Theodor Fontane (1819 – 1898)

Lass ab von diesem Zweifeln
Laß ab von diesem Zweifeln, Klauben,
Vor dem das Beste selbst zerfällt,
Und wahre dir den vollen Glauben
An diese Welt trotz dieser Welt.

Schau hin auf eines Weibes Züge,
Das lächelnd auf den Säugling blickt,
Und fühl’s: es ist nicht alles Lüge,
Was uns das Leben bringt und schickt.

Und, Herze, willst du ganz genesen,
Sei selber wahr, sei selber rein!
Was wir in Welt und Menschen lesen,
Ist nur der eigne Wiederschein.
(1895)
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Projekt „Lyrische Helfer“  – Weil es für jede Lebenslage ein Gedicht gibt. Ein Gedicht, das man lesen kann, wenn man zweifelt

Ich bin grad so müde und lege mich hin,
schliesse die Augen, das Ohr und den Sinn.
Schlafe dann ein und sehe nur schlicht,
in mir das Liebste, dein lieb’ Gesicht.

Und wenn du dann kommst, dann leg dich zu mir,
decke uns zu und denke bei dir,
wenn ich leise seufzend mich zu dir hinschieb,
dass ich dich gefühlt, weil ich dich so lieb.

©Sandra Matteotti

Ich wollte dir ein Haus erbauen
ich riss es schliesslich ein.
Ich wollte doch so sehr vertrauen,
es sollt’ auf ewig sein.

Ich wollte mit dir Pferde stehlen,
ich ritt auf ihnen weg.
Ich kann dabei gar nicht verhehlen,
dass mich das selbst bewegt.

Ich steh mir manchmal selbst im Lichte,
und glaube nicht an dich.
Ich mach’ mir alles das zunichte,
was teuer ist für mich.

Ich habe Angst und fliehe dann,
von wo ich doch am liebsten bin.
Ich fürchte mich, dass ich nicht kann,
was eigentlich in meinem Sinn.

Ich möcht’ mit dir mein Leben teilen,
und fürchte alles, was uns trennt,
und statt dann glücklich zu verweilen,
bin ich es, der’s verbrennt.

Ich möchte dir ein Haus erbauen,
ich lass es fortan steh’n,
komm lass uns beide drauf vertrauen,
und mutig in die Zukunft seh’n.

©Sandra Matteotti

Am Tag, an dem das Licht ausgeht,
die Seele schlicht am Boden liegt.
Am Tag, der dir den Atem nimmt,
und Dunkelheit das Hell besiegt.
Am Tag, an dem das Herz sich leert,
der Magen sich zum Klumpen staut.
Am Tag, an dem du nicht mehr magst,
sich hoch am Himmel Unheil braut.
An diesem Tag weisst du genau,
du nimmst dein Hab und gehst dahin,
an diesem Tag spürst du den Tod
und nirgends scheint ein Neubeginn.

Ich hab mein Glück auf Sand gebaut
nun ist es arg am Wanken.
Es fehlen Pfeiler, Fundament,
und die sichern Planken.

Mit dir schien alles mir vertraut,
ich wollt dem Himmel für dich danken.
Nun fiel dein Stern vom Firmament,
mir kreisen die Gedanken.

Ich hab mal sehr an uns geglaubt,
das alles ist am Kranken.
Es fehlen Glaube und auch Halt,
weil plötzlich Zweifel ranken.

©Sandra Matteotti

Sanft eingeschlafen
weggeschwebt,
im Atem dich und
im Gefühl.

Weit weggeschwommen,
abgetaucht,
in Traumestiefen,
märchengleich.

Dich mitgenommen,
mitgeschwommen,
im Ozean des
Traumesmeers.

Azurenblau und
Petrolgrün,
mit Haut und Haar
im Wogenkleid.

Ich bin schlicht dort,
wo du auch bist,
und fühle mich da
pudelwohl.

Wir scheiden Wasser
und auch Gischt
und sind vom
gleichen Pol.

