Hannah Arendt: Vita Activa oder Vom tätigen Leben

Inhalt

«Für den Menschen heisst Leben…’unter Menschen weilen’ (inter homines esse) und Sterben soviel wie ‘aufhören unter Menschen zu weilen’ (desinere inter homines esse).

In ihrem Werk «Vita activa oder Vom tätigen Leben befasst sich Hannah Arendt mit den menschlichen Grundtätigkeiten, damit, was Menschen tun, wenn sie leben. Sie unterteilt diese in drei Kategorien: Das Arbeiten (alles, was für den Lebenserhalt notwendig ist), das Herstellen (das Schaffen von überdauernden Gütern) und das Handeln (den Umgang von Menschen miteinander, das Tun und Sprechen zum Zwecke der Gestaltung der gemeinsamen Welt). Während Arbeiten und Herstellen notwendig sind für das Leben und Überleben in dieser Welt, ist Handeln das, was den Menschen erst wirklich zum Menschen macht. Es ist das tätige In-der-Welt-Sein als viele Menschen (Pluralität), durch welches sich das jeweilige Wer des einzelnen Menschen offenbart und sich gleichzeitig in das Wir einfügt.

Weitere Betrachtungen

«Es liegt in der Natur eines jeden Anfangs, dass er, von dem Gewesenen und Geschehenen her gesehen, schlechterdings unerwartet und unerrechenbar in die Welt bricht.»

Wir Menschen neigen dazu, das Leben als Kausalkette zu sehen. Dinge passieren, so denken wir, weil wir sie so geplant haben, weil aus dem vorher zwangsläufig dies oder jenes hervorgehen könnte. Kommt es anders, sind wir erstaunt, um dann eine neue Erklärung zu finden, wieso es so kam. Kierkegaard sagte dazu, dass sich das Leben immer nur rückwärts erklärt, aber vorwärts gelebt werden muss. 

Nun ist es nicht so, dass wir dem Leben willkürlich ausgeliefert sind, keine eigenen Entscheidungsmöglichkeiten haben, sondern uns in die Dinge fügen müssen, wie sie sich darbieten. Es hilft aber, ein kleines bisschen Demut zu bewahren, wenn Dinge gelingen, denn sie hätten durchaus auch misslingen können – das gilt für uns selbst wie auch für andere. Nicht jeder, der im Leben nicht auf der Sonnenseite steht, hat dies selbst verschuldet, es ist nicht nur Dummheit, Faulheit oder mangelnder Wille, wenn Menschen durch die gesellschaftlichen Maschen fallen, sondern oft das Leben, das Menschen mit Schicksalen bedenkt, welche diese weder erwarten noch bewältigen konnten.

Dies im Blick, ist es an uns, dafür zu sorgen, dass diese Gesellschaft so aufgebaut ist, dass sie für diese Menschen Halt bietet, dass sie schaut, dass keiner durch die Maschen fällt, dass das Grundanliegen ist, dass jeder Mensch in Würde leben kann. Wir haben nur diese eine Welt und wir können sie gemeinsam gestalten – was würde unser Leben für einen Sinn ergeben ohne sie?

«Jede menschliche Tätigkeit spielt in einer Umgebung von Dingen und Menschen; in ihr ist sie lokalisiert und ohne sie verlöre sie jeden Sinn. Diese umgebende Welt wiederum, in die ein jeder hineingeboren ist, verdankt wesentlich dem Menschen ihre Existenz…»

Hannah Arendt kritisiert die Verherrlichung der Arbeit, während das politische Handeln, welches erst eigentlich den Menschen und sein Leben in der Welt ausmacht, vernachlässigt wird. Sie betont die Notwendigkeit des Miteinandersprechens, da nur durch dieses die Möglichkeit besteht, die Welt zu gestalten.

Sie weist auf die Gefahren der modernen Massengesellschaften hin, in welchen nicht mehr Menschen miteinander sprechen, sondern die statt eines Jemands von Niemanden beherrscht werden, welche sich hinter bürokratischen Abläufen verstecken und damit jeglicher Verantwortung entgehen.

«Wo immer es um die Relevanz der Sprache geht, kommt Politik notwendigerweise ins Spiel; denn Menschen sind nur darum zur Politik begabte Wesen, weil sie mit Sprache begabte Wesen sind.»

Indem Menschen einen öffentlichen Raum schaffen, in welchem sie gemeinsam über die geteilte Welt sprechen, betreiben sie Politik und nur insofern sind sie frei.

Fazit
Ein umfassendes, scharfsinniges und tiefgründiges Buch über das menschliche Tun und was es heisst, ein verantwortungsvoller und politisch aktiver Mensch zu sein.

Hannah Arendt (eigentlich Johanna Arendt)
Geboren am 14. Oktober 1906 in Linden bei Hannover als Tochter jüdischer Eltern. Obwohl sie sich keiner religiösen Gemeinschaft anschloss, sah sie sich immer als Jüdin.
Studium bei Martin Heidegger (die Liebschaft ist wohlbekannt) und später Promotion bei Karl Jaspers. 1933 Flucht nach Frankreich, 1940 Internierung im Lager Gurs, aus welchem ihr die Flucht gelang. 1941 Ankunft in New York. Verschiedene Tätigkeiten fürs Überleben und auch aus Überzeugung, daneben Publikation mehrerer Artikel. Später Lehrtätigkeit und mehrere für die Philosophie herausragende Werke (Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Eichmann in Jerusalem, Vita Activa). Sie stirbt am 4. Dezember 1975 in New York.

Utopien

Als ich ein Kind war, spielte ich gerne mit Lego. Ich hatte immer ausgefallene Ideen, was ich bauen wollte (es gab noch nicht so viele fertige Bausätze mit seitenlangen Bauanleitungen) und versuchte dann, dies umzusetzen. Mein Vater wollte mir immer helfen, mir zeigen, wie es geht, doch das machte mich wütend. Ich wollte es selber herausfinden. Mein Vater hat mir bis ins Erwachsenenalter vorgeworfen, dass ich mir schon als Kind nicht helfen lassen wollte. Zwar stimmt das nicht ganz, da ich durchaus Hilfe annehme, wo ich etwas nicht selbst kann oder können will, aber nicht da, wo ich der Überzeugung bin, es selbst zu schaffen.

Es gibt dieses schöne Wort der Selbstermächtigung. Ich finde es zentral in Bezug auf das Menschsein, auf die Selbstachtung als Mensch und damit die eigene Würde. Menschen, die nicht wissen, dass sie selbst etwas bewirken können, fühlen sich (und sind meist auch wirklich) Opfer der Umstände und damit hilflos und abhängig von anderen. Dieses Gefühl der eigenen Ohnmacht nagt am Selbstbild und damit an der Selbstachtung. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das jemand will. Umso mehr erstaunen mich aktuell geführte Diskussionen, wenn es um Themen wie zum Beispiel Rassismus geht.

Eine aktuell populäre Sicht bei der heutigen Thematisierung von Rassismus (die ursprünglich aus den Staaten zu uns kam) ist, dass Weisse aufgrund ihrer Hautfarbe per se rassistisch seien, weil sie in der Geschichte die Schwarzen unterdrückt haben. Rassismus so gesehen ist also quasi in ihren Genen eingebrannt, und sie können dem nicht entkommen.

Nicht nur zementiert diese Argumentation die Fronten schwarz-weiss, sie macht Schwarze auch zu ewigen Opfern. Wenn dem Weissen der Täterstatus eingebrannt ist, ist es dem Schwarzen das Opfertum. Tun wir jemandem damit einen Gefallen oder macht diese Sicht irgendetwas besser? Ich denke, das Gegenteil ist der Fall. Menschen so gesehen spricht ihnen die Würde ab, die auch darauf beruht, dass Menschen frei sind, sich zu ändern. So schreibt Avishai Margalit in seinem Buch „Politik der Würde“:

„der grundlegende Respekt vor jedem einzelnen orientiert sich an dem, was er in Zukunft tun könnte, nicht an dem, was er in der Vergangenheit getan hat. Achtung ist dem Menschen nicht dafür zu zollen, in welchem Grad er sein Leben tatsächlich zu ändern vermag, sondern allein für die Möglichkeit der Veränderung.“

Margalit fährt fort, dass ein Mensch nicht durch seine Vergangenheit determiniert (wenn auch durchaus geprägt), sondern zu jedem Zeitpunkt frei ist, sich und sein Verhalten zu ändern. Wenn dies schon für das eigene Verhalten gilt, wie viel grösser muss also die Möglichkeit einer Veränderung über Generationen sein, in denen durchaus ein Denkprozess stattfand und auch Massnahmen zur Abschaffung von Rassismus erfolgreich durchgesetzt werden (nicht zu verstehen als diesen vollständig aus der Welt schaffen) konnten?

Ich bin der Meinung, dass wir genau hinschauen müssen, wo heute noch strukturelle Benachteiligungen existieren, und wir müssen diese gemeinsam angehen. Betroffene sollten aber nicht nur von den Anderen Veränderungen erwarten, sondern sie sollten sich auch als Akteure sehen (können). Auch dafür ist ein Miteinander wichtig, dass ein Raum geschaffen wird, in welchem es möglich ist, für die eigenen Rechte und gegen Benachteiligungen einzustehen. Dann gibt es keine Täter und Opfer durch von aussen definierte Kriterien, sondern eine gemeinsame Welt mit gemeinsamen Werten und Zielen, welche diese gestalten sollen, und in der jeder seinen Platz hat.

Ich mag Utopien… und ich glaube, sie könnten oft verwirklicht werden.


Leseempfehlung: Avishai Margalit: Politik der Würde, Suhrkamp Verlag, 2. Auflage, Berlin 2018.

Die beste aller möglichen Welten

Hier in Spanien gibt es in den Felsen der Hügel Höhlen. In diesen Höhlen wohnen Menschen, die sonst kein Zuhause haben in der Welt. Gestern erzählte mir jemand von einem jungen Mann aus Dänemark, der in einer solchen Höhle lebt. Er spricht ein wenig Deutsch, Französisch, Englisch, Spanisch, hält sich mit einigen Gelegenheitsjobs soweit über Wasser, dass er nicht verhungert. Seine Schuhe haben Löcher, so dass die Zehen rausschauen. Alles, was er hat, trägt er bei sich – es ist wenig.

Vor dem Einkaufszentrum, in welchem ich hier meine Lebensmittel einkaufe, sitzt seit Jahren Tag für Tag ein Mann in ausgeleierter Kleidung, mit verfilzten Haaren. Bei ihm sind seine zwei Hunde. Er sitzt da bei den Einkaufswagen, hilft ab und zu, wenn jemand Hilfe benötigt, spielt ansonsten auf dem Handy. Wir grüssen uns immer freundlich, wir kennen uns und wissen doch nichts voneinander.

