Rezension: Martin F. Meyer: Illustrierte Geschichte der Philosophie

Eine Reise durch die Philosophie von der Antike bis in die Neuzeit

Epochen – Autoren – Werke, so heisst der Untertitel dieses reich bebilderten Übersichtswerk über die Geschichte der Philosophie. Martin F. Meyer startet bei den Vorsokratikern und führt den Leser in einer gut verständlichen Sprache durch die Zeit bis hin in die Neuzeit. Dabei bettet er die einzelnen Philosophen immer in ihre Zeit ein, gibt einen kurzen Einblick in ihre persönliche Herkunft und den Werdegang und geht dann auf die zentralen Werke und deren grundlegenden Aussagen ein.

Die Illustrierte Geschichte der Philosophie ist sehr geschmackvoll aufgemacht, das Layout ist schlicht, übersichtlich und überzeugt ästhetisch. Kleine Infoblöcke (in Kreisform, was dem Layout ein gewisses Etwas gibt) bieten schnell erfassbare Überblicke über die vorherrschenden Denker einer Zeit oder aber erläutern deren wichtigsten Theorien. Eine schöne Auswahl an Bildern rundet den Gesamteindruck ab.

Philosophie hat mitunter nicht den Ruf, sehr unterhaltsam und prickelnd zu sein, dieses Buch hat aber Suchtcharakter und es birgt die Gefahr, zur nächsten Buchhandlung rennen zu wollen und alle vorgestellten Bücher gleich auch noch lesen zu wollen. Ich kann es jedem, der sich mal einen Überblick über die Geschichte der Philosophie verschaffen will, nur ans Herz legen. Aber: Nicht nur denen, das Buch ist wirklich einfach eine wunderbare Unterhaltung und man entdeckt ja auch als alter Hase immer wieder etwas Neues oder findet etwas wieder, das in Vergessenheit geriet.

Fazit
Ein sehr fundiertes, umfassendes, lesbares und schön aufbereitetes Buch, das eine breite Übersicht über die Geschichte der Philosophie bietet und zu weiterer Lektüre verleitet. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor:
Martin F. Meyer ist Privatdozent am Philosophie-Seminar der Universität Koblenz-Landau

Angaben zum Buch:
MeyerIlluPhiloTaschenbuch: 186 Seiten
Verlag: J. B. Metzler Verlag (16. März 2016)
ISBN: 978-3476026484
Preis: EUR: 24.95 ; CHF 31.90

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Patrick Schuchter: Sich einen Begriff vom Leiden Anderer machen

Eine Praktische Philosophie der Sorge

Philosophie als Lebenspraxis

Es gibt im Leben philosophische Momente, die uns über das Alltagsgeschäft und unsere eingespielten Wahrnehmungsroutinen erheben. Möglicherweise hängt manchmal im Leben alles davon ab, ob wir es verstehen, die in solchen Momenten aufleuchtende Weisheit ernst zu nehmen und sie für unser tägliches Leben und Arbeite zu nutzen.

Auf der Basis eigener Lebenserfahrung im Pflegebereich und Leseerfahrungen in der Philosophie will uns Patrick Schuchter eine Abhandlung über eine Ethik der Sorge, verstanden als lebenspraktische Anleitung und nicht als wissenschaftliche Abhandlung vorlegen. Nach einer Analyse des Begriffs „Sorge“ erzählt Schuchter die Geschichte der legendären Krankenschwester Florence Nightingale und arbeitet an ihrem Beispiel weitere Punkte der Sorge aus verschiedenen Blickwinkeln heraus, sei es die Religion, sei es auch das Frauenbild oder das Verhältnis zwischen praktischer Pflegearbeit und Theorie der Sorge.

Danach wendet er sich der Philosophie zu, bei welcher er sich hauptsächlich auf die hellenistische bezieht, diese kurz in der Zeit verortet als Ganzes, ihre einzelnen Richtungen und Philosophen vorstellt, um dann ihre Aussagen zum Bereich Sorge herauszuarbeiten. Auffallend ist, dass sich alle Philosophen grundsätzlich mit der Selbstsorge beschäftigen, nicht mit der Fürsorge. Es geht ihnen in erster Linie also darum, dass der Mensch sich selber erkennen und sich um sich kümmern soll. Allerdings kann Schuchter den Bogen von der Selbst- zur Fürsorge schlagen, indem er aufzeigt, dass diese Selbstsorge dem Gemeinwohl dient, also im Endeffekt die Basis für eine Fürsorge sein muss.

