Tagesgedanken: Schöpfer meiner Welt

Bei Heinz von Förster las ich mal, ein Baum, der umfalle, mache kein Geräusch, wenn es keiner hört. Das widersprach allem, was ich logisch fand. Das Geräusch, so dachte ich, hängt ja nicht von meinem Hören ab, sondern vom Umfallen. Nicht ich produziere dieses Geräusch, sondern der Baum. Er gleitet durch die Luft, trifft beim Fallen auf andere Äste, schlägt auf dem Boden auf. All das produziert Geräusche. So gedacht, käme es nicht drauf an, ob ich da bin, es zu hören, oder nicht. Ich war überzeugt. Doch stimmt das wirklich? Existiert ein Geräusch, das keiner hört?

Simone de Beauvoir hatte den gleichen Gedanken in ihrem Roman «Sie kam und blieb»:

«Wenn sie nicht da war, existierte alles das, der Staub, das Halbdunkel, die trostlose Öde für niemand, es existierte überhaupt nicht… Solche Macht hatte sie: ihre Gegenwart riss die Dinge aus ihrem Nichtsein heraus, gab ihnen Farbe und Duft.»

Ist da also eine Welt, in die wir geboren werden und die wir sehen, wie sie ist, oder erschaffen wir durch unser Dasein, durch unsere Wahrnehmung die Welt erst? Ich für mich denke noch immer, dass alles da ist, egal ob ich es wahrnehme oder nicht. Meine Präsenz ist nicht ausschlaggebend für die Präsenz anderer Dinge. Ich denke aber auch, dass es so, wie ich es wahrnehme, nur ist, weil ich es wahrnehme. Ein anderer würde es anders wahrnehmen und damit eine andere Welt vorfinden als ich das tue. Insofern gibt es eigentlich ganz viele Welten, für jeden die selbst wahrgenommene. Und doch sind all diese Welten die eine Welt, die wir uns teilen. 

So oder so finde ich den Gedanken, dass wir der Schöpfer unserer Welt sind, wertvoll, denn er zeigt uns, dass wir die Welt auch verändern können, indem wir unseren Blick auf sie verändern, indem wir eine andere Perspektive einnehmen. Durch die Möglichkeit verschiedener Sichtweisen schaffen wir mehr Offenheit in unserer eigenen Wahrnehmung. Zusätzlich kann es uns auch zugänglicher machen für den Gedanken, dass andere Menschen genau wie wir die Schöpfer ihrer Welt sind, und dass diese, ihre Welt, auch wenn sie sich von unserer unterscheidet, die gleiche Berechtigung hat wie unsere. Ist es nicht auch spannend, mehr über die fremden Welten zu erfahren, als sich in der eigenen kleinen Welt zu verschanzen?

Lebenskunst: Prioritäten setzen

„Das einzig Wichtige im Leben sind die Spuren der Liebe, die wir hinterlassen, wenn wir gehen. „(Albert Schweitzer)

Kürzlich sprach ich mit einer Freundin und sie erzählte mir vom Tod ihres Vaters. Sie erzählte von der Trauer und dem grossen Gefühl des Verpassten, das sie bis heute, viele Jahre nach dem Tod, belastete. Wie viel hätte sie noch mit ihrem Vater machen wollen, es aber immer aufgeschoben, weil sie zu viel Arbeit und zu viele Termine hatte. Nie fand sie die Zeit, ihn zu besuchen. Und dann starb er. Aus heiterem Himmel. Und all die Pläne für Gemeinsamkeiten waren hinfällig, sie würden nie mehr umgesetzt werden können. Zurück blieben Wehmut und das nagende Gefühl: Wieso habe ich mir die Zeit nicht genommen.

Wie oft setzen wir die Prioritäten im Leben falsch oder gar nicht, indem wir einfach alltäglichen Dingen hinterherrennen und daneben verpassen, was uns eigentlich wichtig wäre. Wie oft wissen wir gar nicht so genau, was überhaupt wichtig wäre, da wir zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt sind. Wir rennen Erfolg, Geld, Ruhm, Macht, Besitz nach, versprechen uns davon Glück und das gute Gefühl, etwas zu gelten in dieser Gesellschaft. Wir streben immer höher, weiter, alles soll besser werden, vergessen dabei, dass vieles schon gut wäre, wenn wir es nur sehen würden. Doch dazu fehlt uns die Zeit.

Und manchmal öffnet sich ein kleiner Spalt in diesem Tunneldasein, ein wenig Licht dringt hinein und wir sehen, was wir eigentlich gerne würden. Und wir halten kurz inne, denken, dass es schön wäre, schieben es in die Zukunft, und machen wieder weiter in unserem Hamsterrad. Wozu? Spätestens wenn wir merken, dass wir nicht glücklich sind, dass wir immer müder werden, müssten wir doch ausbrechen und uns wieder darauf besinnen, dass es nicht mehr Geld und Erfolg sind, die Glück verheissen, sondern Beziehungen zu Menschen, gemeinsame Erlebnisse, das Teilen von Lebenszeit mit denen, die man liebt.

Tagesgedanken: Autonomie

«Autonom ist (…), wer für seine Überzeugungen einsteht, obwohl diese gerade verpönt oder gar verboten sind, (…) wer ganz einfach seinen eigenen Kopf hat.» (Plauen, Welzer)

Ich mochte es noch nie, wenn man mir sagt, was ich zu tun habe. Ich wollte immer selbst entscheiden, wie ich mich verhalte, was ich tun oder lassen will, wie mein Leben aussehen soll. Dass man damit auch oft aneckt oder nicht jedermanns Liebling ist, liegt auf der Hand. Das war mir zwar (leider) nie gleichgültig (im Gegenteil, ich haderte damit recht oft), doch konnte ich es nicht ändern. Versuchte ich zu sehr, mich fremden Wünschen und Ansprüchen unterzuordnen, wurde ich nicht nur unzufrieden, sondern auch wirklich unleidlich. Das mich Verbiegen nagte so sehr an mir, dass meine Nerven blank und blanker lagen, bis ich förmlich explodierte. 

Ich habe mich oft gefragt, wieso es nicht möglich ist, dass jeder so angenommen wird, wie er ist, wieso so viele Erwartungen in einen gesetzt werden, wie man sein sollte (nämlich am besten so, wie der andere einen gerne hätte), dass vom eigenen Ich wenig übrigbleibt. Nun leben wir in unserer westlichen, demokratischen Welt durchaus in einer Gesellschaft, die Autonomie hochhält, was ein grosses Privileg ist gegenüber totalitären Staaten, und doch bildet gerade diese Gesellschaft immer noch Menschen aus, die Konformität leben – weil in dieser der grösste Schutz für die Gesellschaft mit ihren Werten und ihrem Wachstumsstreben gesehen wird. Ein Paradox in sich. 

