Tagesgedanken: Wozu das alles?

«Die Sinnfrage entsteht aus einer persönlichen Suche, manchmal Verzweiflung heraus. Hier ist ihr Ursprung, hier ist sie verankert.»[1]

Manchmal frage ich mich «Wozu das alles?» Das passiert in Situationen, in denen ich die Welt nicht verstehe, in denen ich müde bin, weil das Leben in Bahnen scheint, die mir nicht gefallen, wenn ich mich in etwas gefangen sehe, wo ich nicht sein will, oder aber wenn mir etwas so viel Kraft und Energie abverlangt, dass ich an meine Grenzen stosse. In dem Moment taucht sie auf und stellt sich mit grossen Fragezeichen vor mich: Die Frage nach dem Sinn des Lebens.

Wobei, ich muss korrigieren: Es ist die Frage nach dem Sinn meines Lebens. Denn: Ich bin überzeugt, dass es keinen Sinn des Lebens gibt, das Leben an sich ist sinnfrei. Es ist ein Zustand (Dasein), ein Tun (leben), ein zeitlicher Prozess (von der Geburt zum Tod). Das alles ist ohne unser Zutun da, aber wir füllen es nun aus. Wir sind in der Pflicht, etwas daraus zu machen. Oft richten wir uns an einem Ziel aus. Damit haben wir eine Richtung, in die es laufen soll und tun, was dazu nötig ist. Wenn das gut gelingt, ist alles in Ordnung, wir sind zufrieden. Gelingt es aber nicht, kommen wir manchmal ins Straucheln, ins Hinterfragen. Wir fragen, woran es lag, was falsch lief. Und dann kann es passieren, dass wir zu zweifeln beginnen – an uns, am Leben. Und wenn all das zuviel Kraft kostet, ist es nicht mehr weit hin stosshaften Seufzer:

Wozu das alles?

In dieser Frage, zumal wenn sie in schwierigen Situationen ausgesprochen wird, steckt nicht nur der Wunsch nach Erkenntnis, es steckt auch ein Stück Verzweiflung ob der fehlenden Sinnhaftigkeit drin, sowie eine Verlorenheit, weil die Ausrichtung, das klare und zu erreichende Ziel fehlt, das einem Sicherheit gibt auf dem Weg durchs. Leben. Wir brauchen diesen Sinn, damit wir einen Halt im Leben finden. Nietzsche drückte das folgendermassen aus:

«Wer ein Warum hat, erträgt fast jedes Wie.»

Die Sache ist die: Um den Sinn für das eigene Leben zu finden, braucht es vor allem den Willen durch Selbstreflexion, Geduld und Mut. Ich muss bereit sein, herauszufinden, wer ich bin und was ich wirklich will im Leben. Was sind meine Werte, was meine Wünsche? Aber auch: Was sind meine Fähigkeiten und Möglichkeiten? Das alles braucht Zeit, denn das Graben geht tief und führt oft zu widersprüchlichen Antworten, die man dann wieder aussortieren muss danach, was wirklich eigene Bedürfnisse sind und was nur prägenden Stimmen anderer geschuldet ist. Mut braucht es dann, wenn man herausgefunden hat, wo die Reise hingehen soll. Es gilt, auch mal gegen den Strom zu schwimmen, wenn dies erforderlich ist – und die Konsequenzen zu tragen, wenn dies nicht allen gefällt. Es gilt, auch mal Durststrecken durchzustehen, im Glauben daran, dass man seine Ziele erreichen kann. Und es gilt, auch mal mit Niederlagen umgehen zu lernen, da trotz allem Nachdenken nicht jedes Ziel erreichbar ist.

Aber es gibt auch was: Eine momentane Antwort nach dem Wozu. Wozu gehe ich den Weg? Weil ich dieses Ziel habe, das mir entspricht. Momentan ist die Antwort deswegen, weil die Ziele sich ändern können, man sie auch mal aus den Augen verlieren kann – oder sie sich als Illusion herausstellen. Dann fängt der Prozess von Neuem an. Und vielleicht gewinnt man mit der Zeit auch eine Art Vertrauen, dass man den Sinn für das eigene Leben immer wieder neu finden kann. Es gibt nicht nur ein Wozu, es gibt viele.


[1] Christian Uhle, Wozu das alles?

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Dies sind eigene Gedanken, keine Rezension. Trotzdem kann ich das Buch, aus dem das Eingangszitat stammt, sehr empfehlen. Es ist in meinen Augen manchmal etwas sehr ausführlich und ausschweifend, aber durchaus eine sinnvolle und anregende Lektüre:

Christian Uhle: Wozu das alles? Eine philosophische Reise zum Sinn des Lebens

Zum Inhalt:
Christian Uhle geht in seinem Buch einer Frage nach, die die Menschheit seit Jahrtausenden beschäftigt: Die Frage nach dem Sinn des Lebens. Er nimmt den Leser mit auf eine Reise, befragt verschiedene Philosophen und beleuchtet unterschiedliche Ansätze. Er fragt, warum wir hier sind und wohin das alles führen soll, fragt danach, was wirklich zählt im Leben und was Glück ist. Er fragt, wo man als Mensch verhaftet ist, wo das Zuhause ist – und was es bedeutet, wenn man es nicht mehr sieht. Identität und Zielsetzungen sind ein Thema sowie die Frage es guten Umgangs miteinander.

Entstanden ist ein informatives, gut lesbares, ab und zu etwas ausschweifendes und plauderhaftes Buch, das nicht nur viel Freude macht beim Lesen, sondern sicher etwas mit auf den Weg gibt – und wenn es nur die Anregung um selbst Denken ist.

Tagesgedanken: Ich erzähle mir von mir

Manchmal erzähle ich mir eine Geschichte. Ich erzähle mir von meiner Kindheit, von meiner Jugend, lasse Beziehungen Revue passieren und male mir so ein Bild von dem Menschen, der ich war und bin. Und irgendwann erzähle ich mir wieder eine Geschichte. Es ist die Geschichte meines Lebens, wie es war, und die Geschichte davon, wie ich wurde, wer ich bin. Es ist eine andere Geschichte. Und doch die gleiche. Und ich bin die gleiche – und doch ist etwas anders. Und mir schwant, dass ich wohl viele bin, nicht nur eine. Und die vielen zeigen sich auch teilweise, indem sie in mir miteinander streiten, weil jede etwas anderes denkt und will.