Der Apell an die Selbstsorge ist also als ein Weckruf zu sehen, sich nicht um äusserliche Güter wie Macht, Reichtum oder Ansehen zu kümmern, sondern um die Schönheit und Tugend der Seele, um die Pflege der moralischen Werte

Patrick Schuchter liefert in diesem Buch auf der Grundlage einer breiten und fundierten Begriffsanalyse der Sorge unter Zuhilfenahme hellenistischer Philosophie eine Ethik der Sorge, welche Impulse für eine philosophische Praxis und Lebenskunst bereitstellen kann.

Das Buch ist sehr komplex, sehr dicht, oft etwas überladen und ausschweifend, verschiedene Kapitel hätten ohne Verlust kürzer und stringenter geschrieben werden. Die Verwendung einer politisch korrekten feministischen Schreibweise kann den Sprachliebhaber etwas stören, die Ersetzung von „man“ durch „frau“ wirkt eher bemühend als frauenfreundlich. Zudem ist das Bemühen nicht konsequent verfolgt worden, heisst es doch im Buch dann „der Philosophierende“. Dies aber nur noch eine Sprach- keine Inhaltskritik. 

Fazit
Ein komplexes, analytisches, fundiertes Buch zur Praktischen Philosophie der Sorge. Empfehlenswert.

Zum Autor:
Patrick Schuchter
Patrick Schuchter (Dr. phil., MPH), Philosoph, Krankenpfleger, Gesundheitswissenschaftler, forscht und lehrt am Institut für Palliative Care und Organisationsethik an der Fakultät für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung (IFF) Wien der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt | Wien Graz. Er ist in unterschiedlichen Palliative-Care- und Ethik-Projekten tätig und beschäftigt sich mit der Frage, wie Reflexionsprozesse zu existenziellen, philosophischen und ethischen Grundfragen organisiert und gestaltet werden können.

Angaben zum Buch:
schuchterbegriffleidenTaschenbuch: 390 Seiten
Verlag: transcript Verlag (18. Juli 2016)
ISBN: 978-3837635492
Preis: EUR: 39.99 ; CHF 44.50
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Sarah Bakewell: Wie soll ich leben? oder Das Leben Montaignes in einer Frage und zwanzig Antworten

„Jedermann schaut vor sich, ich schaue in mich hinein“

Wer einen Lebensratgeber erwartet nach dem Titel, der kann das Buch getrost weglegen – aber: Ich würde es nicht raten, denn es enthält etwas viel besseres: Die Lebensgeschichte Montaignes – und das auf eine Weise, wie sie ihresgleichen sucht.

Sarah Bakewell gelingt in diesem Buch die Quadratur des Kreises: Sie entführt den Leser in die Zeit Montaignes, zeigt ihm die historischen Gegebenheiten, politischen Verhältnisse und gesellschaftlichen Vorstellungen dieser Zeit, stellt dann Montaigne als Mensch hinein in die Zeit und beschreibt, wie er sich darin bewegte. In der Folge spinnt sie ein Netz aus Zeit, Mensch und Werk, beleuchtet dabei Montaignes Gedankengänge und wie sie sich in seinem Werk niederschlugen.

Mein wesentlicher Charakterzug […] ist die Neigung, mich mitzuteilen und zu offenbaren: Zu Geselligkeit und Freundschaft geboren, bin ich vor aller Augen ganz nach aussen gewandt.

Montaigne beschloss eines Tages, seine politische Laufbahn zu beenden und sich ganz dem Schreiben zu widmen. Dazu zog er sich in sein Turmzimmer zurück und schrieb. Er schrieb nicht, um zu belehren, vielmehr schrieb er, was er alles bei sich entdeckte, in der Welt wahrnahm, dachte.

Ich wende meinen Blick nach innen, und da halte ich ihn fest und lasse ihn verweilen. Jedermann schaut vor sich, ich schaue in mich hinein. Ich habe es nur mit mir selbst zu tun. Ich beobachte mich unablässig und prüfe mich, ich koste mich […]. Ich wälze mich in mir selbst.

