Lesemonat Januar

Man könnte sagen, bei mir fliesst alter Wein in neuen Fässern, denn es ist im neuen Jahr alles so, wie das alte es hinterliess, und so kommt es, dass auch im Januar gelesen wurde. Den Anfang machte Michelle Obama mit ihrem neuen Buch «Das Licht in uns». Nachdem dieses Licht mal entdeckt war, ging es mit Selbstliebe und Aufforderungen zur Lebensänderungen weiter (ein grossartiges Buch, das mir ans Herz gegangen ist). Mit Jay Shetty wurde es dann wieder seichter, Osho toppte das noch. Gekämpft habe ich mit Audre Lorde. Schön daran war, dass ich es nicht alleine las, die Diskussion zum Buch steht noch aus, ich weiss nur, meiner Mitleserin ging es wie mir: Diese Wut und so vieles war uns zu fremd.

Das grosse HIghlight im Januar war Karl Jaspers mit seinen grossen Philosophen, eine wunderbare MIschung aus Ost und West mit tiefgründigen Texten zu Leben und Werk. Von Viktor E. Frankl holte ich mir Ermutigungen für schwierige Zeiten (die ich zum Glück aktuell nicht habe). Danach ging ich mit Alan Watts auf Glückssuche, um am Schluss mit Nietzsche zu schauen, was so ein Leben überhaupt ausmacht und wie es gelebt werden sollte. Eine spannende Lesereise.

Es wurden 10 Bücher, mehrheitlich in Spanien gelesen bei wunderbaren 20 Grad. Wieder zuhause bin ich noch nicht so im Lesen angekommen, dafür habe ich die ganzen Bücherregale umgeräumt, um sie für meine neuen Projekte und weiteren Leseabsichten passend zu haben. Vielleicht schwang auch ein wenig die Freude mit, wieder mit all meinen Büchern vereint zu sein – für mich ein Gefühl von Heimat, frei nach dem Motto:

«My Home is, where my books are.»

Ich habe beschlossen, wieder mehr über Bücher zu schreiben, was ich nun doch eine Zeit lang vernachlässigt habe. Einerseits, weil Bücher seit ich denken kann einen zentralen Wert in meinem Leben habe und ich gerne zum Lesen anrege, vor allem weil ich der Überzeugung bin, dass Bücher gute Freunde sein können, die einem mit Trost, Freude und auch neuen Einsichten das Leben bereichern können.

Was waren eure Lesehighlights im Januar?

Hier die ganze Liste

Michelle Obama: Das Licht in uns. Halt finden in unsicheren ZeitenEin sehr authentisches, offenes Buch über das Leben, über Beziehungen, ein Buch über Selbstzweifel, die auch nicht aufhören, wenn man es nach aussen „geschafft hat“. Ein Buch darüber, wo wir Kraft finden können, wenn es schwierig wird, und darüber, dass wir hinstehen müssen und können, wenn wir etwas bewirken wollen – für uns und für andere. Ein Blich in die Lebensgeschichten von Michelle Obama, das berührt, weil es von Herzen zu kommen scheint. 5
Rüdiger Schache:Die Selbstliebe-Illusion. 7 grosse Selbstliebe-Irrtümer – und wie du wirklich bei dir ankommst. Ein Buch darüber, dass wir uns nicht mehr lieben müssen, sondern anfangen, uns nicht mehr abzulehnen. Indem wir erkennen, wer und was wir wirklich sind und wollen im Leben, können wir zu dem Menschen werden, der wir sein wollen und tief im Herzen auch sind. Die Selbstliebe wird dann von selbst kommen. Etwas seicht, aber leicht und flüssig zu lesen und zum Nachdenken anregend.4
Wayne Dyer: Ändere deine Gedanken und dein Leben ändert sich. Die lebendige Weisheit des TaoInterpretationen der 82 Verse des Tao te Kings, Gedanken und Meditationen über die Inhalte, lebenspraktisch, teilweise persönlich, zum Nachdenken und ins eigene Leben Integrieren anregende Texte. Ein gedankliches Kleinod, ein zu Herzen gehendes und da wirkendes Buch. 5
Jay Shetty: Ruhe in dir. Zeitlose Weisheiten für ein selbstbestimmtes LebenJay Shetty erzählt von seinem Alltag als Mönch im Ashram und greift auf die Methoden der Mönche zurück, um zu zeigen, wie ein selbstbestimmtes und gelingendes Leben erreicht werden kann. Durch Selbsterkenntnis, Annehmen der Umstände, Loslassen des falschen Strebens und Dankbarkeit für die Gaben des Lebens können wir an einen Punkt kommen, mit uns und andern in Frieden und Harmonie zu leben – nach unseren Werten.4
Osho: Tantra. Die höchste EinsichtAbgebrochen – Ein Kommentar zum tantrischen Buddhismus. Sehr ausführliche und mit Beispielen versehen Eklärung des „Gesangs vom Mahamudra“ – leider zur falschen Zeit, da im Moment zu blumig. Zudem zu viele Wiedreholungen, zu  viel Geplauder.
Audre Lorde: Sister OutsiderEin Zeugnis der Wut einer schwarzen, lesbischen, feministischen, alleinerziehenden Mutter und Uni-Dozentin, welche diese ergründet, in Geschichten erläutert und, gezielt eingesetzt, als Motivation für den Kampf gegen die Unterdrückung propagiert. Ein Einblick in die Welt einer Schwarzen und was es bedeutet, mit dieser Hautfarbe auf die Welt gekommen zu sein in den herrschenden Herrschaftsverhältnissen. Manchmal ein wenig zu schwarz-weiss, mitunter aber auch ein kraftvoller Aufruf für mehr Miteinander im Kampf für eine gemeinsame gerechtere Welt. 5
Karl Jaspers: Die grossen PhilosophenEinblicke ins Denken grosser Philosophien. Kein schlichtes Zusammenfassen oder Darlegen, sondern ein analytisches Ergründen und Durchdenken. Sowohl Erläuterung wie auch Schulung im Selberdenken, Hinterfragen, genauer Lesen. Ein grossartiges Buch, ein Buch, das nachhallt und zum tiefer Graben und Weiterdenken inspiriert. 5
Viktor E. Frankl: Zeiten der Entscheidung. ErmutigungenEin Werkzeugkasten aus ausgewählten Texten mit Fallbeispielen aus dem Gesamtwerk Frankls, der dazu dienen soll, gerade in schwierigen Zeiten als Anleitung zum gelingenden und sinnerfüllten Leben zu dienen. Teilweise in wissenschaftlichem Jargon verfasst bieten die einzelnen Texte eine Einsicht ins Denken und Arbeiten Frankls und in seine Logotherapie, es sind Texte, die darauf bauen, dass der Mensch für ein gelingendes Leben einen Sinn braucht und er frei ist, auf eine gute Weise auf das, was das Leben bringt zu reagieren.4

