Tagesgedanken: Bei sich bleiben

«Oder man sehe sich die Menschen während einer Abendgesellschaft an! Alle kommen sie mit dem festen Willen, sich zu amüsieren, mit derselben Art grimmiger Entschlussfestigkeit, die man zum Zahnarzt mitnimmt.» (Bertrand Russell)

Freitagabend, endlich ist die Arbeitswoche vorbei, die Freizeit bricht an. Nun ist meine Zeit zu geniessen. Ich verabrede mich mit Freunden, gehe an eine Party, zum Essen, in die Disco – so oder so, sicher ist: Nun habe ich Spass. Wann, wenn nicht jetzt? Zudem, wie würde ich angeschaut, wenn ich an einem rauschenden Fest still an einem Tisch sässe? Ebenso in den Ferien: Nun wird ausgespannt, nun wird sich gefreut. So will es das ungeschriebene Gesetz, so benimmt man sich in den Ferien. Was Knigge für das angemessene Verhalten in Bezug auf Etikette und Anstand aufgeschrieben hat, gilt auch für das Verhalten im Alltag: Es gibt klare Regeln, was passt und was nicht.

Es ist nicht verwunderlich, dass diese quasi aufgezwungene Weise von Fröhlichkeit und Feierlaune keine wirklich glücklichen Gefühle weckt. Das Lächeln ist mehr vordergründig, der Wein fliesst fleissig, um es aufrecht erhalten zu können. Und eigentlich wäre man lieber zu Hause. Sässe mit einem Glas Wein auf dem Sofa, läse ein Buch, geniesse die Ruhe. Doch was wäre man für ein Langweiler, würde man dem nachgeben? Was würden die anderen denken? SO kommt es, dass viele Menschen nicht nur bei der Arbeit in einem Hamsterrad gefangen sind, sondern dass dieses auch in der Freizeit weiterläuft. Das Resultat ist eine Gesellschaft, in welcher Menschen sich mehr als unglücklich denn als glücklich bezeichnen. Wie kam es dazu?

«Die Gründe für diese verschiedenen Arten von Unglück liegen teils in unserem Sozialsystem, teils an der seelischen Verfassung des einzelnen, die selbstverständlich wieder ihrerseits im hohen Grade ein Produkt des sozialen Systems ist.» (Bertrand Russell)

Es ist oft einfacher, sich den Regeln und Erwartungen der Gesellschaft zu fügen. Man eckt weniger an, man ist für die anderen einfacher zu verstehen und damit genehmer. Die Frage ist, ob der Preis nicht zu hoch ist. Glück wird man so nicht finden, Menschen, die einen wirklich so mögen, wie man ist, auch nicht, da sie einen gar nie so erleben. Oft erschöpft einen dieses ständige dem Glück Nachrennen nur und die Gefahr besteht, dass wir uns von uns selbst entfremden, weil wir schlussendlich gar nicht mehr spüren, was wir wirklich wollen und brauchen würden, so sehr sind wir damit beschäftigt, den Ansprüchen zu genügen (die mit der Zeit auch zu Gewohnheiten werden).

Vielleicht ist es manchmal besser, nicht nach Glück, sondern nach den eigenen Bedürfnissen zu fragen. Und dabei genau hinzuhören. Vielleicht denkt dann der eine oder andere, man sei langweilig, doch: Und nun? Wen soll das wirklich kümmern? Vielleicht ist der dann auch nicht der passende Mensch im eigenen Leben? Schlussendlich lebt man immer nur mit einem Menschen, mit sich selbst. Wieso es also nicht dem zuerst recht machen? Und vielleicht stellt sich das Glück dann von selbst ein.

Tagesgedanken: Frei handeln

„Wir suchen den Spielraum, der uns verbleibt
Zwischen Gesetzen, die durch uns handeln,
Und suchen das Mächtige, das uns treibt,
In Freiheiten umzuwandeln.

Es läuft auf Unterwerfung hinaus.
Quer dürfen wir uns nicht stellen.
Sonst zerreißt es uns, und die Wege sind kraus.
Es geht nicht zurück zu den Quellen“

(Eva Strittmatter, Auszug aus „Einklang“)

Ich habe (ziemlich hohe) Ansprüche an mich und mein Tun und strebe danach, diese zu erfüllen. Gelingt es mir nicht, kommt eine Unzufriedenheit auf, eine innere Stimme schilt mich einen Versager, spornt mich an, es noch härter zu versuchen, noch mehr Einsatz zu leisten. Es geht mir nicht gut damit. Wo kommt diese Stimme her. Wessen Stimme habe ich da verinnerlicht? Und ich frage mich weiter, wie frei ich eigentlich bin in meinem Tun und Sein. Tue ich alles, was ich tue, aus mir heraus, oder versuche ich, äussere Anforderungen, Ansprüche zu erfüllen? Will ich etwas beweisen, gut dastehen, und handle aus dieser Motivation heraus? Wessen Ansprüche sind es? Die der Gesellschaft? Des Vaters? Des Chefs?

Im Alltag tun wir vieles aus Gewohnheiten und Prägungen heraus. Unsere Reaktionen auf Umstände, unser Umgang mit Herausforderungen sind selten reflektierte Handlungen, sondern automatisierte Abläufe. Ebenso ist es mit unseren Wünschen und Zielen: Geprägt von unserem Leben, unserer Herkunft und unserer Kultur haben wir Werte und Anforderungen verinnerlicht, denen wir zu entsprechen versuchen. Das ist nicht grundsätzlich schlecht, im Gegenteil, in gewissen Bereichen ist es sogar sinnvoll und gut für ein gelingendes Miteinander. Wichtig ist dabei jedoch, sich dessen bewusst zu sein.

Es hilft mir, immer wieder innezuhalten und auf mein Leben zu schauen: Was will ich wirklich? Und ich schaue auf meine Wünsche und Ziele, versuche herauszufinden, wo sie herkommen und ob sie wirklich meine sind. Will ich, was ich tue, für mich? Versuche ich, jemandem zu gefallen? Erfülle ich einen alten Anspruch? Versuche ich, Anerkennung zu erhalten durch mein Tun? Die Frage nach dem Wozu hilft, das aktuelle Tun zu hinterfragen und mit meinen wirklichen Wünschen abzugleichen: Wo will ich hin? Was erwarte ich vom Leben für mich? Lebe ich wirklich mein Leben?

