„Auf alles, was der Mensch vornimmt, muß er seine ungeteilte Aufmerksamkeit oder sein Ich richten.“ Novalis

Geht es dir auch so, dass du ab und an tausend Dinge aufs Mal machst, ganz vieles mal schnell nebenher erledigst? Das mag bei einigen Routinedingen gut funktionieren, auch wenn es Studien gibt, dass man gar nicht effizienter ist, wenn man die Dinge gleichzeitig statt hintereinander macht (und ob es einem wirklich gut tut, ist die andere Frage).

Wenn du aber ein Ziel hast, etwas wirklich willst, musst du es mit ganzem Engagement und voller Aufmerksamkeit verfolgen. Was man nur halbherzig verfolgt, kommt meist auch genau so raus: halbpatzig. Es ist einerseits ein Ausdruck deines Wunsches, etwas zu erreichen, wenn du dich diesem voll widmest. Andererseits gibst du dem Wunsch erst durch deinen Einsatz auch den Wert, von dem du behauptest, dass er ihn hat für dich.

Wenn du also ein Ziel hast, setze deine ganze Energie in dessen Verfolgung. Nur so gibst du wirklich alles, was du kannst, um es zu erreichen.

„Warum uns das Plötzliche oft überrascht? …Weil uns das Allmähliche entging.“ Otto Weiß

Wer hat nicht schon einen guten Freund, dessen Beziehung gerade in Brüche ging, klagen hören, dass er es nicht hätte kommen sehen? Und wer fiel dabei nicht auch schon selber aus allen Wolken und dachte, dass das wirklich nicht abzusehen war? All die kleinen Blicke, die spitzigen Bemerkungen, die leisen Unzufriedenheiten gingen unter. Und aus dem Nichts quasi kommt der Bruch.

Wenn du mit deinem Partner sprichst, hörst du ihm wirklich zu? Wenn ihr das gemeinsame Leben plant, habt ihr wirklich beide eine Stimme? Bist du zufrieden mit deinem Leben? Ist es dein Partner? Was weisst du eigentlich über euch beide? Wann hast du das letzte Mal genau in dich gehört? Und ihm zu?

Veränderungen kommen oft schleichend und werden uns so oft nicht bewusst. Das geschieht einerseits aus unserem Eingespanntsein in die Hektik des Alltags, aber auch, weil wir gar nicht genau hinschauen wollen: Es könnte uns nicht gefallen, was wir sehen, so dass wir lieber in der Illusion verharren, dass alles gut ist. Bis sie sich nicht mehr aufrecht erhalten lässt.

Nur: Früh genug hingeschaut, hätte man noch vielleicht einiges noch in der Hand gehabt, irgendwann ist es zu spät.

„Ein Mensch ohne Aufmerksamkeit ist gar nicht geschickt, in der Welt zu leben.“ Philip Stanhope, 4. Earl of Chesterfield

Wer ist nicht schon über eine Schwelle gestolpert oder hat etwas fallen gelassen? Wir nennen sie die kleinen Missgeschicke des Alltags, tun sie mit einem Lachen ab und leben weiter wie bisher – es sei denn, es passiert ein schwerer Unfall aus so einem Missgeschick heraus.

Worauf aber gründen diese Missgeschicke? Sie sind die Folgen unserer Unachtsamkeit: Wir laufen durch die Welt und beachten sie nicht, weil wir im Geist ganz woanders sind. Wir sehen weder die Schwellen unter unseren Füssen noch die Pfosten vor unseren Köpfen. Wer schon Menschen mit ihren Handies durch die Strassen laufen sah, wird sich darüber nicht wundern.

Wieso aber denken wir, geistig immer wo anders sein zu müssen als wir sind? Wenn wir einen Ausflug machen, teilen wir das auf Facebook Freunden mit, sind also eigentlich im Geiste bei denen. Wieder zu Hause denken wir an den Ausflug zurück, trauern ihm nach, weil er schon vorbei ist. Und so leben wir eigentlich nie wirklich im Hier und Jetzt, sondern befinden uns ständig an verschiedenen Orten körperlich und geistig.

Wie wäre es, das genau heute mal zu ändern?

„Wie viele Freuden werden zertreten, weil die Menschen meist nur in die Höhe gucken und, was zu ihren Füßen liegt, nicht achten.“ (Johann Wolfgang von Goethe)

„Dream big“ – Egal ob Werbung, Lebensratgeber oder Lebenscoachs, alle rufen zum gleichen auf: Denke gross, wünsche viel, strebe nach mehr und Höherem. Und ja, wir sind dafür empfänglich, wollen wir doch selber das ganz grosse Glück. Was wir dabei oft übersehen, sind die kleinen Freuden. Sie, die eigentlich das Leben ausmachen und die diesem so viel Schönheit geben können.

