Tagesgedanken: Freude durch Dankbarkeit

Epiktet schrieb einst, dass es Dinge gäbe, die man in der Hand hätte, und solche, die man nicht in der Hand hätte. Wichtig sei, seine Energie und sein Handeln auf die Dinge zu konzentrieren, die man selber auch beeinflussen kann, die anderen aber gleichmütig und gelassen hinzunehmen. So weise der Spruch auch klingt, so viel Wahrheit auch drinsteckt, so schwer ist er oft umzusetzen.

Mein Leben leben bedeutet immer auch, eine Vorstellung davon haben, wie dieses Leben aussehen soll, was ich mir wünsche, welche Ziele ich mir setze. Wenn gewisse Dinge dann nicht gelingen, bringt mich das in Unruhe: Ich hadere mit dem Schicksal, werde wütend, traurig, fühle mich vielleicht auch hilflos, im schlimmsten Fall gar als Versager.

Folgen wir Epiktet weiter, so lernen wir bei ihm:

«Nicht die Dinge beunruhigen die Menschen, sondern ihre Meinung über die Dinge.»

Unser wirkliches Leiden beginnt also erst da, wo wir zu hadern beginnen. Erst, wenn wir etwas, das nicht so ist, wie wir uns das vorstellen, beklagen, leiden wir. Das blosse Misslingen einer Sache wäre an sich kein Weltuntergang gewesen, denn es liegt in der Sache, dass alles, was gelingen kann, auch misslingen kann – und vieles dies auch wird. Wenn wir aber innerlich zu stark an den Dingen haften, wenn wir unser Glück daran festmachen und dieses nun schwinden sehen, stürzen wir uns selbst ins Unglück.

In den Upanishaden steht, dass der, welcher verzichten kann und sich an sein Innerstes hält, seine Freiheit wahre. Wir sind also nicht frei, wenn wir alles erreichen und tun können, sondern wenn wir unser Glück nicht davon abhängig machen. Es klingt alles noch immer sehr wahr und klug und doch schwer umsetzbar. Wie kommen wir dahin?

Im Wissen darum, dass ich im Leben nie alles haben werde, dass mir auch nicht alles gelingen wird, kann es meiner inneren Ruhe dienen, mir immer wieder vor Augen zu führen, was ich schon alles habe. Das müssen kleine grossen Dinge sein, gerade in den kleinen Dingen liegt oft viel Wertvolles, weil Lebensbereicherndes drin. Aktiv praktizierte Dankbarkeit ist eine grosse Quelle der Freude, eine, die nie versiegt, da sich immer etwas findet, wenn man wirklich hinsieht. Das wusste schon Seneca:

«Ich bin dankbar, nicht weil es vorteilhaft ist, sondern weil es Freude macht.»

Tagesgedanken: Gestalte deine Welt

«Nach der Beschaffenheit der Gegenstände, die du dir am häufigsten vorstellst, wird sich auch deine Gesinnung richten; denn von den Gedanken nimmt die Seele ihre Farbe an.» (Marc Aurel)

Wenn wir durch den Tag gehen, merken oft nicht, was alles in unserem Kopf los ist. Der Alltag hält so viele Ablenkungen bereit, dass wir das uns am nächsten Liegende übersehen: Unsere eigenen Gedanken. Erst wenn es mal still wird, wird es im Kopf laut: Gedanken überschlagen sich, einer folgt dem anderen, die Themen wechseln sprunghaft und in wildem Durcheinander. Wirkliche Ruhe kehrt kaum ein. Vor allem als Anfänger der Meditation wird einem das bewusst: Es gibt nichts Schwierigeres als die eigenen Gedanken zur Ruhe zu bringen.

Das ist auch gar nicht nötig, viel wichtiger ist es, hinzuschauen, was los ist im eigenen Gedankentreiben: Welche Gedanken kehren immer wieder, womit bin ich innerlich beschäftigt. Dieses Hinschauen kann zur Erkenntnis führen, was uns umtreibt, was in uns los ist, ohne dass wir uns mehrheitlich bewusst sind. Aus diesem inneren Treiben speist sich nämlich unser Verhalten. Diese Gedanken färben unsere Sicht auf die Welt, sie steuern unsere Wahrnehmung und Interpretation dessen, was ist. So sagte auch Anais Nin folgerichtig:

«Wir sehen die Dinge nicht, wie sie sind, wir sehen sie, wie wir sind.»

Was könnte es also Wichtigeres geben, als immer mal wieder innezuhalten, hinzuschauen, zu erkennen, was wir denken, worauf unsere Gefühle gründen, die unser Verhalten, unser Sein ausmachen?

«Wir sind, was wir denken. Alles, was wir sind, entsteht aus unseren Gedanken. Mit unseren Gedanken formen wir die Welt.» (Buddha)

Durch die Bewusstwerdung derselben können wir daran arbeiten. Wir können unsere Gedanken lenken, können denen, die wir nicht in uns haben und aus uns sprechen lassen wollen, durch neue ersetzen, bessere, solche, die uns dahin führen, der zu sein, der wir sein wollen.

Tagesgedanken: Werte und Ziele

„Die Ruhe der Seele ist ein herrliches Ding und die Freude an sich selbst.“ Johann Wolfgang von Goethe

Wann hast du das letzte Mal nichts getan? Wann bist du einfach dagesessen, hast die Beine und die Seele baumeln lassen und den Tag verstreichen lassen? Oft rennen wir durchs Leben, getrieben von allem, was wir denken, dass wir es erledigen und erreichen müssen. Wir setzen uns Ziele, die wir eifrig verfolgen, nur um beim Erreichen schon das nächste ins Auge zu fassen. Das ist nicht grundsätzlich falsch, nur stellt sich die Frage, ob wir dabei nicht auch viel verpassen.

Indem wir immer mit einem Ziel im Blick durchs Leben gehen, vergessen wir oft das Geniessen des Augenblicks. Wir sehen weniger, was wir alles haben, sondern mehr, was wir wollen. Alles, was wir erreichen, fällt auf den Haufen des Habens, es wird schnell selbstverständlich und gerät aus dem Blick. Die Freude daran währt kurz, über die Zeit immer kürzer. Und vielleicht stellt sich mit der Zeit die Frage: Wozu das alles? Ist das wirklich das Leben, das ich leben will? Aber was will ich sonst?

