Wenn mich jemand fragt, wer ich bin, liegt die Antwort meist auf der Hand. Es ist nicht immer die gleiche, sie passt sich ein wenig dem Fragenden und seiner Intention an, aber doch: Ich bin…

  • Sandra
  • Philosophin
  • Malerin
  • Zeichnerin
  • Mutter
  • Frau
  • Schweizerin
  • Schreibende
  • Fotografin
  • Liebende
  • ….

und vieles mehr. Und nein, die Reihenfolge ist keine Rangliste, sie ist rein beliebig.

Doch: Stimmt das? Was ist es, was ich preisgebe, wenn ich sage, wer ich bin? Und was verdecke ich? Würde ich alles sagen oder gibt es Tabus? Ist eine Beschreibung überhaupt ausreichend oder reicht das, was ich bin, nicht über alle Worte hinaus? Und wenn nicht, hätte das Gegenüber Zeit, all die Worte, die ich zu sagen hätte, anzuhören? Interessieren sie überhaupt?

Wer bin ich? Oft hilft es einem selber, sich in Schubladen zu sehen, da diese auch gefordert sind. Wohin man auch kommt, gibt es Formulare, in denen man ausfüllen muss, wer man ist – vieles vom oben Genannten kommt da vor. Nur: Bin ich das wirklich? Nur eines? Die Kombination?

Schubladen sind hilfreich, aber sie sind auch einengend. Wenn ich mich für eine entscheide, passe ich in die anderen nicht mehr rein. Und: In einer sitzend, lässt es sich oft schlecht rausschauen, was es noch alles gäbe. Und oft versagt man sich das andere bewusst, da es in der Schublade so komfortabel ist, das Draussen Gefahren bieten könnte.

Aber: Im Wissen, dass die Frage kommt, suche ich immer wieder nach Schubladen. Und keine passt auf Dauer. Weil eine einzige schlicht zu wenig ist. Denn: ich bin nicht nur eines, ich bin ganz viel. Und all die Facetten gehören zu mir – die hellen und dunkeln, die griffigen und die schwammigen, die emotionalen und die sachlichen, die genehmen und die unangenehmen. Ich bin ich. Schlussendlich. Mit allem, was dazu gehört.

Nur schon das zu sehen, ist nicht immer einfach. Es zu leben erfordert oft auch Mut. Zu sagen: Ich bin ich und eben keine einzelne Schublade, kann auf Unverständnis treffen. Die Angst, nicht akzeptiert zu sein, wenn man nicht in der richtigen Schublade sitzt, lässt oft zurückschrecken, verdecken, verstecken. Und gerade damit wohl auch anecken – wenn ich sofort bei anderen, so doch irgendwann bei einem selber. Und dann bald auch bei anderen. Weil man selten auf Dauer Teile versteckt. Und Verstecktes oft irgendwann, ganz unvermittelt, in ungemeiner Wucht ans Licht tritt.

Ich bin ich. Und ich bin viel. Und das ist gut so.

Ich habe meine ganze Kindheit und halbe Jugend aber doch mehr oder weniger so getan, als ob es für mich das Leichteste und Selbstverständlichste auf der Welt sein würde, sozusagen das Natürliche, allen Erwartungen zu entsprechen. Vielleicht aus Schwäche, vielleicht aus Mitleid, aber ganz sicher, weil ich mir nicht zu helfen wusste.

Diese Worte schrieb Hannah Arendt als schon erwachsene Frau ihrem Mann Heinrich Blücher. Hannah Arendt wurde als Tochter jüdischer Eltern geboren und wuchs in Königsberg auf. Als sie sieben Jahre alt ist, stirbt zuerst ihr geliebter Grossvater, danach ihr Vater. Nach dem Besuch einer Privatschule (es gab noch keine staatlichen Schulen für Mädchen) studierte sie in Marburg bei Martin Heidegger, zu welchem sie eine geschichtsträchtige Beziehung pflegte, und in Heidelberg bei Karl Jaspers Philosophie, schloss das Studium mit einer Promotionsarbeit zum Liebesbegriff bei Augustin ab.

