Tagesgedanken: Ich erzähle mir von mir

Manchmal erzähle ich mir eine Geschichte. Ich erzähle mir von meiner Kindheit, von meiner Jugend, lasse Beziehungen Revue passieren und male mir so ein Bild von dem Menschen, der ich war und bin. Und irgendwann erzähle ich mir wieder eine Geschichte. Es ist die Geschichte meines Lebens, wie es war, und die Geschichte davon, wie ich wurde, wer ich bin. Es ist eine andere Geschichte. Und doch die gleiche. Und ich bin die gleiche – und doch ist etwas anders. Und mir schwant, dass ich wohl viele bin, nicht nur eine. Und die vielen zeigen sich auch teilweise, indem sie in mir miteinander streiten, weil jede etwas anderes denkt und will.

Manchmal fühle ich mich von all dem überfordert und frage mich, wer von all dem ich denn nun wirklich bin. Was ist die Wahrheit, was ist Wirklichkeit? Und dann merke ich, dass alles wahr ist. Ich habe nirgends gelogen, nichts erfunden – und doch irgendwie alles. Ich habe mich in diesen Erzählungen gefunden und teilweise auch erfunden, indem ich erzählte und beim Erzählen eine Auswahl traf. Im Moment des Erzählens erschien diese Auswahl richtig. Etwas verunsichernd war, zu sehen, wie viel dabei unbewusst ablief, wie ich ohne Absicht ein Bild von mir entwarf, das ich für die Realität hielt. Das zeigte mir, wie viel sich eigentlich meiner Kontrolle entzieht, wie viel bei mir abläuft, ohne dass ich es mitkriege, wie sehr ich gesteuert bin durch Muster, Denkweisen, Prägungen.

Ich merkte aber auch, dass das in Ordnung ist, dass ich in Ordnung bin. Es ist auch tröstlich, zu sehen, dass man viele Geschichten in sich trägt, die alle wahr sind, dass man ganz viel ist, nicht nur das, was vielleicht mal nicht gut läuft. Es ist hilfreich, wenn man in Situationen, in denen man einen Fehler macht, mal nicht optimal reagiert, zu wissen, dass man noch viel mehr ist als nur das. Man hat nur nicht zu jedem Zeitpunkt alles zur Hand und alles im Griff. Und vielleicht ist dieses Wissen um das eigene Sein, den eigenen Wert, das Wissen, dass dieser Wert nicht schwindet durch eine Unzulänglichkeit, das grösste Glück.

«Das Glück hängt an dem Selbst, das sich dessen erfreut und damit im reinen ist, sich nicht vollends im Griff zu haben.» (Dieter Thomä)

Vielleicht sollten wir uns mal unser Leben erzählen. Und am nächsten Tag nochmals. Und dann wieder. Und dann sehen, wie viele Leben wir lebten und was wir alles sind.

Philosophisches: Wer bin ich?

«Sage mir, mit wem du umgehst, so sage ich dir, wer du bist; weiss ich, womit du dich beschäftigst, so weiss ich, was aus dir werden kann.»

Goethe greift hier in seinem Wilhelm Meister eine tiefe Wahrheit über unser Sein auf: Wir sind geprägt durch unsere Umwelt – und dies mehr, als uns wohl oft bewusst ist. Menschen brauchen andere Menschen, um eine Identität auszubilden. Erst im Umgang mit anderen erfahren wir, wer wir sind, weil wir anhand ihrer Reaktionen auf unser Verhalten merken, wie sie uns sehen. Das alles fängt gleich nach der Geburt an und hört das ganze Leben nicht mehr auf.

Schon Babys reagieren auf das Verhalten ihrer Umgebung. Wenn jemand lächelt, lächeln sie zurück. Wenn sie etwas tun und eine entsprechende Reaktion erhalten, verinnerlichen sie diese und lernen, wie sie sich künftig zu verhalten haben. Das Verinnerlichen von Verhaltensmustern, von Wertmassstäben, die Reaktionen aus dem Umfeld zugrunde liegen, bilden ein inneres Diagnoseprogramm aus. Die Gesellschaft mitsamt ihren Erwartungen und Werten tritt quasi in mich ein und wirkt nun von innen heraus, indem ich selbst mein eigenes Verhalten bewerten kann anhand der erlernten Massstäbe. Indem ich einerseits handle als Ich, andererseits dieses Handeln selbst beurteilen kann, bildet sich ein Selbst-Bewusstsein, und damit meine Identität.

George H. Mead hat sich intensiv mit dem Thema Identität und Gesellschaft befasst. Er kam zum Schluss, dass sich Identität nur dann ausbildet, wenn wir uns in andere hineinfühlen können, wenn wir in der Lage sind, fremde Perspektiven einzunehmen. Dazu ist es wichtig, ein gemeinsames Symbolsystem zu schaffen, das der Verständigung dient: Die Sprache, welche sich in drei Stufen entwickelt: körperliche Gesten, vokale Gesten (einzelne Wörter), signifikante Gesten (Symbolsystem der Sprache). Dieses System ermöglicht uns, uns gegenseitig zu verstehen. Durch sie können wir das Verhalten anderer deuten und damit auch ihre Reaktion auf uns. Die Umwelt hält uns einen Spiegel unseres Verhaltens vor, den wir in der Folge verinnerlichen und der unser Bewusstsein ausbildet.

Mead spricht damit an, was im Buddhismus als Mitgefühl bekannt ist: Mit-Fühlen, was der andere fühlt. In Verbindung treten durch mein empfundenes Verständnis für sein Sein und Fühlen. Damit ist Mitgefühl eine wichtige Eigenschaft im Umgang mit anderen, und es ist auch für unsere eigene Selbsterkenntnis fundamental. Nur wenn ich mich dem anderen öffne, ihn wahrnehme, mich in ihn hineinfühle, kann ich zu einem Verständnis meiner selbst kommen. Und so kommen wir uns alle etwas näher, gegenseitig und für uns selbst. 

