Philosophisches: Schule machen

Kürzlich las ich ein Interview in „Die Zeit“ mit Wigald Boning, in welchem er folgenden Satz äusserte:

„Ich glaube, wenn man geliebt wird als Kind – dann öffnet das viele Türen.“

Und ich dachte: „Wie wahr!“ Das Gefühl, nicht geliebt zu werden, hängt ein Leben lang nach. Das Gefühl, nicht lieben zu dürfen, weil jede Umarmung von dir zu viel ist, du aber keine kriegst, prägt. Und dann sitzt du irgendwann in deinem Erwachsenenleben und merkst: Ich trau mich nicht. Ich trau mich nicht, darauf zu vertrauen, dass mich jemand lieben kann. Ich trau mich nicht, jemanden zu umarmen, denn meine Umarmungen kommen immer ungelegen. 

Und dann denke ich: Mein Gott, ich hatte das, was man eine behütete Kindheit in einer heilen Welt nennt. Und ich frage mich, wie geht es Kindern, die nicht eine solche Basis haben? Kinder, die Gewalt erleben müssen. Kinder, die aus Familien genommen werden, weil sie misshandelt werden. Kinder, die an einen Ort, in eine Klasse geboren werden, wo sie schon von Anfang an schlechtere Chancen haben – in unserem System. Kindern aus unteren Klassen traut man weniger zu. Experimente haben gezeigt, sie wären zu Gleichem fähig, würde man ihnen das Vertrauen signalisieren, dass sie es schaffen können. Woher sollen sie es nehmen, wenn es ihnen keiner gibt?

Es gibt zum Glück Institutionen, die das auffangen. Und manchmal sind diese richtig gut. Sie schaffen es, dem Kind etwas zu vermitteln, was Liebe heisst. Obwohl es „nur“ Institutionen sind. Sie vermitteln eine Form von Vertrauen:

„Ich glaube an dich!“

Und das Kind kann es glauben, weil eine Beziehung da ist. Und so sollte es in Schulen sein: Jeder kann vieles erreichen. Man muss an ihn glauben, Es ihm mal zutrauen. Keine Schere machen, nicht die Zuwendung nach Klassenzugehörigkeit austeilen. Leider passiert das oft zu wenig. Es gibt private Schulen, doch die können sich viele nicht leisten. Und wenn man landläufig das Modell erklärt, bei Ämtern und staatlichen Schulen vorspricht, kommt als Erstes: 

„Das geht eh nicht.“

Doch, es geht. Es ist sogar finanzierbar. Man müsste es nur wollen. Aber es wäre gefährlich. Plötzlich würden wir Menschen aus allen Schichten bilden, die nachher mündige und fähige Mitbürger wären, die mitsprechen wollen. Plötzlich wäre der eigene Kuchen gefährdet, weil zu viele gelernt haben, ihr Leben in die Hand zu nehmen können, und wissen, dass sie dafür ihre Stimme in einer Demokratie erheben müssen. Das muss man sich erst mal trauen. 

Nur: Wollen wir weiter eine Demokratie haben, die gelebt wird, müssen wir den Weg gehen. Er fängt im Elternhaus an, aber unsere Institutionen sind in der Pflicht. Auf die könnten wir bauen, wenn sie sich dazu entschliessen könnten. Stellt euch vor: Wir bilden plötzlich Kinder aus, die durch diese Ausbildung erfahren, dass sie selber etwas bewirken können, dass sie dadurch eine Verantwortung tragen, das auch zu tun, und die partizipieren wollen an einem gelingenden Miteinander. 

Eine Utopie? Möglich. Aber nur, wenn wir es nicht wagen. Es wäre machbar! Ich glaube dran!

Martha Nussbaum: Königreich der Angst

Gedanken zur aktuellen politischen Krise

Inhalt

„Wenn Menschen Angst voreinander und vor einer unbekannten Zukunft haben, führt dies leicht dazu, dass ein Sündenbock gesucht wird, dass Rachefantasien und ein giftiger Neid auf die Bessergestellten (seien es die Wahlsieger oder die sozial und wirtschaftlich Mächtigeren aufkommen.“

Wir leben aktuell in einer Welt, durch die ein tiefer Riss geht. Die gesellschaftliche Spaltung zeigt sich in verschiedenen Bereichen, sie vergrössert sich in den Verhältnissen von arm und reich, aber auch in den verschiedenen Gesinnungen der Menschen. Menschen bilden Gruppen und stellen sich gegen andere Gruppen, man befeuert sich gegenseitig innerhalb der eigenen Gruppe, der Dialog mit der anders denkenden fällt aus. Das Gefühl eines Miteinanders im Grossen ist schon lange Geschichte und die Gräben werden immer tiefer.

Wie kam es dazu? Was hat dazu geführt, dass sich Menschen immer mehr voneinander entfernen und entfremden? Martha Nussbaum geht diesem Problem auf den Grund und kommt zum Schluss, dass politische Vorgänge immer auf Emotionen gründen, allen voran rangiert die Angst. Menschen sehen sich durch die zunehmende Globalisierung immer machtloser und kleiner, sie fürchten um ihren Platz in der Welt. Aus Angst heraus suchen sie Schuldige für diese Gefühle und finden sie auch: Andere Rassen, Geschlechter, Religionen, etc.

Wir müssen diese Mechanismen erkennen, damit wir sie aus der Welt schaffen und wieder zusammenwachsen können. Martha Nussbaums Buch ist ein guter Weg dahin.

Weitere Betrachtungen

„Die Schuldzuweisung gibt uns eine Strategie an die Hand: Jetzt werde ich meinen Willen mit Toben und Lärmen durchsetzen. Doch sie drückt auch ein ihr zugrunde liegendes Bild von der Welt aus: Die Welt sollte uns geben, was wir verlangen. Wenn Menschen das nicht tun, sind sie böse.“

Niemand ist gerne machtlos, man möchte etwas tun, man möchte sich die eigene Welt sichern und sich in der Welt, in der man lebt, zu Hause fühlen. Aus dieser Hilflosigkeit und Angst heraus begehren wir auf, wir nutzen soziale Medien und die Kraft der Gruppe, um unseren Unmut kundzutun. Wir fühlen uns in der Gruppe stark und gehen gegen die Sündenböcke los. Und bei dem Unterfangen erwarten wir, dass der Staat hinter uns steht. Er soll uns die Welt bereiten, die wir uns wünschen. Tut er das nicht, unterstellen wir ihm falsche Interessen und Prioritäten.

