Der Wert der Beziehung

Über das Sehen, Antworten und in Beziehung sein in der Philosophischen Praxis

Wenn man mit offenen Fragen konfrontiert ist im Leben, sucht man gerne Rat im Aussen. Dabei gibt es unterschiedliche Gespräche: solche, die folgenlos bleiben, obwohl viel gesagt wurde, und solche, in denen sich etwas verschiebt, obwohl kaum eine Lösung ausgesprochen wurde. Man geht nicht unbedingt mit einer Antwort hinaus, aber mit einem anderen Verhältnis zur eigenen Frage. Etwas ist klarer geworden, nicht weil jemand erklärt hat, wie das Leben geht, sondern weil jemand wirklich da war. Weil jemand zugehört hat, ohne sofort einzuordnen. Weil jemand nachfragte, ohne zu drängen. Weil jemand das Gesagte ernst nahm und zugleich das Ungesagte nicht überhörte.

Ich glaube, dass hier der eigentliche Wert der Beziehung beginnt. Nicht in der blossen Nähe, nicht in einer warmen Atmosphäre allein, sondern in jener besonderen Form von Gegenwart, in der ein Mensch sich zeigen kann, ohne festgelegt zu werden. In der Philosophischen Praxis ist Beziehung Bedingung des Denkens. Wenn ein Mensch mit einer Frage zu mir in die Praxis kommt, kommt er nie nur mit einem Problem, er kommt mit seiner Geschichte, seinen Deutungen, seinen Hoffnungen, seinen Brüchen, seinen Selbstbildern, seinen Verletzungen, seiner Art, in der Welt zu stehen. Und all das kann nicht verstanden werden, wenn man ihm nur sachlich begegnet.

Die Philosophische Praxis ist kein Ort, an dem der andere zum Fall wird. Sie ist auch kein Ort, an dem man ihn repariert. Sie ist ein Raum, in dem ein Mensch mit dem, was ihn bewegt, in ein gemeinsames Denken eintreten kann. Gemeinsames Denken setzt voraus, dass ich den anderen nicht schon zu kennen glaube. Ich muss ihm begegnen, bevor ich ihn deute. Ich muss aushalten, dass er mehr ist als das, was ich von ihm verstehe. Ich muss bereit sein, mich von seiner Frage berühren zu lassen, ohne sie mir anzueignen.

Hier greift Martin Bubers Unterscheidung zwischen Ich-Es und Ich-Du, die etwas beschreibt, das in jeder echten Begegnung auf dem Spiel steht. Ein Mensch kann mir als ein Etwas erscheinen: als Thema, als Problem, als Symptom, als Fall, als Gegenstand meiner Analyse. Dann stehe ich ihm gegenüber, aber ich bin nicht wirklich mit ihm in Beziehung. Oder er kann mir als Du begegnen: als ein Gegenüber, das sich nicht auf meine Begriffe reduzieren lässt, das mich anspricht, das nicht vollständig verfügbar wird. In der Philosophischen Praxis entscheidet sich sehr viel an dieser Schwelle. Sehe ich den Menschen vor mir als jemanden, über den ich nachdenke, oder denke ich mit ihm?

Das ist kein kleiner Unterschied. Wer über einen Menschen nachdenkt, kann klug sein und doch verfehlen, worum es geht. Wer mit einem Menschen denkt, bleibt in Beziehung. Er hört nicht nur auf die Aussage, sondern auf den Menschen, der sie macht. Er fragt nicht nur: Ist das logisch? Sondern auch: Was sucht hier Ausdruck? Welche Erfahrung ringt um Sprache? Welche Welt ist diesem Menschen brüchig geworden? Welche Freiheit ist ihm möglich, welche noch verstellt?

Philosophische Praxis lebt von dieser doppelten Bewegung: Sie nimmt das Gesagte ernst, aber sie bleibt nicht am Gesagten kleben. Sie sucht Klarheit, aber nicht auf Kosten der Person. Sie will Wahrheit, aber keine Wahrheit, die über den anderen hinweggeht, sondern eine, die ich mit ihm erst finde. Gerade darin liegt ihre ethische Dimension, wie sie auch Emmanuel Levinas formuliert hat: Der Andere ist nicht zuerst jemand, den ich erkenne, begreife oder verstehe, er ist jemand, der mich in Anspruch nimmt. Sein Dasein stellt mich in eine Verantwortung, noch bevor ich mich entscheide, verantwortlich sein zu wollen. Das mag auf den ersten Blick abstrakt klingen, es bedeutet aber schlicht: Der Mensch vor mir möchte nicht von mir übergangen werden, er möchte nicht klein gemacht oder zu schnell in einen Begriff verwandelt werden. Er möchte so gehört und gesehen werden, dass er nicht hinter meiner Wahrnehmung verschwindet.

Diese Haltung ist für eine Philosophische Praxis zentral, denn Philosophie verlegt sich gerne auf Begriffe, statt beim Hinsehen zu verweilen. Sie kann Erfahrungen ordnen, sie kann unterscheiden, sie kann Muster sichtbar machen, aber sie kann auch zu früh fertig sein damit. Dann wird der andere in eine Theorie überführt, bevor seine eigene Stimme wirklich hörbar geworden ist. Levinas erinnert daran, dass der Andere jeder Deutung vorausgeht. Er ist nicht Material für mein Denken, er ist derjenige, vor dem mein Denken sich bewähren muss.

Einfühlungsvermögen bedeutet vor diesem Hintergrund nicht, dass ich den anderen vollständig verstehe. Es kann sogar eine der gefährlichsten Illusionen sein, zu glauben, ich könne mich so sehr in einen anderen hineinversetzen, dass seine Erfahrung mir verfügbar wird. Wirkliches Einfühlungsvermögen ist demütiger. Es weiss, dass der andere fremd bleibt, auch wenn er sich öffnet. Es versucht, die Welt von seinem Ort aus zu sehen, ohne diesen Ort zu besitzen. Es fragt nicht: Was würde ich an deiner Stelle tun? Sondern: Wie erscheint dir die Welt von dort, wo du stehst?

Das verlangt Langsamkeit. In einer Zeit, in der vieles sofort bewertet, kommentiert und eingeordnet wird, ist Langsamkeit fast eine ethische Praxis. Ein Mensch erzählt etwas, und sofort liegen Deutungen bereit: Das ist Angst. Das ist Vermeidung. Das ist ein Muster. Das ist eine alte Verletzung. Das ist mangelnde Abgrenzung. Manches davon mag stimmen, manches aber auch nicht. Wenn ich zu schnell benenne, nehme ich dem anderen die Möglichkeit, sich selbst genauer zu finden.

In der Philosophischen Praxis braucht es darum ein Zuhören, das nicht nach dem schnellsten Begriff sucht, sondern nach der angemessenen Frage. Sokrates bleibt hier ein leiser, aber unvermeidlicher Hintergrund. Nicht als Denkmal, nicht als pädagogische Figur, die den anderen geschickt zur richtigen Einsicht führt, sondern als Erinnerung daran, dass Fragen eine Form der Achtung sein können. Eine gute Frage greift nicht zu, sie öffnet. Sie stellt den anderen nicht bloss, sondern stellt ihn in ein neues Verhältnis zu sich selbst. Sie sagt, dass das Denken an dem Punkt noch nicht zu Ende ist, sondern noch weitergehen kann.

Doch Fragen allein genügen nicht. Beziehung braucht auch Aufrichtigkeit. Wer einen anderen wirklich sieht, bestätigt ihn nicht einfach in allem. Das wäre keine Achtung, sondern eine subtile Form der Gleichgültigkeit. Wenn ich den anderen ernst nehme, traue ich ihm zu, auch mit einer Zumutung umzugehen. Ich darf ihm spiegeln, wo sich ein Gedanke verengt, wo eine Selbstdeutung schützt und zugleich fesselt, wo eine Erzählung immer wieder an derselben Stelle endet, weil ein anderer Ausgang noch zu gefährlich scheint.

Aufrichtiges Feedback ist in diesem Sinn ein wichtiger Akt der Beziehung. Es steht zwischen Schonung und Härte. Es setzt den anderen nicht fest mit einem «So bist du». Es sagt eher: Ich höre, dass du dich so verstehst, aber es könnte in dieser Deutung noch mehr stecken, das dich daran bindet. Es könnte sein, dass du dir selbst mit dieser Erklärung treu bleiben willst und dich zugleich daran hinderst, weiterzugehen. Es könnte sein, dass du an einer alten Form von Sicherheit festhältst, obwohl sie längst zu eng geworden ist.

Solche Sätze sind nur möglich, wenn Beziehung trägt. Ohne Beziehung werden sie zur Kritik. Ohne Wohlwollen werden sie hart. Ohne Präzision werden sie beliebig. In der Philosophischen Praxis geht es deshalb nicht um nette Zustimmung, aber auch nicht um distanzierte Klugheit. Es geht um eine Verbindung von Zugewandtheit und Wahrhaftigkeit. Man könnte sagen: Beziehung macht Wahrheit sagbar. Oder sogar noch mehr: Sie macht Wahrheit bewohnbar. Einsichten sind nicht nur richtig oder falsch. Sie haben auch einen Zeitpunkt, eine Form, eine Zumutbarkeit. Ein Mensch kann eine Wahrheit hören und dennoch nicht aufnehmen, weil sie ihn zu früh trifft oder zu einsam lässt. Manchmal braucht eine Einsicht einen Raum, in dem sie landen darf. Einen Raum, in dem nicht sofort Konsequenzen gefordert werden. Einen Raum, in dem man nicht mit jeder Wahrheit gleich etwas anfangen können muss, sondern sich auch eingestehen darf, dass man noch nicht wirklich weiss, was man nun machen soll.

Die Philosophische Praxis arbeitet an Fragen des Lebens. Lebensfragen öffnen sich nur dort wirklich, wo ein Mensch nicht auf seine Funktion, seine Leistung, seine Krise oder seine Schwäche reduziert wird. Ein Mensch ist nicht einfach, was ihm geschehen ist, er ist mehr und er erzählt davon. Max Frisch beschreibt das in einem schönen Satz in seinem Buch «Mein Name sein Gantenbein»:

«Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält.»

In der Philosophischen Praxis wird diese Erzählung hörbar. Jemand sagt: Ich bin gescheitert. Ich bin nicht mutig genug. Ich habe immer falsch entschieden. Ich gehöre nirgends hin. Und im Gespräch kann sichtbar werden, dass diese Sätze nicht einfach die Tatsachen sind, als die sie erzählt werden, sondern Deutungen. Es sind Glaubenssätze, die über viele Jahre gewachsen sind und sich verfestigt haben. Sätze, die weh tun, die immer wieder von neuem verletzen und doch wiederholt werden. Es sind Sätze, die so tief drin sind, dass sie zur Wahrheit werden, zur Wahrheit, wer ich bin. Es sind keine Lügen, aber es ist auch nicht die Wahrheit, sondern eine Deutung –sicher nicht die einzig mögliche.

Das ist ein entscheidender Moment. Plötzlich merkt ein Mensch, dass seine Geschichte nicht gelogen ist, aber auch noch nicht abgeschlossen. Er muss nicht einfach neu anfangen, als wäre nichts gewesen, sondern anders auf das schauen kann, was war. Ricœur spricht vom erzählten Selbst, und gerade darin liegt eine grosse Nähe zur Philosophischen Praxis: Sie hilft nicht, ein künstlich positives Selbstbild zu erzeugen, sie hilft, die eigene Geschichte wahrer zu erzählen. Freier, nicht beschönigt, aber weniger gefangen.