Manchmal komme ich dann zum Schluss, dass ich von meiner eigenen Spur abgekommen bin. Was nun? Zuerst ist es sicher wichtig, hinzusehen, wieso ich an den Ort gelangt bin, an dem ich nun bin: Waren es Muster und Prägungen, die mich geleitet haben? Waren die äusseren Umstände so gelagert, dass nur dieser Weg möglich schien oder war? Gab es andere Gründe, die meinen eigenen Wünschen und Zielen nicht entsprachen, die mich aber angeleitet haben? Der nächste Schritt ist, herauszufinden, welche Möglichkeiten bestehen, meine eigenen Wünsche zu verwirklichen: Was kann ich nun tun, um meinen Kurs zu korrigieren? Was brauche ich dazu? Und dann gehe ich weiter – auf meinem Weg.

Tagesgedanken: Licht im Dunkel

Rainer Maria Rilke: Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden
Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden,
in welchen meine Sinne sich vertiefen;
in ihnen hab ich, wie in alten Briefen,
mein täglich Leben schon gelebt gefunden
und wie Legende weit und überwunden.

Aus ihnen kommt mir Wissen, dass ich Raum
zu einem zweiten zeitlos breiten Leben habe.
Und manchmal bin ich wie der Baum,
der, reif und rauschend, über einem Grabe
den Traum erfüllt, den der vergangen Knabe
(um den sich seine warmen Wurzeln drängen)
verlor in Traurigkeiten und Gesängen.

Das Leben läuft nicht immer so, wie wir uns das erträumt haben. Manchmal beginnen wir einen neuen Lebensabschnitt voller Freude und Hoffnung, um dann vor einer Mauer zu stehen, wo es nicht mehr weiter geht. Oder wir leiden an einer Krankheit, die unsere Tage mit Schmerzen füllen. Oder Menschen, auf die wir gebaut haben, enttäuschen uns. Beispiele gäbe es viele. Nicht zu selten hadern wir dann. Wir trauern unseren geplatzten Hoffnungen nach, sehen die Welt dunkel und düster. Nur wollen wir die dunkle Seite eigentlich nicht in unserem Leben, wir suchen das Licht. Leider ist es erstens eine Illusion, zu glauben, ein Leben könnte nur aus lichtvollen Momenten bestehen, zudem ist es zweitens nicht mal sicher, ob das wirklich wünschenswert wäre.

Oft zwingen uns gerade diese Situationen dazu, genauer hinzuschauen. Und dann sehen wir plötzlich etwas, das uns vorher gar nicht klar war. Wir sehen unsere Irrtümer, sehen, wo wir uns selbst falsch eingeschätzt haben, stossen auf Träume, Wünsche oder Ziele, die uns viel mehr am Herzen liegen als die, welche wir verfolgt haben. Oft sind es die problematischen Situationen, an denen wir wachsen.

Vielleicht sind dunkle Stunden Chancen und Möglichkeiten. Trauern, hadern, seine Wunden zu lecken sind auch immer Zeiten, in denen wir innehalten. Es sind Zeiten, in denen wir unser Leben und uns selbst hinterfragen. Dieses Hinterfragen führt zu Einsichten in das eigene Sein und Tun, es bringt förmlich Licht ins Dunkel des Unterbewusstseins, holt Dinge hervor, die tief darin verborgen waren.  Vielleicht sehen wir das im ersten Moment nicht, da der Schmerz über das Scheitern einer Hoffnung zu gross ist. In diesen Momenten hilft es wohl nur, im Wissen darum zuversichtlich zu sein, dass auf Dunkelheit auch wieder Licht folgen wird, so wie Udo Jürgens singt:

«Immer, immer wieder geht die Sonne auf
und wieder bringt ein Tag für uns ein Licht,
Ja, immer, immer wieder geht die Sonne auf,
denn Dunkelheit für immer gibt es nicht»

Tagesgedanken: Selbstmitgefühl

„Mitgefühl für mich selbst ist der mächtigste aller Heiler.“ (Theodore Isaac Rubin)

Wenn ich etwas tue, das sich im Nachhinein als ungünstig oder gar falsch herausstellt, habe ich eine innere Stimme, die mit mir ins Gericht geht. Manchmal sage ich aus einem Impuls heraus etwas, reagiere auf etwas, das mich irritiert oder gar aufregt spontan auf eine Weise, die ich mit mehr Zeit zum Nachdenken wohl nicht gewählt hätte. Auch dann meldet sich sofort meine innere Stimme und fängt an, mit mir zu schimpfen. Und sie ist alles andere als zimperlich. Sie hält mir nicht nur diesen Fehler vor, sondern setzt auf die Verallgemeinerung: „Immer passiert mir sowas.“, „Wie kann ich nur so blöd sein.“, „Ich bin nicht gut genug.“ Zurück bleiben Wut über mich, Trauer auch sowie Scham und Schuld, weil ich bin, wie ich bin, und reagiere, wie ich es tue.

Ich ginge wohl kaum mit jemand anderem so hart ins Gericht, wie ich das mit mir selbst tue. Und je lieber ich den anderen hätte, desto nachsichtiger wäre ich wohl mit ihm. Was also lässt mich mit mir selbst so umgehen? Wieso bin ich so hart zu mir? Wieso würde ich anderen Fehler verzeihen, bei mir selbst bin ich aber unnachgiebig, prangere die Fehler und mich selbst an, halte mir alles immer und immer wieder vor? Wenn ich sage, dass ich mit anderen, je lieber ich sie habe, desto nachgiebiger umgehe, würde das analog bedeuten, dass ich mich selbst wenig mag. Könnte ich mich so behandeln, würde ich mich wirklich lieben?

Anderen gegenüber lassen wir oft Mitgefühl walten. Wir fühlen uns in sie hinein und fühlen, wie es ihnen gehen muss in bestimmten Situationen. Dies passiert auch aus der eigenen Erfahrung heraus, insofern ist diese durchaus wichtig für die Ausbildung von Mitgefühl. Es ist eine Form von Resonanz, indem in uns anklingt, was im anderen vor sich geht. Wir wissen, dass jeder Mensch Liebe und Glück will, dass er nicht leiden will und fühlen uns verbunden. Aus dieser Verbundenheit heraus wollen wir ihm möglichst wenig Leid zufügen und üben uns in Nachsicht, sind grosszügig im Umgang mit seinen Fehlern.

