Gerri: „Wir sind nicht zuckerkrank, wir sind einfach süss“

Gerri hat mir im Rahmen der Reihe „Herausforderungen“ ein paar Fragen beantwortet zu seinem Leben mit Diabetes und dazu, was diese Diagnose für sein Leben bedeutet hat und immer noch tut.

Du hast Diabetes. Kannst du mir kurz verständlich erklären, was ich mir unter Diabetes vorstellen kann?

Diabetes Mellitus, wie die genaue Bezeichnung lautet ist prinzipiell eine Erkrankung der Bauchspeicheldrüse., die für die Produktion von Insulin verantwortlich ist. Insulin ist der „Schlüssel“, der die Zellen „aufschliesst“ damit der benötigte „Kraftstoff“ in Form von Kohlenhydraten darin verarbeitet und in Energie umgewandelt werden kann.

Typus 1 ist eine sog. Autoimmunkrankheit, bei der die Bauchspeicheldrüse gar kein Insulin mehr produziert. Diese kann auch genetisch vererbt werden. Beim Typus 2, dem erworbenen Diabetes funktioniert sie nicht mehr richtig und produziert zu wenig Insulin. Die Entstehung dieses Typus wird stark durch schlechte, sprich ungesunde Ernährung (zu viele Fette und Zucker z. B.) und Bewegungsmangel begünstigt.

Daher messe ich 4x am Tag meinen Blutzucker und spritze mir 3x schnell wirksames Insulin zu den Essen (Einheiten entsprechend den Kohlenhydraten des Essens und dem ermittelten Messwert) und 1x sogenanntes Basalinsulin als Grundlage. So simuliere ich eine funktionierende Bauchspeicheldrüse.

Wann erhieltst du die Diagnose Diabetes? Gibt es eine Vorgeschichte?

Bei mir wurde der Diabetes im Dezember 2011, quasi als Weihnachtsgeschenk, diagnostiziert. Nach einer Routineuntersuchung wurde ein dramatisch hoher Blutzuckerwert festgestellt und in der darauffolgenden Abklärung kam dann eben die Diagnose Diabetes. Von einer Vorgeschichte weiss ich nichts und ich habe mich auch immer einigermassen gesund und ausgewogen ernährt und genügend bewegt.

 

Wie waren die ersten Tage nach dieser Diagnose? Was ging dir durch den Kopf?

Meine erste Reaktion auf die Diagnose war etwas panisch, da ich schon alle meine geliebten kulinarischen Leckerbissen entschwinden sah. Man ist ja als Diabetesnewbie für ca. 2-4 Tage stationär im Spital, um den Blutzucker zu normalisieren, den Umgang mit Messgerät und „Spritzen“ zu erlernen und die gemessenen Werte einschätzen zu können. Dadurch bleibt viel, zuviel Zeit, um sich den Kopf zu zermartern. Die Frage nach dem Warum und Woher, die anstehenden Veränderungen und die Ungewissheit, wie es nun weitergeht und was Diabetes genau bedeutet, kann ganz schön beängstigend und stressig sein. Und ich als begnadeter Infojunkie hatte natürlich meinen Laptop dabei und zog mir im Internet noch mehr Verunsicherung rein. Meine damalige Unwissenheit liess mich jeden Scheiss im Zusammenhang mit Diabetes glauben, mit Ausnahme der Verschwörungstheorien über die Ausserirdischen als Erfinder der Diabetes vielleicht.

Aber ich wurde dann im Spital mit fundierten Informationen zur Genüge eingedeckt, so dass der erste Schrecken etwas verblasste und als dann noch mein behandelnder Professor erklärte, dass ich alles essen und trinken dürfe, wonach es mich gelüste, war ich doch ziemlich beruhigt.

 

Wie ging deine Familie mit der Diagnose und mit dir um?

Meine Familie hatte mit der ganzen Geschichte wenig zu tun, da ich damals ausser zu meiner Mutter, kaum engere Kontakte pflegte. Sie nahm es gelassen, weil sie sah, dass ich damit auch so umging.

 

Hat sich in deinem Leben etwas verändert seit der Diagnose?

Ehrlich gesagt jein. Ich bin noch genauso flexibel was meine Arbeit angeht, gehe auswärts essen und ziehe um die Häuser oder besuche Clubs oder Konzerte. Der Diabetes hindert mich eigentlich an nichts. Und ausser der Blutzuckermesserei und den Insulin-Injektionen ist mein Alltag so wie der aller andern auch. Also ich tendiere jetzt doch eher zu „nein“. *lach*

 

Wie gingen deine damaligen Freunde damit um? Und heute? Hat der Diabetes einen Einfluss auf Freundschaften?

Da ich offensiv mit meiner Erkrankung umgehe, gab es keine Auswirkungen auf Beziehungen. Klar tauchten Fragen auf aber die wurden aus echtem Interesse gestellt. Ich habe allerdings auch „alle“ Leute, die ich kenne über allfällige Auswirkungen von zu hohem oder zu tiefem Blutzucker informiert.

 

Kennt dein ganzes Umfeld deine Krankheit? Wie offen gehst du damit um?

Wie oben erwähnt, gehe ich sehr offen damit um, nicht zuletzt auch um Vorurteile abzubauen und der Stigmatisierung entgegenzuwirken. Somit ist klar, dass mein ganzes persönliches und berufliches Umfeld Bescheid weiss.

 

Gibt es im Alltag Dinge, die schwierig sind? Wenn ja, welche?

