Leserückblick August

Schon sind wir wieder in einem neuen Monat, Zeit für einen Rückblick. Der August war für mich ein Monat voller Umbrüche, Zweifel, Abschiede, Veränderungen und Erkenntnissen. Wenn so viel zusammenkommt, ist klar, dass es kein ruhiger war, und ich hatte auch das Gefühl, dass zu viel auf der Strecke bleibt, so auch das Lesen. Dass es nun doch 11 Bücher geworden sind, erstaunt mich sehr. Das ist aber auch ein Grund dafür, alles aufzuschreiben: Meine Wahrnehmung zu prüfen. Zudem zeigt mir die Wahl der Lektüre immer auch viel über meinen Monat, darüber, was mich interessiert hat, bewegt hat. Beim Blick zurück erinnere ich mich an das Buch und die Inhalte, es kommen auch Gedankenfetzen zur Zeit des Lesens. Manchmal hing mit einem Buch auch mehr zusammen, es war Auslöser einer Einsicht, der Anfang eines neuen Weges. Auf diese Weise ist mein Leserückblick mehr als das. Es ist eine Form der Selbstbetrachtung, des Rückblicks auf einen gelebten Monat. Die Bücher sind ein Teil davon und sie stehen oft für eine Gesinnung, für Gefühle, für Interessen in dieser Zeit.

Ich habe im August mit Josef Dohmen die Wege aus der Gleichgültigkeit der heutigen Zeit gesucht, mit Stefanie Stahl mein inneres Kind gestärkt und von William B. Irvine eine Anleitung zum guten Leben erhalten. Ryan Holiday zeigte mir auf, wie Hindernisse zu Chancen werden können, und Seneca den Weg hin zu mehr Gelassenheit. Albert Kitzler sprach mir aus der Seele, dass Philosophie einem gesunden Leben dienlich ist und Donald Robertson zeigte das anhand des stoischen Weg zum Glück ebenfalls. Alan Watts pries die Unsicherheit als Quelle von Lebendigkeit und Albert Kitzler zeigte, wie man bei all dem Ruhe bewahren kann. Nach einem Abstecher nach Japan zu Kaizen, sitze ich nun hier nach einem wilden Ritt und habe den September schon mit Thich Nhat Han begonnen – es geht weiter in den Buddhismus und ins Yoga.

Hier die ausführlichere Leseliste:

Josef Dohmen: Wider die Gleichgültigkeit. Plädoyer für eine moderne LebenskunstWas ist nötig für ein gutes Leben, welche Kriterien sind wichtig, sie zu realisieren, um ein Leben als der zu leben, der man sein will? Freiheit, Wahrhaftigkeit, Selbstbejahung und einige mehr werden in die Waagschale einer neuen Lebenskunst geworfen. 4
Stefanie Stahl: Das Kind in dir muss Heimat finden. Der Schlüssel zur Lösung (fast) aller ProblemeWie steuern Prägungen aus der Kindheit unser Verhalten? Wie haben sich alte Glaubessätze in uns festgesetzt und bringen uns nun immer wieder in leidvolle Situationen? Diese zu erkennen und zu ersetzen hilft, ein freudvolleres Leben zu führen. 5
Stefanie Stahl: So stärken Sie ihr SelbstwertgefühlMangelndes Selbstwertgefühl kann einem selbst und dem Umfeld das Leben erschweren. Was kann ich tun, um mein Selbstwertgefühl zu stärken, um ein ausgeglicheneres und zufriedeneres Leben zu führen, in dem ich mich nicht ständig durch unangemessenes Verhalten schützen muss?5
Wiliam B. Irvine: Anleitung zum guten Leben: Wie Sie die alte Kunst des Stoizismus für Ihr Leben nutzenEin gutes Leben gelingt nur, wenn wir eine Lebensphilosophie haben, die uns dahin führt. Eine solche finden wir bei den Stoikern. Indem wir praktizierende Stoiker werden, lernen wir, uns von Leid bringenden Affekten zu lösen und eine innere Ruhe zu erlangen. 5
Ryan Holiday: Das Hindernis ist der Weg. Mit der Philosophie der Stoiker zum TriumphWie man dem eigenen Leben ein Ziel setzt und die auftretenden Hindernisse als Chancen statt als Grund zu scheitern sieht. Stoische Gedanken und anschauliche Beispiele für ein zielgerichtetes Leben, in dem man nicht zu schnell aufgibt, sondern neue Wege sucht.5
Seneca: Von der GelassenheitKleines Buch voller Weisheiten darüber, was man tun und was lassen soll, um ein gutes Leben zu führen. 5
Albert Kitzler: Denken heilt!: Philosophie für ein gesundes LebenLehren und Weisheiten der antiken Philosophen zur Bekämpfung von Seelenkrankheit und Erlangung einer gesunden Seele, die zu einem glücklichen Leben führt. 4
Donald Robertson: Stoizismus und die Kunst, Glücklich zu sein. Alte Weisheiten für moderne HerausforderungenEine Einführung in den Stoizismus, ein Blick auf einzelne Themen und den Umgang der stoischen Philosophen damit. 5
Alan Watts: Weisheit des ungesicherten LebensWie wir dadurch, dass wir alles planen und absichern wollen, immer weiter vom Lebendigen wegkommen und uns schliesslich selbst verlieren. 4
Albert Kitzler: Nur die Ruhe. Einfach gut leben mit Philosophie12 Regeln der Stoiker zu verschiedenen Lebensthemen, dargestellt in fiktiven Gesprächen einer Philosophin mit ihren Klienten. Neben den Stoikern kommen auch andere antike Philosophen aus Ost und West zur Sprache. 4
Haruki Necharo: Kaizen – die japanische Philosophie für ein erfülltes Leben: Wie Sie mit einfachen täglichen Verbesserungen langfristig Ihre Ziele erreichen.Kaizen ist eine japanische Philosophie, die ursprünglich auf Unternehmen zugeschnitten war, die aber auch gut auf die Lebenskunst anwendbar ist, was in diesem Buch versucht wird. Es ist die Philosophie der Verbesserung, des Hinschauens und verbessern des eigenen Tuns und Seins. Nicht als Selbstoptimierung, sondern aus der Akzeptanz dessen, wer wir sind und dem Wunsch nach mehr Glück. Inklusive ist ein Kapitel mit Wabi-Sabi, einer Sicht, das Leben zu betrachten. Indem der Autor es sehr anschaulich machen wollte, ist es etwas gar „einfach“ geschrieben.3

Wie war euer Lesemonat August?

Lesemonat Juni

Ein Monat ging zu Ende, ein neuer beginnt. Aufgehört habe ich ihn lesenderweise mit Sabine Harks „Gemeinschaft der Ungewählten“, den neuen beginne ich mit Wilhelm Schmids „Die Liebe atmen lassen“. Was für ein Übergang. Von der Beschreibung eines Lebens in einer Welt mit solchen, die man sich nicht selbst gewählt hat und die auch einen nicht wählten, hin zur Wahl des zu Liebenden – in allen Facetten. Es war ein abwechslungsreicher Lesemonat, ich befasste mich mit Corine Pelluchon mit einer neuen Sicht der Aufklärung, fragte mit Edith Hall, was Aristoteles zum glücklichen Leben zu sagen hat, schaute mir dann mit Ferdinand Fellmann die Philosophie der Lebenskunst an, und stolperte danach über Care Carlisles Kierkegaard-Biographie, die ich abbrechen musste – sie entsprach nicht meinen Erwartungen. 

Den Trost über die Leseentäuschung holte ich bei Alain de Bottons Trost der Philosophie, um nachher mit Albert Kitzler der Frage nach dem guten Leben nachzugehen. Sartre zeigte mir, dass die Hölle die andern sind, vor allem in geschlossenen Gesellschaften. Mit Christina Berndt analysierte ich die Frage der Individuation, wie ich werde, wer ich bin, um dann als solche als Ungewählte unter Ungewählten zu leben und für ein gutes Zusammenleben mit Sabine Hark nach Möglichkeiten zu suchen. 

Damit schliesst sich mein Juni, der Juli beginnt mit der Liebe und wird sich generell mit Themen des Miteinanders, des Lebens in der Welt befassen. Ich freue mich drauf. 

Was sind eure Lesepläne für den Juli?

Hier noch die genaue Liste:

Corine Pelluchon: Das Zeitalter des LebendigenIst die Aufklärung noch aktuell angesichts der heutigen Probleme? Müssten wir zu anderen Denkmustern greifen? Aufklärung neu gedacht, als Prozess des kritischen Hinterfragens und Suchens neuer Handlungsmaximen ist auch heute noch aktuell. Ziel ist es, ein Miteinander lebender Wesen, einen neuen Humanismus, der Natur und Mensch wieder verschmelzen lässt durch die Sorge für die Welt und das Miteinander, zu finden.4
Edith Hall: Was würde Aristoteles sagen? Zehn philosophische Lektionen für das GlücklichseinAristoteles’ Texte nach seiner Meinung zu relevanten Kriterien für ein glückliches Leben befragt, veranschaulicht mit aktuellen und lebensnahen Beispielen. 5
Joan Didion: Was ich meineNur auszugsweise gelesen – Essays aus dem Leben3
Ferdinand Fellmann: Philosophie der LebenskunstEine Verbindung von antiker Tugendethik und moderner Sollensethik. Es geht um allgemeine Verhaltensregeln, die man ausgehend vom Menschen aufstellen kann. 4
Clare Carlisle: Der Philosoph des Herzens. Das rastlose Leben des Søren Kierkegaardabgebrochen – zu viel und langatmig erzähltes Leben, zu wenig Werk und Schaffen2
Alain de Botton: Trost der Philosophie. Eine GebrauchsanweisungBei Philosophen nachgefragt, wie man mit Unvollkommenheit, Frustration, gebrochenem Herzen und mehr umgehen kann. Etwas wenig Tiefe und viel Geschwätzigkeit. 3
Albert Kitzler: Wie lebe ich ein gutes Leben? Philosophie für PraktikerLebenspraktische Themen mit Ansichten aus der östlichen und westlichen Philosophie behandelt, um aus den Texten Handlungsanleitungen ins Leben mitnehmen zu können. 4
Marietheres Wagner: Epikurs Biobliothek. Geschichten vom GlückLebensthemen mit Epikur und passenden Romanen beleuchtet – leider etwas merkwürdige Literaturauswahl und auch sonst sehr oberflächlich. 2
Jean Paul Sartre: Geschlossene GesellschaftDrei Menschen in der Hölle, die durch die Begegnungen mit den anderen auf sich selbst zurückgeworfen werden.5
Christina Berndt: Individuation. Wie wir werden, wer wir sein wollen. Der Weg zu einem erfüllten IchWissenschaftliche Studien, wie das Ich entsteht und die frohe Botschaft, dass wir uns bis ins hohe Altern verändern können – und dies auch immer wieder tun.4
Sabine Hark: Gemeinschaft der Ungewählten. Umrisse eines politischen Ethos der KohabitationWie soll eine Gesellschaft aussehen, in der verschiedene Menschen als Gleiche unter Gleichen zusammenleben können?5

Lesemonat Mai

Wieder beginnt ein neuer Monat, ich bin gespannt, was er Neues bringen wird. Meine Lesereise im Mai war sehr bewegt, sie startete politisch mit Hannah Arendt bei totalitären Systemen, ihren Elementen und Ursprüngen und ging dann mit ihrer Bestimmung des menschlichen Seins als tätiges weiter. Ic habe mich Adornos kritischer Kulturanalyse hingegeben und mit Armin Falk geschaut, wo die Stolpersteine sind, die uns abbringen vom Weg des Gut-Seins. Ich habe über Autonomie nachgedacht, Michael Plauen und Harald Welzer haben mir dabei geholfen: Wieso ist sie wichtig? Wo läuft sie Gefahr? Wie können wir sie bewahren?