Kein Thema war tabu, er schaute hin. Damit stiess er, als es ums verlegen ging, nicht nur auf offene Türen, auch später noch fanden sich seine Essais immer mal wieder auf den Listen der verbotenen Bücher.

Montaigne liess sich nicht beirren, er schrieb weiter neue Essais oder ergänzte die alten durch neue Gedanken oder Sichtweisen. Dies und der Umstand, dass die Essais in den Händen zweier Freunde waren, die unter Umständen auch Ergänzungen und Veränderungen vornahmen, ist die wirkliche Entstehungsgeschichte der Essais nicht ganz gesichert, was dem Lesegenuss aber keinen Abbruch tut, im Gegenteil. Montaigne wurde über all die Jahre begeistert gelesen und hinterliess bleibende Eindrücke, allen voran den Eindruck: Da schrieb einer, der in mich hineinschauen konnte.

Auch der Rezeption von Montaignes Essais widmet sich Bakewell ausführlich und schliesst damit den Kreis. Montaigne wollte sich mitteilen, wollte etwas hinterlassen, das über ihn hinausweist. Das ist ihm gelungen, wie man aufgrund der vielfältigen Stimmen seiner (oft berühmten) Leser sieht.

Trotz einer Flut von Informationen ist das Buch nie langatmig oder gar staubtrocken. Sarah Bakewell ist es gelungen, eine flüssig lesbare, fundierte, durch breites Wissen und tiefe Kenntnis betechende Biographie zu schreiben, die einen grosse Lust auf die Lektüre Montaignes selber macht. Sie hat also einfach alles richtig gemacht!

Fazit
Ein wunderbares, fundiertes, gut lesbares und umfassendes Buch über das Leben Montaignes, das Lust auf mehr macht. Absolut empfehlenswert!

Zum Autor:
Sarah Bakewell
Sarah Bakewell lebt als Schriftstellerin in London, wo sie außerdem Creative Writing an der City University lehrt und für den National Trust seltene Bücher katalogisiert.

Angaben zum Buch:
BakewellMontaigneGebundene Ausgabe: 416 Seiten
Verlag: C. H. Beck Verlag (21. Juli 2016)
Übersetzung: Rita Seuss
ISBN: 978-3406697807
Preis: EUR: 16.95 ; CHF 23.90
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Rezension: Michael J. Sandel: Gerechtigkeit. Wie wir das Richtige tun

Wie handle ich richtig und was ist ein gutes Leben?

Der Philosoph Michael J. Sandel, Professor in Harvard, widmet sich in diesem Buch einer grundlegenden Frage:

Es geht um die Frage, wie man die Einstellungen, Voraussetzungen und Charaktereigenschaften kultiviert, die in einer guten Gesellschaft wünschenswert sind.

Anhand von aktuellen Ereignissen legt er die Konflikte dar, die entstehen können, wenn es darum geht, eine Entscheidung zu treffen, wie wir handeln sollen. Steht die Gemeinschaft zuvorderst und wir müssen nach dem grösstmöglichen Nutzen derselben trachten? Damit wären wir bei der Position der Utilitaristen. Auf der anderen Seite steht das Interesse des Individuums. Ist es legitim, ihm in Form von Steuern etwas wegzunehmen, um andere damit zu unterstützen?

Was ist gerecht und was zeichnet richtiges Handeln aus? Woher stammen die Kriterien, die wir anwenden, um dies zu entscheiden? Können wir rechtlich zur Solidarität verpflichtet werden oder müsste Hilfe immer ein freiwilliger Akt sein? Diese und weitere Fragen rollt Michael J. Sandel auf und analysiert die möglichen Antworten auf einer fundiert abgestützten Basis. Er legt gut verständlich die massgebenden Positionen von Kant, Rawls und Aristoteles dar, verweist auf die Utilitaristen Bentham und Mill, denen er die Position Nozicks entgegenstellt. Er vergleicht den voluntaristischen Entwurf der Person mit einem narrativen und entwickelt aus all dem eine Theorie des richtigen Handelns, wie es in einer nach Gerechtigkeit strebenden Gesellschaft gelebt werden sollte.