Wo aber bleibt unser Mitgefühl mit uns selbst? Auch wir sind eigentlich zwei (ein Bild, das auf Sokrates zurückgeht): Einer, der einen Fehler gemacht hat, und einer, der tadelt. Woher stammt dieser tadelnde Teil in uns? Wessen Stimme spricht? Und wie kann ich sie zum Schweigen bringen? Wohl nur, indem ich mir das zugestehe, was ich auch anderen zugestehe: Ich darf einen Fehler machen. Das heisst nicht, dass ich insgesamt ein Mängelwesen, dumm oder nicht gut genug bin. Es heisst schlicht, dass mir etwas nicht so gelungen ist, wie ich das gerne hätte. Und statt mich dafür zu beschimpfen, gehe ich besser liebevoll mit mir um und schaue, wie ich denselben Fehler bei einem nächsten Mal vermeiden kann. Und es heisst, dass ich mir trotz Fehler immer wieder sagen kann:

„Ich bin gut genug!“

Tagesgedanken: Integrität

«Herr, lass mich werden, der ich bin
In jedem Augenblick.
Und gib, dass ich von Anbeginn
Mich schick in mein Geschick.»

Mit diesen Zeilen beginnt ein Gedicht von Mascha Kaléko. Sein, wer man ist, in jedem Augenblick – was heisst das eigentlich? Es heisst, dass ich in meiner Integrität nach meinen Werten lebe, dass ich in Übereinstimmung mit dem lebe, was mir wichtig ist – nur: Ist das immer so eindeutig? Wie oft passiert es, dass in mir gegenläufige Stimmen streiten, dass Werte in Konflikt kommen. Der Wunsch nach Alleinsein kollidiert mit meinem Verantwortungsgefühl, für andere da sein zu wollen. Mein Wunsch nach einem künstlerischen Leben ist nicht vereinbar mit meinem Bedürfnis nach Sicherheit und Geordnetheit des Lebens.

Schon damit umzugehen ist schwer genug, doch dann gibt es ja nicht nur mich, es gibt auch andere, eine Gesellschaft. Und die hat Erwartungen an mich. Ich soll mich so verhalten, dass ich in diese Gesellschaft passe, dass ich meine Rolle in ihr wahrnehme. Diese Erwartungen haben sich tief in mich eingebrannt und ich strebe danach, sie zu erfüllen. Ich will also einerseits ganz ich sein, andererseits aber auch Teil eines Ganzen, was von mir eine gewisse Anpassung erfordert. Kant nannte diesen Widerspruch «ungesellige Geselligkeit».

Was ist also nun der richtige Weg hin zu einem guten Leben, einem Leben, von dem ich sagen kann, dass es wirklich meines ist, ich als Ich in ihm bestehe und trotzdem Teil eines Ganzen bin? Wenn ich bedenke, dass ich allein nicht lebensfähig bin, dass ich abhängig bin von anderen, kann ich fast nicht anders, als dafür zu sorgen, dass diese anderen mit und neben mir gut leben, dass wir in einem guten Miteinander diese Welt teilen. Insofern müsste die Sorge um das Ganze immer auch mein eigener Wunsch sein, nicht nur eine auferlegte Rolle, die wir zähneknirschend erfüllen.

Das ist in der Theorie einfach gesagt, stellt sich in der Praxis wohl oft als schwierig heraus, da mir meine Abhängigkeit im Alltag nicht bewusst ist. Und genau da muss ich wohl ansetzen: beim bewussten Hinsehen auf mich, auf mein Leben, auf das, was ich brauche. Ich muss wissen, was mir wichtig ist, ich muss mich mit meinen Bedürfnissen, auch den nicht so offensichtlichen, kennen, und aus dieser Kenntnis heraus kann ich entscheiden, was es für mich heisst, ein integres Leben zu leben, ein Leben, von dem ich sagen kann: Das ist MEIN Leben. Das ist der Fall, wenn ich ich bleibe, im Wissen, dass ich nur ich sein kann, wenn andere um mich sind.

So gesehen wäre die Anpassung zur Sicherung eines für alle stimmigen Miteinanders mein Wunsch und Wert und dadurch Teil meiner selbst und nicht im Konflikt. Abzuschätzen gilt wohl nur, in welchen Situationen er der relevante Wert ist, andere zurückstehen müssen, und in welchen ich anderen den Vorzug geben kann, mal wirklich für mich zu schauen, meine ganz eigenen Bedürfnisse auszuleben.

Tagesgedanken: Wozu das alles?

«Die Sinnfrage entsteht aus einer persönlichen Suche, manchmal Verzweiflung heraus. Hier ist ihr Ursprung, hier ist sie verankert.»[1]

Manchmal frage ich mich «Wozu das alles?» Das passiert in Situationen, in denen ich die Welt nicht verstehe, in denen ich müde bin, weil das Leben in Bahnen scheint, die mir nicht gefallen, wenn ich mich in etwas gefangen sehe, wo ich nicht sein will, oder aber wenn mir etwas so viel Kraft und Energie abverlangt, dass ich an meine Grenzen stosse. In dem Moment taucht sie auf und stellt sich mit grossen Fragezeichen vor mich: Die Frage nach dem Sinn des Lebens.

Wobei, ich muss korrigieren: Es ist die Frage nach dem Sinn meines Lebens. Denn: Ich bin überzeugt, dass es keinen Sinn des Lebens gibt, das Leben an sich ist sinnfrei. Es ist ein Zustand (Dasein), ein Tun (leben), ein zeitlicher Prozess (von der Geburt zum Tod). Das alles ist ohne unser Zutun da, aber wir füllen es nun aus. Wir sind in der Pflicht, etwas daraus zu machen. Oft richten wir uns an einem Ziel aus. Damit haben wir eine Richtung, in die es laufen soll und tun, was dazu nötig ist. Wenn das gut gelingt, ist alles in Ordnung, wir sind zufrieden. Gelingt es aber nicht, kommen wir manchmal ins Straucheln, ins Hinterfragen. Wir fragen, woran es lag, was falsch lief. Und dann kann es passieren, dass wir zu zweifeln beginnen – an uns, am Leben. Und wenn all das zuviel Kraft kostet, ist es nicht mehr weit hin stosshaften Seufzer:

Wozu das alles?

In dieser Frage, zumal wenn sie in schwierigen Situationen ausgesprochen wird, steckt nicht nur der Wunsch nach Erkenntnis, es steckt auch ein Stück Verzweiflung ob der fehlenden Sinnhaftigkeit drin, sowie eine Verlorenheit, weil die Ausrichtung, das klare und zu erreichende Ziel fehlt, das einem Sicherheit gibt auf dem Weg durchs. Leben. Wir brauchen diesen Sinn, damit wir einen Halt im Leben finden. Nietzsche drückte das folgendermassen aus:

«Wer ein Warum hat, erträgt fast jedes Wie.»