Und ab und an wurde mir alles etwas zu viel. Und mir war nicht mehr danach, positiv zu denken und ich sah nicht, wie ich alles schaffen sollte. Da sprach mir Juliane Marie Schreiber aus dem Herzen. Mit Wilhelm Schmid erkundete ich die Philosophie der Lebenskunst: Was braucht es für ein reflektiertes Leben als Selbst? Was bedeutet Lebenskunst für mein eigenes Leben und was im Umgang mit anderen? Und auch wichtig: Wie kann ich mit mir selbst befreundet sein?

Es war eine weite Reise, teilweise anstrengend, aber durch und durch bereichernd. Die Lesereise in den Juni hat bereits begonnen mit Corine Pelluchons Buch „Das Zeitalter des Lebendigen“. Ich freue mich auf weitere inspirierende Lesemomente. 

Hier die ganze Liste:

Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler HerrschaftEine geschichtliche Herleitung der Vorgeschichte totaler Herrschaften, was führte zu ihnen und wie sind sie eingerichtet in Bezug auf Macht und Gewalt, auf die Unterwerfung der Massen unter eine Ideologie.4
Hannah Arendt: Freundschaft in finsteren ZeitenHannah Arendts Lessingrede und Nachrufe auf eine grosse Denkerin und ihren Einfluss von Richard Bernstein, Mary McCarthy und weiteren. 5
Hannah Arendt: Vita active oder Vom tätigen LebenEine Analyse des menschlichen Tätigseins, geglieder in Arbeiten – Herstellen – Handeln, wobei nur das Handeln das dem Menschen eigene, diesen bestimmende Tun ist. Durch sein Handeln und Sprechen verortet sich der Mensch in der Welt, wird er zu dem, wer er ist. 5
Horkheimer/Adorno: Dialektik der AufklärungEine pessimistische Kulturanalyse vor dem Hintergrund des zweiten Weltkriegs, welche den Glauben an Vernunft und Fortschritt kritisch betrachtet und sich mit Kapitalismus, Antisemitismus und Faschismus auseinandersetzt2
Ferdinand von Schirach: VerbrechenKurze Geschichte über Recht, Gerechtigkeit und Lebensläufe, die aus dem Ruder geraten. 4
Andrew Clapham: MenschenrechteEine Einführung in die Thematik der Menschenrechte, ihre Geschichte, ihre Situation in der Aussenpolitik, die einzelnen Rechte sowie deren Umsetzungsmöglichkeiten5
Hartmut Rosa: Unverfügbarkeitabgebrochen – nicht uninteressant, aber zu wenig auf den Punkt, zu sehr kreisend und viel Altes aufgreifend2
Armin Falk: Warum es so schwer ist, ein guter Mensch zu sein… und wie wir das ändern können. Antworten eines VerhaltensökonomenArmin Falk zeigt anhand von Studien und Beispielen auf, wie wir uns in Situationen verhalten, in denen von uns moralisches Verhalten gefordert wäre. Was bringt uns dazu, gut zu sein im Sinne des richtigen Handelns, womit umgehen wir diesen Selbst- und Fremdanspruch – und wie können wir das ändern und uns unserer Verantwortung als Mensch unter Menschen stellen?4
Michael Plauen, Harald Welzer: Autonomie. Eine VerteidigungEin Buch über den Wert der Autonomie, wie sie entsteht, wie man sie lebt, wo sie Gefahr läuft, wieso es sie braucht und sie doch auch hinderlich sein. 4
Juliane Marie Schreiber: Ich möchte lieber nicht. Eine Rebellion gegen den Terror des PositivenWir können nicht alles schaffen, auch wenn uns gewisse pseudopositive Strömungen weismachen wollen. Unser Leben ist geprägt von Strukturen und auch Gegebenheiten, der ständige Aufruf, doch möglichst dies oder das zu tun, um glücklich sein zu können, kann auch einfach mal zurückgewiesen werden mit einem „Nein, ich möchte lieber nicht“.3
Wilhelm Schmid: Philosophie der Lebenskunst. Eine GrundlegungWas bedarf es, um ein reflektiertes Leben als Selbst zu führen, was bedeutet Lebenskunst in Bezug auf sich selbst und den Umgang mit anderen.5
Wilhelm Schmid: Schönes Leben? Einführung in die LebenskunstEigentlich eine Zusammenfassung und einfachere Version der Philosophie der Lebenskunst5
Julian Baggini: Der Sinn des Lebens. Philosophie im AlltagDie Suche nach dem Sinn des Lebens kreuz und quer durch die Philosophie, alles immer wieder verwerfend, um wieder neu zu suchen. Schlussendlich gibt es ihn nicht endgültig, sondern nur individuell, jeder muss ihn für sich selbst finden. Teilweise überflogen. 3
Wilhelm Schmid: Selbstfreundschaft. Wie das Leben leichter wirdWas heisst es, mit sich befreundet zu sein?5

Lesemonat April

Wieder bricht ein neuer Monat an, schon der fünfte dieses Jahr. Ich bin ein Mensch, der gerne vorausschaut, plant, was er tun will, der sich Ziele setzt und dann schaut, wie er diese auch erreichen kann. Ich lese zwar immer wieder von dem schönen Treibenlassen auf dem Strom des Lebens, doch im Wissen, dass wir das sowieso immer auf eine Weise tun, weil nie alles voraussehbar und planbar ist (und das ist gut so), möchte ich den Rest als selbst gestalteten sehen und leben. 

Manchmal schaue ich auch gerne zurück, um zu sehen, woher ich komme, was ich in der Zeit getan habe, wie meine Wege verliefen. Zu schnell vergisst man so vieles, auch oder vor allem Gutes, denkt, man hätte nichts erreicht und merkt erst beim nochmaligen Hinschauen, dass es doch eine Menge war. Das ist auch bei meinem April der Fall. Ich habe gefühlt keine Zeit zum Lesen gehabt und doch wurden es dreizehn Bücher. Ich habe mich mit den grausamen Zahlen der weltweiten Armut auseinander gesetzt, gelesen, was Würde bedeutet und wieso sie wichtig ist. Ich las über Hannah Arendt als Denkerin und darüber, wie sie in der heutigen politischen Situation noch relevant ist. Ich begleitete Simone de Beauvoir durch ihre Kindheit und Jugend und lernte mit ihr Sartre kennen, um schlussendlich in die Romantik zurückzugehen und anhand von Rahel Varnhagens Biographie zu lesen, was es bedeutete, damals Jüdin und Frau zu sein. 

Ich bin im April von Spanien zurück in die Schweiz gekommen, habe Abende mit lieben Freunden verbringen dürfen und bin jeden Tag dankbar dafür, in all dem einen Menschen in meinem Leben zu wissen, der mich in meinem Sein und Tun versteht, annimmt und begleitet. Es war ein guter Monat. 

Die Bücher

Ferndinand von Schirach: Der MenschSechs Ergänzungen zur Menschenrechtserklärung, eine Utopie für eine wünschenswerte Zukunft in veränderten Zeiten. 5
Ned O’Gorman: Politik für alle. Hannah Arendt lesen in unsicheren ZeitenWas wir von Hannah Arendt über Politik lernen können und müssen, damit wir wieder gemeinsam als Verschiedene in Freiheit unsere gemeinsame Welt schaffen.4
Avishai Margalit: Politik der WürdeEin Buch über die Frage, wie eine Gesellschaft sein muss, damit die Bürger ihre Würde behalten, sprich, damit sie nicht entwürdigt werden. 5
Thomas Pogge: Weltarmut und Menschenrechte
5
Seyla Benhabib: Hannah Arendt. Die melancholische Denkerin der ModerneInterpretation und Einordnung von Hannah Arendts Denken, ein persönlicher, tiefgründiger, weiterführender und auch kritischer Blick auf die Werke und Gedanken von Hannah Arendt.5
Ferdinand von Schirach: Die Würde ist antastbarEssays zu Lebens- und Zeitthemen. 4
Ann-Kristin Tlusty: SüssFrauenfiguren und ihre Verfestigung in patriarchalischen Strukturen. 5
Carolin Emcke: Für den ZweifelFünf Gespräche zu Themen wie das eigene Begehren, Hass, Gewalt, die Zeit als Kriegsreporterin und das eigene Denken und Schreiben. 5
Eva Weber-Guskar, Mario Brandhorst (Hrsg.): MenschenwürdeIst Menschenwürde absolut oder kontingent? Wem kommt sie zu und aus welchen Gründen?4
Lucy Delap: So sieht Feminismus ausabgrebrochen, weil das Bibliotheksbuch sich aufhängte
Arruzza, Bhattacharya, Fraser: Feminismus für die 99%. Ein ManifestEin antikapitalistisches Manifest für gerechtere Lebensbedingungen für alle Frauen, nicht nur eine kleine Elite. 4
Simone de Beauvoir: Memoiren einer Tochter aus gutem HauseAutobiographische Erzählung über die Kinder- und Jugendjahre bis hin zum Kennenlernen Sartres. Die Grundlegung zum Denken und Leben der Simone de Beauvoir. 5
Hannah Arendt: Rahel Varnhagen. Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der RomantikDas Leben als Jüdin auf der Suche nach dem eigenen Platz in der Gesellschaft, schwankend zwischen Anpassung und WIderstand.4

Tagesgedanken: Lesemonat März

Ich habe im März 14 Bücher gelesen, davon waren drei ganz dicke Wälzer (1275 Seiten war das Maximum), einige dick, einige normal und wenige dünn. Und nun? Weiss ich mehr? Ich weiss es nicht. Wohl schon, ich habe mich in die Wirtschaft hineinbegeben, mir Gedanken über Armut gemacht, ich bin mit Hannah Arendt in den zweiten Weltkrieg gegangen und geflohen, ich bin mit Martha Nussbaum der Frage nach Gerechtigkeit und deren Grenzen nachgegangen und habe mit Maja Göpel versucht, die Welt neu zu denken.

Und im Moment sitze ich grad hier und frage mich: Und nun? Wie weiter? So viele grosse Themen: Menschenrechte, Demokratie, Gerechtigkeit, Armut, Würde geistern durch meinen Kopf (und immer wieder Hannah Arendt), so viele Bücher liegen hier und wollen gelesen werden und alles scheint drängend und wichtig und interessant. Ich bin gespannt, wo mich meine Lesereise im April hinführt, welche Welten ich entdecken werde, welche Gedanken sich entwickeln. Manchmal wünschte ich mir die eine klarere Richtung, so dieses eine Thema, aber so bin ich nicht. Und vielleicht ist es auch mal an der Zeit, anzuerkennen, dass es verschiedene Menschen gibt und das gut ist – was bedeutet, dass auch ich gut bin, wie ich bin, mit all meinen Interessen, meiner Neugier, meinem Lernwillen, meinen Eigenarten.

