Tagesgedanken: Die Wahl haben

«Ich hatte ja keine Wahl.»

 Dieser Satz geht nicht einfach spurlos an einem vorüber. Wenn man ihn ausspricht, fühlt man sich hilflos, man fühlt sich vom Leben übergangen, in seinen Rechten, seiner Autonomie beschnitten. Für unser Selbstverständnis ist es zentral, dass wir die Wahl haben. Wir möchten selbst wählen können, wie wir unser Leben leben, was wir tun oder lassen. Max Frisch sagte einst: 

«Die Würde des Menschen liegt in seiner Wahl.»

Nimmt uns jemand die Wahl, werden wir in unserem Wählen-Wollen übergangen, tangiert das unsere Würde, unseren Anspruch an Selbstwirksamkeit und Selbstgestaltung. Wenn andere einfach über unseren Kopf hinweg entscheiden, ohne dass wir ihnen die Aufgabe des Entscheidens übertragen haben, fühlen wir uns nicht wahr- und ernstgenommen, wir fühlen uns auch ins Unrecht gesetzt.

Ist also die freie Wahl ein unantastbares Gut, etwas, das wir um jeden Preis wollen? So einfach ist es nicht, denn die Freiheit der Wahl hat immer auch eine Gegenseite: selbst wählen zu können, bedeutet auch, wählen zu müssen. Zwar heisst es, auch nicht zu wählen, wäre schlussendlich eine Wahl, doch stimmt das nicht ganz und es ist auch nicht befriedigend. Das Problem beim Wählen ist, dass jede Wahl Konsequenzen hat, und oft können wir diese nicht genau abschätzen.

Indem ich mich für eine Möglichkeit entscheide, schliesse ich die Realisierung der anderen aus. Meistens gibt es keine Probeläufe, ich muss die Wahl ohne genaues Wissen, was am Schluss herauskommt, treffen. Ich wäge also die möglichen Konsequenzen ab und was sie für mich bedeuten würden. Und oft komme ich in einen Konflikt mit mir selbst, mit meinen widerstreitenden Wünschen, Werten, Pflichten, Vorlieben, Neigungen…

In diesen Fällen wäre es schön, es käme jemand und nähme einem die Wahl ab. Ich könnte mich zurücklehnen, darauf vertrauen, dass der schon weiss, was (für mich) gut ist und die Welt wäre in Ordnung. Das ist wohl der Wunsch nach der Geborgenheit des Nicht-Verantwortlichseins. Das Leben wäre ungleich einfacher, bequemer. Und vielleicht darf das auch mal sein. Wenn wir die Wahl haben, wann.

9 Kommentare zu „Tagesgedanken: Die Wahl haben

  1. Die Wahl haben, liebe Sandra, ist das Minimum der Freiheit. Ich stimme dir zu, dass es die Würde des Menschen ausmacht, frei wählen zu können. Nicht selbst wählen, weil es riskant und beschwerlich ist, heißt, sich in selbstverschuldete Unmündigkeit (Kant) zu begeben. Die Folgen trägt man dann freilich ebenso wie bei der selbstbestimmten Wahl. Gar nichts nützt es mir zu sagen: ich habe dem anderen, der Obrigkeit, der Autorität vertraut, ich habe nur gehorcht. Die Folgen sind bei mir.

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  2. Max Frisch: «Die Würde des Menschen liegt in seiner Wahl.»

    Das wäre ein bißchen arg dünn, Max, wäre die Würde des Menschen von seinen Möglichkeiten oder Fähigkeiten zu wählen abhängig. Wir Menschen wählen unentwegt. Unsere Existenz als Lebewesen hängt davon ab.

    Die Tiere wählen ebenfalls. Und so langsam spricht sich herum, daß auch die Pflanzen wählerisch sind.

    Das kann es also nicht sein.

    Selbst wenn du gesagt hättest, die Würde des Menschen läge in seiner BEWUSSTEN Wahl, könnte ich dir nicht zustimmen.

    Die menschliche Würde ist von nichts abhängig. Sie ist unabhängig von
    • Hautfarbe,
    • nationaler Zugehörigkeit,
    • der Art der Tätigkeiten,
    • Einkommen,
    • Geschlecht,
    • sexuellen Neigungen,
    • gesundheitlicher Verfassung,
    • Ansehen,
    • Zustand des Kontos,
    • der Art zu denken,
    • Gesinnung
    • der Seite eines möglichen Kriegsgrabens,
    • religiöser Zuneigung,
    • zurückliegenden Handlungen,
    • geistigen und handwerklichen Fähigkeiten.

