Mal schnell die Welt retten

Kürzlich auf Facebook. Jemand meinte, mir die Welt erklären zu müssen. Er hatte – mich nicht kennend – all meine Probleme erkannt, sah, dass ich einsam sei, nie ausgehe und dazu noch ein Alkoholproblem hätte. Er meinte es nur gut und lobte sich selber ob seiner Menschenkenntnis und seines Durchblicks. Ich müsse ihm vertrauen. Er wisse, wovon er spräche.

Besagter Mensch kannte mich nicht wirklich – eigentlich kannte er mich gar nicht. Er hatte das Eine oder Andere vielleicht auf Facebook gelesen, wusste aber weder, was ich alles so mache im Leben, noch wie ich lebe, gelebt habe, zu leben vorhabe. Er wusste gar nichts von mir – er interpretierte.

Nun war das nicht das erste Mal, dass mir solches passierte. Und jedes Mal: Bei Nachforschungen, wer denn da so aus dem Vollen der Menschenkenntnis schöpft, stiess ich immer auf Menschen, die gesundheitlich angeschlagen, beruflich eher unerfüllt und beziehungsmässig alleine waren. Das fand ich sehr traurig, nur: Es stellt sich mir die Frage, woher ihr Drang rührt, anderen die Welt erklären zu wollen?

Die Hausfrauenpsychologin in mir würde nun sagen, sie agieren aus der eigenen Unzufriedenheit heraus. Sie projizieren in andere rein, was ihnen selber fehlt oder wo sie Probleme haben (was sie immer auch sagten, dass sie sie (zumindest gehabt) hätten. Dazu kommt, dass ich eine Frau bin und als solche noch eher sensibel und nachdenklich veranlagt – das scheint zu provozieren. Nur: Weil man was reinliest, ist das nicht auch da.

Damit nicht noch viele Weitere in die Irre gehen: Mir geht es gut. Man muss sich keine Sorgen machen. Ich habe eine wunderbare Familie, habe, ich darf es sagen, meinen Traumberuf, habe Hobbies, die mich ausfüllen, die mir Spass machen, die ich mit Leidenschaft betreibe, und ich bin alles andere als alleine. Und ab und an bin ich sogar alleine und das sehr gerne. Ich kämpfe fast drum, mal allein sein zu können, weil ich es brauche – wann sonst soll ich meine Hobbies pflegen? Klar ist mein Leben kein Paradies, denn ich bin nicht der Mensch dafür. Lebte ich im Paradies, würde ich selbst da das Haar in der Suppe finden – meint zumindest mein Herr Papa. Damit mache ich mir und meinen Lieben das Leben nicht immer leicht – aber auch nie langweilig.

Ergo: Alles gut. Und wer mal wieder denkt, die Welt retten zu müssen – bitte nicht bei mir, der Kelch möge an mir vorüber gehen.

16 Comments

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  1. oooch, jetzt bin ich aber enttäuscht! Ich dachte nach der Überschrift und dem ersten Teil, DU würdest jetzt die Welt (also ein paar Leute darauf) retten, indem Du Dich selbstlos für ihre „Betreuung“ zur Verfügung stellst 😉

    Dazu würde es sicherlich reichen, jedem ein paar mal pro Tag zu bestätigen: „Ja, Du hast Recht!“ oder „Danke für den Tipp, werde ich befolgen!“ … usw. usf. Dafür liesse sich sogar ein kleines Programm in der Art von Joseph Weizenbaums „Eliza“ schreiben – so dass Du das gar nicht mehr selbst eingeben musst, sondern Dein Computer das übernimmt. Hier gibt’s einen Clon davon:

    http://www.masswerk.at/elizabot/

    Da Lebenszeit kostbar ist, würden die „Retter“ bestimmt einverstanden sein, einen kleinen Obulus dafür zu entrichten, dass sie Dir helfen dürfen und Du aufmerksam ihren Ratschlägen folgst: so 10-100 Fr. / Tag sollten akzeptabel sein, oder? … Dann bräuchtest Du sicher bald nicht mehr arbeiten und hättest ein gesichertes Einkommen UND viele liebe Mitmenschen, die sich um Dich sorgen und kümmern und Dir mit Rat & Tat zur Seite stehen!