Am Schluss halte ich es mit Goethe:

Da steh’ ich nun, ich armer Tor,
Und bin so klug als wie zuvor!
Heisse Magister, heisse Doktor gar,
Und ziehe schon an die zehen Jahr’
Herauf, herab und quer und krumm
Meine Schüler an der Nase herum –
Und sehe, dass wir nichts wissen können!

Und irgendwie ist das auch gut, dieses Nicht-wissen-Können, denn wo man nicht weiss, kann man offen neu erkunden und auf Neues stossen. Und das bereichert das Leben doch mehr als festgefahrene Glaubens- und Wissenssätze, die man runterbeten kann.

Jahresrückblick in Büchern – meine Highlights

Ein Jahresübergang bietet sich immer an, zurückzuschauen auf das, was war. Bücher haben in meinem Leben natürlich eine grosse Rolle gespielt. Es war ein sehr abwechslungsreiches Jahr, das einer Reise glich. Ich startete sehr intensiv mit Lyrik, konzentrierte mich dann bald auf die dichtenden Frauen – und auf Rilke. Es folgte eine Zeit, die hauptsächlich Ingeborg Bachmann gewidmet war, ich las ihre Gedichte, Biographien, Kurzgeschichten – und ich war fasziniert von dieser Frau, mit der ich doch in verschiedenen Punkten Parallelen zu haben schien.

Dann verschob sich der Fokus langsam hin zu Romanen, erst noch bunt gemischt, dann immer mehr darauf blickend, wer das Buch geschrieben hat. Ich kann nicht mal sagen, woher diese Ausrichtung kam. Es kamen verschiedene literaturtheoretische Bücher dazu und dann bewegte ich mich weiter auf meiner Reise, der Feminismus kam in den Fokus und er hat mich gepackt – mit allen Themen, ohne die er kaum zu denken ist: Sexismus, Rassismus, Patriarchat, Klasse – Intersektionalität also. Da bin ich noch, die Reise führte mich also hin (oder zurück, wie man es auch sehen könnte) zur Philosophie, daneben auch mit einer Faszination für Soziologie (und einem kleinen Bedauern, das damals nicht studiert zu haben – bleibt das Selbststudium, das mir sowieso am meisten liegt).

Zu meinen Lesehighlights, dies ohne den Anspruch, dass es wirklich die besten Bücher waren, aber es sind die, welche mir spontan im Sinn waren, als ich danach suchte:

  • Rainer Maria Rilke: Gesammelte Gedichte – Rilke ist wohl mein Lieblingsdichter, wenn man eine Rangliste machen wollte. Ich habe im Frühjahr dieses ganze Buch durchgearbeitet, habe mich mit der Interpretation einzelner Gedichte und deren Verbindung zum Leben Rilkes beschäftigt. Eine sehr spannende Zeit.
  • Mascha Kaléko: Mein Lied geht weiter – ich liebe diese Lyrikerin für ihre Melancholie, ihren versteckten und teilweise auch offensichtlichen Witz.
  • Edgar Rai: Ascona – einer der ersten Romane, mit denen ich in die nächste Phase stieg. Edgar Rai ist eine packende Romanbiographie über Erich Maria Remarque gelungen, die von der ersten bis zur letzten Seite spannend zu lesen ist und Lust auf Remarque macht.
  • Erich Maria Remarque: Drei Kameraden – das war dann das Resultat, für mich eine Entdeckung, da ich zwar den Namen kannte, aber noch nie etwas von ihm gelesen hatte. Diese Geschichte über drei Freunde und eine Liebe hat er in Edgar Rays Roman geschrieben – ein grossartiges Buch mit sehr viel Witz, Tiefe und Zeitkolorit.
  • Kate Kirkpatrick: Simone de Beauvoir – ein fundierter Einblick in Leben und Werk einer inspirierenden Frau, die mich ziemlich in ihren Bann zog, ich las viel von ihr und über sie danach, auch Alois Prinz’ Biographie, die ich ebenfalls empfehlen kann.
  • Franziska Schutzbach: Die Erschöpfung der Frau – ein wichtiger Einblick in die Situation der Frau in der heutigen Gesellschaft, ihre Kämpfe, ihre Rollen, ihre Erschöpfung, die daraus resultiert. Ein deutliches Bild, dass wir noch nicht erreicht haben, wonach wir schon so lange streben: Gleiche Rechte, gleiche Entlöhnung, gleiche Chancen, gleiche Sichtbarkeit, gleiche Anerkennung.
  • Nicole Seifert: Frauenliteratur – ein Blick auf die Welt der Literatur, auf die Frauen, die vergessen gingen, auf die, welche nicht berücksichtigt werden, auf die Abwertung, Ignoranz, die ungerechte Verteilung von Sichtbarkeit und Bewertung.
  • Daniel Schreiber: Allein – sehr persönliche Einblicke in ein zwiespältiges Lebensmodell, sein Ruf in der Gesellschaft und das persönliche Erleben.
  • Alice Schwarzer: Lebenslauf – durch ein Interview wurde ich auf sie aufmerksam und war in ihren Bann gezogen. Ich hatte sie vorher völlig anders, falsch eingeschätzt und lernte durch das Interview, vor allem aber auch durch dieses Buch eine grossartige Frau, die mit Mut und Leidenschaft ihren Weg ging und geht, kennen. Den zweiten Band werde ich sicher auch noch lesen (Lebenswerk).
  • Gisèle Halime: Seid unbeugsam – aufgewachsen in Tunesien merkte sie schon bald, dass für Mädchen andere Regeln gelten als für Jungen. Da sie das nicht wollte, begehrte sie auf – mit Erfolg. Sie ging ihren Weg gegen alle Widerstände: Eine beeindruckende Frau, die dafür kämpfte, als Frau Rechte zu haben – für sich und für andere.

Ich freue mich auf mein Lese-Jahr 2022, viele Bücher liegen schon bereit, die thematische Ausrichtung wird da ansetzen, wo das Jahr 2021 aufhörte: Die Gesellschaft und die darin vorherrschenden Verteilungen, Intersektionalität, (soziale) Gerechtigkeit – und sicher werden auch der eine oder andere Roman und ein paar Gedichte Platz finden. Ich hoffe, ihr begleitet mich weiter durchs 2022.

Was waren eure Buchhighlights?





Julian Barnes: Vom Ende einer Geschichte

Was kann man vom eigenen Leben wissen?

„Das letzte Bild habe ich nicht wirklich gesehen, aber am Ende ist das, was man in Erinnerung behält, nicht immer dasselbe wie das, was man beobachtet hat“.

Tony Webster denkt über sein Leben nach, reist in der Zeit zurück bis zu seiner Schulzeit, der Zeit, in der Adrian Fynn in seine Klasse gekommen ist und sich ihm und seinen beiden Freunden anschloss, aus dem Dreier- in Vierergespann machte. Oder haben sich die drei Adrian angeschlossen? Wer war Ziehender, wer Gezogener? Die Geschichte scheint nicht so eindeutig, wie man sie gerne hätte. So oder so veränderte sich mit Adrian vieles im Leben der Jugendlichen.

„Natürlich waren wir prätentiös – wozu ist Jugend sonst da?“

Neben der Ausbildung, den Auseinandersetzungen mit Geschichte

„Geschichte ist ein Sandwich mit rohen Zwiebeln, Sir. […] Sie stösst einem immer wieder auf, Sir. Sie rülpst.“

Literatur und vielem mehr, was den Weg Jugendlicher säumt, spielen Sex und mögliche und unmögliche Beziehungen eine grosse Rolle im Leben der drei.

„Gewöhnlich verspricht die erste Liebe, selbst wenn sie nicht gut ausgeht – vielleicht gerade wenn sie nicht gut ausgeht -, dass wir nun endlich wüssten, was das Leben lebenswert macht und rechtfertigt.“

Nach der Schule trennen sich ihre Wege, bis eines Tages die Nachricht von Adrians Selbstmord die ehemaligen Freunde ereilt und neue Fragen aufwirft. Allen voran immer wieder die nach der eigenen Erinnerung, nach dem, was man eigentlich vom eigenen Leben weiss und wissen kann.

Auf sehr engem Raum entwickelt Julian Barnes eine tiefgründige Geschichte, die nachdenken lässt, mehr Fragen als Antworten liefert und Abgründe menschlichen Seins und Tuns offen legt. Ein packendes Buch, ein tiefes Buch, eines, das man schnell lesen möchte und dabei doch immer wieder innehält, in Gedanken versinkt, weiter liest und am Schluss ergriffen ist, weil die Geschichte nach der letzten Seite noch nicht zu Ende ist – zumindest nicht die eigene Auseinandersetzung damit.

Dazu passt ein Zitat von Max Frisch:

„Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält, oder ein ganze Reihe von Geschichten.“

Fazit:
Nachdenklich, dicht, sprachlich und inhaltlich packend. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Julian Barnes
Julian Barnes, 1946 geboren, arbeitete nach dem Studium moderner Sprachen als Lexikograph, dann als Journalist. Von Barnes, der zahlreiche internationale Preise erhielt, zuletzt den David-Cohen-Prize, liegt ein umfangreiches erzählerisches und essayistisches Werk vor, darunter die Romane „Flauberts Papagei,“ „Eine Geschichte der Welt in 10 ½ Kapiteln“ und „Darüber reden“. Julian Barnes lebt in London. Gertraude Krueger, 1949 geboren, lebt als Dozentin und freie Übersetzerin in Berlin. Zu ihren Übersetzungen gehören u.a. Sketche der Monty-Python-Truppe und Werke von Julian Barnes, Alice Walker, Siri Hustvedt, Jhumpa Lahiri und E.L. Doctorow.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 192 Seiten
Verlag: Kiepenheuer & WitschVerlag (1. Dezember 2011)
ISBN-Nr.: 978-3462044331
Preis: EUR  18.99 / CHF 29.90

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Vladimir Nabokov: Die Kunst des Lesens

Wer liest, sollte liebevoll auf Einzelheiten achten. Gegen den Mondschein der Verallgemeinerung ist nichts einzuwenden, vorausgesetzt, er zeigt sich, nachdem die sonnigen Kleinigkeiten des Buchs liebevoll zusammengetragen wurden. Wer mit einer fertigen Verallgemeinerung an ein Buch herangeht, beginnt am falschen Ende und bewegt sich von ihm fort, bevor er angefangen hat, es zu verstehen.

Literatur lesen bedeutet für Nabokov, mit Liebe an ein Werk heranzugehen und zuerst unbedarft und ohne Erwartungen aufzunehmen, was das Buch einem bietet. Nur so sei es möglich, die neuen Welten, die in einem Werk drin stecken, zu erfassen, sie zu erleben. Jede vorgefasste Meinung über ein Buch und Erwartung daraus stellt nach Nabokov einerseits eine Ungerechtigkeit dem Autor gegenüber dar und nimmt einem andererseits die wahre Freude an dem Buch, weil man sie so nie auf das Buch selber einlässt.

Wir sollten immer daran denken, dass mit jedem Kunstwerk, ausnahmslos, eine neue Welt erschaffen wird und diese stets als erstes so gründlich wie möglich erforschen, uns ihr als etwas völlig Neuem nähern, als einer Sache, die keine offensichtliche Verbindung mit den uns bereits bekannten Welten hat.