Es ist mitunter einfacher, sich einfach in gegebene Systeme einzufügen, denn diese nehmen uns die eigenen Entscheidungen ab, es besteht die Gewissheit, sicher das Geforderte zu tun und damit „dazuzugehören“. Dass wir damit aber unsere Autonomie und so auch unsere Freiheit aufgeben, ist uns oft nicht bewusst. Vieles davon läuft unbewusst ab, es sind einstudierte Abläufe, eingeprägte Muster, erlernte Verhaltensweisen. Und ja, manchmal ist Konformität richtig und wichtig, leben wir doch in einer Gesellschaft, die ein Miteinander sein will und soll, wozu gewisse Sicherheiten gewahrt werden müssen. Wichtig ist aber, genau hinzusehen, wo Konformität richtig ist und wo wir die eigene Autonomie verteidigen und leben müssen, um unser eigener Herr zu sein, Steuermann im eigenen Leben zu bleiben. 

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Buchtipp: Michael Pauen, Harald Welzer: Autonomie. Eine Verteidigung

Tagesgedanken: Visionen

Kürzlich sagte ich, dass ich hoffe, dass wir nie wieder in eine Situation kommen werden, in welcher soziale Isolation als Lösung für ein Problem gesehen wird, in der man nicht beachtet, dass Menschen, um leben und nicht nur überleben zu können, andere Menschen, Beziehungen, Begegnungen, Berührungen brauchen. Da wurde mir folgende Frage gestellt:

«Woher nimmst du diese Hoffnung?»

Es war zwar als Frage formuliert und doch schoss mir aus jedem Wort der Unglaube entgegen, dass sie berechtigt sein könnte. Hinter der Frage stand offensichtlich die Einschätzung: Wie kann man so naiv sein, so etwas zu hoffen. 

«Nicht weil es schwer ist, wagen wir es nicht, weil wir es nicht wagen, ist es schwer.»

Es mag oft schwer sein, die Hoffnung zu bewahren, dass es besser wird, wenn die Vergangenheit immer wieder zeigte, dass eher das Gegenteil davon eingetreten ist. Und doch: Was bleibt, wenn wir nicht einmal mehr die Hoffnung haben? Wie sollen wir weiterleben? Nun ist mit Hoffnung nicht eine blinde Illusion, ein blosses Schöndenken und -reden gemeint. Gemeint ist, noch Visionen zu haben von einer Welt, wie wir sie uns wünschen, und daran zu glauben, dass sie möglich sein kann – dass wir vielleicht auch unseren Beitrag dazu leisten können, dass sie möglich wird.

Ernst Bloch schrieb einst, dass eine Vision das Noch-nicht-Seiende sei. Selbst wenn Dinge gross erscheinen, auch wenn sie fast unmöglich erscheinen: Sie sind denkbar und sie sind wünschenswert. Wieso also gleich aufgeben? Wieso die Vision nicht pflegen, hinschauen, was es braucht, sie zu verwirklichen, daran glauben, dass Dinge sich verändern können, dass der Mensch lernfähig ist, die Welt sich zum Besseren hin wandeln kann? Solche Dinge sind durchaus schon passiert. Wieso nicht wieder?

Wie muss eine Welt aussehen, in der wir uns zuhause fühlen? Was brauchen wir, um ganz Mensch zu sein, um ganz wir selbst zu sein? In dieser Welt müssten unsere grundlegenden Bedürfnisse erfüllt sein. Wir müssten uns in dieser Welt eingebettet fühlen, akzeptiert und angenommen – als die, die wir sind. Wir wünschen uns eine Welt, die einen gesunden und fruchtbaren Boden schafft für unser Menschsein, die einen Raum von Toleranz und gegenseitiger Anerkennung bereitet, in welchem wir uns entfalten können, ohne uns zu verbiegen. 

Und ja, diese Vision einer besseren Welt, diese Hoffnung, dass sie möglich ist, mag naiv klingen, utopisch auch, und doch möchte ich beides haben. Was wäre die Alternative? Für mich undenkbar. Mir ist klar, dass ich die Welt nicht im Ganzen retten oder nur schon verändern werde, aber ich kann versuchen, zumindest mein Umfeld (vielleicht in immer grösseren Kreisen) so zu gestalten, dass es meiner Vision für dieses Leben nahe kommt.

Das Äussern von Visionen ist neben allem anderen ja immer auch ein Ausdruck dessen, was und wer ich bin. Und ich bin schlicht ein Mensch mit Visionen und Hoffnungen. Ich bin ein Mensch mit dem Glauben an das Gute und dem Wunsch, es immer wieder zu sehen. Es gibt ein schönes Lied dazu:

«Ich will ich sein,
anders kann ich nicht sein.»

Lesemonat Juni

Ein Monat ging zu Ende, ein neuer beginnt. Aufgehört habe ich ihn lesenderweise mit Sabine Harks „Gemeinschaft der Ungewählten“, den neuen beginne ich mit Wilhelm Schmids „Die Liebe atmen lassen“. Was für ein Übergang. Von der Beschreibung eines Lebens in einer Welt mit solchen, die man sich nicht selbst gewählt hat und die auch einen nicht wählten, hin zur Wahl des zu Liebenden – in allen Facetten. Es war ein abwechslungsreicher Lesemonat, ich befasste mich mit Corine Pelluchon mit einer neuen Sicht der Aufklärung, fragte mit Edith Hall, was Aristoteles zum glücklichen Leben zu sagen hat, schaute mir dann mit Ferdinand Fellmann die Philosophie der Lebenskunst an, und stolperte danach über Care Carlisles Kierkegaard-Biographie, die ich abbrechen musste – sie entsprach nicht meinen Erwartungen. 

Den Trost über die Leseentäuschung holte ich bei Alain de Bottons Trost der Philosophie, um nachher mit Albert Kitzler der Frage nach dem guten Leben nachzugehen. Sartre zeigte mir, dass die Hölle die andern sind, vor allem in geschlossenen Gesellschaften. Mit Christina Berndt analysierte ich die Frage der Individuation, wie ich werde, wer ich bin, um dann als solche als Ungewählte unter Ungewählten zu leben und für ein gutes Zusammenleben mit Sabine Hark nach Möglichkeiten zu suchen. 

Damit schliesst sich mein Juni, der Juli beginnt mit der Liebe und wird sich generell mit Themen des Miteinanders, des Lebens in der Welt befassen. Ich freue mich drauf. 

Was sind eure Lesepläne für den Juli?

