Denkzeiten erfindet sich neu

Es sind einige Wochen, Monate, Jahre gar, die ich hier über Bücher (und anderes) berichte. Über die Zeit wuchs die Leserzahl, was mich freut. Herzlichen Dank allen treuen Lesern und all denen, die sich die Zeit nehmen, ihre Meinung zu meinen Beiträgen zu hinterlassen. Ich freue mich echt jedes Mal, wenn die Sprechblase orange leuchtet und so anzeigt, dass jemand seine Meinung sagte. Dabei ist es egal, ob die Meinung meine ist oder dieser entgegengesetzt. Ich habe erstens die Wahrheit nicht gepachtet und mag es zweitens, Dinge auch von anderen Seiten zu betrachten.

Ich komme ursprünglich aus der Wissenschaft, habe Sprach- und Literaturwissenschaft und Philosophie studiert. In der Wissenschaft gelten Regeln, eine ist, nicht persönlich zu werden, sondern sachlich zu bleiben. Das zog ich in meinem Blog nicht durch, versuchte aber, bei Rezensionen auf der Sachebene zu bleiben. Das möchte ich ändern.

Bislang habe ich Bücher nicht besprochen, die ich nicht gut fand, weil ich fand (und immer noch finde), dass es oft Geschmacksache ist, ob ein Buch ankommt oder nicht. Was mir nicht gefällt, kann bei anderen Begeisterungsstürme auslösen. Ich lese aus Prinzip keine Bücher fertig, die mich nicht ansprechen. All diese verschwanden bislang stillschweigend im Regal. In Zukunft möchte ich sagen, wieso ich Bücher nicht las oder nicht fertig las. Ich werde auch ab und an einfach kurz sagen, worum es in einem Buch geht, wieso ich es für mein Regal auswählte. Ich möchte offen legen, wo ich aufhörte, zu lesen, und wieso ich das tat. Und bei den guten Büchern wird in Zukunft mehr Innensicht von mir als Leserin drin stecken.

Damit bin ich nicht mehr Wissenschaftler, aber das bin ich schon lange nicht mehr. Ich bin dankbar, den Weg gegangen zu sein, ich habe die Schullaufbahn lange verfolgt, heute ist es nicht mehr mein Weg. Und das soll sich künftig auch in meinem Blog niederschlagen, wenn es um Bücher geht.

Was ich dabei nicht vergessen möchte: Schreiben ist harte Arbeit. Es ist eine Kombination von Handwerk und Kunst. Ich habe Hochachtung vor dem Tun des Künstlers, egal, ob mir das Produkt gefällt oder nicht, wenn er dieses ernsthaft und mit Herz tut. Trotzdem bin ich keiner, der verehrt, der Fan ist. War ich nie, werde ich nie sein. Künstler sind Menschen, Werke gefallen oder tun es eben nicht. Wenn mir ein Werk gefällt, muss ich nicht den Menschen, der es schuf, mögen. Wenn ich einen Menschen mag, muss ich sein Werk nicht toll finden. Ich trenne da stark. Drum sammle ich keine Autogramme, ich huldige auch keinem sogenannten Star. Ich lese Bücher, höre Musik, finde sie gut oder nicht. Und ich lerne Menschen kennen, mag sie oder nicht. Und all das soll mehr Platz in diesem Blog finden.

Mal schnell die Welt retten

Kürzlich auf Facebook. Jemand meinte, mir die Welt erklären zu müssen. Er hatte – mich nicht kennend – all meine Probleme erkannt, sah, dass ich einsam sei, nie ausgehe und dazu noch ein Alkoholproblem hätte. Er meinte es nur gut und lobte sich selber ob seiner Menschenkenntnis und seines Durchblicks. Ich müsse ihm vertrauen. Er wisse, wovon er spräche.

Besagter Mensch kannte mich nicht wirklich – eigentlich kannte er mich gar nicht. Er hatte das Eine oder Andere vielleicht auf Facebook gelesen, wusste aber weder, was ich alles so mache im Leben, noch wie ich lebe, gelebt habe, zu leben vorhabe. Er wusste gar nichts von mir – er interpretierte.

Nun war das nicht das erste Mal, dass mir solches passierte. Und jedes Mal: Bei Nachforschungen, wer denn da so aus dem Vollen der Menschenkenntnis schöpft, stiess ich immer auf Menschen, die gesundheitlich angeschlagen, beruflich eher unerfüllt und beziehungsmässig alleine waren. Das fand ich sehr traurig, nur: Es stellt sich mir die Frage, woher ihr Drang rührt, anderen die Welt erklären zu wollen?