Es ist schwierig, diese Arbeit an der eigenen Erzählung allein zu bewältigen. Manchmal braucht es einen anderen Menschen, um die Stellen zu hören, an denen die eigene Geschichte zu eng geworden ist. Allein kreist man oft um dieselben Sätze. Man kennt sie so gut, dass man sie für Wahrheit hält. Im Gegenüber können sie fraglich werden. Nicht, weil der andere besser wüsste, wer man ist, sondern weil er nicht in derselben inneren Schleife gefangen ist. Karl Jaspers hat dafür den Begriff der existenziellen Kommunikation geprägt. Wahrheit ist für ihn nicht einfach Besitz eines Einzelnen, sie entsteht da, wo Menschen einander nicht ausweichen, wo sie sich zumuten, ohne einander zu beherrschen, wo sie im Gespräch nicht nur Meinungen austauschen, sondern sich selbst aufs Spiel setzen. Das wird in der Philosophischen Praxis sehr konkret. Hier geht es um Gespräche, in denen man nicht einfach über etwas spricht, sondern in denen man selbst wirklich anwesend und ernsthaft beteiligt ist.

Eine Philosophische Praxis braucht genau diese Ernsthaftigkeit. Sie darf Umwege nehmen, sie darf mit Literatur, Bildern, Beispielen arbeiten, aber im Kern geht es um etwas Wirkliches: Wie will ich leben? Was trägt mich? Was schulde ich mir und anderen? Wo verwechsle ich Anpassung mit Frieden? Wo Freiheit mit Rückzug? Wo Verantwortung mit Selbstaufgabe? Wo Ehrlichkeit mit Härte? Wo Liebe mit Besitz? Wo Sicherheit mit Lebendigkeit?

Solche Fragen berühren den Menschen nicht abstrakt, sie betreffen seine Weltbeziehung. Sie fragen danach, wie jemand in der Welt steht, ob er ihr noch antworten kann, ob er sich in ihr nur ausgeliefert fühlt oder handelnd vorkommt. Beziehung in der Philosophischen Praxis ist deshalb nicht nur Beziehung zwischen zwei Menschen, sie ist auch ein Zwischenraum, in dem die Beziehung zur Welt neu sichtbar wird. Der andere hilft mir nicht einfach, mich selbst zu verstehen, er hilft mir, mein Verhältnis zur Welt zu befragen.

Beziehung bedeutet in diesem Raum auch, das Schweigen auszuhalten. Nicht jedes Schweigen ist Leere. Manchmal ist es der Moment, in dem ein Gedanke zum ersten Mal nicht sofort zugedeckt wird. Manchmal hört ein Mensch erst im Schweigen, was er eben gesagt hat. Manchmal zeigt sich dort, dass unter einer klaren Aussage eine Trauer liegt, unter einer Wut eine Angst, unter einer Entscheidung eine ungelebte Sehnsucht. Wer begleitet, muss nicht jedes Schweigen füllen. Er muss ihm trauen können.

Diese Fähigkeit zur Zurückhaltung gehört ebenso zur Beziehung wie das Sprechen. Philosophische Praxis darf nicht übergriffig werden. Den anderen wirklich zu sehen, heisst auch, seine Grenze zu sehen. Levinas formulierte das so: Der Andere entzieht sich. Und dieses Sich-Entziehen ist kein Mangel, sondern seine Würde. Sie zu bewahren ist zentral. Eine aufrichtige Begegnung steht zwischen Nähe und Abstand. Sie ist nah genug, um nicht kühl zu bleiben, und zurückhaltend genug, um nicht zu vereinnahmen. Sie ist klar genug, um nicht beliebig zu werden, und warm genug, um nicht zu verletzen. Sie fragt nach, aber sie drängt nicht. Sie fordert heraus, aber sie lässt den anderen nicht allein mit dem, was dadurch sichtbar wird.

In dieser Verbindung liegt für mich der eigentliche Wert der Philosophischen Praxis. Sie ist ein Ort, an dem Denken menschlich wird, weil sie beim konkreten Menschen beginnt. Die grossen Fragen der Philosophie stehen nicht irgendwo über dem Leben, sie erscheinen in ihm. In einem Abschied. In einer Entscheidung. In einer Erschöpfung. In einer Liebe. In einer Schuld. In der Frage, ob man noch am richtigen Ort ist. In der Erfahrung, nicht gesehen worden zu sein. In der Sehnsucht, nicht nur zu funktionieren, sondern wahrhaftiger zu leben.

Philosophie, die dem Leben dient, muss diese Orte ernst nehmen. Sie sind der Boden, auf dem Begriffe überhaupt Bedeutung bekommen. Das ist der Grund, weshalb eine gute Philosophische Praxis nicht mit Antworten beginnt, sondern mit Anwesenheit. Mit dem Wunsch, den anderen wirklich zu sehen. Mit der Fähigkeit, sich berühren zu lassen, ohne die eigene Klarheit zu verlieren. Mit der Bereitschaft, aufrichtig zu sprechen, ohne die Beziehung zu verlassen. Mit dem Vertrauen, dass ein Mensch mehr ist als seine gegenwärtige Verstrickung. Dort, wo das gelingt, geschieht etwas Unscheinbares und Tiefes. Ein Mensch wird nicht belehrt, sondern angesprochen, nicht analysiert, sondern erkannt. Er erfährt, dass seine Fragen einen Ort haben. Darum geht es in der Philosophischen Praxis: dass jemand wieder in Beziehung kommt, zu sich selbst, zu anderen, zur Welt und zu der Möglichkeit, das eigene Leben nicht nur zu ertragen, sondern bewusster zu führen.

Die Kunst, verletzlich zu bleiben

Warum wir uns schützen wollen – und was wir verlieren, wenn uns der Schutz zu gut gelingt

Es gibt Erfahrungen, nach denen man sich fragt: War ich zu offen? Habe ich zu viel von mir gezeigt? Zu schnell vertraut? Dann nimmt man sich vor, vorsichtiger, kontrollierter, oder gar klüger, wie man sich selbst sagt, zu werden. Man lernt, weniger preiszugeben, nicht sofort zu antworten, nach einer Zurückweisung nicht erneut anzuklopfen. Zunächst ist das durchaus notwendig, denn wer verletzt wurde, braucht Schutz, wer enttäuscht wurde, braucht Abstand und wenn man mal gefallen ist, muss nicht sofort wieder die Arme ausbreiten und so tun, als sei nichts geschehen. Man spürte die eigene Verletzlichkeit und fürchtet einen neuen Schmerz.

Verletzlichkeit wird oft verklärt und romantisiert. Doch das greift zu kurz. Verletzlichkeit kann wehtun. Sie kann beschämen, kann uns ausliefern an die Härte anderer, an Gleichgültigkeit, an Verlust, an Zurückweisung. Es ist zynisch, einem Menschen, der gerade zerbrochen ist, zu sagen, er solle seine Verletzlichkeit doch als Geschenk begreifen. Manchmal ist sie zuerst einfach eine offene Wunde, etwas, das brennt. Aus diesem Schmerz heraus sucht man nach Auswegen, nach Vermeidung, nach Rückzug, nach Mauern. Die eigentliche Frage sollte hier aber nicht heissen, wie ich unverletzlich werde, sondern: Wie kann ich verletzlich bleiben, ohne daran zugrunde zu gehen?

Der Wunsch nach Unverletzlichkeit ist verständlich, aber gefährlich. Zwar verspricht sie Schutz und Sicherheit, doch nimmt sie uns oft mehr, als sie gibt. Wer sich nie mehr berühren lassen will, schützt nicht nur die Wunde, er verschüttet irgendwann auch das Lebendige in sich. Er wird nicht nur weniger verwundbar, sondern auch weniger erreichbar. Das ist eine der stillsten Tragödien des Menschseins: dass wir aus Angst vor dem Schmerz genau jene Offenheit verlieren, durch die Freude, Nähe, Liebe und Weltbeziehung überhaupt erst möglich werden.

Mir hilft in solchen Situationen der Blick auf die Lehren der Stoiker. Bei Epiktet findet sich die Unterscheidung zwischen dem, was in unserer Macht liegt, und dem, was nicht in unserer Macht liegt. Diese Unterscheidung trägt eine grosse Klarheit in sich, denn sie kann mir helfen, meinen Fokus und meine Energie auf das zu richten, was ich in der Hand habe. Ich kann nicht bestimmen, ob ein anderer mich liebt, ob ein Gespräch gelingt, ob ein Projekt trägt, ob ein Mensch bleibt. Ich kann nicht verhindern, dass etwas endet, zerbricht, sich entzieht. Aber ich kann daran arbeiten, wie ich mich dazu verhalte. Nicht im Sinn einer kalten Selbstdisziplin, die nichts mehr an sich heranlässt, sondern im Sinn einer inneren Haltung, die nicht jedes Geschehen zur letzten Wahrheit über mein Leben macht.

Das ist wichtig, weil Verletzlichkeit oft dort unerträglich wird, wo sie eine Situation, ein Erlebnis mit einer Interpretation verbindet. Aus «ich wurde verlassen» wird dann «Ich bin nicht liebenswert.» Aus «Das ist mir nicht gelungen.» wird «Ich bin unfähig.» Aus «Jemand hat mich enttäuscht.» wird «Ich darf nicht mehr vertrauen, das ist gefährlich.» So wird aus einer einzelnen Erfahrung ein absolutes Gesetz. Eine Wunde wächst zu einer Weltanschauung und diese prägt mein Denken, Fühlen, Handeln. An diesem Punkt wird mein Selbstschutz problematisch, denn er ist nicht mehr die Antwort auf eine konkrete Erfahrung, sondern er ist eine Verallgemeinerung im negativen Sinn und wird bestimmend für mein Leben und meine Sicht auf dieses.

An diesem Punkt beginnen wir, uns gegen Möglichkeiten zu verschliessen. Wir lassen keine Nähe mehr zu, weil die verletzen, kann, keine Hoffungen, da die enttäuscht werden können. Wir trauen Begeisterungen nicht, da sie sich als Illusion herausstellen können, und zweifeln an der Liebe, da diese uns am verletzlichsten überhaupt macht. Wir leben weiter, funktionieren, haben für unser Sein und Tun vernünftige Gründe, aber irgendwie wird alles immer enger. Die Welt erscheint nicht mehr als Raum möglicher Begegnung, sondern als Gelände möglicher Bedrohung.

So verstanden ist Verletzlichkeit nicht einfach ein psychologisches Thema, sie betrifft mein In-der-Welt-Sein, meine Weltbeziehung. Hartmut Rosa greift hier auf den Begriff der Resonanz zurück, welche eine Beziehung zur Welt ist, in der uns etwas berührt und wir darauf antworten. Resonanz ist nicht Verfügbarkeit. Sie lässt sich weder erzwingen, noch planen, noch absichern. Gerade deshalb braucht sie Offenheit. Wer resonanzfähig sein will, muss erreichbar bleiben. Er muss zulassen, dass die Welt nicht nur Kulisse ist, sondern Gegenüber. Er muss hinhören, wenn sie antwortet, auch wenn sie das anders tut, als wir es erwarten. Und vor allem muss er zulassen, dass sie uns verändert.

Verletzlichkeit ist die Bedingung dieser Berührbarkeit. Ohne sie gäbe es keine echte Beziehung, nur Kontakt. Ohne Verletzlichkeit würde aus Liebe ein blosses Arrangement und Freundschaft wäre nur eine soziale Funktion. Ohne Verletzlichkeit würde unser Denken und Fühlen verhärten, es bliebe nur noch Analyse und Meinungsdogmatik. Wer sich vollständig schützt, verliert nicht nur das Risiko, verletzt zu werden, er verliert auch die Möglichkeit, wirklich angesprochen zu werden.