Hier noch die genaue Liste:

Corine Pelluchon: Das Zeitalter des LebendigenIst die Aufklärung noch aktuell angesichts der heutigen Probleme? Müssten wir zu anderen Denkmustern greifen? Aufklärung neu gedacht, als Prozess des kritischen Hinterfragens und Suchens neuer Handlungsmaximen ist auch heute noch aktuell. Ziel ist es, ein Miteinander lebender Wesen, einen neuen Humanismus, der Natur und Mensch wieder verschmelzen lässt durch die Sorge für die Welt und das Miteinander, zu finden.4
Edith Hall: Was würde Aristoteles sagen? Zehn philosophische Lektionen für das GlücklichseinAristoteles’ Texte nach seiner Meinung zu relevanten Kriterien für ein glückliches Leben befragt, veranschaulicht mit aktuellen und lebensnahen Beispielen. 5
Joan Didion: Was ich meineNur auszugsweise gelesen – Essays aus dem Leben3
Ferdinand Fellmann: Philosophie der LebenskunstEine Verbindung von antiker Tugendethik und moderner Sollensethik. Es geht um allgemeine Verhaltensregeln, die man ausgehend vom Menschen aufstellen kann. 4
Clare Carlisle: Der Philosoph des Herzens. Das rastlose Leben des Søren Kierkegaardabgebrochen – zu viel und langatmig erzähltes Leben, zu wenig Werk und Schaffen2
Alain de Botton: Trost der Philosophie. Eine GebrauchsanweisungBei Philosophen nachgefragt, wie man mit Unvollkommenheit, Frustration, gebrochenem Herzen und mehr umgehen kann. Etwas wenig Tiefe und viel Geschwätzigkeit. 3
Albert Kitzler: Wie lebe ich ein gutes Leben? Philosophie für PraktikerLebenspraktische Themen mit Ansichten aus der östlichen und westlichen Philosophie behandelt, um aus den Texten Handlungsanleitungen ins Leben mitnehmen zu können. 4
Marietheres Wagner: Epikurs Biobliothek. Geschichten vom GlückLebensthemen mit Epikur und passenden Romanen beleuchtet – leider etwas merkwürdige Literaturauswahl und auch sonst sehr oberflächlich. 2
Jean Paul Sartre: Geschlossene GesellschaftDrei Menschen in der Hölle, die durch die Begegnungen mit den anderen auf sich selbst zurückgeworfen werden.5
Christina Berndt: Individuation. Wie wir werden, wer wir sein wollen. Der Weg zu einem erfüllten IchWissenschaftliche Studien, wie das Ich entsteht und die frohe Botschaft, dass wir uns bis ins hohe Altern verändern können – und dies auch immer wieder tun.4
Sabine Hark: Gemeinschaft der Ungewählten. Umrisse eines politischen Ethos der KohabitationWie soll eine Gesellschaft aussehen, in der verschiedene Menschen als Gleiche unter Gleichen zusammenleben können?5

Tagesgedanken: Heimat

Was ist Heimat? Manchmal denke ich, Heimat erkennt man erst wirklich, wenn man keine (mehr) hat, erst aus der Ferne denkt man zurück an diesen Ort – oder sind es Menschen? Oder die Wohnung, das Haus? Ein Land? Während manche freiwillig losziehen, um die Welt zu erkunden, ihr Fernsein von der Heimat freiwillig und begrenzt ist, gibt es andere, die nicht anders können: Diese Menschen werden vertrieben, sie werden gezwungen, die Heimat zu verlassen, um in der Fremde das weitere Dasein zu bestreiten. 

Manche von ihnen haben Glück und sie landen an einem Ort, wo sie sich heimisch fühlen. Hannah Arendt ging es mit Amerika so, sie und Heinrich Blücher fanden sich schnell zurecht in diesem Land, sie integrierten sich und bauten ein neues Umfeld auf. Und doch sagte Hannah Arendt noch 1964 (gut dreissig Jahre nachdem sie Deutschland verlassen hatte):

»Genaugenommen war und bin ich, wohin ich auch kam, immer das Mädchen aus der Fremde gewesen, von dem ein Gedicht Schillers spricht – in Deutschland nur ein bißchen weniger fremd als in Amerika. Und hier wie da, am wenigsten noch im geliebten Italien, hat mich die Angst begleitet, ich könnte zuletzt mir selber verlorengehen«

Andere traf das Schicksal härter: Auch Mascha Kaleko war eine Heimatlose. Schon als Kind einige Male umgezogen, floh sie vor den Nazis nach Amerika, doch heimisch fühlte sie sich nie. Immerhin hatte sie ihren geliebten Mann, der ihr das gemeinsame Leben lang das Zuhause war:

«Zur Heimat erkor ich mir die Liebe…»

Der Verlust dieser Heimat ereilte sie mit seinem Tod.

Manche haben nicht mal diese Heimat: Else Lasker-Schüler suchte die Liebe ihr Leben lang vergeblich. Sie war als Vertriebene der Nazis weder an einem Ort noch bei einem Menschen zuhause. Selbst die imaginierte Herzensheimat Jerusalem stellte sich am Ende als Illusion heraus, so dass sie tief im Herzen halt- und heimatlos blieb:

«Meine Sehnsucht will nicht enden.»

War Ingeborg Bachmann glücklicher? Sie musste nie fliehen und scheint doch nie da gewesen zu sein, wo sie sich zuhause fühlte. Eine Suchende im Leben, im Schreiben, im Lieben, ohne je wirklich dauerhaft zu finden – vielleicht nicht einmal sich selbst ganz – und dann versiegten auch die poetischen Worte:

«Meine Gedichte sind mir abhanden gekommen.
Ich suche sie in allen Zimmerwinkeln.»

Was ist also Heimat? Wohl ein Gefühl ganz tief drin: Da gehöre ich hin. Vielleicht muss man sich das manchmal auch selbst erschaffen, wenn es nicht einfach gegeben ist? So oder so: Glücklich der, welcher es erleben darf.

Tagesgedanken: Verzeihen

«Wir sollten immer verzeihen, dem Reuigen um seinetwillen, dem Reulosen um unseretwillen.» (Marie Ebner-Eschenbach)

Wer ist nicht schon einmal verletzt worden und spürte diesen tiefen Stachel, der sich tief eingräbt. Noch einige Zeit später denkt man oft daran zurück, spürt wieder den Stich, fühlt den leisen Groll aufsteigen, dass jemand eine solche Macht hatte, einem das anzutun. Es sind teilweise nicht nur Gefühle und Gedanken, der Schmerz ist praktisch körperlich fühlbar – und er wirkt nach.