Wer bin ich also? Ich bin die Summe meiner Erfahrungen und der daraus verinnerlichten sozialen Erwartungshaltungen, die sich in meinem Verhalten ausdrücken. Ich werde zu dem, der ich bin, durch das, was ich im Aussen erfahre und verinnerliche. Im Wissen darum ist es umso wichtiger, denke ich, das für einen passende, einem entsprechende Umfeld zu finden, denn nur damit wird es gelingen, zu dem Ich zu werden, das man sein will.   

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Buchtipp: George H. Mead: Geist, Identität und Gesellschaft, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Frankfurt am Main 1973.

Politik/Gesellschaft: Kategorisierte Identität

«Das Selbstgefühl jedes Menschen wird von seiner Herkunft geprägt, angefangen bei der Familie, aber darüber hinaus auch von vielen anderen Dingen – von der Nationalität die uns an einen Ort bindet; vom Geschlecht, das uns jeweils mit der Hälfte der Menschheit verbindet; von Kategorien wie Klasse, Sexualität, race und Religion, die über unsere lokalen Bindungen hinausreichen.»

Werde ich gefragt, wer ich bin, lautet eine mögliche Antwort: Ich heisse Sandra, bin Philosophin, bald 50 und wohne in der Schweiz. Es gäbe noch viele andere Kategorien, in die ich mich einordnen könnte, je nach Umfeld, in welchem diese Frage gestellt wird. Einige dieser Kategorien habe ich mir selbst ausgesucht. Ich wollte Philosophie studieren, ich bin zwar in der Schweiz geboren, aber ich hätte diese auch irgendwann verlassen können, was ich aber nicht tat. In andere bin ich quasi hineingeboren. Ich bin eine Frau, ich habe ein bestimmtes Alter, weil ich zu dem Zeitpunkt geboren wurde, den ich seit da als meinen Geburtstag feiere. Kategorien helfen, mich in unserem Gesellschaftssystem zu positionieren, einzuordnen.

«Den Ausgangspunkt bilden bei Identitäten Kategorisierungen und Vorstellungen darüber, warum und auf wen sie anzuwenden seien. IN einem zweiten Schritt prägen Identitäten Vorstellungen hinsichtlich des richtigen Verhaltens. Drittens haben sie Einfluss darauf, wie andere Menschen Sie behandeln. Und schliesslich sind all diese Dimensionen der Identität bestreitbar und geben stets Anlass zu Streitigkeiten über die Frage, wer dazugehört, wie die betreffenden Menschen beschaffen sind, wie sie sich verhalten und wie sie behandelt werden sollten.»

Kategorien, in die ich mich einordne, wende ich auch bei anderen an, so dass sie für mich als Menschen fassbarer werden. Das ist grundsätzlich unproblematisch, so lange ich diese Kategorien dann nicht dazu nutze, andere aufgrund dieser Zuordnung schlecht zu behandeln, was leider immer wieder getan wird auf sexistische, rassistische oder andere unterdrückende Weise. Wir vergessen dabei, dass die Kategorien allesamt menschgemacht sind, es sind Strukturen in unserem System, die unser System verständlich machen sollen. Die Kategorien sind dem Menschen nicht immanent, sie gehören nicht zu seiner Essenz. Schon Sartre sagte, dass die Existenz der Essenz vorausgeht, wir also zuerst alle Menschen sind, erst dann bilden wir Identitäten aus.

Leider wird das oft vergessen, wenn es darum geht, Menschen entgegenzutreten. Vor allem wenn diese einer Gruppe oder Kategorie angehören, der wir kritisch gegenüberstehen, sehen wir sie oft mehr als Vertreter dieser Gruppe und weniger als einzelnen Menschen. Wir stützen uns auf Klischeevorstellungen der Kategorie und verhalten uns so, als wären diese dem Menschen eingeschrieben, als machten sie ihn aus, statt wirklich hinzusehen, mit wem wir es zu tun haben. Damit werden wir nicht nur dem einzelnen Menschen nicht gerecht, wir laufen auch Gefahr, Fronten zu bilden zwischen uns hier und unserer Kategorie, und denen da mit ihrer. Dass so keine wirkliche Begegnung von Mensch zu Mensch möglich ist, liegt auf der Hand. Und genau diese brauchen wir, wenn wir wirklich als Menschen unter Menschen leben wollen.

Es gab mal ein Lied „Das ganze Leben ist ein Spiel, und wir sind nur die Kandidaten“ – irgendwie hat das was für sich. Rollen sind wichtig in gewissen Umfeldern, damit man zugeordnet werden kann. Als Arzt übernimmt man für die Zeit des Tätigseins die Rolle des Arztes. Beim Lehrer dasselbe. Oft fällt dann im Privaten auf, dass die Rolle nicht ganz abgelegt werden kann (vornehmlich bei Lehrern). Um ernst zu bleiben: So gesehen sind Rollen wichtig. Noch wichtiger ist aber, zu erkennen, dass es Rollen sind, die an- und abgestreift werden können. Und darunter liegt was. Im Indischen gibt es die schöne Begrüssung „Namaste“. Das Göttliche in mir grüsst das Göttliche in dir. Damit ist genau dieser Kern gemeint, der uns tief in uns ausmacht – und auch verbindet.Und dieser Kern will gesehen werden. Von dir. Von mir. Gegenseitig. Und von jedem bei sich selbst.

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Buchtipp: Kwame Anthony Appiah: Identitäten. Die Fiktion der Zugehörigkeit, Hanser Berlin, München 2021.

Tagesgedanken: Wer will ich sein?