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten zwang sie zur Flucht nach Frankreich, wo sie im Lager Gurs interniert wurde. Sie konnte fliehen und entkam mit Heinrich Blücher, ihrem zweiten Ehemann und ihrer Mutter nach New York. Die ersten Jahre waren finanziell eng, was sich erst nach dem Erscheinen von Hannah Arendts erstem Buch über den Totalitarismus änderte. Darauf folgten Vorträge und Vorlesungen an Universitäten. Zweideutige Berühmtheit erlangte sie mit ihrem Bericht über den Eichmann-Prozess, in dem sie die „Banalität des Bösen“ beschreibt. Diese Formulierung und ihre Beschreibung der Arbeit der Judenräte in den Konzentrationslagern kostete sie manche Freundschaft und schaffte viele Feindschaften.

Das Buch zum Eichmann-Prozess versinnbildlichte aber auch einen ganz wesentlichen Zug Hannah Arendts: Ihre unnachgiebige und unbarmherzige Suche nach der Wahrheit. Sie liess sich im Denken auf keine Konzessionen oder Kompromisse ein, sie war nicht auf Wirkung aus, sondern auf Inhalt. Es ging ihr darum, die Welt zu verstehen und nicht um Ruhm oder Ehre. Dafür wollte sie ohne Geländer denken, frei und in alle Richtungen.

Alois Prinz vermittelt in seinem Buch über die grosse Denkerin ein umfassendes Bild ihrer Person und ihres Umfelds. Er bettet diese ein in das politische Umfeld der jeweiligen Zeit. Diese Vielfalt an Themen und Personen nebst Hintergrundinformationen zu allem lässt das Buch ab und an sprunghaft wirken, es behandelt sehr viele Nebenschauplätze und lässt vor allem am Anfang Hannah Arendt ein wenig kurz kommen. Das mag aber auch damit zusammenhängen, dass Hannah Arendt erst mit 44 ihr erstes prägendes Werk (The Origins of Totalitarianism) auf den Markt brachte. Da Hannah Arendt die Meinung vertrat, dass der Mensch sich in seinem und durch sein Umfeld entwickelt und auch kennen lernt, ist dieses Umfeld auch für das Verständnis dieser Person wichtig und nötig. So gesehen hat sich Alois Prinz in der Methode seiner Darstellung von Hannah Arendt an die Philosophin selber gehalten.

Alois Prinz gelingt es, kurz und knapp die wichtigen Ströme von Hannah Arendts Denken und Schaffen verständlich aber nicht simplifiziert darzustellen und dem Leser so einen Einblick in ihre Philosophie zu geben. Daneben zeichnet er durch Briefausschnitte, Selbstbeschreibungen und Beschreibungen anderer ein plastisches Bild einer menschenfreundlichen, liebenswerten und dabei auch ab und an kühlen, harschen und arrogant wirkenden Frau, die einen messerscharfen Verstand und eine grosse Liebe zur Wahrheit hatte.

Fazit:
Eine gelungene Darstellung des Lebens und Wirkens einer herausragenden und faszinierenden Frau.
Zum Autor:
Alois Prinz
Alois Prinz ist 1958 in Wurmannsquick geboren und aufgewachsen. Nach dem Abitur ging er nach München, um dort Germanistik, Politologie, Philosophie und Kommunikationswissenschaften zu studieren. Parallel dazu absolvierte er eine journalistische Ausbildung und promovierte 1988 mit einer Arbeit über die 68er Studentenbewegung und ihren Einfluss auf die Literatur. Bis 1994 arbeitete er als freier Journalist und verfasste wissenschaftliche Texte. Alois Prinz lebt heute als Schriftsteller mit seiner Familie in einem kleinen Ort südlich von München. Von ihm erschienen sind unter anderem Biographien von Georg Forster (1997), Hannah Arendt (1998), Hermann Hesse (2000), Franz Kafka (2005),Josef Goebbels (2011).

PrinzArendtAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 326 Seiten
Verlag: Insel Verlag (9. Auflage 9. Dezember 2012)
ISBN-Nr: 978-3458358725
Preis: EUR 10; CHF 15.90

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Digitalisierung und Künstliche Intelligenz sind Begriffe, die seit einiger Zeit durch die verschiedenen Medien schwirren, mal werden sie euphorisch zu den Hoffnungsträgern der Zukunft erklärt, mal wird durch sie in düsteren Szenarien der Untergang der Menschheit prognostiziert. Die Wahrheit liegt – wie so oft wohl – irgendwo in der Mitte. Was sicher wichtig ist für die nächste Zeit: Wir müssen einen Umgang mit der sich immer schneller verändernden Umwelt finden, wir müssen erkennen, wie wir uns mit ihr – und auch durch sie – entwickeln können.