Darin liegt einer der Gründe, weshalb viele philosophischen Traditionen dort besonders stark werden, wo sie nicht Unverwundbarkeit versprechen, sondern eine andere Weise, mit Verwundbarkeit zu leben. Die Stoa wollte den Menschen nicht gefühllos machen, auch wenn sie oft so missverstanden wird, sie wollte ihn wappnen für das, was kommen kann und ihn dadurch innerlich freier machen gegenüber dem, was ihn beherrschen könnte. Auch bei Aristoteles liegt das gute Leben nicht in der Abschottung, sondern in der Einübung von Tugenden, die uns befähigen, angemessen zu handeln: nicht furchtlos im Sinn einer seelischen Rüstung, sondern tapfer im Sinn einer geordneten Offenheit. Tapferkeit heisst nicht, keine Angst zu haben, sie heisst, sich von der Angst nicht vollständig regieren zu lassen.

Das scheint mir entscheidend. Verletzlichkeit bewusst anzunehmen, sie bedeutet nicht, alle Grenzen aufzugeben oder sich immer wieder an denselben Stellen treffen zu lassen. Sie bedeutet auch nicht, jedem Menschen Zugang zu den empfindlichsten Räumen der eigenen Seele zu geben, im Gegenteil: Wer seine Verletzlichkeit ernst nimmt, lernt gerade deshalb, sorgfältiger mit sich umzugehen. Er verwechselt Offenheit nicht mit Auslieferung. Er weiss, dass Schutz nötig ist, aber er macht aus dem Schutz keinen Lebensentwurf, denn es gibt einen Unterschied zwischen einer Grenze und einer Mauer. Eine Grenze bewahrt die Form des Eigenen. Sie sagt: Bis hierher und nicht weiter. Sie ermöglicht Beziehung, weil sie unterscheidet, ohne abzuschneiden. Eine Mauer dagegen verhindert Beziehung. Sie macht das Innen sicherer, aber auch einsamer. Sie lässt nichts herein, aber irgendwann auch nichts mehr hinaus.

Viele Menschen, sogar ganze Gesellschaften, geraten heute in diese Mauerlogik: Weil die Welt uns überfordert, ziehen wir uns zurück. Weil Diskurse verletzend sind, hören wir auf zuzuhören. Weil Nähe kompliziert ist, flüchten wir in Kontrolle. Weil Unsicherheit schwer auszuhalten ist, suchen wir Eindeutigkeit. Auch politisch zeigt sich das: Die Sehnsucht nach Härte ist oft die Kehrseite einer nicht ausgehaltenen Verletzlichkeit. Wer sich bedroht fühlt, will klare Grenzen, starke Figuren, einfache Feindbilder. Das Verletzliche wird dann nicht verstanden, sondern abgewehrt, nun nicht mehr von einem Einzelnen privat, sondern gemeinsam in der Gesellschaft und gegen andere.

Menschliche Reife beginnt aber gerade dort, wo wir unsere Verletzlichkeit nicht delegieren, sondern selber tragen. Wenn wir merken, dass wir berührbar sind, enttäuscht werden und verlieren können, uns aber nicht auf andere stützen oder Mauern bauen müssen, sondern für uns selbst Wege finden, mit den Unsicherheiten umzugehen und sie auszuhalten. Wenn wir merken, dass wir unsere Offenheit nicht aufgeben müssen, dass wir auch mal Hilfe suchen dürfen, dass wir andere sogar brauchen. Darin liegt eine Form von Wahrhaftigkeit. Denn der Mensch ist kein abgeschlossenes Wesen. Er kommt nicht fertig in die Welt und behauptet sich dann bloss gegen sie. Er wird am Du, an der Sprache, an der Anerkennung, an der Antwort der Welt. Martin Buber hat dieses Verhältnis im Gedanken des Ich und Du beschrieben: Das Ich wird nicht isoliert es selbst, sondern in Beziehung. Darin liegt die Kraft des Gedankens: Ich bin nicht nur dort ich, wo ich mich abgrenze, ich bin auch dort ich, wo ich mich ansprechen lasse.

Verletzlichkeit ist darum nicht das Gegenteil von Stärke. Sie ist oft deren Voraussetzung. Nicht jede Stärke zeigt sich als Härte. Es gibt eine Stärke, die weich bleiben kann, ohne formlos zu werden. Eine Stärke, die nicht sofort zurückschlägt. Eine Stärke, die zuhören kann, ohne sich aufzulösen. Eine Stärke, die trauert, ohne im Verlust zu verschwinden. Eine Stärke, die sagt: Ja, das hat mich getroffen und dennoch werde ich nicht mein ganzes Leben um diese Verletzung herum bauen. Das ist doch der entscheidende Punkt: Nicht unverletzt bleiben wollen, sondern nicht von der Verletzung regiert werden. Nicht so tun, als sei nichts geschehen, sondern verhindern, dass das Geschehene zur letzten Instanz wird. Eine Wunde gehört zu meinem Leben, aber sie muss nicht dessen Zentrum bleiben. Sie darf mich verändern, aber sie soll mich nicht verschliessen.

Das verlangt Arbeit. Innere Arbeit, aber auch äussere Bedingungen. Niemand lernt einen guten Umgang mit Verletzlichkeit in einem Raum permanenter Beschämung. Menschen brauchen Beziehungen, in denen Offenheit nicht bestraft wird. Sie brauchen eine Kultur, in der Scheitern nicht sofort als persönliches Versagen gilt. Sie brauchen Sprache für das, was weh tut, ohne darin stecken zu bleiben. Sie brauchen Gegenüber, die nicht alles reparieren wollen, sondern aushalten können, dass ein Mensch gerade nicht heil, nicht stark, nicht verfügbar ist.

Der bewusste Umgang mit Verletzlichkeit kann deshalb mit einer kleinen Verschiebung beginnen. Ich muss sie weder lieben noch feiern, ich muss sie nicht ständig zeigen, aber ich kann aufhören, sie als Makel zu betrachten. Ich kann lernen, sie als Hinweis zu lesen: Dort, wo ich verletzlich bin, liegt oft etwas, das mir wirklich wichtig ist. Meine Angst vor Zurückweisung zeigt, dass mir Beziehung wichtig ist. Meine Trauer zeigt, dass ich geliebt habe. Meine Enttäuschung zeigt, dass ich gehofft habe. Meine Unsicherheit zeigt, dass etwas auf dem Spiel steht.

Verletzlichkeit zeigt uns, wo wir nicht gleichgültig sind und darin liegt auch ihr Wert. Sie hält uns in Verbindung mit dem, was zählt. Sie erinnert uns daran, dass wir nicht über dem Leben stehen, sondern in ihm. Dass wir nicht alles kontrollieren, aber darauf antworten können. Dass wir nicht unberührt bleiben müssen, um würdig zu sein. Dass ein gelingendes Leben nicht darin besteht, nichts mehr an sich heranzulassen, sondern darin, sich berühren zu lassen, ohne sich zu verlieren.

Es gibt eine Reife, die nicht härter macht, sondern klarer. Sie schützt, wo Schutz nötig ist. Sie öffnet, wo Öffnung möglich ist. Sie weiss um die Gefahr, aber sie macht die Gefahr nicht zur ganzen Wahrheit. Vielleicht ist das eine der schwersten Formen von Lebenskunst: mit Narben weiter offen zu bleiben. Nicht naiv. Nicht grenzenlos. Nicht immer. Aber grundsätzlich.

Denn wer verletzlich bleibt, bleibt ansprechbar. Und wer ansprechbar bleibt, bleibt weltfähig.

Wenn etwas bricht

Über Umbrüche, Verluste und die Möglichkeit eines Neuanfangs

Es gibt Momente, die das Leben in ein Vorher und ein Nachher teilen. Das Leben wird nicht einfach anders, sondern etwas bricht. Nicht im übertragenen, harmlosen Sinn, wie man sagt, dass sich etwas verändert habe, sondern tief gefühlt: Etwas, das getragen hat, fällt weg. Eine Beziehung, eine Aufgabe, ein Beruf, eine Zugehörigkeit, ein Selbstbild, manchmal auch ein Mensch. Etwas, das nicht nur Teil des Lebens war, sondern dieses in einer bestimmten Form mitbestimmt hat, ist plötzlich nicht mehr da. Was bleibt, ist nicht Freiheit, es ist zunächst auch keine Chance für einen Neubeginn, es ist schlicht nur gähnende Leere. Man steht vor den Scherben und erkennt sich und das eigene Leben nicht mehr darin.

Darin liegt das Verstörende an Brüchen: Sie nehmen uns nicht nur etwas weg, das ausserhalb von uns lag, sie greifen in unser Selbstverständnis ein. War ich vorher noch jemand in einem bestimmten Zusammenhang, war ich Mutter, Partnerin, Tochter, Freundin, Lehrerin, Forschende, Schreibende, Liebende, Hoffende, so war ich jemand in einer Ordnung, die mir, ob ich sie liebte oder nicht, eine Gestalt gab. Wenn diese Ordnung zerbricht, zerbricht nicht einfach ein äusserer Rahmen, sondern es fehlt auch eine Antwort auf die Frage: Wer bin ich, wenn das nicht mehr ist?

Darum sind Lebensumbrüche so erschöpfend. Nicht nur, weil sie praktisch vieles verlangen wie Entscheidungen, Gespräche, Neuorganisation, Papierkram, Trennungen, Umzüge, Abschiede, sondern weil sie uns in eine tiefere Verunsicherung stürzen. Plötzlich ist die Welt nicht mehr selbstverständlich. Was gestern noch trug, tut es heute nicht mehr. Was gestern noch Zukunft hatte, ist heute Vergangenheit. Und der Mensch, der man eben noch war, passt nicht mehr ganz in das Leben, das geblieben ist.

Wir werden konfrontiert mit der Unverfügbarkeit des Lebens. Die Dinge scheinen uns zu entgleiten, ohne uns eine Chance zu lassen, sie zu halten. Das erscheint ungerecht, wir hadern, neben der Trauer wird oft auch eine Wut laut, und doch: Es nützt nichts. Es liegt nicht in unserer Hand. An dem Punkt beginnt Epiktet sein Denken mit einer Unterscheidung, die fast nüchtern klingt und doch existenziell ist: Es gibt Dinge, die in unserer Macht stehen, und Dinge, die nicht in unserer Macht stehen. Nicht in unserer Macht stehen viele Ereignisse, Verluste, Entscheidungen anderer Menschen, politische Verhältnisse, Krankheiten, Zufälle, das Ende einer Liebe, der Tod. In unserer Macht steht nicht, dass das Leben unversehrt bleibt. In unserer Macht steht aber, wie wir uns zu dem verhalten, was geschieht.

Das mag hart klingen, zu pragmatisch und einfach auch, aber wenn man den Gedanken dahinter versteht, wird es plötzlich zu einer Erleichterung. Epiktet will damit nicht sagen, dass Schmerz eine Frage der falschen Einstellung wäre oder wir nur anders denken müssten, um nicht mehr zu leiden. Ein solcher Stoizismus wäre billig. Er würde die Wunde mit Haltung überkleben. Die alte stoische Einsicht geht tiefer: Sie fragt danach, ob ich auch dann noch ein handelndes Wesen bleiben kann, wenn mir etwas Wesentliches entzogen wurde. Ob ich mich ganz von dem bestimmen lasse, was mir widerfährt, oder ob ich irgendwo, wenn auch nur sehr klein, einen Raum behalte, in dem ich antworten kann.