In solchen Momenten hilft es, innezuhalten. Einfach mal durchzuatmen. Zur Ruhe zu kommen. Und sich zu besinnen: Was sind eigentlich meine Werte im Leben? Verfolge ich mit all meinen Zielen diese Werte oder setze ich die aufgrund anderer Auslöser? Bin ich so, wie ich lebe, wirklich der Mensch, der ich sein will, oder versuche ich nur, irgendwelchen Ansprüchen zu genügen? Wie würde ein Leben aussehen, das meinen Werten entspricht? Wie käme ich dahin?

Vielleicht kommst du dann zum Ergebnis, dass alles gut ist. Wunderbar. Vielleicht merkst du aber auch, dass du in deinem Streben nach immer neuen Zielen irgendwann dein eigenes wirkliches Ziel verloren hast: Ein Leben nach eigenen Werten, ein Leben nach deinen eigenen Vorstellungen. Vielleicht folgt als nächster Gedanke dann: Ich würde ja gerne, aber ich kann nicht. Du vertraust dir und deinen Fähigkeiten zu wenig, so zu leben, wie du es wirklich gerne würdest.

«Ein jeder gibt den Wert sich selbst.» Friedrich Schiller

Die gute Nachricht ist: Du musst nicht zuerst mehr Selbstvertrauen gewinnen, um zu tun, was du tun willst. Fange an, auch mit kleinen Schritten. Das Selbstvertrauen kommt durch das Tun. Mit jedem Schritt wirst du sicherer auf deinem Weg.

Wenn du also wieder einmal atemlos durch dein Leben stürmst, dich dabei auch oft müde und nicht wirklich erfüllt fühlst, hilft es, ganz bewusst innezuhalten, hinzuhören. Was tue ich da? Will ich das? Bin ich das? Was möchte ich sein? Dieses bei sich Sein, dieses sich selbst ernst Nehmen, weil man sich zuhört, ist bereits der erste Schritt. Lass ihn uns gehen.

Was sind deine Werte im Leben?

Tagesgedanken: Werde, der du bist

Wann hast du dich das letzte Mal für etwas gelobt, das du gemacht hast? Wann hast du in den Spiegel geschaut und gefunden, dass du dir gefällst, dass du total ok bist, wie du bist? Wann hast du voller Dankbarkeit auf dein Leben geschaut, auf alles, was da ist, was du hast und bist?

Wann hast du das letzte Mal mit dir gehadert? Wann hast du dich gescholten, weil du einen Fehler gemacht hast? Wann bist du das letzte Mal wütend geworden, weil du wieder einmal übergangen worden bist? Wann hast du dich das letzte Mal nicht gesagt, was du eigentlich willst, um die Harmonie zu wahren? Und wann bist du das letzte Mal wütend geworden, weil der andere deine Bedürfnisse nicht erraten hat?

Vielen fallen wohl mehr Beispiele für das zweite als für das erste Mal ein. Sie schauen in den Spiegel und sehen zuerst den Pickel auf der Nase statt der schönen Augen. Sie streben nach Perfektion, um nicht angreifbar zu sein, und vergessen dabei, dass kein Mensch perfekt ist – und es auch nicht sein muss. Sie stecken zurück, aus Angst, von anderen abgelehnt zu werden, und hadern dann innerlich, weil sie zu kurz kommen. Was passiert da?

Das alles sind Vermächtnisse der Kindheit. Glaubenssätze, die sich festgesetzt haben, prägen noch heute unser Leben: Ich bin nicht gut genug. Ich bin nichts wert. Ich komme zu kurz. Ich bin nicht liebenswert. Oft sind diese nicht mal direkt bewusst, sondern sie wirken aus dem Unbewussten und lassen uns reagieren – oft im Nachhinein unangemessen, übertrieben, sicher nicht gesund. Wenn wir also merken, dass wir immer wieder in ähnliche Muster verfallen, ähnliche Probleme im Leben haben im Umgang mit uns und anderen, hilft es, mal genauer hinzuschauen. Was löst solche Situationen aus? Was ist genau passiert? Wieso habe ich so reagiert? Wie habe ich mich in dem Moment gefühlt?

«Ich habe keine Macken, das sind Special Effects.» (Stefanie Stahl)

Wichtig ist, mich nicht für mein Verhalten, für meine Schwächen zu verurteilen. Es geht nicht um Selbstanklage, sondern im Gegenteil um Selbstakzeptanz. Das geht nur, wenn ich mich als Ganzes annehme, mit meinen Stärken und Schwächen, dass ich erkenne, dass ich mit allem völlig in Ordnung bin, dass ich ein wertvoller Mensch bin, der geliebt werden kann, so wie er ist. Ich darf Schwächen haben, ich darf Fehler machen, ich bin deswegen kein schlechter Mensch und auch kein Mängelwesen. Aber: Ich kann an meinen Schwächen arbeiten, ich kann hinschauen, was passiert und versuchen, etwas zu verändern. Das hilft nicht nur mir, weniger zu leiden unter Situationen, das bringt auch Entspannung ins Miteinander mit anderen Menschen.

Oft stecken hinter falschen Reaktionen falsche Interpretationen von Situationen oder Deutungen von Verhalten. Wenn ich mir dessen bewusst werde, kann ich daran arbeiten, an meinen versteckten Mustern zu arbeiten und diese zu verändern: Was war wirklich da und was habe ich hineingelesen? Was wäre eine angemessene Reaktion gewesen? Was kann ich tun, um bei einem nächsten Mal besser zu reagieren? Wo sind meine inneren Zwänge und Prägungen, die mich impulsiv reagieren lassen?

«Wie man wird, was man ist.»[1]

Wenn ich das erkannt habe, kann ich wachsen, dann kann ich lernen, der Wirklichkeit angemessen zu reagieren, kann aus mir und meinem wirklichen Sein und Wollen heraus leben statt in leidvollen Mechanismen zu verharren.

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Buchtipp: Stefanie Stahl: Das innere Kind muss Heimat finden. Der Schlüssel zur Lösung (fast) aller Probleme

Wie steuern Prägungen aus der Kindheit unser Verhalten? Wie haben sich alte Glaubessätze in uns festgesetzt und bringen uns nun immer wieder in leidvolle Situationen? Diese zu erkennen und zu ersetzen hilft, ein freudvolleres Leben zu führen.

Stefanie Stahl zeigt in ihrem Buch auf, welche Reaktionen im heutigen Leben auf was für Glaubenssätze aus der Kindheit zurückzuführen sind, und wie wir diese durch positive Sätze und ein angemesseneres Verhalten umwandeln können.