Die Sache ist die: Um den Sinn für das eigene Leben zu finden, braucht es vor allem den Willen durch Selbstreflexion, Geduld und Mut. Ich muss bereit sein, herauszufinden, wer ich bin und was ich wirklich will im Leben. Was sind meine Werte, was meine Wünsche? Aber auch: Was sind meine Fähigkeiten und Möglichkeiten? Das alles braucht Zeit, denn das Graben geht tief und führt oft zu widersprüchlichen Antworten, die man dann wieder aussortieren muss danach, was wirklich eigene Bedürfnisse sind und was nur prägenden Stimmen anderer geschuldet ist. Mut braucht es dann, wenn man herausgefunden hat, wo die Reise hingehen soll. Es gilt, auch mal gegen den Strom zu schwimmen, wenn dies erforderlich ist – und die Konsequenzen zu tragen, wenn dies nicht allen gefällt. Es gilt, auch mal Durststrecken durchzustehen, im Glauben daran, dass man seine Ziele erreichen kann. Und es gilt, auch mal mit Niederlagen umgehen zu lernen, da trotz allem Nachdenken nicht jedes Ziel erreichbar ist.

Aber es gibt auch was: Eine momentane Antwort nach dem Wozu. Wozu gehe ich den Weg? Weil ich dieses Ziel habe, das mir entspricht. Momentan ist die Antwort deswegen, weil die Ziele sich ändern können, man sie auch mal aus den Augen verlieren kann – oder sie sich als Illusion herausstellen. Dann fängt der Prozess von Neuem an. Und vielleicht gewinnt man mit der Zeit auch eine Art Vertrauen, dass man den Sinn für das eigene Leben immer wieder neu finden kann. Es gibt nicht nur ein Wozu, es gibt viele.


[1] Christian Uhle, Wozu das alles?

*****

Dies sind eigene Gedanken, keine Rezension. Trotzdem kann ich das Buch, aus dem das Eingangszitat stammt, sehr empfehlen. Es ist in meinen Augen manchmal etwas sehr ausführlich und ausschweifend, aber durchaus eine sinnvolle und anregende Lektüre:

Christian Uhle: Wozu das alles? Eine philosophische Reise zum Sinn des Lebens

Zum Inhalt:
Christian Uhle geht in seinem Buch einer Frage nach, die die Menschheit seit Jahrtausenden beschäftigt: Die Frage nach dem Sinn des Lebens. Er nimmt den Leser mit auf eine Reise, befragt verschiedene Philosophen und beleuchtet unterschiedliche Ansätze. Er fragt, warum wir hier sind und wohin das alles führen soll, fragt danach, was wirklich zählt im Leben und was Glück ist. Er fragt, wo man als Mensch verhaftet ist, wo das Zuhause ist – und was es bedeutet, wenn man es nicht mehr sieht. Identität und Zielsetzungen sind ein Thema sowie die Frage es guten Umgangs miteinander.

Entstanden ist ein informatives, gut lesbares, ab und zu etwas ausschweifendes und plauderhaftes Buch, das nicht nur viel Freude macht beim Lesen, sondern sicher etwas mit auf den Weg gibt – und wenn es nur die Anregung um selbst Denken ist.

Tagesgedanken: Ich erzähle mir von mir

Manchmal erzähle ich mir eine Geschichte. Ich erzähle mir von meiner Kindheit, von meiner Jugend, lasse Beziehungen Revue passieren und male mir so ein Bild von dem Menschen, der ich war und bin. Und irgendwann erzähle ich mir wieder eine Geschichte. Es ist die Geschichte meines Lebens, wie es war, und die Geschichte davon, wie ich wurde, wer ich bin. Es ist eine andere Geschichte. Und doch die gleiche. Und ich bin die gleiche – und doch ist etwas anders. Und mir schwant, dass ich wohl viele bin, nicht nur eine. Und die vielen zeigen sich auch teilweise, indem sie in mir miteinander streiten, weil jede etwas anderes denkt und will.

Manchmal fühle ich mich von all dem überfordert und frage mich, wer von all dem ich denn nun wirklich bin. Was ist die Wahrheit, was ist Wirklichkeit? Und dann merke ich, dass alles wahr ist. Ich habe nirgends gelogen, nichts erfunden – und doch irgendwie alles. Ich habe mich in diesen Erzählungen gefunden und teilweise auch erfunden, indem ich erzählte und beim Erzählen eine Auswahl traf. Im Moment des Erzählens erschien diese Auswahl richtig. Etwas verunsichernd war, zu sehen, wie viel dabei unbewusst ablief, wie ich ohne Absicht ein Bild von mir entwarf, das ich für die Realität hielt. Das zeigte mir, wie viel sich eigentlich meiner Kontrolle entzieht, wie viel bei mir abläuft, ohne dass ich es mitkriege, wie sehr ich gesteuert bin durch Muster, Denkweisen, Prägungen.

Ich merkte aber auch, dass das in Ordnung ist, dass ich in Ordnung bin. Es ist auch tröstlich, zu sehen, dass man viele Geschichten in sich trägt, die alle wahr sind, dass man ganz viel ist, nicht nur das, was vielleicht mal nicht gut läuft. Es ist hilfreich, wenn man in Situationen, in denen man einen Fehler macht, mal nicht optimal reagiert, zu wissen, dass man noch viel mehr ist als nur das. Man hat nur nicht zu jedem Zeitpunkt alles zur Hand und alles im Griff. Und vielleicht ist dieses Wissen um das eigene Sein, den eigenen Wert, das Wissen, dass dieser Wert nicht schwindet durch eine Unzulänglichkeit, das grösste Glück.

«Das Glück hängt an dem Selbst, das sich dessen erfreut und damit im reinen ist, sich nicht vollends im Griff zu haben.» (Dieter Thomä)

Vielleicht sollten wir uns mal unser Leben erzählen. Und am nächsten Tag nochmals. Und dann wieder. Und dann sehen, wie viele Leben wir lebten und was wir alles sind.

Tagesgedanken: Zusammenleben

„Seien Sie aufmerksam gegen das, was in Ihnen aufsteht, und stellen Sie es über alles, was Sie um sich bemerken. Ihr innerstes Geschehen ist Ihrer ganzen Liebe wert, an ihm müssen Sie irgendwie arbeiten und nicht zu viel Zeit und zu viel Mut damit verlieren, Ihre Stellung zu den Menschen aufzuklären.“

Diese Zeilen schreibt Rilke an einen jungen Schriftsteller. Er fordert ihn auf, sich auf sich selbst zu besinnen, bei sich zu schauen, was wichtig ist, die eigenen Bedürfnisse zu erkennen und sie zu erfüllen. Es ist nicht wichtig, so Rilke, was die andren über einen denken, wichtig ist, dass man mit sich im Reinen ist. Und daran muss man arbeiten, nicht am Stand unter den anderen Menschen.