In dieser Haltung zeigt sich eines deutlich: Der Mensch sieht sich als Konsument in einer Welt, die für ihn wie ein Markt funktionieren soll. Während laut Forderungen zur Befriedigung der eigenen Interessen gestellt werden, schwindet die aktive Teilhabe an politischen Vorgängen immer mehr.

„In allen Gesellschaften werden Gruppen von Menschen marginalisiert und als zweitrangig behandelt… Im Gegensatz dazu ist in modernen Demokratien die. öffentliche Norm in der Regel eine des gleichen Respekts und der gleichen Berücksichtigung. Wenn es zur Herabstufung einer Gruppe kommt, verletzt dies die eigenen Gerechtigkeitsnormen der Gesellschaft.“

Die Demokratie ist die Staatsform, in der die Macht beim Volk liegt, sprich, das Volk hat es durch seine Teilhabe in der Hand, die Umstände im Sinne der eigenen Werte zu gestalten. Die Verfassung ist Ausdruck dieser Werte, die Umsetzung kann durchgesetzt werden. Dazu bedarf es aber der aktiven Teilhabe durch staatliche Rechtsmittel, lauter Protest und innerstaatliche Grabenkämpfe sind da wenig hilfreich.

Wir müssen aufpassen, denn:

„Die Demokratie kann zerbrechen, wenn wir der Angst nachgeben.“

Persönlicher Bezug

„Sokratisches Denken ist eine Praxis der Hoffnung, weil es eine Welt des Zuhörens, der leisen Stimmen und des gemeinsamen Respekts vor der Vernunft schafft.“

Ich wünsche mir eine Welt, in der wir wieder miteinander reden und gemeinsam für die gute Sache kämpfen. Ich wünsche mir eine Welt, in der nicht der recht hat, welcher am lautesten schreit, sondern wir durch das Zusammentragen von verschiedenen Stimmen eine gemeinsame Lösung finden. Ich wünsche mir eine Welt, in der wir einander wieder zuhören, voneinander lernen, aneinander wachsen. Ich wünsche mir eine Welt, in der wir uns nicht immer weiter voneinander entfernen, sondern wieder mehr zusammenwachsen.

Fazit
Ein tiefgründiges, differenziertes und doch gut lesbares Buch über das Phänomen der Angst und deren gefährlichen Folgen für die Gesellschaft und die Demokratie. Sehr empfehlenswert.

Autorin
Martha Nussbaum ist Philosophin und Professorin für Rechtswissenschaften und Ethik an der University of Chicago. Mit ihrem umfangreichen Werk hat sie mehrere Literaturpreise und über sechzig wissenschaftliche Ehrengrade erhalten und gilt als eine der profiliertesten Philosophinnen der Gegenwart.

Angaben zum Buch
Herausgeber: wbg Theiss in Wissenschaftliche Buchgesellschaft (WBG); 1. Edition (14. Januar 2019)
Gebundene Ausgabe: 304 Seiten
Übersetzung: Manfred Weltecke
ISBN-Nr.: 978-3806238754

Wie retten wir unsere Demokratie?

Am 24. Juni 1995 wurde Südafrika zum Rugby-Weltmeister gekürt. Rugby war in Südafrika bis dahin der Sport der Weissen gewesen, Schwarze wurden lange Jahre vom Sport ausgeschlossen. Nelson Mandela wollte aufzeigen, dass Sport verbinden kann, er überreichte dem Siegerteam in dessen Trikot die Trophäe und zu Tränen gerührt verkündeten die Spieler, diesen Sieg für ganz Südafrika geholt zu haben. An diesem Abend feierten alle gemeinsam, Schwarze und Weisse, diesen Triumph. Die Springboks, die früher für die Apartheid standen, wurden zu einem Symbol der Hoffnung. Das hätte nach den Jahren der Apartheid mit all ihren grausamen, diskriminierenden Massnahmen gegen die schwarze Bevölkerung der Anfang eines friedlichen Zusammenlebens sein können. Leider fehlte dafür der Mann, der es in die Hand nahm, und die rassistischen Zustände in Südafrika verstärkten sich wieder.

Was Nelson Mandela aufzeigte, war, dass wir verbindende Massnahmen brauchen, keine trennenden, wenn wir einem System Herr werden wollen, das Menschen diskriminiert. Die Menschen weiter gegeneinander aufzuhetzen, um eigene Interessen (so wichtig und richtig sie auch sein mögen) durchzusetzen, wird zu keinem friedlichen Miteinander führen. Leider ist das bis heute in vielen Köpfen nicht angekommen, im Gegenteil:

Immer mehr (mehrheitlich) Linke konzentrieren sich auf eine Identitäts-Politik, indem sie sich auf eine Gruppe von Minderheiten konzentrieren, deren Rechte sie durchsetzen wollen. Zwar ist der Einsatz für benachteiligte Gruppen und deren Gleichberechtigung und Würde zu befürworten, allerdings werden dazu aktuell mehrheitlich Opfernarrative bemüht, welche dazu dienen sollen, sich gegen andere Gruppen zu behaupten. Das führt dazu, dass es zu einer immer grösseren Aufspaltung der Gesellschaft kommt. Die Menschen fühlen sich nicht mehr als Teil der (staatlichen) Gemeinschaft, sondern als Teil einer kleinen Gruppe, welche gegen andere Gruppen kämpft. Die Solidarität untereinander nimmt ab, der Blick aufs Gemeinwohl schwindet zugunsten der Fokussierung auf partielle Interessen. Der Politologe Francis Fukuyama sieht in dieser Bewegung die Gefahr eines neuen Tribalismus.

Dass bei dieser Entwicklung immer auch Menschengruppen durch die Maschen der Aufmerksamkeit fallen, bleibt nicht aus. Vor allem die Arbeiterklasse, mehrheitlich weisse Europäer, Menschen, die finanziell und sozial am unteren Ende der Gesellschaft stehen, fühlen sich nicht mehr beachtet, sie fühlen sich in ihren Sorgen und Nöten nicht mehr wahr- und ernstgenommen und damit in der Gesellschaft und von der Politik nicht mehr repräsentiert. Das spielt populistischen Parteien in die Hände, die sich diesen Menschen annimmt und ihnen versprechen, was sie vermissen. Sie scheinen ihnen so die verloren gegangene Würde zurückzugeben. Diese Tendenz zeigt sich in vielen Nationen, in denen es zu einem deutlichen Rechtsrutsch und zu Erfolgen populistischer Parteien gekommen ist.