Romane sind so gesehen immer Märchen, sie stellen nie die Wirklichkeit dar, sondern sind erfundene Geschichten in erfundenen Welten. Dabei liefert immer die Realität den Rohstoff, aus denen man die Kunst schafft, die uns am Schluss als Roman entgegen tritt. Um dies zu erfassen, muss auch der Leser Eigenschaften mitbringen, die es ihm möglich machen, so zu lesen, dass sich die neuen Welten eröffnen.

Selbstverständlich ist ein guter Leser, wie Sie es sich schon gedacht haben, jemand, der über Vorstellungskraft, ein Gedächtnis, ein Wörterbuch und eine gewisse künstlerische Einfühlungsgabe verfügt.

Nachdem Vladimir Nabokov diese Grundzüge des Lesens und Lesers geklärt hat, geht er über, grosse Werke der europäischen Literatur auf diese Weise zu durchleuchten. Er zeigt, wie in Jane Austens Mansfield Park die einzelnen Personen eingeführt werden, wie man nach und nach in die Welt eintaucht, die Jane Austen zeichnet. Er analysiert den Aufbau, die Einleitungen von Szenen, die Darstellung von Gefühlen, die Beschreibung von Situationen, weist auf Austens Stilmittel hin. Neben aller wohlwollenden Liebe zu dem Werk zeigt er auch auf dessen Schwachstellen, die sich besonders am Schluss zeigen, indem er der Autorin einen gewissen Überdruss am eigenen Werk zuschreibt, welchen er an der zerfasernden Struktur desselben festmacht.

Als nächstes Wendet sich Nabokov Dickens zu, setzt das Leseerlebnis bildlich von dessen Bleakhaus in Beziehung zu dem des Mansfield Parks. Wieder sticht er in die Tiefe des Werkes, beleuchtet die Kernmotive, analysiert sie und zeigt ihren Gang durch den Roman. Er beleuchtet die Beziehungen der Figuren untereinander, zeigt, wie diese lebendig wirken und geht auf so manches Detail der Dickenschen Romanschreibung ein. Ebenso verfährt er mit Flauberts Madame Bovary, Stevensons Dr. Jeckyll und Mr. Hyde und Kafkas Verwandlung.

Doch wieso soll man überhaupt lesen, vor allem in Anbetracht der Umstände, die das reale Leben mit sich bringen? Lesen wird, so Nabokov, nicht helfen, das Leben zu meistern oder mit seinen Umständen besser zurecht zu kommen. Es kann aber, wenn es auf die richtige Weise und mit Liebe zum Kunstwerk geschieht, ein gutes Gefühl und eine Befriedigung über einen bringen, so dass es im Leben nicht nur Widrigkeiten, sondern auch Vollkommenheit und Inspiration gibt.

In einem zweiten Teil wendet sich Vladimir Nabokov Meisterwerken der russischen Literatur zu, er spricht über Gogols Der Mantel, Tolstois Anna Karenina und Tschechows Die Dame mit dem Hündchen. Auch ein Kapitel über Dostojewski findet sich, zu dem er sich eine eigentümliche und schwierige Haltung attestiert. Er sieht in schwanken zwischen brillantem Humor und literarischen Plattheiten. Dass Nabokovs Verhältnis zur Literatur Dostojewskis gespalten ist, zieht sich durch den ganzen Text, der sich stark auf die Schwächen des Schreibens konzentriert und diese auch gut belegt. Trotz alledem hat er ihn seine Auswahl der russischen Meisterwerke aufgenommen, dies wohl eher wegen der begeisterten Rezeption als wegen des in seinen Augen mangelhaften literarischen Werts.

Aus Nabokov spricht eine grosse Liebe zur und Kenntnis der Literatur. Diese Liebe geht beim Lesen dieses Werkes auf einen über, man möchte hingehen und alle vorgestellten Bücher nochmals lesen, sie noch genauer lesen.

Fazit:
Ein wunderbares Buch über die Liebe zum Lesen. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Vladimir Nabokov
Vladimir Nabokov wurde am 22. April 1899 in St. Petersburg als Kind einer russischen Adelsfamilie geboren. Er kam wegen seines westlich orientierten Vaters schon als Kind in Kontakt mit der Weltliteratur, sprach französisch und englisch. Bereits mit 17 Jahren veröffentlichte er seinen ersten Gedichtband.   Das politische Engagement des Vaters bringt diesem verschiedene Inhaftierungen und führt schliesslich zur Flucht nach London. Nabokov studiert an der Universität Cambridge Romanistik und Russische Literatur und zieht nach dem Studium nach Berlin. Er publiziert unter dem Pseudonym V. Sirin, kann aber nicht leben von der Literatur und hält sich mit Tennis- und Boxunterricht über Wasser. 1937 folgt die Emigration nach Paris, 1940 die Flucht in die USA, wo er als Kurator des zoologischen Museums an der Harvard University arbeitet und wissenschaftlich schreibt. 1948-1958 hat er eine Professur für russische und europäische Literatur an der Cornell Universität inne. 1955 erscheint sein Roman Lolita, der für Aufruhr sorgte, aber  grosse Erfolge einfuhr. Er kann in der Folge vom Schreiben leben. 1961 folgt die Übersiedlung in die Schweiz, nach Montreux, wo er 1977 stirbt. Werke Nabokovs sind unter anderem Die Mutprobe (1932), Verzweiflung (1934), Lolita (1955), Ada oder das Verlangen (1969).

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 253 Seiten
Verlag: Fischer Taschenbuch Verlag (Juli 2010)
Übersetzung aus dem Englischen: Karl A. Klewer
ISBN: 978-3596902804
Preis: EUR  12/ CHF 17.90

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Simone de Beauvoir: Die Unzertrennlichen

Inhalt

«Mit neun Jahren war ich ein sehr artiges kleines Mädchen; das war nicht immer so gewesen; in meiner frühen Kindheit stürzte mich die Tyrannei der Erwachsenen bisweilen in eine derart blindwütige Raserei, dass eine meiner Tanten eines Tages ernsthaft erklärte: «Sylvie ist vom Teufel besessen.» Der Krieg und die Religion bezwangen mich schliesslich.»

Als Sylvie Andrée in der Schule kennenlernt, ist sie sofort hingerissen von diesem selbstsicheren, selbständig wirkenden Mädchen. Zwischen den beiden entwickelt sich eine tiefe Freundschaft. Sie durchleben gemeinsam die erste Liebe, den damit verbundenen Schmerz. Sie versuchen, trotz des strengen Regimes des jeweiligen Elternhauses ihr Leben zu leben, was oft unmöglich ist und schlussendlich tragisch enden wird.

Weitere Betrachtungen

«Warum hatte ich ihr meine Liebe nicht zeigen können? Andrée war mir in allem so herausragend erschienen, dass ich gemeint hatte, sie müsse vollkommen glücklich sein. Mir war danach zumute, sie und mich zu beweinen.»

«Die Unzertrennlichen» ist ein Buch über Freundschaft. Es ist eine Freundschaft, die trotz aller Nähe und des gegenseitigen Vertrauens immer auch einen Rest an Zurückhaltung behält. Die beiden Freundinnen gehen auch nie zum vertraulichen Du über, sie bleiben die ganze gemeinsamen Jahre über beim förmlichen Sie. Im Nachhinein bereut Sylvie, sie steht für Simone de Beauvoir, diese Zurückhaltung zutiefst.

«In Büchern erklären die Leute einander ihre Liebe , ihren Hass, sie wagen, sich alles zu erzählen, was sie auf dem Herzen haben; weshalb ist das im wahren Leben unmöglich?»

Ob dieses Bedauern mit ein Grund dafür ist, dass sie später in ihrer Beziehung mit Sartre vollkommene Offenheit will, Transparenz in den Gedanken und im Tun?

«Zaza ist daran gestorben, dass sie aussergewöhnlich war. Man hat sie umgebracht, ihr Tod war ein «spirituelles Verbrechen».»

Dies schreibt Sylvie Le Bon de Beauvoir, die Frau, die Simone de Beauvoir adoptiert  und mit ihrem Nachlass betraut hat. Sie war viele Jahre die engste Vertraute von Simone de Beauvoir. Die Geschichte dieses aussergewöhnlichen Mädchens hat Simone de Beauvoir im vorliegenden, zu Lebzeiten nie veröffentlichten Roman festgehalten. Sie hat ihn mit folgenden Worten Zaza gewidmet:

«Wenn ich heute Abend Tränen in den Augen habe, ist es dann, weil sie tot sind oder weil ich lebe? Ich sollte ihnen diese Geschichte widmen. Aber ich weiss, dass sie nirgends mehr sind, dass mir nur der Kunstgriff der Literatur erlaubt, hier mit Ihnen zu reden.»

«Die Unzertrennlichen» ist nicht grosse Literatur in dem Sinn, aber es ist ein kleines, authentisches und zum Nachdenken anregendes Buch, das die Gefahren von Erwartungen aufzeigt. Es ist ein Buch darüber, wie Menschen leiden, die unter dem Druck des gefallen Wollens und gehorchen Müssens zerbrechen, die sich selber verleugnen müssen, um dem zu entsprechen, das sie darstellen sollen.

Es ist ein leidenschaftliches und auch tragisches Buch, ein Zeitzeugnis und ein Bild der bürgerlichen Gesellschaft mit all ihren Zwängen und Moralvorstellungen. Simone de Beauvoir schrieb mit «Die Unzertrennlichen» einen autofiktionalen Roman, in welchem sie ihre Freundschaft mit Zaza thematisierte. Sie zeigt darin sehr deutlich die Einschränkungen, die sie als Kind und Jugendliche hinnehmen musste und die bei Zaza zum Tod führten. Diese Erlebnisse sind es wohl auch, welche bei ihr den tiefen Wunsch nach Freiheit und Eigenständigkeit wachsen liessen.

Persönlicher Bezug
Simone de Beauvoir übt immer wieder eine grosse Faszination auf mich aus. Ihre Gedanken, ihr Schreiben, ihr Hinsehen auf die eigene Geschichte und die Form, in welche sie diese verpackt, um damit soviel offenzulegen von ihrem Werden, sind eine grosse Inspiration. Nie lassen sie mich einfach kalt, immer erkenne ich mich in gewissen Punkten wieder und immer regt mich die Lektüre ihrer Schriften zum Nachdenken an.

Simone de Beauvoir hat den Finger auf Missstände gegen Frauen gelegt, sie hat immer wieder gegen deren Unterdrückung angeschrieben und selber ein Leben gelebt, das dieser entgegentrat. Damit ist sie ein Vorbild für die Generationen nach ihr geworden. Ihre Ansichten und auch ihre Forderungen für eine gerechte Gesellschaft sind auch heute noch aktuell wie damals. Leider ist noch viel zu wenig davon umgesetzt worden.

Fazit
Ein authentisches Buch über die Freundschaft zweier Mädchen, die den Erwartungen der Zeit zu trotzen versuchen. Grosse Leseempfehlung.