Die Hausfrauenpsychologin in mir würde nun sagen, sie agieren aus der eigenen Unzufriedenheit heraus. Sie projizieren in andere rein, was ihnen selber fehlt oder wo sie Probleme haben (was sie immer auch sagten, dass sie sie (zumindest gehabt) hätten. Dazu kommt, dass ich eine Frau bin und als solche noch eher sensibel und nachdenklich veranlagt – das scheint zu provozieren. Nur: Weil man was reinliest, ist das nicht auch da.

Damit nicht noch viele Weitere in die Irre gehen: Mir geht es gut. Man muss sich keine Sorgen machen. Ich habe eine wunderbare Familie, habe, ich darf es sagen, meinen Traumberuf, habe Hobbies, die mich ausfüllen, die mir Spass machen, die ich mit Leidenschaft betreibe, und ich bin alles andere als alleine. Und ab und an bin ich sogar alleine und das sehr gerne. Ich kämpfe fast drum, mal allein sein zu können, weil ich es brauche – wann sonst soll ich meine Hobbies pflegen? Klar ist mein Leben kein Paradies, denn ich bin nicht der Mensch dafür. Lebte ich im Paradies, würde ich selbst da das Haar in der Suppe finden – meint zumindest mein Herr Papa. Damit mache ich mir und meinen Lieben das Leben nicht immer leicht – aber auch nie langweilig.

Ergo: Alles gut. Und wer mal wieder denkt, die Welt retten zu müssen – bitte nicht bei mir, der Kelch möge an mir vorüber gehen.

Es muss doch alles seine Ordnung haben

Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben

Das Leben in der Schweiz ist mitunter sehr reglementiert. Damit sich auch alle an die Regeln halten, agieren die emsigen Schweizer Bürger gerne als private Polizei. Als ich heute von der Arbeit heimkam, erfuhr ich, dass mein Nachbar heimlich Buch über die Schuhe vor meiner Tür führt. Er hat mich das – stolz über seine Aufmerksamkeit und exakte Arbeit – mit einem Verweis auf die Hausordnung wissen lassen:

Hallo Frau M.

Stets habe ich gehofft, dass ich Sie im Gang antreffen würde.
Da dies nicht der Fall war – vielleicht waren Sie ein paar Tage weg gewesen und da wir nun für ein paar Tage weggefahren sind -, auf diesem Weg.
Als ich gestern in der Wohnung war, waren drei Paar Schuhe im Gang abgestellt. Montag waren es zwei Paar, Sonntag ein Paar.
Um offen zu sein, mich stört das. Ich wäre froh, wenn das nicht mehr vorkommen würde. So wie meine Frau mir berichtet hat, hat die Liegenschaftsverwaltung erklärt, weshalb Schuhe und sonstige Gegenstände im Hausflur nicht vorgesehen sind. Es wäre gut, wenn wir uns alle daran halten täten.

Danke und beste Grüsse
XXX

Ich bin nun nicht ganz sicher, ob ich ihm mitteilen muss, dass ich nicht weg war, sondern schlicht arbeite tagsüber und mich auch sonst selten im Hausflur rumtreibe? Ich wüsste gerade gar nicht, ob mir ein Sitzen in ebendiesem überhaupt erlaubt wäre – ich werde bei Gelegenheit mal die Hausordnung anschauen.

Aber schön, gibt es aufmerksame Nachbarn. So werde ich nie als unentdeckte Leiche im Hausflur verenden und erst Jahre später gefunden werden.

Sibylle Berg – am 10. März in Zürich

Am 10. März wird ein Buch getauft. Sibylle Berg stellt im Kaufleuten Zürich ihren neuen Roman Der Tag, als meine Frau einen Mann fand vor. Dabei liest sie nicht nur, sie performt sogar – das mit dem Kabarettisten Patrick Frey und dem Zürcher Musiker Fai Baba. Der Abend wird also wohl verschiedene Sinne und Muskeln beanspruchen und ein Erlebnis werden.

Zu Sibylle Berg

Sibylle Berg in der NDR Talkshow (2011)
Sibylle Berg in der NDR Talkshow (2011)

Sibylle Berg wurde 1962 in Weimar geboren. Nach einer Ausbildung als Puppenspielerin stellte sie 1984 erfolgreich einen Ausreiseantrag und zog in die damalige BRD. Nach diversen Jobs begann sie zu schreiben, war aber mit ihren ersten Versuchen unzufrieden. Erst Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot reichte sie bei Verlagen ein und stiess bei Reclam auf offene Ohren. Sibylle Berg schreibt Romane, Theaterstücke, Essays und Kolumnen (u.a. für NZZ und Spiegel Online). 2008 wurde sie mit dem Wolfgang Koeppen-Preis ausgezeichnet. Sibylle Berg wohnt heute in Zürich. Unter anderem von ihr erschienen sind Das unerfreuliche zuerst – Herrengeschichten (2001), Ende gut (2004), Die Fahrt (Roman, 2007), Der Mann schläft (2009), Vielen Dank für das Leben (2012).    