©Sandra Matteotti

Ich atme aus, ich atme ein,
ich schlucke leer und tief.
Das Leben stellt mir nun das Bein,
das eben froh noch lief.

Ich sehe meine Hände an,
wo finden sie noch Halt?
Ob ich je wieder lachen kann?
Und: Bleibt die Welt nun kalt?

Ich weine leise, tränenlos,
ein Kloss in Hals und Bauch.
Der Schmerz scheint übererdengross,
mein Ich drin nur ein Hauch.

Das Blut pocht mir vom Herz zum Ohr,
es dröhnt gar fürchterlich,
Das alles kommt mir sinnlos vor,
am meisten aber ich.

©Sandra Matteotti

Ich wollte eine Brücke bauen
und igelte mich ein.
Ich wollte dir doch ganz vertrauen –
ich tat es nur zum Schein.

Ich schloss mein Herz in Mauern ein
und liess nur einen Spalt.
Nur ab und an liess ich dich rein,
doch meistens sagt’ ich: „Halt!“

Ich wollte eine Brücke bauen,
wollte mit dir sein,
in mir jedoch das grosse Grauen
vor zu grosser Pein.

Ich schloss mein Herz in Mauern ein
und mach mir’s hier bequem.
Doch bleib’ ich dabei schlicht allein,
trau ich nicht irgendwem.

Drum will ich es nun wirklich wagen,
und ich bau auf dich.
Drum möchte ich dir heute sagen:
Ja, ich traue mich!

©Sandra Matteotti

Hoch oben am Himmel
den Sternen so nah
flog ich zu den Wolken
und drüber noch gar.

Ich wähnte mich glücklich,
ich nutzte den Wind,
nur runter geht’s immer,
und manchmal geschwind.

Ich fiel aus den Wolken,
weit – talbodentief.
Ich lag in der Grube,
der Himmel hing schief.

Ich schaute nach oben
und fühlte mich klein.
Ich fühlte mich dumm auch,
wie könnt’ ich’s nicht sein?

Ich glaubte an Flügel,
an Sinn und an Zweck
ich traute dem Leben,
und lag nun im Dreck.

Am Schluss ist man schliesslich,
wie könnt’s anders sein,
am Schluss ist man schliesslich
doch immer allein.

©Sandra Matteotti

eingesogen
weggezogen
hochgeworfen
tiefer Fall

hohe Wellen
dunkle Wogen
tiefe Wasser
Untergang

losgelassen
ungetragen
haltverloren
und allein

ohne Sonne
nirgends Lichter
eingenommen
und in Angst

ausgeworfen
auferstanden
Mut gewonnen
weiter geht’s

©Sandra Matteotti

ein schleier sich hebt
und sacht offen legt
was oft noch erhofft
doch kaum mehr geglaubt

ein Lichtstrahl sich zeigt
und sachte aufsteigt
den Himmel erhellt
das Tal sanft belebt

wenn also schlicht das
was gut einmal war
dann höllentief schien
zum Himmel nun strebt

dann kommt endlich gut
was kaum mehr geglaubt
nur tief drin erhofft
die seele bewegt

dann wird endlich ganz
was bruchstück noch war,
dann wird endlich heil
was tieftraurig war

©Sandra Matteotti

Rainer Maria Rilke: Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden
Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden,
in welchen meine Sinne sich vertiefen;
in ihnen hab ich, wie in alten Briefen,
mein täglich Leben schon gelebt gefunden
und wie Legende weit und überwunden.



Aus ihnen kommt mir Wissen, dass ich Raum
zu einem zweiten zeitlos breiten Leben habe.
Und manchmal bin ich wie der Baum,
der, reif und rauschend, über einem Grabe
den Traum erfüllt, den der vergangne Knabe
(um den sich seine warmen Wurzeln drängen)
verlor in Traurigkeiten und Gesängen.