Autorin
Simone de Beauvoir wurde am 9.1.1908 in Paris in ein ursprünglich wohlhabendes, später mit den Finanzen kämpfendes Elternhaus geboren. Mit fünfeinhalb Jahren kam Simone an das katholische Mädcheninstitut, den Cours Désir, Rue Jacob; als Musterschülerin legte sie dort den Baccalauréat, das französische Abitur, ab. 1925/26 studierte sie französische Philologie am Institut Sainte-Marie in Neuilly und Mathematik am Institut Catholique, bevor sie 1926/27 die Sorbonne bezog, um Philosophie zu studieren. 1928 erhielt sie die Licence, schrieb eine Diplomarbeit über Leibnitz, legte gemeinsam mit Merleau-Ponty und Lévi-Strauss ihre Probezeit als Lehramtskandidatin am Lycée Janson-de-Sailly ab und bereitete sich an der Sorbonne und der École Normale Supérieure auf die Agrégation in Philosophie vor. In ihrem letzten Studienjahr lernte sie dort eine Reihe später berühmt gewordener Schriftsteller kennen, darunter Jean-Paul Sartre, ihren Lebensgefährten seit jener Zeit. 1932-1936 unterrichtete sie zunächst in Rouen und bis 1943 dann am Lycée Molière und Camille Sée in Paris. Danach zog sie sich aus dem Schulleben zurück, um sich ganz der schriftstellerischen Arbeit zu widmen. Zusammen mit Sartre hat Simone de Beauvoir am politischen und gesellschaftlichen Geschehen ihrer Zeit stets aktiv teilgenommen. Sie hat sich, insbesondere seit Gründung des MLF (Mouvement de Libération des Femmes) 1970, stark in der französischen Frauenbewegung engagiert. 1971 unterzeichnete sie das französische Manifest zur Abtreibung. 1974 wurde sie Präsidentin der Partei für Frauenrechte, schlug allerdings die «Légion d’Honneur» aus, die ihr Mitterrand angetragen hatte. Am 14.4.1986 ist sie, 78-jährig, im Hospital Cochin gestorben. Sie wurde neben Sartre auf dem Friedhof Montparnasse beigesetzt.

Übersetzung: Amelie Thoma, geboren 1970 in Stuttgart. Sie studierte Romanistik und Kulturwissenschaften in Berlin und arbeitete als Lektorin, ehe sie die Übersetzerlaufbahn einschlug. Neben Leïla Slimanis Romanen und Essays übertrug sie u. a. Texte von Marc Levy, Joël Dicker und François Sagan ins Deutsche.

Angaben zum Buch
Herausgeber: Rowohlt Buchverlag; 2. Edition (19. Oktober 2021)
Gebundene Ausgabe: 144 Seiten
Originaltitel: Les inséparables
Übersetzung: Amelie Thoma
ISBN: 978-3498002251

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Aude: Das Wanderkind

Inhalt

«Aber der Kleine war auch dieses Mal nicht gestorben, allen Prophezeihungen zum Trotz. Alle nennen ihn immer noch den Kleinen. Und wenn man ihn nach seinem Namen fragt, antwortet er: «Der Kleine.»»

Als Corinne mit Zwillingen schwanger ist, stellt sie sich die beiden harmonisch ineinander verschlungen vor und freut sich mit ihrem Mann auf den Familienzuwachs. Die Nachricht, dass einer der beiden immer kleiner, der andere immer grösser wird, ist der erste Schock, dass der kleinere Zwilling sterben wird, weil der andere ihm alles wegnimmt, sie beide austragen muss, weckt in ihr eine Wut. Die Überraschung ist gross, als beide lebendig zur Welt kommen, was bleibt, ist der Grössenunterschied. Hans, der grosse Zwilling, und der Kleine, wie Benoît nur genannt wird, sind durch ein enges Band verbunden, Hans errichtet regelrecht Mauern um sie beide. Wen will er schützen? Und wovor?

Weitere Betrachtungen

«Wovor er solche Angst hat – vor der schrecklichen Einsamkeit, der gähnenden Leere, die nur der Kleine ausfüllen kann -, Alexandra kennt das Gefühl nicht nur genauso gut, sondern sogar noch besser als er. Hans spürt immer deutlicher, dass er eines Tages, wenn sein Bruder sterben sollte, genauso allein sein wird wie sie.»

Aude (eigentlich Claudette Charbonneau) erzählt in „Das Wanderkind“ die Geschichte von den Brüdern Hans und dem Kleinen. Es ist eine Geschichte über Beziehungen, über Familie, über Liebe. Es ist die Geschichte von gegenseitigen Abhängigkeiten und darüber, dass nicht immer alles so ist, wie es scheint. Es ist eine Geschichte über die Verletzlichkeit von Menschen und die Suche nach dem eigenen Platz in einem System. Es ist aber auch eine Geschichte über die Liebe und darüber, was Menschen verbindet. Über die Ängste, die entstehen, wenn man an den Verlust eines Menschen denkt.

Aude ist ein kleines, feines, leises Buch gelungen, in welchem kein Wort zu viel scheint. Es ist ein märchenhafter Roman über die Wunder des Lebens, darüber, dass keiner allein sein will und wir alle Nähe und Zuneigung brauchen. Vielleicht ist das eine oder andere Wunder etwas zu gesucht, doch das tut dem Buch keinen Abbruch.

Persönlicher Bezug
Die Geschichte ist sehr warmherzig und schön erzählt, und doch hat sie mich persönlich nicht ganz gepackt, auch wenn ich das Buch nicht hätte zur Seite legen wollen. Dies rührte wohl daher, dass ich selber keine Geschwister habe und mir so irgendwie ein Anknüpfungspunkt an die Gefühle der Figuren im Buch fehlte. Zwar gibt es auch in anderen Beziehungen ähnliche Probleme und Situationen, und doch bin ich mir nicht sicher, ob die Gefühle und Dynamiken innerhalb einer Familie nicht eine andere sind als in ausserfamiliären Beziehungen. 

Fazit
Ein kleines und feines Buch über zwei unterschiedliche Brüder, über Liebe und Verbundenheit. Sehr empfehlenswert.

Autorin und Übersetzerin
Claudette Charbonneau alias Aude wurde in 1947 Montréal geboren und gilt als eine der wichtigsten Figuren der frankokanadischen Literaturszene. Nach dem Studium unterrichtete sie in Québec Kreatives Schreiben und Literaturtheorie. Ihr preisgekrönter Kurzgeschichtenband Cet imperceptible mouvement (1997) erschien 1998 auf Englisch (The Indiscernible Movement). Nach einer Phase des düsteres Erzählens über Wahnsinn und Tod wandte sie sich mit L’enfant migrateur einer hoffnungsfrohen Weltsicht zu. Aude starb 2012 an Leukämie. Sie wurde posthum zur Ehrenpräsidentin des nach ihr benannten Centre Aude d’études sur la nouvelle zur Förderung der Gattung Kurzgeschichte ernannt.

Ina Böhme studierte Romanische Philologie und Interkulturelle Deutsch-Französische Studien in Marburg, Poitiers, Aix-en-Provence und Tübingen. Nach mehreren Jahren in Frankreich lebt sie inzwischen als literarische Übersetzerin in Berlin. 2018 war sie Stipendiatin des Georges-Arthur-Goldschmidt-Programms für junge Literaturübersetzer und erhielt 2019 ein Initiativstipen­dium des Deutschen Übersetzerfonds.

Angaben zum Buch
Herausgeber: Alfred Kröner Verlag; 1. Edition (22. März 2021)
Gebundene Ausgabe: 128 Seiten
Originaltitel: L’enfant migrateur
Übersetzung: Ina Böhme
ISBN: 978-3520616012

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Elke Heidenreich – Nachgefragt

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Elke Heidenreich, geboren 1943, lebt in Köln. Sie studierte Germanistik und Theaterwissenschaft und arbeitete bei Hörfunk und Fernsehen. Elke Heidenreich schrieb und redete über Literatur, schrieb des Weiteren Kolumnen, Erzählungen, Kurzgeschichten und Romane. Zuletzt erschien von ihr der Erzählungsband Männer in Kamelhaarmänteln und Hier geht’s lang! Mit Büchern von Frauen durchs Leben.

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biografie erzählen?

Ich bin eine Frau von fast 80 Jahren, die seit ihrem 5. Lebensjahr ihr Glück in Büchern und Geschichten findet und darüber trotzdem das Leben nicht versäumt hat. 

Sie haben sich viele Jahre beruflich mit Literatur befasst. Gibt es bei Ihnen einen Unterschied zwischen Literatur, die sie privat lesen, und solcher, die sie beruflich lesen? Hat der berufliche Umgang mit Literatur ihr Leseverhalten verändert?

Nein. Wenn ich ein gutes Buch lese, habe ich den Drang und zum Glück ja dann auch beruflich die Möglichkeit, davon zu erzählen und die Empfehlung weiterzugeben. 

Sie haben lange mit Marcel Reich-Ranicki Literatur besprochen im Literarischen Quartett. Nun war er ja ein sehr energischer Charakter, zerriss sogar Bücher im Fernsehen. Die Literaturkritik heute scheint mir eher handzahm geworden. Wäre eine Figur wie Marcel Reich-Ranicki heute noch denkbar oder fehlt sie gerade?

MRR hat ja nicht nur leidenschaftlich verrissen, sondern genauso leidenschaftlich gelobt. Und das ist es, was fehlt. Heute spielen Eitelkeit oder intellektuelle Arroganz oft eine größere Rolle bei den Kritikern als Leidenschaft. 

Was macht für Sie ein gutes Buch aus? Wie verfahren Sie mit Büchern, die Sie nicht ansprechen? Brechen Sie ab oder lesen Sie trotzdem fertig?

Ein gutes Buch muss eine packende Story haben und die in einer adäquaten Sprache erzählen. Ist das nicht der Fall, kann ich das Buch gut weglegen. 

Literatur war ihnen Flucht und Überlebenshilfe, wie Sie in Ihrem neuen Buch schreiben. Glauben Sie generell an die heilende Kraft der Bücher? Gibt es für jedes Leiden das passende Buch oder hilft Lesen generell, weil es neue Welten und auch neue Lebens-Möglichkeiten aufzeigt?

Das kommt immer auf beide an: auf den Leser und auf das Buch. Der Leser muss auch bereit sein, sich von einer Geschichte erreichen zu lassen, sonst funktioniert das nicht. 

Sie haben ein Buch über Literatur von Frauen geschrieben, die sie in ihrem Leben beeinflusst hat. Nun weiss ich, dass Sie auch Bücher von Männern gerne lesen, die Einteilung in Literatur von Frauen und solche von Männern nicht immer begrüssen. Das Thema «Frauen in der Literatur» ist aktuell sehr präsent. Wieso haben Sie sich dieses Themas angenommen?

Ich wollte klarmachen, dass Bücher von Frauen auch Literatur sind und nicht etwas abgewertete «Frauenliteratur». Wir brauchen den weiblichen und den männlichen Blick auf die Welt, beides kann gute oder schlechte Literatur hervorbringen. 

Ich habe sowohl in der Schule als auch im Studium eine stark von Männern dominierte Welt erlebt. Männliche Professoren (das heut sich heute geändert zum Glück) sprachen über männliche Schriftsteller, bei den Lehrern gab es immerhin Lehrerinnen, aber auch dort mehrheitlich männliche Schriftsteller. Bei einem Besuch kürzlich in einem sonst sehr fortschrittlichen Gymnasium waren auf deren Literaturliste nur gerade 20 von 127 Schreibenden Frauen. Ist das einfach der Geschichte, in welcher Frauen erst ab dem 19. Jahrhundert präsent waren als Schriftstellerinnen, geschuldet und ändert sich nun von selbst, oder müsste man aktiv was tun? Wenn ja, was? Einfach eine Quote wäre wohl keine gewünschte Lösung, soll doch am Ende «das gute Buch» gelesen werden, nicht das eines bestimmten Geschlechts.