Ich denke, in unseren Breitengraden kann man von einer allgemeinen Befürwortung des demokratischen Systems sprechen – welches andere politische System wäre besser? Eine liberale Demokratie gestattet es dem Menschen, in grösstmöglicher Freiheit im Wissen um den Schutz derselben und der eigenen Person und Eigentumsverhältnisse zu leben und an der Steuerung des Landes teilzuhaben durch die demokratischen Mittel, die das Volk gemeinsam in den Händen hat. Nur: Diese Befürwortung verkommt mehr und mehr zur Theorie, die tatsächliche Lage der Nation sieht anders aus.

Wollen wir die Demokratie retten und damit ein Gesellschaftssystem der Teilhabe bewahren, müssen wir den Blick wieder vermehrt auf das Gemeinwohl lenken. Oft wird das mit einem Abbau individueller Rechte und Freiheiten gleichgesetzt, was aber nicht stimmt, eigentlich im Gegenteil. Indem wir uns politisch dafür einsetzen, dass wir ein System realisieren können, in welchem Diskriminierung und Unterdrückung beseitigt werden, in welchem jeder Bürger die gleichen Rechte an der Teilhabe und Möglichkeiten, seine Fähigkeiten zu verwirklichen, hat, verbessern wir die Lage jedes Einzelnen und fördern auch das Gemeinwohl, weil eine Gesellschaft mit weniger Ungleichheiten zugleich eine besser gestellte ist, eine, in welcher Menschen untereinander eine Verbindung spüren und nicht gegeneinander ins Feld ziehen.

Die Grundfragen, die sich stellen, sind immer wieder dieselben:

Was ist ein gutes Leben?
In was für einer Gesellschaft wollen wir leben?

Wenn wir nur darauf fokussieren, was für uns persönlich ein gutes Leben wäre, dabei nicht berücksichtigen, dass wir als Individuen nie ohne die soziale Welt auskommen können, ignorieren wir die Bedingungen, die überhaupt erst ein gutes Leben ermöglichen. Der Blick auf Einzelinteressen wird immer zum Ausschluss der Anderen führen und damit nichts Gutes bringen. Identitätspolitik, die nur die Interessen der eigenen Gruppe vertritt, wird für diese Gruppe und die Gemeinschaft keine gute Welt schaffen. Es wäre an der Zeit, sich wieder mehr auf den integrativen Charakter der Demokratie zu konzentrieren. Wir müssen als Gemeinschaft für gerechte Strukturen innerhalb unseres demokratischen Systems sorgen, wir haben es durch unsere Teilhabe an politischen Entscheiden in der Hand, unser Land mitzugestalten und damit die Lebensbedingungen der Menschen in ihm.

Fukuyamas Lösung für das Problem besteht darin, „größere und einheitlichere nationale Identitäten zu definieren, welche die Mannigfaltigkeit liberaler demokratischer Gesellschaften berücksichtigen“*. Es gilt, ein nationales Bewusstsein zu entwickeln, das auf Rechtsstaatlichkeit, Gleichberechtigung und Menschenwürde baut und nicht durch Volkszugehörigkeit, Rasse, Geschlecht oder Religion bestimmt ist. Dieses einende Bewusstsein könnte auch der Tendenz der letzten Jahre, dass immer weniger Menschen wirklich an der Demokratie partizipieren, entgegen wirken. Dies war nämlich ein weiterer Effekt der vermehrten Individualisierung: Man war kaum mehr bereit, sich für etwas zu engagieren, zu dem man sich nicht zugehörig fühlt.

Um diese Teilhabe wirklich zu befördern, bedarf es einer politischen Bildung, die bereits in der Schule stattfinden müsste. Demokratisches Handeln muss gelernt, Werte und Möglichkeiten müssen vermittelt werden, damit sie umgesetzt werden können. Dazu gehört auch der Blick auf Missstände wie Diskriminierung. Dazu gehört auch der Blick auf historisches Unrecht, das es künftig zu vermeiden gilt. Dazu gehört auch der Blick aufs Ganze, weg vom Einzelnen. Nur wenn wir sehen, dass wir nicht nur vom Staat fordern können, was wir denken, dass es uns gebührt, sondern als Bürger auch etwas zurückgeben müssen, werden wir einen Staat und damit ein Zusammenleben gestalten können, in dem jeder die Anerkennung bekommt, die ihm zusteht, weil er ein Mensch unter Menschen ist und dadurch die gleiche Würde, den gleichen Wert besitzt.

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*vgl. zu dem Thema Francis Fukuyama, Identität: Wie der Verlust unserer Würde die Demokratie gefährdet

Was kann ich wissen?

„Was kann ich wissen?“

Dies ist nach Kant eine der vier grundlegenden Fragen der Philosophie. Es ist aber nicht nur eine Frage, er drückt damit zugleich aus, dass man wohl nie alles wissen kann, dass das (menschliche) Wissen Grenzen hat. Die Welt ist zu gross, um sie ganz zu erfassen, der eigene Blick ist viel zu eingeschränkt, sogar der Blick der ganzen Menschheit wäre es wohl noch, da es immer Dinge geben wird, die unser Fassungsvermögen übersteigen. Was also von all dem, was es gibt, können wir erkennen, verinnerlichen und zu Wissen erklären?

In den letzten Tagen, Monaten, Jahren schien es auf der Welt immer mehr Menschen zu geben, die alles zu wissen schienen. Sie kannten alle Fakten und Hintergründe, konnten die interpretieren und daraus auch die richtigen Handlungsoptionen ableiten. Mit einer unverwüstlichen Überzeugung riefen sie ihre Meinungen laut in die Welt und waren anderen Argumenten und Meinungen gegenüber verschlossen, denn: Sie wussten es ja besser. Ein Diktum sagt: Wissen ist Macht – und diese Macht sahen sie bei sich.