Ein Interview mit der Autorin findet sich hier: Sibylle Berg – Nachgefragt

Milena Moser – Ein Rückblick

Kaufleuten

Schon um 19 Uhr standen die Leute Schlange vor dem Kaufleuten, Milena Moser hatte sie in Scharen angezogen. Das Ambiente gewohnt gediegen, füllte sich der Saal nach und nach, um 20 Uhr eröffnete Dirk Vaihinger, Verlagsleiter bei Nagel & Kimche, den Abend mit einer humorvollen Begrüssung, die Mosers USA-Pläne im Zentrum hatte.

Bänz  Friedli, der schliesslich auch durch den Abend führte, übernahm das Wort, bereitete das Publikum darauf vor, was es zu erwarten hat und begrüsste schliesslich „the one and only“: Milena Moser, Star des Abends, unterhielt das Publikum mit Auszügen aus ihrem neuen Buch Das Glück sieht immer anders aus und Einsichten in ihr Leben als Schriftstellerin, Aussichten auf ihre Zukunft und Einblicke in ihr Denken und Sein als Frau über 50.

Fazit: Ein wirklich gelungener Abend!

Die Ungerechtigkeit des Arbeitssklaven

Abends heisst es:

Du solltest schlafen gehen, es ist spät und du musst morgen früh raus – die Arbeit ruft.

Morgens heisst es:

Du musst aufstehen, es ist Zeit für dich, denn die Arbeit ruft.

Soweit, so gut, nur:

Abends siegt das Fleisch, es bleibt sitzen und sitzen und sitzen bis in die Puppen, verweigert dem Willen seinen Gehorsam. Morgens reisst der Wille das schlappe Fleisch aus dem Bett – ohne Widerrede.

Hämmer, Versicherungen und Notärzte

Kürzlich wollte ich mit meinem Sohn an ein Konzert. Leider wollten es die Umstände, dass mein Kopf just an dem Sonntag Morgen zu hämmern begann, diese Tätigkeit nicht mehr einstellte, im Gegenteil: Entgegen sonstiger handwerklicher Gepflogenheiten arbeitete er fleissig weiter und wäre der Hammer echt gewesen, wäre mein Hirn zu Mus geworden – angefühlt hat es sich so.

Nun hatte die kluge Frau, die ich ja bin (zumindest ab und an), vorgesorgt und wohlweislich eine Annulierungsversicherung abgeschlossen. Hoffnungsvoll schrieb ich also an die Europäische Reiseversicherungs AG (das Genitiv-s bei „Reiseversicherungs“ steht übrigens so im Namen, das habe ich nicht falsch geschrieben), um nicht zum enttäuschten Kind noch einen finanziellen Schaden zu haben.

Bei dem Vorgehen hatte ich die Rechnung allerdings ohne die Versicherung gemacht. Sie wollten ein ärztliches Zeugnis für den Tag. Einerseits nachvollziehbar (ich könnte ja auch gar nicht krank, sondern nur… was auch immer sein), andererseits insofern ärgerlich, als ein solches an einem Sonntag im Notfall teurer kommt als beide Konzerttickets zusammen, b) ein Notarzt wohl anderes zu tun hat, als Kopfschmerzen, gegen die er eh nichts tun kann, zu behandeln.

Nun denn: Fürs nächste Mal bin ich klüger: Eine Annulierungsversicherung bei einem Konzert ist unsinnig, denn die Aufwände, die dafür nötig wären, übertreffen den Betrag, den man zurückerstattet erhielte (wenn man dann noch die Versicherungsgebühr mit einberechnet sowieso). Ein anderer qualifizierender Grund für die Nichtteilnahme und darauffolgende Rückerstattung war übrigens ein verlorener Autoschlüssel. Ich bin gespannt, was für ein Zeugnis dafür gefordert worden wäre. Ob ich es mal ausprobieren sollte – einfach so zum Spass?

Milena Moser – 3. März 2015 in Zürich

Unter der Rubrik „Kultur Zürich“ werde ich in Zukunft ausgewählte kulturelle Anlässe in Zürich beleuchten. Mal weise ich auf ein kommendes Ereignis hin, mal blicke ich auf eines zurück – so oder so gibt es hier in Zukunft viel lokale Kultur zu sehen.