Eigentlich nicht, zumindest kommt mir grad spontan nichts in den Sinn. Ich muss aber grundsätzlich bemerken, dass meine Aussagen keineswegs repräsentativ für die Allgemeinheit der Diabetiker sind. Diese Leichtigkeit und Gelassenheit im Umgang mit Diabetes geht nur, wenn man sehr gut eingestellt ist, also einen regelmässig tiefen Blutzuckerwert hat. Und das trifft gottseidank bei mir zu.

 

Gibt es Tage, an denen Diabetes auch nervt? Oder Reaktionen, die du aufgrund dieser Krankheit erhältst?

Aber klar… manchmal ist er eben wirklich ein extrem nervendes Arschloch, dass sich anmasst die Kontrolle über mein Leben zu fordern. Nur schon die Aufmerksamkeit, die er einfordert, dieses tägliche, ja stündliche Erinnern an die Existenz von etwas, was ich nicht ausgesucht habe und auch nie mehr los werde, das sich eingenistet hat in meinem Körper, in meinem alltäglichen Leben macht mich manchmal wütend in meiner Hilflosigkeit. Und mir geht es gut, wie mag das dann erst bei Menschen sein, die nicht so gut eingestellt sind und ihren Diabetes nicht so gut unter Kontrolle haben.

Und dann die unterschwellig immer präsente Angst vor Folgeerkrankungen, die das Augenlicht fordern oder Amputationen notwendig machen können. Oder durch schlechte Durchblutung impotent… grauslige Vorstellung aber alles bekannte Folgen. Nein so einfach, wie es mir meist scheint, ist es dann eben doch nicht. Es ist eine Scheisskrankheit wie alle anderen auch.

Von negativen Reaktionen werde ich meist verschont, vielleicht auch, weil ich nicht dem gängigen Klischee entspreche. Schwein gehabt. Das eine wirklich mühsame Mal habe ich ja in einem Blogbeitrag verarbeitet…

 

Gibt es Tage, an denen dir alles zu viel wird, du haderst mit deinem Schicksal, die Frage nach dem Warum vielleicht hochkommt?

Ich habe diese Frage ja weitestgehend beantwortet aber noch zum Warum: Damit habe ich mich anfänglich herumgeschlagen und schnell herausgefunden, wie müssig das ist, wie sinnlos und deprimierend. Es führt schlicht zu nichts also habe ich’s bleiben lassen. Schön wär’s, wenn das so einfach ginge. Logisch kommt die Frage immer wieder hoch aber ich lasse mich nicht mehr darauf ein…oder ich versuche es zumindest.

 

Wenn du nicht krank geworden wärst, denkst du, du wärst am selben Punkt im Leben heute oder hättest du Dinge anders gemacht?

Das ist eine sehr spannende Frage, die ich mir so noch gar nie gestellt habe. Darf ich die zurückstellen? Ne, ich glaube, dass es mir eventuell nicht so gut ginge wie jetzt, da ich mich weniger um meine Gesundheit kümmern würde. Dass ich wohl auch nicht so bewusst leben würde ohne Diabetes, da er mich gezwungen hat, über einiges nachzudenken, mir bewusst zu werden, wer und was mir sowohl physisch wie psychisch gut tut und was nicht und die Konsequenzen daraus dann auch durchzuziehen. Was auch bedeutet, dass ich mich, wenn immer es geht, nicht mehr mit Menschen befasse, die mir nicht gut tun. Und mich auch nicht mehr, nur des Friedens willen über Themen unterhalte, die mich nicht die Bohne interessieren. Auf die Gefahr hin als arrogant zu erscheinen. Das ist mir dann schnurzegal. Ich nehme ich mir das einfach heraus. Oder mir Ziele zu formulieren , etwas, dass ich vorher nicht als wichtig erachtete. Wow, du bringst mich mit dieser Frage auf ganz neue Gedanken… danke.

 

Gibt es etwas, das du als positiv erachtest an deiner Krankheit? War sie „für etwas gut“?

Tja, dass ich aufmerksamer bin, was Vorgänge in meinem Körper angeht vielleicht. Allerdings gehe ich dann doch immer noch erst zum Arzt, wenn ich quasi den Kopf unter der Schulter trage. So archetypische Männerdinge kriegt man eben nicht so leicht weg…Das bezieht sich aber komischerweise nur auf Krankheiten oder Verletzungen, die mit Diabetes nichts zu tun haben. Aber sonst, nein, ich glaube nicht… oh doch, ich vergass zu erwähnen, dass ich mich gesünder und bewusster ernähre als vor der Diagnose. Meistens jedenfalls oder zumindest häufig… *lach*

Was wünschst du dir von den Menschen da draussen? Von den einzelnen, von der Gesellschaft?

Dass sie mich nicht über meinen Diabetes definieren, sondern wie vorher über meine Persönlichkeit, meine Fähigkeiten und meine Stärken und Schwächen. Ich bin nicht Diabetiker – ich bin Gerri, der Diabetes hat, das ist für mich ein grosser Unterschied.

 

Ist man heute wirklich so aufgeklärt oder findest du, dass Krankheiten (und auch Behinderungen) noch immer Tabu sind, Menschen, die betroffen sind, ausgegrenzt sind?

Auf einen gewissen Teil der Gesellschaft trifft das sicher zu aber aus vielen Gesprächen habe ich erfahren müsse, dass die Zahl der Ignoranten in letzter Zeit eher wieder steigt. Vermutlich geht’s dabei um die Kosten, die chronisch Kranke, und das sind wir nun mal, verursachen. In Zeiten zunehmender Entsolidarisierung und falsch verstandener Forderung nach mehr Eigenverantwortung kommt es eben schon zu Stigmatisierung oder gar persönlichen Angriffen. Wenn die Menschen mit Diabetes dann noch dem Klischee entsprechen, dann kommen aus den Kreisen der Informationsresistenten schnell mal Schuldzuweisungen.