  • Angaben zum Buch:
  • Herausgeber: Kailash (16.11.2015)
  • Broschiert: 288 Seiten
  • ISBN-Nr.: 978-3424631074

Auch als Hörbuch erhältlich.


[1] Der Untertitel von Nietzsches Ecce Homo geht auf einen Satz Pindars aus den Pythischen Oden zurück.

Tagesgedanken: Nein sagen lernen

„Wenn du damit beginnst, dich denen aufzuopfern, die du liebst, wirst du damit enden, die zu hassen, denen du dich aufgeopfert hast.“ (George Bernhard Shaw)

Kennst du das, dass es dir schwerfällt, nein zu sagen? Die Schule will einen Kuchen für ein Fest, die Nachbarin Kaffee trinken, der Mann will einen Ausflug machen. Und eigentlich möchtest du nicht, denkst aber, diese Wünsche nicht abschlagen zu können. Du stellst dir die Enttäuschung beim anderen vor, wenn du nein sagst, und erfüllst dann die Wünsche – wenn auch mit innerlichem Grummeln.

Für den Moment scheint das eine gute Strategie, bei der alle (ausser dir) zufrieden sind. Du bist es dann insofern, als du „alles richtig gemacht hast“. Auf den zweiten Blick stellt sich aber heraus, dass aus diesem Verhalten auf Dauer wenig Gutes wächst. Indem du dich immer wieder zu wenig ernst nimmst mit deinen Bedürfnissen, indem du diese immer wieder hintenanstellst und die eines anderen erfüllst, wächst in dir eine Unzufriedenheit heran – über dich und über den anderen. Du fängst an, ihm übel zu nehmen, was du für ihn gegen deine Überzeugung tust.

Die Unfähigkeit, nein zu sagen, kommt daher, dass wir es anderen recht machen wollen. Wir wollen unser Miteinander in Harmonie leben und scheuen davor zurück, anzuecken, Anlass zur Auseinandersetzung zu werden. Wir pflanzen unsere Vorstellung vom Verhalten des anderen in dessen Kopf und glauben dann, dass dieses auch wirklich da ist. Wir stellen uns seine Reaktion auf unser Nein vor, und reagieren dann auf die von uns vorgestellte Reaktion. Wie oft sind wir erstaunt, wenn doch mal ein Nein gelingt, dass die Reaktionen weit weg von der sind, die wir ängstlich voraussagten?

Nein sagen hat nichts mit Egoismus zu tun, sondern mit Selbstsorge. Nur, wenn wir gut zu uns selbst schauen, können wir auch eine ebenbürtige Beziehung führen. Nur wenn wir uns den Wert zuschreiben, den wir auch dem anderen geben, leben wir auf Augenhöhe. Oft stecken hinter dem Verhalten, alles richtig zu machen, Ängste: Die Angst, nicht zu genügen, die Angst, nicht geliebt zu werden, die Angst, etwas kaputt zu machen, das uns viel bedeutet. Diese Ängste haben ihren Ursprung meist in der Kindheit, es sind Prägungen unseres Kinder-Ichs, die immer wieder hervorbrechen. Wenn wir uns dessen bewusst werden, können wir uns immer wieder sagen, dass wir nun selbst gross sind, dass es uns zusteht, für uns einzustehen, dass wir auch mal nein sagen dürfen. Für uns selbst und schlussendlich auch fürs Miteinander.  

Tagesgedanken: Mut zum Scheitern

«Eine andere Tugend des Scheiterns kann sein, dass es uns empfänglich macht und den Anstoss gibt für eine Richtungsänderung an einer existenziellen Weggabelung, die sich als glücklich erweisen wird… Diese Tugend des Scheiterns besteht nicht unbedingt darin, uns weiser, demütiger oder stärker zu machen, sondern schlicht darin, uns empfänglich zu machen für Anderes.»

Passiert es dir oft, dass du gerne etwas machen würdest, dich dann aber selbst zurückhältst, weil du denkst, das nicht zu können? Hast du Angst, zu scheitern und möchtest dir diese Blösse nicht geben? Schämst du dich, wenn dir ein Fehler unterläuft, weil du Ablehnung und Spott fürchtest, so dass du Situationen vermeidest, die dich in diese Position bringen könnten? Weisst du, wie viele Träume du brachliegen liessest? Hast du eine Ahnung, wie oft du dir damit selbst im Weg standest?

Die Angst zu scheitern sitzt tief bei uns. Das hängt einerseits mit Glaubenssätzen zusammen, die wir verinnerlicht haben (ich bin nicht gut genug, ich bin dumm, ich kann das nicht), andererseits mit Prägungen aus unserer Kultur, welche mit Fehlern oft hart ins Gericht geht – sie sind nicht vorgesehen. Das fängt schon in der Schule an, wo man für jeden Fehler einen roten Strich im Heft erhält, ganz unten steht die Note oft mit einem Tadel, wenn die Leistung nicht genügt hat, sowie der Aufforderung, sich intensiver mit der Materie auseinanderzusetzen.

«Lehren bedeutet nicht, ein Fass zu füllen, sondern ein Licht anzuzünden.» (Michel de Montaigne)

Das finnische Schulsystem geht einen anderen Weg als unseres. Statt Fehler rot anzustreichen und sich auf die Schwächen der Schüler zu konzentrieren, werden Fehler als Möglichkeit zu lernen gesehen und die Konzentration liegt hauptsächlich auf den Stärken. Man will nicht Gleichförmigkeit im Wissen auf allen Gebieten erreichen, sondern die je individuellen Talente und Fähigkeiten fördern. Eine solche Haltung bringt einen grossen Vorteil: Eine positive Fehlerkultur.

Wenn Fehler als Chancen und nicht als Versagen begriffen werden, fällt es leichter, etwas zu wagen. Wenn ich nicht fürchten muss, dass mich andere auslachen, ausgrenzen, verurteilen oder gar strafen für meine Fehler, kann ich leichter etwas wagen, von dem ich nicht weiss, wie es ausgehen wird. Ich kann mich meinen Wünschen und Träumen mit Mut und Zuversicht widmen, statt mich von der Angst, einen Fehler zu machen, zu scheitern, bremsen zu lassen.