Lebenskunst: Kraft tanken

«In der Ruhe liegt die Kraft.»

Wie oft hasten wir durchs Leben, wollen alles geschafft kriegen, möglichst parallel, nicht hintereinander. Wir streben nach Erfolg und verlangen von uns Leistung. Wir laden uns immer mehr auf, als ob die Tage endlos und unsere Kräfte unbeschränkt wären. Viel zu oft merken wir nicht, dass wir Grenzen überschreiten: Die anderer, weil wir in unserer Hast unkonzentriert, abgewandt, fahrlässig, gehetzt oder gereizt werden, und unsere eigenen.

Da ist diese Müdigkeit, ein Ziehen in der Brust, ab und an Kopfschmerzen, Unachtsamkeiten, Vergesslichkeiten, angespannte Nerven – es sind kleine Zeichen, die wir oft übersehen, bis sie sich nicht mehr übersehen lassen. Und oft nehmen wir uns vor, es künftig ruhiger anzugehen, nur um bald wieder im gleichen Fahrwasser zu schwimmen. Nun ist es nicht möglich, sich allem zu entziehen, aber wichtig, Prioritäten zu setzen: Was ist wirklich wichtig? Sich dafür die Zeit zu nehmen, es gut und richtig zu machen, führt oft zu einem besseren Ergebnis und zu mehr Zufriedenheit – bei allen Beteiligten. Und: Es ist ein gutes Mittel, bei sich selbst und gesund zu bleiben, statt sich in alle Winde zu verteilen.

Und ab und zu ist es gut, einfach mal nichts zu tun. In Ruhe zu sein. Kraft zu tanken. Durchzuatmen und die Dinge geschehen zu lassen. Wie schon Balu sagte:

«Probier’s mal mit Gemütlichkeit, mit Ruhe und Gemütlichkeit.»

Fällt es dir leicht, dir auch mal Ruhe zu gönnen?

Lebenskunst: Loslassen

«Loslassen gibt uns Freiheit, und Freiheit ist die einzige Voraussetzung für Glück.» Thich Nhat Hanh

Es gibt wohl keine sinnbildlichere Zeit als den Herbst für das Thema «Loslassen». Die letzten Früchte sind geerntet, die Bäume verlieren langsam ihre Blätter, alles wird stiller, leerer. Würde die Natur nichts loslassen, gäbe es keinen Raum für neues. Im Frühling würden die Bäume nicht mit Blüten geschmückt, all die bunten Farben, die die Lebendigkeit des Neuanfangs unterstreichen, fehlten.

Im Leben fällt es nicht immer leicht, Dinge loszulassen. Erinnerungen, Menschen, Wünsche – wir halten an ihnen fest, selbst wenn wir merken, dass sie nicht guttun. Wir wollen bewahren, was ist, weil wir nicht wissen, was kommt. Damit schaffen wir zwei Probleme: Wir leiden unter schmerzhaften Situationen und Zuständen, an denen wir festhalten, und wir leiden darunter, dass wir vieles nicht festhalten können, weil das Leben immer aus Veränderungen besteht.

Vielleicht hilft es, ab und zu hinzusehen, aktiv zu entscheiden, was wir im Leben haben wollen und was nicht, was guttut, was nicht – um dieses dann loszulassen. Und genauso hilft es, das, was gehen will, gehen zu lassen, im Wissen, dass Neues nachwächst.

Lebenskunst: Fragen

„Wichtig ist, nie aufzuhören zu fragen.“ (Albert Einstein)

Von Sokrates ist der Satz überliefert, dass er wisse, dass er nichts wisse. Im Wissen darum, dass Sokrates als einer der klügsten Männer gilt, wird dieser Satz oft in die Ecke der Ironie verschoben, oder aber man wiederholt ihn selbst, um damit quasi das Gegenteil zu zeigen, nämlich, sich als Wissenden.

Wieso ist es uns oft so wichtig, etwas zu wissen? Etwas nicht zu wissen, wird oft mit Schwäche, mit einem Makel gleichgesetzt. Doch stimmt das wirklich? Im Umkehrschluss heisst das, dass wir Wissen oft dazu nutzen, die eigene Überlegenheit, sicher aber Intelligenz und Bildung zu präsentieren. Dies passiert oft aus einem Gefühl, etwas leisten zu müssen, um Anerkennung zu verdienen. Das reine Sein als Mensch reicht nicht aus, man muss sich behaupten. Wissen eignet sich da sehr.