KI und Digitalisierung sind nicht per se schlecht oder gut, sie sind. Sie wurden von Menschen entwickelt und sind nun dadurch ein Bestandteil unseres Lebens – und das wohl in zunehmendem Masse. Um damit umgehen zu können, ist es wichtig, zuerst einmal zu verstehen, worum es sich dabei überhaupt handelt, und dann zu erkennen, wo sie uns nützen können und wo sie uns in unserem Denken mehr behindern. Die Automatisierung von Entscheidungen, Abläufen und Prozessen kann sowohl für den einzelnen Menschen als auch für Unternehmen eine Chance sein, die Gesellschaft kann davon profitieren – wichtig dafür ist allerdings, dass wir uns bewusst sind, welche Entscheidungen wir wirklich Maschinen überlassen wollen und können, und welche wir doch lieber in Menschenhand wissen.
Was ist künstliche Intelligenz?
KI ist grundsätzlich als Software zu verstehen, welche in einer steuerungsfähigen Hardware sitzt. Die Software lernt in Verbindung mit der Hardware Dinge aufzunehmen, zu analysieren und in eine Handlung umzusetzen. Nach einem solchen Ablauf evaluiert das System das Ergebnis: Wenn es zum gewünschten Ziel führt, wird das Ganze als funktionierender Ablauf gespeichert, Problemen werden entsprechend festgehalten. Aus solchen Abläufen lernt das System also, was funktioniert und was nicht, so dass aufgrund von Wahrscheinlichkeitsrechnungen in nächsten Situationen das anzuwendende Handlungsprinzip immer mehr und besser angepasst werden kann und leistungsfähiger funktioniert.

Die Fähigkeit, die eigenen Ergebnisse zu analysieren und sich aufgrund gewonnener Daten immer weiter selber zu verbessern, stellt den grossen Unterschied zur herkömmlichen Programmierung dar. Während man früher das Wissen aus Menschenköpfen in Maschinen speiste, damit aber auch die Grenzen des Einspeisbaren quasi selber setzte, können sich verselbständigende Mechanismen nun über diese Grenzen hinaus entwickeln. Neu setzt der Mensch nur noch den Rahmen, die Maschine ist dann innerhalb dieses Rahmens selbstlernend.

Es geht also nicht mehr darum, Theorien und Regeln einzuspeisen, sondern Ziele zu definieren, so dass Computer dann durch verschiedene Beispiele, Ergebnisanalysen und Feedbackketten lernen, ob sie die vom Menschen gesteckten Ziele erreichen können. Die Abkehr von der reinen Wissenseinspeisung anhand von festgesetzten Regeln und Theorien hin zur Entwicklung von sich durch Zielorientierung selber steuernden und weiter entwickelnden Systemen hat in der Informatik zu einer Weiterentwicklung geführt, die immer schneller immer bessere Ergebnisse liefert.

Was wir daraus für die Schule ableiten können
Im herkömmlichen (Frontal-)Unterricht werden Kinder wie früher Computer mit Wissen gespeist. Sie sind quasi die Trägerplatinen, auf welche nun Daten geschrieben werden sollen. Das System schreibt vor, welche Daten relevant sind, welche nicht. Durch den entsprechenden Druck wird sichergestellt, dass die Kinder dies aufnehmen und damit mehrheitlich ausgelastet sind. Für mehr bleibt wenig Zeit und oft auch wenig Interesse, da in den Köpfen steckt: „Das brauchen wir nicht für die Prüfung.“

Dadurch, dass Computer technisch besser in der Lage sind, Daten zu speichern, sie dies erstens schneller, zweitens zuverlässiger und drittens langfristiger können, sind sie dem Menschen immer überlegen in dem Punkt. So gesehen bilden wir unsere Kinder zu Verlierern gegen die Maschine aus. Es verwundert also auch nicht, dass der Mensch, der sich damit konfrontiert sieht, dass jede Maschine besser kann, was er kann, und dieser Vorteil auch immer mehr genutzt wird in der Wirtschaft, Angst um seine Zukunft hat. Statt aber in der Angst zu verweilen, könnte man etwas ändern.