Es braucht oft Mut, etwas zu wagen, weil wir von unseren Ängsten auf alle Möglichkeiten zu Scheitern aufmerksam gemacht werden. Durch die negative Sicht auf dieses verzichten wir auf vieles lieber, als dass wir es wagen, und versagen uns so selbst die Erfüllung unserer Wünsche, Träume und Ziele. Ein Risiko zu wagen bedeutet, die Verantwortung für das Ergebnis zu übernehmen. Wenn etwas in die Hose geht, dann habe ich das vollbracht und ich muss dazu stehen. Es ist leider so, dass alles, was gelingen kann, auch misslingen kann. Die Möglichkeit zu scheitern besteht immer, wenn ich etwas wage. Dies bedeutet aber nicht, dass ich als Mensch gescheitert bin. Es bedeutet auch nicht, dass ich zu dumm oder sonst nicht gut genug bin. Mir ist schlicht ein Fehler unterlaufen, ich habe etwas nicht geschafft, etwas ist misslungen. Wirklich scheitern kann ich nur auf eine Weise: Wenn ich es gar nicht erst versuche!

Tagesgedanken: Träume leben

Kennst du das auch? Du träumst davon, etwas zu tun, findest aber ganz viele Argumente, die dagegensprechen, vertagst es im besten Fall auf später, im schlimmsten verwirfst du den Traum. Nun gibt es zwar so schöne Sprüche wie „Lebe deinen Traum!“ oder „Wenn du davon träumen kannst, kannst du es auch tun!“ – nur: Ist die Realität nicht anders? Stecken wir nicht oft in Zwängen und Verpflichtungen fest? Können wir nicht oft vor lauter tun Müssen unsere Träume nicht leben? Zudem fehlt es dem Weg zu diesen Träumen oft an vielem und einiges steht im Weg. Wie auch immer: Es finden sich meist gute Gründe, wieso du deine Träume nicht lebst.

In der heutigen Zeit hört man immer, dass alles möglich sei, wenn man es nur genug wolle. Es sei alles erreichbar und verfügbar für den, der es genug will. Ich bezweifle das. Was ich aber denke ist folgendes: Wenn du etwas wirklich tun willst, solltest du die Gründe, die dagegensprechen, gut prüfen. Ab und an sind es nur diffuse Ängste, ab und an glaubst du schlicht zu wenig an dich.

Wenn es etwas wirklich Wichtiges gibt auf dem Weg hin zu den eigenen Träumen, ist es folgendes: Du musst anfangen – beherzt, mit Mut und Leidenschaft. Sicher braucht es auch Geduld und Ausdauer, wenn du deine Ziele erreichen willst, aber wenn du nie den ersten Schritt machst, wirst du auch nie ankommen. Machst du diesen ersten Schritt nur halbherzig, findest du sicher auch schnell Gründe, die dich zum Abbruch des Weges bewegen. Die innere Haltung zu deinen Wünschen und Zielen ist wichtig auf dem Weg. Nur, wenn du Dinge aus Überzeugung und mit ganzem Herzen tust, wirst du das auch nach aussen ausstrahlen. Und dann können Dinge passieren, von denen du kaum zu träumen gewagt hättest. Das wusste auch schon der alte Goethe:

„In dem Augenblick, in dem man sich endgültig einer Aufgabe verschreibt, bewegt sich die Vorsehung auch. Alle möglichen Dinge, die sonst nie geschehen wären, geschehen, um einem zu helfen. Ein ganzer Strom von Ereignissen wird in Gang gesetzt durch die Entscheidung, und er sorgt zu den eigenen Gunsten für zahlreiche unvorhergesehene Zufälle, Begegnungen und materielle Hilfen, die sich kein Mensch vorher je so erträumt haben könnte. Was immer Du kannst, beginne es. Kühnheit trägt Genius, Macht und Magie. Beginne jetzt.“

C. G. Jung sprach in dem Zusammenhang von Synchronizität. Dinge passieren nicht, weil eines durch etwas anderes ausgelöst wird, sondern die eigenen Gedanken, Gefühle und auch Haltungen stossen auf Resonanz. Wenn du also beginnst, mit ganzem Herzen deinen Traum zu leben, stösst du plötzlich auf Menschen, die gleich gesinnt sind. Du triffst auf Verständnis, Unterstützung, findest Hilfe, Rückhalt und Zuspruch, mit denen du nie gerechnet hättest. Aus diesem Zweifel, dieser Unsicherheit und dem fehlenden Glauben an deine Träume heraus hast du immer wieder Gründe gefunden, sie nicht zu leben, es nicht einmal zu versuchen.

Wenn ich also mit ganzem Herzen etwas tue, habe ich gute Chancen, dass es gelingt. Natürlich kann alles, was gelingen kann, auch misslingen. Damit ist aber weder die Sache noch man selber gescheitert. Gescheitert wäre man, würde man nichts mehr probieren, weil man nicht mehr dran glaubt, dass etwas gelingen kann. Jeder Versuch ist ein Erfolg, nur das Nicht-Versuchen ist ein Scheitern.

Es gibt viel zu tun. Wann fangen wir an?

Tagesgedanken: Selbstfreundschaft

«…Selbstsorge, Selbstaufmerksamkeit, Selbstgestaltung. An der Sorge des Selbst für sich, körperlich, seelisch, geistig, führt kein Weg vorbei…» (Wilhelm Schmid)

Freundschaft ist ein wichtiges Gut im Leben. Studien zeigen, dass Freunde das eigene Leben nicht nur verschönern, sondern sich auch auf die Gesundheit auswirken: Menschen, die einen Freund haben, auf den sie bauen können, erkranken weniger an Herzkreislaufkrankheiten, sie sind weniger anfällig für Süchte, Angstzustände und vieles mehr. Zudem leben sie länger. Ein schöner Nebeneffekt für eine so wertvolle Sache.

Was macht Freundschaft eigentlich aus? Sicher ist es die gemeinsame Zeit, die man verbracht hat: je länger und intensiver man mit einem Menschen zusammen ist, desto tiefer geht die Beziehung. Auch das Vertrauen in den anderen ist wichtig, darum zu wissen, dass dieser Mensch für einen da ist – auch wenn es mal schwierig ist. Freunde sind einem nah, ohne einen in Beschlag zu nehmen, bei Freunden kann ich alles ansprechen, ohne mich dafür schämen zu müssen oder zu fürchten, dass es in falsche Hände gerät. Freunde begegnen sich auf Augenhöhe, sie sehen sich als Gleiche und behandeln sich mit Respekt. Und obwohl Freunde oft Gemeinsamkeiten und Ähnlichkeiten haben, sind sie doch verschieden, nehmen sich in dieser Verschiedenheit gegenseitig an.