Manchmal fühle ich mich von all dem überfordert und frage mich, wer von all dem ich denn nun wirklich bin. Was ist die Wahrheit, was ist Wirklichkeit? Und dann merke ich, dass alles wahr ist. Ich habe nirgends gelogen, nichts erfunden – und doch irgendwie alles. Ich habe mich in diesen Erzählungen gefunden und teilweise auch erfunden, indem ich erzählte und beim Erzählen eine Auswahl traf. Im Moment des Erzählens erschien diese Auswahl richtig. Etwas verunsichernd war, zu sehen, wie viel dabei unbewusst ablief, wie ich ohne Absicht ein Bild von mir entwarf, das ich für die Realität hielt. Das zeigte mir, wie viel sich eigentlich meiner Kontrolle entzieht, wie viel bei mir abläuft, ohne dass ich es mitkriege, wie sehr ich gesteuert bin durch Muster, Denkweisen, Prägungen.

Ich merkte aber auch, dass das in Ordnung ist, dass ich in Ordnung bin. Es ist auch tröstlich, zu sehen, dass man viele Geschichten in sich trägt, die alle wahr sind, dass man ganz viel ist, nicht nur das, was vielleicht mal nicht gut läuft. Es ist hilfreich, wenn man in Situationen, in denen man einen Fehler macht, mal nicht optimal reagiert, zu wissen, dass man noch viel mehr ist als nur das. Man hat nur nicht zu jedem Zeitpunkt alles zur Hand und alles im Griff. Und vielleicht ist dieses Wissen um das eigene Sein, den eigenen Wert, das Wissen, dass dieser Wert nicht schwindet durch eine Unzulänglichkeit, das grösste Glück.

«Das Glück hängt an dem Selbst, das sich dessen erfreut und damit im reinen ist, sich nicht vollends im Griff zu haben.» (Dieter Thomä)

Vielleicht sollten wir uns mal unser Leben erzählen. Und am nächsten Tag nochmals. Und dann wieder. Und dann sehen, wie viele Leben wir lebten und was wir alles sind.

Philosophisches: Faden im Gewebe

«Die Menschen sind nicht nur in der Kleidung und im Auftreten, in ihrer Gestalt und Gefühlsweise ein Resultat der Gesellschaft, sondern auch die Art, wie sie sehen und hören, ist von dem gesellschaftlichen Lebensprozess […] nicht abzulösen.» Max Horkheimer

In der heutigen Zeit ist es das höchste Ziel, möglichst selbstbestimmt, authentisch, autonom zu sein. Die eigene Identität steht im Zentrum des eigenen Universums, sie will gelebt werden, sie darf nicht unterdrückt werden, sondern ihre Freiheit im Sinne einer freien Entfaltung ist das höchste Gut. Einschränkungen werden mit Argwohn betrachtet, schnell abgelehnt und verurteilt. Dabei vergessen wir, dass wir als die, die wir sind, eigentlich ein Produkt der Gesellschaft sind, in die wir geboren wurden. Erst durch unseren Austausch mit anderen bildet sich unsere Persönlichkeit heraus, erst durch unser Handeln und Sprechen mit ihnen, können wir werden, wer wir sind.

Hannah Arendt hat das schöne Bild der Gesellschaft als Gewebe gezeichnet: Durch unser Sprechen miteinander schaffen wir ein Gewebe, das wir als Gesellschaft bezeichnen. Sie ist das, was zwischen uns entsteht, wenn wir sprechen und handeln. Wird nun ein neuer Mensch geboren, webt er sich durch sein Dazukommen und Mitreden als Faden in dieses Gewebe ein. Der gegenseitige Austausch prägt den Einzelnen in seinem Sein und gibt der Gesellschaft etwas Neues hinzu.

Webt man dieses Bild nun weiter, würde jeder Faden, der aus dem Gewebe herausgerissen wird, ein Loch entstehen lassen. Indem wir also Menschen, die zum Gewebe der Gesellschaft gehören, unterdrücken, diskriminieren, ausgrenzen, schädigen wir das Gewebe, in das unser Faden eingewebt ist, von innen heraus. Wir machen ein schadhaftes Gewebe daraus. Insofern schaden wir nicht nur denen, die wir schlecht behandeln, sondern fügen auch uns selbst Schaden zu, indem wir den Ort, der uns zu dem macht, die wir sind, auf eine Weise prägen, die auch das eigene Leben irgendwann beeinträchtigen kann, denn: Wer sagt, dass eine Gesellschaft, die sich gegen Pluralität stellt, nicht plötzlich auch etwas an uns selbst findet, das nicht in ihre Vorstellungen passt?

Ein Grund mehr, darauf zu achten und sich dessen bewusst zu sein: Jeder Mensch ist anders und er soll das sein dürfen. Er gehört in diesem So-Sein zum Gewebe, das unser Miteinander darstellt. Nur so kann ein strapazierfähiges, buntes Gewebe entstehen.

Tagesgedanken: Zusammenleben

„Seien Sie aufmerksam gegen das, was in Ihnen aufsteht, und stellen Sie es über alles, was Sie um sich bemerken. Ihr innerstes Geschehen ist Ihrer ganzen Liebe wert, an ihm müssen Sie irgendwie arbeiten und nicht zu viel Zeit und zu viel Mut damit verlieren, Ihre Stellung zu den Menschen aufzuklären.“

Diese Zeilen schreibt Rilke an einen jungen Schriftsteller. Er fordert ihn auf, sich auf sich selbst zu besinnen, bei sich zu schauen, was wichtig ist, die eigenen Bedürfnisse zu erkennen und sie zu erfüllen. Es ist nicht wichtig, so Rilke, was die andren über einen denken, wichtig ist, dass man mit sich im Reinen ist. Und daran muss man arbeiten, nicht am Stand unter den anderen Menschen.

Daran ist viel Wahres. Wenn ich mich selbst nicht kenne, wenn ich meine Bedürfnisse nicht wahrnehme, wenn ich nur nach aussen, kaum nach innen schaue, entfremde ich mich mit der Zeit von mir selbst. Gerade die Selbstreflexion macht uns als Menschen aber doch aus, die Fähigkeit, ein Bewusstsein zu entwickeln, mit dem wir die Welt und auch uns selbst erfassen können.