Wenn ich wieder mal behaupte, etwas zu wissen, könnte ich mich also fragen: Wieso ist mir das so wichtig? Weiss ich es wirklich? Wenn mir nicht geglaubt wird: Wieso trifft mich das? Fühle ich mich heruntergesetzt? Im Gegenteil könnte man sich auch fragen, ob einer, der behauptet, etwas zu wissen, dieses wirklich weiss. Und wieso er denkt, uns das sagen zu müssen (es sei denn, wir hätten gefragt, und selbst dann ist es sinnvoll, das präsentierte Wissen zu hinterfragen und nicht blind anzunehmen).

Schlussendlich kann man sich immer sagen: Einer, der alles zu wissen vorgibt, ist keinesfalls ein Weiser, sondern schlicht ein Besserwisser. Will ich das sein? Vielleicht zeugen Fragen ab und zu von mehr Weisheit als pfannenfertige Antworten, die vorgeben, Wissen zu sein.

Lebenskunst: Grenzen setzen

Sagst du auch oft ja zu etwas, obwohl alles in dir nein schreit? Gibst du auch oft deine Wünsche auf, um die eines anderen zu erfüllen? Wie oft steckst du zurück und wieso? Ich las mal den Spruch:

«Ein Ja zu jemand anderem kann ein Nein zu dir selbst sein.»

Wo wir uns zu sehr verbiegen, in unseren Bedürfnissen übergehen, verneinen wir uns in unserem Sein selbst. Wir nehmen unsere Grenzen nicht wahr und ernst, überfordern und benachteiligen uns. Und oft leiden wir dann. Nicht selten geben wir sogar anderen die Schuld, fühlen uns nicht wahrgenommen, werfen ihm vor, seine Bedürfnisse immer erfüllt zu kriegen. Dabei haben wir das oft selbst so gesteuert. Wieso tun wir das?

Wir sind Bindungswesen. Ohne Bindungen, ohne Beziehungen zu anderen Menschen, ohne das Gefühl, dazuzugehören und dies auch zu spüren, können wir nicht leben. Oft lernen wir schon als kleines Kind, dass wir auf eine Weise sein müssen, um in Ordnung zu sein. Unsere Grenzen werden schon von klein auf übergangen und wir lernen, dass das so läuft im Leben, und übernehmen das in unser Erwachsenenich.

Wenn wir oft genug gelitten haben, kommen wir an einen Punkt, wo wir denken:

«So nicht mehr!»

Was tun? Wichtig ist wohl einmal mehr: Hinschauen. Wo übergehe ich mich, wieso tue ich das? Das gelingt, wenn wir eine konkrete Situation anschauen, wo wir uns selbst wieder nicht ernst genommen haben, und unsere Grenzen überschritten wurden und wie das zuliessen. Was ist in der Situation passiert?

Oft sagte eine innere Stimme «nein». Der Verstand setzte ein und brachte viele vernünftig klingende Argumente, wieso doch. Im Körper regte sich was bei all dem. Meisten ignorieren wir den Körper, weisen die innere Stimme als unvernünftig in die Schranken und folgen unserem Verstand, da wir gerade in unserer westlichen Welt mehrheitlich Kopfmenschen sind, als solche erzogen und be-lehrt wurden. Und genau da liegt auch das Problem: Der Verstand speist sich oft aus äusseren Stimmen, hier werden die Forderungen aus dem Elternhaus, aus Erziehung und Bildung und auch die Erwartungen unserer Gesellschaft laut. Das Ich redet oft wenig mit, zumindest nicht aus sich selbst heraus. Erst wenn wir lernen, auf all unsere Kanäle zu achten: Körper, Intuition und Verstand, werden wir auch lernen, was wir wirklich wollen. Und wir werden lernen, darauf zu hören und es umzusetzen. Weil wir es uns wert sind.

Ignorierst du deine Grenzen oft?

Lebenskunst: Ausbrechen

«Why do you stay in prison
When the door is so wide open?” Rumi

Da ist dieser eine Wunsch, den du gerne erfüllt hättest, das Bedürfnis, das dir ein Anliegen ist, doch du sagst nichts, du schweigst. Du denkst, es steht dir nicht zu, es wäre vermessen, du hättest es nicht verdient. Du denkst, deine Bedürfnisse würden die anderer tangieren und verzichtest von vornherein. Du behältst deine Bedürfnisse für dich und bist traurig, dass sie nicht beachtet werden. Nur: Es weiss keiner davon.

Du arbeitest schon lange in der gleichen Firma, bist zuverlässig, machst deine Sache gut. Eine Lohnerhöhung wäre in deinen Augen längst angebracht, doch: Es passiert nichts. In dir wachsen Wut und Trauer, du fühlst dich nicht wertgeschätzt, nicht richtig wahrgenommen, übergangen. Nur: Es weiss keiner davon.

Du bist in einer Beziehung, die dich nicht glücklich macht. Schon lange ist der Wurm drin, aus Streitereien ist ein stilles Nebeneinander geworden, Verbindungen und Verbindlichkeiten sucht man vergebens. Du würdest gerne gehen, weisst aber nicht wohin und was dich da erwarten könnte. Du leidest still vor dich hin und bleibst doch, wo du bist. Du würdest gerne etwas ändern, denkst, der andere müsste das doch auch spüren und wollen. Nichts passiert, denn: Es weiss keiner davon.

«You must ask for what you really want.» Rumi

Wie oft schweigen wir, wenn es um unsere Bedürfnisse und Anliegen geht? Wie oft harren wir lieber aus, egal, wie leidvoll die Situation ist, statt etwas zu ändern? Wie oft unterdrücken wir unsere Wünsche, um die anderer zu erfüllen? Wie oft stecken wir zurück, damit andere den Vorrang haben? Wie oft gestehen wir uns selbst nicht den Wert zu, uns selbst ernst zu nehmen?