Wenn wir an Freundschaft denken, denken wir immer an einen anderen Menschen. Doch was ist eigentlich mit uns selbst? Behandle ich mich selbst genauso gut ,wie ich meinen Freund behandle? Wann habe ich das letzte Mal wirklich Zeit mit mir verbracht? Zeit, in der ich mich um mich kümmerte, mich hinterfragte? Behandle ich mich selbst immer mit Respekt oder sind da nicht doch viele abwertenden Sätze, mit denen ich mich martere? Vertraue ich in mich und meine Fähigkeiten oder bin ich von (Selbst-)Zweifeln zerfressen?

Wer kennt nicht Sätze wie «Das schaffe ich nicht.», «Dafür bin ich zu blöd.», «Solche Dinge passieren auch nur mir.»? Wer kennt nicht die permanenten Abwertungen, die wir uns täglich selbst an den Kopf werfen, so ein Selbstbild zementieren, das weder der Realität entspricht noch hilfreich ist? Diese inneren Geisselungen entspringen meist Prägungen, die Mutter, die in der Kindheit vermittelte, dass wir Dinge nicht können, sie also besser lassen; der Vater, der bei jedem Fehler die Augen verdrehte und einen glauben liess, nur man selbst mache welche; der Lehrer, der einem das Gefühl gab, blöd zu sein. Diese Sätze brennen sich ein, sie werden zu Mustern, die durch innere Glaubenssätze gestützt werden.

Durch diese wird mein Stellenwert bei mir so klein, dass ich es mir nicht wert bin, mein eigener Freund zu sein? Sokrates sagte, es sei besser, Unrecht zu erleiden, als Unrecht zu tun, weil man mit sich selbst immer zusammenleben müsste. Wenn ich also mit mir zusammenlebe, wäre es da nicht wichtig, gut zu mir zu schauen? Müsste ich dann nicht diese Glaubenssätze, mein Selbstbild hinterfragen? Was ist wirklich wahr, was deckt sich mit meinen Erfahrungen und erlebten Wirklichkeiten, wo sitze ich falschen Sätzen auf, aus denen ich ein Bild von mir zeichne, das mir nicht gerecht wird? Sicher gibt es Punkte, die ich verbessern, verändern möchte – dann kann ich sie angehen und werden, wer ich sein will. Vielleicht stellen sich aber viele Überzeugungen schlicht als falsch heraus, dann muss ich versuchen, sie immer wieder durch positive Glaubenssätze zu ersetzen – bis ich diese glaube und sie ein neues Selbstbild prägen, eines, das realistischer ist. Durch diese Arbeit an und mit mir, durch diese mir selbst geschenkte Zeit und Wertschätzung werde ich zu meinem eigenen Freund – und damit sicher auch zu einem besseren Freund für meine Freunde.

Tagesgedanken: Authentisch sein

Kennst du das auch, dass du in eine Runde kommst und dazu gehören willst? Du wünschst dir, dass sich die anderen mögen und du strengst dich an, möglichst alle Erwartungen (die du nicht wirklich kennst, dir aber vorstellst) zu erfüllen. Ja keine Fehler machen, heisst die Devise, nichts Falsches sagen. Das Resultat all dieser Anstrengungen ist, dass du unsicher wirst, dich ständig unter Selbstbeobachtung hast und mit angezogener Handbremse durch den Abend fährt. Natürlich lässt du dir diese Unsicherheit nicht anmerken, du versuchst, sie zu überspielen, indem du möglichst nichts sagst, so dass es nichts Falsches sein kann, oder aber du redest viel zu viel, um ja nicht langweilig zu wirken. Und beides bist eigentlich nicht du – aber wer bist du eigentlich? Und vor allem: Wieso denkst du, dich verstellen zu müssen, nicht der sein zu dürfen, der du bist, um angenommen zu werden?

Bei Brené Brown las ich mal den schönen Satz

„Lass los, was du glaubst sein zu müssen, und umarme, was du bist.“

Oft fällt es bei fremden Menschen leichter, sich selbst zu bleiben, denn es hängt nichts davon ab. Wenn sie mich nicht mögen, gehe ich weiter, sie werden sich nicht mehr daran erinnern und in meinem Leben bleibt auch nichts zurück. Sind es aber Menschen aus meinem Umfeld, wird es schwieriger. Das Bedürfnis, da gefallen und genügen zu wollen, ist grösser, die Unsicherheit damit auch.

Das Gefühl, nicht zu genügen, ist wohl eines der Schwierigsten, wenn es darum geht, ein authentisches Leben zu führen. Es ist aber auch eines der Schwierigsten, wenn es darum geht, Beziehungen zu führen. Nimmt man sich nämlich nicht selbst an, wie man ist, ist man zu schnell dazu bereit, ja zu sagen statt nein. Man unterdrückt die eigenen Bedürfnisse und ist danach wütend auf sich – und ein wenig auch auf den anderen. Doch schauen wir genauer hin: Wenn ich meine Bedürfnisse ständig hintenanstelle, mich nicht traue, Wünsche zu äussern, was für eine Beziehung gestalte ich auf diese Weise selbst? Oft verhalten wir uns so, weil wir den anderen nicht verlieren wollen. Wir haben ihn gern, möchten ihn in unserem Leben behalten und versuchen, alles zu vermeiden, was das in Gefahr bringen würde.

Nur: Will ich auf Dauer eine Beziehung haben, in der mein Sein so wenig zählt, ich selbst keine Stimme habe, in der nur der andere das Sagen und Recht auf die Erfüllung seiner Bedürfnisse hat? Ist es wirklich besser, sich so sehr zurückzunehmen, nur um nicht alleine zu sein, nur um diesen einen anderen Menschen um sich zu haben, obwohl wir tief drin merken, dass uns das nicht gut tut, weil wir uns selbst langsam verlieren in diesem Verhalten? Ist das wirklich Liebe? Es spricht zumindest nicht von grosser Selbstliebe und die ist die Basis für jede andere Liebe. Kann ich selbst mich nicht lieben, wie soll ich Liebe für andere empfinden? In der Bibel heisst es:

„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“

Woher kommt diese fehlende Selbstliebe? Woher kommt dieses Denken, ich muss mich verstellen, um gemocht zu werden? Woher kommt die Angst, so, wie ich bin, nicht in Ordnung zu sein? Zwar bin ich kein Freund des ständigen Grabens in der Kindheit, doch bin ich überzeugt, dass wir uns oft aufgrund von Prägungen und Mustern auf eine Weise verhalten. Diese gehen oft weit zurück und haben sich tief in unser Sein eingegraben, so dass wir daraus heraus unbewusst Verhaltensweisen an den Tag legen. Diese Muster und Prägungen offenzulegen, kann helfen, sie langsam aufzulösen und das eigene Verhalten selbst zu steuern, statt und nur steuern zu lassen durch Überreste aus der Kindheit.