Nicht zu selten hadern wir dann. So hatten wir uns das Leben nicht vorgestellt. Die dunklen Seiten wollen wir nicht, wir suchen das Licht. Nur ist es erstens eine Illusion, zu glauben, ein Leben könnte nur aus lichtvollen Momenten bestehen. Zweitens ist nicht mal sicher, ob es wirklich wünschenswert wäre.

Wer hat nicht schon mal aus einer nicht vorhergesehenen, nicht mal nicht gewünschten Situation plötzlich etwas erkannt, was ihm vorher so nicht klar war? Sind es nicht oft die problematischen Situationen, an denen wir wachsen?

Es gibt den Ausdruck „Licht ins Dunkel bringen“. Er bedeutet, dass etwas, das vorher nicht gesehen wurde, augenschaulich wird – dies auch im übertragenen Sinne. Nur: Damit Licht kommen kann, muss erst Dunkelheit herrschen. Und vielleicht ist das Licht in der Tat sogar schon da, nur sieht man es im Licht nicht, es geht unter. Wir schauen vielleicht auch nicht genau hin, strengen uns erst an, wenn es dunkel ist.

Vielleicht sind dunkle Stunden Chancen und Möglichkeiten. Wir mögen es nicht auf den ersten Blick erkennen, aber vielleicht hilft der Gedanke daran, dass es so sein könnte, sie besser zu überstehen. Und vielleicht kommen wir besser ins Licht, wenn wir daran glauben, dass es sich im Dunkel zeigen kann – wenn wir nur genau hinschauen.

Lächeln
Mein Grundbedürfnis geht nach Liebe.
Ich wünschte sehr, daß man mich liebt
Und daß mein Lächeln leben bliebe,
Wenn es mich einmal nicht mehr gibt.

Das Höchste, was man hat, ist Bindung
Durch Liebe. Ich ertrage nicht
Die mir verweigerte Empfindung.
Ich öffne allen mein Gesicht

Mit einem Lächeln. Magisch scheinen
In mich die anderen hinein.
Und ich kann sie in mir vereinen,
Und sie vervielfachen mein Sein.
Eva Strittmatter

Wenn ich Bus oder Zug fahre, fallen mir immer wieder die vielen unzufriedenen Gesichter auf. Mit starrem Blick und runtergezogenen Mundwinkeln starren sie entweder in die Luft oder aber auf den Bildschirm eines Handys. Es werden selten Blicke getauscht, geschweige denn kommen Menschen ins Gespräch. Und: Kaum ein Lächeln zeigt sich. Eigentlich traurig, denn ein Lächeln kann so viel bewirken. Bei sich und bei anderen.

Lächle einen Menschen an und er fühlt sich wahrgenommen, auf eine positive Weise. Stell dir nur mal vor, wie dich jemand anlächelt. Kommt nicht gleich ein warmes Gefühl ums Herz auf? Und spüre mal in dein Gesicht, hat sich dein Mund nicht auch gleich zu einem Lächeln bewegt nur schon beim Gedanken an ein Lächeln?

Ein Lächeln kann die Welt eines Menschen für einen Moment erhellen – und oft bleibt es dann weiter hell. Lächeln bringt Liebe ins Leben. Liebe, die wir alle so sehr brauchen. Wieso nicht einfach den Menschen um uns ein Lächeln schenken? Und wieso nicht mal in den Spiegel schauen und uns selber anlächeln? Gerade dann, wenn uns vielleicht nicht so sehr zum lachen zumute ist?

des nachts in den strassen
im dunkel ein licht
aus fenstern geschienen
das dunkel durchbricht

ein jedes ein leben
geschichte für sich
doch keines der fenster
steht für sich allein

sie bilden hoch reihen
und bilden sie quer
und jedes der fenster
gebiert eine Welt

ein jedes allein
verwoben im netz
in reih und in glied
scheint jedes am platz

vermeintlich selbst ganz
und doch nur ein teil
vermeintlich selbst ganz
und doch schlicht allein

©Sandra Matteotti