Es verwundert nicht, dass dieser Rat von Rilke kommt, hat der doch zeitlebens den grossen Teil seiner Zeit dem gewidmet, was ihm das wichtigste war, nämlich dem Schreiben. Dem ordnete er alles unter und das ohne Rücksicht darauf, was andere davon halten mochten. In dem Rat steckt aber eine Schwierigkeit: Können wir uns einfach aus der Welt nehmen? Wir sind soziale Wesen, die auf andere angewiesen sind. Wir brauchen die Gemeinschaft nur schon, um uns überhaupt selbst zu erfahren, zu dem zu werden, der wir sind, eine Identität auszubilden. Natürlich sollten wir uns nicht von den Urteilen anderer abhängig machen. Natürlich sind unsere Bedürfnisse wichtig und sollten nicht einfach übergangen werden. Dabei sollte aber immer bewusst bleiben, dass auch der andere Bedürfnisse hat. Auf meinen zu beharren, zu klagen, wenn sie nicht alle erfüllt sind, mutet eher selbstverliebt als selbstsorgend an. Vor allem, wenn der Blick nur noch auf sich gerichtet ist, damit der andere völlig ausgeblendet wird.

Es mag nicht schön sein, zurückzustecken. Manchmal tut es weh. Und vielleicht ist es wirklich unnötig, unfair, verletzend. Vielleicht aber ist es schlicht der zu machende Kompromiss, um in einem Miteinander, in dem jeder seinen Platz und seine Rechte hat, friedlich zusammenzuleben.

Philosophisches: Gleiche Rechte für alle?

«Die Rechte, die man anderen zugesteht, kann man auch von anderen fordern; doch können wir von anderen nicht fordern, was wir selbst nicht respektieren.» (George H. Mead)

Ein einfacher Satz, dem die meisten wohl zustimmen würden auf den ersten Blick. Auf den zweiten wirft er doch Fragen auf: Kann ich wirklich von anderen fordern, dass sie mir sie gleichen Rechte zugestehen wie ich ihnen? Ich kann es hoffen, vielleicht sogar erwarten (mit einer möglichen Enttäuschung), aber fordern? Zudem: Von was für Rechten sprechen wir? Und hat jeder wirklich dieselben? Sollte jeder dieselben haben? Gibt es nicht auch bei Menschen unterschiedliche Voraussetzungen, die unterschiedliche Rechte (und auch Pflichten) zur Folge haben? Ein Kind hat andere Rechte als ein Erwachsener, ein Polizist hat andere Rechte im Umgang mit Straftätern als eine Privatperson.

Die nächste Frage ist, ob es überhaupt sinnvoll wäre, Rechte einzufordern. Das würde Rechte zu einem Tauschgeschäft machen. Ich habe dir einen Gefallen getan, nun musst du mir auch einen tun. Was, wenn nicht? Bereue ich meinen dann? Mache ich dem anderen nie mehr einen? Sinkt er nun in meiner Anerkennung, meiner Zuneigung?

Beim letzten Teil wird es leichter. Was wir nicht bereit sind, zu tun, können wir auch nicht einfordern. Es ist unfair, selbst hohe moralische Werte zu haben, selbst aber nicht danach zu leben, dies aber von anderen zu erwarten. Das ist eine Doppelmoral, die sich leider oft zeigt: Der ausgestreckte Zeigefinger auf andere, wenn die gegen die eigenen Lebensmaximen verstossen. Dass dabei immer drei Finger auf einen selbst zeigen, ignoriert man, weil man da nicht genau hinschaut. Darauf angesprochen finden sich immer Gründe, wieso man selbst grad nicht konnte, wieso man selbst gerade eine Ausnahme machen musste. Das kann man tun, nur sollte man dies dann auch dem anderen zugestehen. Und wenn man das nicht will, bleibt Gandhis Spruch, an dem viel Wahres ist:

«Sei du die Veränderung, die du in der Welt gerne sähest.»

Lebenskunst: Befreiung von selbstgemachtem Leid

«Unser wahrer Feind ist nicht ausserhalb von uns, sondern sitzt in uns selbst.» Dalai Lama

Wie oft stehen wir uns im Leben selbst im Weg. Wir sehen die Dinge, wie wir sie sehen und bilden uns ein, sie zu erkennen, zu wissen, wie sie sind. Doch ist unser Sehen immer geprägt von unseren Gedanken, die wiederum verschiedene Herkünfte haben, allesamt dazu da die wahre Sicht zu verstellen und die Dinge im Licht unserer Prägungen zu sehen.

«Das Nichtwissen, also das Glauben, dass die Dinge, wie sie erscheinen, nämlich als unabhängig und autonom, ohne von Ursachen abzuhängen, ist die Wurzel aller irrtümlicher Vorstellungen.» Dalai Lama

Aus den Vorstellungen, wie die Dinge also seien, bilden sich dann in uns neue Gedanken, oft solche, die uns mehr behindern als fördern. Wir sehen Hindernisse auf dem Weg hin zur Erfüllung von Wünschen oder Erreichung von Zielen. Wir bilden Abneigungen aufgrund von erfahrenen Verletzungen und gefühlten Risiken, oder Abhängigkeiten und Begehren aufgrund von positiven Zuschreibungen: Ich muss etwas unbedingt haben, denn es wird mich glücklich machen. Damit fördern wir sicher kein Glück, sondern im Gegenteil eher Leid. So ist denn im Buddhismus auch die Sicht vertreten, dass es im Leben viel um Leiden geht, dass wir leiden, weil wir falschen Vorstellungen anhängen, die uns auf unserem Weg raus aus dem Rad der Wiedergeburt (Samsara) behindern und damit der inneren Harmonie im Wege stehen.

Wenn wir es schaffen, das zu erkennen, steht dem eigenen Weiterkommen nichts mehr im Weg. Dann können wir eine Weisheit entwickeln, die immer bedeutet: Erkennen, was wirklich ist, die wahre Natur allen Seins und aller Dinge zu erkennen und aus diesem Erkennen heraus zu handeln. Dies führt zu einer Befreiung und damit auch hin zum obersten Ziel: Nirvana. Wir können dies selbst fördern, indem wir uns in den sechs Vollkommenheiten üben:

«Buddha erläuterte den vollkommenen Weg auf der Grundlage der Erfahrung des erwachenden Geistes und der sechs Vollkommenheiten: Grossherzigkeit, Disziplin, Geduld, Bemühen, Konzentration und Weisheit.» Dalai Lama

Was dabei ganz wichtig ist: Geduld. Der Dalai Lama, ein weiser Mensch, sagt von sich selbst, dass er sich nun seit über 70 Jahren der Meditation widmet und noch immer nennt er seine Einsichten armselig. Daran zu verzweifeln und aufzuhören, wäre aber der falsche Weg: Geduld ist das Zauberwort und die Disziplin des weiteren Übens der Weg. Und mit dem Bewusstsein können auch wir uns auf den Weg machen. Vielleicht erreichen wir nicht das Nirvana, aber ein wenig mehr wirkliche Freiheit, Freude und die Zuversicht, dass unsere Ziele erreichbar sind – wenn wir uns nicht selbst ein Feind sind und uns im Weg stehen.