Statt an dem Punkt stehen zu bleiben, den die Computerindustrie überwunden hat, könnte man sich nach ihrem Beispiel weiter entwickeln. Kinder wären dann keine Träger, die gefüllt werden müssen, sondern selber denkende Systeme, denen man den passenden Rahmen geben muss, in welchem sie Ziele erreichen können. Idealerweise wären das selbstgesteckte Ziele aufgrund eigener Interessen und persönlicher Neugier, aber auch vom Lehrplan definierte Ziele, welche mit der nötigen Faszination vermittelt werden, können Antrieb genug sein, den Forscherdrang junger (und auch älterer) Menschen anzustacheln und sie auf die Lern-Reise bringen.

Wenn man Menschen die Möglichkeit gibt, Fähigkeiten zu entwickeln, die sie selbstbestimmt agieren lassen, wenn sie darauf merken, dass sie es selber in der Hand haben, dadurch auch die Verantwortung tragen für das, was sie tun und damit erreichen, gibt das ein Gefühl einer Selbstwirksamkeit. Während die Maschine rein analytisch Wahrscheinlichkeiten berechnet und das weitere Handeln daraus ableitet, kommt beim Menschen die Freude hinzu, welche den Antrieb für neue Herausforderungen noch zusätzlich stärkt.

Auf diese Weise, so bin ich überzeugt, können Menschen über (ihre selber gedachten und von aussen gesetzten) Grenzen hinauswachsen. Sie können sich auf die ihnen mögliche Weise entwickeln. Auf diese Weise könnte sich auch die Angst abbauen, dass Maschinen ihren Platz einnehmen können, denn Maschinen können viel, das dem Menschen eigen ist, nicht. Das sieht man aber mehrheitlich dann, wenn man nicht versucht, aus Menschen (schlechtere) Maschinen zu machen. Man sieht es dann, wenn man den Mensch in seinem Menschsein akzeptiert, stärkt und vor allem: leben lässt.

Hannah Arendt fragte beim New Yorker an, ob sie als Berichterstatterin zum Eichmannprozess nach Jerusalem fahren dürfe. Natürlich war man erfreut, eine so renommierte Philosophin für das eigene Blatt vor Ort zu haben. Was war Hannah Arendts Motivation? Sie wollte den Menschen leibhaftig sehen, der für so viel Leid, für all die Greuel verantwortlich gemacht wurde. Sie wollte dem Bösen in die Augen sehen und erwartete, ein Monster, einen bösen Menschen zu sehen. Wirklich gesehen hat sie einen mittelmässigen Menschen, dem, so beschreibt sie es, die Fähigkeit zu denken abhanden gekommen ist. Ein Mensch, der nichts Teuflisches verkörperte, sondern ein ganz normaler Mensch war, der in seinen Augen nur dem damals herrschenden Gesetz gehorchte. Diese „Banalität des Bösen“, wie Hannah Arendt es nannte, war sicher schon weit neben dem, was man gerne gelesen hätte, dass sie aber die Rolle der Judenräte in den Ghettos kritisch beleuchtete, brachte ihr den Bruch vieler Freundschaften und Anfeindungen von vielen Seiten.

Wieso hat sie es getan? Sie wollte verstehen. Als Philosophin wollte sie hinschauen und verstehen, wie es kam, was war. Sie wollte denkend die Wahrheit finden,wobei sie im Gegensatz zu ihren erzürnten Lesern verstehen von vergeben unterschied. Zu recht aus der philosophischen Warte, allerdings verkannt in den Augen derjenigen, die vom Hass und der negativen Gefühle zerfressen nur die eine Botschaft hören und sehen wollen, nämlich die, dass die einen die bösen Täter, die anderen die armen Opfer waren. Man war (noch?) nicht bereit für die sachliche Sicht, für die sicher auch teilweise unbarmherzige Sicht.