Eine Quote ist in der Kunst zum Glück überhaupt nicht zu machen, es reicht schon, zu welchen Fehlentscheidungen sie in der Politik führt. Frauen schreiben hunderte von Jahren weniger als Männer. Inzwischen ändert sich das stark. Einige alte Professoren an den Unis haben das noch nicht begriffen, aber Leser finden inzwischen wohl fast genauso viele Bücher von Frauen wie von Männern. 

Welche schreibenden Frauen würden in Ihren Augen mehr Beachtung verdienen? Wenn Sie fünf inspirierende Frauen nennen müssten, welche wären das?

Dorothy Parker, Joan Didion, Meg Wolitzer, (um mal was «Leichtes» zu nehmen!), Toni Morrison, Anne Tyler

Sie schrieben schon Romane, Kurzgeschichten, Kolumnen, ein Buch über Kleider und Leute, nun dieses Buch über die Einflüsse von Literatur auf Ihr Leben: Wie kommen Sie zu den Themen, woher nehmen Sie Ihre Ideen und Inspirationen?

Wach und voller Liebe leben, dann kommt immer was! 

Wenn Sie auf Ihren Schreibprozess schauen: Ändert der mit den unterschiedlichen Genres oder bleibt er immer gleich? Wie schreiben Sie? Von Hand oder am Computer? In der Stille der eigenen Kammer oder im Trubel von öffentlichen Cafés? 

Erste Ideen überall und mit der Hand. Endfassungen immer am Computer. 

Was würden Sie einem jungen Menschen raten, der Autor oder Autorin werden will? Und einem, der Literaturkritiker oder -kritikerin werden will? 

Dass das Lesen immer erst mal wichtiger ist als das Schreiben. Wer nicht liest, hat in der Regel auch keine Sprache. Und will man Literaturkritiker werden? Na gut, dann sollte man Germanistik studieren. 

Tara Haigh – Nachgefragt

Tara Haigh schreibt seit vielen Jahren große TV-Unterhaltung und als Tessa Hennig Frauenromane mit Herz und Humor, die bereits erfolgreich verfilmt und alle Bestseller wurden. In ihren historischen Romanen erzählt sie spannende Liebesgeschichten an exotischen Sehnsuchtsorten, die mit viel Liebe zum Detail recherchiert sind und dabei Aspekte der Weltgeschichte aufgreifen, die weniger bekannt oder bisher kaum literarisch in Erscheinung getreten sind. Weitere Informationen unter http://www.tessa-hennig.de.

Nun ist ihr neuer Roman „Die Klänge der Freiheit erschienen“. Hier findet ihr den Trailer zum Buch:

Der Roman erzählt die Geschichte von Inge, welche in Nürnberg behütet aufwächst, sich dann gegen den Willen ihres Vaters zur Rotkreuzschwester ausbildet und dann 1943 an die Ostfront geschickt wird. Das Leid, das sie da sieht, übertrifft alle ihre Vorstellungen. Als sie die Chance erhält, nach Italien zu gehen, nutzt sie die Chance. Dort, im Kloster Montecassino, findet sie ihre Liebe und noch einiges mehr.

Ich habe der Autorin im Rahmen einer Bloggertour (die anderen Blogs seht ihr unten im Bild und sie werden natürlich verlinkt mit den einzelnen Beiträgen) ein paar Fragen gestellt:

Wie würden Sie Ihre Biografie erzählen?

Die ist von Ausflügen in verschiedene Welten geprägt. Banklehre, Wirtschaftsstudium im In- und Ausland mit Schwerpunkt Marketing und strategische Planung. Studium der Neueren Deutschen Literaturwissenschaft. Ein Jahr in Malaysia, dort einen Film gedreht. Jahre in der Filmproduktion. Das war der Einstieg ins Drehbuchschreiben. Auf Anraten der Agentur entstand mein erster Roman „Mutti steigt aus“. Der hüpfte gleich auf die Spiegel-Bestsellerliste. Seit ein paar Jahren schreibe ich nur noch Romane, weil mich die Arbeit mehr erfüllt.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen konkreten Auslöser?

Die inneren Triebfedern sind persönliche Anliegen, Themen, die mich interessieren. Beim Komödienlabel sind das Dinge, die die Generation Ü 50 bewegt. Bei den historischen Romanen Aspekte der Weltgeschichte, die bisher gar nicht oder kaum literarisch in Erscheinung getreten sind. Ich finde es spannend mich tief in Recherchen einzugraben.

Ich habe bereits mit fünfzehn meinen ersten Roman geschrieben, doch nur zum Spaß. Brotlose Kunst hieß es. Rückblickend bin ich froh um die vielen Umwege, denn sie füllten mich mit Erfahrungen und Menschenkenntnis. Auf diese Weise fällt es mir leicht etwas „about human nature“ zu erzählen, weil ich Vieles selbst erleben und in viele unterschiedliche Welten eintauchen durfte.

Sie haben unter verschiedenen Namen in verschiedenen Bereichen geschrieben. Wieso die unterschiedlichen Namen? Und: Wäre es nicht einfacher, immer im gleichen Gewässer zu fischen oder brauchen Sie die Abwechslung, um sich nicht selbst zu langweilen?

Die unterschiedlichen Namen haben sich aus rein pragmatischen Überlegungen, auch verlagsseits ergeben. Ich bemerke, dass ich beim Schreiben je nach Label tatsächlich in andere Rollen schlüpfe. Die Leserschaft bemerkt die unterschiedlichen Schreibstile. Das verblüfft mich manchmal selbst. Die Mischung aus Komödie und historischen Romanen gefällt mir gut, weil ich damit viele Facetten meiner Persönlichkeit entfalten, ja regelrecht „ausleben“ kann.

Woher holen Sie Ihre Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt und sieht man viel, aber wie wird eine Geschichte daraus?

Die Ideen trägt mir das Leben zu. Bei den Klängen der Freiheit war es beispielsweise ein rein zufälliger Besuch der Abtei Montecassino während ich für „Kann Gelato Sünde sein?“ auf Recherchereise war. Schon seinerzeit erwuchs der Drang die faszinierende Geschichte und die überragend wichtige Bedeutung dieses Klosters für das Christentum zu erzählen, zumal es eine unglaublich spannende Rolle im zweiten Weltkrieg spielte. Damit füttere ich mein Unterbewusstes. Und nach und nach kommen dann Ideen für Figuren zu Tage. Die haben mir dann plötzlich eine Geschichte zu erzählen. Manchmal fühle ich mich wie jemand der nur „aufschreibt“.

Wenn Sie auf Ihren eigenen Schreibprozess schauen, wie gehen Sie vor? Mit Papier und Stift oder am Computer? Entsteht zuerst ein durchdachtes Gerüst oder aber schreiben Sie drauf los und schauen, wo das Schreiben hinführt? Variiert das in den verschiedenen Genres?

Wenn die Idee einmal steht, wird in der plattformübergreifenden App „Evernote“ am Computer alles an Recherchematerial gesammelt, bzw. herausgeschrieben. Historische Ereignisse setze ich als Eckpfeiler für das Timing. Mit diesen Informationen verdichten sich die Figuren und ihre Erzählbögen. Daraus wiederum entwickeln sich ihre Handlungen. Steht der stichpunktartig erarbeitete Rahmen, schreibe ich ein Exposé, um den Verlag zu überzeugen. Bei den Komödien, die ja alle an einem attraktiven Urlaubsort spielen, steht die Recherche der Besonderheiten dieses Orts im Vordergrund, aus dem sich meist viel Situationskomik ziehen lässt. Grundsätzlich lasse ich den Figuren aber innerhalb des gesteckten Rahmens freien Lauf. Erst im zweiten Durchgang wird präzise verortet (die Regie und Ausstattung beim Roman – die Örtlichkeiten). Denn das hält mich sonst im Schreibfluss zu lange auf.

Wie gehen Sie mit Schreibblockaden um? Gibt es diese überhaupt?

Ich hatte noch nie eine. Gelegentlich ist der Alltag aber so fordernd, dass ich vor lauter Müdigkeit unliterarisch oder „Unsätze“ schreibe und nur noch diszipliniert das Exposé umsetze. Das macht aber nichts, weil ich diese Stellen im zweiten Durchgang mit Freude poliere.

Ich hörte mal, der größte Feind des Schriftstellers sei nicht mangelndes Talent, sondern die Störung durch andere Menschen. Brauchen Sie zum Arbeiten Stille und Einsamkeit, oder stören Sie andere Menschen nicht? Wo schreiben sie bevorzugt?

Ich brauche beim Schreiben mehrere Stunden am Stück meine Ruhe. Schlimm sind von außen an mich herangetragene komplexe Probleme, die nach aufwendigen Lösungen verlangen. Das ist für mich der Supergau, weil mich diese Dinge dann aus der Geschichte herausreißen. Daher versuche ich die gesamte Lifeadmin und Reisen so zu legen, dass ich mehrere Wochen am Stück möglichst wenig anderes zu erledigen habe. Einen bevorzugten Ort zum Schreiben habe ich nicht. Manchmal im Garten, auf einer Terrasse, im Büro und sogar mit Laptray entspannt im Bett.

Mit „Die Klänge der Freiheit“ haben sie einen Liebesroman geschrieben, den sie im Zweiten Weltkrieg ansiedelten. Was hat Sie an diesem Setting gereizt?

Zum einen die Rolle der Rotkreuzschwestern, die im zweiten Weltkrieg schier Übermenschliches leisten mussten. Zum anderen die unfassbar interessante Rolle der Abtei im zweiten Weltkrieg, ihr tragisches Schicksal und dass ausgerechnet ein deutscher Wehrmachtsoffizier die Schätze der Abtei vor den Angriffen der Alliierten in Sicherheit gebracht hat.

Ein historischer Roman erfordert immer auch viel Recherche, in diesem Fall mussten Sie wohl tief in die Gräuel unserer Geschichte eintauchen? War das zeitweise nicht auch belastend? Wie sind Sie mit all dem angelesenen Leid und all den grausamen Verbrechen umgegangen?

Vor allem der Teil, der in der Ukraine spielt, hat mir sehr viel abverlangt. Es ist eine Sache etwas von den Großeltern über den Krieg erzählt zu bekommen und eine andere, wenn man beim Schreiben so tief in die Geschehnisse eintaucht und sie aus der Sicht der Figuren miterlebt – durchlebt. Ich hielt es aus, weil ich wusste, wie meine Heldin an diesen Erfahrungen wachsen wird.

„Die Klänge der Freiheit“ hat ein Happy End, wie es sprichwörtlich im Buche steht. Man könnte anmerken, dass dies fast zu seicht sei für die Thematik. Wieso haben Sie sich dazu entschlossen?

Der Entschluss entspringt einer persönlichen Lesevorliebe. Es gibt für mich nichts Schlimmeres, als wenn ein Roman die Leserschaft mit einem schlechten Gefühl entlässt. In Inges „Happy End“ steckt für mich zudem die Botschaft, dass es sich lohnt für etwas, an das man glaubt, zu kämpfen. Es ist ein Plädoyer für die Stimme des Herzens, die der Stimme der Vernunft oft überlegen ist und die Kraft spendet, selbst schlimme Zeiten schadlos zu überstehen.

