4. Mai

„Der Anfang aller Weisheit ist immer das Staunen.“ (Aristoteles)

Weshalb, wieso, warum? – Wer kennt die unermüdlichen Fragen von Kindern nicht? Alles wollen sie wissen, alles hinterfragen sie. Sie sehen die Welt mit neuen und frischen Augen, staunen über Dinge, die uns schon lange selbstverständlich sind. Kinder sind Philosophen der ersten Stunde. Alles ist spannend, weil sie nicht denken, schon alles gesehen zu haben, weil sie nicht glauben, alles bereits zu wissen.

Wann geht das alles verloren? Wo verlieren sich die kindliche Neugier und das Staunen? Und: Was können wir tun, dass das nicht passiert? Denn: Nur wo wir mit frischem Blick auf die Dinge sehen, lernen wir neues. Wie oft gehen wir durch die Welt und glauben, alles zu kennen? Wie wäre es, das einfach mal zu ändern? Wenn wir das nächste Mal durch die Welt laufen, könnten wir alles mit neuen Augen sehen. Wir könnten die Blumen in Nachbars Garten bestaunen, die neuen Triebe an den Ästen des Baumes bemerken, an dem wir vorher achtlos vorüber gegangen sind. Wir könnten bei all den alltäglichen Dingen neue Schönheiten entdecken, die unser Leben bereichern.
Und vielleicht könnten wir auch eine fremde Meinung als solche annehmen und staunen, wie man die Welt auch sehen kann, statt sie gleich zu verurteilen. Und so könnten wir unseren Horizont erweitern. Wie würde sich wohl so die Welt verändern? Und wie wir uns mit ihr?

3. Mai

„Es ist dein Leben – geh achtsam damit um.“ (Osho)

Wenn Menschen mit Bitten oder Wünschen an uns herantreten, fällt es nicht immer leicht, nein zu sagen. Wir erfüllen ihnen gerne einen Gefallen, helfen gerne, wenn wir können. Nun gibt es aber auch Menschen, die sich nur dann melden, wenn sie etwas brauchen, sonst hört man kaum etwas von ihnen. Sie saugen Energie, ohne etwas zurückzugeben. Sicher soll Hilfe nicht aus dem einzigen Grund einer Gegenerwartung geschehen, aber es ist doch gut, ab und an hinzuschauen, mit wem man sich umgibt und wofür man seine Zeit braucht.

Zeit ist nicht unendlich, wir haben nur dieses eine Leben und sollten es so leben, dass es möglichst viel Freude bringt. Wenn du also wieder einmal das Gefühl hast, zu wenig Zeit für deine wichtigen Dinge oder zu wenig Freude im Leben zu haben, schau, wo deine Zeit hinfliesst. Meist haben wir genügend Zeit, nur nutzen wir sie für die falschen Dinge.

2. Mai

„Wenn du gehst, geh; wenn du sitzt, sitze; wenn du bist, sei!“ (Osho)

Wir können uns angestrengt aufs Meditationskissen setzen, tagelang Atemachtsamkeit üben. Auch können wir eifrig Yogastellungen auf der Yogamatte praktizieren. Nur: Wenn wir die Achtsamkeit nicht ins Leben hineintragen, sie nicht im Alltag integrieren bei dem, was gerade anfällt, wird sie uns nichts von all dem offenbaren, was sie für unser Leben bewirken könnte.

Achtsamkeit fängt im Alltag an. Sie fängt bei ganz alltäglichen Dingen wie kochen, waschen, putzen an, geht weiter über unsere Wahrnehmung von Situationen im Leben und unseren Umgang mit Menschen. Achtsamkeit bedeutet, in jedem Moment ganz bei dem zu sein, was wir gerade tun. Wenn wir kochen, kochen wir. Wir schneiden bewusst das Gemüse klein, nehmen es wahr, riechen es, spüren den Widerstand beim Durchschneiden. Wir mischen die Zutaten, rühren, riechen, schmecken, sehen, fühlen auch den Dampf aus dem Topf auf unserer Haut beim Umrühren. Und wenn das Essen fertig ist, essen wir es mit derselben Achtsamkeit.