Um die Geschichte des Eichmann-Prozesses herum wird im Film Hannah Arendt das Portrait einer grossartigen Denkerin gemalt. Man sieht eine Denkerin, die mit der ganzen Radikalität ihres Geistes der Wahrheit auf den Grund gehen will, die dabei keine Kompromisse eingeht. Sie selbst sagte einst, sie betreibe „Denken ohne Geländer“. Genau diese Radikalität zeigte sich am Beispiel des Eichmann-Buches deutlich. Die eigenen Gefühle wurden aussen vor gelassen, die Gefühle der anderen ebenso. Nicht Gefühle, nicht vorgefertigte Meinungen zählten, sondern der pure klare Blick auf das, was war. Sehr spannend waren die Einblendungen des Originalfilmes aus dem Eichmann-Prozess. Die Mimik, die Argumente – sie zeigten ein deutliches Bild dessen, was Hannah Arendt danach beschrieb. Zwar hätte ich eine gewisse Arroganz in seinen Blick hineingelesen, ganz sicher aber drückte das Unverständnis durch, dass man nicht verstehen wollte, dass er nur Befehle ausführte. Dass er selber keine Juden tötete, nicht mal was gegen sie hatte. Er war – so erscheint es deutlich – ein gedankenloses Rad in einer gnadenlosen Maschinerie. Ein farbloser Bürokrat, der nur auf seine Formulare schielt, den gesunden Menschenverstand ausgeschaltet lässt. Hannah Arendt hat genau das geschrieben.

Ob sie naiv genug war, zu denken, dass man das kommentarlos oder zumindest ohne weitere Probleme hinnehmen werde, oder ob sie die danach auftretenden Probleme und Ressentiments einfach in Kauf nahm, ist schwer abschliessend zu sagen. Ich würde dazu tendieren, dass es sowohl als auch war. Sie muss sich – so klug war sie – bewusst gewesen sein, dass sie mit der Sicht, die ja auch ihre eigenen Erwartungen von vor dem Prozess negierten, viele Leute vor die Köpfe stiess. Doch war sie wohl zu sehr Philosophin und ihrer eigenen Natur ihres Denkens verfallen, um sich der wirklichen Sprengkraft eines solchen Schreibens bewusst zu werden. Zudem denke ich, dass sie, selbst wenn sie sich bewusst gewesen wäre, es nicht hätte unterlassen können. Denn – und das war ihr immer wichtig – Denken lässt keine Geländer zu, es hat keine Grenzen, es soll nur ein Ziel haben: Die Wahrheit. Und Wahrheit bedeutet für Hannah Arendt, „das zu sagen, was ist.“

Der Film ist sicher sehenswert, denn er zeigt das Leben einer wirklich herausragenden Philosophin unserer Zeit. Er behandelt zudem eine Thematik, die unsere Zeit durch ihre Grausamkeit geprägt hat, indem sie das Denken und auch unsere Gesetze massgeblich geprägt hat. Negativ fiel mir auf, dass Hannah Arendt fast schon penetrant rauchend dargestellt wurde. Zigaretten hatten die grössere Präsenz im Film als ihr Geist und ihre Person. Ich bin weit davon entfernt, ein militanter Nichtraucher zu sein, doch fiel mir dieses schon fast als Leitmotiv anmutende Detail störend auf. Die Frage, was es verkörpern soll, lag auf der Hand. Die rauchende Intellektuelle als Kunstbild? Die Nervosität der Denkerin, welche ihre Nerven durch Suchtkrücken still hält? So oder so – ich empfand diese Präsenz als enorm störend und vom wirklichen Inhalt ablenkend.

Fazit:

Ein absolut sehenswerter Film mit einigen Schwachstellen, der aber trotz allem zu denken anregt. Ein Film, der zeigt, dass Denken gefährlich sein kann, vor allem, wenn man es radikal betreibt. Ein Portrait einer grossen Denkerin, die ich ob ihrer Radikalität des Denkens sehr schätze.