Oft entwickeln wir eine Haltung des «nie mehr»: Wir wollen eine solche Verletzung nie mehr erleben und verhalten uns in Zukunft dementsprechend. Dies passiert oft sogar unbewusst, indem wir Interpretationsmuster von Verhalten verinnerlicht haben, die aus der vergangenen Verletzung resultieren, welche verhindern sollen, dass eine solche Verletzung nochmals passiert. Dies ist sicherlich menschlich nachvollziehbar, birgt aber die Gefahr, dass wir nicht mehr im Moment sind, nicht mehr auf den wirklichen Menschen vor uns reagieren, sondern eigentlich noch immer auf den, welcher uns vor langer Zeit verletzt hat. Damit nehmen wir uns selbst und unserem Gegenüber die Möglichkeit einer wirklichen Begegnung. Wir bleiben verstrickt in alte Gefühle und daraus entwickelte Verhaltensmuster, welche zu einer Mauer geworden sind für eine wirkliche direkte Erfahrung.

Wir werden das vergangene Unrecht nicht ungeschehen machen können. So sehr wir auch damit hadern und teilweise lange unsere Wunden lecken: Es ist passiert und es ist tief gegangen. Trotzdem haben wir es in der Hand, wie wir damit umgehen. Wie viel Macht wollen wir dem Menschen, der uns so verletzt hat, über unser künftiges Leben geben? Indem wir immer und immer wieder damit hadern, andere Menschen ausbaden lassen, was uns passiert ist, und uns selbst damit die Möglichkeit einer offenen Begegnung nehmen, wirkt dieser Mensch noch immer weiter in unserem Leben – und wir lassen es zu.

Es gibt wohl nur ein Heilmittel dagegen: Verzeihen. Verzeihen heisst nicht vergessen. Verzeihen heisst, Frieden zu schliessen mit dem, was war. Gewisse Verletzungen wurden unabsichtlich begangen oder doch später bereut. Es fällt wohl leichter, diesen Menschen zu verzeihen, weil wir davon ausgehen, dass solches einerseits jedem passieren kann, und andererseits die Hoffnung besteht, dass es nie mehr passieren wird. Andere Verletzungen hingegen passierten in voller Absicht und aus Überzeugung. Da fällt es wohl schwerer. Wir können höchstens versuchen, zu verstehen, was in dem Menschen vorging, als er uns verletzte. Und wir können für uns Frieden finden, indem wir ihm nicht weiter Schuld zuschieben für sein Tun, sondern es hinter uns lassen. Nicht für ihn, er lebt mit seinem Sein und seinem Tun weiter, aber für uns – weil wir dies nicht weiter in unserem Leben haben wollen.  

Verzeihen heisst nicht, dass wir den Menschen, der uns etwas angetan hat, wieder in unser Leben lassen müssen. Vielleicht ist es besser, Abstand zu wahren. Verzeihen heisst, für sich selbst wieder zur Ruhe zu kommen, die bitteren Stachel aus den Wunden zu ziehen, diese heilen zu lassen, und damit die Möglichkeit zu schaffen, offen auf andere Menschen zuzugehen, ohne sie mit Mustern von alten Verletzungen von vornherein auf Abstand zu halten.

Tagesgedanken: Die Wahl haben

«Ich hatte ja keine Wahl.»

 Dieser Satz geht nicht einfach spurlos an einem vorüber. Wenn man ihn ausspricht, fühlt man sich hilflos, man fühlt sich vom Leben übergangen, in seinen Rechten, seiner Autonomie beschnitten. Für unser Selbstverständnis ist es zentral, dass wir die Wahl haben. Wir möchten selbst wählen können, wie wir unser Leben leben, was wir tun oder lassen. Max Frisch sagte einst: 

«Die Würde des Menschen liegt in seiner Wahl.»

Nimmt uns jemand die Wahl, werden wir in unserem Wählen-Wollen übergangen, tangiert das unsere Würde, unseren Anspruch an Selbstwirksamkeit und Selbstgestaltung. Wenn andere einfach über unseren Kopf hinweg entscheiden, ohne dass wir ihnen die Aufgabe des Entscheidens übertragen haben, fühlen wir uns nicht wahr- und ernstgenommen, wir fühlen uns auch ins Unrecht gesetzt.

Ist also die freie Wahl ein unantastbares Gut, etwas, das wir um jeden Preis wollen? So einfach ist es nicht, denn die Freiheit der Wahl hat immer auch eine Gegenseite: selbst wählen zu können, bedeutet auch, wählen zu müssen. Zwar heisst es, auch nicht zu wählen, wäre schlussendlich eine Wahl, doch stimmt das nicht ganz und es ist auch nicht befriedigend. Das Problem beim Wählen ist, dass jede Wahl Konsequenzen hat, und oft können wir diese nicht genau abschätzen.

Indem ich mich für eine Möglichkeit entscheide, schliesse ich die Realisierung der anderen aus. Meistens gibt es keine Probeläufe, ich muss die Wahl ohne genaues Wissen, was am Schluss herauskommt, treffen. Ich wäge also die möglichen Konsequenzen ab und was sie für mich bedeuten würden. Und oft komme ich in einen Konflikt mit mir selbst, mit meinen widerstreitenden Wünschen, Werten, Pflichten, Vorlieben, Neigungen…

In diesen Fällen wäre es schön, es käme jemand und nähme einem die Wahl ab. Ich könnte mich zurücklehnen, darauf vertrauen, dass der schon weiss, was (für mich) gut ist und die Welt wäre in Ordnung. Das ist wohl der Wunsch nach der Geborgenheit des Nicht-Verantwortlichseins. Das Leben wäre ungleich einfacher, bequemer. Und vielleicht darf das auch mal sein. Wenn wir die Wahl haben, wann.

Tagesgedanken: Glück

«Glück ist kein Geschenk der Götter, sondern die Frucht innerer Einstellung.» (Erich Fromm)

Was ist eigentlich ein schönes Leben? Was muss im Leben verwirklicht sein, damit man sagen kann: Mein Leben ist schön? Spontan denkt man wohl an Glück, Gesundheit, gute Umstände – zentral ist wohl das Glück. Nur: was bedeutet Glück überhaupt? Wirklich dieses ständig frohlockende Hochgefühl, das einen mit strahlend gefletschten Zähnen durch die Welt laufen lässt? Aristoteles hat sich in der Nikomachischen Ethik intensiv mit dem Glück auseinandergesetzt und kam auf folgende Bestimmungen, die Glück ausmachen:

  • Glück ist wählbar, indem ich bestimmen kann, welche Form des Lebens und damit der Glückerfüllung ich für mich wünsche.
  • Glück ist kein Zustand, sondern ein Tun – indem ich so handle, wie es für meinen Lebensentwurf stimmt, stellt sich Glück ein. Wer also einfach im Bett liegen bleibt und darauf wartet, dass das Glück sich einstellt, dem geht es unter Umständen wie Godot. 
  • Glück hat man nicht allein, erst durch das Verflochtensein mit anderen, mit Menschen und Welt, erfährt man Glück. Freundschaft ist dabei wohl eines der schönsten Beziehungsnetze, in das man gemeinsam Fäden webt. Nicht zu vergessen ist dabei aber auch die Selbstfreundschaft, denn es webt sich besser gemeinsam aus einem harmonischen Seelengrund.
  • Glück speist sich aus seelischen, körperlichen und äusserlichen Gütern. Zu grosse Mängel in einem der dreien beeinträchtigt das Glück doch nachhaltig. 
  • Glück ist etwas, das man lernen kann – manchmal muss man es auch wollen und daran arbeiten, Glück empfinden zu können. 
  • Glück ist ein erfülltes Leben, wobei erfüllt nicht nur Positives umfasst, sondern auch das Negative als zum Leben gehörend akzeptiert. Solange man das Negative ausschalten will, wird man zu sehr mit Hadern beschäftigt sein, als dass für Glück noch Zeit und Raum übrigbleiben. 
  • Auch sei Glück etwas Göttliches, was wohl bedeutet, dass wir nie alles in der Hand haben, uns aber in Vertrauen an das Leben hingeben sollen, daran glaubend, dass Glück möglich ist. Und so wird es wohl auch ein schönes Leben.

Dass man etwas für das eigene Glück tun muss, findet sich auch bei Demokrit:

«Mut steht am Anfang des Handelns, Glück am Ende.»

Die Aussage, dass man einfach kein Glück im Leben habe, wenn die Dinge schieflaufen, greift so gesehen zu kurz. Statt über das ausbleibende Glück zu klagen, muss man hinschauen, was man dafür tut, glücklich zu sein. Das bedingt, dass man sich so gut kennt, dass man weiss, was man für sich selbst als Glück erachtet, wie man das eigene Leben gerne hätte, um es ein glückliches, ein schönes nennen zu können. Glück ist kein allgemeines Gut, das für alle gleich aussieht, es ist die individuelle Verwirklichung des eigenen Lebens nach eigenen Vorstellungen. Hier greift das, was man als Selbstwirksamkeit bezeichnet. Es ist der Wille zum Gestalten des eigenen Lebens.

«Glücklich ist nicht, wer anderen so vorkommt, sondern wer sich selbst dafür hält.»

Seneca weist hier auf einen weiteren Punkt hin: Es bringt wenig, Glück vortäuschen zu wollen. Alle äusseren Merkmale, die nach Glück aussehen, bringen wenig, wenn man sie tief drin nicht als massgeblich für das eigene Glück erachtet. So kann das eigene Leben nach aussen noch so perfekt erscheinen, erst das tiefe Gefühl in einem selbst macht dieses Leben zu einem glücklichen.

Und vielleicht braucht es neben all dem Tun und Wollen auch ein Quäntchen Glück, um glücklich zu sein. Das ist wohl das, was Aristoteles mit dem göttlichen Element bezeichnet, mit dem nicht steuerbaren, sich darbietenden (wobei man es auch annehmen muss). Wenn das eigene Leben gelingt, wenn es ein schönes Leben ist, löst das Dankbarkeit aus. Und gerade diese Dankbarkeit für das, was ist, löst wiederum Glück aus.

«Nicht die Glücklichen sind dankbar. Es sind die Dankbaren, die glücklich sind.» (Francis Bacon)

Tagesgedanken: In der Welt sein

„Ich lasse das Leben auf mich regnen.“

Diesen Satz von Rahel Varnhagen zitiert Hannah Arendt in ihrer Biographie über diese. Es ist eine Biographie, welche nicht nur Rahel Varnhagen so beschreibt, wie sie sich selber in ihren Worten beschrieben hätte (dies war der Anspruch Arendts beim Verfassen der Schrift), sondern auch ein Spiegel der Autorin Hannah Arendt selbst. Sie thematisiert in diesem Buch die Befreiung einer Frau aus gängigen Mustern des zurückgezogenen und abhängigen Frauseins und auch die Auseinandersetzung mit dem eigenen Judentum. Es ist die Suche einer Frau nach ihrem Platz in der Welt, als Frau und als Jüdin.

Das In-der-Welt-Sein geht zurück auf Martin Heidegger, welcher in diesem den Kern des Menschseins überhaupt sah, „weil zu Dasein wesenhaft das In-der-Welt-Sein gehört“. Diese Welt ist immer eine, die ich mit anderen teile. Insofern ist unser Dasein in der Welt nach Heidegger ein Mitsein mit Anderen. darauf fusst Hannah Arendts Begriff der Pluralität: Menschen sind immer Verschiedene, als solche bewohnen sie gemeinsam eine Welt. Das ist die menschliche Bedingtheit: Das Teilen einer Welt als Gleiche und doch Verschiedene. Soweit Hannah Arendts Theorie, die nicht nur aus tiefgründigem Denken entstand, sondern durchaus Bezug zu ihrem Leben hatte.

„Die Fremde,
die Dir selber fremd,
sie ist:
Gebirg der Wonne,
Meer des Leids,
die Wüste des Verlangens,
Frühlicht der Ankunft.
[…]“

Hannah Arendt war in ihrem Leben immer wieder gezwungen, ihren Platz in der Welt zu suchen. Vertrieben aus der Heimat von einem Schreckensregime, interniert in einem Lager in Frankreich und schlussendlich in einem neuen Land mit fremder Sprache, muss sie sich einrichten in der Fremde. Sie selber sagte dazu:

»Genaugenommen war und bin ich, wohin ich auch kam, immer das Mädchen aus der Fremde gewesen, von dem ein Gedicht Schillers spricht – in Deutschland nur ein bißchen weniger fremd als in Amerika. Und hier wie da, am wenigsten noch im geliebten Italien, hat mich die Angst begleitet, ich könnte zuletzt mir selber verlorengehen.«

Wir werden in eine Welt geboren, die wir mit anderen teilen. In dieser Welt leben wir nun als die, welche wir sind, und sind darauf angewiesen, dass die Anderen uns so akzeptieren, wie wir sind, dass sie uns als Teil ihrer Gemeinschaft aufnehmen. Wir leben nur dann gut, wenn wir diesen Platz gefunden haben, an welchem wir tief empfinden, was Goethes Faust auf dem Osterspaziergang sagte:

„Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein.“

Wenn dieses Gefühl nicht eintritt, leben wir in einem Zustand der Entfremdung, uns fehlt die Beziehung zu anderen Menschen und damit etwas ganz Grundlegendes für unser Leben. Es ist das In-Beziehung-Treten, das uns lebendig fühlen lässt. Wenn dieses da ist, können wir das Leben auf uns regnen lassen, weil wir uns ihm hingeben können.

