Tagesgedanken: Werde, der du bist

Wann hast du dich das letzte Mal für etwas gelobt, das du gemacht hast? Wann hast du in den Spiegel geschaut und gefunden, dass du dir gefällst, dass du total ok bist, wie du bist? Wann hast du voller Dankbarkeit auf dein Leben geschaut, auf alles, was da ist, was du hast und bist?

Wann hast du das letzte Mal mit dir gehadert? Wann hast du dich gescholten, weil du einen Fehler gemacht hast? Wann bist du das letzte Mal wütend geworden, weil du wieder einmal übergangen worden bist? Wann hast du dich das letzte Mal nicht gesagt, was du eigentlich willst, um die Harmonie zu wahren? Und wann bist du das letzte Mal wütend geworden, weil der andere deine Bedürfnisse nicht erraten hat?

Vielen fallen wohl mehr Beispiele für das zweite als für das erste Mal ein. Sie schauen in den Spiegel und sehen zuerst den Pickel auf der Nase statt der schönen Augen. Sie streben nach Perfektion, um nicht angreifbar zu sein, und vergessen dabei, dass kein Mensch perfekt ist – und es auch nicht sein muss. Sie stecken zurück, aus Angst, von anderen abgelehnt zu werden, und hadern dann innerlich, weil sie zu kurz kommen. Was passiert da?

Das alles sind Vermächtnisse der Kindheit. Glaubenssätze, die sich festgesetzt haben, prägen noch heute unser Leben: Ich bin nicht gut genug. Ich bin nichts wert. Ich komme zu kurz. Ich bin nicht liebenswert. Oft sind diese nicht mal direkt bewusst, sondern sie wirken aus dem Unbewussten und lassen uns reagieren – oft im Nachhinein unangemessen, übertrieben, sicher nicht gesund. Wenn wir also merken, dass wir immer wieder in ähnliche Muster verfallen, ähnliche Probleme im Leben haben im Umgang mit uns und anderen, hilft es, mal genauer hinzuschauen. Was löst solche Situationen aus? Was ist genau passiert? Wieso habe ich so reagiert? Wie habe ich mich in dem Moment gefühlt?

«Ich habe keine Macken, das sind Special Effects.» (Stefanie Stahl)

Wichtig ist, mich nicht für mein Verhalten, für meine Schwächen zu verurteilen. Es geht nicht um Selbstanklage, sondern im Gegenteil um Selbstakzeptanz. Das geht nur, wenn ich mich als Ganzes annehme, mit meinen Stärken und Schwächen, dass ich erkenne, dass ich mit allem völlig in Ordnung bin, dass ich ein wertvoller Mensch bin, der geliebt werden kann, so wie er ist. Ich darf Schwächen haben, ich darf Fehler machen, ich bin deswegen kein schlechter Mensch und auch kein Mängelwesen. Aber: Ich kann an meinen Schwächen arbeiten, ich kann hinschauen, was passiert und versuchen, etwas zu verändern. Das hilft nicht nur mir, weniger zu leiden unter Situationen, das bringt auch Entspannung ins Miteinander mit anderen Menschen.

Oft stecken hinter falschen Reaktionen falsche Interpretationen von Situationen oder Deutungen von Verhalten. Wenn ich mir dessen bewusst werde, kann ich daran arbeiten, an meinen versteckten Mustern zu arbeiten und diese zu verändern: Was war wirklich da und was habe ich hineingelesen? Was wäre eine angemessene Reaktion gewesen? Was kann ich tun, um bei einem nächsten Mal besser zu reagieren? Wo sind meine inneren Zwänge und Prägungen, die mich impulsiv reagieren lassen?

«Wie man wird, was man ist.»[1]

Wenn ich das erkannt habe, kann ich wachsen, dann kann ich lernen, der Wirklichkeit angemessen zu reagieren, kann aus mir und meinem wirklichen Sein und Wollen heraus leben statt in leidvollen Mechanismen zu verharren.

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Buchtipp: Stefanie Stahl: Das innere Kind muss Heimat finden. Der Schlüssel zur Lösung (fast) aller Probleme

Wie steuern Prägungen aus der Kindheit unser Verhalten? Wie haben sich alte Glaubessätze in uns festgesetzt und bringen uns nun immer wieder in leidvolle Situationen? Diese zu erkennen und zu ersetzen hilft, ein freudvolleres Leben zu führen.

Stefanie Stahl zeigt in ihrem Buch auf, welche Reaktionen im heutigen Leben auf was für Glaubenssätze aus der Kindheit zurückzuführen sind, und wie wir diese durch positive Sätze und ein angemesseneres Verhalten umwandeln können.

  • Angaben zum Buch:
  • Herausgeber: Kailash (16.11.2015)
  • Broschiert: 288 Seiten
  • ISBN-Nr.: 978-3424631074

Auch als Hörbuch erhältlich.


[1] Der Untertitel von Nietzsches Ecce Homo geht auf einen Satz Pindars aus den Pythischen Oden zurück.

Tagesgedanken: Nein sagen lernen

„Wenn du damit beginnst, dich denen aufzuopfern, die du liebst, wirst du damit enden, die zu hassen, denen du dich aufgeopfert hast.“ (George Bernhard Shaw)

Kennst du das, dass es dir schwerfällt, nein zu sagen? Die Schule will einen Kuchen für ein Fest, die Nachbarin Kaffee trinken, der Mann will einen Ausflug machen. Und eigentlich möchtest du nicht, denkst aber, diese Wünsche nicht abschlagen zu können. Du stellst dir die Enttäuschung beim anderen vor, wenn du nein sagst, und erfüllst dann die Wünsche – wenn auch mit innerlichem Grummeln.

Für den Moment scheint das eine gute Strategie, bei der alle (ausser dir) zufrieden sind. Du bist es dann insofern, als du „alles richtig gemacht hast“. Auf den zweiten Blick stellt sich aber heraus, dass aus diesem Verhalten auf Dauer wenig Gutes wächst. Indem du dich immer wieder zu wenig ernst nimmst mit deinen Bedürfnissen, indem du diese immer wieder hintenanstellst und die eines anderen erfüllst, wächst in dir eine Unzufriedenheit heran – über dich und über den anderen. Du fängst an, ihm übel zu nehmen, was du für ihn gegen deine Überzeugung tust.

Die Unfähigkeit, nein zu sagen, kommt daher, dass wir es anderen recht machen wollen. Wir wollen unser Miteinander in Harmonie leben und scheuen davor zurück, anzuecken, Anlass zur Auseinandersetzung zu werden. Wir pflanzen unsere Vorstellung vom Verhalten des anderen in dessen Kopf und glauben dann, dass dieses auch wirklich da ist. Wir stellen uns seine Reaktion auf unser Nein vor, und reagieren dann auf die von uns vorgestellte Reaktion. Wie oft sind wir erstaunt, wenn doch mal ein Nein gelingt, dass die Reaktionen weit weg von der sind, die wir ängstlich voraussagten?