Vor einigen Jahren konstatierte Theo Wehner, Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie, in einem Artikel des NZZ Campus*, dass im universitären Betrieb immer weniger Platz zum Denken bleibe, das Studium immer mehr ökonomisiert und dem Arbeitsprozess angepasst würde. Was im Arbeitsbereich schon eine Weile zu beobachten ist, nämlich die systematisierte Abarbeitung gestellter Aufgaben ohne Nachdenken des Einzelnen (das ist weder gefordert noch gewünscht, sondern eher sogar gefürchtet und verpönt), nimmt immer mehr auch im Unialltag Überhand.
Im Zuge von Reformen und Umstrukturierungen wurden viele Lehrgefässe, die das Denken fördern und den Diskurs unterstützen zu freiwilligen Veranstaltungen, während man die Pflichtveranstaltungen verschult und mit kreditwürdigen Aufgaben versehen hat. Ziel ist nicht mehr kreative Denkleistung sondern Erfüllung der für die Kredite notwendigen Anforderungen. Damit sei das Studium globaler integriert, die Leistungen weltweit vergleichbarer. Dass dem nicht wirklich so ist, merkt man spätestens dann, wenn man wirklich versucht, die Universität zu wechseln. Noch immer wird nicht alles von fremden Unis anerkannt, wird zuerst geprüft, nur teilweise angerechnet. Man hat also wenig gewonnen, aber viel verloren.

Nun könnte man natürlich argumentieren, dass diese Massnahmen den Studenten auf die spätere Arbeitssituation vorbereiten, was im Grundsatz sicherlich nicht verkehrt ist, auf diese Weise aber völlig falsch läuft. Dass in vielen Firmen Leistungsbewertungen anhand von intern erstellten Quoten erstellt werden, sie damit also nicht mehr der Leistung des Mitarbeiters gerecht werden sondern nur noch vordefinierten Rankings entsprechen, führt nicht wirklich zu einer Motivationssteigerung bei den Mitarbeitern. Dies kümmert die von Profitstreben getriebenen Firmen wenig, der Mensch ist ersetzbar. Das war bereits Thema innerhalb dieses Blogs: Locker, cool und alles easy. Der Mensch fungiert in diesem Schachspiel als Bauernopfer. Er tut gut daran, das nicht zu hinterfragen, nicht zu viel zu denken, denn damit würde er unbequem.

Dass mit vordefinierten Notenschnitten  in den einzelnen Studiengängen bei Prüfungen gesiebt wird, ist nicht neu. Eine bestimmte Anzahl darf weiter, die Prüfung wird so korrigiert, dass dieses Ziel erfüllt wird. Dieses Vorgehen trägt sicher nicht dazu bei, das eigene Denken zu motivieren, es setzt die Studenten nur unter Druck, möglichst auswendig zu lernen, was gefordert ist, Vorgekautes wiederzukäuen. Das neue Kreditsystem hat aus den Universitäten eine Art Tauschfabrik gemacht: Auswendiglernen gegen Kredite. Das eigene Denken bleibt mehr und mehr auf der Strecke.

Wenn man nun ganz radikal denken möchte, verknüpfe man diese Gedanken mit dem Fazit, das Hannah Arendt aus der Angelegenheit Eichmann zog: Gedankenlose normale Menschen sind in der Lage, die grössten Gräueltaten zu begehen. Weil sie nicht mehr fähig sind, selber zu denken, weil sie es nicht mehr lernen, nicht mehr dürfen, nicht mehr wollen auch, um sich nicht selber zu deutlich in dieser gedankenlosen Maschinerie gefangen zu sehen. Man muss nicht gleich plakativ unken, dass aus jeder Gedankenlosigkeit ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit resultiert, ich denke aber nicht, dass dabei viel Gutes herauskommt. Wozu sind Universitäten gut, wenn nicht dazu, denken zu lernen? Was soll Bildung bewirken, wenn sie nur aus auswendig gelernten Daten und Zahlen besteht? Wie soll man noch selber Schlüsse ziehen können, wenn nur noch die schon von anderen gezogenen wiedergegeben werden dürfen und gut benotet werden? Wie fühlt sich der Mensch, wenn er nicht mehr aufgrund seiner eigenen Leistungen, auch Denkleistungen, bewertet wird, sondern anhand eines profitorientierten Rankings?

Ethik und Moral im Leben von Geburt bis Tod

Ethik ist die Reflexion menschlicher Lebensführung. Unter den drei Grundfragen des Philosophen Immanuel Kant – Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? – steht die zweite im Zentrum.

Wolfgang Huber beschäftigt sich mit den wichtigen Fragen menschlichen Lebens zwischen Geburt (sogar davor) und Tod. Was ist Freiheit und wie weit kann sie gehen? Was schulde ich anderen, was mir selber? Wo fängt das Leben an, wie weit darf die Wissenschaft gehen?