Daran ist viel Wahres. Wenn ich mich selbst nicht kenne, wenn ich meine Bedürfnisse nicht wahrnehme, wenn ich nur nach aussen, kaum nach innen schaue, entfremde ich mich mit der Zeit von mir selbst. Gerade die Selbstreflexion macht uns als Menschen aber doch aus, die Fähigkeit, ein Bewusstsein zu entwickeln, mit dem wir die Welt und auch uns selbst erfassen können.

Es verwundert nicht, dass dieser Rat von Rilke kommt, hat der doch zeitlebens den grossen Teil seiner Zeit dem gewidmet, was ihm das wichtigste war, nämlich dem Schreiben. Dem ordnete er alles unter und das ohne Rücksicht darauf, was andere davon halten mochten. In dem Rat steckt aber eine Schwierigkeit: Können wir uns einfach aus der Welt nehmen? Wir sind soziale Wesen, die auf andere angewiesen sind. Wir brauchen die Gemeinschaft nur schon, um uns überhaupt selbst zu erfahren, zu dem zu werden, der wir sind, eine Identität auszubilden. Natürlich sollten wir uns nicht von den Urteilen anderer abhängig machen. Natürlich sind unsere Bedürfnisse wichtig und sollten nicht einfach übergangen werden. Dabei sollte aber immer bewusst bleiben, dass auch der andere Bedürfnisse hat. Auf meinen zu beharren, zu klagen, wenn sie nicht alle erfüllt sind, mutet eher selbstverliebt als selbstsorgend an. Vor allem, wenn der Blick nur noch auf sich gerichtet ist, damit der andere völlig ausgeblendet wird.

Es mag nicht schön sein, zurückzustecken. Manchmal tut es weh. Und vielleicht ist es wirklich unnötig, unfair, verletzend. Vielleicht aber ist es schlicht der zu machende Kompromiss, um in einem Miteinander, in dem jeder seinen Platz und seine Rechte hat, friedlich zusammenzuleben.

Lebenskunst: Befreiung von selbstgemachtem Leid

«Unser wahrer Feind ist nicht ausserhalb von uns, sondern sitzt in uns selbst.» Dalai Lama

Wie oft stehen wir uns im Leben selbst im Weg. Wir sehen die Dinge, wie wir sie sehen und bilden uns ein, sie zu erkennen, zu wissen, wie sie sind. Doch ist unser Sehen immer geprägt von unseren Gedanken, die wiederum verschiedene Herkünfte haben, allesamt dazu da die wahre Sicht zu verstellen und die Dinge im Licht unserer Prägungen zu sehen.

«Das Nichtwissen, also das Glauben, dass die Dinge, wie sie erscheinen, nämlich als unabhängig und autonom, ohne von Ursachen abzuhängen, ist die Wurzel aller irrtümlicher Vorstellungen.» Dalai Lama

Aus den Vorstellungen, wie die Dinge also seien, bilden sich dann in uns neue Gedanken, oft solche, die uns mehr behindern als fördern. Wir sehen Hindernisse auf dem Weg hin zur Erfüllung von Wünschen oder Erreichung von Zielen. Wir bilden Abneigungen aufgrund von erfahrenen Verletzungen und gefühlten Risiken, oder Abhängigkeiten und Begehren aufgrund von positiven Zuschreibungen: Ich muss etwas unbedingt haben, denn es wird mich glücklich machen. Damit fördern wir sicher kein Glück, sondern im Gegenteil eher Leid. So ist denn im Buddhismus auch die Sicht vertreten, dass es im Leben viel um Leiden geht, dass wir leiden, weil wir falschen Vorstellungen anhängen, die uns auf unserem Weg raus aus dem Rad der Wiedergeburt (Samsara) behindern und damit der inneren Harmonie im Wege stehen.

Wenn wir es schaffen, das zu erkennen, steht dem eigenen Weiterkommen nichts mehr im Weg. Dann können wir eine Weisheit entwickeln, die immer bedeutet: Erkennen, was wirklich ist, die wahre Natur allen Seins und aller Dinge zu erkennen und aus diesem Erkennen heraus zu handeln. Dies führt zu einer Befreiung und damit auch hin zum obersten Ziel: Nirvana. Wir können dies selbst fördern, indem wir uns in den sechs Vollkommenheiten üben:

«Buddha erläuterte den vollkommenen Weg auf der Grundlage der Erfahrung des erwachenden Geistes und der sechs Vollkommenheiten: Grossherzigkeit, Disziplin, Geduld, Bemühen, Konzentration und Weisheit.» Dalai Lama

Was dabei ganz wichtig ist: Geduld. Der Dalai Lama, ein weiser Mensch, sagt von sich selbst, dass er sich nun seit über 70 Jahren der Meditation widmet und noch immer nennt er seine Einsichten armselig. Daran zu verzweifeln und aufzuhören, wäre aber der falsche Weg: Geduld ist das Zauberwort und die Disziplin des weiteren Übens der Weg. Und mit dem Bewusstsein können auch wir uns auf den Weg machen. Vielleicht erreichen wir nicht das Nirvana, aber ein wenig mehr wirkliche Freiheit, Freude und die Zuversicht, dass unsere Ziele erreichbar sind – wenn wir uns nicht selbst ein Feind sind und uns im Weg stehen.

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Buchtipp:
Dalai Lama: Das kleine Buch der Harmonie: Durch Meditation zur innersten Erkenntnis
In kurzen, prägnanten Absätzen und einen längeren Text führt uns der Dalai Lama hin zur Erkenntnis der wahren Natur der Dinge und zeigt uns einen Weg auf hin zu mehr Weisheit, weniger Täuschung und damit der Befreiung.

Angaben zum Buch:
Verlag: Herder Verlag (8. März 2021)
Taschenbuch: 176 Seiten

Tagesgedanken: Gefallensfalle

Ich bin getrieben. Von Ansprüchen, Erwartungen, Wünschen, Zielen. Eigenen. Und manchmal von Fragen, auf welche die Antworten fehlen. Ich fliege von einem zum andern und verwerfe schlussendlich alles wieder, immer mit der Frage: Wozu das alles? Aber auch: Was soll ich tun? Was kann ich tun? Und vor allem: Wie mache ich es richtig? Und gut?