Nein sagen hat nichts mit Egoismus zu tun, sondern mit Selbstsorge. Nur, wenn wir gut zu uns selbst schauen, können wir auch eine ebenbürtige Beziehung führen. Nur wenn wir uns den Wert zuschreiben, den wir auch dem anderen geben, leben wir auf Augenhöhe. Oft stecken hinter dem Verhalten, alles richtig zu machen, Ängste: Die Angst, nicht zu genügen, die Angst, nicht geliebt zu werden, die Angst, etwas kaputt zu machen, das uns viel bedeutet. Diese Ängste haben ihren Ursprung meist in der Kindheit, es sind Prägungen unseres Kinder-Ichs, die immer wieder hervorbrechen. Wenn wir uns dessen bewusst werden, können wir uns immer wieder sagen, dass wir nun selbst gross sind, dass es uns zusteht, für uns einzustehen, dass wir auch mal nein sagen dürfen. Für uns selbst und schlussendlich auch fürs Miteinander.  

Tagesgedanken: «Sei mal normal!»

„Es gibt keine Normen. Alle Menschen sind Ausnahmen einer Regel, die es nicht gibt.“ (Fernando Pessoa)

Als Kind sagte mein Vater oft zu mir: «Sei mal normal, sei mal so wie die anderen.» Er fand immer Kinder, die besser waren, die die Dinge besser machten als ich. Und ich stand da und fühlte mich hilflos und traurig. Ich wäre gerne so gewesen, wie er mich haben wollte, doch irgendwie schien ich das nie ganz zu erreichen. So, wie ich war, schien ich auf alle Fälle nie ganz richtig zu sein und schon gar nicht normal. Nur: Wer bestimmt eigentlich, was normal ist? Wer bestimmt, wie Menschen zu sein haben, wer setzt den Massstab und mit welchem Recht?

Was ist genau normal? Vermutlich das, was der, welcher einen anderen als nicht normal bezeichnet, für sich als dieses definiert. Die Frage ist nun, welchen Wert ich dieser Zuschreibung beimesse und wie tief sie bei mir geht. Menschen, die mit einem Selbstvertrauen ausgestattet sind, werden damit weniger Mühe haben als die, welchen dieses fehlt. Leider bildet sich das Selbstvertrauen meist in der Kindheit aus – oder eben nicht. Wenn ich aufwachse mit dem Gefühl, geliebt zu werden, wie ich bin, egal, was ich tue, leiste oder schaffe, werde ich ein Vertrauen in mich und andere Menschen aufbauen können. Fehlt das aber, wird mir immer vermittelt, ich muss was leisten, um geliebt zu werden, ich muss «gut» sein, um der Liebe des anderen würdig zu sein, dann gräbt sich ein Satz tief und tiefer:

«Ich bin nicht genug.»

Und dann wirst du erwachsen und stehst auf eigenen Füssen. Und dein Vater sagt dir vielleicht nicht mehr so oft, dass du dich anders verhalten oder gar anders sein müsstest. Nur: Der Satz hat sich als Glaubenssatz eingebrannt und er wirkt von innen heraus weiter. Wenn du dann auf Situationen stössst, in denen du dich unwohl fühlst, in denen du das Gefühl hast, abgelehnt oder ausgegrenzt zu sein, ist er da und zeigt seine Wirkung. Manchmal als wirklicher Satz, der in dir dreht, manchmal in einer kompensierenden Handlung, die nach aussen (im Innern nicht gefühlt) demonstrieren will, dass du durchaus genug bist, und die dann übers Ziel hinausschiesst.

Kurz bevor mein Vater starb, hatten wir ein schönes Gespräch. Da sagte er mir:

«Du warst schon immer anders als andere, hast schon immer dein Ding gemacht.»

Es klang fast wohlwollend. Wie gut hätte mir das als Kind getan? Wie viel stärker wäre ich aus einer Kindheit gekommen, die mir das Gefühl vermittelt hätte, gut genug zu sein? Zum Glück ist es nie zu spät. Im Wissen um diese inneren Mechanismen kann ich lernen, in Situationen, in denen ich vielleicht überreagiere oder in denen das Gefühl, nicht zu genügen aufkommt, hinzuschauen: Was ist passiert? Was hat die Situation in sich, dass ich so fühle und reagiere? Und ich kann bewusst dagegen steuern. Ich kann mir sagen, dass ich genug bin, dass ich gut bin, wie ich bin. Vielleicht bin ich damit beim anderen Menschen nicht «normal». Es ist an mir, ob ich mich anpassen kann und will oder nicht. Beides hat Konsequenzen, die ich dann tragen muss. Das ist die Krux beim Erwachsensein: Man trägt die Verantwortung für das, was man tut.

Tagesgedanken: Mut zum Scheitern

«Eine andere Tugend des Scheiterns kann sein, dass es uns empfänglich macht und den Anstoss gibt für eine Richtungsänderung an einer existenziellen Weggabelung, die sich als glücklich erweisen wird… Diese Tugend des Scheiterns besteht nicht unbedingt darin, uns weiser, demütiger oder stärker zu machen, sondern schlicht darin, uns empfänglich zu machen für Anderes.»

Passiert es dir oft, dass du gerne etwas machen würdest, dich dann aber selbst zurückhältst, weil du denkst, das nicht zu können? Hast du Angst, zu scheitern und möchtest dir diese Blösse nicht geben? Schämst du dich, wenn dir ein Fehler unterläuft, weil du Ablehnung und Spott fürchtest, so dass du Situationen vermeidest, die dich in diese Position bringen könnten? Weisst du, wie viele Träume du brachliegen liessest? Hast du eine Ahnung, wie oft du dir damit selbst im Weg standest?

Die Angst zu scheitern sitzt tief bei uns. Das hängt einerseits mit Glaubenssätzen zusammen, die wir verinnerlicht haben (ich bin nicht gut genug, ich bin dumm, ich kann das nicht), andererseits mit Prägungen aus unserer Kultur, welche mit Fehlern oft hart ins Gericht geht – sie sind nicht vorgesehen. Das fängt schon in der Schule an, wo man für jeden Fehler einen roten Strich im Heft erhält, ganz unten steht die Note oft mit einem Tadel, wenn die Leistung nicht genügt hat, sowie der Aufforderung, sich intensiver mit der Materie auseinanderzusetzen.

«Lehren bedeutet nicht, ein Fass zu füllen, sondern ein Licht anzuzünden.» (Michel de Montaigne)

Das finnische Schulsystem geht einen anderen Weg als unseres. Statt Fehler rot anzustreichen und sich auf die Schwächen der Schüler zu konzentrieren, werden Fehler als Möglichkeit zu lernen gesehen und die Konzentration liegt hauptsächlich auf den Stärken. Man will nicht Gleichförmigkeit im Wissen auf allen Gebieten erreichen, sondern die je individuellen Talente und Fähigkeiten fördern. Eine solche Haltung bringt einen grossen Vorteil: Eine positive Fehlerkultur.

Wenn Fehler als Chancen und nicht als Versagen begriffen werden, fällt es leichter, etwas zu wagen. Wenn ich nicht fürchten muss, dass mich andere auslachen, ausgrenzen, verurteilen oder gar strafen für meine Fehler, kann ich leichter etwas wagen, von dem ich nicht weiss, wie es ausgehen wird. Ich kann mich meinen Wünschen und Träumen mit Mut und Zuversicht widmen, statt mich von der Angst, einen Fehler zu machen, zu scheitern, bremsen zu lassen.