Dann trete ich einem Menschen gegenüber als der, der ich bin, und gebe ihm die Chance, mich so kennenzulernen. Ich unterschiebe ihm nicht, dass er von mir erwartet, mich anzupassen, und bringe ihm das Vertrauen entgegen, dass er mich so annimmt, wie ich bin. Nun ist es natürlich so, dass mich nicht jeder Mensch mögen wird, genauso wie auch ich Antipathien hege. Zudem ist es auch nicht sinnvoll, mich jedem gegenüber gleich völlig zu öffnen und alles von mir zu offenbaren, da nicht jeder dieses Vertrauen verdient oder die Gefahr zu gross ist, dass es missbraucht würde. Es ist wichtig, zu unterscheiden, wo ich wieviel von mir preisgebe. Allerdings werde ich wohl den Menschen, demgegenüber ich mich nicht öffnen kann oder will, auch nicht wirklich nah in meinem Leben haben wollen, was oft auf Gegenseitigkeit beruht. Dies ist dann für beide kein Verlust und sicher kein Grund, mich von Grund auf zu verstellen – an die Situation anpassen reicht vollkommen.

Der alte Spruch

„Trau,schau wem?*“

hat durchaus etwas Wahres an sich. Und auch da bin wieder ich das erste Glied in der Kette. Wenn ich in mich und mein Urteil vertraue, kann ich mich einem anderen Menschen öffnen und authentisch sein. Daraus kann eine Verbindung entstehen zwischen uns, weil wir uns wirklich begegnen.

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* Die Redewendung geht übrigens auf einen lateinischen Spruch zurück: „Fide, sed cui, vide.“, was zeigt, dass die menschlichen Probleme und Bedürfnisse im Miteinander sich seit der Antike wohl unswesentlich verändert haben….

Tagesgedanken: Bei sich bleiben

«Oder man sehe sich die Menschen während einer Abendgesellschaft an! Alle kommen sie mit dem festen Willen, sich zu amüsieren, mit derselben Art grimmiger Entschlussfestigkeit, die man zum Zahnarzt mitnimmt.» (Bertrand Russell)

Freitagabend, endlich ist die Arbeitswoche vorbei, die Freizeit bricht an. Nun ist meine Zeit zu geniessen. Ich verabrede mich mit Freunden, gehe an eine Party, zum Essen, in die Disco – so oder so, sicher ist: Nun habe ich Spass. Wann, wenn nicht jetzt? Zudem, wie würde ich angeschaut, wenn ich an einem rauschenden Fest still an einem Tisch sässe? Ebenso in den Ferien: Nun wird ausgespannt, nun wird sich gefreut. So will es das ungeschriebene Gesetz, so benimmt man sich in den Ferien. Was Knigge für das angemessene Verhalten in Bezug auf Etikette und Anstand aufgeschrieben hat, gilt auch für das Verhalten im Alltag: Es gibt klare Regeln, was passt und was nicht.

Es ist nicht verwunderlich, dass diese quasi aufgezwungene Weise von Fröhlichkeit und Feierlaune keine wirklich glücklichen Gefühle weckt. Das Lächeln ist mehr vordergründig, der Wein fliesst fleissig, um es aufrecht erhalten zu können. Und eigentlich wäre man lieber zu Hause. Sässe mit einem Glas Wein auf dem Sofa, läse ein Buch, geniesse die Ruhe. Doch was wäre man für ein Langweiler, würde man dem nachgeben? Was würden die anderen denken? SO kommt es, dass viele Menschen nicht nur bei der Arbeit in einem Hamsterrad gefangen sind, sondern dass dieses auch in der Freizeit weiterläuft. Das Resultat ist eine Gesellschaft, in welcher Menschen sich mehr als unglücklich denn als glücklich bezeichnen. Wie kam es dazu?

«Die Gründe für diese verschiedenen Arten von Unglück liegen teils in unserem Sozialsystem, teils an der seelischen Verfassung des einzelnen, die selbstverständlich wieder ihrerseits im hohen Grade ein Produkt des sozialen Systems ist.» (Bertrand Russell)

Es ist oft einfacher, sich den Regeln und Erwartungen der Gesellschaft zu fügen. Man eckt weniger an, man ist für die anderen einfacher zu verstehen und damit genehmer. Die Frage ist, ob der Preis nicht zu hoch ist. Glück wird man so nicht finden, Menschen, die einen wirklich so mögen, wie man ist, auch nicht, da sie einen gar nie so erleben. Oft erschöpft einen dieses ständige dem Glück Nachrennen nur und die Gefahr besteht, dass wir uns von uns selbst entfremden, weil wir schlussendlich gar nicht mehr spüren, was wir wirklich wollen und brauchen würden, so sehr sind wir damit beschäftigt, den Ansprüchen zu genügen (die mit der Zeit auch zu Gewohnheiten werden).

Vielleicht ist es manchmal besser, nicht nach Glück, sondern nach den eigenen Bedürfnissen zu fragen. Und dabei genau hinzuhören. Vielleicht denkt dann der eine oder andere, man sei langweilig, doch: Und nun? Wen soll das wirklich kümmern? Vielleicht ist der dann auch nicht der passende Mensch im eigenen Leben? Schlussendlich lebt man immer nur mit einem Menschen, mit sich selbst. Wieso es also nicht dem zuerst recht machen? Und vielleicht stellt sich das Glück dann von selbst ein.

Tagesgedanken: Integrität

«Herr, lass mich werden, der ich bin
In jedem Augenblick.
Und gib, dass ich von Anbeginn
Mich schick in mein Geschick.»

Mit diesen Zeilen beginnt ein Gedicht von Mascha Kaléko. Sein, wer man ist, in jedem Augenblick – was heisst das eigentlich? Es heisst, dass ich in meiner Integrität nach meinen Werten lebe, dass ich in Übereinstimmung mit dem lebe, was mir wichtig ist – nur: Ist das immer so eindeutig? Wie oft passiert es, dass in mir gegenläufige Stimmen streiten, dass Werte in Konflikt kommen. Der Wunsch nach Alleinsein kollidiert mit meinem Verantwortungsgefühl, für andere da sein zu wollen. Mein Wunsch nach einem künstlerischen Leben ist nicht vereinbar mit meinem Bedürfnis nach Sicherheit und Geordnetheit des Lebens.