Etwas wissen zu wollen, zeugt von Neugier, es drückt einen Lerneifer aus, der uns lebendig fühlen lässt, weil wir durch alles, was wir lernen, wachsen. Da wir in einer leistungsorientierten Gesellschaft leben, bekommt Wissen noch eine zweite Komponente: Angehäuftes Wissen in Form von Schulabschlüssen öffnet uns die Bahn in die Arbeitswelt, es verspricht Geld und Ehre. Wir können also stolz sein, wenn wir etwas wissen oder können, denn damit erfüllen wir die Massstäbe unserer Gesellschaft. Im Gegenzug dazu gilt Nicht-Wissen als schändlich. Wir fühlen uns dumm, wenn wir eingestehen müssen: Das weiss ich nicht. Die Blösse geben wir uns ungern.

Es stellt sich nun die Frage: Wenn Wissen Macht ist, bedeutet Nicht-Wissen dann nicht auch eine Art von Ohnmacht? Indem ich etwas nicht weiss, unterliege ich der Macht des Wissenden und diese spielen einige gerne aus, weil sie sich in der Machtposition suhlen wollen. Das haben wir schön gesehen in Fällen, in denen Wissen zu nichts weiterem führt als einer Anerkennung in gewissen Kreisen von Gleichgesinnten, aber: Diese Anerkennung war sicher. Durch das geteilte Wissen, das man den selbst erklärten Nicht-Wissenden vor die Füsse warf, sah man sich selber als den Mächtigen und wuchs damit in der eigenen Anerkennung sowie in der eigenen Gruppe, von welcher man Rückhalt kriegte.

Oft wird für solches Verhalten die Demokratie ins Feld geführt, es heisst, man dürfe seine Meinung sagen. Zudem klagt man gut und gerne mit dieser Meinung die eigene Freiheit und die eigenen Rechte ein, die man nach eigenem Befindet gefährdet, wenn nicht zu stark eingeschränkt oder gar eliminiert sieht. Nun sind die Möchtegern-Wissenden meist in der Minderheit, was nicht per se heisst, dass sie falsch liegen, aber: Eine Demokratie fusst auf der Mehrheitsfähigkeit. Mehr noch: Sie steht auch nur dann sicher, wenn sie auf einem gefundenen Konsens basiert, mit welchem sich alle durch einen Austausch auf Augenhöhe einverstanden erklären können. Wenn wir jedoch Fronten bilden zwischen Wissenden und Nicht-Wissenden (die Kategorien sind oft gegenseitige Zuschreibungen) befinden wir uns nicht mehr auf Augenhöhe und ein Dialog ist nicht mehr möglich, oft nicht mal gewollt.

Es sind meist Krisen, die solche Tendenzen offen legen. Die gefühlte Ohnmacht durch die Umstände, eine gefürchtete Bedrohung, die einen den Halt verlieren lässt, bringt das Bedürfnis nach Halt mit sich. Weil wir verlernt haben, an das grosse Ganz zu glauben, suchen wir Rückhalt in kleinen Gruppen, in welchen wir Solidarität mit den eigenen Ängsten, Nöten und Bedürfnissen sowie den eigenen Meinungen finden. Dadurch geht die Solidarität mit der Gesellschaft als ganze verloren. Je tiefer die Spaltung wird, desto grösser die Verbissenheit, das Beharren auf den eigenen Meinungen, da man sich „den Anderen“ immer fremder fühlt und diese dadurch immer mehr zu Feindbildern werden.

„Was können wir wissen?“

Meist nur das, was uns unser eigener Horizont und die aktuelle Situation zugänglich machen. Wissen ist also nie absolut und auch nie abgeschlossen. War die Erde einst eine Scheibe, ist sie nun eine Kugel. Dies nur einer der Irrtümer aus der Geschichte. Der, welcher ihn aufdeckte, hatte keinen einfachen Stand, weil alle anderen es besser zu wissen glaubten. Wenn wir erkennen, dass unser heutiges Wissen morgen überholt sein kann, wäre das ein erster Schritt zu mehr Offenheit und damit weg von der Verbissenheit des Behauptens.

Rilke schrieb einst:

„Ich kann mir kein seligeres Wissen denken, als dieses Eine: Dass man ein Beginner werden muss. Einer, der das erste Wort schreibt hinter einen jahrhundertelangen Gedankenstrich.“

Im Buddhismus gibt es das, was man Anfängergeist nennt. Es bedeutet, dass man jeden Tag wieder neu in die Welt hinaus gehen und diese wieder mit neuen Augen sehen soll. Erst dann nehmen wir nämlich wahr, was wirklich da ist. Dann ist ein Baum nicht einfach ein Baum, sondern ein ganz spezieller, einzigartiger. Wir sehen die Welt nicht mehr durch den Schleier unserer vorgefassten Meinungen, die alles prägen, sondern in ihrem aktuellen Zustand, der vielleicht anders ist als er gestern noch war. Und ja, vielleicht erweist sich eine Meinung von gestern plötzlich als falsch, vielleicht merkt man, dass man in gewissen Bereichen doch nicht so viel weiss, wie man glaubte. Mit dieser Haltung könnte man auch wieder ins Gespräch kommen, statt dieses gleich im Keim durch eigenes Wissenwollen zu ersticken. Das wäre eine Chance für uns als Menschen und als Gesellschaft. Das wäre ein Weg hin zu mehr Miteinander. Das wäre eine gelebte Demokratie.

Keine Demokratie ohne Dialog

Unsere Gesellschaft ist gespalten. Das hört man in der heutigen Zeit häufig und meistens werden als Grund dafür Corona und die deswegen vom Staat verhängten Massnahmen ins Feld geführt. Ich bin mir nicht sicher, ob dieses die Gründe für die Spaltung sind oder aber sie dieselbe, schon dagewesene, deutlich machten. Neu, davon bin ich überzeugt, ist diese Spaltung nicht, denn Spaltungen gab es immer, sowohl strukturell (arm-reich, das Patriarchat mit der Unterdrückung der Frau, etc.) wie auch in den Gesinnungen der Mitglieder der Gesellschaft. Sie teilen diese immer in zwei Lager: Dafür und dagegen.