Die Frage „Was soll ich tun?“ stellt sich, weil sich die Antwort nicht durch die Instinktsteuerung menschlichen Handelns von selbst ergibt. Der Mensch kann vielmehr zwischen verschiedenen Möglichkeiten wählen. Doch seine Selbstbestimmung ist an Grenzen gebunden, über die in der Geschichte des Denkens immer wieder gestritten wird. Ginge man von einer vollständigen Determiniertheit des menschlichen Handelns aus, bräuchte man nach der Ethik gar nicht mehr zu fragen. Insofern handelt die Ethik von der Möglichkeit eines Lebens aus Freiheit.

Kompetent und mit Verweisen auf die ganze Breite der abendländischen Philosophie von Aristoteles bis Sen und Nussbaum, zeichnet Wolfgang Huber ein Bild ethischen und moralischen Handelns, weist dabei auf die Wichtigkeit der Unterscheidung zwischen Moral und Ethik hin.

[…] Ronald Dworkin: „Moralische Massstäbe schreiben vor, wie wir andere behandeln sollen; ethische Massstäbe, wie wir selbst leben sollen […] Die Reihenfolge dieser beiden Definitionen enthält zugleich eine Rangfolge. Zwar kann man die Verantwortung für das Gelingen des eigenen Lebens als unsere wichtigste Aufgabe ansehen; aber diese Verantwortung können wir nur wahrnehmen, wenn wir zugleich mit der eigenen Würde auch die Würde der anderen achten.

Neben den Bezügen auf die Philosophie verweist Huber immer auch auf die jüdisch-christliche Tradition und behandelt die gestellten Fragen aus der Sicht des Bezugs auf Gott. Das Buch ist aus diesem Grund eher ungeeignet für Menschen, die an die Existenz eines solchen nicht glauben. Zwar kann man die Passagen überspringen und findet noch immer viel Anregendes und Tiefgründiges in dem Buch, allerdings werden einige Fragen nur aus religiöser Sicht beantwortet, der Autor bleibt die philosophische Sicht schuldig. Nichtsdestotrotz bleibt zu sagen, dass das Buch seiner Fragestellung gerecht wird, dass es wichtige und aktuelle Fragen auf eine fundierte und trotzdem gut lesbare Weise beantwortet, dabei nicht an Hinweisen auf weiterführende Literatur spart und somit eine gute Grundlage bietet, sich selber mit diesen Fragen auseinanderzusetzen und vielleicht noch mehr in die Tiefe zu gehen bei einzelnen.

Fazit:
Wolfgang Huber geht auf tiefgründige und kompetente Weise auf die Fragen des Lebens zwischen Geburt und Tod ein, beleuchtet sich aus philosophischer und theologischer Sicht. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Wolfgang Huber, geb. 1942, Professor für Theologie in Berlin und Heidelberg, ist Fellow des Stellenbosch Institute for Advanced Study in Südafrika, Mitglied des Deutschen Ethikrats und war 1994 – 2009 Bischof in Berlin sowie 2003 – 2009 Vorsitzender des Rats der Evangelischen Kirche in Deutschland. Der profilierte Vordenker in ethischen Fragen wurde vielfach ausgezeichnet und geehrt, u. a. mit dem Max-Friedländer-Preis, dem Karl-Barth-Preis und dem Reuchlin-Preis.

Angaben zum Buch:
ethikGebundene Ausgabe: 310 Seiten
Verlag: C.H. Beck Verlag (26. August 2013)
ISBN-Nr.: 978-3406655609
Preis: EUR: 19.95 ; CHF 32.90

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Was ist Ethik und wozu brauchen wir sie? Ist Ethik eine universelle Grösse oder verändert sie sich im Laufe der Zeit? Entspringt die Ethik der (menschlichen) Natur oder ist sie eine Schöpfung des menschlichen Geistes?

Diesen und anderen Fragen geht Otfried Höffe in diesem schmalen Band nach. Er beginnt bei der Begriffsdefinition und leitet ausgehend vom Ursprung „ethos“ drei Bedeutungen ab:

  1. der gewohnte Ort des Lebens, welche den Menschen in ein Kontinuum der Natur versetzt
  2. Inbegriff von Institutionen, Gewohnheiten und Sitten
  3. Die Art und Weise der Lebensführung

Die verschiedenen Bedeutungen greifen dabei ineinander über, es gibt keine klaren Grenzen.