Schon damit umzugehen ist schwer genug, doch dann gibt es ja nicht nur mich, es gibt auch andere, eine Gesellschaft. Und die hat Erwartungen an mich. Ich soll mich so verhalten, dass ich in diese Gesellschaft passe, dass ich meine Rolle in ihr wahrnehme. Diese Erwartungen haben sich tief in mich eingebrannt und ich strebe danach, sie zu erfüllen. Ich will also einerseits ganz ich sein, andererseits aber auch Teil eines Ganzen, was von mir eine gewisse Anpassung erfordert. Kant nannte diesen Widerspruch «ungesellige Geselligkeit».

Was ist also nun der richtige Weg hin zu einem guten Leben, einem Leben, von dem ich sagen kann, dass es wirklich meines ist, ich als Ich in ihm bestehe und trotzdem Teil eines Ganzen bin? Wenn ich bedenke, dass ich allein nicht lebensfähig bin, dass ich abhängig bin von anderen, kann ich fast nicht anders, als dafür zu sorgen, dass diese anderen mit und neben mir gut leben, dass wir in einem guten Miteinander diese Welt teilen. Insofern müsste die Sorge um das Ganze immer auch mein eigener Wunsch sein, nicht nur eine auferlegte Rolle, die wir zähneknirschend erfüllen.

Das ist in der Theorie einfach gesagt, stellt sich in der Praxis wohl oft als schwierig heraus, da mir meine Abhängigkeit im Alltag nicht bewusst ist. Und genau da muss ich wohl ansetzen: beim bewussten Hinsehen auf mich, auf mein Leben, auf das, was ich brauche. Ich muss wissen, was mir wichtig ist, ich muss mich mit meinen Bedürfnissen, auch den nicht so offensichtlichen, kennen, und aus dieser Kenntnis heraus kann ich entscheiden, was es für mich heisst, ein integres Leben zu leben, ein Leben, von dem ich sagen kann: Das ist MEIN Leben. Das ist der Fall, wenn ich ich bleibe, im Wissen, dass ich nur ich sein kann, wenn andere um mich sind.

So gesehen wäre die Anpassung zur Sicherung eines für alle stimmigen Miteinanders mein Wunsch und Wert und dadurch Teil meiner selbst und nicht im Konflikt. Abzuschätzen gilt wohl nur, in welchen Situationen er der relevante Wert ist, andere zurückstehen müssen, und in welchen ich anderen den Vorzug geben kann, mal wirklich für mich zu schauen, meine ganz eigenen Bedürfnisse auszuleben.

Tagesgedanken: Gefallensfalle

Ich bin getrieben. Von Ansprüchen, Erwartungen, Wünschen, Zielen. Eigenen. Und manchmal von Fragen, auf welche die Antworten fehlen. Ich fliege von einem zum andern und verwerfe schlussendlich alles wieder, immer mit der Frage: Wozu das alles? Aber auch: Was soll ich tun? Was kann ich tun? Und vor allem: Wie mache ich es richtig? Und gut?

Ich merke, wie mir oft die Luft ausgeht. Dann bin ich einen Moment ohne Atem, merke, wie ich innerlich zusammenfalle in diesem luftleeren Raum, bis die normale Atmung wieder einsetzt. Beim ersten Mal machte es mir Angst. Nun ist es fast normal geworden. Man gewöhnt sich an vieles. Zu vieles wohl. Müsste ich es ernster nehmen? Wohl schon. Doch was wäre die Konsequenz?

Ich müsste wohl hinschauen, wieso ich denke, Ansprüchen und Erwartungen genügen zu müssen. Woher kommen die überhaupt? Ich müsste mich fragen, wieso ich denke, alles richtig machen zu müssen. Und wieso gut oft nicht gut genug ist, es besser sein muss. Und ich müsste mich fragen, woher diese innere Unruhe kommt, die mich immer wieder an- und umtreibt, oft auch wegtreibt von vielem. Und ich müsste mir fragen, ob es etwas gäbe, das Ruhe bringen könnte.

Und ja, ich käme wohl auf Antworten. Ich würde wohl merken, dass ich immer wieder hoffe, zu gefallen, dass ich immer wieder hoffe, angenommen zu sein in meiner Art. Dass ich immer wieder denke, dass dies passiert, muss ich etwas leisten – nicht nur etwas, sondern etwas richtig Gutes. Und ich würde wohl erkennen, dass ich für dieses Gefallenwollen, hinter dem eine Sehnsucht nach Liebe steckt, vieles aufgebe – oft meine eigenen Bedürfnisse. Und ich müsste mich wohl fragen, ob der Preis nicht zu hoch ist. Und ich würde wohl zum Schluss kommen, dass er das ist.

Und dann merke ich: Ich stecke tief drin, in der Gefallensfalle. Und ich weiss eigentlich tief drin, dass es ein Käfig ist, den ich mir selbst baue. Und ich weiss tief drin ebenfalls, dass es nur einen gibt, dem ich wirklich gefallen muss, für den ich es wirklich recht machen muss. Das bin ich. Und nun müsste ich mir das nur noch glauben und tief durchatmen und zur Ruhe kommen…

Ohne Liebe sind wir uns selbst zur Last. Durch die Liebe tragen wir einander. (Augustinus Aurelius)

Tagesgedanken: Den anderen annehmen

Lernt man jemanden kennen und verliebt sich, bleibt es nicht aus, dass Blick verklärt ist und der andere in den hellsten Farben erscheint. Mit der Zeit kommen kleine Irritationen ans Licht, er hat Vorlieben, die man nicht teilt, Bedürfnisse, die man nicht versteht, verhält sich auf eine Weise, die abweicht vom eigenen Habitus. Werden die Irritationen und das Unverständnis grösser, kommt es oft zu Konflikten, Vorwürfe fallen, die mitunter verletzen. Was ist passiert? Hat der andere sich verändert? Habe ich mich verändert? Haben wir etwas übersehen?

Es kann sein, dass es nichts von alledem ist – oder alles. Menschen sind nie statisch, dass sie sich verändern, liegt in ihrer Natur. Den anderen auf etwas festzulegen, behindert diesen in der Entfaltung seiner wirklichen Person, in seinem Wachsen. Das hat wenig mit Liebe zu tun, es entspringt oft dem eigenen Bedürfnis nach Konstanz, nach Sicherheit – Neues verunsichert, wer wächst, wird grösser und vielleicht auch die Angst, er könnte über einen hinauswachsen. Man übersieht dabei, dass dies eine Chance wäre, gemeinsam zu wachsen, aneinander.