 

Gibt es etwas, das du einem ebenfalls Betroffenen sagen möchtest?

Akzeptiert euren Diabetes und versucht gelassen damit umzugehen. Denn ihr werdet ihn wohl nicht mehr los. Und dauernde Spannungen zwischen so eng Verbundenen machen das Leben zur Hölle. Es schont also die Nerven, senkt den Blutzucker oder verhindert einen Herzinfarkt. Aber wehrt euch, wenn ihr das Gefühl habt, auf Grund eurer Krankheit benachteiligt oder nur schon anders behandelt zu werden. Und versucht, nicht sklavisch an eure Blutzuckerwerte zu denken, sondern gönnt euch auch mal was. Ich lege nötigenfalls ein gutes Wort bei eurem Diabetologen ein, versprochen!

 

Habe ich noch etwas vergessen? Gibt es noch etwas, das dir auf der Seele brennt?

Wir sind nicht zuckerkrank, wir sind einfach süss, sehr süss… *breitgrins*

Ich bedanke mich ganz herzlich für diesen sehr persönlichen Einblick in deinen Umgang mit Diabetes. Ich hoffe, dass Beispiele wie deines anderen helfen, ihre Diagnose nicht mehr als Bedrohung, sondern als Herausforderung, die durchaus gut zu bewältigen ist, zu sehen.

 

Mehr zu Gerri findet sich hier

Gastbeitrag: „Ich weiss nicht, was ich für uns wünschen und erhoffen kann!?“

Das Leben konfrontiert uns mitunter mit Herausforderungen, die uns im ersten Moment überfordern, die wir uns nie vorzustellen wagten und die dann über uns hereinbrechen. Der Umgang damit bereitet Probleme, zeigt uns Grenzen auf, über die wir immer wieder hinausgeführt werden.

Der folgende Gastbeitrag stammt von der Tochter eines demenzerkrankten Vaters, der zusätzlich unter wahnhaften, halluzinatorischen Zuständen leidet:

Ich saß am Esszimmertisch und sortierte die Wochenration an Tabletten, als mein Vater aus der Küche kam und mich fragte, ob er mich einmal kitzeln solle. Wir hatten am Morgen einen denkbar schlechten Start gehabt. Eigentlich wollten wir gemeinsam zu seiner Ärztin, um seinen Marcumarwert kontrollieren zu lassen, der seit einer Woche vollkommen aus dem Ruder lief. Als ich klingelte empfing er mich im Bademantel mit aufgedunsenem, unrasiertem Gesicht und einem Schwall von Vorwürfen. Es war absurd, aber weil er seinen Schlüssel nicht mehr finden konnte, bezichtigte er mich, ihn in seiner ebenerdigen Wohnung mit mehreren Terrassentüren das gesamte Wochenende eingesperrt zu haben. Als ich ihn bat, sich zu beruhigen und anzuziehen, weil ich seinen Termin pünktlich wahrnehmen wollte, schrie er mich an, dass er ohne Kaffee und Wurstsemmel nirgendwo hingehen würde.

Ich beschloß, mich erst einmal um seine Medikamente zu kümmern, während er unruhig in der Wohnung rumorte. Bei seiner Kitzelbemerkung sah ich flüchtig auf; er hatte ein langes Messer in der Hand, mit dem er herumfuchtelte.

Als ich ihn Stunden später in der geschlossenen, gerontopsychatrischen Abteilung besuchte, war er fünfpunktfixiert und völlig außer sich, weil er sich seiner Freiheit beraubt sah und gegen seinen Willen festgehalten wurde, festgeschnallt in einem Krankenbett – an beiden Händen, beiden Füßen und mit einem dicken Gurt um den Bauch. Die Einweisung und den Krankentransport, den ich mit Hilfe der Ärztin organisiert hatte, konnten wir nur mit polizeilicher Hilfe durchführen – er wurde in äußerst desolatem Zustand, aber unter heftigem Widerstand in Handschellen in einen Sanka verfrachtet. Er hat getobt und geschrieen.

Es ist schwierig zu begreifen und zu akzeptieren, was da vorgeht. Es ist erschreckend zu sehen, wie schnell eine durch und durch bürgerliche Existenz den Bach runtergeht, wie sich ein an sich spießiger bis biederer Lebensentwurf in den bloßen Wahnsinn verkehrt.

Natürlich ist mir bewußt, dass dies Tausende von Familien und ihren Alltag betrifft, dass Demenz und Alzheimer längst in unserer überalterten Gesellschaft zu Riesenproblemen geworden sind – und doch: Wenn man plötzlich und unmittelbar selbst damit konfrontiert ist, bleibt zunächst nichts als Ratlosigkeit und eine große Trauer sowie Unsicherheit, wie man mit der neuen Situation zurechtkommen soll. Es ist nicht schön, einen geliebten Menschen in einer solch hilflosen Lage zu sehen, aus welcher man ihm nicht heraushelfen kann, und ihn sich selbst und seinem Schicksal überlassen muss. Wir alle kennen und lieben wohl den Film „Einer flog über das Kuckucksnest“ mit dem brillanten Jack Nicholson, doch was ist, wenn der eigene Vater plötzlich betroffen ist? Wenn der Wahnsinn in die eigene Lebensrealität Einzug hält?