Ich frage mich immer wieder, wie es soweit kommen kann. „In unseren Breitengraden wird jedem geholfen, da muss keiner so enden.“ Das hörte ich grad gestern wieder. Und ich glaube das nicht. Ich glaube nicht, dass einer von den Menschen hier in den Höhlen sich als Lebensziel gesetzt hat, da zu landen. Als ich davon anfing, dass es möglich sein muss, unsere Wirtschaft so zu verändern, dass wirklich allen geholfen ist, wurde ich als naive Philosophin hingestellt. Nun ja, ich sage nicht, dass es einfach ist, aber ich bin überzeugt, dass es theoretisch möglich sein müsste. Ich bilde mir nicht ein, dass ich diese Lösung als einzige finden würde, aber darüber nachdenken möchte ich. Zumal ich denke, dass der erste Schritt in eine bessere Welt das wachsende Bewusstsein ist, das geweckt werden muss. Nicht nur in Bezug auf die Armut in der Welt, sondern auch in Bezug auf unsere ökologischen Probleme, die dringend einer Lösung bedürfen, wollen wir unsere Welt nicht an die Wand fahren. Die Lösungen müssen nachhaltiger sein als einfach Benzin durch ebenso schädliche Autobatterien zu ersetzen. Es reicht nicht, Oberflächenkorrekturen vorzunehmen, wir müssen in die Tiefe steigen:

Was hat welche Wirkung, was brauchen wir, welche Mittel haben wir, das zu erreichen und wie setzen wir es um. Ich möchte daran glauben, dass ich nicht einfach eine naive Philosophin bin, sondern dass es gelingen kann, die Welt zu einer zu machen, in der wir alle ein gutes Leben leben können. Auch die nachfolgenden Generationen.

Als ich gestern meine Hoffnungen für eine bessere Welt mit weniger Armut äusserte, kamen doch auch Reaktionen, dass diese utopisch sei – weil schon so lange nicht realisiert. Ich frage mich: Was ist die Alternative? Die Welt dem Abgrund geweiht zu sehen und schon mal vorsorglich reinzuspringen? Das möchte ich nicht glauben. Ich habe mich bislang im Leben nicht als Optimisten gesehen, wobei ich wohl auch kein Pessimist bin – und doch möchte ich mich hier zur optimistischen Seite zählen, frei nach dem Spruch von Theo Lingen:

„Lieber ein enttäuschter Optimist, als ein Pessimist, der recht hat.“

Wir leben in einer Welt mit verschiedenen Ungleichgewichten: arm – reich, Frau – Mann, Schwarze – Weisse, Mensch – Natur, Staat – Wirtschaft. Im Vergleich zu früher haben wir in verschiedenen Punkten Verbesserungen erreicht (das Patriarchat ist rechtlich abgeschafft, in den Köpfen muss noch einiges gehen, Rassismus ist mehr ins Bewusstsein gerückt, etc. ), was Hoffnung auf mehr macht, in anderen Punkten wurde es eher schlimmer (die Ausbeutung der Natur schreitet voran), in meinen Augen aber nicht hoffnungslos. Was sicher ist: Um Veränderungen zu bewirken, bedarf es eines Umdenkens. Wir müssen weg von der Mentalität, dass der Staat unsere Bedürfnisse befriedigen muss, hin zu einem Denken für mehr Gemeinwohl. Weg aus der egozentrierten Selbstoptimierungshaltung hin zu mehr Gemeinsinn. Wir müssen hinsehen und erkennen, welchen Beitrag wir selber leisten. Und wir müssen bereit sein, etwas zu verändern, auch wenn wir selber dadurch Einschränkungen erleben. Wir haben das Glück, in einer Demokratie zu leben, was die wohl einzige Staatsform ist, die Möglichkeiten bietet, gemeinsam Probleme zu bewältigen. Dazu müssen wir uns aber auch einbringen und in den Dialog treten.

Martha Nussbaum: Königreich der Angst

Gedanken zur aktuellen politischen Krise

Inhalt

„Wenn Menschen Angst voreinander und vor einer unbekannten Zukunft haben, führt dies leicht dazu, dass ein Sündenbock gesucht wird, dass Rachefantasien und ein giftiger Neid auf die Bessergestellten (seien es die Wahlsieger oder die sozial und wirtschaftlich Mächtigeren aufkommen.“

Wir leben aktuell in einer Welt, durch die ein tiefer Riss geht. Die gesellschaftliche Spaltung zeigt sich in verschiedenen Bereichen, sie vergrössert sich in den Verhältnissen von arm und reich, aber auch in den verschiedenen Gesinnungen der Menschen. Menschen bilden Gruppen und stellen sich gegen andere Gruppen, man befeuert sich gegenseitig innerhalb der eigenen Gruppe, der Dialog mit der anders denkenden fällt aus. Das Gefühl eines Miteinanders im Grossen ist schon lange Geschichte und die Gräben werden immer tiefer.

Wie kam es dazu? Was hat dazu geführt, dass sich Menschen immer mehr voneinander entfernen und entfremden? Martha Nussbaum geht diesem Problem auf den Grund und kommt zum Schluss, dass politische Vorgänge immer auf Emotionen gründen, allen voran rangiert die Angst. Menschen sehen sich durch die zunehmende Globalisierung immer machtloser und kleiner, sie fürchten um ihren Platz in der Welt. Aus Angst heraus suchen sie Schuldige für diese Gefühle und finden sie auch: Andere Rassen, Geschlechter, Religionen, etc.

Wir müssen diese Mechanismen erkennen, damit wir sie aus der Welt schaffen und wieder zusammenwachsen können. Martha Nussbaums Buch ist ein guter Weg dahin.

Weitere Betrachtungen

„Die Schuldzuweisung gibt uns eine Strategie an die Hand: Jetzt werde ich meinen Willen mit Toben und Lärmen durchsetzen. Doch sie drückt auch ein ihr zugrunde liegendes Bild von der Welt aus: Die Welt sollte uns geben, was wir verlangen. Wenn Menschen das nicht tun, sind sie böse.“

Niemand ist gerne machtlos, man möchte etwas tun, man möchte sich die eigene Welt sichern und sich in der Welt, in der man lebt, zu Hause fühlen. Aus dieser Hilflosigkeit und Angst heraus begehren wir auf, wir nutzen soziale Medien und die Kraft der Gruppe, um unseren Unmut kundzutun. Wir fühlen uns in der Gruppe stark und gehen gegen die Sündenböcke los. Und bei dem Unterfangen erwarten wir, dass der Staat hinter uns steht. Er soll uns die Welt bereiten, die wir uns wünschen. Tut er das nicht, unterstellen wir ihm falsche Interessen und Prioritäten.

In dieser Haltung zeigt sich eines deutlich: Der Mensch sieht sich als Konsument in einer Welt, die für ihn wie ein Markt funktionieren soll. Während laut Forderungen zur Befriedigung der eigenen Interessen gestellt werden, schwindet die aktive Teilhabe an politischen Vorgängen immer mehr.

„In allen Gesellschaften werden Gruppen von Menschen marginalisiert und als zweitrangig behandelt… Im Gegensatz dazu ist in modernen Demokratien die. öffentliche Norm in der Regel eine des gleichen Respekts und der gleichen Berücksichtigung. Wenn es zur Herabstufung einer Gruppe kommt, verletzt dies die eigenen Gerechtigkeitsnormen der Gesellschaft.“

Die Demokratie ist die Staatsform, in der die Macht beim Volk liegt, sprich, das Volk hat es durch seine Teilhabe in der Hand, die Umstände im Sinne der eigenen Werte zu gestalten. Die Verfassung ist Ausdruck dieser Werte, die Umsetzung kann durchgesetzt werden. Dazu bedarf es aber der aktiven Teilhabe durch staatliche Rechtsmittel, lauter Protest und innerstaatliche Grabenkämpfe sind da wenig hilfreich.

Wir müssen aufpassen, denn:

„Die Demokratie kann zerbrechen, wenn wir der Angst nachgeben.“

Persönlicher Bezug

„Sokratisches Denken ist eine Praxis der Hoffnung, weil es eine Welt des Zuhörens, der leisen Stimmen und des gemeinsamen Respekts vor der Vernunft schafft.“

Ich wünsche mir eine Welt, in der wir wieder miteinander reden und gemeinsam für die gute Sache kämpfen. Ich wünsche mir eine Welt, in der nicht der recht hat, welcher am lautesten schreit, sondern wir durch das Zusammentragen von verschiedenen Stimmen eine gemeinsame Lösung finden. Ich wünsche mir eine Welt, in der wir einander wieder zuhören, voneinander lernen, aneinander wachsen. Ich wünsche mir eine Welt, in der wir uns nicht immer weiter voneinander entfernen, sondern wieder mehr zusammenwachsen.

Fazit
Ein tiefgründiges, differenziertes und doch gut lesbares Buch über das Phänomen der Angst und deren gefährlichen Folgen für die Gesellschaft und die Demokratie. Sehr empfehlenswert.

Autorin
Martha Nussbaum ist Philosophin und Professorin für Rechtswissenschaften und Ethik an der University of Chicago. Mit ihrem umfangreichen Werk hat sie mehrere Literaturpreise und über sechzig wissenschaftliche Ehrengrade erhalten und gilt als eine der profiliertesten Philosophinnen der Gegenwart.

Angaben zum Buch
Herausgeber: wbg Theiss in Wissenschaftliche Buchgesellschaft (WBG); 1. Edition (14. Januar 2019)
Gebundene Ausgabe: 304 Seiten
Übersetzung: Manfred Weltecke
ISBN-Nr.: 978-3806238754

Wie retten wir unsere Demokratie?

Am 24. Juni 1995 wurde Südafrika zum Rugby-Weltmeister gekürt. Rugby war in Südafrika bis dahin der Sport der Weissen gewesen, Schwarze wurden lange Jahre vom Sport ausgeschlossen. Nelson Mandela wollte aufzeigen, dass Sport verbinden kann, er überreichte dem Siegerteam in dessen Trikot die Trophäe und zu Tränen gerührt verkündeten die Spieler, diesen Sieg für ganz Südafrika geholt zu haben. An diesem Abend feierten alle gemeinsam, Schwarze und Weisse, diesen Triumph. Die Springboks, die früher für die Apartheid standen, wurden zu einem Symbol der Hoffnung. Das hätte nach den Jahren der Apartheid mit all ihren grausamen, diskriminierenden Massnahmen gegen die schwarze Bevölkerung der Anfang eines friedlichen Zusammenlebens sein können. Leider fehlte dafür der Mann, der es in die Hand nahm, und die rassistischen Zustände in Südafrika verstärkten sich wieder.

Was Nelson Mandela aufzeigte, war, dass wir verbindende Massnahmen brauchen, keine trennenden, wenn wir einem System Herr werden wollen, das Menschen diskriminiert. Die Menschen weiter gegeneinander aufzuhetzen, um eigene Interessen (so wichtig und richtig sie auch sein mögen) durchzusetzen, wird zu keinem friedlichen Miteinander führen. Leider ist das bis heute in vielen Köpfen nicht angekommen, im Gegenteil:

Immer mehr (mehrheitlich) Linke konzentrieren sich auf eine Identitäts-Politik, indem sie sich auf eine Gruppe von Minderheiten konzentrieren, deren Rechte sie durchsetzen wollen. Zwar ist der Einsatz für benachteiligte Gruppen und deren Gleichberechtigung und Würde zu befürworten, allerdings werden dazu aktuell mehrheitlich Opfernarrative bemüht, welche dazu dienen sollen, sich gegen andere Gruppen zu behaupten. Das führt dazu, dass es zu einer immer grösseren Aufspaltung der Gesellschaft kommt. Die Menschen fühlen sich nicht mehr als Teil der (staatlichen) Gemeinschaft, sondern als Teil einer kleinen Gruppe, welche gegen andere Gruppen kämpft. Die Solidarität untereinander nimmt ab, der Blick aufs Gemeinwohl schwindet zugunsten der Fokussierung auf partielle Interessen. Der Politologe Francis Fukuyama sieht in dieser Bewegung die Gefahr eines neuen Tribalismus.