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Buchtipp:
Dalai Lama: Das kleine Buch der Harmonie: Durch Meditation zur innersten Erkenntnis
In kurzen, prägnanten Absätzen und einen längeren Text führt uns der Dalai Lama hin zur Erkenntnis der wahren Natur der Dinge und zeigt uns einen Weg auf hin zu mehr Weisheit, weniger Täuschung und damit der Befreiung.

Angaben zum Buch:
Verlag: Herder Verlag (8. März 2021)
Taschenbuch: 176 Seiten

Tagesgedanken: Gefallensfalle

Ich bin getrieben. Von Ansprüchen, Erwartungen, Wünschen, Zielen. Eigenen. Und manchmal von Fragen, auf welche die Antworten fehlen. Ich fliege von einem zum andern und verwerfe schlussendlich alles wieder, immer mit der Frage: Wozu das alles? Aber auch: Was soll ich tun? Was kann ich tun? Und vor allem: Wie mache ich es richtig? Und gut?

Ich merke, wie mir oft die Luft ausgeht. Dann bin ich einen Moment ohne Atem, merke, wie ich innerlich zusammenfalle in diesem luftleeren Raum, bis die normale Atmung wieder einsetzt. Beim ersten Mal machte es mir Angst. Nun ist es fast normal geworden. Man gewöhnt sich an vieles. Zu vieles wohl. Müsste ich es ernster nehmen? Wohl schon. Doch was wäre die Konsequenz?

Ich müsste wohl hinschauen, wieso ich denke, Ansprüchen und Erwartungen genügen zu müssen. Woher kommen die überhaupt? Ich müsste mich fragen, wieso ich denke, alles richtig machen zu müssen. Und wieso gut oft nicht gut genug ist, es besser sein muss. Und ich müsste mich fragen, woher diese innere Unruhe kommt, die mich immer wieder an- und umtreibt, oft auch wegtreibt von vielem. Und ich müsste mir fragen, ob es etwas gäbe, das Ruhe bringen könnte.

Und ja, ich käme wohl auf Antworten. Ich würde wohl merken, dass ich immer wieder hoffe, zu gefallen, dass ich immer wieder hoffe, angenommen zu sein in meiner Art. Dass ich immer wieder denke, dass dies passiert, muss ich etwas leisten – nicht nur etwas, sondern etwas richtig Gutes. Und ich würde wohl erkennen, dass ich für dieses Gefallenwollen, hinter dem eine Sehnsucht nach Liebe steckt, vieles aufgebe – oft meine eigenen Bedürfnisse. Und ich müsste mich wohl fragen, ob der Preis nicht zu hoch ist. Und ich würde wohl zum Schluss kommen, dass er das ist.

Und dann merke ich: Ich stecke tief drin, in der Gefallensfalle. Und ich weiss eigentlich tief drin, dass es ein Käfig ist, den ich mir selbst baue. Und ich weiss tief drin ebenfalls, dass es nur einen gibt, dem ich wirklich gefallen muss, für den ich es wirklich recht machen muss. Das bin ich. Und nun müsste ich mir das nur noch glauben und tief durchatmen und zur Ruhe kommen…

Ohne Liebe sind wir uns selbst zur Last. Durch die Liebe tragen wir einander. (Augustinus Aurelius)

Philosophisches: Haben oder Sein

«Die Aufgabe ist, dass der Mensch so lebt, dass der Zweck, das Ziel seines Lebens die volle Entfaltung aller seiner Kräfte ist als ein Selbstzweck und nicht als Mittel zur Erreichung anderer Zwecke.» (Erich Fromm, Marx zitierend)

Das sagte Erich Fromm in einem Interview und meinte es als Kritik an einer Welt, die Menschen immer mehr als Ressourcen sieht, und immer weniger als Personen, als Individuen. Was zählt, ist das Haben, der Profit, dabei geht das Sein, das Leben als ganzer Mensch, unter. Sinnbildlich wird das in Firmen, in denen die Personalbüros «Human Ressources» heissen: Menschliches Kapital quasi, ein Gut, auf das man für den Profit strategisch zurückgreift. Kein schönes Bild, wie ich finde. Kein Wunder, fühlen sich Menschen immer unwohler in der Arbeitswelt, brennen sie aus, werden sie krank. Für die ressourcenorientierte Gesellschaft ist das kein Problem, jeder ist ersetzbar, fällt einer aus, kommt der nächste.

Das fängt aber schon früher an: Auch in der Schule zeigt sich diese Haltung. Es geht nicht um Bildung, sondern um Wissensanhäufung unter Zwang und Leistungsdruck. «Und bist du nicht willig, dann kriegst du ne eins (in der Schweiz die schlechteste Note).» Wer es nicht aufs Gymnasium schafft, hat je länger je mehr ein Problem, die Berufsauswahl schrumpft. Es zählt nur noch, was einer (an Papieren) hat, nicht was er an wirklichen Fähigkeiten mitbringt. Eine Kindergartenlehrerin muss in Mathe gut sein, die Sozialkompetenz, der liebevolle Umgang mit Kindern sind keine ausschlaggebenden Kriterien.

Was so mehr und mehr wegfällt, ist eine wirkliche Beziehung zwischen Menschen, eine wirkliche Beziehung zur Welt. Der Mensch sieht sich als Rad im Getriebe und fühlt sich nicht gesehen. Das Interesse liegt mehrheitlich darauf, was einer hat, nicht wer er ist. Dadurch entstehen keine wirklichen Beziehungen, doch die wären wichtig für den Menschen, denn ohne sie kann er nicht als Mensch wirklich existieren, sicher kann er kein Leben führen, das ihn befriedigt, das er als gutes Leben bezeichnen würde. Es kommt zu einer immer grösseren Entfremdung – von der Welt, von anderen Menschen, oft auch von sich selbst.

Vielleicht wäre es langsam an der Zeit, umzudenken, Leben neu zu denken – weg von

«Sag mir, was du hast, und ich sage dir, wer du bist.»

