Philosophisches: Wer bin ich?

«Sage mir, mit wem du umgehst, so sage ich dir, wer du bist; weiss ich, womit du dich beschäftigst, so weiss ich, was aus dir werden kann.»

Goethe greift hier in seinem Wilhelm Meister eine tiefe Wahrheit über unser Sein auf: Wir sind geprägt durch unsere Umwelt – und dies mehr, als uns wohl oft bewusst ist. Menschen brauchen andere Menschen, um eine Identität auszubilden. Erst im Umgang mit anderen erfahren wir, wer wir sind, weil wir anhand ihrer Reaktionen auf unser Verhalten merken, wie sie uns sehen. Das alles fängt gleich nach der Geburt an und hört das ganze Leben nicht mehr auf.

Schon Babys reagieren auf das Verhalten ihrer Umgebung. Wenn jemand lächelt, lächeln sie zurück. Wenn sie etwas tun und eine entsprechende Reaktion erhalten, verinnerlichen sie diese und lernen, wie sie sich künftig zu verhalten haben. Das Verinnerlichen von Verhaltensmustern, von Wertmassstäben, die Reaktionen aus dem Umfeld zugrunde liegen, bilden ein inneres Diagnoseprogramm aus. Die Gesellschaft mitsamt ihren Erwartungen und Werten tritt quasi in mich ein und wirkt nun von innen heraus, indem ich selbst mein eigenes Verhalten bewerten kann anhand der erlernten Massstäbe. Indem ich einerseits handle als Ich, andererseits dieses Handeln selbst beurteilen kann, bildet sich ein Selbst-Bewusstsein, und damit meine Identität.

George H. Mead hat sich intensiv mit dem Thema Identität und Gesellschaft befasst. Er kam zum Schluss, dass sich Identität nur dann ausbildet, wenn wir uns in andere hineinfühlen können, wenn wir in der Lage sind, fremde Perspektiven einzunehmen. Dazu ist es wichtig, ein gemeinsames Symbolsystem zu schaffen, das der Verständigung dient: Die Sprache, welche sich in drei Stufen entwickelt: körperliche Gesten, vokale Gesten (einzelne Wörter), signifikante Gesten (Symbolsystem der Sprache). Dieses System ermöglicht uns, uns gegenseitig zu verstehen. Durch sie können wir das Verhalten anderer deuten und damit auch ihre Reaktion auf uns. Die Umwelt hält uns einen Spiegel unseres Verhaltens vor, den wir in der Folge verinnerlichen und der unser Bewusstsein ausbildet.

Mead spricht damit an, was im Buddhismus als Mitgefühl bekannt ist: Mit-Fühlen, was der andere fühlt. In Verbindung treten durch mein empfundenes Verständnis für sein Sein und Fühlen. Damit ist Mitgefühl eine wichtige Eigenschaft im Umgang mit anderen, und es ist auch für unsere eigene Selbsterkenntnis fundamental. Nur wenn ich mich dem anderen öffne, ihn wahrnehme, mich in ihn hineinfühle, kann ich zu einem Verständnis meiner selbst kommen. Und so kommen wir uns alle etwas näher, gegenseitig und für uns selbst. 

Wer bin ich also? Ich bin die Summe meiner Erfahrungen und der daraus verinnerlichten sozialen Erwartungshaltungen, die sich in meinem Verhalten ausdrücken. Ich werde zu dem, der ich bin, durch das, was ich im Aussen erfahre und verinnerliche. Im Wissen darum ist es umso wichtiger, denke ich, das für einen passende, einem entsprechende Umfeld zu finden, denn nur damit wird es gelingen, zu dem Ich zu werden, das man sein will.   

*****

Buchtipp: George H. Mead: Geist, Identität und Gesellschaft, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Frankfurt am Main 1973.

2 Kommentare zu „Philosophisches: Wer bin ich?

  1. Sandra: „Ich bin die Summe meiner Erfahrungen und der daraus verinnerlichten sozialen Erwartungshaltungen, die sich in meinem Verhalten ausdrücken. Ich werde zu dem, der ich bin, durch das, was ich im Aussen erfahre und verinnerliche.“

    Damit befindest du dich mit einer gängigen Aussage des Karl Marx in Übereinstimmung ― aber mit der Wirklichkeit?

    Bist du denn wirklich nicht mehr als… „Erwartungen“ von anderen und dir selber an dich? 😲

    Ich (Nirmalo) bin jedenfalls NICHT identisch mit den Erwartungen von wem auch immer – inklusive der eigenen – an mich.

    Erwartungen (Konditionierungen) spielen an der Peripherie eine gewisse Rolle, aber keine wesentliche, keine zentrale.

    Die Konditionierungen sorgen für eine geschmeidige Anpassung im engeren und weiteren sozialen Umfeld – weiter nichts. Sie funktionieren halt auch bei rudimentärem Bewußtsein.

    Erst das bewußte Denken, Reden und Handeln schafft Mündigkeit, ermöglicht eigenständiges Denken und damit… geistige Souveränität.

    Je bewußter wir in allem sind, desto schwächer sind die „Kräfte“ der Konditionierung ― und umgekehrt.

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  2. Sandra: „Ich bin die Summe meiner Erfahrungen“

    Du reduzierst dich auf eine Summe?

    Schon die simple Dampfmaschine ist mehr als die Summe ihrer Teile. Sie allerdings kann man in ihre Einzelteile zerlegen, diese fein putzen und wieder zusammensetzen. Sie wird funktionieren wie am ersten Tag.

    Wir sind keine Maschine.

    Wir sind auch mehr als ein Organismus
    und selbstverständlich (!) mehr als
    unsere integrierten Erfahrungen.

    Wir sind ebenfalls nicht der Körper, nicht das Denken, nicht
    das Gedächtnis, nicht die Emotionen, nicht die Persönlichkeit.

    All das ist nur geliehen
    und wird wieder verschwinden ― wie es gekommen ist.

    Persönlichkeit: Persona = Maske

    🌺

    Sandra: „Wer bin ich also?“

    Die Frage – authentisch gestellt, nicht intellektuell – kann den Beginn der Suche markieren.

    Was bleibt, wenn alles abgefallen ist, was abfallen kann?

    Eine heitere Wegstrecke 🌿
    wünscht Nirmalo

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