbarem konfrontiert. Geheime und dunkle Mächte haben nicht selten ihre Wirkungen auf den Helden in Hoffmanns Erzählungen, drohen, ihn ins Verderben zu stürzen.

Bei anderen Dichtern seiner Zeit polarisierte Hoffmann: Goethe, Eichendorff und Jean Paul konnten wenig mit ihm anfangen, Grimm mit der Ausnahme des Nussknackers ebenso (Er befand Hoffmann in einer Aussage sogar als widerwärtig seines Geistes und Witzes wegen). Anders aber Heine, Chamisso oder Balzac. Vielleicht war er mit seiner Reise in die Phantasiewelt seiner Zeit voraus, denn spätere Generationen liessen sich von ihm durchaus inspirieren.

E. T. A. Hofmann starb am 25. Juni 1822 in Berlin.

Bekannte literarische Werke Hoffmanns:

  • Der Sandmann
  • Lebensansichten des Katers Murr
  • Der Nussknacker
  • Das steinerne Herz
  • Der goldene Topf
  • Rat Krespel
  • etc

Hera Lind: Die Frau zwischen den Welten

Roman nach einer wahren Geschichte

„Manchmal muss man an Orte der Vergangenheit zurückkehren, damit Frieden einkehren kann. Damit nimmt man den Erinnerungen die Schärfe. Ich wuchs in zwei Sprachen auf, lebte zwischen zwei Kulturen, zwischen zwei verfeindeten Nationen, die bis heute nach einer Aussöhnung suchen. Ich war fast mein ganzes Leben lang zwischen den Welten.“
(Ella Berner)

Als Kind einer Deutschen und eines Tschechen erfährt Ella schon als kleines Kind, wie es ist, zwischen den Stühlen zu sitzen. Das Schicksal will es, dass ihre Familie immer auf der falschen Seite steht und das machthabende Regime gegen sich hat. Als 1945 Ellas Vater von tschechischen Revolutionsgarden erschlagen wird, wird alles noch viel schlimmer. Ellas Mutter ist gezwungen, mit den beiden Kindern zur Familie ihres ermordeten Mannes zu ziehen, welche sie hasst und ihr fortan das Leben schwer machen wird. Ella selber wird in Klosterschulen gesteckt, in welchen ihr Leben zur Tortur wird.

„Was der alte Mann im Beichtstuhl in meiner Seele anrichtete, ist mit Worten nicht zu beschreiben.“

Doch dann verliebt sich Ella in Pavel. Und sie scheint endlich auf der Sonnenseite des Lebens angekommen. Leider trügt der Schein, es folgen Psychiatrie, eine weitere Flucht, weitere Gefahren… bis Ella die Liebe ihres Lebens trifft. Doch noch immer schlägt das Schicksal weiter zu.

Die Frau zwischen den Welten ist ein bewegendes Buch über eine Frau, die vom Schicksal mehr als auf die Probe gestellt wurde. Oft sitzt man beim Lesen da und fragt sich, wie ein einzelner Mensch so viel tragen, ertragen kann. Es ist die Geschichte einer Frau, die schon als kleines Mädchen lernen musste, dass man keinem trauen kann – und das rettet ihr sogar später das Leben. Es ist die Geschichte einer Frau, die trotz allem immer wieder aufsteht und kämpft. Für sich, für das Leben, für die, welche sie liebt.

Hera Lind erzählt die Geschichte von Ella Berner auf eine gut und flüssig lesbare Weise, es gelingt ihr, den Leser von der ersten Seite an zu packen und nicht mehr loszulassen. Die Geschichte trägt mit ihrer Tragik sicher viel zu diesem Effekt bei. Auch wenn das Buch stilistisch sicher nicht der grossen Literatur zuzuzurechnen ist, da es ab und an ins Pathetische abgleitet oder auch stellenweise Züge seichter Liebesromantik trägt, so gelingt der Erzählerin doch ein Erzählfluss, der mitreisst. Und vielleicht tut gerade das auch gut bei der Schwere, welche diese Lebensgeschichte doch mit sich bringt.

Fazit:
Ein bewegendes Buch, das einen von der ersten Seite packt und nicht mehr loslässt. Die Lebensgeschichte einer mutigen Frau, die trotz grausamem Schicksal immer wieder die Kraft findet, das eigene Leben in die Hand zu nehmen. Sehr empfehlenswert.

Über die Autorin
Hera Lind studierte Germanistik, Musik und Theologie und war Sängerin, bevor sie mit zahlreichen Romanen sensationellen Erfolg hatte. Seit einigen Jahren schreibt sie ausschließlich Tatsachenromane, ein Genre, das zu ihrem Markenzeichen geworden ist. Immer wieder erobert sie die SPIEGEL-Bestsellerliste. Ihr Roman »Die Hölle war der Preis«, eine bewegende Geschichte, die im Frauengefängnis Hoheneck in der ehemaligen DDR spielt, stieg sogar direkt auf Platz 1 ein. Hera Lind lebt mit ihrer Familie in Salzburg.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 432 Seiten
Verlag: Diana Verlag (14. Dezember 2020)
ISBN-Nr.: 978-3453292277
Preis: EUR 10.99 / CHF 17.90

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Else Lasker-Schüler (1869-1945)

Heute vor 76 Jahren starb Else Lasker-Schüler. Ich habe mein Glas auf diese wunderbare Dichterin, die in ihrem Stil so unverwechselbar war. Ihr zu Ehren heute ein Gedicht von ihr. Dieses passt auch gut in mein Projekt „Lyrische Hausapotheke – für jede Gelegenheit gibt es ein passendes Gedicht“


Ich bin traurig

Deine Küsse dunkeln, auf meinem Mund.
Du hast mich nicht mehr lieb.

Und wie du kamst -!
Blau vor Paradies;

Um deinen süßesten Brunnen
Gaukelte mein Herz.

Nun will ich es schminken,
Wie die Freudenmädchen
Die welke Rose ihrer Lende röten.

Unsere Augen sind halb geschlossen,
Wie sterbende Himmel –

Alt ist der Mond geworden.
Die Nacht wird nicht mehr wach.

Du erinnerst dich meiner kaum.
Wo soll ich mit meinem Herzen hin?

(Else Lasker-Schüler (1869-1945))
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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, das man lesen kann, wenn man traurig ist oder unter Liebeskummer leidet.