Dieser Raum ist nicht sofort da, er muss manchmal erst wieder freigelegt werden, denn wer vor Scherben steht, ist zunächst nicht souverän. Vielleicht liegt auch da ein Problem unserer Zeit, die Menschen so sehr nach Leistung und Nutzen bewertet, dass wir glauben, Menschen müssten möglichst rasch wieder handlungsfähig, stabil, optimistisch sein. Als gäbe es eine Art innere Reparaturpflicht. Man verliert etwas, und schon sind all die Stimmen da: Erkenne es als Chance, lasse los, wachse, fange neu an, sei dankbar. Nur: wer zu früh von der Chance spricht, verrät den Bruch. Er nimmt ihm seine Wahrheit. Nicht jeder Verlust ist sofort ein Anfang. Manchmal ist er zuerst einfach Verlust.

Auch die Philosophie muss hier vorsichtig sein. Sie darf nicht trösten, indem sie glättet. Sie darf nicht sagen: Es musste so kommen. Sie darf nicht behaupten: Es ist alles gut. Denn es ist nicht alles gut. Manches hätte nicht geschehen sollen. Manches bleibt eine Wunde. Manches zerstört Möglichkeiten, die nicht einfach ersetzt werden können. Es gibt Brüche, die nicht deshalb sinnvoll werden, weil später etwas anderes entsteht. Und doch ist das nicht das Ende des Denkens. Gerade an dem Punkt beginnt das eigentliche Denken, wo sich beides zugleich halten lässt: dass etwas wirklich zerbrochen ist und dass das Leben dennoch nicht auf diesen Bruch reduziert bleiben muss.

Hannah Arendt hat den Menschen als ein Wesen des Anfangens beschrieben. Natalität nennt sie diese Grundbedingung: Wir sind zwar sterbliche Wesen, aber als diese Wesen wurden wir einmal geboren und setzen damit einen Anfang. Auf das ganze Leben bezogen, bedeutet das bei Hannah Arendt, dass in jedem Handeln die Möglichkeit liegt, etwas Neues in die Welt zu bringen, etwas, das nicht einfach aus dem Vorherigen ableitbar ist. Damit wird ein Bruch nicht gleich ein neuer Anfang, aber es bedeutet, dass der Mensch nicht nur das Produkt seiner Vergangenheit ist. Er ist nicht nur die Summe dessen, was ihm widerfahren ist, sondern er kann sich zu dem, was war, verhalten und so, je nachdem, wie er das tut, kann eine Geschichte, die ihn getroffen hat, weiterführen und zu etwas Neuem machen.

Darin liegt eine leise, aber gewichtige Hoffnung. Erscheint nach einem Bruch oft alles festgelegt und man denkt, es sei alles vorbei, öffnet sich so ein neuer Horizont. Wenn wir dagegen im Schmerz verharren, verengt dieser die Zeit. Er macht die Vergangenheit übermächtig und die Zukunft unvorstellbar. Genau darin liegt die Gefahr negativer Gedankenspiralen: Sie tun so, als sei der Bruch nicht ein Ereignis im Leben, sondern das Urteil über das ganze Leben. Sie machen aus einem Verlust eine Identität.

  • Ich bin verlassen worden.
  • Ich bin gescheitert.
  • Ich bin nicht mehr gebraucht.
  • Ich habe mein Leben falsch gelebt.
  • Es wird nichts mehr kommen.

Solche Sätze haben eine eigentümliche Gewalt. Sie klingen wie Erkenntnisse, sind aber oft erstarrter Schmerz. Sie erklären nicht, sie schliessen ab und nehmen dem Leben seine Offenheit. Hier setzt der Gedanke Epiktets an und es ist wohl eine der schwierigsten Aufgaben nach einem Bruch: wir dürfen diese Sätze nicht einfach glauben. Nicht, weil sie erfunden wären, sie kommen ja aus einer Erfahrung, aber weil sie zu endgültig sind. Weil sie mehr wissen wollen, als ein Mensch in diesem Moment wissen kann.

Hier könnte man vorsichtig sagen: Das Leben hat etwas anderes vor. Dabei geht es nicht darum, dass dies besser sein muss in einem einfachen Sinne oder wir gar eine Belohnung erhalten wie nach einer Prüfung. Es geht auch nicht um einen kosmischen Plan, der uns heimlich führt. All das wäre zu glatt, und oft auch zynisch gegenüber dem, was Menschen verlieren. Aber vielleicht hat das Leben insofern etwas anderes vor, als es grösser ist als unsere Entwürfe. Es fügt sich nicht immer in die Form, die wir ihm gegeben haben. Es reisst uns manchmal aus Bahnen, in denen wir schon länger nicht mehr lebendig waren, ohne es zu merken. Es nimmt uns Sicherheiten, die uns gehalten, aber auch begrenzt haben. Es zwingt uns an Stellen, an die wir freiwillig nie gegangen wären. Das ist keine Verklärung des Schmerzes. Es ist eher eine Anerkennung der Offenheit des Lebens.

Ein Bruch kann zerstören, aber er kann auch sichtbar machen. Er zeigt, woran wir gehangen haben, woraus wir unsere Identität bezogen, welche Abhängigkeiten wir für Liebe hielten, welche Anpassungen für Harmonie, welche Sicherheiten für Sinn. In einem intakten Leben bleibt vieles verdeckt, weil es funktioniert. Erst wenn es nicht mehr funktioniert, wird sichtbar, worauf es gebaut war.

Das ist der schmerzhafte erkenntnistheoretische Kern von Brüchen: Sie enthüllen. Nicht immer sofort, zuerst tauchen sie einen vor allem in einen Schmerz. Erst mit der Zeit kann sich ein anderer Blick einstellen. Man sieht, dass etwas schon lange eng geworden war. Dass man in einer Rolle lebte, die nicht mehr stimmte. Dass man sich selbst verloren hatte, indem man etwas festhielt. Dass man gebraucht zu werden mit geliebt zu sein, Leistung mit Wert, Sicherheit mit Leben verwechselt hat. Am Anfang mag man noch nicht alles klar sehen, doch man beginnt zu ahnen, dass etwas auch darum zerbrochen ist, weil es nicht mehr tragen konnte.

Søren Kierkegaard schrieb, das Leben werde vorwärts gelebt und rückwärts verstanden. Dieser Satz ist gerade in Umbruchzeiten wahr. Im Moment des Bruchs verstehen wir meist nichts. Wir wollen nur, dass der Schmerz aufhört. Wir wollen zurück in das Davor, auch wenn dieses Davor gar nicht so heil war, wie es in der Erinnerung erscheint. Erst später, manchmal viel später, erkennen wir Linien. Nicht als Schicksalsplan, eher als nachträgliche Offenlegung eines am Anfang noch nicht überschaubaren Lebenswegs. Wir sehen, wie wir uns verändert haben, dass ein Verlust uns zwang, eine Kraft zu entwickeln, die vorher nicht gebraucht wurde. Dass eine verschlossene Tür uns nicht in die Freiheit entliess, aber in die Notwendigkeit, eine andere Tür überhaupt erst zu suchen.

Das bedeutet nicht, dass somit alles gut war, es bedeutet nur, dass nicht alles vergeblich bleiben muss.

Albert Camus ist hier uner Umständen hilfreicher als jeder Trost. Er kennt die Absurdität des Lebens, dieses Auseinanderfallen von menschlichem Sinnbedürfnis und schweigender Welt. Dennoch führt ihn diese Einsicht nicht in die Resignation, im Gegenteil: Gerade weil die Welt uns keinen fertigen Sinn garantiert, sind wir aufgerufen, zu antworten. Nicht triumphal, nicht naiv, sondern widerständig. Camus’ Mensch begnügt sich nicht damit, zu sagen, es ist alles gut so, sondern er ruft dem Leben ein Trotzdem entgegen: Trotzdem werde ich leben. Trotzdem werde ich lieben. Trotzdem werde ich handeln. Trotzdem werde ich nicht zulassen, dass das, was mich getroffen hat, mein ganzes Verhältnis zur Welt vergiftet. Dieses Trotzdem ist keine Härte. Es ist eine Form von Würde.

Manchmal können Brüche nur dann zu einer Chance werden, wenn wir sie nicht schön reden, sondern da, wo wir eine neue Beziehung zu uns selbst und zur Welt um uns suchen. Nicht der das Ereignis selbst, das zum Bruch führte, ist die Chance. Eine Trennung, ein Verlust, zu Scheitern oder eine Krankheit sind keine Chancen, als wären sie heimliche Geschenke. Die Chance liegt in der Antwort, die möglich wird. In der Frage, wie ich weiterlebe. Sie liegt in der Einsicht, was ich nicht mehr wiederholen will und was ich endlich ernst nehme. Sie liegt in der Erkenntnis, welche Wahrheit ich nicht länger übergehen kann und wo ich mich selbst verraten habe, wo ich mutiger werden muss und wo ich weicher werden darf. Brüche stellen die Frage nach dem Wesentlichen neu.

Solange das Leben läuft, verwechseln wir oft Bewegung mit Richtung. Wir funktionieren, planen, erfüllen Erwartungen, halten zusammen, was zusammengehalten werden muss. Ein Umbruch unterbricht dieses Funktionieren. Das ist furchtbar, weil es uns den Boden entzieht. Aber gerade dadurch entsteht ein Raum, in dem eine andere Frage hörbar wird: Lebe ich eigentlich so, dass ich darin vorkomme?

Diese Frage ist nicht egoistisch. Sie ist eine Frage der Weltfähigkeit. Denn ein Mensch, der in seinem eigenen Leben nicht mehr vorkommt, wird auch der Welt auf Dauer nicht gut begegnen können. Er wird erschöpft, bitter, angepasst oder hart. Er wird funktionieren, aber nicht antworten. Er wird da sein, aber nicht wirklich handeln. Ein Bruch kann darum, so schmerzhaft er ist, auch die Möglichkeit eröffnen, aus einer früheren Form von Leben herauszutreten. Das heisst nicht, dass man sofort wissen muss, wohin. Vielleicht ist gerade das eine der wichtigsten Einsichten, dass man nach einem Bruch nicht sofort ein neues Leben entwerfen muss. Man darf zunächst in der Zwischenzeit bleiben, in diesem unansehnlichen, unproduktiven, oft beschämenden Dazwischen, in dem das Alte nicht mehr gilt und das Neue noch nicht da ist. Unsere Zeit erträgt solche Übergänge schlecht. Sie will Lösungen, Fortschritt, Resilienz, Transformation. Aber die Seele, wenn man dieses alte Wort verwenden darf, bewegt sich nicht in Projekt- und Zeitplänen, sie braucht Zeit, um nachzukommen.

Auch Rilke wusste um diese Zwischenräume, die Fragen an das künftige Leben stellen. Man müsse die Fragen selbst liebhaben, schreibt er sinngemäss, und plötzlich lebe man eines Tages in die Antwort hinein. Das ist kein Appell zur Passivität, sondern die Anerkennung, dass manche Antworten nicht gedacht, sondern gelebt werden müssen. Man findet sie nicht, indem man sich zwingt, sofort stark zu sein, man findet sie, indem man weitergeht, tastend, ungesichert und mit offenem Blick. An diesem Punkt kann Heilung anfangen: nicht im Vergessen, sondern im Weitergehen.