«Die Liebe gibt der geliebten Person die Möglichkeit, Person zu sein, und zwar auf eine einmalige, unverwechselbare Art Person zu sein. Und es sind die Augen des Liebenden, die diese Einzigartigkeit wahrnehmen, eine Einzigartigkeit, die mehr ist als die Kombination empirischer Qualitäten.» (Robert Spaemann)

Es ist wohl das schönste Geschenk, das man jemandem machen kann, wenn man ihn so annimmt, wie er ist. Um das zu können, muss ich den anderen erst sehen, hören, wahrnehmen in seinem Sein. Nur dann erkenne ich ihn in seiner Tiefe, in dem, was ihn ausmacht. Ich überlagere ihn nicht von vornherein mit Begriffen und Urteilen, sondern erkunde neugierig seine Eigenheiten – und ich nehme an, was ich sehe, nehme ihn an in seinem So-Sein.

Wenn ich merke, dass mich jemand als Ich annimmt, dass meine Bedürfnisse wahrgenommen werden, ich sein kann, wie ich wirklich bin, und werden darf, wer ich sein kann, dann habe ich sie wohl gefunden, die Liebe. Und wenn sie nicht im Aussen ist, so kann ich sie zumindest in mir selbst für mich finden – und mir selbst ein sicherer Ort zum Wachsen sein.

Tagesgedanken: Falsche Vorstellungen

Ich bin ein Mensch, der gerne seine Strukturen, seine Gewohnheiten hat. Das hat einerseits pragmatische Gründe, denn als selbständig arbeitender Mensch fehlen die Leitplanken von aussen und es fällt mir leichter, täglich nach dem etwa gleichen Plan zu arbeiten, als jeden Tag neu zu überlegen, ob und wann und was ich denn nun tun soll. Es hat aber andererseits auch weitere Gründe: Ich mag es so, fühle mich wohl, wenn ich weiss, was mich erwartet.

Neues, plötzliche Veränderungen, mag ich hingegen gar nicht. Da ertappe ich mich schon lange Zeit vorher, mir auszumalen, wie das sein könnte. Ich erzähle mir, dass das schwer wird, schüre meine Ängste, der Situation nicht gewachsen zu sein, finde immer mehr Dinge, die zu meinem Unwohlsein führen könnten. Das führt dazu, dass es nicht erst schwierig wird, wenn das Neue dann kommt, sondern ich vergifte mit diesem Gedankenkarussell schon die Zeit vorher. Und oft habe ich dann erlebt, dass alles ganz leicht war und meine Sorgen völlig umsonst.

„Vorstellungen sind mentale Muster, die nicht auf real existierenden Objekten beruhen.“ (Patanjalis Yoga Sutras, 1.9)

Es ist wohl an der Zeit, zu lernen, dass das, was am meisten Unwohlsein mit sich bringt, nicht die neuen Situationen sind, sondern meine Vorstellungen davon. Natürlich kann es sein, dass es mal schwierig wird, natürlich gibt es Situationen, in denen ich mich unwohl fühle, doch es reicht, wenn es in der Situation selbst so ist, ich muss nicht schon die Tage vorher damit belasten, denn das ist schlicht nur ein selbstgemachtes Leiden und es liegt in meiner Hand, dies zu ändern.

Mögt ihr Veränderungen oder habt ihr es doch lieber wie gewohnt?

Tagesgedanken: Arbeit an der Liebe

Liebe ist das grösste Gut. Viele Menschen würden das so unterschreiben, wir alle suchen sie, brauchen sie, die Liebe. Umso erstaunlicher ist es doch, dass wir oft, wenn wir sie haben, den Menschen an unserer Seite wissen, den wir lieben, unsere Prioritäten ändern: Alles ist plötzlich wichtig, will getan und erlebt werden – der Geliebte muss das verstehen. Bis er es nicht mehr versteht.

«Einsam bist du sehr alleine.
Aus der Wanduhr tropft die Zeit.
Stehst am Fenster. Starrst auf Steine.
Träumst von Liebe. Glaubst an keine. Kennst das Leben.
Weisst Bescheid. Einsam bist du sehr alleine –
Und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.»

Man hört sie förmlich ticken, die Wanduhr aus Erich Kästners Gedicht «Kleines Solo». Man sieht das Paar, das sich nichts mehr zu sagen hat, jeder starrt in eine Richtung, nichts schwingt mehr dazwischen – fast ist man an ein Bild von Edward Hopper erinnert. Das Leben ist ausgehaucht, die Gefühle ausgeflogen, zurück bleibt die Ernüchterung des Alltags. Beide bleiben, weil das alles ist, was sie kennen, und sie fürchten, nachher allein zu sein. Sie merken nicht, dass sie schon so viel mehr allein sind, als sie es allein je sein könnten. Das Dasein anderer Menschen, zu denen man eigentlich eine Beziehung hätte, diese aber nicht mehr gelebt, gefühlt, gespürt wird, wird zum Verstärker der Einsamkeit.

Wie das Paar wohl dahin kam? Wie kann Liebe, die lebt, plötzlich sterben? Vermutlich wie jedes System eingeht, wenn es keine Nahrung kriegt. Liebe ist kein Selbstläufer, der, einmal angelaufen, einem Perpetuum mobile gleich in alle Ewigkeit weiterläuft. Es heisst, Liebe sei Arbeit. Vielleicht kann man es auch Sorge nennen, wie es Aristoteles bei seinem Liebesbegriff, der Philia, tat. Liebe als wechselseitige Sorge, als Wohlwollen, Gutes Tun. Wie sagte Erich Kästner:

„Es gibt nichts Gutes, ausser: Man tut es.“

Liebe ist damit ein Tun, ein gegenseitiges sich um den anderen kümmern, für den anderen da sein. Das kann man nicht einfach auf morgen verschieben, das muss als tägliche Haltung dem anderen entgegen gebracht werden.

Leider verschiebt man aber oft nicht nur unliebsame Arbeiten auf später, sondern auch die Arbeit an dem, was man eigentlich als wichtigstes im Leben sieht: Die Liebe. Man nimmt sie als selbstverständlich, sieht den Partner als sicher, und vergisst, dass jeder Mensch, um zu leben, Zuwendung, Berührung, Aufmerksamkeit braucht, dass jeder Mensch das Gefühl haben will, wichtig und geliebt zu sein. Heute. Nicht morgen. Ansonsten fängt die Wanduhr an zu ticken. Und irgendwann ist die Zeit abgelaufen.