Diese Art von Achtsamkeit im Alltag können wir zu jeder Zeit an jedem Ort praktizieren. Worauf warten wir noch?

1. Mai

„Leben existiert nur in diesem Augenblick, und in diesem Augenblick ist es unendlich und ewig.“ (Alan Watts)

Hast du auch schon mal gedacht, dass die Zeit rast? Dass Dinge zu schnell vorbei waren, die du eigentlich lieber länger genossen hättest? Oder kam es dir auch schon mal so vor, dass die Zeit steht? Dass Dinge, die du ersehnst, nicht näher kommen, immer in weiter Ferne scheinen? Und hast du dich dann auch dabei ertappt, wie du dem nachhingst, das vorbei ist, oder dem entgegen hofftest, das noch kommt?

So schön Erinnerungen und Vorfreude auch sind, eines verpasst man dabei: Den aktuellen Augenblick. Man ist nicht präsent in dem einzigen Moment, den man leben könnte: Im Jetzt. Dabei hätte genau dieser Moment so viel zu bieten an Gerüchen, Geräuschen, Anblicken, Gefühlen, Erlebnissen. Und im Erleben all dessen fühlte man ein Stück Unendlichkeit, denn der aktuelle Augenblick ist nie vorbei, er ist immer da. Jetzt. Hier.

30. April

„Der Weg zum Glück besteht darin, sich um nichts zu sorgen, was sich unserem Einfluss entzieht.“ (Epiktet)

Ab und an lese ich all die schönen Sprüche und denke, dass das alles gut klingt, aber schlicht unmenschlich ist. Sind wir nicht einfach so, dass wir uns Sorgen machen müssen? Ist es nicht in unseren Genen angelegt irgendwie? Es fühlt sich zumindest so an. Das Kopfkino läuft auf Hochtouren mit dem Ausmalen der möglichen negativen Konsequenzen, wir wägen Risiken ab und sorgen uns über die Folgen, die entstehen könnten. Kann man das abstellen?

Ich denke nicht. Was ich aber denke ist, dass man daran arbeiten kann, sich selber immer wieder den Kopf zurecht zurücken, dass man immer mal wieder hinschauen kann, was man da eigentlich tut, und sich dann fragen, was es wirklich bringt. Und vielleicht kann man dann und wann das Kopfkino abschalten. Das könnte ein kleiner Moment des Glücks sein.

29. April

„Wenn ich loslasse, was ich bin, werde ich, was ich sein könnte. Wenn ich loslasse, was ich habe, bekomme ich was ich brauche.“ Laotse

Das ist wohl eine der schwierigsten Aufgaben im Leben: Loslassen. Das wohl schönste Bild für das Loslassen führt uns die Natur vor Augen: Im Frühling zeigen sich an den gerade noch kahlen Ästen mehr und mehr zartgrüne Blätter. Sie werden mehr, bringen Farbe zurück in die vormals karge Winterwelt, Leben erwacht. Es blüht und treibt, Früchte entstehen, werden geerntet. Und dann. Ganz langsam. Ändern die Farben. Was vormals noch kräftig und frisch weicht satten, warmen Farben. Als wäre es ein letztes Aufbäumen der Natur, die sich nochmals in der schönsten Pracht zeigen wollte. Danach lassen die Bäume los. Die Blätter fallen zu Boden, die Bäume stehen kahl.

Was wäre, wenn sie die Blätter behalten wollten, sie festhalten würden? Es kämen keine zarten Blättchen mehr, Blüten könnten nicht wachsen, Früchte nicht reifen. Das Loslassen ist so gesehen das Glück des Naturkreislaufs. Wir sollten uns nicht aus diesem herausnehmen.