Ich merke, wie mir oft die Luft ausgeht. Dann bin ich einen Moment ohne Atem, merke, wie ich innerlich zusammenfalle in diesem luftleeren Raum, bis die normale Atmung wieder einsetzt. Beim ersten Mal machte es mir Angst. Nun ist es fast normal geworden. Man gewöhnt sich an vieles. Zu vieles wohl. Müsste ich es ernster nehmen? Wohl schon. Doch was wäre die Konsequenz?

Ich müsste wohl hinschauen, wieso ich denke, Ansprüchen und Erwartungen genügen zu müssen. Woher kommen die überhaupt? Ich müsste mich fragen, wieso ich denke, alles richtig machen zu müssen. Und wieso gut oft nicht gut genug ist, es besser sein muss. Und ich müsste mich fragen, woher diese innere Unruhe kommt, die mich immer wieder an- und umtreibt, oft auch wegtreibt von vielem. Und ich müsste mir fragen, ob es etwas gäbe, das Ruhe bringen könnte.

Und ja, ich käme wohl auf Antworten. Ich würde wohl merken, dass ich immer wieder hoffe, zu gefallen, dass ich immer wieder hoffe, angenommen zu sein in meiner Art. Dass ich immer wieder denke, dass dies passiert, muss ich etwas leisten – nicht nur etwas, sondern etwas richtig Gutes. Und ich würde wohl erkennen, dass ich für dieses Gefallenwollen, hinter dem eine Sehnsucht nach Liebe steckt, vieles aufgebe – oft meine eigenen Bedürfnisse. Und ich müsste mich wohl fragen, ob der Preis nicht zu hoch ist. Und ich würde wohl zum Schluss kommen, dass er das ist.

Und dann merke ich: Ich stecke tief drin, in der Gefallensfalle. Und ich weiss eigentlich tief drin, dass es ein Käfig ist, den ich mir selbst baue. Und ich weiss tief drin ebenfalls, dass es nur einen gibt, dem ich wirklich gefallen muss, für den ich es wirklich recht machen muss. Das bin ich. Und nun müsste ich mir das nur noch glauben und tief durchatmen und zur Ruhe kommen…

Ohne Liebe sind wir uns selbst zur Last. Durch die Liebe tragen wir einander. (Augustinus Aurelius)

Philosophisches: Haben oder Sein

«Die Aufgabe ist, dass der Mensch so lebt, dass der Zweck, das Ziel seines Lebens die volle Entfaltung aller seiner Kräfte ist als ein Selbstzweck und nicht als Mittel zur Erreichung anderer Zwecke.» (Erich Fromm, Marx zitierend)

Das sagte Erich Fromm in einem Interview und meinte es als Kritik an einer Welt, die Menschen immer mehr als Ressourcen sieht, und immer weniger als Personen, als Individuen. Was zählt, ist das Haben, der Profit, dabei geht das Sein, das Leben als ganzer Mensch, unter. Sinnbildlich wird das in Firmen, in denen die Personalbüros «Human Ressources» heissen: Menschliches Kapital quasi, ein Gut, auf das man für den Profit strategisch zurückgreift. Kein schönes Bild, wie ich finde. Kein Wunder, fühlen sich Menschen immer unwohler in der Arbeitswelt, brennen sie aus, werden sie krank. Für die ressourcenorientierte Gesellschaft ist das kein Problem, jeder ist ersetzbar, fällt einer aus, kommt der nächste.

Das fängt aber schon früher an: Auch in der Schule zeigt sich diese Haltung. Es geht nicht um Bildung, sondern um Wissensanhäufung unter Zwang und Leistungsdruck. «Und bist du nicht willig, dann kriegst du ne eins (in der Schweiz die schlechteste Note).» Wer es nicht aufs Gymnasium schafft, hat je länger je mehr ein Problem, die Berufsauswahl schrumpft. Es zählt nur noch, was einer (an Papieren) hat, nicht was er an wirklichen Fähigkeiten mitbringt. Eine Kindergartenlehrerin muss in Mathe gut sein, die Sozialkompetenz, der liebevolle Umgang mit Kindern sind keine ausschlaggebenden Kriterien.

Was so mehr und mehr wegfällt, ist eine wirkliche Beziehung zwischen Menschen, eine wirkliche Beziehung zur Welt. Der Mensch sieht sich als Rad im Getriebe und fühlt sich nicht gesehen. Das Interesse liegt mehrheitlich darauf, was einer hat, nicht wer er ist. Dadurch entstehen keine wirklichen Beziehungen, doch die wären wichtig für den Menschen, denn ohne sie kann er nicht als Mensch wirklich existieren, sicher kann er kein Leben führen, das ihn befriedigt, das er als gutes Leben bezeichnen würde. Es kommt zu einer immer grösseren Entfremdung – von der Welt, von anderen Menschen, oft auch von sich selbst.

Vielleicht wäre es langsam an der Zeit, umzudenken, Leben neu zu denken – weg von

«Sag mir, was du hast, und ich sage dir, wer du bist.»

Hin zu

«Sag mir, was du fühlst, denkst, tust und willst, und ich sehe, wer du bist.»

Das könnte ein Weg sein weg von profitorientierter Existenz hin zu einem sinnerfüllten Leben.

Tagesgedanken: Den anderen annehmen

Lernt man jemanden kennen und verliebt sich, bleibt es nicht aus, dass Blick verklärt ist und der andere in den hellsten Farben erscheint. Mit der Zeit kommen kleine Irritationen ans Licht, er hat Vorlieben, die man nicht teilt, Bedürfnisse, die man nicht versteht, verhält sich auf eine Weise, die abweicht vom eigenen Habitus. Werden die Irritationen und das Unverständnis grösser, kommt es oft zu Konflikten, Vorwürfe fallen, die mitunter verletzen. Was ist passiert? Hat der andere sich verändert? Habe ich mich verändert? Haben wir etwas übersehen?

Es kann sein, dass es nichts von alledem ist – oder alles. Menschen sind nie statisch, dass sie sich verändern, liegt in ihrer Natur. Den anderen auf etwas festzulegen, behindert diesen in der Entfaltung seiner wirklichen Person, in seinem Wachsen. Das hat wenig mit Liebe zu tun, es entspringt oft dem eigenen Bedürfnis nach Konstanz, nach Sicherheit – Neues verunsichert, wer wächst, wird grösser und vielleicht auch die Angst, er könnte über einen hinauswachsen. Man übersieht dabei, dass dies eine Chance wäre, gemeinsam zu wachsen, aneinander.