Tagesgedanken: Haben und Sein

Früher sprach man von der Dritten Welt. Darin steckt eine Hierarchie von Welten, von den Siegerländern und den Verlierern, von denen, die etwas haben, und denen, die nichts oder zu wenig haben. Es steckt eine Arroganz in dieser Zuschreibung, die dem Missstand der Armut zu einem Versagen in westlichen Massstäben erklärt. Diese Massstäbe greifen auch innerhalb unserer Gesellschaften: Die Schere zwischen arm und reich ist nicht nur eine finanzielle, es ist auch eine soziale, eine der Zugehörigkeit. Klasse ist nicht einfach eine Hierarchie, sondern auch ein Indikator dafür, wo man hingehört, welche Möglichkeiten man hat und mit welchen Diskriminierungen man konfrontiert ist. Das Haben entscheidet über das Sein.

Weltlauf

Hat man viel, so wird man bald
Noch viel mehr dazu bekommen.
Wer nur wenig hat, dem wird
Auch das wenige genommen.

Wenn du aber gar nichts hast,
Ach, so lasse dich begraben –
Denn ein Recht zum Leben, Lump,
Haben nur die etwas haben.

(Heinrich Heine)

Das Bild, man könne alles schaffen, wenn man sich nur anstrenge, ist noch in vielen Köpfen. Dieses Bild sorgt dafür, dass die, welche arm sind, oft mit Verachtung gestraft werden: Sie haben sich nicht genug angestrengt, sie sind selbst schuld an ihrem Schicksal. Das ist nicht nur eine stark vereinfachte Sicht auf die Welt, es ist auch eine ungerechte. Gründe für Armut können vielfältig sein. Krankheiten können eine Ursache sein, aber auch Alter, Herkunft, Geschlecht, familiäre Situation spielen eine grosse Rolle. Gerade aus diesem Grund wäre es dringend nötig, unsere sozialen Systeme zu überdenken und sie so anzupassen, dass kein Mensch aus dem sozialen Leben ausgeschlossen ist, weil er aus finanziellen Gründen nicht mehr daran teilhaben kann. Auch Bildung und Gesundheitsvorsorge hängen stark an der sozialen Klasse. Zu beiden sollte ein gleichberechtigter Zugang für alle geschaffen werden. 

Noch immer sind es mehrheitlich Frauen, die unter all dem leiden. Sie leisten mehr unentgeltliche Haushalts- und Betreuungsarbeit, sie werden schlechter entlöhnt (aus diversen Gründen, die im Detail klar zu definieren sind), sie erhalten weniger Rente (mehrheitlich aus den vorher genannten Gründen). Das geht alle an, nicht nur die Betroffenen. 

„Ich denke nicht, dass wir Zustände der Ungleichheit und Ungerechtigkeit ändern, wenn sie immer nur von denen kritisiert werden dürfen, die darunter am meisten zu leiden haben. Unrecht muss von allen, von jede rund jedem, kritisiert werden, ganz gleich, ob es einen selbst oder die eigene Familie bevorteilt oder nicht.“ (Carolin Emcke)

Eigentlich geht es nicht um Mann oder Frau, es geht darum, dass wir in einem System leben, das nicht gerecht ist. Nur wirkt sich dieses System aktuell mehrheitlich auf Frauen aus, die über Jahrzehnte und Jahrhunderte unterdrückt und ausgebeutet wurden und heute noch werden. Das Ziel ist eine Gesellschaft, in der keiner unterdrückt oder ausgebeutet wird, egal, welches Geschlecht, welche Hautfarbe, Herkunft, Religion oder andere zum Ausschluss qualifizierende Eigenschaft er hat.

Tagesgedanken: Viele Wahrheiten schaffen eine Welt

Wir werden als Einzelne in eine Welt geboren, die wir als viele gemeinsam bewohnen. Wir bewegen uns in ihr und haben die Möglichkeit, diese Welt durch Gespräche gemeinsam neu zu schaffen. Nur der Austausch verschiedener Meinungen, der Dialog miteinander, in welchem ein offenes und freies Mitteilen und einander Zuhören gepflegt wird, bildet einen Raum zwischen Menschen, der diesen zur Welt werden lässt, in welcher alle als Freie und Gleiche leben können. Nur durch dieses einander als Einzelne und als solche Dazugehörige Anerkennen wird die Welt ein Ort der Freundschaft, eine Welt des Wohlseins, und das einzelne Leben ein In-der-Welt-Sein. 

Es ist wichtig dafür, anzuerkennen, dass es nicht die eine Wahrheit gibt, denn gäbe es sie, hätte alles Sprechen ein Ende und damit würde keine Welt mehr entstehen oder existieren, weil der Raum zwischen den einzelnen Menschen verschwinden würde, der erst durch das Gespräch geschaffen wird. Hannah Arendt beschreibt das im Sinne Lessings so, 

«dass es Wahrheit nur geben kann, wo sie durch das Sprechen vermenschlicht wird, nur wo ein jeder sagt, nicht was ihm gerade einfällt, aber was ihm gerade ‚Wahrheit dünkt’. Ein solches Sagen aber ist in der Einsamkeit nahezu unmöglich; es ist an einen Raum gebunden, in dem es viele Stimmen gibt und wo das Aussprechen dessen, was ‚Wahrheit dünkt‘ sowohl verbindet als auch distanziert, ja diese Distanz zwischen den Menschen, die zusammen dann die Welt ergeben, recht eigentlich schaffen.»

Es braucht andere Meinungen, es braucht andere Menschen, es braucht Pluralität, damit eine Welt existieren kann, damit Menschen als Gemeinschaft diese Welt gemeinsam gestalten und bewohnen können. Wenn wir also wieder einmal jemanden einfach ausschliessen, verurteilen oder abwerten, weil er eine andere Meinung vertritt, sollten wir uns fragen, in was für einer Welt wir leben wollen. In einer, in der ein Einzelner die Wahrheit bestimmt, damit das gemeinsame Schaffen der Welt ein Ende hat und wir dieser einen Wahrheit ausgeliefert sind? Denn: Wer würde wissen, ob er der eine ist oder nur ein unsichtbares, zum Gehorsam verdammtes Teilchen der Vielen, der grossen Masse?

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Buchempfehlung für weiterführende Gedanken:
Hannah Arendt: Freundschaft in finsteren Zeiten, Matthes & Seitz Berlin.