Es braucht oft Mut, etwas zu wagen, weil wir von unseren Ängsten auf alle Möglichkeiten zu Scheitern aufmerksam gemacht werden. Durch die negative Sicht auf dieses verzichten wir auf vieles lieber, als dass wir es wagen, und versagen uns so selbst die Erfüllung unserer Wünsche, Träume und Ziele. Ein Risiko zu wagen bedeutet, die Verantwortung für das Ergebnis zu übernehmen. Wenn etwas in die Hose geht, dann habe ich das vollbracht und ich muss dazu stehen. Es ist leider so, dass alles, was gelingen kann, auch misslingen kann. Die Möglichkeit zu scheitern besteht immer, wenn ich etwas wage. Dies bedeutet aber nicht, dass ich als Mensch gescheitert bin. Es bedeutet auch nicht, dass ich zu dumm oder sonst nicht gut genug bin. Mir ist schlicht ein Fehler unterlaufen, ich habe etwas nicht geschafft, etwas ist misslungen. Wirklich scheitern kann ich nur auf eine Weise: Wenn ich es gar nicht erst versuche!

Tagesgedanken: Gut genug

«Vergiss nicht – man benötigt nur wenig, um ein glückliches Leben zu führen.» (Marc Aurel)

Wir streben nach Schönheit, übersehen aber die Blume am Strassenrand.
Wir wollen hoch hinaus, wollen Erfolg, überhören aber ein einfaches Lob, wenn es ausgesprochen wird.
Wir streben nach Auszeichnungen, träumen von grossen Lobesreden, übersehen dabei das dankbare Lächeln eines Kindes.
Wir schauen zum Gipfel, sehen ihn als erstrebtes Ziel, und trampeln auf dem Weg dahin achtlos über Blumen, Gräser, durch Wälder und Dörfer.

Wie oft gehen wir durchs Leben, Ziele im Blick und all das, was wir noch wollen und noch nicht haben. Wir jammern über verpasste Chancen und hadern mit unerreichbaren Zielen. Wir sehen so viel, das es gibt auf dieser Welt und was uns fehlt, dabei übersehen wir, was wir alles haben – und nicht schätzen. Oft ignorieren wir auch schon Erreichtes, vergessen Erfolge auf dem Lebensweg und sind nur damit beschäftigt, was uns fehlt, um wirklich gut zu sein, um wirklich etwas erreicht zu haben, das Anerkennung bringt, das genügt, denn im Moment ist nur eines der Fall: Es ist nicht gut genug. Wir sind nicht gut genug.

Was wir dabei gerne übersehen: Nur schon, dass wir uns diese Gedanken überhaupt machen können, ist schon ein grosses Privileg. Es heisst, dass wir uns nicht ums nackte Überleben kümmern müssen, und auch, dass wir geistig dazu in der Lage sind. Das kümmert uns aber nicht sehr, denn mit all dem gehen wir mit der Zeit, deren Motto lautet:

Schneller, grösser, besser, mehr von allem.

Das Leben scheint nur gut genug, wenn es perfekt ist. Wir stehen nur am richtigen Ort im Leben, wenn wir an der Spitze stehen. Die Frage, was wir davon wirklich haben, stellen wir nicht, und wenn doch, gibt es genügend Antworten, allen voran: Wieso weniger, wenn auch mehr geht? Und wir fühlen uns in guter Gesellschaft, fühlen uns von der sogar angetrieben, wenn wir sehen, dass ein anderer mehr hat – was der (haben) kann, wollen auch wir. Und vielleicht noch ein wenig mehr.

Um dieses Mehr zu erreichen, begeben wir uns in ein Hamsterrad, wir ackern uns von morgens bis abends ab, bemühen uns, nicht stehen zu bleiben, sondern immer weiterzugehen, denn: Stillstand ist Rückschritt. Immer schneller, immer höher, immer mehr. Und doch nie genug. Vielleicht würden wir all das nicht brauchen, wenn wir mal hinschauen würden. Wenn wir uns fragen würden, wieso wir all das überhaupt wollen. Wenn wir hinterfragen würden, was uns antreibt, woher die Unzufriedenheit kommt. Wenn wir analysieren würden, wieso wir uns mit anderen vergleichen und diese dann übertreffen wollen. Wenn wir die Unzufriedenheit mit unserem eigenen Sein und Haben und die dahinterstehenden Gründe und Glaubenssätze offenlegen könnten.

Schlussendlich wird uns keines dieser Mehr wirklich mehr bringen, vor allem wird es uns nie alles und abschliessend genug bringen. Wo mehr ging, geht immer auch noch mehr, dieses Streben ist ein Fass ohne Boden, ein Weg ohne Ende. Es ist eine Reise ohne Ankunft, ein Streben ohne Glück am Ende. Und all das wäre nicht nötig, wenn wir herausfänden, was im Leben wirklich Freude bringen könnte, was wirkliche Befriedigung in sich tragen könnte und vor allem, was uns aus diesem Hamsterrad ausbrechen lassen könnte, das ein nie endendes und dabei so ermüdendes ist. Wir würden unseren Blick wieder für die Schönheit des Lebens öffnen und uns an dem erfreuen, was schon gut ist:

  • Schöne Gespräche mit Freunden
  • Die Anerkennung für das, was wir gut machen
  • Das dankbare Lächeln eines Kindes, dem wir geholfen haben
  • Die Blumen am Wegesrand, wenn wir zur Arbeit gehen
  • Das Glas Wein, genossen mit einem lieben Menschen
  • Der Stolz, wenn wir etwas geschafft haben
  • Die Freude, wenn uns etwas gelingt

Und nicht zuletzt: Das Wissen, genug zu sein, so wie wir sind.

«Der Weg zu allem Grossen geht durch die Stille.» (Nietzsche)

Dann würde das Vergleichen aufhören können. Dann müssten wir nichts erreichen, nur weil andere es haben. Wir würden eine Dankbarkeit empfinden können für all das Gute und Schöne, indem wir mehr Achtsamkeit pflegen, es zu sehen. Wir könnten aufhören zu strampeln und zur Ruhe kommen. Dann würden wir erfahren, was schon Konfuzius sagte:

«In der Ruhe liegt die Kraft.»

Diese Kraft würde uns helfen, unseren Weg zu gehen, wie er für uns stimmt. Nicht aus Vergleichen heraus, nicht aus dem ewigen Streben nach mehr heraus, sondern aus unserem tiefen Sein und Wollen heraus im Wissen, was unser Leben ausmachen soll, wer wir sein wollen, wie ein Leben aussehen müsste, dass es «mein Leben» ist.

Tagesgedanken: Träume leben

Kennst du das auch? Du träumst davon, etwas zu tun, findest aber ganz viele Argumente, die dagegensprechen, vertagst es im besten Fall auf später, im schlimmsten verwirfst du den Traum. Nun gibt es zwar so schöne Sprüche wie „Lebe deinen Traum!“ oder „Wenn du davon träumen kannst, kannst du es auch tun!“ – nur: Ist die Realität nicht anders? Stecken wir nicht oft in Zwängen und Verpflichtungen fest? Können wir nicht oft vor lauter tun Müssen unsere Träume nicht leben? Zudem fehlt es dem Weg zu diesen Träumen oft an vielem und einiges steht im Weg. Wie auch immer: Es finden sich meist gute Gründe, wieso du deine Träume nicht lebst.