Dass bei dieser Entwicklung immer auch Menschengruppen durch die Maschen der Aufmerksamkeit fallen, bleibt nicht aus. Vor allem die Arbeiterklasse, mehrheitlich weisse Europäer, Menschen, die finanziell und sozial am unteren Ende der Gesellschaft stehen, fühlen sich nicht mehr beachtet, sie fühlen sich in ihren Sorgen und Nöten nicht mehr wahr- und ernstgenommen und damit in der Gesellschaft und von der Politik nicht mehr repräsentiert. Das spielt populistischen Parteien in die Hände, die sich diesen Menschen annimmt und ihnen versprechen, was sie vermissen. Sie scheinen ihnen so die verloren gegangene Würde zurückzugeben. Diese Tendenz zeigt sich in vielen Nationen, in denen es zu einem deutlichen Rechtsrutsch und zu Erfolgen populistischer Parteien gekommen ist.

Ich denke, in unseren Breitengraden kann man von einer allgemeinen Befürwortung des demokratischen Systems sprechen – welches andere politische System wäre besser? Eine liberale Demokratie gestattet es dem Menschen, in grösstmöglicher Freiheit im Wissen um den Schutz derselben und der eigenen Person und Eigentumsverhältnisse zu leben und an der Steuerung des Landes teilzuhaben durch die demokratischen Mittel, die das Volk gemeinsam in den Händen hat. Nur: Diese Befürwortung verkommt mehr und mehr zur Theorie, die tatsächliche Lage der Nation sieht anders aus.

Wollen wir die Demokratie retten und damit ein Gesellschaftssystem der Teilhabe bewahren, müssen wir den Blick wieder vermehrt auf das Gemeinwohl lenken. Oft wird das mit einem Abbau individueller Rechte und Freiheiten gleichgesetzt, was aber nicht stimmt, eigentlich im Gegenteil. Indem wir uns politisch dafür einsetzen, dass wir ein System realisieren können, in welchem Diskriminierung und Unterdrückung beseitigt werden, in welchem jeder Bürger die gleichen Rechte an der Teilhabe und Möglichkeiten, seine Fähigkeiten zu verwirklichen, hat, verbessern wir die Lage jedes Einzelnen und fördern auch das Gemeinwohl, weil eine Gesellschaft mit weniger Ungleichheiten zugleich eine besser gestellte ist, eine, in welcher Menschen untereinander eine Verbindung spüren und nicht gegeneinander ins Feld ziehen.

Die Grundfragen, die sich stellen, sind immer wieder dieselben:

Was ist ein gutes Leben?
In was für einer Gesellschaft wollen wir leben?

Wenn wir nur darauf fokussieren, was für uns persönlich ein gutes Leben wäre, dabei nicht berücksichtigen, dass wir als Individuen nie ohne die soziale Welt auskommen können, ignorieren wir die Bedingungen, die überhaupt erst ein gutes Leben ermöglichen. Der Blick auf Einzelinteressen wird immer zum Ausschluss der Anderen führen und damit nichts Gutes bringen. Identitätspolitik, die nur die Interessen der eigenen Gruppe vertritt, wird für diese Gruppe und die Gemeinschaft keine gute Welt schaffen. Es wäre an der Zeit, sich wieder mehr auf den integrativen Charakter der Demokratie zu konzentrieren. Wir müssen als Gemeinschaft für gerechte Strukturen innerhalb unseres demokratischen Systems sorgen, wir haben es durch unsere Teilhabe an politischen Entscheiden in der Hand, unser Land mitzugestalten und damit die Lebensbedingungen der Menschen in ihm.

Fukuyamas Lösung für das Problem besteht darin, „größere und einheitlichere nationale Identitäten zu definieren, welche die Mannigfaltigkeit liberaler demokratischer Gesellschaften berücksichtigen“*. Es gilt, ein nationales Bewusstsein zu entwickeln, das auf Rechtsstaatlichkeit, Gleichberechtigung und Menschenwürde baut und nicht durch Volkszugehörigkeit, Rasse, Geschlecht oder Religion bestimmt ist. Dieses einende Bewusstsein könnte auch der Tendenz der letzten Jahre, dass immer weniger Menschen wirklich an der Demokratie partizipieren, entgegen wirken. Dies war nämlich ein weiterer Effekt der vermehrten Individualisierung: Man war kaum mehr bereit, sich für etwas zu engagieren, zu dem man sich nicht zugehörig fühlt.

Um diese Teilhabe wirklich zu befördern, bedarf es einer politischen Bildung, die bereits in der Schule stattfinden müsste. Demokratisches Handeln muss gelernt, Werte und Möglichkeiten müssen vermittelt werden, damit sie umgesetzt werden können. Dazu gehört auch der Blick auf Missstände wie Diskriminierung. Dazu gehört auch der Blick auf historisches Unrecht, das es künftig zu vermeiden gilt. Dazu gehört auch der Blick aufs Ganze, weg vom Einzelnen. Nur wenn wir sehen, dass wir nicht nur vom Staat fordern können, was wir denken, dass es uns gebührt, sondern als Bürger auch etwas zurückgeben müssen, werden wir einen Staat und damit ein Zusammenleben gestalten können, in dem jeder die Anerkennung bekommt, die ihm zusteht, weil er ein Mensch unter Menschen ist und dadurch die gleiche Würde, den gleichen Wert besitzt.

____

*vgl. zu dem Thema Francis Fukuyama, Identität: Wie der Verlust unserer Würde die Demokratie gefährdet

Flüchtlinge – oder: Werte auf dem Prüfstand

Lange dachten viele von uns hier im westlichen Europa, wir wären die Generationen, die nie einen Krieg erlebt haben oder erleben würden. Zwar gab es auf der Welt durchaus Krieg, doch der war immer woanders. Er war weit weg und wir verschlossen die Augen, so gut es eben ging. Gestört in unserer heilen Welt wurden wir nur, wenn Menschen aus Kriegsgebieten plötzlich in Scharen über die Grenzen wollten, wenn Menschen, die nicht mehr bleiben konnten, wo sie waren, Zuflucht suchten.

Unsere Sicht mussten wir revidieren. Es ist Krieg. Und er ist nicht so weit weg, als dass er uns nicht betreffen müsste. Ein machtbesessener, grössenwahnsinniger und selbstherrlicher Herrscher will sich ein Denkmal setzen und sein Machtgebiet zu ihm genehmen Grössen anwachsen lassen. Dafür geht er sprichwörtlich über Leichen, überschreitet mit fadenscheinigen (wenn auch durchaus immer mit ein bisschen Wahrscheinlichkeit behafteten) Gründen ebenso sprichwörtlich die Grenzen. Die Ukraine verteidigt ihr Land, sie sagen, wenn nötig mit allem, was nötig ist, was schlussendlich das Leben sein kann. Und oft sein wird. Viele Menschen fliehen, weil ein Leben so nicht mehr lebenswert, oft nicht mal mehr lebbar ist. Häuser liegen in Trümmern, die Welt, wie sie mal war, existiert für sie nicht mehr.

„Flüchtlinge sind heutzutage jene unter uns, die das Pech hatten, mittellos in einem neuen Land anzukommen und auf die Hilfe der Flüchlingskomitees angewiesen waren.“*

Diese Worte stammen von Hannah Arendt, zum ersten Mal erschienen sie 1943 in der Zeitschrift The Menorah Journal im Aufsatz We Refugees (Wir Flüchtlinge). Auch wenn sie sich in diesem Aufsatz auf die Flucht der Juden aus Deutschland bezieht, hat sich an der Grundproblematik bis heute nichts geändert – das Thema ist aktuell und wird es so lange bleiben, wie irgendwo auf der Welt Krieg herrscht.

„Wir haben unser Zuhause und damit die Vertrautheit des Alltags verloren. Wir haben unseren Beruf verloren und damit das Vertrauen eingebüsst, in dieser Welt irgendwie von Nutzen zu sein.“*

Immer wieder hört man, Flüchtlinge überfluten unsere Länder, sie machen unsere Kultur kaputt, weil sie zu viel von ihrer mitbringen. Die Menschen hier sehen sich in ihrer Identität gefährdet, weil sie plötzlich mit Neuem konfrontiert sind. Nur: Wenn man sich mal mit der anderen Seite befasst, sieht man, dass nicht die Menschen hier es sind, deren Identität in Gefahr ist. Die Menschen, die hier herkommen, die ihre Sprache, ihre Gebräuche, ihre Gewohnheiten hinter sich lassen mussten, oft auch die Mehrheit der Familie und Freunde, sie sitzen in einem fremden Land, in dem sie von vielen nicht willkommen sind, sind fremden Bräuchen ausgeliefert und haben vieles, das Bestandteil ihrer Identität war, verloren. Vielleicht ist es vor diesem Hintergrund klar, dass sie sich ein paar Dinge bewahren wollen – und sei es nur die Religion, die denen, die glauben, Halt geben kann in einer sonst haltlosen Situation.

„Der Mensch ist ein geselliges Tier, und sein Leben fällt ihm schwer, wenn er von seinen sozialen Beziehungen abgeschnitten ist. Moralische Wertvorstellungen sind viel leichter im gesellschaftlichen Kontext aufrecht zu erhalten.“*

Man sperrt Flüchtlinge in Heime, am liebsten möglichst weg von den Siedlungen der Menschen hier. Es wird von Standortentwertung gesprochen durch Flüchtlingsheime, man fürchtet um Leib und Leben, fühlt sich nicht mehr sicher, wenn die Flüchtlinge hier sind. Fast könnte man meinen, es ginge um eine Horde wilder Tiere, über die gesprochen wird, aber nein, es sind Menschen.

Leiden verbindet, insofern ist es nicht verwunderlich, dass Menschen, die hierher kamen durch eine Flucht, sich aneinander halten. Da viele hier zudem Berührungsängste haben, bleibt den Neuankömmlingen (diese Bezeichnung hätte sich Hannah Arendt statt Flüchtling gewünscht) wenig anderes übrig. Genau das ist aber problematisch. Wie sollen sich Menschen hier integrieren können, wenn man sie ausschliesst? Wie sollen sie unsere Gebräuche kennenlernen und sich einbringen lernen, wenn man sie nicht lässt? Wie sollen sie sich hier heimisch fühlen, wenn man sie wie Aussätzige behandelt?