Sandel konstatiert generell, dass wir immer mehr materiellen statt moralischen Werten nachhängen, und propagiert eine Verschiebung zurück zu den Werten, weg von den Dingen. Damit negiert er nicht die Relevanz materieller Güter, im Gegenteil, er zeigt auf, wie die (fehlende) Verteilungsgerechtigkeit durchaus weitreichende Konsequenzen hat.

Eine zu grosse Kluft zwischen Reich und Arm untergräbt die Solidarität, die für eine demokratische Bürgerschaft unerlässlich ist. Aufgrund der grossen sozialen Ungleichheit entfernt sich die Lebenswelt der Reichen zunehmend von jener der Armen.

Damit zieht Sandel eine direkte Linie von der Ungleichverteilung der Güter hin zum Gemeinwohl. Die Ungleichverteilung lässt also nicht nur die Armen leiden, sondern sie hat Auswirkungen auf die ganze Gemeinschaft, welche die immer grösser werdende Kluft nicht nur im sozialen Miteinander, sondern auch in der Ausübung der Bürgerpflichten, welche für eine lebendige demokratische Gemeinschaft wichtig wären, spürt.

Einrichtungen, die einst Menschen zusammenbrachten und als informelle Schulen staatsbürgerlicher Tugenden dienten, werden immer seltener. Die Aushöhlung des öffentlichen Raums erschwert es, die Solidarität und den Gemeinschaftssinn zu pflegen, von denen eine demokratische Zivilgesellschaft abhängt.

Gerechtigkeit. Wie wir das Richtige tun ist ein sehr fundiertes, klar durchdachtes und leicht lesbares Buch, welches die vielleicht wichtigste Frage des individuellen wie des sozialen Lebens verständlich an aktuellen Beispielen aufrollt und analysiert. Sandel stellt die unterschiedlichen philosophischen Ansätze des liberalen Egalitarismus, des Libertarianismus, des Utilitarismus sowie die Moralkonzeption Kants und Aristoteles’ fair nebeneinander, erläutert ihre Vor- und Nachteile und schält so langsam einen Begriff der Gerechtigkeit heraus. Schlussendlich präsentiert er seine eigene Position, welche an Aristoteles und Alasdair McIntyre anlehnt und am amerikanischen Kommunitarismus orientiert ist. Kernpunkt dieser Theorie ist sicher der am Gemeinwohl orientierte Dialog aller Menschen, die einander als Menschen verpflichtet sind.

Fazit
Ein sehr fundiertes, gut strukturiertes, gut verständlich geschriebenes Buch zu einem grossen und schwierigen, nichtsdestotrotz wichtigen Thema.

Zum Autor:
Michael J. Sandel
Michael J. Sandel, geboren 1953, ist politischer Philosoph. Er studierte in Oxford und lehrt seit 1980 in Harvard. Seine Vorlesungsreihe über »Justice« machte ihn zum weltweit populärsten Moralphilosophen.

Angaben zum Buch:
SandelGerechtigkeitTaschenbuch: 416 Seiten
Verlag: Ullstein Taschenbuch (11. Oktober 2013)
Übersetzung: Helmut Reuter
ISBN: 978-3548375373
Preis: EUR: 10.99 ; CHF 16.90
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Rezension: Andreas Urs Sommer: Werte

Warum man sie braucht, obwohl es sie nicht gibt

Was sind Werte und wie viele gibt es?

Als ob nicht alle Worte Taschen wären, in welche bald Diess, bald Jenes, bald Mehreres auf einmal gesteckt worden ist! (Nietzsche)

Werte scheinen in aller Munde. Hört man heutigen Politikern zu, nehmen Werte einen wichtigen Platz in ihren Reden ein. Egal, ob es um die Flüchtlingsproblematik, das Bildungswesen oder Gesundheitssysteme geht – mit Werten wird die eigene Haltung gerechtfertigt und dem Volk schmackhaft gemacht, da es schliesslich die Werte des Volkes seien und man diesen verpflichtet wäre. Während wir im Alltag also ständig mit Werten konfrontiert sind und auch selber drauf bauen, erfahren sie in der Wissenschaft eine eher stiefmütterliche Behandlung.