Den Anfang macht Milena Moser. Am 3. März 2015 stellt sie im Kaufleuten Zürich ihr Neues Buch Das Glück sieht immer anders aus vor und spricht mit Bänz Friedli über das Glück und ihr neues Lebensabenteuer.

Wie der Abend war: Link zum Rückblick

Zu Milena Moser

MoserMilenaMilena Moser wurde 1963 in Zürich geboren und absolvierte nach dem Besuch der Diplommittelschule eine Buchhändlerlehre, lebte danach in Paris, wo drei unveröffentlichte Romane entstanden. Zurück in der Schweiz schrieb sie für Schweizer Rundfunkanstalten und verfasste Bücher, welche keinen Verlag fanden, so dass sie kurzerhand zusammen mit Freunden den Krösus Verlag gründete, in welchem ihr erstes Buch Gebrochene Herzen sowie Die Putzfraueninsel erschienen, zweiteres wurde zum Bestseller und später verfilmt. 1998 führte Milena Mosers Weg nach San Francisco, wo sie mit ihrer Familie acht Jahre lebte, danach wieder in die Schweiz zurückkehrte. Milena Moser wohnt in Aarau als freie Autorin und führt in ihrem Schreibatelier Menschen in die Welt des Schreibens ein. Des Weiteren begleitet sich Schulklassen beim Verfassen eines gemeinsamen Romans. 2011 folgte, zusammen mit der Musikerin und Freundin Sibylle Aeberli, der Sprung auf die Bühne, Die Unvollendeten war ein voller Erfolg, ein zweites Bühnenprojekt ist in Planung. Von Milena Moser sind unter anderem erschienen Die Putzfraueninsel (1991), Das Schlampenbuch (1992), Artischockenherz (1999), Sofa,Yoga, Mord (2003), Möchtegern (2010), Montagsmenschen (2012), Das wahre Leben (2013).

Ein Interview mit der Autorin findet sich hier: Milena Moser – Nachgefragt.

Warum tust du nicht – wieso hast du nur

Andere Menschen wissen immer alles besser. Vor allem, wenn es um die Angelegenheiten anderer geht. Sie sehen, was andere tun und finden, das müsste anders gehen. Und sie gehen hin und fragen: „Wieso machst du das nicht anders?“ Anders wäre viel besser, sie wüssten das, weil sie es immer anders machten und somit Erfahrung hätten. Und überhaupt, sie seien Experten. Selbsternannt.

Und man steht da und hinterfragt sich und denkt, der andere klänge gar überzeugend und man selber hätte dann und wann Zweifel ob des eigenen Tuns gehabt. Man fängt an, mit dem eigenen Tun zu hadern, für das man zwar Gründe hatte, die man aber nie abstützen konnte – sie waren einfach dem eigenen gesunden Menschenverstand, einigen Ängsten und dem Nach-bestem-Wissen-und-Gewissen geschuldet gewesen.

Und dann geht man hin und ändert sein Tun und es geht auch gut. Einmal. Zweimal. Das dritte Mal nicht. Und man hadert mit sich und denkt, man hätte nicht auf andere hören sollen. Und dann kommt einer und fragt: „Wieso hast du das bloss getan? Das hättest du doch wissen müssen?“ Und man hinterfragt sich noch mehr und gibt sich die Schuld.

Und da steht sie dann: Die Schuldfrage. Und sie bohrt sich tief und tiefer in die eigene Seele, man spiesst sich selber dran auf. Hätte man es besser wissen müssen? Können? Fakt ist: Man wusste es nicht besser. Hätte man es besser gewusst, hätte man anders gehandelt. Es liegt aber auf der Hand, wieso man es nicht besser wissen konnte: Man kennt das Drehbuch des Lebens nicht. Das Leben besteht nicht aus linearen Kausalketten, sondern aus einer Vielzahl von Variablen, die keiner wirklich durchschauen kann. Wir alle treffen Annahmen, welche die grösstmögliche Wahrscheinlichkeit betreffen, die wir uns vorstellen können. Und ignorieren dabei, dass wir damit gerade mal die Spitze des Eisbergs in die Rechnung miteinbezogen haben.