Hin zu

«Sag mir, was du fühlst, denkst, tust und willst, und ich sehe, wer du bist.»

Das könnte ein Weg sein weg von profitorientierter Existenz hin zu einem sinnerfüllten Leben.

Tagesgedanken: Den anderen annehmen

Lernt man jemanden kennen und verliebt sich, bleibt es nicht aus, dass Blick verklärt ist und der andere in den hellsten Farben erscheint. Mit der Zeit kommen kleine Irritationen ans Licht, er hat Vorlieben, die man nicht teilt, Bedürfnisse, die man nicht versteht, verhält sich auf eine Weise, die abweicht vom eigenen Habitus. Werden die Irritationen und das Unverständnis grösser, kommt es oft zu Konflikten, Vorwürfe fallen, die mitunter verletzen. Was ist passiert? Hat der andere sich verändert? Habe ich mich verändert? Haben wir etwas übersehen?

Es kann sein, dass es nichts von alledem ist – oder alles. Menschen sind nie statisch, dass sie sich verändern, liegt in ihrer Natur. Den anderen auf etwas festzulegen, behindert diesen in der Entfaltung seiner wirklichen Person, in seinem Wachsen. Das hat wenig mit Liebe zu tun, es entspringt oft dem eigenen Bedürfnis nach Konstanz, nach Sicherheit – Neues verunsichert, wer wächst, wird grösser und vielleicht auch die Angst, er könnte über einen hinauswachsen. Man übersieht dabei, dass dies eine Chance wäre, gemeinsam zu wachsen, aneinander.

«Die Liebe gibt der geliebten Person die Möglichkeit, Person zu sein, und zwar auf eine einmalige, unverwechselbare Art Person zu sein. Und es sind die Augen des Liebenden, die diese Einzigartigkeit wahrnehmen, eine Einzigartigkeit, die mehr ist als die Kombination empirischer Qualitäten.» (Robert Spaemann)

Es ist wohl das schönste Geschenk, das man jemandem machen kann, wenn man ihn so annimmt, wie er ist. Um das zu können, muss ich den anderen erst sehen, hören, wahrnehmen in seinem Sein. Nur dann erkenne ich ihn in seiner Tiefe, in dem, was ihn ausmacht. Ich überlagere ihn nicht von vornherein mit Begriffen und Urteilen, sondern erkunde neugierig seine Eigenheiten – und ich nehme an, was ich sehe, nehme ihn an in seinem So-Sein.

Wenn ich merke, dass mich jemand als Ich annimmt, dass meine Bedürfnisse wahrgenommen werden, ich sein kann, wie ich wirklich bin, und werden darf, wer ich sein kann, dann habe ich sie wohl gefunden, die Liebe. Und wenn sie nicht im Aussen ist, so kann ich sie zumindest in mir selbst für mich finden – und mir selbst ein sicherer Ort zum Wachsen sein.

Philosophisches: Wer bin ich?

«Sage mir, mit wem du umgehst, so sage ich dir, wer du bist; weiss ich, womit du dich beschäftigst, so weiss ich, was aus dir werden kann.»

Goethe greift hier in seinem Wilhelm Meister eine tiefe Wahrheit über unser Sein auf: Wir sind geprägt durch unsere Umwelt – und dies mehr, als uns wohl oft bewusst ist. Menschen brauchen andere Menschen, um eine Identität auszubilden. Erst im Umgang mit anderen erfahren wir, wer wir sind, weil wir anhand ihrer Reaktionen auf unser Verhalten merken, wie sie uns sehen. Das alles fängt gleich nach der Geburt an und hört das ganze Leben nicht mehr auf.

Schon Babys reagieren auf das Verhalten ihrer Umgebung. Wenn jemand lächelt, lächeln sie zurück. Wenn sie etwas tun und eine entsprechende Reaktion erhalten, verinnerlichen sie diese und lernen, wie sie sich künftig zu verhalten haben. Das Verinnerlichen von Verhaltensmustern, von Wertmassstäben, die Reaktionen aus dem Umfeld zugrunde liegen, bilden ein inneres Diagnoseprogramm aus. Die Gesellschaft mitsamt ihren Erwartungen und Werten tritt quasi in mich ein und wirkt nun von innen heraus, indem ich selbst mein eigenes Verhalten bewerten kann anhand der erlernten Massstäbe. Indem ich einerseits handle als Ich, andererseits dieses Handeln selbst beurteilen kann, bildet sich ein Selbst-Bewusstsein, und damit meine Identität.

George H. Mead hat sich intensiv mit dem Thema Identität und Gesellschaft befasst. Er kam zum Schluss, dass sich Identität nur dann ausbildet, wenn wir uns in andere hineinfühlen können, wenn wir in der Lage sind, fremde Perspektiven einzunehmen. Dazu ist es wichtig, ein gemeinsames Symbolsystem zu schaffen, das der Verständigung dient: Die Sprache, welche sich in drei Stufen entwickelt: körperliche Gesten, vokale Gesten (einzelne Wörter), signifikante Gesten (Symbolsystem der Sprache). Dieses System ermöglicht uns, uns gegenseitig zu verstehen. Durch sie können wir das Verhalten anderer deuten und damit auch ihre Reaktion auf uns. Die Umwelt hält uns einen Spiegel unseres Verhaltens vor, den wir in der Folge verinnerlichen und der unser Bewusstsein ausbildet.

Mead spricht damit an, was im Buddhismus als Mitgefühl bekannt ist: Mit-Fühlen, was der andere fühlt. In Verbindung treten durch mein empfundenes Verständnis für sein Sein und Fühlen. Damit ist Mitgefühl eine wichtige Eigenschaft im Umgang mit anderen, und es ist auch für unsere eigene Selbsterkenntnis fundamental. Nur wenn ich mich dem anderen öffne, ihn wahrnehme, mich in ihn hineinfühle, kann ich zu einem Verständnis meiner selbst kommen. Und so kommen wir uns alle etwas näher, gegenseitig und für uns selbst. 

Wer bin ich also? Ich bin die Summe meiner Erfahrungen und der daraus verinnerlichten sozialen Erwartungshaltungen, die sich in meinem Verhalten ausdrücken. Ich werde zu dem, der ich bin, durch das, was ich im Aussen erfahre und verinnerliche. Im Wissen darum ist es umso wichtiger, denke ich, das für einen passende, einem entsprechende Umfeld zu finden, denn nur damit wird es gelingen, zu dem Ich zu werden, das man sein will.   