«Jeder Mensch gilt in der Welt nur so viel, als er sich selbst gelten macht.» Adolph Knigge

Wenn wir uns selbst nicht ernst nehmen, nicht für uns einstehen, unsere Bedürfnisse nicht wahrnehmen und ansprechen, können wir nicht erwarten, dass andere das tun. Erstens wissen sie oft nichts von alldem, zweitens müssen sie davon ausgehen, dass es nicht so wichtig ist, wenn wir nichts sagen, drittens ist es schlicht nicht ihre Baustelle – es wäre unsere. Die Käfigtür wäre offen, doch wir sitzen als Wächter davor, machen uns zu unseren eigenen Gefangenen und treten nicht in die Welt hinaus. Oft geben wir dann den Umständen die Schuld, schimpfen auf Menschen, die uns nicht wahrnehmen, oder hadern mit Situationen, die ungünstig sind. Dabei gibt es nur einen, der wirklich was tun könnte, der es in der Hand hätte: Wir selbst.

Lebenskunst: Dankbarkeit

«Danke doch lieber für das, was du bekommen hast; auf das andere warte und freue dich, dass du noch nicht alles hast.» Seneca


Eine neue Tasche, einen Partner, ein paar Kilos weniger, eine kleinere Nase, mehr Gelassenheit, mehr Kraft, weniger Macken – oft wollen wir ganz viel und denken, wenn wir es nur hätten, wären wir glücklicher. Dann wäre die Welt eine bessere, zumindest unser Leben in ihr wäre besser. Doch: Wenn wir etwas erreicht haben von all dem, kommt immer was Neues dazu – oder es ist noch genug da. Das wirkliche Glück will sich nicht dauerhaft einstellen. Es scheint, als ob immer was fehlte. Und ja, das stimmt, es fehlt etwas Essentielles: Die Dankbarkeit für das, was ist.

Wenn ich auf mein Leben schaue, ist daran so viel Schönes und Gutes. Ich habe ein schönes Dach über dem Kopf, habe wunderbare Beziehungen zu grossartigen Menschen, ich habe genug zu essen, die Möglichkeit, meiner Leidenschaft zu folgen. Ich hatte das Glück, gute Ausbildungen absolvieren zu können, mein Leben frei und unabhängig zu leben, und ich lebe in einem Land, das mir noch viel mehr Freiheiten zugesteht. Wie viel davon nehme ich als selbstverständlich wahr, denke nicht weiter drüber nach neben all dem Wünschen? Wie wäre es, einfach mal dankbar zu sein für all das, was nämlich alles andere als selbstverständlich ist für ganz viele Menschen auf dieser Welt?

Dankbarkeit ist ein Gefühl, das Glück bringt. Es ist undenkbar, wirklich unglücklich zu sein, wenn man ganz viel Dankbarkeit im Herzen fühlt für das, was ist. Das Gefühl der Dankbarkeit, immer wieder bewusst ins Gedächtnis gerufen, kann auch helfen, wenn wir mal wieder hadern. Wenn wieder einmal Wünsche da sind, die sich nicht erfüllen lassen, zumindest nicht gleich: Wieso nicht auf das Gegenteil konzentrieren? Weg vom Mangel an dem, was wir wollten, sondern hin auf die Fülle, was da ist?

Dankbarkeit hilft auch in schwierigen Lebenssituationen, wenn das Leben seine Krallen zeigt. Wenn wir leiden, weil Umbrüche stattfinden, die Gesundheit instabil ist, wir uns verletzt fühlen oder benachteiligt. Sich dann hinzusetzen, Tag für Tag, und aktiv ins Gedächtnis zu rufen, was neben all dem Schweren an Schönem im Leben ist, für das wir dankbar sein können, wird zwar nicht die unschönen Umstände beseitigen, es hilft aber, innerlich etwas mehr Ruhe und Kraft zu entwickeln, aus der heraus wir dann das Schwere besser (er-)tragen können. Ich habe in schwierigen Zeiten immer ein Dankbarkeitstagebuch geführt. Es hat mich durch die Zeiten getragen. Und wenn mir mal nichts in den Sinn kam, weil zu viel Dunkles die Sicht versperrte, blätterte ich in den alten Aufzeichnungen und fand immer etwas, das noch immer gut war, so dass ein wenig Licht ins gefühlte Dunkel kam.

Wofür seid ihr dankbar?

Lebenskunst: Achtsames Tun

«Ganz im Tun, ganz bei mir.» Anselm Grün

Ich mag Rituale. Sie geben meinem Leben eine Kontinuität, einen Halt, sie vermitteln mir eine Art von Geborgenheit im Leben, weil sie wiederkehrend mich aufnehmen und mir einen Ort geben, wo ich mich wohl fühle. Das rituelle Tun ist damit Hort für Sinn, für Musse, für Vertrauen auch. Es ist eine Form von Verlässlichkeit in einer Welt, die zu oft durch Unruhen und Unvorhergesehenes aus den Fugen zu geraten scheint.

Wenn man Rituale hört, denkt man vordergründig an grosse Inszenierungen, wie sie in Religionen vorkommen. Doch das meine ich hier nicht. Ich meine die kleinen Alltäglichkeiten, die den Tag zu meinem Tag machen. Das kann der Kaffee am Morgen sein, das Anzünden einer Kerze vor meiner Yogastunde. Der Gang auf die Matte ist eines meiner liebsten Rituale, das morgendliche Schreiben ebenso.