28. April

„Der Mensch leidet, weil er Dinge zu besitzen und zu behalten begehrt, die ihrer Natur nach vergänglich sind.“ (Buddha)

Schön, hässlich, angenehm, unangenehm, gewollt, ungewollt – wir gehen durch die Welt und bewerten alles, was wir antreffen. Das, was uns gefällt, wollen wir unbedingt haben und behalten, das, was wir nicht mögen, versuchen wir zu meiden. Leider ist das Leben kein Ponyhof und es nimmt wenig Rücksicht auf unsere Begehrlichkeiten. Dazu kommt, dass Leben immer auch Wandel bedeutet: Was entsteht, wird auch wieder vergehen, was in unser Leben tritt, dieses auch wieder verlassen.
Wie oft fürchten wir uns schon im Vorfeld, dass etwas enden könnte, so dass wir uns einen Teil des Genusses des Guten schon versagen? Wie viel Energie stecken wir in Vermeidungsstrategien bei den Dingen, die wir nicht mögen? Und damit trüben wir die Zeiten, in denen das nicht Gewollte gar nicht da ist.
Wir können die Natur nicht ändern. Natur ist immer auch Veränderung. So lange wir uns dagegen sträuben, werden wir immer auch leiden. Wieso also nicht versuchen, das zu geniessen, was ist, so lange es ist? Um dann zu schauen, was kommt? Was man nie vergessen darf: Veränderung hat auch was Tröstliches, denn: Sind die Zeiten mal nicht gut, dauern auch diese nicht ewig.

27. April

„Nicht die Dinge selbst, sondern die Meinungen über dieselben beunruhigen die Menschen.“ (Epiktet)

Vor Prüfungen habe ich mich immer dabei ertappt, wie ich mir in den düstersten Farben ausmalte, was alles schief gehen könnte. Vor wichtigen Terminen blieb der Schlaf aus, weil in meinem Kopf die Gedanken drehten – nicht auf erfreuliche Weise. Ich malte mir aus, was alles passieren könnte, stellte mir vor, welche Gefahren und Risiken auf mich warten könnten.

Ich war beunruhigt, ohne dass etwas passiert war. Alles fusste nur auf meinen eigenen Vorstellungen. Eigentlich blöd, oder? Klar können Prüfungen misslingen, Termine können auch wenig erfreulich ausgehen, aber: Sich das schlechte Ende schon vorher immer und immer wieder vor Augen zu führen, wird kaum etwas Positives bringen – im Gegenteil. Es stiehlt mir Zeit und Ruhe und bildet damit keinen guten Boden für das Bevorstehende.

Wie viel besser wäre es also, wenn wir uns vor Herausforderungen aufmuntern und innerlich stärken würden statt uns niederzumachen und in Ängsten zu versinken?

Was ist meine Geschichte?

„Wir erzählen uns Geschichten, um zu leben.“ (Joan Didion)

Wir gehen durchs Leben und erzählen uns und anderen unsere Geschichte. Es ist eine Geschichte unseres Lebens, die Aneinanderreihung von Erfahrungen und Erlebnissen, die schlussendlich das ausmacht, was wir „ich“ nennen. Wir sind uns dabei selten bewusst, dass wir nur eine mögliche Geschichte erzählen, dass es noch viele andere gäbe. Noch seltener sind wir uns bewusst, dass das, was wir aus der Erinnerung als unsere Geschichte erzählen, oft anders war, als wir uns erinnern, da unser Gedächtnis die phänomenale Gabe hat, Erzählungen so zu strukturieren, dass sie Sinn ergeben, dass sie in einem Kontext stehen und darin schlüssig und nachvollziehbar klingen. Das heisst nicht, dass wir lügen, schon gar nicht bewusst, es ist nur nicht die Wahrheit, schon gar nicht die ganze.

Das Gute daran ist: Wir können unsere Geschichten ändern. Auch das ohne zu lügen. Indem wir auf andere Erfahrungen und Ereignisse fokussieren, andere Perspektiven einnehmen, ergeben sich neue Geschichten. Gerade wenn wir mit unserer Geschichte hadern, kann das heilsam sein.

Vielleicht fragst du dich mal: Was ist meine Geschichte? Und dann schau genau hin, ob es die einzig mögliche ist oder ob du nicht noch mehr findest. Und vielleicht findest du sogar die Geschichte, die dir hilft, gut damit weiter zu leben, weil sie dir etwas mit auf den Weg gibt, das dir Kraft für die Zukunft gibt.