Andreas Urs Sommer stellt im vorliegenden Buch die Frage, wovon wir eigentlich sprechen, wenn wir von Werten reden. Wer bestimmt sie, was beinhalten sie, was bedeuten sie für eine Gesellschaft und für das Individuum? Er geht dabei strukturiert vor, hält sich an Aristoteles’ Kategorienlehre und stellt entsprechend Fragen:

  • Was ist ein Wert?
  • Wie ist ein Wert?
  • Worauf bezieht sich ein Wert?
  • Wo braucht man ihn?
  • Was haben und tun Werte?
  • etc.

Das Buch handelt nicht davon, welche konkreten Werte wir haben oder haben sollen, sondern versucht sich in einer systematischen Begriffsanalyse dahingehend, herauszufinden, wozu Werte gut und wichtig sind, wie sie beschaffen sind und sein müssen, um in der heutigen Gesellschaft von Nutzen zu sein.

Ein Exkurs des Buches setzt sich mit der Beziehung von Werten und Menschenrechten auseinander, ein weiterer nimmt die Tagespolitik rund um das aktuelle Flüchtlingsthema unter die Lupe. So schlägt Urs Andreas Sommer den Bogen von der theoretischen Analyse hin zur aktuellen Weltlage, wobei er das auch innerhalb der einzelnen Kapitel immer wieder anschaulich und fundiert tut.

Der Titel des Buches mag etwas sperrig klingen und Widerspruch herausfordern, beruft sich aber einfach auf die zugrundeliegende These. Die Wendung, dass es Werte nicht gäbe, besagt schlussendlich nur, dass sie nicht aus sich heraus existieren, sondern vom Menschen gemacht sind.

Werte. Warum man sie braucht, obwohl es sie nicht gibt ist ein fundiertes, analytisch tiefgehendes Buch, das den Begriff des Wertes von allen Seiten betrachtet und versucht, den Sinn und den Nutzen von Werten für den modernen Menschen in seiner Welt herauszuarbeiten. Müsste man etwas negativ anmerken, so wäre dies der oft sehr metaphorische, blumige, in Bilder abdriftende Schreibstil des Autors, der teilweise den Inhalt zu sehr überlagert und in dem Umfang den eher sachlich veranlagten Leser etwas irritieren kann.

Fazit
Ein sehr tiefgehendes, breit abgestütztes und scharfsichtiges Buch über ein Thema, das in aller Munde und trotzdem (oder deswegen?) oft vernachlässigt wird. Sehr empfehlenswert!

Zum Autor:
Andreas Urs Sommer (*1972) lehrt Philosophie an der Universität Freiburg i.B. und leitet die Forschungsstelle Nietzsche-Kommentar der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Einem breiteren Publikum ist er mit Zeitungs­ und Zeitschriftenartikeln sowie insbesondere mit seinen Büchern Die Kunst, selber zu denken und Lohnt es sich, ein guter Mensch zu sein? sowie Die Kunst des Zweifelns bekannt geworden.

 

Angaben zum Buch:
SommerWerteTaschenbuch: 152 Seiten
Verlag: J. B. Metzler Verlag (10. Juni 2016)
ISBN: 978-3476026491
Preis: EUR: 19.95 ; CHF 25.90

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Rezension: Josef Dohmen – Wider die Gleichgültigkeit

Sich selbst und anderen verbunden das Leben leben

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich in der westlichen Welt eine neue posttraditionelle Gesellschaft entwickelt, in der Tradition und Religion samt der darauf gründenden Moral von der zunehmenden Macht des Marktes, der Wissenschaft und der Technik sowie dem Einfluss der Medien immer weiter zurückgedrängt worden sind. […] In ihr sieht sich ein jeder dazu herausgefordert, seinen eigenen persönlichen Lebensstil auszubilden. Das Problem ist jedoch, dass bisher niemand weiss, an welchen Richtlinien wir uns bei der Gestaltung unseres eigenen Lebens und der Einrichtung der Gesellschaft orientieren sollen.

Josef Dohmen zeichnet ein Bild unserer Zeit, in der sich viele Menschen relativ orientierungslos durchs Leben bewegen, dabei Begriffe wie Freiheit und Selbstverwirklichung hochhalten, diese aber weder für sich selber noch im Zusammenleben mit anderen wirklich ausbilden können. Freiheit wird als Absolutum genommen und einem liberalen Gedankengut unterstellt, welches jegliche Fesseln (vor allem von aussen) ablehnt. Zurück bleibt eine Halt- und eine Verbindungslosigkeit.