Ich habe noch immer mit großen Schuldgefühlen zu kämpfen, weil mir mein gefesselter Vater erklärte, dass er sich doch nur ein paar Äpfel schneiden wollte und ein wenig Spaß gemacht hätte. Ich hätte völlig überreagiert und ihn gegen seinen Willen einweisen lassen. Tatsächlich fand ich in seiner Küche ein Schneidebrett mit Apfelresten. Ich fürchte, nie mehr sein Vertrauen, seine Achtung und Liebe zurückerlangen zu können.

Er kann auf der einen Seite sehr klar in seinen Äußerungen sein. Auf der anderen Seite verstrickt er sich in seine Wahnvorstellungen, die er schon seit Wochen immer wieder artikuliert hat und die wir einfach nicht als solche wahrnehmen wollten, sondern sie auf eine leichte, beginnende Demenzerkrankung geschoben haben. Es hat sich bei ihm ein Delirium manifestiert, begleitet von wahnhaften, halluzinatorischen Zuständen. Zum Beispiel ist mein Vater verbittert über den Chefarzt, seiner Einschätzung nach mehrfacher Multimilliardär, der eine Weltverschwörung plant und dafür die grünschwarzen Männchen will, die mein Vater sieht. Es regiert der blanke Wahnsinn und das bei einem Menschen, der mit einem weit überdurchschnittlichen IQ gesegnet war. Doch genau bei solchen, scheint der blanke Wahnsinn am ausgeprägtesten zu sein.

Wenn ich ihn nun besuche, weiß ich nie, in welcher Verfassung ich ihn anfinde, doch wenn ich ehrlich bin, ist es von mal zu mal schlimmer. Seine kognitiven Fähigkeiten sind so weit herabgesetzt, dass er sich nicht mal mehr die Hose zumachen kann, wenn er von der Toilette kommt. Er stopft sich mit dem Ende einer Gabel die portionsweise abgepackte Margarine direkt in den Mund und lutscht das Plastikschälchen aus; er versucht ein Schälchen mit Zuckertüten für Kaffee auszulöffeln, natürlich mitsamt den Papiertütchen.

Was bleibt von einem Menschen in einer solchen Situation noch übrig? Wieviel Würde? Die Primärpersönlichkeit geht den Bach runter, übrig bleibt ein mir unbekannter, unfreundlich bis feindlicher Mensch, welchen man nicht kennt, bei dem aber die eigentliche Persönlichkeit immer mal wieder durchscheint, so dass man sie nicht vergißt. Es ist ein Schleuderprozeß der Gefühle. Mein Vater ist in sich wie in einem bösen Fiebertraum gefangen, die Außenkommunikation findet unter falschen Vorzeichen statt. Wir können reden, doch was kommt in seiner Welt an? Hat er einen guten Tag, so sieht er in mir meine verstorbene Mutter. Hat er einen schlechten Tag, erkennt er mich als seine Tochter, die ihn mit Hilfe einer Riesenverschwörung festhalten läßt.

Wir stehen noch ganz am Anfang und ich fürchte, ein langer Weg liegt vor uns, von welchem ich nicht abschätzen kann, wie wir ihn gehen können und sollen. Mein Respekt für und meine Achtung vor Familien, die dies seit Jahren durchmachen, sowie das Pflegepersonal wächst von Tag zu Tag. Für meinen Vater und mich weiß ich nicht, was ich für uns wünschen und erhoffen kann?!

Mein Leben – ein Thriller oder ein Liebesroman?

Ich lese gerne. Und viel. Ich habe versucht, mich auf ein Genre festzulegen. Meist sind es Thriller, die ich förmlich verschlinge, kaum innehalten kann, bis ich mit den Ermittlern den Mörder fasse. Aber auch bei Liebesromanen (wenn sie nicht zu plump und rosa sind) fiebere ich mit, will das Ende kennen. Was also ist mein Genre? Dass ich daneben noch Klassiker lese, bei denen alle am Schluss tot sind, lassen wir mal aussen vor, denn das würde die gleich folgende Analyse stören.

Mein Fazit ist: Ich habe kein  Genre. Ich lese alles gerne, was gut geschrieben ist und ich fiebere dem Happy End entgegen. Ein Roman muss für mich ein Happy End haben. Dabei ist das Happy End nicht immer happy, was ich aber zugegebenermassen lieber mag, sondern hoffentlich stimmig, so dass ich mit zufriedenem Seufzer das Buch zur Seite legen kann und weiss: Alles ist gut. Es stimmt so. Das Versöhnliche, das Gute, das ist es, was ich suche in der Literatur, die Möglichkeit, dass das Leben eben gute Wendungen nimmt und am Schluss zu was Gutem führt.

Wozu ist Literatur gut? Sie zeigt uns Möglichkeiten von Lebenswegen und Lebensinhalten. In der Literatur erfahren wir, wie ein Leben geführt werden könnte. Es ist nicht unser Leben, aber wir sehen doch hinein. Bei unseren Mitmenschen sind wir immer aussen vor. Der Spekulation überlassen. In der Literatur sind wir mitten drin. Indem wir sehen, was möglich wäre, haben wir die Ahnung, dass es auch für uns möglich sein könnte. Und ja, ich gebe es zu: Ich mag das Leben mit Happy End. Ich möchte das für mich so glauben können, dass das Leben an einen guten Ort führt, dass man diesen guten Ort erleben kann, dass es ihn gibt.

Und so werde ich weiter lesen, weiter auf Happy Ends hoffen und weiter daran glauben, dass dies auch in der Realität möglich ist. Weil das Leben schlussendlich wunderbar sein kann. Wenn man daran glaubt. Und immer weiter geht. Bis man da ist, wo man sagt:

So will ich es haben, so gefällt es mir.