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Buchtipp: George H. Mead: Geist, Identität und Gesellschaft, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Frankfurt am Main 1973.

Leserückblick August

Schon sind wir wieder in einem neuen Monat, Zeit für einen Rückblick. Der August war für mich ein Monat voller Umbrüche, Zweifel, Abschiede, Veränderungen und Erkenntnissen. Wenn so viel zusammenkommt, ist klar, dass es kein ruhiger war, und ich hatte auch das Gefühl, dass zu viel auf der Strecke bleibt, so auch das Lesen. Dass es nun doch 11 Bücher geworden sind, erstaunt mich sehr. Das ist aber auch ein Grund dafür, alles aufzuschreiben: Meine Wahrnehmung zu prüfen. Zudem zeigt mir die Wahl der Lektüre immer auch viel über meinen Monat, darüber, was mich interessiert hat, bewegt hat. Beim Blick zurück erinnere ich mich an das Buch und die Inhalte, es kommen auch Gedankenfetzen zur Zeit des Lesens. Manchmal hing mit einem Buch auch mehr zusammen, es war Auslöser einer Einsicht, der Anfang eines neuen Weges. Auf diese Weise ist mein Leserückblick mehr als das. Es ist eine Form der Selbstbetrachtung, des Rückblicks auf einen gelebten Monat. Die Bücher sind ein Teil davon und sie stehen oft für eine Gesinnung, für Gefühle, für Interessen in dieser Zeit.

Ich habe im August mit Josef Dohmen die Wege aus der Gleichgültigkeit der heutigen Zeit gesucht, mit Stefanie Stahl mein inneres Kind gestärkt und von William B. Irvine eine Anleitung zum guten Leben erhalten. Ryan Holiday zeigte mir auf, wie Hindernisse zu Chancen werden können, und Seneca den Weg hin zu mehr Gelassenheit. Albert Kitzler sprach mir aus der Seele, dass Philosophie einem gesunden Leben dienlich ist und Donald Robertson zeigte das anhand des stoischen Weg zum Glück ebenfalls. Alan Watts pries die Unsicherheit als Quelle von Lebendigkeit und Albert Kitzler zeigte, wie man bei all dem Ruhe bewahren kann. Nach einem Abstecher nach Japan zu Kaizen, sitze ich nun hier nach einem wilden Ritt und habe den September schon mit Thich Nhat Han begonnen – es geht weiter in den Buddhismus und ins Yoga.

Hier die ausführlichere Leseliste:

Josef Dohmen: Wider die Gleichgültigkeit. Plädoyer für eine moderne LebenskunstWas ist nötig für ein gutes Leben, welche Kriterien sind wichtig, sie zu realisieren, um ein Leben als der zu leben, der man sein will? Freiheit, Wahrhaftigkeit, Selbstbejahung und einige mehr werden in die Waagschale einer neuen Lebenskunst geworfen. 4
Stefanie Stahl: Das Kind in dir muss Heimat finden. Der Schlüssel zur Lösung (fast) aller ProblemeWie steuern Prägungen aus der Kindheit unser Verhalten? Wie haben sich alte Glaubessätze in uns festgesetzt und bringen uns nun immer wieder in leidvolle Situationen? Diese zu erkennen und zu ersetzen hilft, ein freudvolleres Leben zu führen. 5
Stefanie Stahl: So stärken Sie ihr SelbstwertgefühlMangelndes Selbstwertgefühl kann einem selbst und dem Umfeld das Leben erschweren. Was kann ich tun, um mein Selbstwertgefühl zu stärken, um ein ausgeglicheneres und zufriedeneres Leben zu führen, in dem ich mich nicht ständig durch unangemessenes Verhalten schützen muss?5
Wiliam B. Irvine: Anleitung zum guten Leben: Wie Sie die alte Kunst des Stoizismus für Ihr Leben nutzenEin gutes Leben gelingt nur, wenn wir eine Lebensphilosophie haben, die uns dahin führt. Eine solche finden wir bei den Stoikern. Indem wir praktizierende Stoiker werden, lernen wir, uns von Leid bringenden Affekten zu lösen und eine innere Ruhe zu erlangen. 5
Ryan Holiday: Das Hindernis ist der Weg. Mit der Philosophie der Stoiker zum TriumphWie man dem eigenen Leben ein Ziel setzt und die auftretenden Hindernisse als Chancen statt als Grund zu scheitern sieht. Stoische Gedanken und anschauliche Beispiele für ein zielgerichtetes Leben, in dem man nicht zu schnell aufgibt, sondern neue Wege sucht.5
Seneca: Von der GelassenheitKleines Buch voller Weisheiten darüber, was man tun und was lassen soll, um ein gutes Leben zu führen. 5
Albert Kitzler: Denken heilt!: Philosophie für ein gesundes LebenLehren und Weisheiten der antiken Philosophen zur Bekämpfung von Seelenkrankheit und Erlangung einer gesunden Seele, die zu einem glücklichen Leben führt. 4
Donald Robertson: Stoizismus und die Kunst, Glücklich zu sein. Alte Weisheiten für moderne HerausforderungenEine Einführung in den Stoizismus, ein Blick auf einzelne Themen und den Umgang der stoischen Philosophen damit. 5
Alan Watts: Weisheit des ungesicherten LebensWie wir dadurch, dass wir alles planen und absichern wollen, immer weiter vom Lebendigen wegkommen und uns schliesslich selbst verlieren. 4
Albert Kitzler: Nur die Ruhe. Einfach gut leben mit Philosophie12 Regeln der Stoiker zu verschiedenen Lebensthemen, dargestellt in fiktiven Gesprächen einer Philosophin mit ihren Klienten. Neben den Stoikern kommen auch andere antike Philosophen aus Ost und West zur Sprache. 4
Haruki Necharo: Kaizen – die japanische Philosophie für ein erfülltes Leben: Wie Sie mit einfachen täglichen Verbesserungen langfristig Ihre Ziele erreichen.Kaizen ist eine japanische Philosophie, die ursprünglich auf Unternehmen zugeschnitten war, die aber auch gut auf die Lebenskunst anwendbar ist, was in diesem Buch versucht wird. Es ist die Philosophie der Verbesserung, des Hinschauens und verbessern des eigenen Tuns und Seins. Nicht als Selbstoptimierung, sondern aus der Akzeptanz dessen, wer wir sind und dem Wunsch nach mehr Glück. Inklusive ist ein Kapitel mit Wabi-Sabi, einer Sicht, das Leben zu betrachten. Indem der Autor es sehr anschaulich machen wollte, ist es etwas gar „einfach“ geschrieben.3

Wie war euer Lesemonat August?