In der heutigen Zeit hört man immer, dass alles möglich sei, wenn man es nur genug wolle. Es sei alles erreichbar und verfügbar für den, der es genug will. Ich bezweifle das. Was ich aber denke ist folgendes: Wenn du etwas wirklich tun willst, solltest du die Gründe, die dagegensprechen, gut prüfen. Ab und an sind es nur diffuse Ängste, ab und an glaubst du schlicht zu wenig an dich.

Wenn es etwas wirklich Wichtiges gibt auf dem Weg hin zu den eigenen Träumen, ist es folgendes: Du musst anfangen – beherzt, mit Mut und Leidenschaft. Sicher braucht es auch Geduld und Ausdauer, wenn du deine Ziele erreichen willst, aber wenn du nie den ersten Schritt machst, wirst du auch nie ankommen. Machst du diesen ersten Schritt nur halbherzig, findest du sicher auch schnell Gründe, die dich zum Abbruch des Weges bewegen. Die innere Haltung zu deinen Wünschen und Zielen ist wichtig auf dem Weg. Nur, wenn du Dinge aus Überzeugung und mit ganzem Herzen tust, wirst du das auch nach aussen ausstrahlen. Und dann können Dinge passieren, von denen du kaum zu träumen gewagt hättest. Das wusste auch schon der alte Goethe:

„In dem Augenblick, in dem man sich endgültig einer Aufgabe verschreibt, bewegt sich die Vorsehung auch. Alle möglichen Dinge, die sonst nie geschehen wären, geschehen, um einem zu helfen. Ein ganzer Strom von Ereignissen wird in Gang gesetzt durch die Entscheidung, und er sorgt zu den eigenen Gunsten für zahlreiche unvorhergesehene Zufälle, Begegnungen und materielle Hilfen, die sich kein Mensch vorher je so erträumt haben könnte. Was immer Du kannst, beginne es. Kühnheit trägt Genius, Macht und Magie. Beginne jetzt.“

C. G. Jung sprach in dem Zusammenhang von Synchronizität. Dinge passieren nicht, weil eines durch etwas anderes ausgelöst wird, sondern die eigenen Gedanken, Gefühle und auch Haltungen stossen auf Resonanz. Wenn du also beginnst, mit ganzem Herzen deinen Traum zu leben, stösst du plötzlich auf Menschen, die gleich gesinnt sind. Du triffst auf Verständnis, Unterstützung, findest Hilfe, Rückhalt und Zuspruch, mit denen du nie gerechnet hättest. Aus diesem Zweifel, dieser Unsicherheit und dem fehlenden Glauben an deine Träume heraus hast du immer wieder Gründe gefunden, sie nicht zu leben, es nicht einmal zu versuchen.

Wenn ich also mit ganzem Herzen etwas tue, habe ich gute Chancen, dass es gelingt. Natürlich kann alles, was gelingen kann, auch misslingen. Damit ist aber weder die Sache noch man selber gescheitert. Gescheitert wäre man, würde man nichts mehr probieren, weil man nicht mehr dran glaubt, dass etwas gelingen kann. Jeder Versuch ist ein Erfolg, nur das Nicht-Versuchen ist ein Scheitern.

Es gibt viel zu tun. Wann fangen wir an?

Tagesgedanken: Ans Licht

«Die meisten Schatten in unserem Leben rühren daher, das wir uns selbst in der Sonne stehen.» (Ralph Waldo Emerson)

Ich mag meine gewohnten Tagesabläufe, ich habe mich darin eingerichtet und fühle mich wohl damit. Wenn sich eine Störung derselben ankündigt, überfordert mich das im ersten Moment. Dann stehe ich da, sehe meine Pläne und die Störung, und meine erste Reaktion ist: Das geht nicht. Früher konnte mich so etwas regelrecht aus der Bahn werfen. Nach und nach habe ich Strategien entwickelt, damit umzugehen: Ich versuche, mir Wege vorzustellen, wie es doch gehen könnte. Wie kann ich meinen Tag gestalten, dass die anstehende Veränderung auch für mich passt. Am Anfang gelang es mir gar nicht im Vorfeld, die Situation musste erst eintreten, doch dann merkte ich: Es geht. Mit der Zeit gelang es mir immer besser.

Kennst du das auch: Du bist mit einer Situation konfrontiert, die dich überfordert, weil sie etwas von dir verlangt, dem du dich nicht gewachsen fühlst, oder weil du Angst hast. In dir schreit alles «das kann ich nicht» und du suchst nach Wegen, dich der Situation zu entziehen. Tief drin weisst du, dass es kein Entkommen gibt, du musst da durch. Du durchläufst die Situation und alles geht gut. Und du schimpfst mit dir, dass du dir so viele unnötigen Sorgen gemacht hast. Nun würde man denken, beim nächsten Mal mit so einer Situation greifst du auf deine positive Erfahrung zurück und verzichtest auf die Sorgen und Abwertungen. Weit gefehlt. Es läuft wieder gleich. Wieso?

Solche Verhaltensmuster fussen auf tiefen Prägungen, die noch aus der Kindheit stammen. Es sind Erfahrungen, die uns daran hinderten, Vertrauen aufzubauen – nicht zuletzt auch zu uns selbst. Es sind Wunden, die zurückgeblieben sind, tief angelegte Glaubenssätze, die uns immer wieder an uns zweifeln lassen. Um sie aufzulösen, ist es wichtig, zurück zum Ursprung zu gehen. Die Verletzungen, die Glaubenssätze, die Prägungen müssen bewusst werden, nur dann ist es möglich, sie aufzulösen, sie in positive zu wandeln. Dann hilft es, sich die neuen positiven Erfahrungen ins Bewusstsein zu rufen und aus ihnen ein Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten abzuleiten. Das wird vielleicht nicht immer gelingen, aber immer besser.

«Vertraue dir selbst! Jedes Herz vibriert mit dieser eisernen Saite.» (Ralph Waldo Emerson)

Tagesgedanken: Selbstfreundschaft

«…Selbstsorge, Selbstaufmerksamkeit, Selbstgestaltung. An der Sorge des Selbst für sich, körperlich, seelisch, geistig, führt kein Weg vorbei…» (Wilhelm Schmid)

Freundschaft ist ein wichtiges Gut im Leben. Studien zeigen, dass Freunde das eigene Leben nicht nur verschönern, sondern sich auch auf die Gesundheit auswirken: Menschen, die einen Freund haben, auf den sie bauen können, erkranken weniger an Herzkreislaufkrankheiten, sie sind weniger anfällig für Süchte, Angstzustände und vieles mehr. Zudem leben sie länger. Ein schöner Nebeneffekt für eine so wertvolle Sache.

Was macht Freundschaft eigentlich aus? Sicher ist es die gemeinsame Zeit, die man verbracht hat: je länger und intensiver man mit einem Menschen zusammen ist, desto tiefer geht die Beziehung. Auch das Vertrauen in den anderen ist wichtig, darum zu wissen, dass dieser Mensch für einen da ist – auch wenn es mal schwierig ist. Freunde sind einem nah, ohne einen in Beschlag zu nehmen, bei Freunden kann ich alles ansprechen, ohne mich dafür schämen zu müssen oder zu fürchten, dass es in falsche Hände gerät. Freunde begegnen sich auf Augenhöhe, sie sehen sich als Gleiche und behandeln sich mit Respekt. Und obwohl Freunde oft Gemeinsamkeiten und Ähnlichkeiten haben, sind sie doch verschieden, nehmen sich in dieser Verschiedenheit gegenseitig an.