Mütter studieren nicht

Nach Jahren Abstinenz bin ich zurück. Die Uni hat mich wieder. Die Uni war für mich von je her eine Institution, die mich anzog, magisch. Schon als kleines Mädchen war mir klar, dass ich mal studieren will. Dies war umso erstaunlicher, als keiner in unserer Familie je studiert hatte. Mir war es klar und ich tat alles dafür. Zwar fiel mir die Schule leicht, gerne hatte ich sie nie. Ich mochte die fixen Strukturen nicht, mochte es nicht, im Tempo gebunden zu sein, nicht reden zu dürfen, mich nicht bewegen oder meine Meinung sagen zu dürfen, wenn mir danach war.

Ich studierte. Es war nicht einfach, ich unterbrach oft, um Geld zu verdienen, studierte wieder weiter. Irgendwann schloss ich ab. Die faule Schülerin und Minimalistin von einst hatte ein Studium und das sogar gut abgeschlossen. Ich erhielt Stipendien, promovierte. Meine Träume wurden wahr – auch wenn alles kaum je Zuckerschlecken war. Dann kam er. Der Tag des Abschieds. Er war hart. Der Halt, die Konstanz in meinem Leben, plötzlich war sie weg.

Nun bin ich also zurück, mache das Lehramt für den Unterricht an Maturitätsschulen. Nachdem ich über diverse Neuerungen stolperte, mich kaum einschreiben konnte, finde ich mich gut zurecht. Nur etwas stösst sehr sauer auf:

Mein Semester hat gerade begonnen, Sohnemanns Ferien starten bald. Ich habe dann keine Ferien, wichtige Termine wurden just in die Schulferien gelegt. Rücksicht gibt es keine, wer studieren will, muss durch. Ja Heilandsack: Darf man als Mutter nicht studieren? Ist es wirklich nicht möglich, Schulferien, die ja wirklich auf vieles Einfluss haben (Krippenplätze und Sportangebot, die dann pausieren sowie andere negative und positive Effekte), zu berücksichtigen und die Ferienzeiten irgendwie abzugleichen?

Auf die Frage beim Dozenten, ob es die nötigen Infos der entsprechenden Veranstaltung irgendwo nachzulesen gäbe, kam nur: Da müssen sie halt einen Kommilitonen finden, der für sie mitschreibt. Dass man keinen kennt, ist egal: Da müssen sie halt netzwerken. Dass dies nicht jedem gegeben ist, ist egal: Das ist nun ihre Aufgabe.

Na bingo. Dann sei das so. Mitgeschrieben wird nun, trotzdem bleibt der fahle Geschmack, dass es nicht wirklich toll ist. Irgendwie. Als Mutter scheint man ganz viele Rechte doch härter erkämpfen zu müssen als andere.

 

Was mir aber an mir auffällt: Früher schwänzte ich alles, was ich schwänzen konnte, eine Stunde verpasst? Kein Problem, lassen wir die nächste auch gleich sausen. Jetzt stresst es mich, dass ich etwas verpasse. Es ist halt doch ein Unterschied, ob man zur Schule muss, weil man eben muss, oder ob man etwas tun kann, das man tun will, wo das eigene Interesse dabei ist.

So und anders

Es fängt schon früh an. Kaum sind die Kinder auf der Welt, müssen sie im Wettkampf der Mütter um das schnellste, schönste und beste Kind bestehen.

„Mein Sohn macht mit 3 schon Puzzles mit 500 Teilen, kann deiner das?“

Der Blick, wenn dein Sohn das nicht kann, spricht Bände, man könnte meinen, vom Puzzeln hängt der Weltfrieden ab, zumindest aber die Zukunft des Kindes. Sollte das Kind irgendwann etwas nicht erreichen, wird man an das Puzzle denken und wissen: „Es zeigte sich schon damals.“ Damit das Leben leichter wird, gibt es mittlerweile für alles Tabellen und Diagramme. Man kann exakt ablesen, wie gross und schwer ein Kind in welchem Alter sein darf oder muss, um zur Norm zu gehören. Man weiss, wann es aufsitzen, sich umdrehen, loskrabbeln, aufstehen, loslaufen und reden können muss. Genügte es mal noch, sich in dem Rahmen zu bewegen, der als normal erachtet wurde, ging es bald weiter, indem man ihn übertreffen musste. Das Kind musste bitte schneller sein in allem, was es können muss, erst das macht die Mutter zur stolzen Mutter und das Kind zu einem Gewinnerkind.

Auf dem Pausenplatz geht es weiter. Die Kinder übernehmen die Muster und leben sie weiter. Das Kind, das eine Brille trägt, wird zur Brillenschlange und ausgegrenzt, der Junge ohne Sportlerfigur zum Schwabbelpudding und verspottet. Das Mädchen mit der anderen Hautfarbe wird beschimpft, gehauen und beleidigt. Aufgehört wird erst, wenn alle am Boden sind, die man am Boden sehen will, weil sie anders sind. Und nicht selten tritt man nochmals nach, weil es grad Spass macht.

Was so früh anfängt und eingeübt wird, hört nicht einfach mal auf. Es geht weiter, prägt sich ein, dringt tief. Jeder Mensch hat es in sich:

„Du musst besser sein, schneller sein, höher kommen. Gut ist nicht gut genug, nur der Beste wird gewinnen.“

Schliesslich wollen wir alle Gewinner sein, darauf sind wir ausgerichtet. Um zu gewinnen gibt es ganz klare Kriterien, die es zu erfüllen gilt, es gibt Massstäbe, an denen man sich messen muss (und die man bitte übertreffen soll) und richtige und falsche Wege, von denen man die ersten gehen, die zweiten meiden soll. Was richtig und falsch legt die Gruppe fest, in der man sich bewegt, es wird von denen propagiert, die am lautesten schreien und von den meisten gehört werden. Das sind die, welche innerhalb einer Gruppe an dem Punkt sind, der innerhalb der Gruppe als erstrebenswert gilt: der Punkt ganz oben. Ihnen glaubt man, weil sie es geschafft haben, sie müssen es also wissen.