    Wäre das nicht toll?

    😉

    PS: Bin ich ein böser Zyniker? Oder nur ein sarkastischer Kyniker? Oder doch ein netter Mensch, der nur versucht die Welt bzw. andere zu retten…?

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    • Was für eine Idee: Ich eröffne sogleich ein Spendenkonto, lass alle brav einzahlen und werde ach eine Spendenliste veröffentlichen – mit Betrag und Namen. Hach – das wird ein Fest. Ich geh gleich mal meinen Urlaub planen – ich meine, die werden mir doch sicher einen Urlaub bezahlen? Sie wollen doch, dass es mir gut geht, oder?

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  2. Ja, was lässt man heraus? Splitter, momentane Gedanken. Mehr wird man eh nicht erfahren.
    Das Gegenüber wünscht aber, mehr zu wissen, ihm genügen nicht die losen Stücke. Also zimmert er sich eine Person, die er zu erkennen glaubt. Und stellt so eine Beziehung her.

    Wieso schreibst Du nicht mal einen „Wettbewerb“ aus: Jeder soll unverblümt sagen, „wer Du bist“ 😉 Wäre interessant, was da herauskäme.

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  3. Köstlich, habe sehr gelacht. Wer Sandra ist? Sicher eine Frau mit vielen Talenten, die wenig Schlaf braucht, Humor hat, Freundschaften schließen kann, nicht abgehoben ist, Kritikfähigkeit besitzt und Kritik konstruktiv erteilen kann, schwer bei Trivial Pursuit zu schlagen ist, und mit offenen Augen durch die Welt geht – soweit meine Westentaschenpsychologie, die sich fast auf Hausfrauenniveau befindet 😉

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    • Vieles trifft, einiges so halb. Die Kritikfähigkeit hat mit dem Alter in der Tat zugenommen, jung war sie gar nicht vorhanden, heute weiss ich, dass ich von Kritik lernen kann. Es kommt aber drauf an, wie sie geäussert wird. Da ich Perfektionist bin, nagt sie doch immer noch. Und beim Schlaf: Ab und an träume ich von gaaaaanz viel Schlaf – aber die Zeit reicht nie dazu. Und mittlerweile kann ich wohl gar nicht mehr länger schlafen (wobeich das ja noch nie wirklich konnte, aber früher den Wunsch nie hatte, es zu wollen… also hattest du wohl doch recht… 😉 )

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    • In Gruppentherapien gibt es – manchmal – eine Art Konfrontation, aber der positiven Art: Jeder einzelne sagt dem Probanden in einigen wenigen Sätzen, was er an ihm bemerkenswert findet. Schummeln kann man da eigentlich schwer.
      Die umgedrehte Methode gibt es nicht, wohlweislich. Was wäre gewonnen, wenn man dem „Opfer“ nach und nach Dinge nennen würde, die ihn in schlechtem Licht dastehen lassen. Man kann zwar manchmal Lob nur schwer annehmen, aber Kritik, noch dazu in gehäufter Form, das geht garnicht.

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  4. Gerade als Frau, die schreibt und „bloggt“, erlebt man es leider immer wieder mal, dass ein Mann meint, einen belehren, einem die Welt erklären und einen bevormunden zu müssen, ungefragt natürlich.
    Gut, dass Du selbstbewußt und offensiv damit umgehst und dass Du diese Zeilen darüber verfasst hast. Danke dafür! Herzliche Grüße, Hannah

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  5. kommt mir bekannt vor…regel nr.1: nie ein foto posten mit ner flasche wein drauf und schon gar nicht mehrmals. regel nr.2 keine fotos von essen, konzerten, wellnessurlaub oder anderem das genuss pur ist
    weil, sonst bist du alkoholiker UND hast anscheinend ständig kohle um es dir gut gehen zu lassen.¨das durfte ich mir letzthin auch mal anhören von einem vermeintlichen „freund“ der mich im realen leben gar nicht kennt.

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