Ich bin schon lange der Meinung, dass unser Verhalten einer Demokratie nicht würdig ist, dass wir mit unserer Art des Zusammenlebens die Demokratie gefährden und ad absurdum führen. Wenn man sich anschaut, was Demokratie bedeutet, ergibt sich folgende kurze Definition:

„Als demokratisch im weitesten Sinne bezeichnet man daher heute Machtverhältnisse, in denen Staatstätigkeiten (…) vom Volk durch die Wahl von Vertretern (Repräsentanten) und Vertreterkörperschaften ausgeübt wird, die auf mannigfache Weise (…) zustande kommen und verschieden zusammengesetzt sind. […] Demokratisch nennt man ferner innere Meinungsbildungsprozesse und Beschlussverfahren in Organisationen und Verbänden, zu welchen (analog zur demokratischen Staats- und Gemeindeverfassung) alle Mitglieder chancengleich Zugang haben und in denen sie gleichberechtigt mitwirken können.“ (Wörterbuch der philosophischen Begriffe)

Nun gibt es verschiedene Formen der Demokratie, welche ich hier nicht weiter behandeln möchte. Relevant für mein Thema hier ist nur noch, dass in einer Demokratie freie Menschen frei wählen können und bei solchen Wahlen das sogenannte Mehrheitsprinzip zum tragen kommt. Das heisst: Bei demokratischen Entscheidungen gilt, was von der Mehrheit der Wählenden (verfassungskonform) bestimmt wird. Dass dies nicht immer befriedigend ist für die Minderheit, die den Entscheid mittragen muss, liegt auf der Hand. Was aber wäre die Alternative? In meinen Augen keine, welche die Vorzüge einer Demokratie behält und etwaige Problematiken beseitigen könnte.

Zentral für eine funktionierende Demokratie ist in meinen Augen ein funktionierender Austausch zwischen denen, welche die Entscheidungsgewalt haben. Nur so kann es gelingen, eine Lösung für Probleme zu erhalten, welche für die grösstmögliche Mehrheit stimmt und für die kleinstmögliche Minderheit trotz allem tragbar ist. Allen Menschen recht getan, ist auch hier nicht möglich. Aber schon hier sehe ich das grosse Problem in der heutigen Zeit, weswegen ich die Demokratie als gefährdet erachte:

Wenn ich mir Diskussionen anhöre, merke ich immer wieder, wie verhärtet Fronten sind. Es scheint, als ob Menschen nicht mehr an einem Diskurs interessiert sind, als ob Dialektik ein vergessenes Gut und stures Beharren auf der je eigenen Sicht das einzige Interesse ist. Andere Meinungen werden nicht mehr gehört, sie werden mit eigenen Argumenten in Grund und Boden gestampft. Nützt das nichts, wird der Anders-Denkende als Idiot bezeichnet und bevorzugt zum Schweigen gebracht – in den Sozialen Medien dadurch, dass man ihn ignoriert oder blockiert.

Ausgehend von meiner Hypothese, dass ohne Austausch keine (gelebte und gelingende) Demokratie möglich ist, bedeutet dies den Tod derselben. Wir müssen aber nicht mal in die Politik gehen, obwohl die Staatsform natürlich eine Sicherung der persönlichen Interessen einer Gesellschaft ausdrücken soll (im Idealfall) und damit natürlich relevant ist für den einzelnen Menschen. Schon die Gesellschaft ist eine grosse Gruppe, die oft zu abstrakt klingt. Wir leben darin, aber was ist sie konkret? Schauen wir uns also das Problem im kleineren Rahmen an: Wie gehen wir mit Menschen um, die anders denken? Hören wir uns an, was sie zu sagen haben, wie sie zu ihrer Meinung kommen? Können wir ihre Meinung auch einmal stehen lassen und akzeptieren, dass wir in gewissen Punkten nicht einer Meinung sind? Oder stimmt für uns ein Miteinander nur, wenn einer den anderen überzeugt hat (bevorzugt wir den Anderen)? Die Vehemenz, mit welcher heute Diskussionen ausgefochten (die Kriegsmetaphorik ist bewusst gewählt) werden, besorgt mich.

Was mich ebenso besorgt, ist, dass in solchen Diskussionen nicht nur nicht genau hingehört wird, sondern die Gegenargumente oft auch aus dem Zusammenhang gerissen, falsch wiedergegeben werden und der sie Äussernde durch solche Fehlzuschreibungen verunglimpft wird. Das ist mir in letzter Zeit zum Beispiel mehrfach bei Interviews mit Svenja Flasspöhler aufgefallen. Die Philosophin hat es in verschiedenen Themen (#metoo, Coronamassnahmen, etc.) gewagt, nicht einfach die landläufig akzeptierten Aussagen der breiten Mehrheit der populären meinungsmachenden Stimmen zu wiederholen, sondern einen skeptischen Blick auf die Materie zu werfen, welcher diese von verschiedenen Seiten beleuchtet.

Das allerdings reichte, um immer wieder Angriffe nicht nur gegen ihre Argumente, sondern gegen ihre Person auszulösen. Es wurde gar die Philosophie bedauert, weil jemand wie Flasspöhler (promovierte Philosophin, Chefredaktorin des Philosophiemagazins und Organisatorin der phil.cologne) sie sich auf die Fahnen schreibe. Um dahin zu kommen, wurden ihre differenzierten Ansichten auseinandergenommen, Erklärungen ignoriert oder verdreht, und die so aus dem Zusammenhang gerissenen Aussagen als Anklagepunkt verwendet. Bei jedem folgenden Interview war Flasspöhler fast genötigt, noch mehr Disclaimer, was sie alles nie gesagt oder gemeint hätte, anzufügen, bevor sie zur Beantwortung einer Frage gehen konnte. Es gäbe noch viele weitere Beispiele mit anderen Personen, die mir jüngst aufgefallen sind, das eine möge exemplarisch für alle stehen.

Es ist gut und wichtig, eine Meinung zu haben, und eine Meinung muss auch vertreten werden, schliesslich steckt eine Überzeugung dahinter. Was ich aber vermisse, ist die Einsicht, dass wohl keiner allein in jedem Fall immer die ganze Wahrheit sieht oder alles wissen kann. Wer glaubt, Wahrheit erkenne man nur von einem (dem eigenen) Standpunkt heraus, muss auch glauben, dass die Erde eine Scheibe ist – oder hat er die Krümmung gesehen von da, wo er steht? Hinzuhören, wie man etwas auch noch anders sehen kann, oder wie es von einer anderen Warte aus gesehen wird, kann helfen, den eigenen Blick zu weiten. Das kann dazu führen, dass man merkt, dass die eigene Sicht richtig war, weil man im Gedanken des Anderen einen Denkfehler findet, es kann dazu führen, die eigene Sicht zu revidieren oder anzupassen, weil man merkt, dass man etwas nicht bedacht hat, oder es kann zu einer gemeinsamen neuen Meinung führen, welche mehr ist als nur die Summe ihrer Teile, sondern ein ganzheitlicherer Blick auf eine Welt, die so komplex ist, dass einer allein sie kaum je wird erfassen können.