Wir sprechen immer von Menschlichkeit und Mitgefühl, schreiben ethische Werte auf unsere Flaggen, aber: Wenn es drauf ankommt, ist sich oft jeder der Nächste. Dann zählt plötzlich der Schutz der eigenen Persönlichkeit, die man durch das Kommen (zu vieler, wie man findet) Fremder gefährdet sieht, mehr als Hilfe für oft um Leib und Leben bangende Menschen, die die grössten Strapazen auf sich nahmen, nur um wenigstens eine Chance auf Überleben zu haben. Schön wäre es, würde es nicht beim Überleben bleiben, sondern ein Leben draus. Und da sind wir gefordert.

Flüchtlinge nehmen uns nicht die Arbeit weg, sie haben ihre verloren. Sie stehlen auch unser Geld nicht. Wir haben Gesetze und Richtlinien, wie man Menschen in welchen Notlagen helfen kann – so funktioniert ein Sozialstaat, zu dem wir alle grundsätzlich ja sagen – ansonsten müsste man die gesetzlichen Grundlagen ändern, nicht den Flüchtlingen die Schuld zuweisen, denn sie haben weder die Gesetze gemacht noch können sie irgendwas hier bewegen. Insofern sind sie Gäste in einer fremden Kultur, an der sie in vielen Bereichen nicht teilhaben können.

Es wird nun an uns sein, zu zeigen, dass Werte wie Menschlichkeit, Empathie und Solidarität nicht nur leere Worte sind. Es wird an uns sein, Gastfreundschaft zu zeigen, gemeinsam ein gesellschaftliches Klima zu schaffen, in welchem Menschen, die dringend Zuflucht brauchen, diese finden und fühlen: Hier darf ich sein, hier kann ich auf- und durchatmen.

___

*Hannah Arendt: Wir Flüchtlinge

In der Welt zu Hause sein


Wir werden in eine Welt geworfen, die wir uns nicht ausgesucht haben und die nicht auf uns gewartet hat. Wir wachsen in diese Welt hinein, lernen, wie sie funktioniert, was von uns erwartet wird. Je nach Kultur und Zeit und sozialem Umfeld sehen diese Erwartungen anders aus, was überall gleich ist: Wir sollten sie erfüllen. Doch was, wenn sich diese Erwartungen nicht passend anfühlen? Was, wenn wir es nicht schaffen, sie zu erfüllen? Was, wenn wir uns fremd in dieser Welt fühlen, die doch die unsere ist, entfremdet von der Welt durch unser und in unserem Sein?

„Ob Leben gelingt oder misslingt, hängt davon ab, auf welche Weise Welt (passiv) erfahren und (aktiv) angeeignet oder anverwandelt wird und werden kann…Zentral ist die Idee einer Differenz zwischen gelingenden und misslingenden Weltverhältnissen, die sich nicht am Ressourcen- oder Verfügungsreichtum und auch nicht an der Weltreichweite festmachen lässt, sondern am Grad der Verbundenheit mit und der Offenheit gegenüber anderen Menschen (und Dingen).“ *


Eine Welt, die wir als für uns passend wahrnehmen, muss etwas in uns zum Klingen bringen. Wir müssen eine Verbindung wahrnehmen, etwas, an das wir mit unserem Sein anknüpfen können. Wir müssen in unserem So-Sein die Welt als etwas erfahren, in dem wir aufgehoben sind, das uns etwas angeht, weil sie zu uns spricht.

„Subjektivität [entsteht] immer schon aus und in einer Bezogenheit auf Welt… Subjekte erfahren sich als in eine Welt gestellt, die sie etwas angeht, und dieses ‚Angehen‘ ist von positiver oder negativer Bedeutsamkeit. Die Dinge sprechen uns an oder sagen uns zu – oder sie stossen uns ab; wenn uns etwas nichts sage, so impliziert dies, dass wir keine Beziehung dazu haben.“*

Wir leben als Individuen nie unabhängig von der Welt, unser Selbst bestimmen wir immer relational zur Umwelt. Egal, ob uns diese gefällt oder eher abstösst, wir setzen uns dazu in Bezug und schaffen aus dieser Beziehung unser Selbstbild. Diese Bestimmung ist allerdings nicht für immer festgesetzt, sie ist nicht in Stein gemeisselt, sondern sie kann sich über die Zeit auch verändern.

„Weltbeziehungen sind stets dynamisch, sie konstituieren sich in und durch die prozesshaften Begegnungen von Subjekt und Welt.“*

Das hängt damit zusammen, dass sich die Welt verändert durch das, was tagtäglich in ihr vorgeht, aber auch, weil wir uns selber verändern – besonders stark im Heranwachsen, aber auch später noch. Je nach Lebensabschnitt befinden wir uns an einer anderen Stelle in unserem Sein und damit auch in einer anderen Rolle in der Welt, die uns umgibt. Einerseits haben wir andere Bedürfnisse an diese je nach Lebensplan, andererseits hat auch sie andere Erwartungen an uns. Dieses Zusammenspiel von Erwartungen und Anpassungen, von Beziehungsgefügen ist ein dynamisches, aber in dieser Dynamik kontinuierlich wandelndes.

Die Frage nach dem eigenen Sein, nach dem gelingenden Leben, kann nie im luftleeren Raum gestellt werden. Wir sind als soziale Wesen in eine Welt und ein menschliches Umfeld eingebettet, mit dem wir in einer irgendwie gearteten Beziehung stehen. Einerseits prägt uns dieses Umfeld, andererseits wollen wir uns in diesem Umfeld behaupten als die, die wir sind. Wir wollen ein Leben leben, das dem entspricht, das wir für uns als die, als die wir uns sehen, passend erachten.

Fühlen wir uns mit diesem Lebensentwurf nicht mehr zur Welt passend, kommt es zu einem Gefühl von Entfremdung. Zwar können wir uns nicht aus der Beziehung zu dieser Welt lösen, doch wir können sie auch nicht leben. Wenn wir uns zu sehr in die Welt einfügen, kann es dazu führen, dass wir uns von uns selbst entfremden. Ein gelingendes Leben kann also nur dann stattfinden, wenn zwischen uns und der Welt eine Beziehung besteht, die lebt.

„Die Vorstellung, dass Menschen selbstinterpretierende Wesen sind, impliziert, dass ihre Weltbeziehungen niemals schlechthin gegeben sind, sondern in individuellen und kulturellen Deutungsprozessen stetig artikuliert, re-konstituiert, verhandelt und transformiert werden. Sie bedeutet zugleich, dass Selbstinterpretation immer und notwendig auch Weltinterpretationen sind und umgekehrt.“*

Nun ist die Welt nicht einfach gesetzt im Sinne einer unveränderlichen objektiven Grösse. Die Welt ist immer auch das, was wir in ihr sehen, wie wir sie deuten, interpretieren. Insofern schaffen wir uns unsere Welt zu einem Stück selber durch die Perspektive, die wir ihr gegenüber einnehmen. Um also zu einem gelingenden Leben innerhalb der Welt um uns zu gelangen, bedarf es eines offenen Blickes auf diese Welt. Wir müssen bereit sein, uns von der Welt berühren zu lassen. Wir müssen sie mit all ihren Möglichkeiten und von verschiedenen Seiten betrachten und nach Antworten suchen auf unser Fragen an das Leben und die Welt. Wo finden wir einen Resonanzrahmen, wo die Möglichkeit, uns mit unseren Bedürfnissen wahr- und angenommen zu fühlen? Ebenso müssen wir offen bleiben gegenüber den Bedürfnissen der Menschen um uns und auf diese antworten. Erst durch dieses gegenseitige In-Beziehung-Treten, das sich als gegenseitige Anerkennung*** äussert, wird ein gelingendes Leben als soziale Menschen in einer gemeinsamen Welt möglich.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass für ein gelingendes Leben zuerst ein Selbstbild nötig ist, welches wir durch unseren Weltbezug und unsere Bedürfnisse für unser in der Welt Sein festlegen. Zweitens bedarf es eines aktiven In-Beziehung-Tretens, indem wir nach Antworten suchen und im Gegenzug auch auf die Welt antworten, so dass ein Resonanzraum entsteht. Durch diese Interaktion des gegenseitigen Aufeinander-Beziehens, durch die gegenseitige Anerkennung, verhaften wir uns in der Welt als selbstbestimmte Wesen, die gemeinsam mit anderen als je eigenständige und selbstbestimmte Wesen an dieser Welt partizipieren.


*Zitate aus: Hartmut Rosa, Resonanz
**mehr zum Thema Entfremdung: Rahel Jaeggi, Entfremdung
***mehr zum Thema Anerkennung: Axel Honneth

Buchtipps zum Thema

  • Hartmut Rosa: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, Suhrkamp Verlag, Berlin 2016.
  • Rahel Jaeggi: Entfremdung, Suhrkamp Verlag, Berlin 2016.
  • Axel Honneth: Kampf um Anerkennung, Suhrkamp Verlag, Berlin 2016.

Carolin Emcke: Gegen den Hass

Inhalt

„Der Hass richtet sich das Objekt des Jasses zurecht. Es wird passgenau gemacht.“

Was geht in Menschen vor, die andere bedrohen, angreifen, verletzen, abwerten? Was bewegt Menschen, anderen Leid anzutun, nur weil sie von dem abweichen, was man selber als Norm gesetzt hat? Wir scheinen in einer Welt zu leben, die Pluralität ausschliessen möchte, um unter Gleichen gefühlt sicher zu leben. Dass damit eine Demokratie nicht lebbar ist, ist das Eine, das Andere ist, dass wir auf diese Weise kein friedliches Miteinander erreichen werden als Gesellschaft.

Carolin Emcke geht der Frage nach dem Hass nach, sie hinterfragt die Beweggründe und Muster desselben, zeigt auf dessen Auswirkungen für einzelne Menschen, die Gesellschaft und das politische System. Sie ruft auf zu mehr Mut zum Widerstand, zur Akzeptanz von Pluralität und zu einer humanistischeren Haltung.

Weitere Betrachtungen

„Sie müssen sich sicher sein. Ohne jeden Zweifel. Am Hass zweifelnd lässt sich nicht hassen. Zweifelnd könnten sie nicht so ausser sich sein. Um zu hassen braucht es absolute Gewissheit. Jedes Vielleicht wäre da störend. Jedes Womöglich unterwanderte den Hass, zöge Energie ab, de doch gerade kanalisiert werden soll. Gehasst wird ungenau.“

Hass ist ein starkes Gefühl und dahinter steckt eine Sicherheit, dass er gerechtfertigt ist. Das Bild steht, die Meinung ist gemacht, der Andere ist der Feind und man kann diesem nur mit Hass begegnen, da er das Eigene gefährdet. So wenig differenziert und doch so in Stein gemeisselt erscheint die Gesinnung, die sich als Rassismus und Fanatismus äussert.

„Gehasst wird aufwärts oder abwärts, in jedem Fall in einer vertikalen Blickachse, gegen „die da oben“ oder „die da unten“, immer ist es das kategorial „Andere“, das das „Eigene“ unterdrückt oder bedroht…“

Feindbilder verbinden und trennen. Sie verbinden die Einen mit den Gleichgesinnten, den Mithassern, weil allen gemeinsam das Feindbild der Anderen ist, gegen welche sie mit vereinten Kräften vorgehen in ihrem Hass.