«Die Liebe gibt der geliebten Person die Möglichkeit, Person zu sein, und zwar auf eine einmalige, unverwechselbare Art Person zu sein. Und es sind die Augen des Liebenden, die diese Einzigartigkeit wahrnehmen, eine Einzigartigkeit, die mehr ist als die Kombination empirischer Qualitäten.» (Robert Spaemann)

Es ist wohl das schönste Geschenk, das man jemandem machen kann, wenn man ihn so annimmt, wie er ist. Um das zu können, muss ich den anderen erst sehen, hören, wahrnehmen in seinem Sein. Nur dann erkenne ich ihn in seiner Tiefe, in dem, was ihn ausmacht. Ich überlagere ihn nicht von vornherein mit Begriffen und Urteilen, sondern erkunde neugierig seine Eigenheiten – und ich nehme an, was ich sehe, nehme ihn an in seinem So-Sein.

Wenn ich merke, dass mich jemand als Ich annimmt, dass meine Bedürfnisse wahrgenommen werden, ich sein kann, wie ich wirklich bin, und werden darf, wer ich sein kann, dann habe ich sie wohl gefunden, die Liebe. Und wenn sie nicht im Aussen ist, so kann ich sie zumindest in mir selbst für mich finden – und mir selbst ein sicherer Ort zum Wachsen sein.

Leserückblick August

Schon sind wir wieder in einem neuen Monat, Zeit für einen Rückblick. Der August war für mich ein Monat voller Umbrüche, Zweifel, Abschiede, Veränderungen und Erkenntnissen. Wenn so viel zusammenkommt, ist klar, dass es kein ruhiger war, und ich hatte auch das Gefühl, dass zu viel auf der Strecke bleibt, so auch das Lesen. Dass es nun doch 11 Bücher geworden sind, erstaunt mich sehr. Das ist aber auch ein Grund dafür, alles aufzuschreiben: Meine Wahrnehmung zu prüfen. Zudem zeigt mir die Wahl der Lektüre immer auch viel über meinen Monat, darüber, was mich interessiert hat, bewegt hat. Beim Blick zurück erinnere ich mich an das Buch und die Inhalte, es kommen auch Gedankenfetzen zur Zeit des Lesens. Manchmal hing mit einem Buch auch mehr zusammen, es war Auslöser einer Einsicht, der Anfang eines neuen Weges. Auf diese Weise ist mein Leserückblick mehr als das. Es ist eine Form der Selbstbetrachtung, des Rückblicks auf einen gelebten Monat. Die Bücher sind ein Teil davon und sie stehen oft für eine Gesinnung, für Gefühle, für Interessen in dieser Zeit.

Ich habe im August mit Josef Dohmen die Wege aus der Gleichgültigkeit der heutigen Zeit gesucht, mit Stefanie Stahl mein inneres Kind gestärkt und von William B. Irvine eine Anleitung zum guten Leben erhalten. Ryan Holiday zeigte mir auf, wie Hindernisse zu Chancen werden können, und Seneca den Weg hin zu mehr Gelassenheit. Albert Kitzler sprach mir aus der Seele, dass Philosophie einem gesunden Leben dienlich ist und Donald Robertson zeigte das anhand des stoischen Weg zum Glück ebenfalls. Alan Watts pries die Unsicherheit als Quelle von Lebendigkeit und Albert Kitzler zeigte, wie man bei all dem Ruhe bewahren kann. Nach einem Abstecher nach Japan zu Kaizen, sitze ich nun hier nach einem wilden Ritt und habe den September schon mit Thich Nhat Han begonnen – es geht weiter in den Buddhismus und ins Yoga.

Hier die ausführlichere Leseliste:

Josef Dohmen: Wider die Gleichgültigkeit. Plädoyer für eine moderne LebenskunstWas ist nötig für ein gutes Leben, welche Kriterien sind wichtig, sie zu realisieren, um ein Leben als der zu leben, der man sein will? Freiheit, Wahrhaftigkeit, Selbstbejahung und einige mehr werden in die Waagschale einer neuen Lebenskunst geworfen. 4
Stefanie Stahl: Das Kind in dir muss Heimat finden. Der Schlüssel zur Lösung (fast) aller ProblemeWie steuern Prägungen aus der Kindheit unser Verhalten? Wie haben sich alte Glaubessätze in uns festgesetzt und bringen uns nun immer wieder in leidvolle Situationen? Diese zu erkennen und zu ersetzen hilft, ein freudvolleres Leben zu führen. 5
Stefanie Stahl: So stärken Sie ihr SelbstwertgefühlMangelndes Selbstwertgefühl kann einem selbst und dem Umfeld das Leben erschweren. Was kann ich tun, um mein Selbstwertgefühl zu stärken, um ein ausgeglicheneres und zufriedeneres Leben zu führen, in dem ich mich nicht ständig durch unangemessenes Verhalten schützen muss?5
Wiliam B. Irvine: Anleitung zum guten Leben: Wie Sie die alte Kunst des Stoizismus für Ihr Leben nutzenEin gutes Leben gelingt nur, wenn wir eine Lebensphilosophie haben, die uns dahin führt. Eine solche finden wir bei den Stoikern. Indem wir praktizierende Stoiker werden, lernen wir, uns von Leid bringenden Affekten zu lösen und eine innere Ruhe zu erlangen. 5
Ryan Holiday: Das Hindernis ist der Weg. Mit der Philosophie der Stoiker zum TriumphWie man dem eigenen Leben ein Ziel setzt und die auftretenden Hindernisse als Chancen statt als Grund zu scheitern sieht. Stoische Gedanken und anschauliche Beispiele für ein zielgerichtetes Leben, in dem man nicht zu schnell aufgibt, sondern neue Wege sucht.5
Seneca: Von der GelassenheitKleines Buch voller Weisheiten darüber, was man tun und was lassen soll, um ein gutes Leben zu führen. 5
Albert Kitzler: Denken heilt!: Philosophie für ein gesundes LebenLehren und Weisheiten der antiken Philosophen zur Bekämpfung von Seelenkrankheit und Erlangung einer gesunden Seele, die zu einem glücklichen Leben führt. 4
Donald Robertson: Stoizismus und die Kunst, Glücklich zu sein. Alte Weisheiten für moderne HerausforderungenEine Einführung in den Stoizismus, ein Blick auf einzelne Themen und den Umgang der stoischen Philosophen damit. 5
Alan Watts: Weisheit des ungesicherten LebensWie wir dadurch, dass wir alles planen und absichern wollen, immer weiter vom Lebendigen wegkommen und uns schliesslich selbst verlieren. 4
Albert Kitzler: Nur die Ruhe. Einfach gut leben mit Philosophie12 Regeln der Stoiker zu verschiedenen Lebensthemen, dargestellt in fiktiven Gesprächen einer Philosophin mit ihren Klienten. Neben den Stoikern kommen auch andere antike Philosophen aus Ost und West zur Sprache. 4
Haruki Necharo: Kaizen – die japanische Philosophie für ein erfülltes Leben: Wie Sie mit einfachen täglichen Verbesserungen langfristig Ihre Ziele erreichen.Kaizen ist eine japanische Philosophie, die ursprünglich auf Unternehmen zugeschnitten war, die aber auch gut auf die Lebenskunst anwendbar ist, was in diesem Buch versucht wird. Es ist die Philosophie der Verbesserung, des Hinschauens und verbessern des eigenen Tuns und Seins. Nicht als Selbstoptimierung, sondern aus der Akzeptanz dessen, wer wir sind und dem Wunsch nach mehr Glück. Inklusive ist ein Kapitel mit Wabi-Sabi, einer Sicht, das Leben zu betrachten. Indem der Autor es sehr anschaulich machen wollte, ist es etwas gar „einfach“ geschrieben.3