Wenn wir an Freundschaft denken, denken wir immer an einen anderen Menschen. Doch was ist eigentlich mit uns selbst? Behandle ich mich selbst genauso gut ,wie ich meinen Freund behandle? Wann habe ich das letzte Mal wirklich Zeit mit mir verbracht? Zeit, in der ich mich um mich kümmerte, mich hinterfragte? Behandle ich mich selbst immer mit Respekt oder sind da nicht doch viele abwertenden Sätze, mit denen ich mich martere? Vertraue ich in mich und meine Fähigkeiten oder bin ich von (Selbst-)Zweifeln zerfressen?

Wer kennt nicht Sätze wie «Das schaffe ich nicht.», «Dafür bin ich zu blöd.», «Solche Dinge passieren auch nur mir.»? Wer kennt nicht die permanenten Abwertungen, die wir uns täglich selbst an den Kopf werfen, so ein Selbstbild zementieren, das weder der Realität entspricht noch hilfreich ist? Diese inneren Geisselungen entspringen meist Prägungen, die Mutter, die in der Kindheit vermittelte, dass wir Dinge nicht können, sie also besser lassen; der Vater, der bei jedem Fehler die Augen verdrehte und einen glauben liess, nur man selbst mache welche; der Lehrer, der einem das Gefühl gab, blöd zu sein. Diese Sätze brennen sich ein, sie werden zu Mustern, die durch innere Glaubenssätze gestützt werden.

Durch diese wird mein Stellenwert bei mir so klein, dass ich es mir nicht wert bin, mein eigener Freund zu sein? Sokrates sagte, es sei besser, Unrecht zu erleiden, als Unrecht zu tun, weil man mit sich selbst immer zusammenleben müsste. Wenn ich also mit mir zusammenlebe, wäre es da nicht wichtig, gut zu mir zu schauen? Müsste ich dann nicht diese Glaubenssätze, mein Selbstbild hinterfragen? Was ist wirklich wahr, was deckt sich mit meinen Erfahrungen und erlebten Wirklichkeiten, wo sitze ich falschen Sätzen auf, aus denen ich ein Bild von mir zeichne, das mir nicht gerecht wird? Sicher gibt es Punkte, die ich verbessern, verändern möchte – dann kann ich sie angehen und werden, wer ich sein will. Vielleicht stellen sich aber viele Überzeugungen schlicht als falsch heraus, dann muss ich versuchen, sie immer wieder durch positive Glaubenssätze zu ersetzen – bis ich diese glaube und sie ein neues Selbstbild prägen, eines, das realistischer ist. Durch diese Arbeit an und mit mir, durch diese mir selbst geschenkte Zeit und Wertschätzung werde ich zu meinem eigenen Freund – und damit sicher auch zu einem besseren Freund für meine Freunde.

Tagesgedanken: Nähe und Distanz

«Schön, ist es auf der Welt zu sein, sagt der Igel zu dem Stachelschwein.»

Wie ist der Mensch? Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, ziehen Philosophen gerne den Vergleich mit Tieren herbei. Schopenhauer bemühte das Stachelschwein. Wenn es kalt wird, suchen Stachelschweine die gegenseitige Nähe, sie rotten sich zusammen. Irgendwann fangen die Stacheln zu sehr an zu pieken und sie gehen wieder auf Distanz. Dieses Spiel von Nähe und Distanz gebe es nun, so Schopenhauer, auch beim Menschen.

Nun weiss man, dass ein Mensch ohne andere Menschen nicht existieren kann. Babys, die ohne Berührung aufwachsen, sterben. Es braucht also eine gewisse Nähe. Und doch kann es auch zuviel werden. Herauszufinden, wer wann wieviel braucht, ist wohl eine Gratwanderung. Während die einen lieber von Ferne auf ihre Mitmenschen schauen mit kurzen Begegnungen dann und wann, sitzen die anderen am liebsten rund um die Uhr zusammen, um nur dann und wann eine kurze Auszeit zu suchen. Die meisten sind wohl irgendwo in der Mitte der beiden Extrempositionen.

Interessant ist es, die eigenen Bedürfnisse zu analysieren. Brauche ich viel Nähe? Bin ich lieber auf Distanz? Was bedeutet Distanz? Einsamkeit? Einfach keine Berührungen? Was Nähe? Örtliche? Geistige? Und was passiert, wenn zu viel Nähe da ist? Was passiert, wenn ich «die Stacheln ausfahre»? Was geht in mir vor und wie äussert es sich nach aussen?  Es gibt in dieser Frage (wie in den meisten dieser Art) kein richtig oder falsch. Wichtig ist es aber, sich und die eigenen Bedürfnisse zu kennen, vor allem auch im Umgang mit anderen Menschen, da Beziehungen oder Freundschaften zwischen völlig unterschiedlichen Typen wohl sehr schwierig auszuhalten sind – für beide.

Tagesgedanken: Authentisch sein

Kennst du das auch, dass du in eine Runde kommst und dazu gehören willst? Du wünschst dir, dass sich die anderen mögen und du strengst dich an, möglichst alle Erwartungen (die du nicht wirklich kennst, dir aber vorstellst) zu erfüllen. Ja keine Fehler machen, heisst die Devise, nichts Falsches sagen. Das Resultat all dieser Anstrengungen ist, dass du unsicher wirst, dich ständig unter Selbstbeobachtung hast und mit angezogener Handbremse durch den Abend fährt. Natürlich lässt du dir diese Unsicherheit nicht anmerken, du versuchst, sie zu überspielen, indem du möglichst nichts sagst, so dass es nichts Falsches sein kann, oder aber du redest viel zu viel, um ja nicht langweilig zu wirken. Und beides bist eigentlich nicht du – aber wer bist du eigentlich? Und vor allem: Wieso denkst du, dich verstellen zu müssen, nicht der sein zu dürfen, der du bist, um angenommen zu werden?

Bei Brené Brown las ich mal den schönen Satz

„Lass los, was du glaubst sein zu müssen, und umarme, was du bist.“

Oft fällt es bei fremden Menschen leichter, sich selbst zu bleiben, denn es hängt nichts davon ab. Wenn sie mich nicht mögen, gehe ich weiter, sie werden sich nicht mehr daran erinnern und in meinem Leben bleibt auch nichts zurück. Sind es aber Menschen aus meinem Umfeld, wird es schwieriger. Das Bedürfnis, da gefallen und genügen zu wollen, ist grösser, die Unsicherheit damit auch.