Wenn wir das nun auf die Demokratie anwenden und darauf, wie Menschen, die diese gestalten sollen, agieren müssten, komme ich zu dem Schluss: Es wird uns nur gemeinsam gelingen, die Welt so zu schaffen, dass sie für all die, welche sie bewohnen müssen, eine gute Welt ist, in welcher jeder sich nach seinen Fähigkeiten als Gleichberechtigter entwickeln kann und die Chance hat, zu partizipieren. Dazu bedarf es eines offenen Dialogs unter als gleichwertig Anerkannten, die man als mit sich verbunden sieht, weil sie wie man selber auch, in eine Welt geworfen wurden, die sie sich nicht ausgesucht haben, in welcher sie nun aber ein gelingendes Leben leben möchten.

Eine Wutrede – jeder Impfgegener ein kleiner Diktator

Ich bin ja sehr geduldig (*not) und überaus verständnisvoll (…), ABER: Wenn wichtige OPs verschoben werden, weil sich gewisse die Freiheit nicht nehmen lassen wollen, sich ungeimpft auf Intensivbetten auszustrecken, dann geht mir schlicht die Hutschnur hoch. #hueresiech

Das schrieb ich kürzlich auf Twitter. Ich war wütend. Und traurig. Weil genau das in meinem nächsten Umfeld passiert ist. Und ich hadere mit den Menschen, mit dem Teil der Menschen, die selbstzufrieden dasitzen und finden: Ich lass mir doch meine Freiheit nicht nehmen. Wo kämen wir da hin? Ich entscheide selber und ich impfe mich nicht.

Nun bin ich durchaus ein grosser Verfechter von Freiheit, erachte sie als hohes – wenn nicht höchstes – Gut. Nur: Was bedeutet Freiheit eigentlich? Haben, die, welche da so selbstherrliche Sprüche von sich lassen, die sie dann mit wohlklingenden Argumenten untermalen, wirklich eine Ahnung davon? Es sieht nicht so aus. Im Gegenteil. Wenn man ihre Argumente hört, könnte man noch Schlimmeres vermuten: Nein, wir werden gewisse Dinge nicht einfach wegatmen. Und sie werden sich auch nicht in Luft auflösen, nur weil wir ihnen Liebe senden. Sie sind da und sie müssen bewältigt werden. Da sie alle betreffen, müssen wir das kollektiv angehen. Doch dazu sind diese Freiheitsanbeter nicht bereit. Sie vergessen dabei eines, um mit Kant zu sprechen:

„Die Freiheit des Einzelnen endet da, wo die Freiheit des Anderen beginnt.“

Und genau das ist das Problem. Weil einzelne auf stur schalten, sind andere mehr gefährdet. Weil einzelne sich darin gefallen, den kleinen Revoluzzer vom Sofa aus zu geben, werden mehr Leute infiziert. Weil einzelne ihre Kraft in eigene egoistische Prinzipien legen, geht die Solidarität flöten. Man ist nicht mehr bereit, für das Wohl Vieler sich selber zurückzunehmen und mitzuhelfen. Man ist nicht bereit, etwas auf sich zu nehmen, das wahrlich keine grosse Sache ist, um damit Teil einer grossen Aktion zu sein, von der ganz viele profitieren können. Und sogar überleben.

Nun ja, man könnte vielleicht eine Weile Geduld mit ihnen zeigen und die Augen zudrücken, sich sagen:

„Gut, so ein Pieks ist natürlich etwas ganz Schlimmes und Bubi hat Angst davor.“

Wenn die Konsequenz nur wäre, dass ein paar andere dafür einen Schnupfen hätten – so what. Aber: Wir sind in einer Situation, in welcher notwendige Operationen verschoben werden müssen, weil diese Ignoranten die Betten belegen. Die Herzliga schlägt Alarm, die Krebsliga schlägt Alarm, die Spitäler werden nicht müde, zu beteuern, dass sie am Limit und drüber sind. Das kümmert unseren Impfgegner nicht. Im Gegenteil. Er fährt noch ein neues Argument auf:

„Ich lasse mich von diesen diktatorischen Massnahmen nicht vereinnahmen, wir leben schliesslich in einer Demokratie.“

Und spätestens dann hat er mich völlig. Weil: Genau! Demokratie heisst, dass wir in einem Miteinander entscheiden. Jeder hat eine Stimme und die Mehrheit setzt ihre durch. Klar kamen gewisse Entscheide notwendigerweise nicht vom Plenum, aber trotz alledem stand die Mehrheit immer dahinter. Weil die Notwendigkeit offensichtlich und die Entscheide nötig waren. Der Umstand, dass keiner wirklich wissen kann und konnte, wo das alles hinführt, brachte viele Unsicherheiten und Unklarheiten mit sich. Und doch blieb unter dem Strich eine mehrheitliche Zustimmung aus einem Gefühl der Solidarität heraus bestehen. Das lässt mich hoffen. Ich unke oft, dass die Demokratie sich überlebt hat aufgrund der fehlenden Bereitschaft zum Dialog. In der Not scheint vieles noch zu funktionieren.

Doch dann… kommen ein paar Querulanten mit selbstgebastelten Ideologien und stellen sich in den Mittelpunkt. Und sie kriegen täglich die Präsenz in den landläufigen Medien, was sie befeuert und Unsicherheiten vermehrt. Sie plädieren für Freiheit und nehmen den anderen die ihre. Sie sprechen von Demokratie und sind selber die Terrorkrümel darin. Sie berufen sich auf Meinungsäusserungsfreiheit, verbieten aber nicht nur jedem anders Denkenden den Mund, sondern sprechen ihm auch die Fähigkeit, selber zu denken, ab. Nun ja, wenn man ihre Theorien anschaut, könnte man zu ihrer Verteidigung sagen, dass sie gar nicht wissen, was das ist. Zumindest nicht, was es heisst, es bis zum Ende zu tun.