Goethe sagte einst, alles Schreiben sei autobiographisch. Wie viel von Tara Haigh steckt in Ihren Büchern generell? Wie viel in Ihrem Roman „Die Klänge der Freiheit“?

Dem widerspreche ich gänzlich was die Handlung eines Romans betrifft. Dennoch steckt in all meinen Figuren viel von meinem Ich, der Summe des Erlebten, Facetten meines Charakters, meiner Überzeugungen und Ansichten, die sich bei jedem Roman in den Figuren niederschlagen.

Welche fünf Tipps würden Sie einem angehenden Schriftsteller geben?

  1. Das Anliegen einer Geschichte zu hinterfragen. Was interessiert mich daran? Was bewegt mich? Warum fasziniert mich eine Figur oder ein Ereignis?
  2. Welches Thema möchte ich erzählen? Welche Aussage möchte ich treffen? Damit meine ich nicht die Folie (bei den Klängen Montecassino und die Rotkreuzschwestern im zweiten Weltkrieg), sondern was soll die Leserschaft aus diesem Roman mitnehmen? Im Idealfall ist das etwas „about human nature“, mit dem sich viele Menschen identifizieren können – Konflikte, Werte, Entscheidungen und Verhaltensmuster im Leben. Etwas, was uns alle in irgendeiner Form beschäftigt, bewegt und angeht. Nur dann ist ein Roman gehaltvoll und keine reine Konsumware mit Bausteinen aus der Schublade.
  3. Die Grundzüge der Dramaturgie anhand von Literatur erarbeiten – das Handwerkszeug!
  4. Hemmungslos drauf losschreiben. Sich von den Figuren treiben lassen. Formelles, Satzbau und der literarische Anspruch sind dabei zunächst völlig zweitrangig. Das lässt sich alles erarbeiten. Wichtig sind lebendige Figuren, die etwas Relevantes zu erzählen haben.
  5. Disziplin! Ein Ziel setzen und jeden Tag schreiben. Man gewöhnt sich an diese Zeitfenster und irgendwann fehlt einem was, wenn man nicht schreibt. Das ist wie beim Sport.

Hier geht es zu den anderen Beiträgen:

22.11. lebe-lache-lies.de

24.11. fraugoetheliest.wordpress.com

25.11. tesbuecherblog.blogspot.de

26.11. spiegelseelen.blogspot.de

27.11. kunterbuntbuecherreisen.wordpress.com

Elke Heidenreich: Hier geht’s lang! Mit Büchern von Frauen durchs Leben

Inhalt

«Denn Lektüre und Persönlichkeitsentfaltung bedingen einander, das Lesen durchdringt das Leben.»

Hier geht’s lang! soll keine Literaturgeschichte sein, es ist eine Lebens- und Lese-geschichte. Elke Heidenreich erzählt aus ihrem Leben und stellt die Bücher vor, die sie in den einzelnen Lebensphasen begleitet und geprägt haben. Elke Heidenreich beschränkt sich dabei auf Bücher von Frauen, da diese noch heute im Literaturbetrieb untervertreten sind, und weil es auch Bücher von Frauen waren, die ihr Einblicke in authentische weibliche Lebensentwürfe brachten.

Weitere Betrachtungen

«Mich haben Bücher gerettet, auch wenn sie mir manches gründlich vermasselt haben. (Männer sind übrigens nicht unbedingt begeistert von allzu viel lesenden Frauen. Sie fühlen sich mitunter beunruhigt. Auf den Scheiterhaufen der Inquisition brannten wohl auch deshalb vorwiegend Frauen und Bücher. Diktatoren und Inquisitoren haben instinktiv die potentielle Macht der Lesenden gespürt. Der wahre Leser ist subversiv.»)


Hier geht’s’s lang! ist eine Liebeserklärung ans Lesen, an Bücher. Es ist ein Buch über eine Frau, die als kleines Kind die Liebe zum Lesen entdeckte und sie ihr Leben lang pflegen und leben konnte. Elke Heidenreich erzählt, wie ihr Literatur zur Überlebenshilfe wurde, zu Trost und zur Flucht. Entstanden ist so ein sehr persönliches Buch, ein Buch, das mit viel Tiefe aber auch Witz geschrieben ist und ein Buch, das zum Lesen anregt. Elke Heidenreich gelingt es, im Leser den dringenden Wunsch entstehen zu lassen, all das, was sie mit so viel Hingabe und Liebe vorstellt, selber zu lesen.

«Auch als ich älter wurde, war Literatur das Geländer, an dem ich mich festhielt und das mir Orientierung hab, mich durchs Leben leitete. Als wollte sie mir sagen: Hier geht’s lang.»

Hier geht’s lang! ist eine Lebensbeschreibung den gelesenen Büchern entlang. Als Leser taucht man ein in 70 Jahre Leseerfahrung, erfährt mehr über die Situation der schreibenden Frauen zu verschiedenen Zeiten und darüber, was Elke Heidenreich von ihnen mit in ihr Leben nehmen konnte.

«Weil die Bedeutung weiblicher Literatur und ihr Einfluss auf uns Frauen meiner Meinung nach noch immer unterschätzt wird.»

Obwohl Elke Heidenreich sowohl Bücher von Männern als auch von Frauen liebt und liest, beschränkte sie sich in dem vorliegenden Buch auf Bücher von Frauen. Dies auch, um ein Gegengewicht zum männerdominierten Lesekanon zu bilden, welchen sie während des eigenen Studiums erlebt hat. Darum ist Hier geht’s lang! auch ein wichtiges Buch, denn es legt den Finger auf einen wunden Punkt: Noch heute sind Frauen in der Literatur zu wenig sichtbar, noch heute sind die Literaturlisten an Gymnasien und Universitäten von männlichen Autoren dominiert. Noch heute werden schreibende Frauen oft unterschätzt. Es ist trotzdem kein Buch gegen männliche Autoren, denn, so Elke Heidenreich, wir brauchen einen männlichen und einen weiblichen Blick auf die Welt. Leider ist der weibliche noch sehr vernachlässigt. Dieses Buch kann helfen, Abhilfe zu schaffen, indem es auf diesen Mangel aufmerksam macht.

Persönlicher Bezug
Aufgewachsen in eine Verwandtschaft ohne weitere Kinder, in einem sehr stillen Haushalt, in welchem wenig geredet wurde und wenig passierte, waren Bücher von klein auf meine Zuflucht. Auch ich war ein Kind, das die ganze Bibliothek des Ortes von links oben nach rechts unten durchgelesen hat, ich verschlang alles, was mir in die Hände kam, fand darum in Elke Heidenreichs Büchern viele alte Bekannte wieder. Ich kenne das Gefühl, dass Literatur Flucht und Trost ist, oft auch der einzige Verbündete in einem Leben, in welchem ich mich oft unverstanden fühlte.

Wie schön, mit Elke Heidenreichs Buch etwas in Händen zu haben, das mir zeigt, nicht allein zu sein – einerseits mit der grossen Liebe zu Büchern, mit der Leidenschaft, mich mit Literatur zu beschäftigen, andererseits aber auch mit einem Lebensentwurf, der zu grossen Teilen von Büchern geprägt und begleitet ist.

Fazit
Ein sehr persönliches Buch, bei dem die Liebe und Leidenschaft für Literatur aus allen Seiten tropft. Ein zum Lesen animinierendes Buch und eine Lebensgeschichte, die auch Lesegeschichte ist. Ganz grosse Leseempfehlung.

Autorin
Elke Heidenreich, geboren 1943, lebt in Köln. Sie studierte Germanistik und Theaterwissenschaft und arbeitete bei Hörfunk und Fernsehen. Elke Heidenreich schrieb und redete über Literatur, schrieb des Weiteren Kolumnen, Erzählungen, Kurzgeschichten und Romane. Zuletzt erschien von ihr der Erzählungsband Männer in Kamelhaarmänteln und Hier geht’s lang! Mit Büchern von Frauen durchs Leben.

Ein Interview mit der Autorin: Elke Heidenreich – Nachgefragt

Angaben zum Buch
Herausgeber: ‎ Eisele Verlag; 2. Edition (24. September 2021)
Gebundene Ausgabe: ‎ 192 Seiten
ISBN-13: ‎ 978-3961611201

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Alois Prinz: Das Leben der Simone de Beauvoir

Inhalt

«Mit der Geburt beginnt für sie das ‘Drama eines jeden Existierenden’. Dieses Drama besteht darin, dass jedes Kind hineingeboren oder, existenzialistisch ausgedrückt, ‘geworfen’ wird in eine Welt, die ohne sein Zutun entstanden ist und die voller Erwartungen und Vorherbestimmungen ist. Gleichzeitig hat es einen natürlichen Drang, die Welt zu erforschen und eigene Bedürfnisse und Wünsche auszubilden. Das führt zu einem Konflikt, der schon in den ersten Kinderjahren zu spüren ist und der sich in späteren Jahren zu Kämpfen um die eigene Identität steigern kann.»

Simone de Beauvoir wuchs in einem konservativen Haus voller Vorschriften und Verbote auf, in welchem klar geregelt ist, wie man sich zu verhalten hat, vor allem, wenn man ein Mädchen ist. Passt sich die junge Simone mehr und mehr an, wird zur gehorsamen, strebsamen Tochter, fühlt sie sich in dieser Rolle schon bald immer eingeengter und ein Wunsch wächst heran: Sie will frei sein.

«…Freiheit ist für sie ein Faktum. Jeder Mensch findet sich als freier Mensch vor. Für das Kind ist diese Freiheit noch verborgen, weil Eltern und Erzieher über es bestimmen und es noch keine Verantwortung kennt. Spätestens der junge Erwachsene muss sich dieser Freiheit stellen. Frei sein bedeutet zu erkennen, dass es keine absoluten Werte gibt, auch keinen Gott. Es bedeutet, dass das Leben keinen Sinn hat, sondern dass jeder Einzelne seinem Leben einen Sinn geben muss.»

Das Thema der Freiheit wird sie denn auch ein Leben lang begleiten. Daneben weiss sie auch bald, dass sie schreiben will, dass sie ihr Leben selber in die Hand nehmen und unabhängig führen möchte.

Ihr Weg führt über ein Studium der Philosophie hin zum Lehrerberuf, auf diesem Weg begegnet sie Sartre, mit dem sie das Leben lang in einer für die Aussenwelt merkwürdigen und darum immer wieder mit neuen Etiketten bedachten Beziehung lebt. Neben Sartre säumen viele Freunde und Freundinnen, Liebschaften und Lebensbegleiter ihren Weg. Sie setzt sich ein für das, was ihr wichtig ist, sie schreibt unermüdlich, sie reist viel, sie hinterfragt sich und die Welt, sie lebt das Leben, das ihr vorschwebt und macht aus dem, was sie in dieses Leben mitbringt das, was sie daraus machen will und kann. Damit lebt sie ihren eigenen existenzialistischen Gedanken, nämlich den, dass ein Mensch mit Voraussetzungen in diese Welt kommt und es in seiner Verantwortung liegt, was er daraus – und damit aus sich – macht.