Tagesgedanken: Falsche Vorstellungen

Ich bin ein Mensch, der gerne seine Strukturen, seine Gewohnheiten hat. Das hat einerseits pragmatische Gründe, denn als selbständig arbeitender Mensch fehlen die Leitplanken von aussen und es fällt mir leichter, täglich nach dem etwa gleichen Plan zu arbeiten, als jeden Tag neu zu überlegen, ob und wann und was ich denn nun tun soll. Es hat aber andererseits auch weitere Gründe: Ich mag es so, fühle mich wohl, wenn ich weiss, was mich erwartet.

Neues, plötzliche Veränderungen, mag ich hingegen gar nicht. Da ertappe ich mich schon lange Zeit vorher, mir auszumalen, wie das sein könnte. Ich erzähle mir, dass das schwer wird, schüre meine Ängste, der Situation nicht gewachsen zu sein, finde immer mehr Dinge, die zu meinem Unwohlsein führen könnten. Das führt dazu, dass es nicht erst schwierig wird, wenn das Neue dann kommt, sondern ich vergifte mit diesem Gedankenkarussell schon die Zeit vorher. Und oft habe ich dann erlebt, dass alles ganz leicht war und meine Sorgen völlig umsonst.

„Vorstellungen sind mentale Muster, die nicht auf real existierenden Objekten beruhen.“ (Patanjalis Yoga Sutras, 1.9)

Es ist wohl an der Zeit, zu lernen, dass das, was am meisten Unwohlsein mit sich bringt, nicht die neuen Situationen sind, sondern meine Vorstellungen davon. Natürlich kann es sein, dass es mal schwierig wird, natürlich gibt es Situationen, in denen ich mich unwohl fühle, doch es reicht, wenn es in der Situation selbst so ist, ich muss nicht schon die Tage vorher damit belasten, denn das ist schlicht nur ein selbstgemachtes Leiden und es liegt in meiner Hand, dies zu ändern.

Mögt ihr Veränderungen oder habt ihr es doch lieber wie gewohnt?

Politik/Gesellschaft: Kategorisierte Identität

«Das Selbstgefühl jedes Menschen wird von seiner Herkunft geprägt, angefangen bei der Familie, aber darüber hinaus auch von vielen anderen Dingen – von der Nationalität die uns an einen Ort bindet; vom Geschlecht, das uns jeweils mit der Hälfte der Menschheit verbindet; von Kategorien wie Klasse, Sexualität, race und Religion, die über unsere lokalen Bindungen hinausreichen.»

Werde ich gefragt, wer ich bin, lautet eine mögliche Antwort: Ich heisse Sandra, bin Philosophin, bald 50 und wohne in der Schweiz. Es gäbe noch viele andere Kategorien, in die ich mich einordnen könnte, je nach Umfeld, in welchem diese Frage gestellt wird. Einige dieser Kategorien habe ich mir selbst ausgesucht. Ich wollte Philosophie studieren, ich bin zwar in der Schweiz geboren, aber ich hätte diese auch irgendwann verlassen können, was ich aber nicht tat. In andere bin ich quasi hineingeboren. Ich bin eine Frau, ich habe ein bestimmtes Alter, weil ich zu dem Zeitpunkt geboren wurde, den ich seit da als meinen Geburtstag feiere. Kategorien helfen, mich in unserem Gesellschaftssystem zu positionieren, einzuordnen.

«Den Ausgangspunkt bilden bei Identitäten Kategorisierungen und Vorstellungen darüber, warum und auf wen sie anzuwenden seien. IN einem zweiten Schritt prägen Identitäten Vorstellungen hinsichtlich des richtigen Verhaltens. Drittens haben sie Einfluss darauf, wie andere Menschen Sie behandeln. Und schliesslich sind all diese Dimensionen der Identität bestreitbar und geben stets Anlass zu Streitigkeiten über die Frage, wer dazugehört, wie die betreffenden Menschen beschaffen sind, wie sie sich verhalten und wie sie behandelt werden sollten.»

Kategorien, in die ich mich einordne, wende ich auch bei anderen an, so dass sie für mich als Menschen fassbarer werden. Das ist grundsätzlich unproblematisch, so lange ich diese Kategorien dann nicht dazu nutze, andere aufgrund dieser Zuordnung schlecht zu behandeln, was leider immer wieder getan wird auf sexistische, rassistische oder andere unterdrückende Weise. Wir vergessen dabei, dass die Kategorien allesamt menschgemacht sind, es sind Strukturen in unserem System, die unser System verständlich machen sollen. Die Kategorien sind dem Menschen nicht immanent, sie gehören nicht zu seiner Essenz. Schon Sartre sagte, dass die Existenz der Essenz vorausgeht, wir also zuerst alle Menschen sind, erst dann bilden wir Identitäten aus.

Leider wird das oft vergessen, wenn es darum geht, Menschen entgegenzutreten. Vor allem wenn diese einer Gruppe oder Kategorie angehören, der wir kritisch gegenüberstehen, sehen wir sie oft mehr als Vertreter dieser Gruppe und weniger als einzelnen Menschen. Wir stützen uns auf Klischeevorstellungen der Kategorie und verhalten uns so, als wären diese dem Menschen eingeschrieben, als machten sie ihn aus, statt wirklich hinzusehen, mit wem wir es zu tun haben. Damit werden wir nicht nur dem einzelnen Menschen nicht gerecht, wir laufen auch Gefahr, Fronten zu bilden zwischen uns hier und unserer Kategorie, und denen da mit ihrer. Dass so keine wirkliche Begegnung von Mensch zu Mensch möglich ist, liegt auf der Hand. Und genau diese brauchen wir, wenn wir wirklich als Menschen unter Menschen leben wollen.

Es gab mal ein Lied „Das ganze Leben ist ein Spiel, und wir sind nur die Kandidaten“ – irgendwie hat das was für sich. Rollen sind wichtig in gewissen Umfeldern, damit man zugeordnet werden kann. Als Arzt übernimmt man für die Zeit des Tätigseins die Rolle des Arztes. Beim Lehrer dasselbe. Oft fällt dann im Privaten auf, dass die Rolle nicht ganz abgelegt werden kann (vornehmlich bei Lehrern). Um ernst zu bleiben: So gesehen sind Rollen wichtig. Noch wichtiger ist aber, zu erkennen, dass es Rollen sind, die an- und abgestreift werden können. Und darunter liegt was. Im Indischen gibt es die schöne Begrüssung „Namaste“. Das Göttliche in mir grüsst das Göttliche in dir. Damit ist genau dieser Kern gemeint, der uns tief in uns ausmacht – und auch verbindet.Und dieser Kern will gesehen werden. Von dir. Von mir. Gegenseitig. Und von jedem bei sich selbst.