Ich bin wütend. Und traurig. Und ich klage an. Ich klage die Egoisten an, die sich auf alle Rechte heutiger Gesellschaften und Staaten berufen, dann aber nicht bereit sind, selber etwas dafür zu tun. Ich klage an, dass Menschen sich so sehr in den Mittelpunkt stellen, dass sie das Leid und Leben vieler in Kauf nehmen. Ich klage an, dass wir solchen Menschen nicht von Gesetzes wegen auch Rechte nehmen können. Zum Beispiel das auf ein Spitalbett. Steht eine OP an, muss ein Ungeimpfter raus. Ich höre oft, das ginge nicht, da dann jede ungesunde Lebensweise so behandelt werden könnte. Das stimmt so nicht. Ein Ungeimpfter lebt nicht nur ungesund, er gefährdet aus einem Mangel an Solidarität andere Menschen, unser Gesundheitssystem und er tritt unsere demokratischen Werte mit Füssen. Wieso sollte er sich wünschen, dass ein System, das er selber so gegen die Wand fährt, ihn dann schützt?

Die Demokratie hat sich ausgelebt

In einem eher links orientierten (so stand es in den Medien) Cafe wurden zwei Politiker einer eher rechts ausgerichteten Partei attackiert von Linksextremen. Es ist nicht der erste Vorfall dieser Art. Anhänger einer Gesinnung gehen dahin und gehen mit Gewalt gegen die vor, welche anderer Meinung sind. Weil sie denken, sie seien im Recht mit ihrer Meinung und diese die einzig Wahre.

Das ist nicht demokratisch!

Demokratie beruht immer auf einem Konsens. Im weitesten Sinne. Um die grösstmögliche Schnittmenge der Meinungen zu erreichen bedarf es des Dialogs. Wir brauchen keine Arena-Diskussionen, in welchen alle möglichst den anderen mit Argumenten totschlagen wollen. SO funktionieren auch andere Podiumsdiskussionen. Es wird mehr gegen den Mann geschossen, als zu verstehen versucht, was er denkt und wieso. Es wird wenig nachgedacht und gemeinsam reflektiert, sondern schlicht nur die eigenen, für sich in Stein gemeisselten Argumente um sich geschossen. Oft mit süffisantem Unterton und ebensolchem abwertendem Grinsen im Gesicht.

Oft scheint es gar nicht so sehr um die Sache zu gehen und vielmehr darum, erstens sich selber, zweitens die eigene Partei ins Rampenlicht zu rücken. Sind es wirkliche Überzeugungen? Wenn es diese wären, könnte man sich doch ruhig die Argumente anderer anhören. Und sie sogar überdenken. Was hätte man zu verlieren? Aber nein. Man will sich bestätigt sehen. Koste es, was es wolle. Schliesslich macht der Karriere, der am lautesten propagiert und von den Meisten gehört wird.

Und ganz oft… ist all das nur ein Alibi, um das auszuleben, was tief drin brodelt. Gerade bei solchen Attacken. Da steckt wenig Überlegung dahinter, denn diese wäre so überlegt, nicht über die Tat zu Wort zu kommen. Das ist der eigene Frust am eigenen – oft wohl versauten – Leben, der Neid auf die, welche ihres nicht versaut haben, der dann in Ausbrüchen ihren Ausdruck findet. Und so lässt sich eine Demokratie schlicht nicht leben.

Schon Platon fand die Demokratie zum Scheitern verurteilt. Kant sah ein miteinander Entscheiden für eine friedliche Gemeinschaft dann als sinnvoll, wenn die Gruppe nicht zu gross ist. Doch irgendwann geht es schlicht nicht. Platon plädierte für einen Philosophenkönig. Einer, der ohne eigene Interessen das Gemeinwohl im Auge und die nötigen Schritte dazu im Blick hätte. Doch: Wo finden?

Demokratie ist eine wunderbare Sache. Nur funktioniert sie nur miteinander. Und zwar in einem Miteinander, in welchem alle mit allen sprechen. Ein Miteinander, in dem man nicht all die entfreundet auf Facebook, die nicht der gleichen Meinung sind, ein Miteinander, in welchem man den anders Denkenden keinen Wein über den Kopf giesst. Ein Miteinander, in dem man sich für den anderen, seine Meinung, seine Gefühle, die dazu geführt haben, interessiert.

Es wäre wunderbar, kämen wir wieder dahin. Dazu bräuchten wir aber eine entsprechende Bildung. Eine, die Kinder aufruft, zu sich und ihrer Meinung zu stehen, nicht irgendwelchen Dogmen zu folgen, die irgendwer mal aufgestellt hat. Eine, die Kinder dazu aufruft, auch anderen zuzuhören, aber immer im Wissen, dass auch ihnen zugehört wird. Eine Bildung, die Kinder autonom werden lässt, dabei auch auch immer den Wert des Dialogs aufzeigt. Indem eben nicht der Lehrer sagt, alle folgen. Aus solchen Schülern, die blind Lehrern folgen, werden Bürger, die blind Politikern folgen. Sie haben in der Schule gelernt: Folge ich nicht, bin ich auf der Abschussliste. Und da sollte ich tunlichst nicht hin.

Und so schwimmt jeder im gerade förderlichen Strom. Und wir lassen die Demokratie vor die Hunde gehen.

„Zeitungen, vereinigt euch…“

Immer mehr Schweizer Zeitungen fallen unter immer weniger Hände. Sprich: Immer mehr Zeitungen präsentieren die gleichen Inhalte. Geschrieben in denselben Redaktionen. Ein Thema, das ich gerade heute mit meinem Papa diskutierte, seines Zeichens eifriger Zeitungsleser und dazumal Mitarbeiter des Winterthurer Landboten. Lange ist’s her.

Wir haben heute eine Situation, in welcher xxx Zeitungen dieselben Inhalte teilen. Man kann sagen, die internationale Politik ist für alle die gleiche – ja, aber: Die Sicht kann unterschiedlich sein. Und es wäre wichtig und sinnvoll in einer Demokratie, dass verschiedene Sichtweisen portiert würden. Nur so sähe man unterschiedliche Perspektiven, aufgrund derer man dann eine Meinung bilden könnte. Das fällt mehr und mehr weg.

Man müsste sich hier fragen: Wozu sind Zeitungen da? Sie sollen informieren. Sie sollen zeigen, was in der Welt abgeht. Da jede Information geprägt ist von dem, der sie vermittelt, liest der Leser immer nur eine selektive Sichtweise. Das mag man anprangern und für journalistische Objektivität plädieren – die ist nie zu erreichen. Aus dem Grund ist es wichtig, dass da eine Pluralität herrscht, dass es verschiedene Medien mit unterschiedlichen Ausrichtungen gibt. Wer wirklich interessiert ist, kann so verschiedene Blickwinkel kennenlernen. Sie verinnerlichen. Eine Meinung bilden. Und demokratisch tätig werden.