«Wir sind keine Opfer der Umstände oder unserer Gene, wir können in einem gewissen Ausmass frei wählen, wie wir uns verhalten.»[1]

Wie oft hört man von Menschen, dass ihr Leben beschwerlich ist, weil sie eine schwierige Kindheit hatten. Dann wird meist den Eltern die Schuld für die eigenen, aktuellen Probleme zugeschrieben, haben sie doch das Kind, das man mal war, geprägt und auf die Schienen gebracht, auf welchen es heute noch läuft – und das zu dessen eigener Unzufriedenheit, aus welcher die Klagen stammen. Natürlich kann man das so sehen und sich als Opfer empfinden. Nur: Das wird einen nicht nur nicht weiterbringen, es ist auch eine sehr einfache Sicht. Sind wir wirklich allem ausgeliefert, ohne einen eigenen Einfluss darauf? Haben wir tatsächlich keine Möglichkeit, selbst etwas zu bewirken, und sind somit frei jeglicher Verantwortung für unser Sein und Tun?

Studien sagen nein. Der Mensch ist bis ins hohe Alter zu Veränderungen fähig. Gene und Eltern haben nur einen kleinen Anteil an dem, was wir die eigene Identität nennen. Das Umfeld, die Gleichaltrigen im Kindesalter, später Freunde und Bekannte, sind viel prägender. Und: Auch wir selbst haben durchaus viel in der Hand, können wir doch sowohl bei der Wahl unserer Freunde (später wohl noch mehr denn als Kind) sowie durch einen bewussten Blick darauf, was wir wirklich wollen im Leben und ob wir dafür am richtigen Ort sind, durchaus eigene Weichen stellen.

Wenn es im Leben nicht rund läuft, man mit seinem Verhalten immer wieder aneckt, oder man merkt, dass man immer wieder in gleiche Fallen tappt, sagt man sich oft: 

«So bin ich halt.»

Zwar ist man damit fein raus und jeglicher Anstrengung zu Veränderung enthoben, doch ist das nicht eine gar einfache Sicht? Denn: Das mag gut passen, wenn man mit sich und dem eigenen Leben zufrieden ist, doch was, wenn nicht? Wenn man sich eigentlich wünscht, anders zu sein, zumindest in gewissen Situationen? Was, wenn man Träume und Wünsche hat, die sich aber nur erfüllen lassen, wenn man die eigene Komfortzone verlässt? Die gute Nachricht: Es ist möglich. Aber: Es ist sicher nicht einfach und geht selten von heute auf Morgen. Trotzdem gibt es Starthilfen für einen Weg hin zu einer Veränderung:

Hinhören, was man wirklich will. Danach einfach auch mal kleine Dinge anders machen als sonst, um zu sehen, wie sich Veränderungen anfühlen. Sprichwörtlich neue Wege gehen – und sei es nur der zur Arbeit. Eine weitere Möglichkeit ist, so zu tun, als ob. Der Soziologe John Goffman sagt, dass wir alle im Leben unbewusst Theater spielen, indem wir anderen auf eine bestimmte Weise gegenübertreten. Wieso das nicht bewusst tun? Wieso als schüchterner Mensch sich nicht so verhalten, als ob man selbstbewusst und mutig wäre, und einfach mal mit der Frau an der Kasse ein paar Worte wechseln? Und merken, dass es gar nicht so schwierig ist, im Gegenteil, dass es sogar Spass macht. Und plötzlich geht es wie von selbst, das vorher gespielte Verhalten geht in Fleisch und Blut über. All das ist ein Weg, ein Prozess des beständigen Hinschauens, Erkennens und Übens. So sagte schon Buddha:

„Durch Übung wächst das Wissen an, doch ohne Übung schwindet es dahin.“

Manchmal ist man aber auch mit sich selbst zufrieden, fühlt sich wohl in seiner Haut und möchte bleiben, wie man ist – nur: Andere stossen sich daran, weil man anders ist als sie. Was dann? Schmerzen mag die Ablehnung doch, aber es bleibt in dem Fall nur ein gelassenes «so what». Eine wahre Wunderwaffe für den inneren Frieden, wie ich finde. 


[1] Zitat aus Christina Berndt: Individuation. Wie wir werden, wer wir sein wollen. Der Weg zu einem erfüllten Ich, DTV Verlag, 2020.

In der Welt zu Hause sein


Wir werden in eine Welt geworfen, die wir uns nicht ausgesucht haben und die nicht auf uns gewartet hat. Wir wachsen in diese Welt hinein, lernen, wie sie funktioniert, was von uns erwartet wird. Je nach Kultur und Zeit und sozialem Umfeld sehen diese Erwartungen anders aus, was überall gleich ist: Wir sollten sie erfüllen. Doch was, wenn sich diese Erwartungen nicht passend anfühlen? Was, wenn wir es nicht schaffen, sie zu erfüllen? Was, wenn wir uns fremd in dieser Welt fühlen, die doch die unsere ist, entfremdet von der Welt durch unser und in unserem Sein?

„Ob Leben gelingt oder misslingt, hängt davon ab, auf welche Weise Welt (passiv) erfahren und (aktiv) angeeignet oder anverwandelt wird und werden kann…Zentral ist die Idee einer Differenz zwischen gelingenden und misslingenden Weltverhältnissen, die sich nicht am Ressourcen- oder Verfügungsreichtum und auch nicht an der Weltreichweite festmachen lässt, sondern am Grad der Verbundenheit mit und der Offenheit gegenüber anderen Menschen (und Dingen).“ *


Eine Welt, die wir als für uns passend wahrnehmen, muss etwas in uns zum Klingen bringen. Wir müssen eine Verbindung wahrnehmen, etwas, an das wir mit unserem Sein anknüpfen können. Wir müssen in unserem So-Sein die Welt als etwas erfahren, in dem wir aufgehoben sind, das uns etwas angeht, weil sie zu uns spricht.