Weitergehen bedeutet nicht, das Zerbrochene hinter sich zu lassen, als hätte es keine Bedeutung mehr, sondern es in eine grössere Geschichte einzufügen. Eine Geschichte, in der der Bruch vorkommt, aber nicht das letzte Wort hat. Das ist ein schöpferischer Akt im existenziellen Sinn: Ich kann mein Leben neu erzählen, kann sagen: Ja, das ist geschehen und ja, es hat mich verändert, dass ich etwas verloren habe, aber ich bin nicht nur die, der das widerfahren ist, ich bin die, die weiterging und neue Geschichten schrieb. In dieser Neu-Erzählung liegt eine leise Form von Freiheit.

Die Freiheit nach einem Bruch ist selten gross. Sie kommt nicht als Euphorie, sie kommt als erster Morgen, an dem man nicht sofort untergeht, als Gedanke, der nach vorne weist und nicht nur zurückführt, als Gespräch, in dem man sich wieder hört, als kleiner Entschluss, heute nicht alles lösen zu müssen oder einfach, als Fähigkeit, eine Tasse Kaffee zu trinken und den Himmel zu sehen, ohne ihn sofort deuten zu müssen. Diese Freiheit mag nur ein kleiner Moment, in dem man merkt: Ich bin noch da. Von da aus kann etwas wachsen.

Das Leben muss nun nicht plötzlich etwas Besseres bereithalten, es geht nicht um eine Umdeutung, die das Vergangen klein redet und das Neue verklärt. Das wäre zu einfach. Es ist mehr die Einsicht, dass das Leben mehr bereithält, als wir im Moment des Bruchs sehen können, dass es in der Welt immer noch Möglichkeiten gibt, Begegnungen stattfinden können, dass es noch andere Formen des Sinns und mehr Weisen des Seins gibt, als ich bislang gesehen oder geglaubt habe. Das Neue ist nicht einfach da und schon gar nicht fertig und perfekt. Es muss gelebt, gesucht, gestaltet werden. Dafür braucht es einen Anfang und das ist meist ein Entscheid tief drin: Ich will weiterleben, immer im Wissen, dass dieses Weiterleben wieder alles in sich trägt, was möglich ist – sogar neue Brüche. Aber dann habe ich gelernt, dass es danach weitergehen kann, dass ich neue Antworten finden kann auf offene Fragen, dass ich immer wieder neu in Beziehung zur Welt treten kann, auch wenn sie eine andere geworden ist – und ich auch ein anderer bin.

Hier kann der tiefere Sinn eines Umbruchs liegen: Er zwingt uns, das Verhältnis zwischen Schicksal und Freiheit neu zu bestimmen. Vieles geschieht uns, oft mehr, als uns lieb ist. Wir sind nicht die souveränen Autorinnen unseres Lebens, sondern werden getroffen, verlassen, enttäuscht, erschüttert. Aber wir sind auch nicht nur Opfer dessen, was geschieht. Zwischen dem Ereignis und der endgültigen Deutung liegt ein Raum. Manchmal ist er winzig, manchmal öffnet er sich erst nach langer Zeit, aber in ihm beginnt menschliche Freiheit. Diese Freiheit bedeutet, nicht alles sofort wissen zu müssen, trauern zu dürfen, nicht bitter zu werden dabei, anders weitergehen zu können und vor allem die Freiheit, dem Leben noch einmal eine Antwort zu geben.

Es ist hart, das zu sagen, aber: Es wird vielleicht nicht alles gut, aber es kann wieder ein Leben werden. Es ist unter Umständen nicht das Leben, das man immer wollte, es ist nicht das Leben, das man sich schon so klar ausgemalt hat. Es ist nicht das alte Leben, das man gewohnt war, aber es ist ein Leben, das man für sich neu schafft und in dem man sich wieder einlebt. Ein Leben, das mit dem Bruch weiterlebt, weil es kein Leben ohne Brüche gibt. Ein Leben, das uns die Frage stellte, ob wir an einem Bruch förmlich zerbrechen oder beginnen, aus den Scherben etwas Neues zu formen.

Irgendwo, da wo sich Schmerz und Möglichkeit begegnen, im Raum dazwischen beginnt ein neues Kapitel, das den Anfang zu einer neuen Lebensgeschichte bildet.

Philosophisches Coaching bei ADHS

Orientierung finden, wo das Leben zu viel und zugleich zu eng wird

ADHS wird oft missverstanden. Viele denken noch immer an das unruhige Kind, das nicht stillsitzen kann, an Zerstreutheit, Chaos, Vergesslichkeit. Doch ADHS ist mehr als ein Aufmerksamkeitsproblem. Es ist eine neurobiologische Besonderheit, die sich auf Aufmerksamkeit, Impulssteuerung, innere Organisation, Zeitgefühl, emotionale Regulation und Selbststeuerung auswirken kann. Die Symptome zeigen sich nicht bei allen Menschen gleich: Manche sind sichtbar unruhig, andere wirken nach aussen angepasst und kämpfen innerlich mit Überforderung, Erschöpfung und dem Gefühl, ständig hinter sich selbst herzurennen. Fachleitlinien beschreiben ADHS als Störung, die Kinder, Jugendliche und Erwachsene betreffen kann; eine Diagnose gehört in die Hand entsprechend qualifizierter Fachpersonen.

Viele Menschen mit ADHS leiden nicht nur an den Symptomen selbst, sondern an der Geschichte, die sich darum gelegt hat. Sie hören über Jahre, sie müssten sich einfach mehr zusammenreissen. Sie seien chaotisch, zu empfindlich, zu sprunghaft, zu wenig diszipliniert. Dabei wollen sie oft sehr viel. Sie denken schnell, spüren viel, nehmen vieles gleichzeitig wahr, haben Ideen, Begeisterung, Kreativität, manchmal auch eine grosse Sensibilität für Zwischentöne. Aber gerade diese Fülle kann zur Last werden, wenn sie sich nicht ordnen lässt.

Im Alltag zeigt sich ADHS häufig dort, wo das Leben Struktur verlangt: Termine einhalten, Aufgaben beginnen, Aufgaben beenden, Prioritäten setzen, Papierkram erledigen, den Überblick behalten, Entscheidungen treffen, Pausen machen, Beziehungen nicht durch Impulsivität oder Rückzug belasten. Besonders Erwachsene mit ADHS berichten oft von Schwierigkeiten, Aufmerksamkeit über längere Zeit zu halten, längere Aufgaben zu Ende zu bringen, organisiert zu bleiben und innere Unruhe zu regulieren.

Dazu kommt etwas, das nach aussen weniger sichtbar ist: die emotionale Seite. Viele Menschen mit ADHS erleben Gefühle nicht einfach als vorübergehende Regungen, sondern als Wellen, die sie erfassen. Kritik kann unverhältnismässig tief treffen. Kleine Anforderungen können sich plötzlich riesig anfühlen. Konflikte, Erwartungen, Unklarheiten oder zu viele Reize können zu innerem Druck führen. Studien weisen darauf hin, dass Schwierigkeiten mit Emotionsregulation bei ADHS eine wichtige Rolle spielen und die alltägliche Belastung erheblich verstärken können.

Hier beginnt Coaching. Nicht als Ersatz für Diagnostik, Psychotherapie oder medizinische Behandlung, wenn diese nötig sind. Sondern als Raum, in dem ein Mensch lernen kann, sich selbst anders zu verstehen. Nicht mehr unter der Perspektive des Defizits, sondern unter der Frage: Wie funktioniere ich? Was brauche ich? Welche Strukturen helfen mir wirklich? Wo kämpfe ich gegen mich selbst, statt mit meiner Eigenart leben zu lernen?

ADHS-Coaching kann helfen, den Alltag konkreter und freundlicher zu gestalten. Es geht um Routinen, Prioritäten, Zeitmanagement, Selbstorganisation, Übergänge, Entscheidungshilfen, Reizschutz und realistische Planung. Aber es geht nicht nur um Methoden. Denn viele Menschen mit ADHS kennen Methoden genug. Sie haben Kalender gekauft, Apps heruntergeladen, Listen geschrieben, Systeme begonnen und wieder aufgegeben. Das Problem ist selten mangelndes Wissen. Es liegt oft tiefer: in Scham, Überforderung, Selbstzweifel, innerem Widerstand und einer langen Erfahrung des Scheiterns an Formen, die für andere selbstverständlich scheinen.

Als Philosophin und Coachingtherapeutin interessiert mich deshalb nicht nur die Frage: Wie werden Sie effizienter? Mich interessiert zuerst: Wie kommen Sie wieder in ein gutes Verhältnis zu sich selbst und zur Welt?

Denn ADHS betrifft nicht nur Organisation. Es betrifft Weltbeziehung. Es prägt, wie ein Mensch morgens in den Tag tritt, wie er Anforderungen erlebt, wie er sich unter anderen fühlt, wie er mit Erwartungen umgeht, wie er sein eigenes Können einschätzt. Wer immer wieder erlebt, dass das eigene Leben entgleitet, verliert leicht das Vertrauen in sich. Dann wird die Welt nicht mehr als Ort der Möglichkeiten erfahren, sondern als Raum dauernder Bewährung. Jeder Brief, jede Nachricht, jede offene Aufgabe kann zur Anklage werden.

Philosophisch betrachtet geht es hier um Selbstverhältnis, Freiheit und Handlungsspielraum. Ein Mensch ist nicht frei, nur weil ihm theoretisch alle Möglichkeiten offenstehen. Er braucht auch die Fähigkeit, diese Möglichkeiten zu ordnen, zu wählen und in Handlung zu übersetzen. Genau daran hakt es bei ADHS oft: nicht am Wollen, sondern am Übergang vom Wollen ins Tun.

Im Coaching suchen wir deshalb nicht nach einem idealen, normierten Menschen, der endlich „funktioniert“. Wir suchen nach einer Lebensform, die tragfähig ist. Nach einer Ordnung, die nicht von aussen übergestülpt wird, sondern zur eigenen Wahrnehmung, Energie und Belastbarkeit passt. Das kann sehr praktisch sein: Wie beginne ich Aufgaben? Wie verhindere ich, dass alles gleich wichtig wird? Wie erkenne ich rechtzeitig Überforderung? Wie baue ich Pausen ein, bevor ich zusammenbreche? Wie kommuniziere ich meine Bedürfnisse, ohne mich dauernd rechtfertigen zu müssen?

Zugleich darf es existenziell werden. Viele Menschen mit ADHS fragen sich irgendwann: Wer bin ich eigentlich jenseits meines Chaos? Bin ich wirklich undiszipliniert – oder habe ich nie gelernt, passende Strukturen zu entwickeln? Was ist meine Eigenart, was ist meine Verletzung, was ist meine Möglichkeit? Wo habe ich mich angepasst, bis ich erschöpft war? Wo darf ich aufhören, gegen mich selbst zu leben?

In diesem Sinn verstehe ich Coaching bei ADHS als Arbeit an Selbstklärung, Selbstannahme und Weltfähigkeit. Es geht darum, wieder handlungsfähig zu werden – nicht perfekt, nicht reibungslos, nicht angepasst um jeden Preis, sondern auf eine Weise, die dem eigenen Leben dient. ADHS verschwindet dadurch nicht. Aber der Umgang damit kann sich verändern. Aus Scham kann Verstehen werden. Aus Überforderung können Strukturen entstehen. Aus dem Gefühl, falsch zu sein, kann langsam die Erfahrung wachsen: Ich brauche andere Wege – aber ich bin nicht falsch.

Dabei kann ich begleiten: mit philosophischer Klarheit, therapeutischer Sensibilität und einem Blick für das konkrete Leben. Wir ordnen, was unübersichtlich geworden ist. Wir suchen Begriffe für Erfahrungen, die bisher nur als Scheitern empfunden wurden. Wir entwickeln praktische Schritte, aber ohne den Menschen auf Selbstoptimierung zu reduzieren. Denn es geht nicht darum, aus einem Menschen mit ADHS einen Menschen ohne ADHS zu machen. Es geht darum, ein Leben zu gestalten, in dem dieser Mensch mit seiner besonderen Wahrnehmung, seiner Energie, seiner Empfindsamkeit und seinem Denken Platz findet.