Trifft uns also eine Schuld, wenn wir etwas tun, von dem wir annehmen, es wäre das Beste, was wir in dem Moment tun können? Ich denke nicht. Wir können nur nach dem handeln, was wir als bestmögliche Weise zu Handeln erachten. In dem Moment erscheint uns das richtig und drum tun wir, was wir tun. Wenn es sich im Nachhinein als falsch herausstellt, dann nur drum, weil die Folge nicht die war, die wir uns gewünscht hätten – nicht weil das Tun per se falsch war. Kierkegaard schrieb in seinem Tagebuch:

 Es ist ganz wahr, was die Philosophie sagt, dass das Leben rückwärts verstanden werden muss. Aber darüber vergisst man den andern Satz, dass vorwärts gelebt werden muss.

Ich möchte hinzufügen, dass das, was wir im Rückblick zu verstehen glauben, unsere eigene Interpretation der Dinge ist. Wir bilden eine Kausalkette, die uns stimmig erscheint, die unser Verstand fassen kann:

 Weil ich A getan habe, ist B passiert.

Dabei ignorieren wir, dass ich, A und B nur drei von ganz vielen Variablen sind, die im Moment X, als etwas passierte, aktiv waren. Zeit und Ort sind die einen, andere Menschen andere, und es gäbe noch ganz viele mehr. Wir haben sie nicht beachtet, darum beziehen wir sie nicht in die Sinnfrage mit ein und beschränken uns auf die einfach fassbare Kausalität. Und haben damit den Schuldigen gefunden: Das ICH.

Wir werden mit dieser Schuldzuschreibung nicht rückgängig machen können, dass B passiert ist. Wir können damit nur unser eigenes Leid immer wieder erneuern. Dabei ist B nicht mehr der Grund des Grames, sondern die Schuld – die sinnlos (und in dem hier beschriebenen Fall auch falsch) ist.

Wenn wir das tun, von dem wir überzeugt sind, dass es gut ist, haben wir getan, was wir konnten. Was daraus resultiert, ist nicht unsere Schuld. Wenn wir dieses Schuldgefühl loslassen können, können wir anfangen, zu trauern, dass B passiert ist. Und diese Trauer wird irgendwann leichter werden. Ganz wichtig ist in dem Ganzen aber eines: Die anderen wissen es (vermeintlich) immer besser, nur tragen sie nie die Konsequenzen für ihre Ratschläge – die trägt man selber. Darum empfiehlt es sich, Tipps und Tricks anzuhören, für sich zu prüfen, und dann das zu tun, was man selber für das Beste erachtet. Mehr kann man nie tun im Leben.

Recycling

Recycling ist toll, Recycling ist in. Heute recycelt man alles, weil das einen Touch von Nachhaltigkeit, von ökologischem Denken, von Umweltschutz hat. Als Mitarbeiterin in einer Werbeagentur fällt mir auf, dass das Recycling heute weiter geht – es hat die Medien erreicht. Neue Fernsehformate agieren nach dem Motto: Man nehme ein Konzept, das funktioniert, und wende es neu an.

Nach nunmehr 11 Staffeln DSDS („Deutschland sucht den Superstar“ von RTL – ich schau das NIE NIE NIE, das ist blosser Zufall, dass ich das kenne. Ich meine, niemand schaut RTL, wir schauen alle nur Bildungsfernsehen auf Arte) merkte man: Das zieht, das ist toll, die Leute schauen das (alle ausser mir – und ausser allen, die ich kenne). Und man zieht nach und macht eine Kochsendung draus auf Vox. Statt zu singen kochen die Kandidaten. Die vier Jury-Mitglieder machen auf cool – da man sich Jamie oder Tim nicht leisten konnte, sitzen halt vier unbekannte Pappnasen da. Nun denn, immerhin kann man hier ein wenig Inspiration für die Küche holen, wenn es mit dem Singen nichts mehr wird.

Dass diese Strategie übrigens auch in der Werbung angekommen ist, hat die Agentur Grey aus Berlin schön demonstriert:

http://vignetteroulette.com/?videoID=2&audioID=12

Innovation sieht anders aus – wie ich finde…

Alles nur Spass, er will nur spielen

Facebook, Twitter und Konsorten sind ab und an mein Tummelplatz. Ich klicke mich durch Beiträge, stelle selber welche ein. Manchmal kommt es zu wilden Diskussionen, oft einfach zu einem schönen Austausch. Es sind schon Freundschaften entstanden durch diese Medien, teilweise ganz wunderbare, die ich nie mehr missen möchte. Eigentlich also eine gute Sache. Und hier hört man das Aber förmlich schreien: „Ich bin hier, es gibt mich, die andere Seite“.