„Subjektivität [entsteht] immer schon aus und in einer Bezogenheit auf Welt… Subjekte erfahren sich als in eine Welt gestellt, die sie etwas angeht, und dieses ‚Angehen‘ ist von positiver oder negativer Bedeutsamkeit. Die Dinge sprechen uns an oder sagen uns zu – oder sie stossen uns ab; wenn uns etwas nichts sage, so impliziert dies, dass wir keine Beziehung dazu haben.“*

Wir leben als Individuen nie unabhängig von der Welt, unser Selbst bestimmen wir immer relational zur Umwelt. Egal, ob uns diese gefällt oder eher abstösst, wir setzen uns dazu in Bezug und schaffen aus dieser Beziehung unser Selbstbild. Diese Bestimmung ist allerdings nicht für immer festgesetzt, sie ist nicht in Stein gemeisselt, sondern sie kann sich über die Zeit auch verändern.

„Weltbeziehungen sind stets dynamisch, sie konstituieren sich in und durch die prozesshaften Begegnungen von Subjekt und Welt.“*

Das hängt damit zusammen, dass sich die Welt verändert durch das, was tagtäglich in ihr vorgeht, aber auch, weil wir uns selber verändern – besonders stark im Heranwachsen, aber auch später noch. Je nach Lebensabschnitt befinden wir uns an einer anderen Stelle in unserem Sein und damit auch in einer anderen Rolle in der Welt, die uns umgibt. Einerseits haben wir andere Bedürfnisse an diese je nach Lebensplan, andererseits hat auch sie andere Erwartungen an uns. Dieses Zusammenspiel von Erwartungen und Anpassungen, von Beziehungsgefügen ist ein dynamisches, aber in dieser Dynamik kontinuierlich wandelndes.

Die Frage nach dem eigenen Sein, nach dem gelingenden Leben, kann nie im luftleeren Raum gestellt werden. Wir sind als soziale Wesen in eine Welt und ein menschliches Umfeld eingebettet, mit dem wir in einer irgendwie gearteten Beziehung stehen. Einerseits prägt uns dieses Umfeld, andererseits wollen wir uns in diesem Umfeld behaupten als die, die wir sind. Wir wollen ein Leben leben, das dem entspricht, das wir für uns als die, als die wir uns sehen, passend erachten.

Fühlen wir uns mit diesem Lebensentwurf nicht mehr zur Welt passend, kommt es zu einem Gefühl von Entfremdung. Zwar können wir uns nicht aus der Beziehung zu dieser Welt lösen, doch wir können sie auch nicht leben. Wenn wir uns zu sehr in die Welt einfügen, kann es dazu führen, dass wir uns von uns selbst entfremden. Ein gelingendes Leben kann also nur dann stattfinden, wenn zwischen uns und der Welt eine Beziehung besteht, die lebt.

„Die Vorstellung, dass Menschen selbstinterpretierende Wesen sind, impliziert, dass ihre Weltbeziehungen niemals schlechthin gegeben sind, sondern in individuellen und kulturellen Deutungsprozessen stetig artikuliert, re-konstituiert, verhandelt und transformiert werden. Sie bedeutet zugleich, dass Selbstinterpretation immer und notwendig auch Weltinterpretationen sind und umgekehrt.“*

Nun ist die Welt nicht einfach gesetzt im Sinne einer unveränderlichen objektiven Grösse. Die Welt ist immer auch das, was wir in ihr sehen, wie wir sie deuten, interpretieren. Insofern schaffen wir uns unsere Welt zu einem Stück selber durch die Perspektive, die wir ihr gegenüber einnehmen. Um also zu einem gelingenden Leben innerhalb der Welt um uns zu gelangen, bedarf es eines offenen Blickes auf diese Welt. Wir müssen bereit sein, uns von der Welt berühren zu lassen. Wir müssen sie mit all ihren Möglichkeiten und von verschiedenen Seiten betrachten und nach Antworten suchen auf unser Fragen an das Leben und die Welt. Wo finden wir einen Resonanzrahmen, wo die Möglichkeit, uns mit unseren Bedürfnissen wahr- und angenommen zu fühlen? Ebenso müssen wir offen bleiben gegenüber den Bedürfnissen der Menschen um uns und auf diese antworten. Erst durch dieses gegenseitige In-Beziehung-Treten, das sich als gegenseitige Anerkennung*** äussert, wird ein gelingendes Leben als soziale Menschen in einer gemeinsamen Welt möglich.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass für ein gelingendes Leben zuerst ein Selbstbild nötig ist, welches wir durch unseren Weltbezug und unsere Bedürfnisse für unser in der Welt Sein festlegen. Zweitens bedarf es eines aktiven In-Beziehung-Tretens, indem wir nach Antworten suchen und im Gegenzug auch auf die Welt antworten, so dass ein Resonanzraum entsteht. Durch diese Interaktion des gegenseitigen Aufeinander-Beziehens, durch die gegenseitige Anerkennung, verhaften wir uns in der Welt als selbstbestimmte Wesen, die gemeinsam mit anderen als je eigenständige und selbstbestimmte Wesen an dieser Welt partizipieren.


*Zitate aus: Hartmut Rosa, Resonanz
**mehr zum Thema Entfremdung: Rahel Jaeggi, Entfremdung
***mehr zum Thema Anerkennung: Axel Honneth

Buchtipps zum Thema

  • Hartmut Rosa: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, Suhrkamp Verlag, Berlin 2016.
  • Rahel Jaeggi: Entfremdung, Suhrkamp Verlag, Berlin 2016.
  • Axel Honneth: Kampf um Anerkennung, Suhrkamp Verlag, Berlin 2016.