Es gibt Dinge, die man tun muss und die einem eher lästig sind oft: Abwaschen, Staubsaugen, Putzen. Sogar daraus kann man ein Ritual machen, indem man die Dinge bewusst macht. Wenn ich abwasche, tue ich nur das. Ich spüre das warme Wasser, den Schaum, drehe das Glas, höre das Reiben auf der Oberfläche, trockne es ab. Ich bin ganz bei dem, was ich aktuell tue. Das beschreibt auch Thich Nhat Hanh, wenn er die Geschichte eines Mönchs zitiert:

«Wenn ich stehe, dann stehe ich; wenn ich gehe, dann gehe ich; wenn ich sitze, dann sitze ich; wenn ich schlafe, dann schlafe ich; wenn ich esse, dann esse ich…»

Wir neigen dazu, immer mehrere Dinge gleichzeitig tun zu wollen. Dadurch wird das einzelne Tun sinnbefreit, unser Tun ist nur noch ein Abspulen von Handlungen, mit dem wir nicht mehr viel zu tun haben. Die Rückkehr ins achtsame Tun kann uns uns selbst näherbringen und aus Alltäglichem ein Ritual machen.

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Buchtipp:
Anselm Grün: Rituale, die gut tun. Jeden Tag erfüllter leben

Anselm Grün beschreibt verschiedene Rituale, kleine alltägliche Verrichtungen, die in Kapiteln zusammengefasst sind. Die Rituale sollen Halt geben in schwierigen Zeiten oder helfen, in die eigene Mitte zu kommen, sie beschäftigen sich mit Tages- und Jahreszeiten, sind Mittel, Balance zu finden oder das Leben zu feiern. Entstanden ist ein inspirierendes Büchlein, das helfen kann, eigene Rituale ins Leben aufzunehmen, welche diesem mehr Tiefe und Schönheit verleihen.

Lebenskunst: Das Leben als Reise

Kürzlich habe ich mich aufgeregt. So richtig. Ich hätte schimpfen und toben mögen, den ganzen Frust rausschreien. Ich konnte mich zwar zurückhalten, doch das eine oder andere Schnauben und ein paar süffisante Bemerkungen entwichen mir doch. Schon durfte ich mir anhören:

 „Ich dachte, Yoga mache gelassen?“

Meine Gedanken begannen zu drehen: Wo waren nun Gleichmut und Gelassenheit? Alles nur reine Theorie, die ich runterbete? Eigentlich hätte ich es besser wissen müssen, hätte viele Argumente gegen den Ärger und für innere Ruhe gehabt. Und doch: Als die Welt nicht so drehte, wie ich es gerne gehabt hätte, tobte es in mir. Ich schien förmlich aus purer Wut zu bestehen, alles andere war fast ausgeblendet, liess sich nur mit Anstrengung zurückholen, um langsam wieder zur Ruhe zu kommen. Und da fragte ich mich:

Bin ich ein schlechter Yogi? Ist es doch nur Mattenturnen statt Einkehr und Einsicht?

Voilà, Falle Nummer 2: Eigene Be- und Verurteilung. Statt zu reflektieren, was, wie und warum passiert war, um daraus zu lernen, liess ich alles im Kopf drehen, schimpfte nun nicht nur auf das, was passiert war, sondern auch über mich und verabsolutierte meinen Fehler hin zu: Ich mache alles falsch. Zum Glück konnte ich das anhalten:

Ich habe mich hingesetzt und ein paarmal tief ein- und ausgeatmet. Das hat nicht die Situation geändert, es hat auch mein Verhalten nicht rückgängig gemacht. Es hat mir ein bisschen Ruhe zurückgebracht. Ich war sicher noch kein friedlich lächelnder Dalai Lama, aber ich war auch kein tobendes Rumpelstilzchen mehr. Ich erkannte die Muster, die Prägungen, die meinem Verhalten zugrunde lagen, sah die Situation als schwierig und meine emotionale Reaktion als wenig heilbringend an.  Ich hielt mir zugute, dass ich selbst schnell erkannt hatte, in welches Muster ich geraten war, dass ich es unterbrechen und ruhig werden konnte.

Nun: Ich bin nicht erleuchtet. Ich bin auch nicht der Superyogi. Ich bin auf meinem Weg. Und es ist ein guter Weg. Ich muss nicht perfekt sein. Ich bin, wie ich bin. Und das ist gut. Und morgen bin ich anders. Auch das wird gut sein. Und so geht die Reise fort. 

Gedankenvoller Jahresausklang

Das Jahr neigt sich dem Ende zu, heute ist der letzte Tag. Ich merke, wie ich stiller werde, wie ich beginne, das Jahr zu reflektieren, hinsehe, was war, wie mein Weg durch dieses Jahr aussah. Es sind nicht mal so sehr die Erlebnisse, die mich beschäftigen, eher die Gefühlswelten, die Interessenlagen, die Themen, die präsent waren. Und wenn ich diesen Weg ansehe, der doch ein sehr kurvenreicher war, kommt natürlich der Gedanke ans neue Jahr auf: Wie wird der Weg weiter gehen? Was sind meine Ziele, meine Wünsche, meine Möglichkeiten?

Max Frisch schrieb:

„Schreiben heisst, sich selber lesen.“

Ich merke, dass mir im Moment die Antworten fehlen, also fange ich an zu schreiben. Ich fülle Seite um Seite im Notizbuch und versuche, mich selbst zu finden, zu ergründen. Es ist ein stiller Prozess des Herantastens. Einst sagte ich, ich sei ein schreibender Mensch. Das bestätigt sich immer wieder. Schreibend versuche ich, die Welt und mich in ihr zu verstehen. Und manchmal komme ich beidem für einen Moment auf die Schliche. 

Lebenskunst: Den eigenen Weg finden

„Um Wasser zu finden, solltest du nicht überall kleine Löcher graben, sondern an einer einzigen Stelle bis auf den Grund bohren.“ (Nisargadatta Maharaji)

Die Welt bietet so viele Möglichkeiten, Dinge zu lernen. Alle sind sie reizvoll, alle sind sie inspirierend, in jedem Gebiet findet man Menschen, die einen beeindrucken in ihrem Tun und Können und Sein. So etwas würde man sich auch wünschen. Und so fängt man an, taucht in eine Sache ein, während man nebendran drei andere sieht, die auch toll wären. Und irgendwann wird es ein wenig harzig beim eigenen Weg und man sieht bei einem anderen, dass das einfacher wäre. Und wechselt. Das passiert vielleicht nicht nur einmal, sondern mehrere Male.