Nun gibt es viele, die mit diesem Modell leben können, die sich in diese Gruppen einbringen und darin ihren Platz finden können. Es gibt aber auch die, welche mit dem Anspruch, besser, schöner, klüger, schneller sein zu müssen überfordert sind. Sie scheitern dabei, richtige Wege zu gehen, die ihnen nicht entsprechen, aber von Gruppen als solche (und einzige) Wege erachtet werden. Sie sehen sich in einer Gruppe, von der sie kein Teil sind, weil sie sich deren Gesetzen entziehen. Sie sehen sich oft verspottet, ausgegrenzt, gedemütigt – und demütigen sich selber, indem sie sich wünschten, so zu sein, wie die anderen, damit sie auch dazugehörten.

Oft werden sie getröstet, indem man ihnen vor Augen hält, was für Genies, Wunderkinder und herausragende Künstler auch Aussenseiter waren und es ganz weit gebracht haben. Man nennt Namen, die allen ein Begriff sind, zu denen man aufschaut, weil sie es an die Spitze gebracht haben in einem Bereich, und verweist auf ihre Wege, die den normalen Wegen nicht entsprechen. Was tröstend sein soll, ist aber nur eine weitere Herabsetzung. Nicht jeder, der in keine Norm passt, ist deswegen ein Genie oder Jahrhundertkünstler. Nicht jeder, der nicht klug ist, hat deswegen ein übergrosses Herz und nicht jeder, der nicht rechnen kann, ist deswegen ein Spitzensportler. Auch da steckt Normdenken und Massstab dahinter.

Schliesslich und endlich ist jeder, wie er ist und muss mit dem klarkommen, was er hat an Fähigkeiten, Eigenschaften und auch Glück im Leben. Das ist ab und an schon schwer genug. Schön wäre es, wäre man in seinem So-Sein – das auch ein Anders-Sein sein kann – getragen und müsste nicht noch gegen bösartige Angriffe und Abwertungen kämpfen. Anders ist weder besser noch schlechter, es ist anders. Jeder, der findet, ein anderer sei anders, ist selber anders als der andere. Wer also will sagen, welcher von beiden richtig, welcher falsch ist?

 

Wie ich in Zürich auf Godot wartete – in der Walliser Kanne

Ich war mal wieder im Ausgang mit einer lieben Freundin. Ich kenne sie nicht lang, aber irgendwie passt das Wort, es war vertraut und schön. Nun wohnen wir beide in der teuersten Stadt der Welt, in eben der wollten wir was trinken, nicht zu weit vom Bahnhof, da beide müde von des Tages Lasten. Wir landeten in der Walliser Kanne, mehr aus Zufall, da wir eigentlich ins 0815 wollten, aber den Tisch daneben erwischten.

Das wäre alles kein Problem gewesen, waren doch die Tische nett und zu trinken schien es zu geben. Der Kellner (aufgeführt hat er sich wie der Besitzer des Lokals und der König von Zürich) kam auch bald – meine Begleitung wollte gerade bestellen gehen, weil sie Selbstbedienung annahm – und meinte auf ihre entsprechend lautende Äusserung von oben herab: „Wir sind hier schliesslich kein Pöb (er meinte wohl Pub), sondern ein Reschtoraaand.“ Wir bestellten Bier und Wasser, was mit leicht säuerlicher Miene gebracht wurde (gut, vielleicht kann der arme Mann nicht anders, könnte durchaus sein, macht es aber nicht wirklich besser).

Wir trinken, reden, reden, reden, trinken. Der gute Mann kommt wieder, kriegt noch eine Bierbestellung, welche er fast schon lächelnd entgegen nimmt, allerdings schnell wieder mürrisch guckend wird, als ich sage, dass ich nichts mehr will. Es wird langsam kühl, meine Begleitung geht rein, will zahlen, wird ignoriert, worauf wir draussen der Dinge harren, die da kommen. Ob er wohl Godot hiess, der gute Mann? Fast schon schien es so, denn er kam nicht mehr. Und als er mal kam und ich ihm sagte, dass wir gerne zahlen würden, war er auch schnell wieder weg, obwohl er das Portemonnaie dabei hatte und unsere Konsumation durchaus übersichtlich war.

Ich sah ihn durchs Fenster wenig tun, mal hier was bringen, da eine Bestellung aufnehmen, ab und an nur da stehen und selber der Dinge harren – oder ging er grad in sich und versank in Meditation? Ich werde es nie erfahren, gekommen ist er jedenfalls nicht – in keinster Weise. Und dann: Wunder geschehen – er kam – also zu unserem Tisch. Und rechnete. Und wunderte sich. Dass er kein Trinkgeld kriegte. Schaute uns auch nicht mehr an. War schneller weg als er je hätte kommen (also zum Tisch) können. Das tat unserer guten Laune keinen Abbruch, im Gegenteil, ist doch nichts so wunderbar wie ein Objekt, über das sich lästern lässt. Ein grosses Merci dafür, wir haben uns köstlich amüsiert, kommen werden wir aber nicht mehr. Das wird dem guten Mann sicher nichts ausmachen, denn er schien es eh nicht nötig gehabt zu haben, denn hätte er es nötig gehabt, wäre er doch sicher ein zuvorkommender, freundlicher Gastgeber gewesen, bei dem wir nächstes Mal unser Nachtessen eingenommen hätten.