Verantwortung für mich und andere

„Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust…“, so klagte Faust. Jeder hat das wohl schon erlebt, dass in ihm verschiedene Stimmen im Konflikt lagen, oft ist es eine Auseinandersetzung zwischen dem, was man will und dem, was man soll (oder zu sollen glaubt). Das ist unproblematisch bei Dingen wie der Entscheidung für oder gegen ein drittes Eis (es schmeckt, ist aber ungesund). Geht es darum, ob man lieber authentisch bleibt und damit vielleicht aneckt, oder aber sich dem Umfeld anpasst auf Kosten des eigenen Seins, wird es schwieriger, zumal dieses eigene Sein ja auch nicht in Stein gemeisselt ist und man auf die Gemeinschaft angewiesen ist.

Wer bin ich? Wie werde ich der, welcher ich sein will? Bin ich schon wer, wenn ich auf die Welt komme oder werde ich erst dazu? Bin ich noch die gleiche wie vor zwanzig Jahren? Der Wunsch, ganz ich zu sein oder zu werden, ist ein tiefer. Mascha Kaleko hat ihn in einem wunderschönen Gedicht „Kurzes Gebet“ geäussert:

„Herr, lass mich werden, der ich bin
In jedem Augenblick.
Und gib, dass ich von Anbeginn
Mich schick in mein Geschick…“

Sartre übergibt das Ich-Sein keinem Gott, er nimmt sich selbst in die Pflicht:

„…der Mensch ist nichts anderes als das, wozu er sich macht.“

Wer also will ich sein? Simone de Beauvoir wusste nur soviel: Sie wollte frei sein und sie wollte alles vom Leben. Auf unsere Frage nach dem eigenen Sein angewendet, bedeutet das: Ich-Sein und doch Teil der Gemeinschaft sein als dieses Ich. Dazu bedarf es der Toleranz. Toleranz für andere, für das Anderssein, für einem fremde Lebensentwürfe. Diese Toleranz wünschen wir uns für uns selber, wir möchten die sein können, die wir sind und sein wollen, und wir wünschen uns, dass die anderen uns so sehen und akzeptieren und annehmen.

Wenn wir uns aber eine Welt wünschen, in der wir in unserem Sein Anerkennung erfahren, was bedeutet das für uns selber? Erfüllen wir diesen Anspruch der Anerkennung des Andersseins ebenfalls? Wenn wir jemanden sehen, der unseren Vorstellungen nicht entspricht, der einen uns fernen Lebensentwurf, eine fremdartige Erscheinung, ein keinen gängigen Rollenmustern entsprechendes Auftreten hat – was geht in uns vor? Ist da eine wirkliche Akzeptanz des Andersseins, müssen wir uns diese zuerst zurechtlegen oder spüren wir doch eine Irritation oder schlimmer noch: eine innere Abwehr? Ist unsere Reaktion die, welche wir uns auch für uns wünschen würden?

Oft wissen wir sehr genau, was wir uns wünschen, wir wissen, wie eine Welt aussehen müsste, in welcher wir uns wohl fühlen, und wir können definieren, was es in dieser Welt brauchen würde. Was wir gerne vergessen ist, dass auch wir Pflichten haben, diese Welt zu gestalten, dass unsere Wünsche nicht nur eingleisig in die Welt gestellt, sondern auch selber erfüllt werden sollten. Das meinte wohl auch Gandhi, wenn er sagte:

„Sei die Veränderung, die du in der Welt gerne sehen würdest.“

Wir haben eine Verantwortung uns selber gegenüber, indem wir sind, wie wir sein wollen, was wohl sicher auch heisst, dass wir dem entsprechen wollen, was wir von anderen erwarten. Wir haben aber auch eine Verantwortung anderen Menschen gegenüber, dass wir dazu beitragen, dass auch sie in einer Welt leben können, in der sie auf Resonanz stossen, in welcher sie sich zuhause und anerkannt fühlen können.

Ich und die Anderen

Kürzlich erinnerte ich mich daran, wie ich mal in Spanien war und tat, was ich immer tue: Lesen und Schreiben. Ich sass in meinem Zimmer, meine Bücher um mich, tauchte ein und fühlte mich wohl in der Welt. Ich stiess damit auf grosses Unverständnis: Wie kann man nur in Spanien sein und nicht an der Sonne liegen, baden, einfach nichts tun? Ich ertappte mich dabei, wie ich mich schlecht fühlte, unverstanden, anders, nicht passend – nicht in Ordnung. Es machte mich traurig. ich versuchte mich zu rechtfertigen, versuchte Gründe zu finden, die anerkannt und schlüssig klingen, Gründe, die in der normalen Welt, aus welcher ich mich durch diese Bemerkung geworfen fühlte, verstanden werden könnten. Und irgendwie machte mich das noch trauriger, weil ich mich dadurch so klein fühlte, dass ich mich verteidigen zu müssen glaubte. 

Ich und die Anderen. Ein Konstrukt, über das ich in letzter Zeit oft nachdenke. Im Singular ist es einfach: Der Andere ist der Andere, weil er nicht ich ist. Sobald es aber mehrere sind auf beiden Seiten, kommt ein neues Element dazu: Um als Gruppe zu bestehen und sich von anderen Gruppen zu unterscheiden, reicht nicht mehr nur die individuelle Existenz, sondern es gibt verbindende Elemente, die eine Gruppe ausmachen. Daraus entsteht in der Folge ein Wir-Gefühl, das die eigene Gruppe von der anderen abgrenzt. Man setzt diese Gruppen bestimmenden Eigenschaften in Kontrast zu denen der anderen Gruppe, meist in einer Form der Hierarchie: Wir sind besser als ihr. An diesem Punkt wird aus dem «Anders» ein «Schlechteres», weil die Anderen der eigenen Norm nicht entsprechen, ihr unterlegen sind. 