Das Gefühl, nicht zu genügen, ist wohl eines der Schwierigsten, wenn es darum geht, ein authentisches Leben zu führen. Es ist aber auch eines der Schwierigsten, wenn es darum geht, Beziehungen zu führen. Nimmt man sich nämlich nicht selbst an, wie man ist, ist man zu schnell dazu bereit, ja zu sagen statt nein. Man unterdrückt die eigenen Bedürfnisse und ist danach wütend auf sich – und ein wenig auch auf den anderen. Doch schauen wir genauer hin: Wenn ich meine Bedürfnisse ständig hintenanstelle, mich nicht traue, Wünsche zu äussern, was für eine Beziehung gestalte ich auf diese Weise selbst? Oft verhalten wir uns so, weil wir den anderen nicht verlieren wollen. Wir haben ihn gern, möchten ihn in unserem Leben behalten und versuchen, alles zu vermeiden, was das in Gefahr bringen würde.

Nur: Will ich auf Dauer eine Beziehung haben, in der mein Sein so wenig zählt, ich selbst keine Stimme habe, in der nur der andere das Sagen und Recht auf die Erfüllung seiner Bedürfnisse hat? Ist es wirklich besser, sich so sehr zurückzunehmen, nur um nicht alleine zu sein, nur um diesen einen anderen Menschen um sich zu haben, obwohl wir tief drin merken, dass uns das nicht gut tut, weil wir uns selbst langsam verlieren in diesem Verhalten? Ist das wirklich Liebe? Es spricht zumindest nicht von grosser Selbstliebe und die ist die Basis für jede andere Liebe. Kann ich selbst mich nicht lieben, wie soll ich Liebe für andere empfinden? In der Bibel heisst es:

„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“

Woher kommt diese fehlende Selbstliebe? Woher kommt dieses Denken, ich muss mich verstellen, um gemocht zu werden? Woher kommt die Angst, so, wie ich bin, nicht in Ordnung zu sein? Zwar bin ich kein Freund des ständigen Grabens in der Kindheit, doch bin ich überzeugt, dass wir uns oft aufgrund von Prägungen und Mustern auf eine Weise verhalten. Diese gehen oft weit zurück und haben sich tief in unser Sein eingegraben, so dass wir daraus heraus unbewusst Verhaltensweisen an den Tag legen. Diese Muster und Prägungen offenzulegen, kann helfen, sie langsam aufzulösen und das eigene Verhalten selbst zu steuern, statt und nur steuern zu lassen durch Überreste aus der Kindheit.

Dann trete ich einem Menschen gegenüber als der, der ich bin, und gebe ihm die Chance, mich so kennenzulernen. Ich unterschiebe ihm nicht, dass er von mir erwartet, mich anzupassen, und bringe ihm das Vertrauen entgegen, dass er mich so annimmt, wie ich bin. Nun ist es natürlich so, dass mich nicht jeder Mensch mögen wird, genauso wie auch ich Antipathien hege. Zudem ist es auch nicht sinnvoll, mich jedem gegenüber gleich völlig zu öffnen und alles von mir zu offenbaren, da nicht jeder dieses Vertrauen verdient oder die Gefahr zu gross ist, dass es missbraucht würde. Es ist wichtig, zu unterscheiden, wo ich wieviel von mir preisgebe. Allerdings werde ich wohl den Menschen, demgegenüber ich mich nicht öffnen kann oder will, auch nicht wirklich nah in meinem Leben haben wollen, was oft auf Gegenseitigkeit beruht. Dies ist dann für beide kein Verlust und sicher kein Grund, mich von Grund auf zu verstellen – an die Situation anpassen reicht vollkommen.

Der alte Spruch

„Trau,schau wem?*“

hat durchaus etwas Wahres an sich. Und auch da bin wieder ich das erste Glied in der Kette. Wenn ich in mich und mein Urteil vertraue, kann ich mich einem anderen Menschen öffnen und authentisch sein. Daraus kann eine Verbindung entstehen zwischen uns, weil wir uns wirklich begegnen.

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* Die Redewendung geht übrigens auf einen lateinischen Spruch zurück: „Fide, sed cui, vide.“, was zeigt, dass die menschlichen Probleme und Bedürfnisse im Miteinander sich seit der Antike wohl unswesentlich verändert haben….

Lesemonat September

Der September ist verflogen wie im Flug und ich hatte gefühlt wenig Zeit zum Lesen. Trotzdem habe ich ein paar wirklich gute Bücher lesen dürfen. Ich bin in den Osten gegangen, habe mich mit Thich Nhat Hanhs Achtsamkeitslehre befasst, die er anhand erinnerter Beispiele aus seinem Leben erfahrbar macht. Ein kurzer Zwischenstopp in der westlichen Philosophie liess mich mit Bertrand Russell das Glück suchen – wir haben es nicht gefunden. Eine Zusammenstellung von Aussagen des Dalai Lama war da schon glückbringender, weil so mancher Satz ein kleines Licht anzündete. Danach las ich nach langer Zeit erneut das grosse Yogabuch von Anna Trökes, eine grossartige Mischung aus Theorie und Praxisanleitung, die ich jedem interessierten Yogi ans Herz legen kann. Es ging noch weiter in die philosophischen Tiefen des Yoga mit dem Yoga-Philosophie-Atlas und einer Ausgabe der Yoga Sutras, dem Urtext des Yoga.

Dass Yoga nicht nur auf der Matte, sondern im Leben stattfinden sollte, behandelte das Buch über die soziale Verantwortung und was Yoga dazu beitragen kann. Ein wichtiges Thema, wie ich finde, denn ich bin der Überzeugung, dass Yoga nur dann seinen tiefen Sinn erfüllt, wenn es dazu führt, in einem Miteinander wohlmeinend und friedlich zusammenzuleben, was nur erreichbar ist, wenn jeder bei sich selbst ansetzt und die eigene Haltung dazu schafft.

Mit Krishnamurti habe ich mich schliesslich noch der Freiheit gewidmet, Fazit: Folge niemandem blind, suche deinen eigenen Weg, bilde dir deine eigene Meinung.

Es war ein guter Lesemonat, der Oktober wird sich wohl thematisch in ähnlichen Bereichen bewegen.

Hier die vollständige Liste

Thich Nhat Hanh: Mein Leben ist meine Lehre. Autobiographische Geschichten und Weisheiten eines MönchesThich Nhat Hanh nimmt den Leser mit auf eine Reise in seine Kindheit und durch sein ganzes Leben. Anhand von kurzen Episoden und Geschichten bringt er so die Weisheit des buddhistischen Denkens zur Ansicht, da er der Ansicht ist. Er verkündet keine Weisheiten, er lebt sie. 5
Bertrand Russell: Eroberung des Glücks. Neue Wege zu einer besseren LebensgestaltungSehr theoretische Abhandlung der Gründe von Glück und Unglück, mit einer auf der Hand liegenden Konklusion: Wenn der Mensch im Einklang mit sich und dem Leben lebt, ist er glücklich. 3
Dalai Lama: Das kleine Buch der Harmonie: Durch Meditation zur innersten ErkenntnisIn kurzen, prägnanten Absätzen und einen längeren Text führt uns der Dalai Lama hin zur Erkenntnis der wahren Natur der Dinge und zeigt uns einen Weg auf hin zu mehr Weisheit, weniger Täuschung und damit der Befreiung. 4
Anna Trökes: Das grosse YogabuchEine fundierte, breite Einführung in den Yoga, eine gute Mischung aus Hintergrundwissen, Asanapraxis und Philosophie5
Eckard Wolz-Gottwald: Yoga-Philosophie-AtlasEin breiter und fundierter Überblick über die Yoga-Philosophie.5
Jiddu Krishnamurti: Einbruch in die FreiheitPhilosophische Gedanken zur Freiheit, wie wir sie erreichen, wo wir fehl gehen, was wir tun können und müssen, um wirklich frei zu sein. 3
Alexandra Eichenauer-Knoll: Yoga und soziale Verantwortung. Sich gründen im Aussen und Innen mit Yama und NiyamaEine Auseinandersetzung mit den Yamas und Niyamas, was sie in der heutigen Welt bedeuten können und wie man sie für sich innerlich wie auch im sozialen Miteinander leben kann. 5
Patanjali: Das Yogasutra. Von der Erkenntnis zur Befreiung. Einführung, Übersetzung und Erläuterung von R. SriramEine kommentierte Ausgabe des yogischen Urtextes, die von tiefer Kenntnis der Materie zeugt. 5