„Um dem Hass und dem Fanatismus mit Reinheit zu begegnen, braucht es aber auch zivilgesellschaftlichen (und zivilen) Widerstand gegen die Techniken des Ausgrenzens und Eingrenzens, gegen die Raster der Wahrnehmung, die manche sichtbar und andere unsichtbar machen, gegen die Blick-Regime, die Individuen, nur noch als Stellvertreter von Kollektiven gelten lassen. Es braucht mutigen Einspruch gegen all die kleinen und gemeinen Formen der Demütigung und der Erniedrigung ebenso wie Gesetze und Praktiken des Beistands und der Solidarität mit denen, die ausgeschlossen werden.“

Wir können dem nur begegnen, wenn wir aufhören, Fronten zu bilden, wenn wir das Trennende durch das Verbindende ersetzen. Wir müssen uns bewusst werden, wo Aus- und Eingrenzungen stattfinden, müssen hinter diese Mechanismen blicken und die sie auslösenden Annahmen entkräften. Wir müssen wieder beginnen, Menschen als Individuen zu sehen und nicht als Vertreter eines (fremden und deswegen abgelehnten) Kollektivs. Wir müssen hinschauen, wenn Menschen gedemütigt und diskriminiert werden und uns dagegen stellen. Schweigen ist feige, Schweigen über Hass, Rassismus und Fanatismus, über Gewalt und Diskriminierung ist im Grunde Unterstützung von alledem.

„Nur wenn die Raster des Hasses ersetzt werden, nur wenn „Ähnlichkeiten entdeckt (werden), wo vorher nur Differenzen gesehen (wurden), kann Empathie entstehen.“

Persönlicher Bezug

„Du willst, dass es aufhört. Du willst nicht, dass nur manche sichtbar sind, nur diejenigen, die irgendeinem Ebenbild entsprechen, das jemand einmal erfunden und als Norm ausgegeben hat. Du willst, dass es reicht, ein Mensch zu sein, dass es keine weiteren Eigenschaften oder Merkmale braucht, um gesehen zu werden… Du willst, dass es aufhört, weil es eine Kränkung für alle ist, nicht nur für diejenigen, die übersehen und zu Boden gestossen werden.“

Es fängt vieles schon bei uns selber an. Wenn wir uns selber hassen, stufen wir uns automatisch tiefer ein als andere und der Umstand, dass die Anderen dann über uns stehen, gibt ihnen quasi mehr Wert und damit mehr Rechte – zu Unrecht. Kein anderer hat das Recht auf unsere Psyche oder unseren Körper. Was so offensichtlich klingt, ist im Alltag vieler nicht so einfach. Wir leben in Systemen, welche Wertverteilungen und Marginalisierungen in sich tragen und die in diesen Systemen Lebenden bis tief ins Unbewusste prägen. So sind wir uns der eigenen Abwertung oft nicht bewusst. Und genauso unbewusst fallen Abwertungen anderer aus – wir verhalten uns in einer kulturell geprägten Art und unterstützen damit immer weiter die strukturelle Gewalt.

So gesehen sind wir nicht einfach Opfer einer Kultur, wir haben einiges selber in der Hand. Aber wir leben in ebendieser Kultur und müssen ihre zugrundeliegenden Muster und Prägungen aufdecken und durchbrechen, um zu einer Veränderung zu kommen.

Fazit
Ein analytisches, differenziertes, ausführliches Buch über die gefährlichen Mechanismen und Auswirkungen von Ausgrenzung, Diskriminierung und Hass. Sehr empfehlenswert.

Autorin
Carolin Emcke, geboren 1967, studierte Philosophie in London, Frankfurt/Main und Harvard. Sie promovierte über den Begriff »kollektiver Identitäten«.Von 1998 bis 2013 bereiste Carolin Emcke weltweit Krisenregionen und berichtete darüber. 2003/2004 war sie als Visiting Lecturer für Politische Theorie an der Yale University.Sie ist freie Publizistin und engagiert sich immer wieder mit künstlerischen Projekten und Interventionen, u.a. die Thementage »Krieg erzählen« am Haus der Kulturen der Welt. Seit über zehn Jahren organisiert und moderiert Carolin Emcke die monatliche Diskussionsreihe »Streitraum« an der Schaubühne Berlin. Für ihr Schaffen wurde sie mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Theodor-Wolff-Preis, dem Otto-Brenner-Preis für kritischen Journalismus, dem Lessing-Preis des Freistaates Sachsen und dem Merck-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. 2016 erhielt sie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Bei S. Fischer erschienen ›Von den Kriegen. Briefe an Freunde‹, ›Stumme Gewalt. Nachdenken über die RAF‹, ›Wie wir begehren‹, ›Weil es sagbar ist: Über Zeugenschaft und Gerechtigkeit‹ sowie ›Gegen den Hass‹.

Angaben zum Buch
Herausgeber: FISCHER Taschenbuch; 3. Edition (23. Mai 2018)
Taschenbuch: 240 SeitenISBN-Nr.: 978-3596296873

Was kann ich wissen?

„Was kann ich wissen?“

Dies ist nach Kant eine der vier grundlegenden Fragen der Philosophie. Es ist aber nicht nur eine Frage, er drückt damit zugleich aus, dass man wohl nie alles wissen kann, dass das (menschliche) Wissen Grenzen hat. Die Welt ist zu gross, um sie ganz zu erfassen, der eigene Blick ist viel zu eingeschränkt, sogar der Blick der ganzen Menschheit wäre es wohl noch, da es immer Dinge geben wird, die unser Fassungsvermögen übersteigen. Was also von all dem, was es gibt, können wir erkennen, verinnerlichen und zu Wissen erklären?

In den letzten Tagen, Monaten, Jahren schien es auf der Welt immer mehr Menschen zu geben, die alles zu wissen schienen. Sie kannten alle Fakten und Hintergründe, konnten die interpretieren und daraus auch die richtigen Handlungsoptionen ableiten. Mit einer unverwüstlichen Überzeugung riefen sie ihre Meinungen laut in die Welt und waren anderen Argumenten und Meinungen gegenüber verschlossen, denn: Sie wussten es ja besser. Ein Diktum sagt: Wissen ist Macht – und diese Macht sahen sie bei sich.

Etwas wissen zu wollen, zeugt von Neugier, es drückt einen Lerneifer aus, der uns lebendig fühlen lässt, weil wir durch alles, was wir lernen, wachsen. Da wir in einer leistungsorientierten Gesellschaft leben, bekommt Wissen noch eine zweite Komponente: Angehäuftes Wissen in Form von Schulabschlüssen öffnet uns die Bahn in die Arbeitswelt, es verspricht Geld und Ehre. Wir können also stolz sein, wenn wir etwas wissen oder können, denn damit erfüllen wir die Massstäbe unserer Gesellschaft. Im Gegenzug dazu gilt Nicht-Wissen als schändlich. Wir fühlen uns dumm, wenn wir eingestehen müssen: Das weiss ich nicht. Die Blösse geben wir uns ungern.

Es stellt sich nun die Frage: Wenn Wissen Macht ist, bedeutet Nicht-Wissen dann nicht auch eine Art von Ohnmacht? Indem ich etwas nicht weiss, unterliege ich der Macht des Wissenden und diese spielen einige gerne aus, weil sie sich in der Machtposition suhlen wollen. Das haben wir schön gesehen in Fällen, in denen Wissen zu nichts weiterem führt als einer Anerkennung in gewissen Kreisen von Gleichgesinnten, aber: Diese Anerkennung war sicher. Durch das geteilte Wissen, das man den selbst erklärten Nicht-Wissenden vor die Füsse warf, sah man sich selber als den Mächtigen und wuchs damit in der eigenen Anerkennung sowie in der eigenen Gruppe, von welcher man Rückhalt kriegte.

Oft wird für solches Verhalten die Demokratie ins Feld geführt, es heisst, man dürfe seine Meinung sagen. Zudem klagt man gut und gerne mit dieser Meinung die eigene Freiheit und die eigenen Rechte ein, die man nach eigenem Befindet gefährdet, wenn nicht zu stark eingeschränkt oder gar eliminiert sieht. Nun sind die Möchtegern-Wissenden meist in der Minderheit, was nicht per se heisst, dass sie falsch liegen, aber: Eine Demokratie fusst auf der Mehrheitsfähigkeit. Mehr noch: Sie steht auch nur dann sicher, wenn sie auf einem gefundenen Konsens basiert, mit welchem sich alle durch einen Austausch auf Augenhöhe einverstanden erklären können. Wenn wir jedoch Fronten bilden zwischen Wissenden und Nicht-Wissenden (die Kategorien sind oft gegenseitige Zuschreibungen) befinden wir uns nicht mehr auf Augenhöhe und ein Dialog ist nicht mehr möglich, oft nicht mal gewollt.

Es sind meist Krisen, die solche Tendenzen offen legen. Die gefühlte Ohnmacht durch die Umstände, eine gefürchtete Bedrohung, die einen den Halt verlieren lässt, bringt das Bedürfnis nach Halt mit sich. Weil wir verlernt haben, an das grosse Ganz zu glauben, suchen wir Rückhalt in kleinen Gruppen, in welchen wir Solidarität mit den eigenen Ängsten, Nöten und Bedürfnissen sowie den eigenen Meinungen finden. Dadurch geht die Solidarität mit der Gesellschaft als ganze verloren. Je tiefer die Spaltung wird, desto grösser die Verbissenheit, das Beharren auf den eigenen Meinungen, da man sich „den Anderen“ immer fremder fühlt und diese dadurch immer mehr zu Feindbildern werden.

„Was können wir wissen?“

Meist nur das, was uns unser eigener Horizont und die aktuelle Situation zugänglich machen. Wissen ist also nie absolut und auch nie abgeschlossen. War die Erde einst eine Scheibe, ist sie nun eine Kugel. Dies nur einer der Irrtümer aus der Geschichte. Der, welcher ihn aufdeckte, hatte keinen einfachen Stand, weil alle anderen es besser zu wissen glaubten. Wenn wir erkennen, dass unser heutiges Wissen morgen überholt sein kann, wäre das ein erster Schritt zu mehr Offenheit und damit weg von der Verbissenheit des Behauptens.

Rilke schrieb einst:

„Ich kann mir kein seligeres Wissen denken, als dieses Eine: Dass man ein Beginner werden muss. Einer, der das erste Wort schreibt hinter einen jahrhundertelangen Gedankenstrich.“

Im Buddhismus gibt es das, was man Anfängergeist nennt. Es bedeutet, dass man jeden Tag wieder neu in die Welt hinaus gehen und diese wieder mit neuen Augen sehen soll. Erst dann nehmen wir nämlich wahr, was wirklich da ist. Dann ist ein Baum nicht einfach ein Baum, sondern ein ganz spezieller, einzigartiger. Wir sehen die Welt nicht mehr durch den Schleier unserer vorgefassten Meinungen, die alles prägen, sondern in ihrem aktuellen Zustand, der vielleicht anders ist als er gestern noch war. Und ja, vielleicht erweist sich eine Meinung von gestern plötzlich als falsch, vielleicht merkt man, dass man in gewissen Bereichen doch nicht so viel weiss, wie man glaubte. Mit dieser Haltung könnte man auch wieder ins Gespräch kommen, statt dieses gleich im Keim durch eigenes Wissenwollen zu ersticken. Das wäre eine Chance für uns als Menschen und als Gesellschaft. Das wäre ein Weg hin zu mehr Miteinander. Das wäre eine gelebte Demokratie.