Die Tragik des Liberalismus liegt darin, dass er sich zwar für die Emanzipation des Individuums von den vorherrschenden Strukturen eingesetzt hat, es hierbei allerdings versäumt hat, eine Moral zu entwickeln, die es diesen befreiten Individuen ermöglichen würde, ihr Leben so zu gestalten, dass wir eine Gesellschaft ebenso selbständiger wie miteinander verbundener Individuen ausbilden und aufrecht erhalten könnten.

Die Lösung des Problems sieht Dohmen in der Ausbildung einer Lebenskunst. Er entwickelt den Begriff durch Verweise auf die Philosophiegeschichte und der darin enthaltenen Lebensmaximen, begonnen in der Antike und bis in die Neuzeit reichend. Dabei behandelt er Begriffe wie Glück, Selbstbejahung, den freien Geist und Willen, sowie die Wahrhaftigkeit (gegen sich und andere). Erst, wenn wir wahrhaftig uns selber sind, aus uns heraus und im Kontext mit anderen leben, ist unser Leben authentisch. Viele verwechseln Authentizität allerdings mit (prinzipieller) Auflehnung gegen aussen, mit der Maxime „alles, was ich will, nichts, was ich muss“. Daraus resultiert meist nicht nur kein authentisches Leben, sondern auch die Verunmöglichung eines Miteinanders, einer tragfähigen Gesellschaft, in der eine Moral herrscht, die weder Altruismus noch Egoismus propagiert, sondern das Individuum sich selber und der Gesellschaft gegenüber verpflichtet.

Ich plädiere für eine neue Kultur der Selbstverantwortung, eine „soziale Selbstverwirklichung““: eine kollektive Lebensform, in der sich Menschen achtsam und kreativ und ebenso bescheiden wie selbstbewusst darum bemühen, nicht auf Kosten anderer oder auf Kosten ihrer selbst, sondern gemeinsam und unter Rücksichtnahme auf andere mehr aus ihrem Leben zu machen.

Um das zu verwirklichen, muss der Mensch sich zuerst selber bejahen, wozu er sich zuerst einmal kennenlernen muss. „Erkenne dich selbst“ steht also am Anfang, gefolgt von „Wie soll ich leben?“, „Wie will ich leben?“, „Was ist ein gutes Leben?“. Dabei ist zu berücksichtigen, dass keiner alleine lebt, sondern jeder ein Teil eines Ganzen ist, dem er auch verpflichtet ist, so dass alle für sich ihr gutes Leben finden und leben können – miteinander und für sich. Dazu bedarf es der Abschaffung der Gleichgültigkeit, denn keiner ist eine Insel. Jeder lebt in seiner Zeit und muss sich in dieser bewegen und zurechtfinden.

Abschliessend behandelt Dohmen die grosse Frage, wie man glücklich werden kann und hält den Wert wirklicher Freundschaft hoch, die nicht auf gegenseitiger Berechnung, sondern auf innerer Verbundenheit beruht. Wenn dann noch die Kunst des Älterwerdens dazukommt, kann man am Schluss hoffentlich auf ein erfülltes Leben zurückblicken.

 Wenn wir wissen, warum wir gelebt haben, können wir uns eher mit dem Tod versöhnen.

Josef Dohmen greift ein grosses, umfassendes Thema auf und versteht es, dieses durch viele Rückgriffe auf die westliche Philosophie abzustützen und weiterzuentwickeln. Die Frage nach dem guten Leben beschäftigt den Menschen seit Menschengedenken. Mit dem Plädoyer für eine neue Lebenskunst bietet Dohmen einen Ansatz, der sowohl das Individuum wie auch die Gesellschaft in die Pflicht nimmt und so ein Leben ermöglichen soll, in dem Moral und Glück tragende Pfeiler sind und keiner auf Kosten anderer sein Leben verwirklicht.