Wie war euer Lesemonat August?

Tagesgedanken: Falsche Vorstellungen

Ich bin ein Mensch, der gerne seine Strukturen, seine Gewohnheiten hat. Das hat einerseits pragmatische Gründe, denn als selbständig arbeitender Mensch fehlen die Leitplanken von aussen und es fällt mir leichter, täglich nach dem etwa gleichen Plan zu arbeiten, als jeden Tag neu zu überlegen, ob und wann und was ich denn nun tun soll. Es hat aber andererseits auch weitere Gründe: Ich mag es so, fühle mich wohl, wenn ich weiss, was mich erwartet.

Neues, plötzliche Veränderungen, mag ich hingegen gar nicht. Da ertappe ich mich schon lange Zeit vorher, mir auszumalen, wie das sein könnte. Ich erzähle mir, dass das schwer wird, schüre meine Ängste, der Situation nicht gewachsen zu sein, finde immer mehr Dinge, die zu meinem Unwohlsein führen könnten. Das führt dazu, dass es nicht erst schwierig wird, wenn das Neue dann kommt, sondern ich vergifte mit diesem Gedankenkarussell schon die Zeit vorher. Und oft habe ich dann erlebt, dass alles ganz leicht war und meine Sorgen völlig umsonst.

„Vorstellungen sind mentale Muster, die nicht auf real existierenden Objekten beruhen.“ (Patanjalis Yoga Sutras, 1.9)

Es ist wohl an der Zeit, zu lernen, dass das, was am meisten Unwohlsein mit sich bringt, nicht die neuen Situationen sind, sondern meine Vorstellungen davon. Natürlich kann es sein, dass es mal schwierig wird, natürlich gibt es Situationen, in denen ich mich unwohl fühle, doch es reicht, wenn es in der Situation selbst so ist, ich muss nicht schon die Tage vorher damit belasten, denn das ist schlicht nur ein selbstgemachtes Leiden und es liegt in meiner Hand, dies zu ändern.

Mögt ihr Veränderungen oder habt ihr es doch lieber wie gewohnt?

Tagesgedanken: Arbeit an der Liebe

Liebe ist das grösste Gut. Viele Menschen würden das so unterschreiben, wir alle suchen sie, brauchen sie, die Liebe. Umso erstaunlicher ist es doch, dass wir oft, wenn wir sie haben, den Menschen an unserer Seite wissen, den wir lieben, unsere Prioritäten ändern: Alles ist plötzlich wichtig, will getan und erlebt werden – der Geliebte muss das verstehen. Bis er es nicht mehr versteht.

«Einsam bist du sehr alleine.
Aus der Wanduhr tropft die Zeit.
Stehst am Fenster. Starrst auf Steine.
Träumst von Liebe. Glaubst an keine. Kennst das Leben.
Weisst Bescheid. Einsam bist du sehr alleine –
Und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.»

Man hört sie förmlich ticken, die Wanduhr aus Erich Kästners Gedicht «Kleines Solo». Man sieht das Paar, das sich nichts mehr zu sagen hat, jeder starrt in eine Richtung, nichts schwingt mehr dazwischen – fast ist man an ein Bild von Edward Hopper erinnert. Das Leben ist ausgehaucht, die Gefühle ausgeflogen, zurück bleibt die Ernüchterung des Alltags. Beide bleiben, weil das alles ist, was sie kennen, und sie fürchten, nachher allein zu sein. Sie merken nicht, dass sie schon so viel mehr allein sind, als sie es allein je sein könnten. Das Dasein anderer Menschen, zu denen man eigentlich eine Beziehung hätte, diese aber nicht mehr gelebt, gefühlt, gespürt wird, wird zum Verstärker der Einsamkeit.

Wie das Paar wohl dahin kam? Wie kann Liebe, die lebt, plötzlich sterben? Vermutlich wie jedes System eingeht, wenn es keine Nahrung kriegt. Liebe ist kein Selbstläufer, der, einmal angelaufen, einem Perpetuum mobile gleich in alle Ewigkeit weiterläuft. Es heisst, Liebe sei Arbeit. Vielleicht kann man es auch Sorge nennen, wie es Aristoteles bei seinem Liebesbegriff, der Philia, tat. Liebe als wechselseitige Sorge, als Wohlwollen, Gutes Tun. Wie sagte Erich Kästner:

„Es gibt nichts Gutes, ausser: Man tut es.“

Liebe ist damit ein Tun, ein gegenseitiges sich um den anderen kümmern, für den anderen da sein. Das kann man nicht einfach auf morgen verschieben, das muss als tägliche Haltung dem anderen entgegen gebracht werden.

Leider verschiebt man aber oft nicht nur unliebsame Arbeiten auf später, sondern auch die Arbeit an dem, was man eigentlich als wichtigstes im Leben sieht: Die Liebe. Man nimmt sie als selbstverständlich, sieht den Partner als sicher, und vergisst, dass jeder Mensch, um zu leben, Zuwendung, Berührung, Aufmerksamkeit braucht, dass jeder Mensch das Gefühl haben will, wichtig und geliebt zu sein. Heute. Nicht morgen. Ansonsten fängt die Wanduhr an zu ticken. Und irgendwann ist die Zeit abgelaufen.