Jeder Mensch lebt in einer Welt mit anderen und bildet mit diesen Gemeinschaften. Kein Mensch kann sich völlig aus der sozialen Umgebung herausnehmen. Würde man versuchen, durch totale Einkehr und unter Ausschluss der Welt, sich selber finden zu wollen, wäre das eigentlich ein Gang ins Leere, da wir als Menschen immer Mitglieder einer sozialen Gemeinschaft sind, die uns prägt und die wir wieder prägen. Daraus folgt, dass wir die Anderen brauchen, um Ich zu sein. Es folgt weiter, dass die Anderen nur in unseren Augen die Anderen sind, in Ihren sind sie ihr eigenes Ich und wir die Anderen. Daraus, dass jedes Ich immer auch ein Anderer ist, stellt sich die Frage der Macht des Einen über den Anderen. Eine Vormachtstellung kann es nur geben, wenn sich einer diese zuspricht. Mit welchem Recht?

Nun passieren diese Dinge natürlich meist unbewusst, sie sind unter anderem auch Resultat der Gesellschaft und deren prägenden Werte und Normen. Indem wir in dieser Gesellschaft leben, nehmen wir diese Werte und Normen in uns auf, stellen uns dazu und verhalten uns entsprechend. Gibt es nun in einer Gesellschaft höher bewertete Eigenschaften und Merkmale, so sind die Menschen, welche diese aufweisen, in einer machtvolleren Stellung als andere, denen diese fehlen. An der Stelle fängt die Abwertung des anderen an, worauf Diskriminierung folgt. Aufgrund von vordefinierten Massstäben kommt es also zum Ausschluss derer, die über weniger Privilegien aufgrund von (sachlich gesehen willkürlich) festgelegten Eigenschaften verfügen.  

Wollen wir Diskriminierung jedwelcher Form den Kampf ansagen, gilt es, das Ich als gleichwertig zu sehen wie den Anderen, im Wissen, dass er genauso ein Ich ist wie ich, ich genauso ein Anderer wie er. Die Einsicht, dass die Andersartigkeit nur eine Vielfalt von Möglichkeiten aber keine Hierarchie darstellt, hilft, (strukturelle und individuelle) Abwertungen zu vermeiden, da sie als willkürliche Handlungsweisen, die keinem realen und sachlich gültigen Massstab entsprechen, enttarnt wurden. Das Bewusstsein all dessen ist der erste Schritt. Der zweite ist, die gesellschaftlichen Strukturen daraufhin zu analysieren, wo sie diese Hierarchien befeuern und zu sehen, was wir aktiv dagegen tun können – als Einzelne und als Gemeinschaft.

Wer bin ich?

Wenn mich jemand fragt, wer ich bin, liegt die Antwort meist auf der Hand. Es ist nicht immer die gleiche, sie passt sich ein wenig dem Fragenden und seiner Intention an, aber doch: Ich bin…

  • Sandra
  • Philosophin
  • Malerin
  • Zeichnerin
  • Mutter
  • Frau
  • Schweizerin
  • Schreibende
  • Fotografin
  • Liebende
  • ….

und vieles mehr. Und nein, die Reihenfolge ist keine Rangliste, sie ist rein beliebig.

Doch: Stimmt das? Was ist es, was ich preisgebe, wenn ich sage, wer ich bin? Und was verdecke ich? Würde ich alles sagen oder gibt es Tabus? Ist eine Beschreibung überhaupt ausreichend oder reicht das, was ich bin, nicht über alle Worte hinaus? Und wenn nicht, hätte das Gegenüber Zeit, all die Worte, die ich zu sagen hätte, anzuhören? Interessieren sie überhaupt?

Wer bin ich? Oft hilft es einem selber, sich in Schubladen zu sehen, da diese auch gefordert sind. Wohin man auch kommt, gibt es Formulare, in denen man ausfüllen muss, wer man ist – vieles vom oben Genannten kommt da vor. Nur: Bin ich das wirklich? Nur eines? Die Kombination?

Schubladen sind hilfreich, aber sie sind auch einengend. Wenn ich mich für eine entscheide, passe ich in die anderen nicht mehr rein. Und: In einer sitzend, lässt es sich oft schlecht rausschauen, was es noch alles gäbe. Und oft versagt man sich das andere bewusst, da es in der Schublade so komfortabel ist, das Draussen Gefahren bieten könnte.

Aber: Im Wissen, dass die Frage kommt, suche ich immer wieder nach Schubladen. Und keine passt auf Dauer. Weil eine einzige schlicht zu wenig ist. Denn: ich bin nicht nur eines, ich bin ganz viel. Und all die Facetten gehören zu mir – die hellen und dunkeln, die griffigen und die schwammigen, die emotionalen und die sachlichen, die genehmen und die unangenehmen. Ich bin ich. Schlussendlich. Mit allem, was dazu gehört.

Nur schon das zu sehen, ist nicht immer einfach. Es zu leben erfordert oft auch Mut. Zu sagen: Ich bin ich und eben keine einzelne Schublade, kann auf Unverständnis treffen. Die Angst, nicht akzeptiert zu sein, wenn man nicht in der richtigen Schublade sitzt, lässt oft zurückschrecken, verdecken, verstecken. Und gerade damit wohl auch anecken – wenn ich sofort bei anderen, so doch irgendwann bei einem selber. Und dann bald auch bei anderen. Weil man selten auf Dauer Teile versteckt. Und Verstecktes oft irgendwann, ganz unvermittelt, in ungemeiner Wucht ans Licht tritt.

Ich bin ich. Und ich bin viel. Und das ist gut so.

Peter Bieri: Wie wollen wir leben?

Bin ich der, der ich sein will?

Damit unser Wille und unser Erleben die unseren sind als Teil der persönlichen Identität, müssen sie in eine Lebensgeschichte eingebettet und durch sie bedingt sein, und wenn es da Selbstbestimmung gibt, dann nur als Einflussnahme im Rahmen einer solchen Geschichte, die auch eine kausale Geschichte ist, eine Geschichte von Vorbedingungen.