In einem nächsten Schritt beleuchtet Höffe die anthropologischen Grundlagen und damit die Frage nach den biologischen, einschliesslich der neurobiologischen Eigentümlichkeiten, welche dafür verantwortlich sind, dass der Mensch ein Moralwesen wird. Die Moral hat einen Sollenscharakter nicht nur im vertrauten Sinne, sondern in einem grundlegenden:

Die Moral tritt nicht nur in Gestalt von vernunftbegründetem Sollen, einem Imperativ, auf. Vielmehr liegt schon ihrer Entfaltung ein deshalb noch basalerer Imperativ zugrunde. Das zur Moral fähige Wesen Mensch ist sowohl als Gattung als auch als Gruppe und als Individuum aufgefordert, sich von einem nur potentiellen zu einem aktualen Moralwesen zu entwickeln.

Es folgt die Analyse der menschlichen Eigenschaften wie die Suche nach Anerkennung, Neid, Eifersucht, Rache, Sympathie sowie von Bewertungsmassstäben wie gut und böse, Recht und Unrecht sowie Scham. Die positive Moral, welche sich entwickelte, setzte einen normativen Grundrahmen für den Menschen. Fazit der anthropologischen Betrachtung der Moral ist, dass sie eine Mischung aus Sollen, Bedürfnis und Sein ist:

Der seiner Biologie nach weltoffene, aber auch gefährdete Mensch (Bedürfnis)braucht wirksame Verbindlichkeiten (positive Moral: Sein), die die Intelligenz auf ihr Gutsein, letztlich auf ein uneingeschränktes Gutsein (Sollen) zu befragen erlaubt.

In der Folge behandelt Höffe Fragen des Guten und des Bösen, setzt sich mit der praktischen Philosophie im Allgemeinen auseinander und bestimmt die Methoden und deren Vielfalt im Zuge der Ethik, welche Teilgebiet der praktischen Philosophie ist. Es geht weiter mit Handlungstheorie, wobei er sich mit dem freien Handeln auseinandersetzt, welches bewusst und freiwillig passieren muss, um den so Handelnden als Urheber der Handlung und damit als verantwortlich und zur Moral fähig zu erachten.

Höffe nennt vier Grundmodelle/Prinzipen der Ethik:

  1. Das Moralprinzip des Glücks, das Streben nach einem gücklichen Leben
  2. Das Kollektivwohl, Utilitarismus: Streben nach dem Wohlergehen für die Gruppe
  3. Das Prinzip Freiheit und die Autonomie
  4. Moralkritik

Als letzten Punkt behandelt Höffe die Tugend, die seit Platon und Aristoteles ein Grundbegriff der Ethik ist. Dabei geht es hauptsächlich um die Charaktertugenden und die sie ergänzende intellektuelle Tugend, die Klugheit, welche in Verbindung das Ideal der Erziehung und der Selbsterziehung des Menschen zu einer Persönlichkeit ausmachen. Unterschieden wird dabei zwischen Tugenden aus Selbstinteresse, Tugenden des Geschuldeten (Gerechtigkeit) und verdienstlichen Tugenden (Solidarität und Wohltätigkeit).

Der schmale Band kommt über die Frage, wieso man überhaupt moralisch sein müsse, am Schluss zu der Frage nach der Macht der Moral in Gegenwart und Zukunft.

Auf dünnen 128 Seiten gelingt Otfried Höffe ein solider Überblick zum Thema Ethik. Er deckt die relevanten Fragen und Bereiche ab, was auf so engem Raum nicht umfassend möglich ist, trotzdem aber ausgewogen und hinreichend geschieht. Diese Einführung in die Ethik bildet eine fundierte Grundlage und erste Erkenntnisse, auf denen man aufbauen kann bei einer vertieften Auseinandersetzung mit dem Gegenstand der Ethik.

Fazit
Ein guter Einstieg in ein sehr komplexes Thema. Die breit angelegte Analyse hilft, verschiedene Gesichtspunkte dieses Themas wahrzunehmen und das Gefühl für die Vielschichtigkeit desselben zu erhalten. Prädikat empfehlenswert.

höffeethikAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 128 Seiten
Verlag: C.H.Beck Verlag 13. März 2013
ISBN: 978-3406646300
Preis: EUR: 8.95 ; CHF 14.90

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