Was mir immer wieder auffällt, sind Menschen, die nichts anderes zu tun zu haben scheinen, als irgendwelche abschätzigen, abwertenden, spitzigen Kommentare zu platzieren. Egal ob man ein Bild von einem Hund, von einem Essen oder von einem Hobby ins Netz stellt: Immer kommt ein Schlag vor den Bug. Darauf angesprochen ist das natürlich immer nur Humor – den man nur nicht versteht.

Humor ist ein weites Feld und nicht jeder teilt denselben. Das ist nichts Neues und auch kein grosses Problem. Wenn Humor immer nur aus negativen Parolen besteht, kann es zu einem werden. Was ich mich aber immer wieder frage, ist: Wieso muss man zwingend zu allem etwas Negatives sagen? Und kann man alles Negative immer mit Humor abtun oder steckt da nicht oft eine ganz grosse Portion Zynismus dahinter? Was treibt Menschen an, die glauben, anderen ihre zynischen Bemerkungen fortlaufend um die Ohren hauen zu müssen?

Was geht in einem Menschen also vor, der bewusst ständig die Gefühle anderer Menschen missachtet, um seinen Spass zu haben? Macht das wirklich Freude? Oder ist dieser Mensch selber so frustriert, dass er diesen Frust irgendwie loswerden muss – und da eignet sich am besten ein trotz allem zum grossen Teil anonymes Medium, wo man sich so richtig auskotzen kann und keine Konsequenzen trägt? Dem Chef kann man das Arschloch nicht ins Gesicht schreien, der Ehefrau die dumme Kuh auch nicht. Und wenn weder Chef noch Frau da ist, man frustriert allein zu Hause sitzt, gibt es erst recht nichts anderes, als irgend so ein dahergelaufener FB-Buddy, dem man mal schnell die Freude am eigenen Tun nimmt. Einfach so aus Spass. Muss der doch verstehen. Ist ja nur unglaublich lustig.

Diese Menschen gibt es nicht erst seit Facebook, die gab es schon früher. Früher war auch nicht alles besser, im Gegenteil. Und doch haben Medien wie Facebook die Hemmschwelle runtergesetzt, wie mir scheint. Das liegt wohl zum grossen Teil daran, dass man dem anderen nicht mehr in die Augen schauen muss. Dadurch melden sich das eigene schlechte Gewissen und das Schamgefühl ob der eigenen Verwerflichkeit nicht so sehr (wenn ein solches überhaupt noch spürbar ist).

Vielleicht hilft es in Zukunft, sich hinter dem Miesepeter dessen Herrchen vorzustellen, der laut ruft: Keine Bange, er beisst nicht, er will nur spielen. Und wenn man sich dann noch den wild hechelnden Zyniker vors innere Auge führt, dann hat man plötzlich auch Spass. Und lacht herzhaft mit ihm. Das ist zynisch? Hat was. Aber der andere wird es verstehen, es ist ja genau seine Art von Humor.

Impfen: Ich war böse

Ich war böse. Ich habe auf Facebook über Impfungen geschrieben. Und mich als Befürworterin geoutet. Das sollte man – um des lieben Friedens Willen – unterlassen. Sonst steht man bald da (oder sitzt, wenige haben ja ein Stehpult) und wird die Geister nicht mehr los, die man rief.

So passiert. Es hagelte. Links, Videos und sonstiges Material aus zweifelhaften Quellen, das Stunden gefüllt hätte, es alles zu sichten. Und es wurde alles gebracht. Von bösen Profitgeiern über Verschwörungstheorien, welche die Übernahme der Weltmacht propagierten, bis hin – wobei, geht es noch schlimmer? Wohl schon, ich habe es nicht mehr angeschaut.

Ich bin durchaus nicht unkritisch. Impfschäden sind tragisch und hätte es mich und mein Kind getroffen, wäre es ein Drama. Nur: All die Schäden sind im Vergleich dazu, was vor diesen Impfungen war, ein Klacks. Nicht im Einzelfall (leider!!), sondern im grossen Ganzen. Darum ziehen all die herbeigezogenen Einzelfälle der Impfgegner nicht als Argumente gegen Impfung. Sie zeigen nur, dass die Welt leider nicht perfekt ist.

Masern konnten dank Impfung fast ausgerottet werden. Gerade jetzt kommt es in Deutschland wieder zum Aufleben der Krankheit – und ein kleines Kind ist daran gestorben. Das Schlachtfeld der Argumentationen ist eröffnet. Und ich sage es auch hier: Nicht zu impfen ist keine Lösung. Nicht bei Masern (und bei einigem mehr).