Marlboro-Mann

Einsam reitet der Marlboro Mann durch die Prärie. Den Hut im Nacken, die Zigarette im Mundwinkel gibt er dem Pferd die Sporen und prescht dahin. Er verkörpert Abenteuer, Männlichkeit, Kraft und Wille. Frau kann dem kaum widerstehen, mit offenem Mund, einer dünnen Speichelspur aus dem Mundwinkel, sitzt sie da und starrt ihn an, starrt auf seine Muskeln, die am nackten Oberkörper spielen, gäbe ihre Schuhsammlung dafür, dürfte sie ihn nur einmal berühren. Frau ist in ihren Instinkten gefangen. Der Abenteurer, wild und stark zeugt von den besten Genen, er ist der Sieger im Genpool, der perfekte Erzeuger. Genau diese Gene braucht sie, um eine gesunde Brut auf die Beine zu stellen. Und selbst wenn sie aus dem Brütealter heraus ist, geben die Gene ihren Senf dazu bei der Wahl des Mannes. Noch immer ziehen die Signale, noch immer siegen die Instinkte, überrumpeln die Hormone.

Dann wäre da noch der liebe Nette von nebenan. Sieht gut aus, ist der Liebling der alten Damen im Haus, hat Manieren, Witz und Geist. Er ist ein guter Kumpel, Freund in allen Lebenslagen. Frau liebt es, bei ihm sein Herz auszuschütten, zieht mit ihm um die Häuser, immer offen für den einen Wahren, der im Sturm das Herz erobert, weil er so gar nicht lieb und nett ist. Wir lieben unseren netten Freund, würden ihn nicht hergeben, aber hin und weg, so ganz, das sind wir nicht, dazu brauchen wir den bösen Buben, der uns Spannung und Herausforderung verspricht.

Der böse Bube ist nicht nur böse, sonst würden wir ihm nicht verfallen, wir sind ja nicht doof. Er ist sehr charmant, sehr zuvorkommend, erzählt von seinen Abenteuern auf dem Marlboroross, erzählt von Sonnenuntergängen, denen er entgegen reitet, will uns mitnehmen, gehalten in den starken Armen. Wir sehen uns vor dem geistigen Auge in dieser romantischen Szene. Wir schauen ihm tief in die Augen, er schaut genauso zurück. Das Schicksal scheint besiegelt. Glücklich reiten wir schon mal imaginär gen Horizont, wähnen uns am Ziel angekommen, endlich den Mann gefunden zu haben, der all das hat und ist, was wir uns wünschen: Abenteuer, Stärke, Romantik, diese ach so wunderschönen Augen, den dazugehörenden begehrenden Blick, der uns einerseits anzieht, andererseits auszieht und uns sagt, wir seien die wunderbarsten Geschöpfe auf Erden. Er verspricht, uns die Welt vor die Füsse zu legen, die Sterne vom Himmel zu holen und uns auf Händen zu tragen. Wir sind ihm erlegen.

Nun ist der Abenteurer nicht umsonst Abenteurer, das Abenteuer des Eroberns verliert seinen Reiz, das nächste lockt. Er geht zur Tagesordnung über und ist, was er ist: Ein böser Bube, der dabei immer noch nicht böse im wirklichen Sinne ist, aber eben auch nicht der liebe Nette. Er will nicht täglich mit dem Gaul gen Sonnenuntergang reiten, schon gar nicht mit uns im Arm. Irgendwann ist auch mal gut und es reizt wieder, über Stock und Stein zu preschen, ohne Ballast im Arm, sondern mit den Kumpels im Schlepptau. Er findet Romantik toll, uns auch, aber alles zu seiner Zeit. Die Sterne bleiben am Himmel hängen, die Welt liegt nicht zu Füssen, zum getragen Werden sind wir zu schwer. Das zu beklagen hätte wenig Sinn, schliesslich und endlich wollten wir diesen wilden Abenteurer. Wir fuhren auf genau dieses Eigenwillige, dieses Ungestüme ab, was also hat uns bewogen, zu glauben, er sei nachher wie Wachs in unseren Händen? Und hätten wir es geglaubt, hätten wir ihn dann so anziehend gefunden?

Irgendwann merken wir: Aus einem Abenteurer macht man keinen zahmen Lebensbegleiter, wir ziehen die Konsequenzen und lassen ihn frei. Wir schwören uns, nie mehr auf den wilden Abenteurer reinzufallen, wissen, wir kommen damit nicht klar, wissen, das geht nie gut. Wir kennen nun all die Vorzüge des lieben Netten, die uns in der ganzen Abenteuergeschichte doch gefehlt haben, die uns nach dem bitteren Ende wieder auffingen, die uns wieder Hoffnung gaben, doch nicht ganz falsch gewickelt zu sein in unseren Träumen, Ideen, romantischen Phantasien. Wir wissen, dass es doch noch Männer gibt, die Sonnenuntergänge mögen, die für einen da sind, die Sterne pflücken toll finden. Wir ziehen wieder mit ihm um die Häuser, freuen uns am Leben.

Und dann sehen wir IHN. Er steht an der Bar. Wild und verwegen. Er blickt uns an, wir blicken zurück und träumen von Abenteuer, von Sonnenuntergängen und starken Armen. Und wir sind sicher: Dieses Mal ist alles anders.

Dein letzter Tag

Mal wieder ein Blog zum mitmachen. Ich schaute gerade einen Film, der zwar in Deutschland produziert, aber stark an einen amerikanischen Film mit Jack Nicholson und Morgan Freeman angelehnt ist. Nun geht es hier aber nicht mal um die Filme, sondern um die einfache Frage:

Wenn das heute dein letzter Tag wäre, was würdest du tun?

