Wenn der Atem ausgeht,
und nichts neuen dir bringt.
Wenn der Kopf nur noch dreht,
dich das Leben bezwingt.

Wenn das Dunkel der Nacht
dir die Sterne verdeckt,
Gefühle verflacht
und die Hoffnung verreckt.

Wenn den Himmel nicht schaust,
und den Boden nicht fühlst,
in dir Leere nur haust,
und im Leeren du wühlst.

Dann lege dich hin und
rolle dich klein,
was heute noch wund,
ist morgen schon heil.

©Sandra Matteotti

Er war einmal Kanzler,
er war es nur kurz,
so hiess er ja auch,
doch das ist nun schnurz.

Er ging bald ganz schnell,
so knapp nach nur kurz,
es war nicht sehr lang,
es war schlicht nur kurz.

Was nun nur noch zählt,
ob lang oder kurz,
ist was nun denn wird;
wohl wieder nur kurz?

Ob dieses Mal lang,
oder wieder nur kurz,
man wird es wohl sehn,
es ist eigentlich schnurz.

Ein Kommen und Geh’n,
und keiner versteht’s,
man tut, was man soll,
es kommt, wie es muss.

©Sandra Matteotti

Erich Mühsam ( 1878 – 1934)

Angst packt mich an.
Denn ich ahne, es nahen Tage
Voll grosser Klage.
Komm du, komm her zu mir! –
Wenn die Blätter im Herbst ersterben,
Und sich die Flüsse trüber färben,
Und sich die Wolken ineinander schieben
Dann komm, du, komm!
Schütze mich –
Stütze mich –
Fass meine Hand an.
Hilf mir lieben!

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedichte, wenn man von Angst geplagt ist

Es ist nicht immer leicht, um Hilfe zu bitten, aber man kann und muss im Leben nicht alles alleine tragen. Oft fühlen wir uns klein und schämen uns unserer Nöte, aber: Hilfe anzunehmen hat nichts mit Schwäche zu tun, im Gegenteil.

ich bin eine suchende,
die finden will
und zieht,
um ecken und
durch gänge hin.
ich bin eine suchende,
die hofft auf mehr,
und leben will,
erleben gar.

ich bin eine suchende,
die immer mal
so wieder find’t
und dann hinschaut
und neu befind’t.

ich bin eine suchende,
die oft am ziel,
doch im gefühl
noch viel mehr will.
so wie ich bin.

©Sandra Matteotti

gefällt dir das, was ich hier tu?
und: hast du mich auch gern?
gibst du mir ein like und
bleibst du auch mal steh’n?

scrollst du nur so durch oder
nimmst du wirklich wahr?
und wenn ich einmal schweige,
kennst du mich dann noch?

bestätigung? ein klick per maus,
und lebenssinn durch augenschein.
was zählt ist weder stil noch sein,
was zählt ist blosser schein.

wer auf sich hält,der zeigt sich stets
in allen lebenslagen, gerne nackt.
die schwächen werden retouchiert,
wen kümmert schon der mensch?

wir wollen schein und wollen prunk,
denn wer die hat, gehört dazu.
wer nicht geseh’n, den gibt es nicht,
wozu wär so ein leben gut?

©sandra matteotti

Rainer Maria Rilke (1875 – 1926)

Die Liebende

Ja ich sehne mich nach dir. Ich gleite
mich verlierend selbst mir aus der Hand,
ohne Hoffnung, dass ich das bestreite,
was zu mir kommt wie aus deiner Seite
ernst und unbeirrt und unverwandt.

…jene Zeiten: O wie war ich Eines,
nichts was rief und nichts was mich verriet;
meine Stille war wie eines Steines,
über den der Bach sein Murmeln zieht.

Aber jetzt in diesen Frühlingswochen
hat mich etwas langsam abgebrochen
von dem unbewussten dunkeln Jahr.
Etwas hat mein armes warmes Leben
irgendeinem in die Hand gegeben,
der nicht weiss was ich noch gestern war.

(1907)

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, das man lesen kann, wenn man liebt oder wenn man sich sehnt

Was wollte man hinzufügen? Man kann es nur lesen, nochmals lesen, immer wieder lesen. Und immer findet man was, berührt einen etwas Neues, ist man bewegt.

Eva Strittmatter 8. Februar 1930 – 3. Januar 2011

Strahlung

Die Leute meinen immer, Gedichte
Werden aus Worten gemacht
Und sind nichts weiter als Lebensberichte,
In Reim und Rhythmus gebracht.

Dabei sind Gedichte unsichtbare Wesen,
An die wir manchmal streifen.
Was wir mit unseren Augen lesen
Ist nicht mehr, als was wir begreifen

Von einem Rätsel, das Strahlung heißt
Und ewig bewegt ist in sich
Und das uns aus unseren Bahnen reißt
Und schleudert dich gegen mich.

Was sind schon Worte? Worte sind leicht.
Das Leichteste auf der Welt.
Und mit Worten allein hat noch keiner erreicht,
Dass die Zeit in den Raum einfällt

Und stehen bleibt und geht nicht mehr
Vor und nicht mehr zurück.
Gedichte sind Antimaterie. Schwer.
Monolithisch. Wie der Tod. Wie das Glück.

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, das man immer lesen kann

Ein Gedicht, das ausdrückt, wieso ich denke, dass Lyrik helfen kann. Ein Gedicht, das aufzeigt, dass Lyrik mehr ist als nur Worte. Es geht da weiter , wo die Worte enden, trägt in sich, was auszusprechen oft nicht möglich ist.