Buch vs. iPhone

„Gestern war ich mit Klaus aus. Klaus studiert Jus und arbeitet schon in der Kanzlei seines Vaters mit. Klaus holte mich mit seinem Porsche ab. Leider war der Abend ziemlich öde. [Gequälter Seufzer] Ich wusste gar nicht, was reden mit Klaus. Er hatte auch nicht viele Themen und mehr als Paragraphen scheint ihn auch nicht zu interessieren. Aber ich gebe ihm nochmals eine Chance. Bald ist der Polyball und er fragte, ob wir gemeinsam hingehen. Ich meine, der Porsche war schon schön und jeder hat ja eine zweite Chance verdient.“

Eigentlich wollte ich lesen. Ich lese immer im Tram auf dem Heimweg von der Arbeit. Diesmal wollte es mir nicht gelingen. Die junge Frau neben mir war soeben eingestiegen, laut telefonierend, sie hatte heute offensichtlich mehr zu erzählen als bei Klaus. Vermutlich hätte der auch keine Freude gehabt an dem, was ich gerade hörte, an dem, was folgen sollte, noch weniger. Weiter ging es:

„Ich hatte eh nur eine Stunde Zeit gestern, danach traf ich noch Harald. Der arbeitet irgendetwas Soziales, keine Ahnung mehr was. Eher so der Ökotyp. Fährt nur Bus und Bahn, Autos findet er unnötig in der Stadt. Hat ja schon was, aber irgendwie…ich weiss nicht, ob mir das gefallen würde. [Der Redeschwall ist unterbrochen, das Gegenüber scheint etwas zu sagen] Was meinst du? Der Abend? Der war toll. Der hatte ja so viel zu erzählen. Plötzlich waren drei Stunden um und ich musste mich beeilen, dass ich das letzte Tram noch erreichte. Ich weiss nicht, ob ich ihn nochmals wiedersehe. Er hat mir seine Nummer gegeben. Mal schauen. Nächste Woche treffe ich noch Jochen, der ist Wirtschaftsprüfer, und Karl, der ist Marketingleiter. Mal sehen, wie das wird.“

Ich weiss gar nicht, ob ich froh sein soll, dass sie aussteigt, weil ich nun endlich meinen Krimi weiterlesen kann, oder ob ich es bedaure, nicht mehr weiter zuhören zu dürfen.

Macht man nicht, einfach anderen beim Telefonieren zuzuhören? Mag sein. Ich hätte die Musik durch meine Kopfhörer rieseln lassen können, die noch in meinen Ohren steckten, nur kann ich mit Musik nicht lesen, drum schalte ich die im Tram immer aus….

7 Comments

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  1. Da fällt mir immer ein Erlebnis ein, dass ich in den 1990er in Berlin hatte, als Handys noch selten und Telefonate damit absurd teuer waren. Ort: Bushaltestelle, ca. 1 Dutzend Menschen im nasskalten Nieselregen so Oktober oder so … Typ mit Handy: „Ja, ich musste noch länger machen, stehe aber schon am Bus und bin gleich zuhause“ (Das Ganze ca. 5x variiert – damit jeder merkte, dass ER sich das leisten kann … oder so.) Plötzlich tritt ein junger Mann von hinten an den Typen ran und „raunt“ dem sehr laut, gut hörbar und mit gekonntem „Tunten“-Tonfall über die Schulter: „Kommwieder ins Bett! Mir wird kaaalt.“ … DAS Gesicht von dem Typen werde ich nicht vergessen – und wäre zu gespannt zu sehen, wie er sich da zuhause rausgeredet hat. (War in der Nähe der Kantstr. und des Savigny-Platzes, wo es auch einige Bordelle gab …) 😉

    Ich habe mich für die Variante entschieden, bei solchen Telefonaten, die mir zu sehr auf den Geist gehen (meistens in der Bahn), die Rolle des unhörbaren Gesprächspartners zu übernehmen und auf das zu antworten, was der Telefönchen-Besitzer so von sich gibt: „Ach, sag bloss? … Und: Hast Du den Spekulationsverlust von neulich schon verkraftet oder tarnen können? Um wieviele Millionen ging es noch mal?“ (Meistens gehts ja um irgendwelche toootal dringende Geschäfte …)
    Meistens legen die Leute irgendwann genervt auf. Falls sie fragen, was das soll? Antwort: „Ach, Sie reden gar nicht mit MIR? Ich dachte …“

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  2. Sehr gern, aber noch lustiger wird es, wenn scheinbar Fremde da zusammen spielen: Du kennst Du vielleicht die Geschichte von Thomas Manns Kindern (Klaus & Tochter?)? Sie steckte sich ein Kissen unters Kleid und fing dann mit einem Umstehenden (zufällig ihr Bruder, aber das wusste ja keiner) lauthals ein Gespräch darüber an, wie der Kindsvater sie sitzen gelassen hätte und anderes, was damals noch als ähnlich / sehr skandalös galt. – Vielleicht lässt sich da also noch „Gewinn“ aus der Situation ziehen. Und die Stories stellt man dann leicht verfremdet unter „Neues aus der U-Bahn“ oder so ins Netz 😉 … und wird reich & berühmt …

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