Fazit:
Ein fundiertes, umfassendes, tiefgründiges Buch eines kompetenten, belesenen Autoren. Stimmig argumentiert, dabei immer leserlich und verständlich. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Josef Dohmen
Josef (Joep) Dohmen, ist Professor für Philosophische und Praktische Ethik an der Universiteit voor Humanistiek in Utrecht, Niederlande. Er studierte Philosophie in Utrecht, Berlin und Leuven (Belgien). Sein Schwerpunkt liegt auf den Themen Lebenskunst, Moralerziehung und Alter. Dohmen schrieb diverse Bücher über Montaigne, Nietzsche, Foucault und die Lebenskunst.

Angaben zum Buch:
DohmenGebundene Ausgabe: 376 Seiten
Verlag: rüffer & rub Verlag (12. November 2014)
Übersetzung: Bärbel Jänicke
ISBN-Nr.: 978-3907625729
Preis: EUR 32 / CHF 39.90

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Thich Nhat Hanh: Mit dem Herzen verstehen

Verstehen als höchstes Gut

Daher sollte man wissen, dass vollkommenes
Verstehen
das höchste Mantra ist, das Mantra ohne-
gleichen,
das alles Leiden aufhebt, die unzerstörbare
Wahrheit.
[…]
Gate gate paragate
parasamgate
bodhi svaha

Das Herz-Sutra ist eines der wichtigsten buddhistischen Sutras, es enthält die Essenz der Lehre Buddhas in konzentrierter Form. Es geht darum, den Dingen auf den Grund zu gehen, sie zu durchschauen, nicht nur oberflächlich wahrzunehmen. Erst in der Vertrautheit mit dem wirklichen Wesenskern der Dinge können wir sie verstehen. Die Vertrautheit mit den Dingen, wie sie wirklich sind, ist wiederum Nahrung für das Mitgefühl in uns selber und auch in anderen.

Untersuchen wir dieses Stück Papier näher, so können wir auch den Sonnenschein darin sehen. Gibt es keinen Sonnenschein, kann der Wald nicht wachsen und alles andere auch nicht. Daher wissen wir, dass auch der Sonnenschein in diesem Papier ist und dass sich beide wechselseitig bedingen und durchdringen.

Das Inter-Sein der Dinge nimmt einen zentralen Punkt in der Achtsamkeit für die Welt und die darin vorkommenden Dinge ein. Indem wir nicht nur oberflächlich wahrnehmen, was wir sehen, sondern dahinter den Kreislauf des Lebens erkennen, können wir den Zusammenhang von allem sehen. Wir werden gewahr, dass nichts unabhängig vom anderen existiert, sondern alles durch anderes bedingt ist.

Thich Nhat Hanh bringt dem Leser in kurzen Texten die Botschaft des Herz-Sutras nahe. In poetischen Bildern und klaren Worten versteht er es, das kurze und dennoch prägnante Herz-Sutra verständlich zu machen und dem Leser damit die Augen für die Wahrheit hinter den offensichtlichen Dingen zu öffnen.

Fazit
Klar, poetisch, tiefgründig, lehrreich – ein kleines Buch mit grosser Wirkung. Prädikat: Absolut empfehlenswert.

 

Thich Nhat Hanh
Thich Nhat Hanh, 1926 in Vietnam geboren, gehört als sozial engagierter buddhistischer Mönch und Zen-Meister zu den bedeutendsten spirituellen Lehrern der Gegenwart. Die schmerzhaften Erfahrungen des Vietnamkriegs haben sein Bewusstsein dafür gestärkt, wie die buddhistische Lehre und insbesondere die Entwicklung von Achtsamkeit dazu beitragen können, Konflikte zu lösen oder erst gar nicht entstehen zu lassen. Thich Nhat Hanh lebt im Exil, seit ihm anlässlich einer Reise in die Vereinigten Staaten 1966 die Regierung von Südvietnam die Rückkehr in seine Heimat verweigerte. Er ist Autor zahlreicher Bücher und engagiert sich in der Friedensarbeit und Flüchtlingsbetreuung.

 

Angaben zum Buch:
ThichNhatHanhHerzenTaschenbuch: 224 Seiten
Verlag: Goldmann Verlag (20. Mai 2013)
Übersetzung: Ursula Richard
ISBN: 978-3442220151
Preis: EUR: 8.99 ; CHF 14.90
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