Simone de Beauvoir sieht sich als Literatin, nicht als Philosophin. Das ist keine Abwertung für sie, wie es oft gelesen wurde, denn sie sieht in der Literatur die Möglichkeit, Dinge nicht abstrakt und theoretisch zu erörtern, sondern sie in die Lebenserfahrungen von Menschen einzubauen durch die Geschichten, die sie erzählt. Das tut sie aber auf eine so tiefgründige und kluge Art, dass les- und spürbar ist, was das Thema dahinter ist. Neben ihren Romanen ist Simone de Beauvoir auch Verfasserin einer Unzahl von Essays, Reiseberichten, eines Theaterstücks und mehr.

Weitere Betrachtungen
Alois Prinz erzählt das Leben von Simone de Beauvoir auf eine zutiefst menschliche, tiefgründige und lebendige Weise. Er stellt ihr Leben in den Zusammenhang der Zeit, erzählt von ihren Erfahrungen in dieser, von ihren Beziehungen, von ihren Sorgen, Nöten, Selbstzweifeln. Er zeichnet das Bild einer intelligenten, spannenden, sich ständig hinterfragenden, das Leben liebenden und lebenden Frau, welche mit Neugier und Ehrgeiz versucht, das beste Ich aus sich zu machen, zu dem sie fähig ist.

Simone de Beauvoir ist eine Frau, die ihr Menschsein ernst nimmt und die Aufgabe, die dies an sie stellt, aktiv angeht. Sie versucht, ihre (menschlichen und moralischen) Ansprüche umzusetzen, um als verantwortungsbewusste, selbstbestimmte, interessierte, engagierte und vor allem freie Frau das zu tun, was sie tun will: Schreiben.

Alois Prinz schafft es, dieses durchaus ungewöhnliche Leben ohne Sensationslust, Auf- oder Abwertungen, und moralischen Zeigefinger auf eine gut lesbare, kompetente Weise zu erzählen. Entstanden ist das Porträt einer Frau, welche einen für sich einnimmt. Es gelingt Prinz ebenfalls, die Beziehung zu Sartre darzustellen, ohne den oft vorherrschenden Stimmen, Schubladisierungen und Verurteilungen zu folgen.

Persönliche Bemerkungen
Simone de Beauvoir fasziniert mich, seit ich mich intensiver mit ihr befasse, immer mehr. Sie ist für mich eine Frau, die versucht, für sich und ihre Meinung einzustehen, dabei auch in Kauf nimmt, dass ihr Weg nicht immer nur leicht ist. Sie ist eine Frau, die von Unsicherheiten geprägt ist, trotzdem versucht, sich treu zu bleiben und die eigenen Ansprüche ans Leben zu verwirklichen. Wenn dieser Weg in die Irre geht, sie nicht die ist, die sie sein will, vertuscht sie das nicht, sondern steht hin und gesteht die eigenen Fehler ein. Mir gefällt ihre Sicht der Dinge, dass wir zwar ins Leben geworfen sind, das wir nicht aussuchten, dass wir es aber in der Hand haben, etwas daraus zu machen. Sie hat das nicht nur theoretisch beschrieben, sondern selber gelebt. Sie ist eine Frau mit vielen Widersprüchen. Und sie ist nicht zuletzt eine Frau mit einem grossen Herzen, eine tiefgründige Denkerin, eine fleissige Schreiberin.

Fazit:
Eine menschliche, tiefgründige, kompetente und Einsichten gewährende Biografie, der ein offener Blick auf eine tiefgründige und inspirierende Denkerin und Frau zugrunde liegt. Sehr empfehlenswert.

Alois Prinz
Alois Prinz, 1958 geboren, studierte Literaturwissenschaft und Philosophie in München und lebt heute mit seiner Familie in Kirchheim bei München. Er veröffentlichte Biografien über Hermann Hesse, Ulrike Meinhof, Franz Kafka, Dietrich Bonhoeffer und andere. 2012 erschien sein Buch Hannah Arendt oder Die Liebe zur Welt, das sich über 130.000 Mal verkaufte.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 303 Seiten
Verlag: ‎ Insel Verlag; Originalausgabe Edition (10. Oktober 2021)
ISBN: 978-3458179412

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Hansjörg Schertenleib: Offene Fenster, offene Türen

Inhalt

«Mitleid darf er so wenig erwarten wie Gnade. Juliette Noirot ist die Schülerin, er der Lehrer. Der Fall ist klar, das Urteil wird schnell gefällt werden. Sie ist neunzehn, er fünfundfünfzig. Opfer, Täter.»

Der 55jährige Rhythmikprofessor Carsten und die 19jährige Studentin Juliette haben bei einem Konzert Sex und werden dabei gefilmt. Nachdem dieser Film in die sozialen Medien gerät, ist das Leben der beiden aus den Fugen, Carsten wird entlassen, seine Frau verlässt ihn und er wie auch Juliette werden in den sozialen Medien und von Freunden und Familie beschimpft und verachtet. Wie kommen sie aus dieser Geschichte wieder raus?

Weitere Betrachtungen

Hansjörg Schertenleib erzählt die Geschichte von Carsten Arbenz und Juliette aus zwei Perspektiven. Abwechselnd begleiten wir die beiden Protagonisten in ihren Alltag und in ihre Gedanken. Wir sehen widersprüchliche Wahrnehmungen, unterschiedliche Wege, mit dem Geschehenen umzugehen. Wir erfahren wenig über ihr Leben vorher, wissen nicht mal genau, wie beide aussehen, alles spielt im Hier und Jetzt. Das Buch spielt hauptsächlich an sechs Tagen, einem Rückblick auf den verhängnisvollen Tag des gefilmten sexuellen Stelldicheins, den vier Tagen danach und einem Tag ein halbes Jahr später.

«Was oder wer entscheidet darüber, ob jemand ein guter Mensch ist? Ist sie schlecht, weil sie sich auf Arbenz eingelassen hat? Hat sie ihn verführt oder hat sie sich von ihm verführen lassen?»

«Offene Fenster, offene Türen» ist ein Buch über Schuld ohne einen Schuldigen aber mit vielen, die einen Schuldigen brauchen, suchen und da sie ihn nicht kennen dazu ernennen – willkürlich, erbarmungslos, vehement. Nachdem die sozialen Medien Blut geleckt haben, verfolgen sie die Spur gnadenlos, es gibt kein Entrinnen mehr. Was einmal in dieser Welt ist, geht nicht mehr so schnell wieder raus. Zumindest nicht gleich. Die Wellen schlagen hoch und reissen mit sich. In diesem Ausgeliefertsein entstehen Hilflosigkeit und Selbstmitleid, aber auch die Suche nach einem Ausweg für sich, wenn nötig gegen den andern.

«Offene Fenster, offene Türen» ist kein schönes Buch, kein Buch für die Seele. Es ist hart in Sprache und Inhalt, es erzählt von zwei Protagonisten, die einem nicht ans Herz wachsen, sondern die einen beide gleichermassen abstossen. Juliette und Carsten schlittern durch eine Unbedachtheit in eine Situation, die ihnen entgleitet und droht, ihr Leben zu zerstören. Danach ist nichts mehr, wie es mal war. Dieser Kontrollverlust bringt ihr Naturell ans Licht, ein Naturell, das so wohl nicht selten ist in der Welt. Es offenbaren sich Egoismus und Opportunismus, Freude an Macht und Manipulation.

Es ist kein Buch, das gefällt, aber die Geschichte hat einen Sog, der einen gleichwohl packt. Man will als Leser wissen, wie sich die beiden Protagonisten entscheiden, wie sie sich in der Situation verhalten, was auf sie einschlägt und wie ob sie aus allem wieder rauskommen. Das Buch ist stimmig aufgebaut, ohne Sentimentalitäten und Schnörkel erzählt und es schliesst mit einem zum Buch passenden Ende.

«Das Tribunal der sozialen Medien, rachsüchtig und ungerecht, wie er findet, weil es sich einseitig entweder auf Juliettes Seite oder auf seine schlägt, gierig nach Verurteilung, süchtig nach einem Opfer, einem Täter.»

Es ist ein Buch über die Macht der sozialen Medien und den Kontrollverlust, den er Einzelne dadurch erfährt. Es ist damit auch eine Art Sozialstudie der heutigen Welt, in welcher wir uns mit Mechanismen herumschlagen, die einem Freiheit durch unbeschränkte Mitteilungsmöglichkeiten versprechen, die aber gleichzeitig eine Gefahr mit sich bringen, uns selber einer Meute zum Frass vorzuwerfen.

Persönliche Einschätzung
Bücher, die mir nicht gefallen, breche ich ab. Ziemlich unbarmherzig und auch meist schnell. Das ging hier nicht. Dass mir das Buch nicht im landläufigen Sinne gefiel, heisst nicht, dass es mich nicht in den Bann zog – im Gegenteil. Beiläufig erzählt entwickelte die Geschichte einen Sog, der packte. Alles schien so aus dem realen Leben gegriffen, war so gut vorstellbar, so vertraut in den Mechanismen, dass ich als Leser ganz schnell mittendrin sass. Und wenn man mittendrin ist, kann man nicht einfach raus, man ist gefangen und muss lesend mitmachen.

«Hat sie sich geholt, worauf sie Lust hatte? Oder hat er es? Falls es nötig ist, um ihren Kopf aus der Schlinge zu ziehen, wird sie ihn anzeigen. Er hat sie gedrängt und, ja, gezwungen, die Lüge klingt wie die Wahrheit. Rücksicht kann sie keine nehmen, sie muss ihren Ruf schützen.»

Ich habe mich einige Male gefragt, ob der Autor Partei ergreift. Kommt der männliche Protagonist nicht besser weg, auch wenn er nach landläufiger Moral durchaus kein Sympathieträger ist mit seinen sexuellen Eskapaden und Frauengeschichten. Trotzdem wirkt er vernünftiger, er nimmt in Kauf, für diesen Seitensprung die Konsequenzen zu tragen. Juliette dagegen offenbart doch Seiten, welche zutiefst unsympathisch ist, sie würde, wenn nötig mit einer Lüge versuchen, sich reinzuwaschen und Carsten reinzureiten. Sie freut sich fast an ihrer Macht, die ihr diese Möglichkeit gibt, was sie umso mehr unsympathisch macht.

Fazit:
Das Buch erzählt die Geschichte von zwei Menschen, deren Leben nach einer Unbedachtheit aus dem Ruder läuft, es ist quasi eine knallharte und wenig mitfühlende Sozialstudie, die einen gleichwohl in den Bann zieht..

Hansjörg Schertenleib
Hansjörg Schertenleib, 1957 in Zürich geboren, ist gelernter Schriftsetzer und Typograph. Seine Novellen, Erzählbände und Romane wie die Bestseller Das Zimmer der Signora und Das Regenorchester wurden in ein Dutzend Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet, seine Theaterstücke auf der ganzen Welt gezeigt. Schertenleib, der auch aus dem Englischen übersetzt, u.a. Werke von Eoin McNamee und Sam Shepard, lebte zwanzig Jahre in Irland, vier Jahre auf Spruce Head Island in Maine und pendelt seit Sommer 2020 zwischen Autun im Burgund und Suhr im Kanton Aargau. Im Kampa Verlag sind erschienen: Die Fliegengöttin, Palast der Stille, Der Glückliche (siehe auch S. 85) und die Maine-Krimis Die Hummerzange und Im Schatten der Flügel.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 256 Seiten
Verlag: ‎ Kampa Verlag; 1. Edition (26. August 2021)
ISBN: 978-3311100645

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