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Buchtipp: Kwame Anthony Appiah: Identitäten. Die Fiktion der Zugehörigkeit, Hanser Berlin, München 2021.

Tagesgedanken: Die Welt teilen

Da sitzt man so in dieser Welt und mit einem leben viele andere ebenfalls da. Man hat sie nicht ausgewählt, man kennt sie häufig gar nicht, sie sind mitunter sehr verschieden von einem selbst – und man versucht, irgendwie damit klarzukommen. Die eigene Sicht wird in Frage gestellt, die eigenen Überzeugungen treffen auf fremde. Damit umzugehen ist nicht immer leicht und oft kommt es dadurch zu Streit. Wir vergessen schnell einmal, dass wir als die, welche wir sind, nur das sehen, was in unserem Blickfeld ist, weil wir stehen, wo wir stehen. Der andere steht vielleicht anders, sieht dadurch andere Facetten, die von uns aus unsichtbar sind. Und doch beharren wir gerne auf unserer Sicht – sie ist schliesslich alles, was wir haben. Denken wir. Als die Einzelnen, die wir sind.

Wir könnten mehr haben. Und es wäre wichtig und nötig, dies zu sehen und uns entsprechend zu verhalten. Wir sind nicht nur Einzelne, wir sind auch ein Teil eines Ganzen, einer Gemeinschaft. Wenn wir als die zusammenleben wollen (und wir haben quasi keine andere Wahl), müssen wir einen Weg finden, die Welt nicht nur zu bewohnen, sondern sie zu teilen. Dann entstünden

«Gemeinschaften, in denen das, was allgemein, jeder und jedem zukommend und für alle verbindlich ist, nicht etwas Vorausgesetztes und vermeintlich Selbstverständliches ist, sondern ein erst in Praktiken und Beziehungen herzustellender Bezugspunkt, den wir teilen müssen, um ihn zu erfahren: gekommen, um zu bleiben.»

Wir müssen realisieren, dass wir einander brauchen, denn keiner schafft alles allein. Hannah Arendt sagte, dass wir ohneeinander verloren wären. Dies sollten wir uns hinter die Ohren schreiben. Wir alle haben das gleiche Recht, auf dieser Welt zu wohnen, wir alle möchten das möglichst friedlich tun. Wir haben es in der Hand, in was für einer Gemeinschaft wir leben wollen, denn wir tragen unseren Anteil dazu bei. Es ist an uns – wie Sabine Hark schreibt:

«Gemeinschaftlichkeit dergestalt zu imaginieren, dass neue, transversale und nicht an der Grenze der menschlichen Spezies Halt machende Verwandtschaften zwischen Verschiedenen, die doch füreinander Gleiche sind, wirklich werden.»

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Buchtipp: Sabine Hark: Gemeinschaft der Ungewählten. Umrisse eines politischen Ethos der Kohabition, edition suhrkamp, Berlin 2021.

Tagesgedanken: Arbeit an der Liebe

Liebe ist das grösste Gut. Viele Menschen würden das so unterschreiben, wir alle suchen sie, brauchen sie, die Liebe. Umso erstaunlicher ist es doch, dass wir oft, wenn wir sie haben, den Menschen an unserer Seite wissen, den wir lieben, unsere Prioritäten ändern: Alles ist plötzlich wichtig, will getan und erlebt werden – der Geliebte muss das verstehen. Bis er es nicht mehr versteht.

«Einsam bist du sehr alleine.
Aus der Wanduhr tropft die Zeit.
Stehst am Fenster. Starrst auf Steine.
Träumst von Liebe. Glaubst an keine. Kennst das Leben.
Weisst Bescheid. Einsam bist du sehr alleine –
Und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.»

Man hört sie förmlich ticken, die Wanduhr aus Erich Kästners Gedicht «Kleines Solo». Man sieht das Paar, das sich nichts mehr zu sagen hat, jeder starrt in eine Richtung, nichts schwingt mehr dazwischen – fast ist man an ein Bild von Edward Hopper erinnert. Das Leben ist ausgehaucht, die Gefühle ausgeflogen, zurück bleibt die Ernüchterung des Alltags. Beide bleiben, weil das alles ist, was sie kennen, und sie fürchten, nachher allein zu sein. Sie merken nicht, dass sie schon so viel mehr allein sind, als sie es allein je sein könnten. Das Dasein anderer Menschen, zu denen man eigentlich eine Beziehung hätte, diese aber nicht mehr gelebt, gefühlt, gespürt wird, wird zum Verstärker der Einsamkeit.

Wie das Paar wohl dahin kam? Wie kann Liebe, die lebt, plötzlich sterben? Vermutlich wie jedes System eingeht, wenn es keine Nahrung kriegt. Liebe ist kein Selbstläufer, der, einmal angelaufen, einem Perpetuum mobile gleich in alle Ewigkeit weiterläuft. Es heisst, Liebe sei Arbeit. Vielleicht kann man es auch Sorge nennen, wie es Aristoteles bei seinem Liebesbegriff, der Philia, tat. Liebe als wechselseitige Sorge, als Wohlwollen, Gutes Tun. Wie sagte Erich Kästner:

„Es gibt nichts Gutes, ausser: Man tut es.“

Liebe ist damit ein Tun, ein gegenseitiges sich um den anderen kümmern, für den anderen da sein. Das kann man nicht einfach auf morgen verschieben, das muss als tägliche Haltung dem anderen entgegen gebracht werden.

Leider verschiebt man aber oft nicht nur unliebsame Arbeiten auf später, sondern auch die Arbeit an dem, was man eigentlich als wichtigstes im Leben sieht: Die Liebe. Man nimmt sie als selbstverständlich, sieht den Partner als sicher, und vergisst, dass jeder Mensch, um zu leben, Zuwendung, Berührung, Aufmerksamkeit braucht, dass jeder Mensch das Gefühl haben will, wichtig und geliebt zu sein. Heute. Nicht morgen. Ansonsten fängt die Wanduhr an zu ticken. Und irgendwann ist die Zeit abgelaufen.