Tagesgedanken: Bei sich bleiben

«Oder man sehe sich die Menschen während einer Abendgesellschaft an! Alle kommen sie mit dem festen Willen, sich zu amüsieren, mit derselben Art grimmiger Entschlussfestigkeit, die man zum Zahnarzt mitnimmt.» (Bertrand Russell)

Freitagabend, endlich ist die Arbeitswoche vorbei, die Freizeit bricht an. Nun ist meine Zeit zu geniessen. Ich verabrede mich mit Freunden, gehe an eine Party, zum Essen, in die Disco – so oder so, sicher ist: Nun habe ich Spass. Wann, wenn nicht jetzt? Zudem, wie würde ich angeschaut, wenn ich an einem rauschenden Fest still an einem Tisch sässe? Ebenso in den Ferien: Nun wird ausgespannt, nun wird sich gefreut. So will es das ungeschriebene Gesetz, so benimmt man sich in den Ferien. Was Knigge für das angemessene Verhalten in Bezug auf Etikette und Anstand aufgeschrieben hat, gilt auch für das Verhalten im Alltag: Es gibt klare Regeln, was passt und was nicht.

Es ist nicht verwunderlich, dass diese quasi aufgezwungene Weise von Fröhlichkeit und Feierlaune keine wirklich glücklichen Gefühle weckt. Das Lächeln ist mehr vordergründig, der Wein fliesst fleissig, um es aufrecht erhalten zu können. Und eigentlich wäre man lieber zu Hause. Sässe mit einem Glas Wein auf dem Sofa, läse ein Buch, geniesse die Ruhe. Doch was wäre man für ein Langweiler, würde man dem nachgeben? Was würden die anderen denken? SO kommt es, dass viele Menschen nicht nur bei der Arbeit in einem Hamsterrad gefangen sind, sondern dass dieses auch in der Freizeit weiterläuft. Das Resultat ist eine Gesellschaft, in welcher Menschen sich mehr als unglücklich denn als glücklich bezeichnen. Wie kam es dazu?

«Die Gründe für diese verschiedenen Arten von Unglück liegen teils in unserem Sozialsystem, teils an der seelischen Verfassung des einzelnen, die selbstverständlich wieder ihrerseits im hohen Grade ein Produkt des sozialen Systems ist.» (Bertrand Russell)

Es ist oft einfacher, sich den Regeln und Erwartungen der Gesellschaft zu fügen. Man eckt weniger an, man ist für die anderen einfacher zu verstehen und damit genehmer. Die Frage ist, ob der Preis nicht zu hoch ist. Glück wird man so nicht finden, Menschen, die einen wirklich so mögen, wie man ist, auch nicht, da sie einen gar nie so erleben. Oft erschöpft einen dieses ständige dem Glück Nachrennen nur und die Gefahr besteht, dass wir uns von uns selbst entfremden, weil wir schlussendlich gar nicht mehr spüren, was wir wirklich wollen und brauchen würden, so sehr sind wir damit beschäftigt, den Ansprüchen zu genügen (die mit der Zeit auch zu Gewohnheiten werden).

Vielleicht ist es manchmal besser, nicht nach Glück, sondern nach den eigenen Bedürfnissen zu fragen. Und dabei genau hinzuhören. Vielleicht denkt dann der eine oder andere, man sei langweilig, doch: Und nun? Wen soll das wirklich kümmern? Vielleicht ist der dann auch nicht der passende Mensch im eigenen Leben? Schlussendlich lebt man immer nur mit einem Menschen, mit sich selbst. Wieso es also nicht dem zuerst recht machen? Und vielleicht stellt sich das Glück dann von selbst ein.

Tagesgedanken: Frei handeln

„Wir suchen den Spielraum, der uns verbleibt
Zwischen Gesetzen, die durch uns handeln,
Und suchen das Mächtige, das uns treibt,
In Freiheiten umzuwandeln.

Es läuft auf Unterwerfung hinaus.
Quer dürfen wir uns nicht stellen.
Sonst zerreißt es uns, und die Wege sind kraus.
Es geht nicht zurück zu den Quellen“

(Eva Strittmatter, Auszug aus „Einklang“)

Ich habe (ziemlich hohe) Ansprüche an mich und mein Tun und strebe danach, diese zu erfüllen. Gelingt es mir nicht, kommt eine Unzufriedenheit auf, eine innere Stimme schilt mich einen Versager, spornt mich an, es noch härter zu versuchen, noch mehr Einsatz zu leisten. Es geht mir nicht gut damit. Wo kommt diese Stimme her. Wessen Stimme habe ich da verinnerlicht? Und ich frage mich weiter, wie frei ich eigentlich bin in meinem Tun und Sein. Tue ich alles, was ich tue, aus mir heraus, oder versuche ich, äussere Anforderungen, Ansprüche zu erfüllen? Will ich etwas beweisen, gut dastehen, und handle aus dieser Motivation heraus? Wessen Ansprüche sind es? Die der Gesellschaft? Des Vaters? Des Chefs?

Im Alltag tun wir vieles aus Gewohnheiten und Prägungen heraus. Unsere Reaktionen auf Umstände, unser Umgang mit Herausforderungen sind selten reflektierte Handlungen, sondern automatisierte Abläufe. Ebenso ist es mit unseren Wünschen und Zielen: Geprägt von unserem Leben, unserer Herkunft und unserer Kultur haben wir Werte und Anforderungen verinnerlicht, denen wir zu entsprechen versuchen. Das ist nicht grundsätzlich schlecht, im Gegenteil, in gewissen Bereichen ist es sogar sinnvoll und gut für ein gelingendes Miteinander. Wichtig ist dabei jedoch, sich dessen bewusst zu sein.

Es hilft mir, immer wieder innezuhalten und auf mein Leben zu schauen: Was will ich wirklich? Und ich schaue auf meine Wünsche und Ziele, versuche herauszufinden, wo sie herkommen und ob sie wirklich meine sind. Will ich, was ich tue, für mich? Versuche ich, jemandem zu gefallen? Erfülle ich einen alten Anspruch? Versuche ich, Anerkennung zu erhalten durch mein Tun? Die Frage nach dem Wozu hilft, das aktuelle Tun zu hinterfragen und mit meinen wirklichen Wünschen abzugleichen: Wo will ich hin? Was erwarte ich vom Leben für mich? Lebe ich wirklich mein Leben?