Impfgegner bringen immer wieder die Profitgier der Pharmariesen ins Spiel. Leider ist diese nicht zu verleugnen. Die Schweinegrippe ist ein Zeugnis dafür. Allerdings sollte man dadurch nie aus den Augen verlieren, worum es geht. Ja, Impfungen bergen Risiken. Und es gibt Impfschäden. Die sind zahlenmässig jedoch in keinem Verhältnis zur wirklichen Krankheit. Jedes einzelne Schicksal ist traurig. Aber man darf nie das grosse Ganze aus den Augen verlieren. Und ich gebe es gerne zu: Wäre mein Sohn von einem Impfschaden betroffen (ich erlebte nur wieder abklingende Komplikationen, die mich so schon sehr trafen), wäre das ein Drama. Wäre er aber das an Masern soeben gestorbene Kind, wäre das nicht besser.

Wir werden das Leben nie ganz sicher machen können, der Tod lauert immer irgendwo. Alles, was wir können, ist mit Wahrscheinlichkeiten spielen. Das ist nicht perfekt, aber mehr bleibt nicht. Sich von allen Impfungen freisagen kann der, welcher irgendwo auf einer einsamen Insel lebt. Da gefährdet er niemanden und wird auch selber nicht getroffen. Das Leben in einer Gesellschaft erfordert gewisse Massnahmen, um das Miteinander lebbar zu machen. Man gibt – auch hier wieder meine ewig gleiche Leier – gewisse Freiheiten auf, um andere zu gewinnen. Die Wahrscheinlichkeit, zu überleben, nicht an Masern zu erkranken und daran zu sterben, ist mit einer Impfung um einige Faktoren höher, als die, an Nebenwirkungen der Impfung zu leiden. Klar ist es für den Einzelnen, der für das Ganze leidet, nicht fair. Allerdings ist es der Preis des Miteinanders. Und jeder, der impft, könnte ihn bezahlen, er trägt das Risiko. Wer nicht impft, lässt die anderen für sich mittragen und setzt diese einem höheren Risiko aus. Fair ist das auch nicht.

Das Leid der Welt

Wir sind vernetzt. Wir sehen das Leid der ganzen Welt. Sehen Elefantenbabies sterben bei der Geburt, sehen Menschen, die geköpft werden am anderen Ende der Welt. Wir hören von Menschen, die irgendwo sterben, an einem Ort, von dem wir noch nie gehört haben, den wir erst auf dem Globus suchen müssen. Und wir sind betroffen. Weinen. Wir möchten das nicht sehen, hören aber, wir dürfen nicht wegschauen. Wer wegschaut, ist feige. Der verschliesst seine Augen vor dem Leid der Welt. Ist ignorant. Fast schon arrogant.

So lesen wir Zeitungen, stöbern im Internet, schauen auf Facebook das Leid der Menschen an, wünschen uns eigentlich unbekannten Leuten alles Gute zum Geburtstag und kondolieren ebensolchen beim Tod ihrer Katze.

Wie heisst eigentlich die Katze der Nachbarin? Oder hat sie einen Hund? Oder einen Vogel? Im Käfig? Keine Ahnung. Dafür reicht die Zeit nicht. Vom Interesse ganz zu schweigen. Wir müssen uns mit dem Leid der ganzen Welt beschäftigen. Man muss schliesslich Anteil nehmen. Darf nicht ignorant sein und schon gar nicht arrogant scheinen.

Buch vs. iPhone

„Gestern war ich mit Klaus aus. Klaus studiert Jus und arbeitet schon in der Kanzlei seines Vaters mit. Klaus holte mich mit seinem Porsche ab. Leider war der Abend ziemlich öde. [Gequälter Seufzer] Ich wusste gar nicht, was reden mit Klaus. Er hatte auch nicht viele Themen und mehr als Paragraphen scheint ihn auch nicht zu interessieren. Aber ich gebe ihm nochmals eine Chance. Bald ist der Polyball und er fragte, ob wir gemeinsam hingehen. Ich meine, der Porsche war schon schön und jeder hat ja eine zweite Chance verdient.“

Eigentlich wollte ich lesen. Ich lese immer im Tram auf dem Heimweg von der Arbeit. Diesmal wollte es mir nicht gelingen. Die junge Frau neben mir war soeben eingestiegen, laut telefonierend, sie hatte heute offensichtlich mehr zu erzählen als bei Klaus. Vermutlich hätte der auch keine Freude gehabt an dem, was ich gerade hörte, an dem, was folgen sollte, noch weniger. Weiter ging es:

„Ich hatte eh nur eine Stunde Zeit gestern, danach traf ich noch Harald. Der arbeitet irgendetwas Soziales, keine Ahnung mehr was. Eher so der Ökotyp. Fährt nur Bus und Bahn, Autos findet er unnötig in der Stadt. Hat ja schon was, aber irgendwie…ich weiss nicht, ob mir das gefallen würde. [Der Redeschwall ist unterbrochen, das Gegenüber scheint etwas zu sagen] Was meinst du? Der Abend? Der war toll. Der hatte ja so viel zu erzählen. Plötzlich waren drei Stunden um und ich musste mich beeilen, dass ich das letzte Tram noch erreichte. Ich weiss nicht, ob ich ihn nochmals wiedersehe. Er hat mir seine Nummer gegeben. Mal schauen. Nächste Woche treffe ich noch Jochen, der ist Wirtschaftsprüfer, und Karl, der ist Marketingleiter. Mal sehen, wie das wird.“

Ich weiss gar nicht, ob ich froh sein soll, dass sie aussteigt, weil ich nun endlich meinen Krimi weiterlesen kann, oder ob ich es bedaure, nicht mehr weiter zuhören zu dürfen.

Macht man nicht, einfach anderen beim Telefonieren zuzuhören? Mag sein. Ich hätte die Musik durch meine Kopfhörer rieseln lassen können, die noch in meinen Ohren steckten, nur kann ich mit Musik nicht lesen, drum schalte ich die im Tram immer aus….

„Wie kann ich helfen?“

Heute stolperte ich über den Artikel von Shane Burcaw, der davon handelt, dass seine Freundin oft für seine Betreuerin gehalten wird, da es in den Augen der Gesellschaft kaum sein kann, dass eine hübsche junge Frau die Freundin eines sogenannt behinderten Menschen ist. Das ist traurig genug, zeigt es doch die Wertesysteme in den Köpfen der Menschen.

Der Artikel handelt davon, wie sich Anna und Shane kennenlernten und wie Anna durch die Schule des „Wie helfe ich Shane?“ durchging. Mit gemeinsamem Lachen wurden diese Lektionen gelernt und überall, wo etwas landläufig „Normales“ nicht geht, erfinden die beiden Neues. Spontan kam mir der Gedanke: „Wie praktisch! Eigentlich ein Vorteil.“ Wieso?

Bei Shane ist es offensichtlich: Er kann gewisse Dinge nicht, er braucht bei gewissen Dingen Hilfe und man braucht ab und an Phantasie, neue Wege zu finden, weil die gängigen nicht gangbar sind. In Beziehungen, in denen keiner von beiden eine offensichtliche Einschränkung hat, geht man davon aus: Alles gut, alles normal, alles muss gehen. Man überlegt sich nie, wie man dem anderen helfen könnte, das Leben zu bestreiten, da man davon ausgeht, dass er das selber kann. In allen Bereichen. Und jeder Bereich, der nicht klappt (vor allem nicht so, wie man das gerne hätte von ihm), gereicht zum Vorwurf.

Menschen sind nie perfekt. Jeder hat seine Einschränkungen, seine Beschränkungen, seine Behinderungen. Die einen haben sie offensichtlich, bei den anderen sind sie gut versteckt. Versteckt vor allem auch, weil man weiss, dass von einem erwartet wird, perfekt zu sein, da jede Schwäche ganz schnell gegen einen verwendet werden kann. Das sogar in Partnerschaften. Da wird nicht gefragt: „Wie kann ich dir helfen, mit Dingen umzugehen, die dir schwer fallen?“, sondern oft gesagt: „Hab dich nicht so!“ Nicht mal nur bös gemeint, einfach unverstanden. Wir gehen von uns aus, dass wir sehen und wissen, wie wir mit Dingen umgehen würden, und erwarten, dass der andere dies auch so tut. Weil es ja machbar ist. Für uns.

Dass wir selber auch nicht alles ganz souverän meistern, übersehen wir dabei gerne. Und wenn wir es sehen, erwarten wir vom anderen Verständnis. Und wenn er es nicht versteht, dann nehmen wir ihm das übel, weil er es doch sehen müsste. Nur sieht er uns als gesunde Menschen und denkt: „Was hat die/der bloss?“ Dabei wäre auch hier der Ansatz hilfreich: „Wie kann ich ihr/ihm helfen?“

Irgendwo las ich, Menschen wären Mängelwesen. Die Quelle kann ich nicht anführen, aber der Ausspruch ist – glaube ich – bekannt. Wieso stürzen wir uns also gleich auf das, was nicht unseren Erwartungen entspricht und verurteilen, statt uns zu fragen: „Wie kann ich helfen?“