Vielleicht beginnt Hilfe genau dort: nicht mit dem Satz „Du musst dich besser organisieren“, sondern mit der Frage: Was brauchst du, damit du dich selbst nicht dauernd verlierst?

Philosophische Begleitung

Wenn das Leben nach Orientierung fragt

Es gibt Momente im Leben, in denen die üblichen Antworten nicht mehr tragen. Wir sind nicht krank, es ist auch nichts «falsch» und doch scheint das Leben fraglich. Vielleicht stehen wir an einer Schwelle. Etwas geht zu Ende, aber das Neue hat noch keine Form. Eine Beziehung verändert sich. Eine berufliche Rolle passt nicht mehr. Eine Entscheidung steht an, für die es keine einfache Lösung gibt. Oder wir merken, dass wir zwar funktionieren, aber uns selbst dabei ein wenig verloren haben. Wir machen weiter, erledigen, planen, leisten und doch bleibt da eine leise Frage: Ist das eigentlich mein Leben? Bin ich noch in Verbindung mit dem, was mir wirklich wichtig ist?

Solche Fragen sind nicht nebensächlich. Sie gehören zum Menschsein. Der Mensch ist nicht nur ein Wesen, das lebt, sondern eines, das sein Leben verstehen will, weil er sich zu sich selbst verhalten und fragen kann, was gut ist, was richtig ist, was wesentlich ist, was ihn trägt und woran er sich orientieren will. Genau darin liegt seine Freiheit aber auch seine Zumutung.

Philosophische Begleitung setzt an diesem Punkt an. Sie ist kein Ratgeben von oben. Sie ist keine schnelle Lösung und kein fertiges Lebensrezept. Sie ist ein gemeinsames Denken an den Fragen, die ein Mensch mitbringt. In einer Philosophischen Praxis geht es nicht darum, ein Problem möglichst rasch zu beseitigen, sondern es ernst zu nehmen. Denn oft zeigt sich in dem, was uns verunsichert, etwas Wichtiges über unser Leben.

Manchmal ist ein Konflikt nicht einfach ein Störfall, sondern ein Hinweis darauf, dass Werte miteinander ringen. Manchmal ist Erschöpfung nicht nur Müdigkeit, sondern Ausdruck einer Lebensform, die nicht mehr stimmt. Manchmal ist Unentschiedenheit keine Schwäche, sondern das Zeichen, dass eine Entscheidung mehr verlangt als Nutzenrechnung. Und manchmal ist Traurigkeit nicht einfach etwas, das verschwinden soll, sondern eine Erfahrung, die verstanden werden möchte.

Philosophische Begleitung fragt deshab nicht zuerst: Wie bekomme ich das weg? Sondern: Was zeigt sich hier? Was steht auf dem Spiel? Welche Vorstellungen von Leben, Freiheit, Pflicht, Liebe, Verantwortung oder Glück wirken in mir? Welche davon tragen mich noch und welche engen mich ein?

Philosophie gehört nicht nur in den Seminarraum, sie beginnt dort, wo ein Mensch innehält. Sokrates zog sich nicht in den Elfenbeinturm zurück und schuf durchdachte Gedankengebäude, er ging auf den Marktplatz und fragte die Menschen, was sie unter Gerechtigkeit, Mut oder gutem Leben verstehen. Dann liess er sie ihre Antworten überdenken. Nicht, um sie blosszustellen, sondern um das scheinbar Selbstverständliche wieder fraglich zu machen. Denn oft leben wir nach Begriffen, die wir nie geprüft haben. Wir sagen: Ich muss. Ich sollte. Ich darf nicht. Das macht man so. Dafür bin ich zu alt. Dafür bin ich nicht gut genug. Das gehört sich nicht. Und irgendwann verwechseln wir diese Sätze mit Wahrheit.

In der Philosophischen Praxis dürfen solche Sätze auf den Tisch. Nicht als Fehler, sondern als Material. Sie werden betrachtet, befragt, gedreht und gewendet. Woher kommt dieser Gedanke? Wem dient er? Ist er wirklich meiner? Was würde sich verändern, wenn ich ihn anders verstünde?

Dabei geht es nicht um abstraktes Denken um seiner selbst willen. Philosophische Begleitung ist dem Leben verpflichtet. Sie nimmt die konkrete Erfahrung ernst: den beruflichen Zweifel, den Abschied, die Angst vor einer Entscheidung, die Suche nach Sinn, die Frage nach der eigenen Haltung. Aber sie bleibt nicht im bloss Persönlichen stecken. Sie öffnet den Blick. Das eigene Leben wird in grössere Zusammenhänge gestellt. Wir erkennen, dass unsere Fragen nicht nur private Probleme sind, sondern menschliche Grundfragen.

  • Was heisst es, frei zu sein?
  • Was schulde ich anderen – und was schulde ich mir selbst?
  • Wie gehe ich mit Grenzen um?
  • Was bedeutet es, ein gutes Leben zu führen?
  • Wie bleibe ich handlungsfähig in einer Welt, die mich überfordert?
  • Wie finde ich eine Haltung, die mich trägt?

Die Stoiker wussten, dass wir vieles im Leben nicht in der Hand haben. Nicht die Vergangenheit, nicht das Verhalten anderer, nicht den Lauf der Welt. Aber sie erinnerten daran, dass es einen Raum gibt, in dem wir nicht völlig ausgeliefert sind: den Raum unserer Haltung. Das bedeutet nicht, alles hinzunehmen oder sich schönzureden, was schmerzt. Es bedeutet, zu prüfen, worauf wir Einfluss haben und worauf nicht. Es bedeutet, die eigene innere Freiheit nicht vorschnell an äussere Umstände abzugeben.

Diese Unterscheidung kann entlastend sein. Nicht, weil sie das Leben einfacher macht, sondern weil sie Ordnung in das bringt, was uns überwältigt. Philosophische Begleitung kann helfen, diesen inneren Raum wieder zu finden. Sie fragt: Wo bin ich verantwortlich? Wo übernehme ich zu viel? Wo verwechsle ich Anpassung mit Frieden? Wo verwechsle ich Kontrolle mit Sicherheit? Und wo könnte ich beginnen, wieder aus einer eigenen Haltung heraus zu handeln?

Der Mensch ist nicht nur ein inneres Wesen, sondern ein Wesen, das in der Welt erscheint, spricht, handelt, antwortet. Das deckt sich mit Hannah Arendts Denken, denn für sie zeigt sich Freiheit nicht im Rückzug nach innen, sondern im Handeln. Wir werden nicht ausserhalb der Welt wir selbst, sondern in Beziehung zu ihr. Philosophische Begleitung fragt deshalb nicht nur nach Innerlichkeit, sondern auch nach Weltbeziehung. Wie stehe ich in der Welt? Wo fühle ich mich zugehörig? Wo bin ich verstummt? Wo habe ich aufgehört, mich als handelnd zu erleben? Wo könnte ein neuer Anfang möglich sein?

Nicht jeder Anfang ist gross. Oft beginnt er leise. Mit einem klareren Satz. Mit einem Nein, das lange nicht möglich war. Mit einem Ja, das nicht aus Pflicht kommt, sondern aus innerer Zustimmung. Mit der Einsicht, dass ein Leben nicht dadurch gelingt, dass es reibungslos ist, sondern dadurch, dass es in eine wahrhaftigere Beziehung zu sich selbst und zur Welt kommt.

Philosophische Begleitung ist deshalb auch eine Praxis der Selbstklärung. Sie hilft, Begriffe zu finden für das, was bisher nur diffus spürbar war. Viele Menschen kommen nicht, weil sie keine Gedanken haben, sondern weil sie zu viele Gedanken haben, die ungeordnet durcheinanderlaufen. Das Gespräch kann hier ein Denkraum sein. Ein Ort, an dem Gedanken nicht sofort bewertet werden müssen. Ein Ort, an dem Widersprüche bleiben dürfen, bis sie verständlicher werden. Ein Ort, an dem nicht sofort gehandelt werden muss, damit überhaupt wieder sinnvoll gehandelt werden kann.

Als Philosophin und Begleiterin verstehe ich meine Aufgabe nicht darin, Antworten vorzugeben. Ich verstehe sie darin, gemeinsam mit einem Menschen seine Fragen ernst zu nehmen. Ich höre zu, frage nach, ordne, spiegle, bringe philosophische Perspektiven ein, wo sie hilfreich sind. Nicht als Belehrung, sondern als Resonanzraum. Denn die Philosophie kann Worte geben, wo das eigene Erleben noch sprachlos ist. Sie kann unterscheiden helfen, wo alles ineinanderfällt. Sie kann Horizonte öffnen, wo das Denken eng geworden ist.

Dabei geht es nicht darum, das Leben vollständig zu erklären. Vielleicht wäre das sogar ein Missverständnis. Das Leben bleibt offen, verletzlich, manchmal widersprüchlich. Aber wir können lernen, bewusster darin zu stehen. Wir können lernen, unsere Fragen nicht als Schwäche zu sehen, sondern als Ausdruck unserer Lebendigkeit. Wir können lernen, dass Orientierung nicht bedeutet, immer sicher zu sein, sondern sich inmitten von Unsicherheit nicht ganz zu verlieren.

Eine Philosophische Praxis ist darum kein Ort für fertige Wahrheiten. Sie ist ein Ort für suchende Menschen. Für Menschen, die nicht nur funktionieren wollen. Für Menschen, die spüren, dass ihre Fragen Tiefe haben. Für Menschen, die ihr Leben nicht einfach bewältigen, sondern verstehen und gestalten möchten.

Vielleicht beginnt philosophische Begleitung genau dort: bei der Anerkennung, dass ein Mensch mehr ist als seine Symptome, seine Rollen, seine Leistungen, seine Krisen. Er ist ein fragendes, deutendes, handelndes Wesen. Ein Wesen, das nach Sinn sucht. Ein Wesen, das sich zur Welt verhalten muss und darin seine eigene Freiheit entdeckt.

Nicht jede Frage braucht sofort eine Antwort. Aber jede ernsthafte Frage verdient einen Raum, in dem sie gehört wird.

Lebenskunst: Die innere Burg

„Was ist also zu tun? Das Beste aus dem zu machen, was in unserer Macht liegt, und den Rest so zu nehmen, wie es von Natur aus geschieht.“ Epiktet

Als Menschen sind wir soziale Wesen und von anderen abhängig. Ohne sie entgeht uns alles, was uns zu Menschen macht, ohne Beziehungen bleiben wir und die Welt uns fremd. Nun reicht es nicht, dass da einfach andere Menschen sind, zwischen mir und diesen Menschen muss eine Verbindung entstehen, eine Beziehung, in der ich mich als mich angenommen fühle. Was, wenn das nicht klappt?

Du bist, wie du bist und du bist nicht genehm
Du bist, wer du bist, und du wirst nicht geseh’n.
Du wirst ausgemessen und sorgsam geprüft,
man schaut nur von aussen, mehr will man nicht seh’n.

Das reicht schon zu wissen, ob du wirklich passt.
Du denkst dir nichts Böses, du möchtest nur sein.
Und merkst ganz tief drin, ich gehör’ hier nicht rein.
Du fühlst dich alleine, verlassen und leer.