Svenja Flasspöhler Sensibel

Über moderne Empfindlichkeit und die Grenze des Zumutbaren

Inhalt

„Offenbar sind wir mehr denn je damit beschäftigt, das Limit des Zumutbaren neu zu justieren. Doch fährt sich der Diskurs hierüber zunehmend fest: Liberale und Egalitäre, Rechte und Linke, Alte und Junge, Betroffene und Nicht-Betroffene stehen sich unversöhnlich gegenüber.“

Wir leben in einer Gesellschaft, die durch zunehmende Sensibilisierung um gegenseitige Anerkennung kämpft, die Menschen in ihrer Verletzlichkeit schützen will und dafür Mittel und Wege findet im Umgang miteinander in verschiedenen Bereichen. Svenja Flasspöhler streicht die Errungenschaften dieser Haltung heraus, beleuchtet aber auch kritisch ihre Gefahren:

Entmündigt eine Gesellschaft, die alles unternimmt, Verletzungen zu vermeiden, nicht auch das Individuum, da es dieses aus der Pflicht der Selbstbehauptung und Selbstermächtigung nimmt und es als hilfloses Opfer äusserer Umstände betrachtet? Müsste im Kampf um Emanzipation und Gleichberechtigung nicht auch das Individuum selber seine Widerstandskraft trainieren?

Entstanden ist ein gut lesbares, informatives, differenziertes Buch über die Möglichkeiten, wie ein Weg in eine gleichberechtigte Gesellschaft gelingen kann, welcher immer ein gemeinsamer sein muss.

Weitere Betrachtungen

„Unbestritten gehört es zu den Errungenschaften der Emanzipation, dass man Menschen nicht auf ihr Geschlecht reduziert, sondern für das anerkennt, was sie können und machen. Wenn es gelänge, das generische Maskulinum als universale, geschlechtsunabhängige Bezeichnungspraxis zu nehmen, die es rein formal eben ist: Böte es dann nicht ein erstaunliches emanzipatorisches Potenzial – und zwar gerade durch seine umfassende Bezeichnungskraft, die nicht nur einzelne Gruppen meint, sondern alle?“

Neben anderen Themen geht Svenja Flasspöhler in ihrem Buch auch auf die Sprache ein, die in der heutigen Gesellschaft ein Politikum geworden ist. Was darf man noch sagen und wie muss man es sagen, dass alle mit gemeint und keiner verletzt ist? In Bezug auf das generische Maskulinum bedeutet das, zu sehen, dass mit ihm kein Geschlecht gemeint ist, sondern alle unter den Begriff fallenden Einheiten. Lehrer sind damit nicht nur Männer, sondern alle möglichen Ausprägungen des Geschlechts. Da nun neue Begriffe einzuführen, bringt nicht zwingend mehr Gerechtigkeit, sondern meistens auch neue Fronten, da jeder neue Begriff wieder jemand anderen ausschließt, wie sich am Beispiel LGBTQIA+ zeigt, welcher nach und nach um einen weiteren Punkt erweitert werden musste, bis nun mit dem + alle noch nicht genannten mit gemeint sind.

„Sondern gesagt werden soll lediglich, dass – um noch mal auf Saussure und Derrida zurückzukommen – Lautbild und Vorstellung nicht unauflöslich aneinandergekoppelt sind und gerade in der Bedeutungsverschiebung emanzipatorisches Potenzial liegt.“

Sprache und ihre Bedeutung ist nicht in Stein gemeisselt, sondern unterliegt Konventionen. Je nach Zeit und Umfeld und Kontext bedeutet ein Wort etwas anderes und diese Bedeutung ist von all dem abhängig. Insofern bildet Sprache nicht die Wirklichkeit ab, sondern sie ist eine konnotierte Bedeutungszuschreibung. In Anbetracht dessen könnte es sinnvoll sein, statt Wörter auszuwechseln, sie neu zu konnotieren, sie mit einer neuen, positiven Bedeutung zu belegen. Das passierte so zum Beispiel mit dem Wort „queer“, welches seltsam, komisch heisst und damit nicht wirklich positiv wirkt. Durch eine Neubewertung steht das Wort nun für den Widerstand, es hat also quasi seinen Effekt umgekehrt, die ursprüngliche Zielsetzung der Verletzung und Abwertung wurde zum Ausdruck der Selbstermächtigung.

„Wörter haben aus psychoanalytischer Perspektive immerhin sichtbares Heilungspotenzial. Umgekehrt können sie auch, so offenbart sich an konkreten psychosomatischen Leiden, wie ein ‚Schlag ins Gesicht‘ wirken.“

Bei all dem betont Flasspöhler, dass Sprache verletzen kann und ein sensibler Umgang damit deswegen wünschenswert und nötig ist.

Persönlicher Bezug

«…dann kann sich eine funktionsfähige Gesellschaft nicht in der Aufgabe erschöpfen, Verletzungen zu vermeiden. Genauso fundamental muss die gezielte Stärkung von Widerstandskraft sein, die wesentlich ist für die Ausübung von Autonomie.»

Wir leben in einer Welt, die uns mit vielem konfrontiert, Gutem wie Schlechtem. Als Menschen streben wir danach, das Gute zu fördern und das Schlechte zu meiden. Das liegt in der Natur der Sache und unseres Wesens. So lange das eine eigene Strategie ist, schaut jeder für sich, wie er dahin kommt, möglichst viel Leid zu vermeiden. Wenn wir diese Aufgabe Gesellschaft und Staat übereignen, nehmen wir uns aus der Pflicht. Nun ist es durchaus so, dass eine Gesellschaft so gestaltet sein sollte, dass jeder Mensch sich in ihr wohl fühlen kann, keiner um sein Leben oder seine Integrität fürchten muss. Auch dem Staat fällt die Aufgabe zu, die einzelnen Menschen in grösstmöglicher Weise vor Unrecht zu bewahren.

Vergessen werden darf allerdings nicht, dass auch der einzelne Mensch durchaus etwas in der Hand hat und dies auch nützen soll. Selbstverantwortung schliesst auch mit ein, dass man selber dafür sorgt, sich so gut wie möglich aus eigener Kraft in der Welt einzurichten, sich für sich selber einzusetzen, wo man Unrecht erfährt. Es ist wichtig, die eigene Potenz zu entfalten und nicht darauf zu hoffen, dass von aussen alle Steine aus dem Leben geschafft werden. Ich mag Rilkes Sicht aufs Leben deswegen, die hinter seinem Satz „du musst dein Leben ändern“ steht. Er sieht das Leben als Kunstwerk, welches wir selber gestalten und verändern können. Den grossen Rahmen dazu haben wir, die Gesetze in unseren Breitengraden sind grossmehrheitlich so, dass sie eine gleichberechtigte Gesellschaft unterstützen und jedem Menschen seine Würde und Persönlichkeit zusprechen. An der Umsetzung können wir aktiv mitarbeiten.

Fazit
Ein sehr differenziertes Buch über die heutige Gesellschaft, ihre Empfindlichkeiten und Möglichkeiten, als Individuen in einer liberalen, demokratischen Gesellschaft ein Miteinander zu leben. Sehr empfehlenswert.

Autorin
Svenja Flaßpöhler ist Chefredakteurin des Philosophie Magazin. Die promovierte Philosophin war leitende Redakteurin beim Deutschlandfunk Kultur, wo sie die Sendung »Sein und Streit« verantwortete. Mit Wolfram Eilenberger, Gert Scobel und Jürgen Wiebicke gestaltet sie das Programm der »Phil.cologne«, dem größten Philosophie Festival Deutschlands. Ihre Bücher wurden in mehrere Sprachen übersetzt, die Streitschrift »Die potente Frau« wurde ein Beststeller.

Angaben zum Buch
Herausgeber: Klett-Cotta; 4. Druckaufl., 2021 Edition (20. Oktober 2021)
Gebundene Ausgabe: 240 Seiten
ISBN-Nr.: 978-3608983357

„Dass die Menschen besser lernen, im Dialog zu sein“

Für uns als Gesellschaft würde ich mir wünschen, dass die Menschen besser lernen, im Dialog zu sein, aufeinander zu achten, anderen Meinungen und dahinterstehenden Ängsten und Sorgen offen gegenüberzutreten.

Vor einiger Zeit fragte mich Walter Pobaschnig an, ob ich bereit wäre, ihm für ein Interview ein paar Fragen zu beantworten. Ich war bereit und erzählte über meinen Tagesablauf, meine Gedanken, was ich in unserer Zeit wichtig oder wünschenswert finde und welche Rolle Kunst und Literatur in meinen Augen haben. Herausgekommen ist dieses Interview:

5 Fragen an KünstlerInnen zur Gegenwart – Sandra von Siebenthal

Das Zitat am Ende stammt übrigens von Rilke:

Du musst das Leben nicht verstehen,
dann wird es werden wie ein Fest.
Und lass dir jeden Tag geschehen
so wie ein Kind im Weitergehen von jedem Wehen
sich viele Blüten schenken lässt.

Sie aufzusammeln und zu sparen,
das kommt dem Kind nicht in den Sinn.
Es löst sie leise aus den Haaren,
drin sie so gern gefangen waren,
und hält den lieben jungen Jahren
nach neuen seine Hände hin.

Sophie Passmann: Alte weisse Männer

Ein Schlichtungsversuch

Inhalt

„Männer, die einigermassen wachen Auges durch die Welt schreiten, werden anerkennen, dass ihr bisher schier uneingeschränkter Zugang zu Teilhabe und Mitsprache in Gremien, Parlamenten, Institutionen und Ämtern nie wirklich zweifelsfrei zustand. Die anderen scheinen den Feminismus in ihren Bestrebungen für etwas Lächerliches zu halten, sie betrachten den Wandel nicht als logische Konsequenz einer aktuellen Ungerechtigkeit zwischen Männern und Frauen, sondern als lästige Option, über die man sich nur lang genug lustig machen müsse, damit sie verschwindet.“

Wer ist das, dieser alte weisse Mann? Ist er wirklich an allem schuld? Wie wird einer ein alter weisser Mann und kann er auch wieder ein anderer werden? Gar Feminist? Sophie Passmann trifft Männer, die in die Kategorie des alten weissen passen könnten und unterhält sich mit ihnen über Feminismus, über Rollenbilder, über Klischees. Entstanden ist ein kurzweiliges, gut lesbares, unterhaltsames Buch, das mit einigen Vorurteilen aufräumen kann, zeigt, dass Feminismus auch dort gelebt werden kann, wo er nicht vermutet oder als solcher deklariert wird, und Hoffnung macht, dass Veränderungen zum Guten im Gange sind.