Das positive daran ist, dass man viel kennenlernt, viel mitnimmt auf dem Lebensweg. Auf der Strecke bleibt aber die wirkliche Tiefe in einer Sache. Man kratzt meist an der Oberfläche, taucht ein paar Meter, stösst dann zurück an die Oberfläche und kratzt an einer anderen Stelle. Das ist nicht grundsätzlich schlecht, im Gegenteil, es kann sehr befriedigend sein. Wenn man aber wirklich tief gehen möchte, dann wird dieser Weg nie dahinführen.

Wirkliches Eintauchen, wirklich einen Weg zu gehen, mit all seinen Hürden, Schwierigkeiten und Herausforderungen, bedeutet, sich diesem Weg zu verpflichten. Es bedeutet, die Herausforderungen zu meistern, um dann die Früchte zu ernten, die durch die intensive Auseinandersetzung wachsen.

„Mein lieber Freund, du solltest in deinem Leben einen Mittelweg finden zwischen Geben und Empfangen.“ (Bhagavad Gita)

Ich hatte in meinem Leben beide Phasen, die des tiefen Eintauchens und die des eifrigen Suchens, Findens, Verwerfens, neu Suchens. Jedes neue Finden war mit einem Schub neuer Energie verbunden, mit Begeisterung, mit Enthusiasmus. Es war wie Fliegen auf einem Strom von Energie, der mich trägt. Das hielt selten an. Es lässt sich vielleicht vergleichen mit der Liebe: Wenn die erste Verliebtheit schwindet, zieht man auf zu neuen Ufern, um wieder zu schwelgen, verliebt zu schwärmen, im Hochgefühl zu baden. Eine tiefe Liebe wird so nie entstehen. Dazu müsste man sich auf einen Menschen einlassen. Tief einlassen. Mit allem, was gut ist. Mit allem, was schwer ist. Gerade beim Schweren zeigt sich, ob die Liebe trägt. Ob man auch fähig ist, sich tragen zu lassen und mitzutragen, denn beides ist nötig.

„Die persönliche Pflicht im Leben sollte man als seine Verantwortung für das eigene höchste Selbst ansehen.“ (Bhagavad Gita)

Genauso sehe ich heute den Lebensweg: Es ist ein Einlassen auf etwas, das mir selbst entspricht. Mein Leben leben bedeutet für mich, meine Aufgabe zu erfüllen in dem Sinne, dass ich das, was in mir ist, lebe, mich ihm verschreibe, auch wenn es nicht nur einfach ist. Im Yoga gibt es dafür den Begriff Svadharma: Seiner Berufung folgen, die eigene Aufgabe in dieser Welt gut erfüllen. Dabei gibt es keine höheren oder tieferen Aufgaben, sie sind alle wichtig, sowohl für das eigene Leben wie auch für das Zusammenleben als Gesellschaft.

Was ist deine innere Pflicht? Wo siehst du deinen Weg?

Lebenskunst: Panta Rhei

«Wer in denselben Fluss steigt, dem fliesst ein anderes und wieder anderes Wasser zu.» Heraklit

Heraklits Lehre vom Wasser ist eine Lehre vom Leben. Es gibt nichts, was einfach ist und bleibt, alles bewegt sich, verändert sich fliesst weiter, ändert sich in seiner Form. Eigentlich wünschen wir uns oft Kontinuität, diese wird auch als wichtige Eigenschaft bewertet, weil sie Verbindlichkeit und eine Form von Sicherheit mit sich bringt. Wir wissen, woran wir sind, bei uns und bei anderen. Nur: Das ist nicht nur nicht möglich immer, es entspricht auch den Tatsachen nicht.

Wenn ich an etwas festhalte, mich selbst aber verändere, werden irgendwann ich und das von mir Festgehaltene nicht mehr zusammenpassen. Wenn ich mich dann krampfhaft daran klammere, weil ich nicht aufgeben will, wofür ich mich mal entschieden habe, entferne ich mich langsam von mir selbst. Ich klammere an einem Selbst, das ich nicht mehr bin und ignoriere das, was ich geworden bin. Dass dies mit der Zeit Leid mit sich bringen wird, liegt auf der Hand.

Nun ist auch eine Veränderung nicht immer ohne Leid. Oft werden wir auch von aussen auf das festgesetzt, was wir einmal waren. Sind wir nun plötzlich durch eine Veränderung anders geworden, verlieren andere Menschen den Faden, sie haben die Entwicklung nicht nur nicht durchgemacht, sie haben sie vielleicht auch nicht gewollt – vor allem, wenn ich mich auf eine Weise verändert habe, die sie tangiert, weil ich vielleicht selbstbewusster geworden bin, auch mal nein sage, meinen eigenen Kopf habe und dieser meinen Weg bestimmt Das mag schmerzhaft sein, zeigt aber auch viel: Wer nicht bereit ist, mit mir meinen Wandel mitzuleben, der will in einem leblosen Dasein verharren. So wenig, wie ich jemandem in den Tod folgen wollte, so wenig sollte ich ihm meine Lebendigkeit opfern, indem ich mich weiter in den vorgespulten Mustern bewege, denn: Sie sind nicht mehr ich, ich bin in ihnen nicht mehr zu Hause.