Manchmal komme ich dann zum Schluss, dass ich von meiner eigenen Spur abgekommen bin. Was nun? Zuerst ist es sicher wichtig, hinzusehen, wieso ich an den Ort gelangt bin, an dem ich nun bin: Waren es Muster und Prägungen, die mich geleitet haben? Waren die äusseren Umstände so gelagert, dass nur dieser Weg möglich schien oder war? Gab es andere Gründe, die meinen eigenen Wünschen und Zielen nicht entsprachen, die mich aber angeleitet haben? Der nächste Schritt ist, herauszufinden, welche Möglichkeiten bestehen, meine eigenen Wünsche zu verwirklichen: Was kann ich nun tun, um meinen Kurs zu korrigieren? Was brauche ich dazu? Und dann gehe ich weiter – auf meinem Weg.

Tagesgedanken: Licht im Dunkel

Rainer Maria Rilke: Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden
Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden,
in welchen meine Sinne sich vertiefen;
in ihnen hab ich, wie in alten Briefen,
mein täglich Leben schon gelebt gefunden
und wie Legende weit und überwunden.

Aus ihnen kommt mir Wissen, dass ich Raum
zu einem zweiten zeitlos breiten Leben habe.
Und manchmal bin ich wie der Baum,
der, reif und rauschend, über einem Grabe
den Traum erfüllt, den der vergangen Knabe
(um den sich seine warmen Wurzeln drängen)
verlor in Traurigkeiten und Gesängen.

Das Leben läuft nicht immer so, wie wir uns das erträumt haben. Manchmal beginnen wir einen neuen Lebensabschnitt voller Freude und Hoffnung, um dann vor einer Mauer zu stehen, wo es nicht mehr weiter geht. Oder wir leiden an einer Krankheit, die unsere Tage mit Schmerzen füllen. Oder Menschen, auf die wir gebaut haben, enttäuschen uns. Beispiele gäbe es viele. Nicht zu selten hadern wir dann. Wir trauern unseren geplatzten Hoffnungen nach, sehen die Welt dunkel und düster. Nur wollen wir die dunkle Seite eigentlich nicht in unserem Leben, wir suchen das Licht. Leider ist es erstens eine Illusion, zu glauben, ein Leben könnte nur aus lichtvollen Momenten bestehen, zudem ist es zweitens nicht mal sicher, ob das wirklich wünschenswert wäre.

Oft zwingen uns gerade diese Situationen dazu, genauer hinzuschauen. Und dann sehen wir plötzlich etwas, das uns vorher gar nicht klar war. Wir sehen unsere Irrtümer, sehen, wo wir uns selbst falsch eingeschätzt haben, stossen auf Träume, Wünsche oder Ziele, die uns viel mehr am Herzen liegen als die, welche wir verfolgt haben. Oft sind es die problematischen Situationen, an denen wir wachsen.

Vielleicht sind dunkle Stunden Chancen und Möglichkeiten. Trauern, hadern, seine Wunden zu lecken sind auch immer Zeiten, in denen wir innehalten. Es sind Zeiten, in denen wir unser Leben und uns selbst hinterfragen. Dieses Hinterfragen führt zu Einsichten in das eigene Sein und Tun, es bringt förmlich Licht ins Dunkel des Unterbewusstseins, holt Dinge hervor, die tief darin verborgen waren.  Vielleicht sehen wir das im ersten Moment nicht, da der Schmerz über das Scheitern einer Hoffnung zu gross ist. In diesen Momenten hilft es wohl nur, im Wissen darum zuversichtlich zu sein, dass auf Dunkelheit auch wieder Licht folgen wird, so wie Udo Jürgens singt:

«Immer, immer wieder geht die Sonne auf
und wieder bringt ein Tag für uns ein Licht,
Ja, immer, immer wieder geht die Sonne auf,
denn Dunkelheit für immer gibt es nicht»

Tagesgedanken: Selbstmitgefühl

„Mitgefühl für mich selbst ist der mächtigste aller Heiler.“ (Theodore Isaac Rubin)

Wenn ich etwas tue, das sich im Nachhinein als ungünstig oder gar falsch herausstellt, habe ich eine innere Stimme, die mit mir ins Gericht geht. Manchmal sage ich aus einem Impuls heraus etwas, reagiere auf etwas, das mich irritiert oder gar aufregt spontan auf eine Weise, die ich mit mehr Zeit zum Nachdenken wohl nicht gewählt hätte. Auch dann meldet sich sofort meine innere Stimme und fängt an, mit mir zu schimpfen. Und sie ist alles andere als zimperlich. Sie hält mir nicht nur diesen Fehler vor, sondern setzt auf die Verallgemeinerung: „Immer passiert mir sowas.“, „Wie kann ich nur so blöd sein.“, „Ich bin nicht gut genug.“ Zurück bleiben Wut über mich, Trauer auch sowie Scham und Schuld, weil ich bin, wie ich bin, und reagiere, wie ich es tue.

Ich ginge wohl kaum mit jemand anderem so hart ins Gericht, wie ich das mit mir selbst tue. Und je lieber ich den anderen hätte, desto nachsichtiger wäre ich wohl mit ihm. Was also lässt mich mit mir selbst so umgehen? Wieso bin ich so hart zu mir? Wieso würde ich anderen Fehler verzeihen, bei mir selbst bin ich aber unnachgiebig, prangere die Fehler und mich selbst an, halte mir alles immer und immer wieder vor? Wenn ich sage, dass ich mit anderen, je lieber ich sie habe, desto nachgiebiger umgehe, würde das analog bedeuten, dass ich mich selbst wenig mag. Könnte ich mich so behandeln, würde ich mich wirklich lieben?

Anderen gegenüber lassen wir oft Mitgefühl walten. Wir fühlen uns in sie hinein und fühlen, wie es ihnen gehen muss in bestimmten Situationen. Dies passiert auch aus der eigenen Erfahrung heraus, insofern ist diese durchaus wichtig für die Ausbildung von Mitgefühl. Es ist eine Form von Resonanz, indem in uns anklingt, was im anderen vor sich geht. Wir wissen, dass jeder Mensch Liebe und Glück will, dass er nicht leiden will und fühlen uns verbunden. Aus dieser Verbundenheit heraus wollen wir ihm möglichst wenig Leid zufügen und üben uns in Nachsicht, sind grosszügig im Umgang mit seinen Fehlern.

Wo aber bleibt unser Mitgefühl mit uns selbst? Auch wir sind eigentlich zwei (ein Bild, das auf Sokrates zurückgeht): Einer, der einen Fehler gemacht hat, und einer, der tadelt. Woher stammt dieser tadelnde Teil in uns? Wessen Stimme spricht? Und wie kann ich sie zum Schweigen bringen? Wohl nur, indem ich mir das zugestehe, was ich auch anderen zugestehe: Ich darf einen Fehler machen. Das heisst nicht, dass ich insgesamt ein Mängelwesen, dumm oder nicht gut genug bin. Es heisst schlicht, dass mir etwas nicht so gelungen ist, wie ich das gerne hätte. Und statt mich dafür zu beschimpfen, gehe ich besser liebevoll mit mir um und schaue, wie ich denselben Fehler bei einem nächsten Mal vermeiden kann. Und es heisst, dass ich mir trotz Fehler immer wieder sagen kann:

„Ich bin gut genug!“