Wer bin ich und wie will ich leben? Diese zentrale Frage steht am Anfang von Peter Bieris schmalen Band Wie wollen wir leben? In der Folge tastet sich der Philosoph langsam vor, geht vom Ich als einem Subjekt aus, das mit sich und seiner Umwelt im Einklang leben will, dabei herausfinden muss, welchen Einfluss diese Umwelt hat, was durch sie bedingt ist und was wirklich aus einem selbst kommt. Es geht dabei um die Erkenntnis des eigenen Ichs und die Fähigkeit, über sich selber zu bestimmen. Dabei ist das Ich nie unabhängig von den Anderen, da jeder Mensch den anderen Menschen braucht, der eine Aussensicht bringt, an der die Innensicht gemessen werden kann. Daraus resultiert die Einsicht, ob das Selbstbild wirklich der Wirklichkeit entspricht.

Selbstbestimmt ist unser Leben, wenn es uns gelingt, es innen und aussen in Einklang mit unserem Selbstbild zu leben – wenn es uns gelingt, im Handeln, im Denken, im Fühlen und Wollen der zu sein, der wir sein möchten.

Ein selbstbestimmtes Leben, so Bieri, ist ein Leben in Würde, da Selbstbestimmung viel mit Würde zu tun hat. Dabei ist Würde immer abhängig von der Kultur, da je nach kultureller Identität andere Vorstellungen vom Leben in einer Gemeinschaft und als Individuum vorherrschen. Diese Vorstellungen sind dabei nie unveränderbar, sondern unterliegen einem stetigen Wandel, was einem Bildungsprozess entspricht, welcher nur erfolgreich ist, wenn diese Vorstellungen auch verinnerlicht sind, erlebt und erfahren werden.

Peter Bieri gelingt in diesem dünnen Band ein Bogen von der Frage nach dem Ich aus sich selber heraus, dessen Auseinandersetzung mit dem Du hin zur Identitätsbildung in Abhängigkeit von der umgebenden Kultur. Dabei arbeitet er mit einer klar verständlichen Sprache, einer logischen Abfolge von Begriffen, die sich schlüssig auseinander entwickeln, und zeichnet so einen Weg auf, das Ich als der, der man sein möchte, zu erkennen, zu verstehen, umzusetzen.

Fazit:
Ein schmaler Band mit grossen Fragen. Gut lesbar führt Peter Bieri in komplexe Begriffe wie Selbsterkenntnis, Selbstbild, Würde und Identität ein. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Peter Bieri wurde 1944 in Bern geboren und ist Philosoph und Schriftsteller. Er lehrte an verschiedenen deutschen Universitäten Philosophie, hat verschiedene philosophische Werke veröffentlicht und sich unter dem Namen Pascal Mercier auch als Romanautor einen Namen gemacht (Nachtzug nach Lissabon, etc.). Er wurde sowohl für sein wissenschaftliches wie auch für sein literarisches Werk mehrfach ausgezeichnet. Von ihm erschienen sind unter anderem Das Handwerk der Freiheit

Angaben zum Buch:
BieriLebenTaschenbuch: 96 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (1. November 2.13)
ISBN-Nr.: 978-3423348010
Preis: EUR 7.90 ; CHF 13.90
Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE oder BOOKS.CH

Michael Gazzaniga: Die Ich-Illusion

Wie Bewusstsein und freier Wille entstehen

Das Gehirn ermöglicht mit seinen physikalisch-chemischen Prozessen auf eine uns unbekannte Weise den menschlichen Geist. Dabei unterliegt es – wie alle Materie – den Naturgesetzen. […] Die Wissenschaft geht davon aus, dass wir erst dann Wissen darüber erlangen, wer und was wir sind, nachdem das Nervensystem bereits gehandelt hat.

Die neusten Erkenntnisse neurobiologischer Studien rütteln am Bild des Menschen als freies und selbständig handelndes Wesen. Das führt zu weiterführenden Fragen in Bezug auf Schuldfähigkeit, Verantwortlichkeit und damit verbunden die Gesetze und deren Strafnormen.

Kann man jemanden für schuldig erklären, wenn dieser keine Wahl hatte, sein Handeln von unbewussten Vorgängen eines determinierten Gehirns geleitet war? Darf man jemanden überhaupt bestrafen, wenn er keine Verantwortung tragen kann für sein Tun? Wäre Vergebung die einzig mögliche Reaktion auf Unrechttaten?

Michael Gazzaniga bietet in seinem Buch einen breiten Blick in die verschiedenen Naturwissenschaften und ihre Erkenntnisse. Er beleuchtet Studien und deren Wert für die Beantwortung der Fragen nach der eigenen Verantwortlichkeit. Anhand von Experimenten mit sogenannten split brains konnte herausgefunden werden, welche Hirnareale für welche Aktivitäten zuständig sind. Zudem konnte man herausfinden, dass die Handlungsbereitschaft im Hirn vor der bewussten Entscheidung für eine Handlung abgebildet wird. Deterministen schliessen daraus, dass das Handeln nicht selber gesteuert wird, sondern wir bloss Aussführende eines vorgegeben, unbewussten Impulses seien. Dies würde das ganze Menschenbild umwerfen und diesen zur blossen Maschine oder Schachfigur degradieren. Die Ausführungen gewisser Neurologen gehen in die Richtung.

Michael Gazzaniga gibt in seinem Buch Entwarnung, indem er Handlungen und Entscheide nicht allein in einem Hirn verortet, sondern die Interaktion mit anderen Hirnen und damit anderen Menschen als relevant erachtet. Verantwortung, so Gazzaniga, ist damit keine Eigenschaft eines Gehirns, sondern ein sozialer Vertrag zwischen Menschen, die beide ein Gehirn haben, welches in Wechselwirkung mit dem eigenen Geist stehen, welche sich gegenseitig beeinflussen und des Weiteren durch die Interaktion mit der sozialen Gruppe, dem Umfeld geprägt und beeinflusst werden.