«Wir steigen in denselben Fluss und doch nicht in denselben, wir sind es und wir sind es nicht.» Heraklit

So hat sich über die Jahre auch bei mir immer wieder eine Veränderung angezeigt, Dinge kamen, Dinge gingen, Lebensinhalte wurden wichtig, schwanden wieder, um neuen Platz zu machen. Und manchmal kommt einer wieder hervor, der über lange Zeit prägend, tief und wichtig war, lebenswichtig: Yoga und die östliche Philosophie, die Meditation und der Buddhismus. Zwar waren sie nie ganz weg, aber sie haben sich über ein paar Jahre nun nur auf meine Übungen auf der Matte jeden Morgen beschränkt. Zwar wusste ich immer, wie viel mir fehlte, ich spürte immer diese Sehnsucht in mir, aber ich konnte all dem nicht nachgeben. Bis ich es nun wieder tat. Und da war es: Dieses Gefühl: Nun bin ich zu Hause Ich bin nicht mehr am selben Ort, wie ich aufhörte, ich bin nicht mehr dieselbe auf der Matte, Yoga hat eine neue Qualität bekommen, auch das ist nicht mehr dasselbe Es ist tiefer, es ist grösser, es ist noch wichtiger als je zuvor. Und fast will mir scheinen, dass diese Zeit dazwischen genauso zu meinem Yogaweg gehörte wie die intensive Zeit vorher und jetzt. Sie hat mich Dinge gelehrt, hat mir vieles gezeigt, hat mich wandeln und wachsen lassen.

Am Schluss ist es doch nur ein Leben, ein Selbst und ein Fluss. Und doch auch wieder nicht.

Lebenskunst: Gewaltlosigkeit

Vor einigen tausend Jahren lebte Patanjali, ein indischer Gelehrter und er schrieb neben anderen Werken auch das Buch, das noch heute einen grossen Stellenwert in der Yogaphilosophie hat: Die Yogasutras. 195 Sutras, welche den Weg hin zum Ziel des Yoga, hin zur Einheit mit allem zeigen, den Ort, an dem das geistige Kreisen und irdische Suchen und Irren und Hasten und sich Aufreiben ein Ende findet.

Patanjali beschrieb den Yoga als achtgliedrigen Pfad, an dessen Anfang ethische Prinzipien stehen: Die Yamas und die Niyamas, Prinzipien des Umgangs mit anderen und solche für den Umgang mit mir selbst. Das erste Yama, der erste Schritt auf diesem Weg also, heisst: Ahimsa. Landläufig wird es mit Gewaltfreiheit übersetzt, dem biblischen Gebot des «du sollst nicht töten» verwandt.

Bei so alten Schriften liegt die Frage immer nahe: Was hat das mit mir heute zu tun. Bei ahimsa liegt das auf der Hand: Wenn wir lesen, man soll gewaltfrei leben, weil Gewalt nur Leid schafft, wird wohl jeder gleich zustimmen und den tiefen Sinn und Wert darin erkennen. Doch was kommt nach dem Kopfnicken? Wo bleiben die Handlungen? Leben wir wirklich gewaltfrei? In die Welt geschaut, sieht man Krieg und Streit, man sieht Ausbeutung und Zerstörung. Gewaltfreiheit sähe anders aus, es hätte eher mit Frieden, mit Miteinander, mit Bewahrung und Aufbau zu tun. Aber ja, die grosse weite Welt und wir kleinen Wesen – was können wir schon tun.

Wir könnten hinschauen. Bei uns selbst. Leben wir wirklich gewaltfrei? Fleischkonsum ist das offensichtlichste Problem, das dem gegenübersteht: Indem wir Tiere töten, um sie zu essen, wenden wir Gewalt an. Wir könnten diese immerhin reduzieren durch einen bewussteren Konsum. Vielleicht muss es nicht täglich das Billigfleisch aus dem Discounter sein, das aus einer qualvollen Massentierhaltung stammt, sondern es reicht einmal die Woche ein Stück vom Biobauern?

Es geht aber noch weiter: Wie gehe ich mit mir um? Wie oft stehe ich vor dem Spiegel, kritisiere Falten, Speckröllchen, graue Haare, die zu grosse Nase, die schielenden Augen, die ungraden Zähne – und was es sonst noch alles gibt. Ich schelte mich über Verhaltensweisen, die vielleicht unglücklich waren, werfe mir Versäumnisse und Unkenntnis vor – die Liste liesse sich verlängern. Und: Meistens, wenn wir mit uns selbst so kritisch und destruktiv umgehen, ist unser Blick auf die anderen ebenso: Wir lästern über zu enge Hosen bei zu dicken Hintern, über zu junge Partner und zu alte Eltern, wir kritisieren Verhaltensweisen, die unseren Massstäben und Lebensmaximen widersprechen, belächeln zu naive Gedanken und dumme Fehler. Wir führen Krieg. Kleinkrieg gegen uns und andere.

Patanjali schreibt:

«Wer fest in der Gewaltlosigkeit gründet, in dessen Gegenwart lassen andere von Feindseligkeit ab.» (II.35)

Vielleicht sind wir gar nicht so klein? Vielleicht können wir was tun? Indem wir bei uns hinschauen, für und mit uns liebevoller werden, Gewalt aus dem Spiel lassen? Indem wir gegen andere milder werden, sie leben lassen? Und dann das alles ausstrahlen und in die Welt tragen? Vielleicht verändert sich was – wenn auch nur im Kleinen erst? Aber: Kleines zieht Kreise, wird gross.

Auch das ist Yoga. Das wichtigste steht im ersten Sutra:

«atha yoga-anusanam.»

Jetzt ist die Zeit für Yoga. Fangen wir mit der Gewaltlosigkeit an.

Lebenskunst: Ausdauer führt zum Ziel

«Nicht das Beginnen wird belohnt, sondern einzig und allein das Durchhalten.» Buddha

Seit vielen Jahren steige ich jeden Morgen auf meine Yogamatte und mache da die immer gleichen Übungen. Eine Freundin fragte mich mal, ob ich ihr Yoga zeigen könnte, etwas, das sie zu Hause für sich üben könne Ich zeigte ihr einen Sonnengruss, übte ihn mit ihr immer wieder und sagte dann, sie solle nun jeden Morgen diese Form des Sonnengrusses machen. Nach drei Tagen rief sie mich an und fand, das sei doch eher langweilig, jeden Morgen das gleiche zu machen, ob es nicht noch mehr gäbe. Das gibt es natürlich. Viel mehr.