Tagesgedanken: Einer sein zu zweit

Die meisten haben wohl schon Situationen erlebt, in denen sie sich unwohl fühlten, sich irgendwie am falschen Ort wähnten und das Gefühl hatten, nicht wirklich dazuzugehören. Wie schrieb Erich Kästner in seinem Gedicht «Kleines Solo»:

«Einsam bist du sehr alleine –
Und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.»

Aktuell sind einige Bücher zum Thema Alleinsein, Einsamkeit entstanden, dies wohl auch aus dem Grund, dass es noch nie so viele Singlehaushalte gab wie heute. Womit das zusammenhängt? Ich könnte mir vorstellen, dass die Tendenz, immer mehr die Individualität und Einzigartigkeit zu betonen, den einzelnen Menschen und damit sich selbst ins Zentrum zu stellen, für ein Miteinander nicht einfach ist – auf allen Ebenen und in allen Bereichen des (Zusammen-)Lebens.

Welten schafft man nie allein. Man wird in eine geboren, doch dann liegt es an einem selbst, sich in ihr zu bewegen – als einer unter vielen. Und alle sind wir verschieden. Und alle haben wir doch ähnliche Bedürfnisse oft. Hannah Arendt betonte in diesem Zusammenhang immer wieder die Notwendigkeit, von DEN Menschen, nicht DEM Menschen zu sprechen. Pluralität als Grundlage des aktiven Handelns Unterschiedlicher zum Gestalten einer gemeinsamen Welt, die nur zwischen Menschen entstehen kann, ist ein zentraler Punkt ihres Denkens. Viele sind dazu nicht bereit. Zu komfortabel lebt es sich in der eigenen Blase Gleichgesinnter, die anderen beäugt man kritisch oder schliesst sie gar aus.

Das führt zu einer Einsamkeit unter vielen, die die kaum weniger quälend ist als die zu zweit in Kästners Gedicht. Sich nicht dazugehörig, entfremdet vom Ganzen und ohne Resonanz zu fühlen, das sind nagende Gefühle, die einen auf sich selbst zurückwerfen, um da den Stein des Anstosses zu suchen. Als Ausgeschlossener fragt man sich:

«Was ist an mir nicht richtig?»

Es gibt aber noch eine andere Form der Einsamkeit, eine, in der man in sich ruht und geborgen ist, weil man weiss, dass man zur Welt eines Menschen gehört, in dieser geborgen ist. Heinrich Blücher hat diese in einem Brief an seine Frau Hannah Arendt in wundervolle Worte gefasst: 

„Wie gut einsam und damit wirklich Einer sein kann, wenn man so wie mit dir zweisam und richtig Zweie sein kann…“

Es ist dieser andere Mensch, der einem das Gefühl einer gemeinsamen Welt gibt, in die man gehört, so dass man selbst in einsamen Momenten in Beziehung ist und nicht entfremdet. Auf diese Weise, durch Menschen, mit denen man verbunden ist, die einen akzeptieren, wie man ist, wird die Welt zu einem Zuhause. Nochmals Blücher:

„Ich… konnte immer sagen ‚Wo ich bin, da bin ich nicht zu Hause‘. Dafür habe ich aber mir in dieser Welt hier…, mitten in ihr, ein ewiges Zuhause gegründet durch dich und Freunde.“

Dazu passt auch das wundervolle Zitat von Erich Fried:

„Für die Welt bist du irgendjemand. Aber für irgendjemanden bist du die Welt.“

Tagesgedanken: „Erkenne dich selbst“

Ich bin teilweise zu impulsiv. Etwas passiert, fällt auf einen Boden, der durch Muster und Prägungen vorbereitet, mit Ängsten und (Selbst-)Zweifeln gepflastert ist, und schon explodiert von tief innen etwas und bricht aus mir heraus. Kurze Zeit später kommt die Einsicht, dass dies erstens unnötig, zweitens unangemessen und drittens beschämend war. Das innere Hadern um das eigene Fehlverhalten, das neben der Erkenntnis, eine Zumutung für die Welt und mich selber zu sein, setzt sich auf den Boden der Prägungen und verstärkt die eigenen Ängste und (Selbst-)Zweifel und schon haben wir das Perpetuum Mobile des eigenen Unglücks beisammen. 

„Erkenne dich selbst“ steht am Apollotempel in Delphi geschrieben. Heraklit hat den Gedanken auch geäussert:

«Allen Menschen ist es zuteil, sich selbst zu erkennen und verständig zu denken.»

 In dieser Selbsterkenntnis liegt die Chance, Möglichkeiten von Wandlungen zu erkennen. 

„Denn nur was Innen erkannt und integriert ist, verhindert, dass es sich aus dem Unbewussten nach Aussen wendet und uns dort schicksalshaft gegenüber tritt. Es lässt sich dauerhaft keine Versöhnung und kein Frieden mit anderen Menschen, anderen Kulturen, anderen Lebensformen herstellen, wenn ich im Innen nicht von mir selbst erkannt bin und den grossen Schritt zur Versöhnung mit mir selbst gewagt habe.“

Versöhnung ist wohl ein zentraler Punkt. Wenn ich nicht mit mir versöhnt bin, wird das innere Hadern, Zweifeln, Nagen immer wieder neuen Boden für Verhaltensweisen legen, die nicht der Situation, sondern eigenen Wunden geschuldet sind. Diese Wunden zu erkennen, hilft, mit mir selber und mit anderen in eine wirkliche Beziehung zu treten, die aus dem Moment heraus gelebt ist und nicht aus blinden Tiefen heraus immer wieder torpediert wird. Das Gute daran: Wir können es aus uns heraus schaffen, denn nur in uns liegt der Hund begraben:

„Aus der Kraft des Geistigen geben wir uns selbst die Freiheit, das zu werden, was an Möglichkeiten in uns ruht…. Der Gedanke allein schon führt zur Wandlung und Verwandlung. Gedanken schaffen Wirklichkeit.“

Wir leben in einer Welt der Machbarkeit, des Strebens nach mehr, das auch vor einem selbst nicht halt macht. Selbstoptimierung ist das Ziel, dazu stellen wir uns täglich auf die Waage, um ja die Kontrolle zu bewahren, zählen unsere Schritte und den Puls kontinuierlich durch Uhren am Arm, die gleichzeitig auch noch das Geschehen der Welt ständig bereit halten und die eigene Erreichbarkeit rund um die Uhr garantieren. Kein Wunder, gehen wir hart ins Gericht mit uns, wenn wir nicht so funktionieren, wie es unserem idealen Selbstbild und den gefühlten Erwartungen von aussen entspricht.

Was dabei verloren gegangen ist, ist die Demut, das Wissen um die eigenen Grenzen, die Einsicht, dass Idealvorstellungen genau das sind: Vorstellungen. Albert Schweizer sagte einst:

«Alles Leben ist heilig.»