Ich reiche die Frage weiter an meine Leser: Was würdet ihr tun?

Rezension: Sunil Mann – Faustrecht

Von einem, der auszog, die Schweiz zu retten

Seit drei Tagen war ich nun der unsichtbare Schatten von Jasmin Bühler, doch bislang wies keine meiner Beobachtungen auf Ehebruch hin. Glücklicherweise, fand ich, denn ich hatte ja hautnah miterlebt, zu welchen Gewaltausbrüchen ihr Ehemann fähig war, und wollte mir lieber nicht ausmalen, was er ihr antun könnte, falls sich sein Verdacht bewahrheiten sollte.

Vijay Kumar erhält den Auftrag, die Frau von Adrian Bühler, einem ausländerfeindlichen Bekannten aus einer Bar, zu beschatten. Als er sie inflagranti erwischt, verschweigt er das seinem Auftraggeber, ist deswegen umso erstaunter, als just der Liebhaber –Insasse eines Asylheims in Altstetten – umgebracht wird. Steckt Adrian Bühler dahinter oder hat der Mord politische Motive, um gegen das unbeliebte Asylzentrum Stimmung zu machen? Vijay lässt nicht locker, er will der Sache auf den Grund gehen, vor allem, da er bald die zunächst unbegründete Ahnung hat, dass hinter all dem noch viel mehr steckt. Dabei verscherzt er es sich auch mit einer Freundin bei der Polizei, die von seinen Verschwörungstheorien wenig hält.

„Du behauptest immer das Gegenteil von dem, was gerade auf der Hand liegt. Ich persönlich finde es schwierig einzuschätzen, ob da wirklich was dran ist oder du nur eine spätpubertäre Phase durchmachst. Deshalb möchte ich Berufliches und Privates ab sofort wieder trennen. Die Polizei und du, Vijay, das ist eine schwierige Beziehung.“

Vijay lässt sich dadurch wenig beeindrucken, er will der Wahrheit auf den Grund gehen, dies teilweise unter Einsatz seines Lebens. Ein wahrer Held in Zürichs Strassen.

 Sunil Mann gelingt auch mit Faustrecht wieder ein Krimi, der den Leser von der ersten bis zur letzten Seite nicht loslässt. Der Plot überrascht durch stets neue Wendungen, bleibt dabei aber stimmig. Die Figuren sind plastisch gezeichnet, der Leser kann sich mit ihnen identifizieren, vor allem Vijay ist ein Typ, mit dem man gerne mal ein Bier in einer Bar trinken würde. Am Schluss laufen alle Fäden zusammen, es kommt zu einem Sieg des Guten über das Böse – ein Happy End quasi. Alles in allem ein Krimi wie aus dem Lehrbuch von einem Autoren, der sein Handwerk beherrscht.

 Faustrecht dreht sich grossenteils um Ausländerfeindlichkeit, nimmt die Zürcher/Schweizer Politszene aufs Korn und befasst sich in einem Nebenstrang mit der Auseinandersetzung mit Demenz. Alle diese Themen fliessen natürlich in die Geschichte ein, ohne den Lesefluss zu stören, sind dabei aber doch so feinfühlig behandelt, dass sie einen starken Eindruck hinterlassen. Was diesen Krimi zusätzlich auszeichnet, ist der Humor und auch die Selbstironie, die Sunil Mann immer wieder einfliessen lässt.

Ich schaltete den Fernseher aus, rutschte zu Manju rüber und bettete meinen Kopf in ihren Schoss. Sie lächelte, strich mir abwesend durchs Haar, las aber ungerührt weiter. Da ich nichts anderes zu tun hatte, entzifferte ich den Klappentext auf dem Buchdeckel: Schusswechsel hiess der wohl witzig gemeinte Roman und handelte von einem indischen Detektiv, der an der Langstrasse ermittelte. Auf welch abstruse Ideen diese Autoren auf der verzweifelten Jagd nach ein bisschen Erfolg manchmal kamen, dachte ich bei mir […]

 

Fazit:
Spannender, witziger Krimi mit einem stimmigen Plot, plastischen Figuren; packend erzählt – Lesegenuss pur! Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Sunil Mann
Sunil Mann wird am 21. Juni 1972 im Berner Oberland/Schweiz als Sohn indischer Einwanderer geboren. Er verbringt seine Jugend bei Pflegeeltern in Spiez und besucht in Interlaken das Gymnasium. Nach einem erfolgreichen Studienabbruch in den Fächern Psychologie und Germanistik (in Zürich) versucht er sich im Gastgewerbe mit einem halbherzigen Besuch der Hotelfachschule Belvoirpark. Seine heutige Arbeit als Flugbegleiter, welche oft unterbrochen wird durch zum Teil mehrmonatige Aufenthalte in Israel, Ägypten, Japan, Indien, Paris, Madrid und Berlin, lässt ihm genügend Zeit zum schreiben, was er produktiv macht und auch verschiedentlich dafür ausgezeichnet wird und wurde. Sunil Mann lebt in Zürich. Von ihm erschienen sind unter anderem Fangschuss (2010), Lichterfest (2011), Uferwechsel (2012) und Familienpoker (2013).

 Interview mit dem Autor auf denkzeiten: Sunil Mann – Nachgefragt

  

Angaben zum Buch:
MannFaustrechtTaschenbuch: 352 Seiten
Verlag: Grafit Verlag (18. August 2014)
ISBN-Nr.: 978-3894254476
Preis: EUR 10.99 / CHF 17.90

 

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