Weitere Betrachtungen

„Ich denke, man meint damit eine Kultur, die von sich selbst annimmt, dass sie dominant ist, sowohl ökonomisch wie in der Geschlechterpolitik, wie global gesehen. Und deswegen ist der Kontrollverlust des alten weissen Mannes gleichbedeutend mit dem Niedergang des Westens, der westlichen Dominanz der Industriegesellschaft.“ (Robert Habeck)

Robert Habeck bringt den Begriff „Alter weisser Mann“ gleich am Anfang auf den Tisch und zeigt, dass es sich dabei eher um ein patriarchalisches Konstrukt als um einen konkreten Mann handelt. Es ist wichtig, die fehlende Gleichberechtigung nicht bei einzelnen Individuen anzuklagen, sondern sie im grossen Zusammenhang zu sehen. Die Gesellschaft mit ihren Strukturen und Institutionen ist über Jahrzehnte gewachsen, das Patriarchat hat sich gefestigt und für eine Gruppe von Menschen so bewährt, dass die Gefahr des Verlusts nicht einfach so hingenommen werden will.

„Wir leben in einer patriarchalen Gesellschaft, bis heute. Unsere kulturelle Prägung beruht auf der Übermacht des Mannes, diese Übermacht durchzieht ausnahmslos jeden gesellschaftlichen, politischen und persönlichen Bereich unseres Lebens.“ (Robert Habeck)

Was so lange währt, hinterlässt tiefe Spuren, die sich nicht von heute auf morgen tilgen lassen. Verhaltensmuster sind – bei Männern und Frauen – tief eingeprägt, die eigenen Privilegien durch das System jeweils bekannt, die Angst, daran etwas zu ändern und den eigenen Status zu verlieren, gross. Es ist nötig, sich diesen oft unbewussten Prozessen bewusst zu werden, sie zu analysieren und Wege zu finden, sie zu durchbrechen.

„Es hilft gerade in unserer Zeit, die ja eigentlich nur noch geprägt ist von Lagerbildung, wenn man zumindest mal die Bereitschaft hat, die andere Seite anzusehen… Aufgelöst können die [Lager] mit Augenzwinkern und Selbstironie und vor allem Leichtigkeit. Es kann auch nie schaden, die eigene Fehlbarkeit vielleicht mal wieder ein bisschen mehr in den Fokus der eigenen Betrachtung zu rücken.“ (Micky Beisenherz)

Gerade wenn es darum geht, Unterdrückung aus der Welt zu schaffen, ist es widersinnig, neue Fronten zu bilden. Fronten sind immer dazu da, Hierarchien zu schaffen und damit neuen Formen von Abwertungen Platz zu schaffen. Anders denkende Menschen denken haben oft Gründe für ihr Anders-Denken. Um eine gemeinsame Basis zu finden, ist es wichtig, den Dialog zu suchen, um diese zu verstehen. Dies gelingt oft besser mit etwas Leichtigkeit statt nur mit Verbissenheit.

„Du musst Leute haben, die den Mumm haben, zu stören, diese heile Welt, die es ja gar nicht gibt, wie soll es anders gehen?“ (Claus von Wagner)

Natürlich wünschen wir uns eine harmonische Welt, eine friedliche Welt, Konflikte zu vermeiden ist oft einfacher als sie auszufechten. Trotzdem werden wir nichts ändern, wenn wir Dinge unter den Teppich kehren, wenn wir die Augen verschliessen vor Missständen, wenn wir um des lieben Friedens Willen einfach schweigen. Wenn ein Missstand da ist, muss er angesprochen werden. Wenn er aus der Welt geschafft werden soll, braucht das Einsatz – auch wenn dieser nicht immer angenehm, bequem und nett ist.

„Wer Frauen erst gleich behandelt, weil ein Gesetz ihn dazu zwingt, behandelt Frauen in allerletzter Konsequenz nicht gleich. Das kann man als humanistische Romantik abtun, eigentlich sollte es aber zum Selbstverständnis jedes aufgeklärten Mannes gehören.“ (Kevin Kühnert)

Brauchen wir eine Quote oder ist sie nicht auch eine Form der Nicht-Anerkennung der Leistung? Wenn jemand eine Stelle nur kriegt, weil eine Quote besteht, kann er auf diese Stelle stolz sein? Doch was, wenn sich ohne Quote nichts ändert, weil die Mechanismen zu tief gefestigt und die ungerechte Verteilung damit zu festgefahren ist? Wäre Bewusstseinsbildung nicht wichtiger als Quoten? Eine Thematik, die in dem Buch angesprochen wird und zum weiteren Nachdenken anregen soll.

Persönlicher Bezug

«Jede Frau, die Feminismus ernsthaft betreibt, muss sich von der Idee verabschieden, sich damit bei einem Grossteil der Männer beliebt zu machen. Feminismus ist, wenn er radikal im eigentlichsten Sinne des Wortes betrieben wird, unbequem, anstrengend, omnipräsent und lästig.»

Feminismus ist nichts für brave Mädchen, die gefallen wollen. Beschäftigt man sich mit der Thematik, muss man sich darauf einstellen, dass einem im besten Fall dumme Sprüche und anzügliche Bemerkungen begegnen, im schlimmsten Fall wird man zur Persona non grata, zum Feindbild. Dass dem so ist, hängt sicher zum grossen Teil damit zusammen, dass in vielen Köpfen zu viele Klischees vorhanden sind, wie Feministinnen sind und was Feminismus will. In der Abwertung von beidem liegt sicher viel Unsicherheit und auch Angst, Angst darüber, was die Konsequenz sein könnte, wo man steht, wenn plötzlich an den hergebrachten Strukturen gerüttelt wird. Ich bin überzeugt, dass Feminismus – so wie ich ihn verstehe – schlussendlich allen zu Gute kommt, weil er damit aufräumen will, Menschen in vorgefertigte Rollen zu packen, die diese dann ausfüllen müssen. Unsere vorgefertigten Rollenmodell unterdrücken nicht nur Frauen und berauben sie der gleichberechtigten Teilhabe in unserem Gesellschaftssystem, es setzt auch Männer unter einen – oft kaum zu bewältigenden – Leistungs- und Erwartungsdruck.

„Theoretisch können alle mit allen ins Gespräch kommen, die eigenen Standpunkte vergleichen und meinetwegen am Ende weiterhin darauf beharren. Die Welt wird dadurch nicht zwangsweise einfacher, aber aus jeder Chiffre wird dann plötzlich ein Mensch.“

Wichtig für eine gelingende Sache ist – ich werde wohl nie müde, das zu sagen – dass wir zu einem Miteinander kommen, dass wir uns nicht hinter den Fronten der eigenen Argumente verschliessen und alles andere abprallen lassen. Nur wenn wir als pluralistische Gesellschaft miteinander in einen Dialog treten, können wir auch erwarten, dass wir als pluralistische Gesellschaft gleichberechtigt leben können.

Zum Thema des alten weissen Mannes und mehr habe ich kürzlich den Artikel geschrieben: Die Schöne und das Biest

Fazit
Ein gut lesbares, unterhaltsames und doch auch informatives Buch zum Begriff des alten weissen Mannes, zum Feminismus sowie ein Versuch, Verbindendes zu finden oder Brücken zu schlagen. Sehr empfehlenswert.

Autorin
Sophie Passmann, 1994 geboren, ist Satirikerin, Autorin und Moderatorin. Ihr Buch „Alte weiße Männer“ stand wochenlang auf der SPIEGEL-Bestsellerliste, sie schreibt eine monatliche Kolumne im ZEIT Magazin und war Ensemble-Mitglied beim Neo Magazin Royale. Sie twittert mehrmals täglich, ohne, dass sie jemand darum bittet. 

Angaben zum Buch
Herausgeber: KiWi-Taschenbuch; 12. Edition (7. März 2019)Taschenbuch: 288 SeitenISBN-Nr.: 978-3462052466

Die Schöne und das Biest (aka der alte Weisse Mann)

Als ich begann, mich mit dem Feminismus und den damit zusammenhängenden Themen zu beschäftigen, merkte ich, dass mich das Thema packte, inspirierte und ausfüllte. Ich las, was ich in die Hände kriegte und stiess dabei natürlich auch immer wieder auf Widersprüche – mehr noch: Auf gegenseitige Anfeindungen. Die jungen Feministinnen schimpfen auf die älteren, die schwarzen auf die weissen, die Frauen auf die Männer und diese zurück (zumindest auf die Feministinnen). Einige meinen, man könne nur darüber schreiben, was man selber erfahren hat, andere kritisieren, wenn man ein Thema nicht behandelt (aus mangelnder eigener Erfahrung oder einer anders lautenden Fragestellung). Es kommt so ein bisschen das Gefühl auf: Wenn du nicht alle Weltprobleme mit einem Schlag lösen kannst, lass es ganz bleiben.

Ich frage mich, wie man eine gerechtere und gleichberechtigtere Welt erreichen will, wenn man selbst das Gegenteil lebt, wenn man selbst statt miteinander nur in Frontenkriegen, Auf- und Abwertungen agiert? Als Pierre Bourdieu das Buch „Die männliche Herrschaft“* schrieb, wurde ihm von Feministinnen vorgeworfen, dass er sich als Mann feministischen Themen zuwandte. Wie konnte es ein „alter weisser Mann“ (gut, den Begriff hatten sie damals wohl nicht, aber heute würde es so klingen) wagen, einen feministischen Blick auf die Welt zu wagen und somit diese zu erklären? Dass sein Blick durchaus gut und tief und schlüssig war, stand nicht zur Diskussion. Dass dieser klare, intelligente Mensch der eigentlichen Sache diente, indem er Aufmerksamkeit darauf lenkte, die Notwendigkeit propagierte, wurde ignoriert. Man wollte sich nicht die Butter vom Brot nehmen lassen. So jedenfalls wirkt es, zumal es keine andere sachliche Erklärung gibt.

Einmal mehr frage ich mich: Sollte man nicht, statt gegeneinander zu kämpfen, sich zusammenschliessen und jeder seinen Beitrag zu einem Ganzen leisten? Können wir es uns leisten, auszusieben, wen wir genehm finden in unserem „Kampf“ und wer da keinen Platz hat? Vor allem: Geht es bei all dem wirklich um die Sache oder nicht doch auch um die eigene Profilierung als Experte?

Nachdem Bourdieu die Missstände der gesellschaftlichen Strukturen herausgearbeitet hat, kommt er zum Schluss, dass eine schlagartige Veränderung wohl nicht möglich ist, sondern diese fortwährender Arbeit bedürfe. Man müsse wegkommen von Kälte und Gewalt, hin zur Liebe und ihren Wundern:

„das Wunder der Gewaltlosigkeit, das durch die Herstellung von Beziehungen ermöglicht wird, die auf völliger Reziprozität beruhen und Hingabe und Selbstüberantwortung erlauben; das der gegenseitigen Anerkennung, die es gestattet, sich, wie Sartre sagt, „in seinem Dasein gerechtfertigt“, gerade in seinen kontingentesten oder negativsten Besonderheiten angenommen zu fühlen…“

Wenn wir dahin kommen, dann ist die Welt eine bessere. Davon bin ich überzeugt. Und ich bin genauso überzeugt, dass es machbar ist und eigentlich der Wunsch von vielen. Natürlich stehen Ängste da. Jeder fürchtet auch um seine Privilegien. Aber viele wären froh um Entlastung von Erwartungen. Männer wie Frauen. Und Rollenmustern, die erfüllt werden müssen. Männer wie Frauen. Und der eigenen Unsicherheit, wie man denn zu sein habe. Männer wie Frauen.