Du fühlst dich verloren, und möchtest weggeh’n.
Du stellst dir die Frage: «Wo soll ich nur hin?
Wo ist der Ort bloss, für mich, wie ich bin?»

Allen werde ich nie gefallen, danach zu streben hiesse, mich immer wieder selbst zu verletzen durch falsche Hoffnungen und Erwartungen und die darauffolgenden Enttäuschungen. Es bleibt wohl nur eines: Ich muss mir immer wieder klar werden, wer ich bin und was ich will und brauche im Leben. Und dann muss ich sehen, ob ich das in solcher Form kriege an dem Ort, wo ich bin, oder ob ich vielleicht am falschen Platz bin. Gäbe es einen passenderen? Vielleicht reichen auch schon kleine Anpassungen aus, um einen Ort zu einem passenden zu machen.

Auch helfen könnte, mir ein Schutzschild zu errichten, eine innere Burg, in der ich für mich geborgen bin, wenn ich mich im Aussen nicht mehr zurechtfinde. Eine Möglichkeit, mich zurückzuziehen, in mich zu gehen, bis ich wieder zur Besinnung komme: Ich bin, wie ich bin, und das ist gut so. Und dann trete ich wieder hervor und schaue, ob das auch noch andere finden. Und wenn ich mich auf die konzentriere, statt immer jene im Blick zu haben, die mich ablehnen, stehe ich plötzlich in einer Welt, in der ich mich wohlfühlen kann.

Lebenskunst: Leben aus tiefstem Herzen

„Gunst suchen ist erniedrigend:
erschreckend, wenn sie erlangt ist,
erschreckend, wenn sie verloren geht.“
Laotse (Tao Te King, 13)

„Was denken wohl die anderen?“ Ein Satz, der oft auf Gedanken kommen, was man eigentlich machen möchte, sich aber nicht traut und drum verbietet, weil man fürchtet, von anderen abgelehnt, belächelt, gar verstossen würde. Wie oft trauen wir uns nicht, unsere Sehnsüchte und Wünsche zu leben, passen und über Gebühr an, um anderen Erwartungen zu entsprechen. Wir unterdrücken unser ureigenstes Sein für Anerkennung, Ruhm, Geld, Macht – alles Dinge im aussen, die einem zugesprochen werden, wenn man systemkonform lebt. Ansonsten – so fürchtet man zumindest – steht man am Rand, im Dunkeln, ausgeschlossen. Wie sagte schon Brecht so schön:

„Die im Dunkeln sieht man nicht.“

Und so streben wir oft zum Licht des schönen Scheins, vergessen dabei unser inneres, das unseres Seins. Im Tarot gibt es die Karte des Narren, die Null. Sie symbolisiert Unwissenheit, stellt einen Anfang dar. Sie steht dafür, unbedarft in die Welt zu gehen, aus sich selbst heraus sich darin einzurichten mit seinen eigenen Wünschen, Sehnsüchten, (Lebens-)Träumen. Dazu braucht es Vertrauen, Vertrauen in sich, in die Welt und das Vertrauen, dass man als Ich in dieser Welt seinen Platz hat und findet. Denn: er steht jedem Wesen zu.

Wieso soll ich mir also nicht die Narrenfreiheit nehmen, mit Mut und Entschlossenheit das leben, was ich tief in mir drin bin und will? Ganz im Sinne von Udo Jürgens Lied:

„Heute beginnt der Rest deines Lebens.“

Lebenskunst: Mein Freund

Wenn ich an Freundschaft denken, denke ich zuerst an einen anderen Menschen. Doch was ist eigentlich mit mir selbst? Behandle ich mich selbst genauso gut, wie ich meinen Freund behandle? Wann habe ich das letzte Mal wirklich Zeit mit mir verbracht? Zeit, in der ich mich um mich kümmerte, mich hinterfragte? Behandle ich mich selbst immer mit Respekt oder sind da nicht doch viele abwertenden Sätze, mit denen ich mich martere? Sätze wie: „Das schaffe ich nicht.“, „Ich bin u blöd.“, Ich mache alles falsch.“ Vertraue ich in mich und meine Fähigkeiten oder bin ich von (Selbst-)Zweifeln zerfressen?

Diese Sätze haben  sich eingebrannt, sie sind Rückstände aus der Kindheit und werden zu Mustern, die meine Gegenwart massgeblich prägen. Durch sie wird mein Stellenwert bei mir so klein, dass ich es mir nicht wert bin, mein eigener Freund zu sein. Und ich lasse mich das immer hören – und auch spüren. Glaubenssätze wirken auf unsere Emotionen und die wirken auf den Körper. Oft verlieren wir den Zugang zu unseren Emotionen, wir fühlen nicht, was wir mit solchen Sätzen anrichten. Da kann der Gang über den Körper helfen. Einfach mal in diesen hineinspüren, fühlen, wie sich die Füsse, Beine, Hände, das Gesicht anfühlen. Wo sind Verspannungen, wie stehe ich am Boden? Etwas, das auf der Yogamatte passiert, das aber auch eine kleine Übung im Alltag sein kann, die den Zugang zu den eigenen Emotionen wieder herstellen kann. 

Und wenn ich dann sehe, was ich in mir anrichte, könnte ich mich fragen, was eine Freundin zu mir sagen würde – und es mir selbst sagen, als mein eigener bester Freund, der es gut mit mir meint. Diese Freundschaft möchte ich mir wert sein.

Schaffst du es, dein eigener Freund zu sein?

Lebenskunst: Vertrauen statt Zweifeln

„Lenke deine Energien mehr und mehr in dein Vertrauen und deine Liebe – denn die Energie, die zu Zweifel wird, ist die gleiche Energie, die zu Vertrauen wird.“ Osho

Und plötzlich ist da diese Idee. Du willst etwas machen und malst dir alles in den buntesten Farben aus. Und dann kommen sie: die leisen und immer lauter werdenden Stimmen, die überall Probleme sehen, die alles in Zweifel ziehen, die eine Hürde nach der anderen sehen und einem Gelingen kaum mehr Chancen geben. Es sind die Stimmen der Angst vor dem Scheitern, die Stimmen, die alles im Keime ersticken, was gross werden könnte. Es sind die Stimmen, die Risikos vermeiden wollen um der Sicherheit willen – die eigentlich der Tod alles Lebendigen ist.

Wie viele Träume hast du schon nicht verwirklicht, wie viele Wege bist du nicht gegangen aus Angst, sie könnten in die Irre führen? Wie viele Entscheidungen hast du nicht getroffen, nur um später zurückzuschauen und zu denken: Hätte ich doch… Und wieso? Um keinen Fehler zu machen? Nicht zu „scheitern“? Was wäre so schlimm? Was wäre das Schlimmste, das passieren könnte, wenn etwas misslingt?

Oft fürchten wir einen Gesichtsverlust oder fürchten, etwas zu verlieren bei der falschen Entscheidung. Nur: Ohne Entscheidung verlieren wir mehr: Unser Vertrauen in uns, unseren Glauben an unsere Möglichkeit, unser Leben zu gestalten, und: Unsere Freiheit. Zweifel sind die Stäbe eines selbstgebauten Gefängnisses, Vertrauen ist der Boden, auf dem wir stehen und aus diesem hinauswachsen können.

Zweifel unterdrücken zu wollen, bringt nichts, sie werden tief drin weiter wüten. Aber wir können anfangen, Möglichkeiten zu sehen statt Hindernisse, können Wege finden statt Blockaden. Und dann machen wir den ersten Schritt. Und den nächsten. Und irgendwann kommen wir am Ziel an. Vielleicht ist es sogar ein anderes als geplant, aber es ist eines, das wir mutig erreicht haben.

Lebenskunst: Was andere denken

Viele haben es wohl auch schon als Kind gehört: «Was denken die anderen, wenn du dich so verhältst.» Es war damit klar, dass ich nicht in Ordnung bin und mein Verhalten nicht nur von meinem Vater, sondern auch von denen rundum missbilligt würde. Es war ebenso klar, dass dies zu vermeiden sei. Als brave Tochter bemühte ich mich redlich, doch nicht nur das: Ich nahm den Satz mit in mein Leben und er sprach in vielen Situationen quasi aus dem Off zu mir. Da ich wie wohl alle Menschen angenommen und akzeptiert werden wollte, verkniff ich mir vieles lieber, als Ausgrenzung riskierte. Bloss nicht zu laut sein, bloss nicht negativ auffallen, es bloss allen recht machen, lautete die Devise. Doch wozu?

Indem ich mich immer zurücknahm, vergab ich mir nicht nur die Chance, aus vollem Herzen selbst zu leben, ich zeigte mich anderen auch nicht. Oft wirkte ich aus der eigenen Unsicherheit heraus eher arrogant, als wolle ich nicht mit anderen sprechen. Dass ich mich nicht traute aus der Angst heraus, einen Fehler zu machen, nahm keiner an. Die Strategie ging also nicht auf. Doch was dann?

Ich habe erkannt, dass es bei Lichte betrachtet egal ist, was andere denken, denn diese Gedanken haben weder einen Einfluss auf meine Gesundheit noch auf mein Wohlbefinden – das haben nur meine eigenen. Auch die Angst, dass sie mir etwas vorspielen, mich aber nicht mögen, ist unbegründet, denn wenn ich nichts davon merke, tangiert es mich nicht – auch das tun nur meine Gedanken. Zudem: Indem ich die ganze Zeit denke, was andere denken, und mich mit mir befasse, gehe ich ziemlich egozentrisch durch die Welt. Indem ich die Aufmerksamkeit mehr nach aussen auf die anderen richte, mich ehrlich für sie und was sie zu sagen haben, interessiere, trete ich in Beziehung. Und das ist es doch, was ich eigentlich will.

Und sollte mir doch mal zu Ohren kommen, dass jemand negativ über mich sprach, halte ich es mit Epiktet, da Humor immer eine gute Lösung ist:

«Wenn dir jemand mitteilt, dir sage jemand Böses nach, dann rechtfertige dich nicht, sondern antworte: Er kannte wohl meine anderen Fehler nicht; denn sonst würde er nicht nur diese hier erwähnen.»

Fragst du dich oft, was andere von dir denken?

Lebenskunst: Eigenarten

«Schön, ist es auf der Welt zu sein, sagt der Igel zu dem Stachelschwein.»

Ich mag Menschen. Ich liebe gemeinsame Essen an grossen Tafeln mit angeregten Gesprächen, ich liebe die vertraulichen und tiefen Momente mit einer Freundin. Ich liebe auch spontane Begegnungen mit eigentlich fremden Menschen, mit denen plötzlich ein Austausch entsteht. Es gibt aber Momente, da mag ich keine Menschen um mich haben. Da suche ich die Einsamkeit, suche die Stille, die Zeit nur für mich. Ich mag in diesen Momenten nicht gestört werden, will versinken können in ihnen, um dann wieder wie frisch gestärkt aus ihnen zu steigen und mich unter die Menschen zu mischen. 

Manchmal finde ich es schwer, mir diese Zeit zu nehmen, weil ich merke, dass manche Menschen dieses Bedürfnis (in dieser Ausgeprägtheit) nicht verstehen. Ich habe ich oft gefragt, ob ich irgendwie eigenartig bin, komisch, nicht in diese Welt passend. Ich bin zum Schluss gekommen, dass ich in der Tat eigenartig bin – wie jeder andere auch. Der Wunsch, in dieser Eigenartigkeit akzeptiert zu werden, ist gross, aber ich kann es nicht erwarten. Mir deswegen aber zu versagen, nach meinen Bedürfnissen zu leben, ist der falsche Schluss, denn das wird zu nichts Gutem führen. Ich werde mich zunehmend unwohler und dadurch gereizter fühlen, nur um zu merken, dass ich mit einem Menschen, der mich mit meinen Eigenarten nicht akzeptieren kann, nie auf einer Linie sein werde. Zudem führt die so entstehende Unzufriedenheit oft auch zu Konflikten, weil ich aus ihr heraus reagiere und nicht mehr auf konkrete Situationen. 