Gewisse Bereiche des (moralischen) Fühlens und Entscheidens sind somit in der Tat angeboren, die Ausprägungen und dadurch gesteuerten Lebensweisen aber auch erlernt und von der Umwelt beeinflusst. Strafen sind dabei durchaus wichtig, um diese Verantwortung in einer sozialen Gruppe überhaupt zu produzieren. Zum heutigen Zeitpunkt ändern die Erkenntnisse aus der Neurowissenschaft nichts daran. Man weiss allerdings nicht, was die Forschung in Zukunft bringen wird.

Fazit:

Michael Gazzaniga versteht es, auf eine unterhaltsame und doch fundierte Weise die sehr komplexe Materie aus Sicht der Physik und der Neurowissenschaft zu beleuchten und die Folgen der Erkenntnisse auf unser Menschenbild und das Zusammenleben aufzuzeigen. Eines der besten Bücher, das ich über diese Thematik gelesen habe.

BildAngaben zum Buch:

Gebundene Ausgabe: 277 Seiten

Verlag: Hanser Verlag (2012)

Übersetzt aus dem Amerikanischen: Dagmar Mallett

Preis: EUR: 24.90 ; CHF 38.90

Michael Gazzaniga: Die Ich Illusion. Wie Bewusstsein und feier Wille entstehen, Hanser Verlag, München 2012.

Zu kaufen bei: Bild und Bild

ich und du

ich bin ich
und du bist du.
und ich bin ich
nur weil du bist.

ohne dich
bin ich schlicht nicht,
nicht nur nicht ich.
gilt auch für dich.

denn erst das du
macht mich zum ich.
und ich mach dich
zum du durch mich.

drum einer nur
ist keiner denn
ein jemand ist
nur der zu zweit.

Zu zweien ist
ein jeder ich
und zeugt das du
durch dieses ich.

ich

habe mich
grad neu erfunden
und finde mich
in mir zurecht

verbringe nun
ganz viele stunden
und suche mich
in dem geflecht

und wenn ich mich
dann wirklich kenne
und in mir
zu hause bin

dann lade ich
euch alle ein
mit mir zu feiern
wer ich bin

@Sandra Matteotti

jedem seine welt

meine welt ist
nicht glänzend
nicht ständig nur pink und gar
himmelblau strahlend

es gibt da die ganz
dunklen töne die
mitunter auch
das zepter einnehmen

es gibt da so diese
gar düsteren klänge
die statt in dur auch
moll halt verströmen

meine welt ist nicht
jeden tag glänzend
sie malt auch in matt und
dunkelblau – satt

das ist halt die welt die
die meine ich nenne
und wem’s nicht gefällt
der hat dann noch seine.

©Sandra Matteotti

Ich bin ich

Ich bin ich. So wie ich bin. Doch ab und an hadere ich. Und denke, was ich alles nicht kann. Dann frage ich mich, wieso andere können, was ich nicht kann und werte mich ab. Weil ich es nicht kann. Ich vergesse dabei, dass ich es nicht muss.

Ich bin ich. So wie ich bin. Doch ab und an hadere ich. Und denke, wer mich wohl nicht mag. Dann frage ich mich, wieso mich nicht alle mögen und was ich tun kann, wie mich ändern. Weil ich gefallen will. Ich vergesse dabei, dass ich es nicht muss.

Ich bin ich. So wie ich bin. Doch ab und an hadere ich. Und denke, wieso ich Menschen nicht mag. Dann frage ich mich, wo ich das Recht hernehme, was ich tun kann, es zu ändern. Weil jeder liebenswert ist. Ich vergesse dabei, dass das nicht für jeden so ist.

Ich bin ich. So wie ich bin. Doch ab und an hadere ich. Ich denke und setze Massstäbe danach. Dann frage ich mich, wer denen genügen könnte. Und merke nur, dass keiner es kann. Und während ich andern verzeihe, martere ich mich. Ich vergesse dabei, dass ich ich bin. Und bleibe.

Halloween – oder: Wer bin ich?

Heute ist Halloween. An der Tür klingelt es im Minutentakt. Alle wollen was. Ich öffne nicht. Ich mag Halloween nicht. Es ist nicht mein Fest. Im Netz lese ich von Gleichgesinnten. Ich lese aber auch viele Deutungsversuche. Alle versuchen, den Tag einer Tradition zuzuordnen und sich darin zu verorten.

Ich bin ich und ich lebe heute. Ich kenne viele der verschiedenen Theorien. Greifen sie noch heute? So echt? Oder wollen wir nur in einer Tradition stehen? Und in welcher stehen wir? So wirklich? So ganz? Ich bin durchaus für Traditionen, da zählt für mich aber immer die, in welcher ich aufwuchs. Gar zu oft stemmen wir uns aber genau gegen diese und legen uns eine neue, fremde zu. Wir denken, die sei viel toller als unsere. Und das oft nur, weil wir von aussen kommen und uns nur nehmen, was uns gerade passt.

Der Westen wendet sich dem Osten zu, turnt Yogaübungen und meditiert. Der Osten sieht den Westen als Rettung und sucht, da unterzukommen. Die Halloweengegner sehen sich als Kelten und feiern was, die Christen sehen die christliche Deutung und feiern das. Und alle tun was, alle begründen und keiner schaut auf sich. Ich öffne derweil eine Flasche Wein, schaue ins Glas und feier mich. Ich weiss nicht viel, weiss nur, dass ich von allen oft verlacht werde, weil ich ab und an gerne die Musik meiner Kindheit höre, weiss nur, dass mir fremde Feste nie in Mark und Blut übergingen, weiss nur, dass ich wohl zu viel denke – wobei ich eigentlich nur fühle, dass all das mit MIR nichts zu tun hat.