Wenn da ein alter weisser Mann kommt und mithelfen will, sollte man ihn mit lautem „Herzlich willkommen“ begrüssen und mit ihm diskutieren. Ihn auszuschliessen, nur weil er eben grad keine Frau, nicht schwarz, nicht schwul und erst noch heterosexuell ist, fände ich nicht nur höchst bedenklich, sondern schlicht daneben. Schlussendlich wollen wir ja genau das nicht: Menschen ausschliessen aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Hautfarbe, Religion, Herkunft, sexuellen Ausrichtung. Und ja: Auch ein weisser Mensch kann Rassismus erfahren, sowie ein Mann Opfer von Sexismus sein kann. Es mag nicht die Mehrheit sein, aber jeder einzelne Fall ist einer zuviel.


*Angaben zum Buch:

Pierre Bourdieu: Die männliche Herrschaft
Pierre Bourdieu entwickelt das Bild einer Gesellschaft, in welcher die männliche Dominanz in ökonomischer, wirtschaftlicher wie auch gesellschaftlicher Sicht eine symbolische Herrschaft darstellt. Die dadurch gesteuerte Sicht unterwirft die Frau und zwingt sie in vordefinierte Rollen. Bourdieu plädiert für eine soziale Revolution mit dem Ziel, die gesellschaftlichen Verhältnisse umzugestalten und der Frau ihre rechtmässige Position als gleichberechtigter Mensch einzuräumen.

Zum Autor:
Pierre Bourdieu, am 1. August 1930 in Denguin (Pyrénées Atlantiques) geboren, besuchte dort das Lycée de Pau und wechselte 1948 an das berühmte Lycée Louis-le-Grand nach Paris. Nachdem er die Eliteschule der École Normale Supérieure durchlaufen hatte, folgte eine außergewöhnliche akademische Karriere. Von 1958 bis 1960 war er Assistent an der Faculté des lettres in Algier, wechselte dann nach Paris und Lille und wurde 1964 Professor an der École Pratique des Hautes Études en Sciences Sociales. Es folgten diverse Lehraufträge, Forschungsaufenthalte und Lehrstühle sowie vielzählige Publikationen und Auszeichnungen. Pierre Bourdieu stirbt am 23. Januar 2002 in Paris.

Ich und die Anderen

Kürzlich erinnerte ich mich daran, wie ich mal in Spanien war und tat, was ich immer tue: Lesen und Schreiben. Ich sass in meinem Zimmer, meine Bücher um mich, tauchte ein und fühlte mich wohl in der Welt. Ich stiess damit auf grosses Unverständnis: Wie kann man nur in Spanien sein und nicht an der Sonne liegen, baden, einfach nichts tun? Ich ertappte mich dabei, wie ich mich schlecht fühlte, unverstanden, anders, nicht passend – nicht in Ordnung. Es machte mich traurig. ich versuchte mich zu rechtfertigen, versuchte Gründe zu finden, die anerkannt und schlüssig klingen, Gründe, die in der normalen Welt, aus welcher ich mich durch diese Bemerkung geworfen fühlte, verstanden werden könnten. Und irgendwie machte mich das noch trauriger, weil ich mich dadurch so klein fühlte, dass ich mich verteidigen zu müssen glaubte. 

Ich und die Anderen. Ein Konstrukt, über das ich in letzter Zeit oft nachdenke. Im Singular ist es einfach: Der Andere ist der Andere, weil er nicht ich ist. Sobald es aber mehrere sind auf beiden Seiten, kommt ein neues Element dazu: Um als Gruppe zu bestehen und sich von anderen Gruppen zu unterscheiden, reicht nicht mehr nur die individuelle Existenz, sondern es gibt verbindende Elemente, die eine Gruppe ausmachen. Daraus entsteht in der Folge ein Wir-Gefühl, das die eigene Gruppe von der anderen abgrenzt. Man setzt diese Gruppen bestimmenden Eigenschaften in Kontrast zu denen der anderen Gruppe, meist in einer Form der Hierarchie: Wir sind besser als ihr. An diesem Punkt wird aus dem «Anders» ein «Schlechteres», weil die Anderen der eigenen Norm nicht entsprechen, ihr unterlegen sind. 

Jeder Mensch lebt in einer Welt mit anderen und bildet mit diesen Gemeinschaften. Kein Mensch kann sich völlig aus der sozialen Umgebung herausnehmen. Würde man versuchen, durch totale Einkehr und unter Ausschluss der Welt, sich selber finden zu wollen, wäre das eigentlich ein Gang ins Leere, da wir als Menschen immer Mitglieder einer sozialen Gemeinschaft sind, die uns prägt und die wir wieder prägen. Daraus folgt, dass wir die Anderen brauchen, um Ich zu sein. Es folgt weiter, dass die Anderen nur in unseren Augen die Anderen sind, in Ihren sind sie ihr eigenes Ich und wir die Anderen. Daraus, dass jedes Ich immer auch ein Anderer ist, stellt sich die Frage der Macht des Einen über den Anderen. Eine Vormachtstellung kann es nur geben, wenn sich einer diese zuspricht. Mit welchem Recht?

Nun passieren diese Dinge natürlich meist unbewusst, sie sind unter anderem auch Resultat der Gesellschaft und deren prägenden Werte und Normen. Indem wir in dieser Gesellschaft leben, nehmen wir diese Werte und Normen in uns auf, stellen uns dazu und verhalten uns entsprechend. Gibt es nun in einer Gesellschaft höher bewertete Eigenschaften und Merkmale, so sind die Menschen, welche diese aufweisen, in einer machtvolleren Stellung als andere, denen diese fehlen. An der Stelle fängt die Abwertung des anderen an, worauf Diskriminierung folgt. Aufgrund von vordefinierten Massstäben kommt es also zum Ausschluss derer, die über weniger Privilegien aufgrund von (sachlich gesehen willkürlich) festgelegten Eigenschaften verfügen.  

Wollen wir Diskriminierung jedwelcher Form den Kampf ansagen, gilt es, das Ich als gleichwertig zu sehen wie den Anderen, im Wissen, dass er genauso ein Ich ist wie ich, ich genauso ein Anderer wie er. Die Einsicht, dass die Andersartigkeit nur eine Vielfalt von Möglichkeiten aber keine Hierarchie darstellt, hilft, (strukturelle und individuelle) Abwertungen zu vermeiden, da sie als willkürliche Handlungsweisen, die keinem realen und sachlich gültigen Massstab entsprechen, enttarnt wurden. Das Bewusstsein all dessen ist der erste Schritt. Der zweite ist, die gesellschaftlichen Strukturen daraufhin zu analysieren, wo sie diese Hierarchien befeuern und zu sehen, was wir aktiv dagegen tun können – als Einzelne und als Gemeinschaft.

Corona, Gedanken und eine Utopie

Ich bin ein Mensch, der schnell zu viel hat. Zu viel Lärm, zu viele Termine, zu viel Müssen, zu viel von aussen, zu viel Einfluss, zu viel Druck. Vieles von all dem mache ich selber, vieles kommt einfach. Durch die Welt, wie sie ist. Ich suchte mir mein Leben lang Nischen und entzog mich. Das klappte mehrheitlich gut. Das Unverständnis ebenso. 
Es passt nicht in unsere Welt, gerne allein zu sein. In unserer Welt muss man präsent sein, man muss sich zeigen, man muss dabei sein, man braucht Termine, man stellt was dar. In unserer Welt repräsentiert man, fügt sich in Schubladen ein, ist nur genehm, wenn man darin Platz findet. In unserer Welt leistet man, und zwar immer das, was an Leistung gefordert ist aktuell. In unserer Welt ist man, wie man ist, weil man eben so ist und zu sein hat. Wie könnte man nur anders sein?

Und ja in unserer Welt ist man sehr tolerant, man spricht über alles und das soll so sein dürfen. Nur wenn jemand spricht, wie man das nicht möchte, dann grenzt man ihn aus. Das fällt in unserer Welt ja auch so leicht: Ein Klilck, er ist weg. Unsere Welt ist geprägt. Von genau dem. Von diesem Leben in einer pluralistischen und liberalen Gesellschaft, das man sich gross auf die Fahnen schreibt, von dem aber wenig zu spüren ist, da schlussendlich doch nur ein kleiner Teil des Pluralismus genehm und nur ein noch kleinerer Teil vom Liberalismus gedeckt ist. Über den Rest diskutieren wir bevorzugt nicht. 

Und nun sitzen wir in diesem Lockdown. Und mir ist es – um es in meiner Sprache zu sagen – vögeliwohl. Ich bin wohl der Profituer eines Umstandes, den ich mir in meinen wildesten Träumen nie gewünscht hätte. NIcht mal geträumt. Nein, schlicht nicht gewollt. Was aber wertvoll ist: Ich muss nirgends hin. Ich darf nicht. Keiner fragt mich, wieso ich nicht will. Es ist klar: Ich kann nicht. Endlich ist die Ruhe da, die mir gut tut. Endlich darf ich so leben, wie es für mich passt, ohne schräg angeschaut zu werden. Endlich bin ich kein Exot, sondern halt einfach so wie alle anderen. Etwas, das ich nicht kenne. Endlich muss ich mich nicht rechtfertigen – auf Arten und Weisen, die dann doch keiner versteht. 
Und langsam kommt die Angst auf: Es wird ein Nachher geben. Kommt dann alles doppelt und dreifach zurück? Was kommt auf mich zu? Kann ich dem bestehen? Was, wenn nicht? Was mir auffällt ist, dass sich meine schon vorher so ausgeprägten Züge nach Rückzug nicht nur gestillt, sondern verstärkt haben. Was vorher noch mal so ging, ist in der Vorstellung nun schon viel. Ich komme mehr als gut klar mit dem Rückzug (auch wenn sogar mir das Eine oder Andere durchaus fehlt), aber ich merke eine immer grössere Angst, dass ich mit einer Umkehr Mühe haben würde. 

Wird nachher mehr Verständnis da sein? Ich denke, dass eher das Gegenteil der Fall sein wird. Jeder, der Mühe hatte, wird umso mehr darauf bedacht sein, einen Zustand hinzukriegen, der all dem entgegen wirkt. Er wird kompensieren wollen. 

Noch ist es nicht so weit. Und noch behalte ich die Hoffnung, dass diese Zeit, die trotz allem nicht einfach ist und war, etwas bewirkt hat in den Köpfen. Und ich wünsche mir, dass wir mit mehr Miteinander daraus hervor gehen. Vielleicht ist das eine Utopie. Nur: Schon ganz viele Staatsphilosophien gründeten auf Utopien, die Amerikanische Verfassung war eine, um nur ein Beispiel zu nennen… und vieles konnte umgesetzt werden. Wieso nicht auch das?