Der Weg dahin war nicht leicht, er war manchmal schmerzhaft, aber wichtig. Es war ein Weg hin zu mir, zum Wissen, dass ich Grenzen setzen darf, dass meine Bedürfnisse etwas zählen und ich es (mir) wert bin, sie zu leben.

Fällt es dir leicht, zu deinen Bedürfnissen zu stehen? 

Philosophie fürs Leben

„Was nutzt das ganze Philosophiestudium, wenn für Sie nichts dabei herauskommt als die Fähigkeit, halbwegs überzeugend über irgendeine abstruse Frage der Logik etc. zu reden, und wenn es Ihre Denkweise über die wichtigen Fragen des Alltags nicht verbessert […]» Ludwig Wittgenstein

Diese Frage habe ich mir auch oft gestellt, wenn ich Sätze las, die nach dreimaligem Lesen unverständlich blieben, sich nach fünfmaligem als Nichtssagend herausstellten, die aber dabei unglaublich gebildet klangen. Es kam mir oft so vor, als wollten sich da Menschen mit Gelehrtheit brillieren, indem sie sich so ausdrücken, dass keiner es versteht und alle denken, wie klug der doch sein müsse, sich so unverständlich auszudrücken, weil man davon ausging, dass er verstanden hat, was er sagte. 

Philosophie war ursprünglich als ein Weg gedacht, das Leben lebenswerter zu machen, dem Lebenden Mittel an die Hand zu geben, mit denen er sein Leben von unnötigem Leid befreien kann. Dieser Gedanke zieht sich in der Antike durch alle Philosophien und irgendwann scheinen wir ihn im Laufe der Zeit verloren zu haben. Gerade in schwierigen Zeiten finde ich es wichtig, sich wieder daran zu erinnern und die Philosophie zurück ins Leben zu holen. Denn: Was nützt alle Weisheit und alles Gebildetsein, wenn sie nicht dem Leben dient? Sonst werden wir zu blossen Gefässen für Inhalte, statt zu lebensklugen Akteuren in unserem eigenen Leben. 

Tagesgedanken: Umgang mit Kränkungen

Wie reagierst du, wenn dich jemand beleidigt? Was fühlst du, wenn du dich gekränkt fühlst? Was sind deine Reaktionsmuster auf Kränkungen? Oft neigen wir dazu, beleidigt zu reagieren, wenn und jemand ungerecht behandelt, beleidigt oder sonst kränkt. Wir nehmen dem anderen sein Verhalten übel und fühlen uns zurückgesetzt. In uns werden Sätze laut wie «mit mir nicht» und «was bildet der sich eigentlich ein?». Zorn breitet sich aus, Wut brodelt, der Gedanke, sich zu wehren, kommt auf – schliesslich kann man ja nicht alles auf sich sitzen lassen.

„Wenn du deinen Hass und deinen Zorn schürst, verbrennst du dich selbst.“ Thich Nhat Hanh

Was mache ich damit eigentlich? Dem anderen ist unter Umständen nicht mal bewusst, dass er mich gekränkt hat. Er hat seine Ziele verfolgt, etwas gesagt, das bei anderen nichts ausgelöst hätte, bei mir aber eine ganze Wellte ausgelöst hat. Indem ich nun hadere und zürne, meinen Zorn entfache, stosse ich den Stachel der Beleidigung immer tiefer in mich selbst, während der andere unter Umständen nichts davon weiss und friedlich weiterlebt.

«Sei dir dessen bewusst, dass nicht derjenige dich verletzt, der dich beschimpft oder schlägt; es ist vielmehr deine Meinung, dass diese Leute dich verletzten.» (Epiktet)

Das Unrecht ist passiert, ich kann es nicht ändern. Ich kann aber meine Haltung dazu ändern und akzeptieren, dass es passiert ist, wie so vieles anderes auch passiert. Ich kann mich darin üben, es auch wieder aus den Gedanken loszulassen, statt es ständig weiter zu tragen und damit meine Wut zu schüren.

Und: Wenn ich doch etwas daran ändern kann, sollte ich es besser sachlich und in angemessenem Stil tun, nicht im Affekt aus einer Wut heraus. Wut ist nicht nur schlecht, sie kann auch Positives bewirken, indem sie Energien freisetzt. Allerdings sollte sie nicht immer tiefer gehen, sondern erkannt und dann auch wieder losgelassen. Dadurch stellt sich die eigene Seelenruhe wieder ein, das höchste Ziel der Stoiker.

«Wer das Elend bereits erwartet, beraubt es seiner gegenwärtigen Macht.» (Seneca)

Man kann aber schon vor der effektiven Kränkung etwas tun, um im Umgang mit negativen Gefühlen gelassener zu werden: Im Buddhismus gibt es die Sicht auf das Leben, die besagt, dass Leben immer auch Leiden bedeutet. Diese Sicht vertreten auch die Stoiker. Seneca ging so weit zu sagen, dass man sich jeden Morgen, bevor man das Haus verlässt, sagen soll, dass man bestimmt drei üble Menschen treffen wird heute, aber auch 15, mit denen sich ein schöner Austausch einstellt. Diese Form von negativer Visualisierung kann helfen, den Tag gelassener anzugehen, weil man nicht mit Idealvorstellungen loszieht, sondern den Dingen gelassen ihren Lauf lässt.

«Verlange nicht, dass alles so geschieht, wie du es wünschest, sondern wolle, dass alles so geschieht, wie es geschieht, und es wird dir gut gehen.» (Epiktet)

Lebenskunst: Mich im anderen finden

«Sage mir, mit wem du umgehst, so sage ich dir, wer du bist; weiss ich, womit du dich beschäftigst, so weiss ich, was aus dir werden kann.»

Goethe greift hier in seinem Wilhelm Meister eine tiefe Wahrheit über unser Sein auf: Wir sind geprägt durch unsere Umwelt – und dies mehr, als uns wohl oft bewusst ist. Menschen brauchen andere Menschen, um eine Identität auszubilden. Erst im Umgang mit anderen erfahren wir, wer wir sind, weil wir anhand ihrer Reaktionen auf unser Verhalten merken, wie sie uns sehen. Das alles fängt gleich nach der Geburt an und hört das ganze Leben nicht mehr auf.

Schon Babys reagieren auf das Verhalten ihrer Umgebung. Wenn jemand lächelt, lächeln sie zurück. Wenn sie etwas tun und eine entsprechende Reaktion erhalten, verinnerlichen sie diese und lernen, wie sie sich künftig zu verhalten haben. Das Verinnerlichen von Verhaltensmustern, von Wertmassstäben, die Reaktionen aus dem Umfeld zugrunde liegen, bilden ein inneres Diagnoseprogramm aus. Die Gesellschaft mitsamt ihren Erwartungen und Werten tritt quasi in mich ein und wirkt nun von innen heraus, indem ich selbst mein eigenes Verhalten bewerten kann anhand der erlernten Massstäbe. Indem ich einerseits handle als Ich, andererseits dieses Handeln selbst beurteilen kann, bildet sich ein Selbst-Bewusstsein, und damit meine Identität.

George H. Mead hat sich intensiv mit dem Thema Identität und Gesellschaft befasst. Er kam zum Schluss, dass sich Identität nur dann ausbildet, wenn wir uns in andere hineinfühlen können, wenn wir in der Lage sind, fremde Perspektiven einzunehmen. Mead spricht damit an, was im Buddhismus als Mitgefühl bekannt ist: Mit-Fühlen, was der andere fühlt.

«Wir müssen an der Fähigkeit arbeiten, uns einzufühlen, uns berühren zu lassen und uns unseren eigenen Schmerzen und Schwierigkeiten oder denen anderer Menschen empathisch zuzuwenden.»[1]

In Verbindung treten durch mein empfundenes Verständnis für sein Sein und Fühlen. Damit ist Mitgefühl eine wichtige Eigenschaft im Umgang mit anderen, und es ist auch für unsere eigene Selbsterkenntnis fundamental. Nur wenn ich mich dem anderen öffne, ihn wahrnehme, mich in ihn hineinfühle, kann ich zu einem Verständnis meiner selbst kommen. Und so kommen wir uns alle etwas näher, gegenseitig und für uns selbst. 

Wer bin ich also? Ich bin die Summe meiner Erfahrungen und der daraus verinnerlichten sozialen Erwartungshaltungen, die sich in meinem Verhalten ausdrücken. Ich werde zu dem, der ich bin, durch das, was ich im Aussen erfahre und verinnerliche. Im Wissen darum ist es umso wichtiger, denke ich, das für einen passende, einem entsprechende Umfeld zu finden, denn nur damit wird es gelingen, zu dem Ich zu werden, das man sein will.   


[1] Gilbert & Choden: Achtsames Mitgefühl. Ein kraftvoller Weg, das Leben zu verwandeln

Lebenskunst: Eigene Grenzen erkennen

«So ist das Wichtigste im Leben, die Dinge zu unterscheiden und sich klarzumachen: Äussere Ereignisse habe ich nicht in der Hand, aber meine Entscheidungen zu den Ereignissen habe ich sehr wohl in der Hand.» Epiktet

Wenn die Dinge nicht so laufen, wie wir das gerne hätten, neigen wir dazu, uns zu ärgern, mit dem Schicksal zu hadern, uns aufzuregen. Dies passiert auf allen Ebenen: Wir haben ein Grillfest geplant und das Wetter schlägt um, der Autofahrer vor uns findet den zweiten Gang nicht, auf alle Fälle lässt sein Fahrstil darauf schliessen, ein Bekannter hat uns beleidigt –  und vieles mehr. Nur: Wir haben das Wetter nicht in der Hand, der Fahrer vor uns hört unser Fluchen und Toben nicht und den Bekannten können wir nicht erziehen. Ein Sprichwort lautet:

„Was kümmert es den Mond, wenn ihn ein Hund anbellt“

 Die Antwort ist offensichtlich. Und: Wir sollten sein, wie der Mond: Was uns von aussen zufällt, sind bellende Hunde. Sie sind da, sie werden immer da sein, wir können das nicht beeinflussen. Wir können uns aufregen oder im Bewusstsein, dass all das nicht in unserer Macht liegt, versuchen, es anzunehmen und das Beste aus der Situation zu machen. Das liegt in unserer Hand: unsere Reaktion auf diese Hunde.

Wenn das von aussen Kommende von Menschen stammt, kann es auch helfen, wenn wir uns vor Augen führen, dass wir nicht wissen, wieso diese Menschen so sind und handeln, wie sie es tun. Wir alle sind Menschen mit Eigenheiten und Eigenarten, mit guten und schlechten Tagen, mit Stärken und Schwächen. Andere zu verurteilen, zeugt von Überheblichkeit. Wir spielen uns zum Richter auf, vergessen dabei unsere eigene unvollkommene Menschennatur. Mit mehr Mitmenschlichkeit und Verständnis fiele es leichter, die ungewünschten Verhaltensweisen anzunehmen. Und dann könnte all das auch nicht zum eigenen Leid werden. 

Das alles hat nichts mit Gleichgültigkeit oder gar Gefühlskälte zu tun, im Gegenteil: Es ist ein Akt der Selbstsorge, denn das Leid, das wir uns durch affektive Reaktionen zufügen, schadet nur einem: Uns selbst.