    Die Würde des Menschen ist bedingungslos. 🌾

    Gefällt 2 Personen

  3. Hallo! 🌼

    Zitat: „dass es die Würde des Menschen ausmacht, frei wählen zu können“

    Dem kann ich nicht zustimmen: Siehe oben.

    🌱

    Zitat: „Die Wahl haben … ist das Minimum der Freiheit“

    Die Wahl für was? Und von welcher Art Freiheit ist hier die Rede?

    Machten wir uns auf die Suche nach den verschiedenen
    Aspekten der Freiheit, auf zwanzig kämen wir bestimmt.

    https://denkzeiten.com/2022/05/13/tagesgedanken-freiheit-gibt-es-nur-zu-zweit/comment-page-1/?unapproved=22246&moderation-hash=2ae17a604b0a20758bb7a91257fc7abb#comment-22246

    „Frei sein, heißt wählen können,
    wessen Sklave man sein will.“

    – Jeanne Moreau

    Sich frei-willig in Unfreiheit zu begeben…,
    ist eine Facette der menschlichen Freiheit.

    Außerdem ist der Begriff „Freiheit“ abhängig von der jeweiligen Einstellung. Die selbe Situation kann als Freiheit oder als Unfreiheit angesehen werden. Beispiel:

    Die Novizin im Kloster sieht ihr Ordens-Gelöbnis wahrscheinlich als einen Akt der Befreiung, ein Außenstehender die selbe Entscheidung womöglich als einen Akt, der in die Unfreiheit führt.

    Manch einer fühlt sich in einem Gefängnis frei, ein
    anderer sieht sich selbst in einem Palast gefangen.

    🌱

    Zitat: „Nicht selbst wählen … heißt, sich in selbstverschuldete Unmündigkeit (Kant) zu begeben“

    Kant spricht hier nicht vom Wählen,
    sondern vom selbständigen Denken.

    Er geißelt unsere Denkfaulheit. Siehe:
    https://philosophischereplik.home.blog/2019/11/02/denkfaulheit/

    🌱

    Zitat: „Gar nichts nützt es mir zu sagen: ich habe dem anderen, der Obrigkeit, der Autorität vertraut, ich habe nur gehorcht. Die Folgen sind bei mir.“

    Aus genau diesem Grund hatte ich mit einer Klage „gegen die Bundesrepublik Deutschland“ den Dienst mit der Waffe verweigert.

    Wer eine solche in die Hand nimmt, ist verantwortlich für das, was durch sie geschieht. Ob er dafür einen Auftrag (Befehl) bekommen hat, oder nicht. Wir können uns nicht aus der Verantwortung stehlen. Keine Chance.

    Eine heitere Arbeitswoche! 🌼

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  4. Die Wahl zu haben bringt Folgen mit sich: Verantwortung, informiert sein, Wahlmöglichkeiten überhaupt zu erkennen, die Notwendigkeit innerer (und äußerer) Stärke, Entscheidungen auch zu treffen und ihre Konsequenzen zu tragen, sich in Verzicht zu üben, usw. Aber das Thema ist schnell theoretisiert und im Falle Kants von einem hohen Ross aus betrachtet. Wahlmöglichkeiten und deren Folgen sind nicht immer klar, die Fähigkeit Entscheidungen zu treffen (und sich auch in Lebensumständen/Situationen zu befinden, für die die Wahlmöglichkeiten überhaupt einen erkennbaren Unterschied machen) ist vielleicht weniger verbreitet, als es wünschenswert ist. Die machtvollere Position der Stärke ist auch in einem von Wahlmöglichkeiten und Selbstbestimmung geprägten Umfeld häufig die dominierende. Sich dennoch durchzusetzen, der Situation zu entziehen, zu flüchten oder Widerstand zu organisieren/Hilfe zu holen kann unmöglich sein, oder zumindest so erscheinen.
    Die Wahl abgenommen zu bekommen kann wirklich erleichternd und erholsam, geradezu befreiend sein. Auch da muss man sich wohl entscheiden, an welchen Stellen das angemessen und möglich ist, da hast du recht.

    Gefällt 1 Person

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