Dazu muss es nicht perfekt oder ideal sein, es reicht sich auf die eigenen Möglichkeiten zu besinnen und diese nach besten Kräften zu verwirklichen – immer im Wissen, dass man dabei auch scheitern kann, was aber kein Weltuntergang ist, sondern nur der Ansporn, es weiter zu versuchen. Das bedarf der immer wiederkehrenden Innenschau, des Nachdenkens über sich und sein Sein.

«Das Denken führt in die Bewältigung des Gegebenen und Gewordenen.»

Und aus der Erkenntnis können wir wachsen. Nicht zu einem Ideal, aber zum besten Ich, das wir sein können und wollen. Das mag nicht allen anderen gut genug sein, weil es deren Idealvorstellungen von Menschen nicht entspricht, nur ist es nicht unsere Aufgabe, diesen zu entsprechen.

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Buchempfehlung: Claus Eurich: Endlichkeit und Versöhnung, Claudius Verlag, München 2011. (Alle Zitate ausser dem von Heraklit stammen aus dem Buch)

Lesemonat Mai

Wieder beginnt ein neuer Monat, ich bin gespannt, was er Neues bringen wird. Meine Lesereise im Mai war sehr bewegt, sie startete politisch mit Hannah Arendt bei totalitären Systemen, ihren Elementen und Ursprüngen und ging dann mit ihrer Bestimmung des menschlichen Seins als tätiges weiter. Ic habe mich Adornos kritischer Kulturanalyse hingegeben und mit Armin Falk geschaut, wo die Stolpersteine sind, die uns abbringen vom Weg des Gut-Seins. Ich habe über Autonomie nachgedacht, Michael Plauen und Harald Welzer haben mir dabei geholfen: Wieso ist sie wichtig? Wo läuft sie Gefahr? Wie können wir sie bewahren?

Und ab und an wurde mir alles etwas zu viel. Und mir war nicht mehr danach, positiv zu denken und ich sah nicht, wie ich alles schaffen sollte. Da sprach mir Juliane Marie Schreiber aus dem Herzen. Mit Wilhelm Schmid erkundete ich die Philosophie der Lebenskunst: Was braucht es für ein reflektiertes Leben als Selbst? Was bedeutet Lebenskunst für mein eigenes Leben und was im Umgang mit anderen? Und auch wichtig: Wie kann ich mit mir selbst befreundet sein?

Es war eine weite Reise, teilweise anstrengend, aber durch und durch bereichernd. Die Lesereise in den Juni hat bereits begonnen mit Corine Pelluchons Buch „Das Zeitalter des Lebendigen“. Ich freue mich auf weitere inspirierende Lesemomente. 

Hier die ganze Liste:

Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler HerrschaftEine geschichtliche Herleitung der Vorgeschichte totaler Herrschaften, was führte zu ihnen und wie sind sie eingerichtet in Bezug auf Macht und Gewalt, auf die Unterwerfung der Massen unter eine Ideologie.4
Hannah Arendt: Freundschaft in finsteren ZeitenHannah Arendts Lessingrede und Nachrufe auf eine grosse Denkerin und ihren Einfluss von Richard Bernstein, Mary McCarthy und weiteren. 5
Hannah Arendt: Vita active oder Vom tätigen LebenEine Analyse des menschlichen Tätigseins, geglieder in Arbeiten – Herstellen – Handeln, wobei nur das Handeln das dem Menschen eigene, diesen bestimmende Tun ist. Durch sein Handeln und Sprechen verortet sich der Mensch in der Welt, wird er zu dem, wer er ist. 5
Horkheimer/Adorno: Dialektik der AufklärungEine pessimistische Kulturanalyse vor dem Hintergrund des zweiten Weltkriegs, welche den Glauben an Vernunft und Fortschritt kritisch betrachtet und sich mit Kapitalismus, Antisemitismus und Faschismus auseinandersetzt2
Ferdinand von Schirach: VerbrechenKurze Geschichte über Recht, Gerechtigkeit und Lebensläufe, die aus dem Ruder geraten. 4
Andrew Clapham: MenschenrechteEine Einführung in die Thematik der Menschenrechte, ihre Geschichte, ihre Situation in der Aussenpolitik, die einzelnen Rechte sowie deren Umsetzungsmöglichkeiten5
Hartmut Rosa: Unverfügbarkeitabgebrochen – nicht uninteressant, aber zu wenig auf den Punkt, zu sehr kreisend und viel Altes aufgreifend2
Armin Falk: Warum es so schwer ist, ein guter Mensch zu sein… und wie wir das ändern können. Antworten eines VerhaltensökonomenArmin Falk zeigt anhand von Studien und Beispielen auf, wie wir uns in Situationen verhalten, in denen von uns moralisches Verhalten gefordert wäre. Was bringt uns dazu, gut zu sein im Sinne des richtigen Handelns, womit umgehen wir diesen Selbst- und Fremdanspruch – und wie können wir das ändern und uns unserer Verantwortung als Mensch unter Menschen stellen?4
Michael Plauen, Harald Welzer: Autonomie. Eine VerteidigungEin Buch über den Wert der Autonomie, wie sie entsteht, wie man sie lebt, wo sie Gefahr läuft, wieso es sie braucht und sie doch auch hinderlich sein. 4
Juliane Marie Schreiber: Ich möchte lieber nicht. Eine Rebellion gegen den Terror des PositivenWir können nicht alles schaffen, auch wenn uns gewisse pseudopositive Strömungen weismachen wollen. Unser Leben ist geprägt von Strukturen und auch Gegebenheiten, der ständige Aufruf, doch möglichst dies oder das zu tun, um glücklich sein zu können, kann auch einfach mal zurückgewiesen werden mit einem „Nein, ich möchte lieber nicht“.3
Wilhelm Schmid: Philosophie der Lebenskunst. Eine GrundlegungWas bedarf es, um ein reflektiertes Leben als Selbst zu führen, was bedeutet Lebenskunst in Bezug auf sich selbst und den Umgang mit anderen.5
Wilhelm Schmid: Schönes Leben? Einführung in die LebenskunstEigentlich eine Zusammenfassung und einfachere Version der Philosophie der Lebenskunst5
Julian Baggini: Der Sinn des Lebens. Philosophie im AlltagDie Suche nach dem Sinn des Lebens kreuz und quer durch die Philosophie, alles immer wieder verwerfend, um wieder neu zu suchen. Schlussendlich gibt es ihn nicht endgültig, sondern nur individuell, jeder muss ihn für sich selbst finden. Teilweise überflogen. 3
Wilhelm Schmid: Selbstfreundschaft. Wie das Leben leichter wirdWas heisst es, mit sich befreundet zu sein?5