Es spricht nichts gegen hohe Ziele, sie können beflügeln. Wenn wir aber nur nach dem Hohen und Grossen streben, bleibt uns vieles verwehrt. All die kleinen Alltagsfreuden werden untergehen in deren Schatten. Und sind es nicht oft die kleinen Dinge, welche die grössten Freuden mit sich bringen?

Menschen, gefragt, wie sie ihren letzten Tag verbringen wollten, wüssten sie, dass der Tod wartet, wünschen sich oft einen ganz normalen Tag inmitten ihrer Freunde. Nichts Grosses, nichts Spektakuläres, einfach leben. Das könnten wir jeden Tag tun und uns daran freuen. Heute wäre ein guter Tag dazu.

„Viele gehen durch die Gassen, und nur wenige schauen zu den Sternen auf.“ (Oscar Wilde)

Wenn wir Probleme haben, neigen wir dazu, nur noch dieses Problem zu sehen. Unsere Gedanken drehen sich, rauben uns oft den Schlaf. Und indem die Welt so geprägt von diesen Problemen ist, erscheint sie uns dunkel, wir fühlen uns wie in einem tiefen Tal oder einer engen dunklen Gasse – im schlimmsten Fall gar Sackgasse.

Doch: Über jedem noch so tiefen Tal, über jeder noch so dunklen Gasse hängt ein Himmel. Tagsüber scheint die Sonne, nachts funkeln Sterne. Es gibt also Licht im Dunkel, wir müssen es nur sehen.

Wenn wieder einmal alles dunkel erscheint, schau, wohin du schaust. Vielleicht ändert nur schon eine Änderung der Blickrichtung deinen Eindruck.

„Das Denken ist die Basis von allem. Es ist wichtig, dass wir jeden unserer Gedanken mit dem Auge der Achtsamkeit erfassen.“ (Thich Nhat Hanh)

Wie viele Gedanken rasen täglich durch unseren Kopf und wir nehmen sie nicht bewusst wahr? Das fällt einem spätestens dann auf, wenn wir uns sich ruhig hinsetzen und denken, mal nicht denken zu wollen – der Widerspruch in sich entlarvt sich sofort. Auch wer nicht meditiert, hat die unendlich schwirrenden Gedanken sicher schon kennengelernt: In schlaflosen Nächte, in denen man versucht, das Hirn abzuschalten und die Gedanken statt dessen immer schneller drehen.

Wenn wir mal bewusst hinschauen, was wir denken, sehen wir, wie wir die Welt wahrnehmen – und auch uns. Wie oft laufen innerlich Monologe ab, die nur dazu da sind, uns selber und die Welt um uns zu bewerten? Wie oft vergiften wir uns innerlich mit negativen Gedanken?

Wenn die Welt uns mal wieder düster vorkommt, wir mit uns hadern, haben wir ein wunderbares Mittel in der Hand, unsere Sicht auf die Welt zu ändern: Indem wir uns bewusst werden, was sich in unserem Kopf abspielt, welche Gedanken wir denken. Es sind selten die Dinge an sich, die sind wie sie sind, es ist unsere Haltung zu den Dingen. Die haben wir in der Hand.

„Achtsamkeit ist nichts anderes als Aufmerksamkeit. Eine Haltung des Gewahrseins voller Respekt und frei von Wertungen.“ (Jack Kornfield)

Es gibt das Sprichwort, dass man keine zweite Chance für einen ersten Eindruck hat. Ist der Eindruck mal da, das Urteil gefällt, findet selten eine zweite Überprüfung statt. So laufen wir durch die Welt, welche wir eingeteilt haben in gut und böse, hässlich und schön. Wir bewerten die Dinge danach, ob wir sie haben wollen oder meiden, rennen dem einen nach, vor dem anderen weg.

In vielen Fällen mag diese Haltung durchaus sinnvoll sein, da sie uns Zeit spart. Wir müssen nicht jedes Mal neu bewerten, ob die Herdplatte heiss ist, wir wissen es nach einem Versuch, und rühren sie nicht mehr an. In anderen Fällen entgeht und vielleicht viel Schönes, weil wir den Blick verschliessen und nicht mehr hinschauen. Vielleicht hatte ein Mensch beim ersten Treffen nur einen schlechten Tag, wäre nun ein wunderbarer Freund? Vielleicht war das Gemüse beim ersten Versuch nur schlecht gekocht, könnte nun unsere Lieblingsspeise werden? Erfahren werden wir es nur, wenn wir aufmerksam durchs Leben gehen, die Dinge mit offenem und neuem Blick sehen.