Geht man zurück zu Patanjali (er schrieb eines der Grundlagenwerke des Yoga), gab es gerade mal eine Yogaübung: Den Schneidersitz. Es ist die einzige Körperübung, die beschrieben ist und sie hat ausgereicht, um das Ziel des Yoga zu erreichen: Einheit – mit sich und der Welt. In dieser einen Haltung ist also alles, was es braucht, den Yogaweg zu gehen und zum Ziel zu gelangen. Etwas später kam man dann zum Schluss, dass diese Asana (so heissen die Stellungen im Yoga) nicht ausreicht, den Körper gesund zu erhalten, was nötig ist, um sich ganz der Konzentration, der Innenschau, der Versenkung und dem Erreichen der höchsten Ruhe zu widmen. Die Asanapraxis, der unseren heute ähnlich, wurde erfunden. Mittlerweile gibt es eine Unzahl von Asanas und es werden wohl noch immer auch neue erfunden.

Es stellt sich also die Frage: Warum um Gottes Willen mache ich jeden Morgen dieselben? Ich bin damit meistens ungefähr eine Stunde auf der Matte, die könnte ich sicher abwechslungsreicher gestalten, würde man meinen. Aber nein: Ich habe so schon genug Abwechslung. Dass meine Yogapraxis unterschiedlich lange dauert, hat verschiedene Gründe: Einerseits fliesst mein Atem nicht immer gleich. Bin ich aufgewühlt, aufgeregt, fliesst er schneller. Das lässt sich mit Atembewusstsein teilweise ausgleichen, aber nie über eine Stunde hinweg konstant. In solchen Zeiten dauert meine Praxis weniger lang, da die einzelnen Stellungen und Bewegungen sich dem Fluss des Atems anpassen. Dann gibt es immer wieder Erkenntnisse, die ich aufschreiben möchte, um später damit weiterzuarbeiten. Das Wichtigste aber scheint mir, dass ich durch die immer gleiche Praxis näher bei mir selbst bin. Ich vergleiche mich nicht mit anderen, sondern ich sehe, was bei mir gerade los ist. Jede einzelne Asana dient als Gradmesser für mein Befinden. Jede Asana hat eine bestimmte Wirkung, spricht etwas anderes in mir an – körperlich und geistig. Je nachdem, wie ich mich in einer Asana fühle, wie sie gelingt (zum Beispiel die Balanceübungen), merke ich, wie es mir geht, wo ich stehe an diesem Tag. Das wäre in viel kleinerem Ausmass der Fall, würde ich mir jeden Tag ein neues Programm ausdenken. Selbst dann ist viel an Innenschau und Erkenntnis möglich, aber für mich ist das so der beste Weg.

Jeder Mensch ist anders. Jeder Mensch hat andere Bedürfnisse. Was aber sicher immer gleich ist: Wenn du etwas erreichen willst, musst du dranbleiben. Pattabhi Jois sagte einst, Yoga sei 1% Theorie und 99% Praxis und Schweiss. Picasso sagte etwas ähnliches über die Kunst. Es kommt also nicht drauf an, für welchen Weg du dich entscheidest, wichtig ist, ihn dann zu gehen, nicht nur ein paar Schritte.  

Lebenskunst: Sehen, was ist

«Führe mich vom Unwahren zum Wahren, führe mich von der Dunkelheit ins Licht. Führe mich von dem, was tot ist, zu dem, was lebendig ist.» Upanishaden

Wenn ich durch die Strassen laufe, sehe ich Bäume, Häuser, Autos. Ich stecke alles in Schubladen, in die Schublade der Begriffe: Baum, Auto, Haus. Näheres Hinsehen erübrigt sich. Scheinbar. Ich sehe Menschen in ihren Kleidern, ihrer Mimik, ihrer Frisur. Und ich bilde mir ein Urteil, ich bilde mir ein, zu wissen, wer sie sind. Ich erlebe sie, wie sie etwas tun und bewerte es mit gut oder falsch. Auch da erübrigt sich das nähere Hinschauen. Scheinbar.

Bei Lichte betrachtet sehen wir so gar nichts, wir folgen nur unseren eigenen Vorstellungen davon, wie die Welt ist, kategorisieren die Welt nach mentalen Konstrukten wie gut und schlecht, und verschliessen uns so der Wirklichkeit, wie sie ist. Gut und schlecht sind keine Eigenschaften von irgendetwas, es sind blosse Zuschreibungen, die auf Erfahrungen, Konventionen, Einstellungen beruhen – also menschengemacht, subjektiv und von der Vergangenheit geprägt.

Auf diese Weise tue ich nicht nur anderen Menschen Unrecht, auch ich selber nehme mir die Möglichkeit, die Vielfalt und Schönheit der Welt zu sehen, wie sie ist. Ich nehme mir die Möglichkeit, auf das zu reagieren, was wirklich passiert, indem ich eigentlich noch aus der Vergangenheit heraus reagiere – was sehr oft zu leidvollen Situationen führt. Vielleicht wäre es ein erster Schritt, wenn ich das nächste Mal etwas in gut oder schlecht einteile, hinzusehen: Wieso ist das schlecht? Wer sagt das? Daraus könnte eine offener Sicht und damit auch ein lebendigeres Leben entstehen, weil nicht schon alles in praktischen Schubladen verpackt erscheint, sondern frei tanzen darf.

Und: Nur so sind wirkliche Begegnungen mit anderen Menschen möglich, da ich wirklich hinsehe, wer sie sind.