Das hebeln wir aktuell aus. Wir monopolisieren Meinungen und Sichtweisen, unterstellen Informationen einzelnen Meinungsträgern und höhlen damit eigentlich den Journalismus aus. Die Stellen sind knapp, wer nicht genehm schreibt im Haus, dem wird gesagt:

Vielleicht wäre es Ihnen an einem anderen Ort wohler.

Wohl wissend, dass es andere Orte (bezahlte) kaum gibt. Entweder der Journalist passt sich an oder er wird brotloser Poet. Das kann sich nicht jeder leisten. Und Reim und Rhythmus sind auch eher bemühend.

Quo vadis?

Demokratie funktioniert nicht ohne Meinungspluralität und Diskurs. wenn man die einschränkt, unterhöhlt man das System. Was ist die Alternative? Was kommt? Es geht nicht um verlorene Arbeitsstellen, die sind traurig genug, es geht darum, dass hier eine Richtung eingenommen wurde, welche die Grundfesten unserer Verfassung tangiert. Ich bin zu pathetisch? Geht ja nur um ein paar Blättchen (die ich, ich gebe es zu, nicht mal lese)? Informationsbeschaffung ist aufwändig. Zeitungen wurden eingerichtet, das dem arbeitstätigen Bürger abzunehmen, dass er informiert ist und weiss, was im Land vor sich geht. Fallen nun immer mehr dieser Medien unter eine Hand, kriegt der Bürger keine Informationen mehr, sondern er wird ungefiltert mit den Ideen der Eigner der gelesenen Blätter bombardiert. Hiess es früher, dass man für eine umfassende Sicht verschiedene Zeitungen lesen soll, kann er heute 10 kaufen und es steht in allen dasselbe drin. Das, was der Eigentümer darin stehen haben will.

Dann sind wir eigentlich an dem Punkt angelangt, an dem man sagen könnte: Es lohnt nicht mehr, Zeitungen zu lesen. Man liest nicht mehr, was ist, man liest nur noch, was einer will, dass es gelesen wird.

In jüngerer Zeit gab es Vorstösse von alternativen Projekten. Sie wollten den Journalismus rehabilitieren, waren quasi das schwarze Schaf im Journalistenzirkus. Passend dazu mein Aphorismus von gestern HIER). Nur: Ausser grossen Worten kam da nichts. Sie setzten auf alte Namen, laute Stimmen und plakative Ansagen. Der Frust der Medienmüden spielte ihnen in die Hände, die Chose wurde finanziert durch Förderer. Nur: Da muss was kommen. Und sie unterlaufen die eigenen Maximen jetzt schon.

Woraus bilden wir unsere Meinungen? Zeitungen fallen weg. Immer weniger lesen sie – sie sind auch immer weniger lesenswert. Den Stammtisch gibt es nicht mehr, nicht in grösseren Orten. Auf Facebook und Konsorten umgibt man sich nur mit Seinesgleichen. Demokratie KANN so nicht funktionieren. Wo aber setzen wir an?

Hätte man mal bei Hitler…

Immer wieder lese oder höre ich in Diskussionen:

Hätte man mal unter Hitler… dann….

Man kann hier nun einsetzen, was man will, unterm Strich bleibt immer nur:

Das Argument „Hitler“ macht nicht das, was man sagt, stärker, sondern es relativiert, was unter Hitler passiert ist…

In Diskussionen geht es um konkrete Situationen mit konkreten Umständen. Sind beide schlimm, sucht man – weil wohl die Vergleiche und plakativen Argumente ausgehen – nach Worten… und findet immer nur: Hitler. Schlimmer geht nimmer und drum müsste DAS das totschlagende Argument sein. Und man klopft sich innerlich auf die Schulter, weil man es brachte. Das kann schliesslich keiner verneinen, das war schlimm.

  • Ja, es ist doof, wenn man heute wegschaut. Und es ist doof, wenn man nicht Stellung bezieht, wenn Unrecht geschieht.
  • Und es ist doof, wenn man Demonstrationen in Hamburg ausarten lässt, wenn man Politker machen lässt, wenn sie nicht so entscheiden oder handeln, wie man es möchte.
  • Es ist doof, wenn man nicht wählen geht.
  • Es ist doof, wenn man nicht hin steht und sagt: Was in der Türkei abgeht, ist gefährlich, und nicht hinschaut, was Donald Trump macht.
  • Es ist doof, wenn man Putin nicht hinterfragt und auch doof, wenn man von brennenden Flüchtlingsheimen einfach so liest und zur Tagesordnung übergeht. ABER:

Hitler hat damit nichts, aber auch GAR NICHTS zu tun. Weil:

Das Argument „Hitler“ macht nicht das, was man sagt, stärker, sondern es relativiert, was unter Hitler passiert ist…

Und das darf nicht sein!

Andere Meinung? Weg damit!

Ich lese immer wieder auf Facebook, dass Menschen aufräumen. Damit meinen sie nicht ihre Wohnung oder ihren Arbeitsplatz, nein, sie sprechen von den Freundschaftslisten. Sie räumen also Menschen auf – oder aus, eliminieren sie aus dem Blickfeld. Grad heute las ich noch den Endkommentar nach einer solchen Aktion: Nun ist es wieder sauber. Man hat also eine Säuberungsaktion durchgeführt. Alle die, welche nicht gleich denken, welche eine andere politische Meinung vertreten, wurden eliminiert.

Ich verstehe den Impuls. Man hat eine Überzeugung und steht dafür ein. Gerade wenn die andere Meinung einem grundsätzlich – und nicht nur ein bisschen – falsch vorkommt, kann es schwer sein, sich damit auseinanderzusetzen. Nur: Wo soll das hinführen? Demokratie lebt doch davon, dass verschiedene Meinungen diskutiert werden und man eine Lösung sucht, für welche die Mehrheit einstehen kann. Wenn jeder nur noch in seinem Kreis diskutiert, die anderen von Ferne aburteilt und ausschaltet, verkommen Diskussionen zum gegenseitigen Schulterklopfen und es findet kein Austausch mehr statt.

Die politische Stimmung der letzten Zeit hat in den meisten westlichen Ländern Unruhe heraufgebracht. Die Länder stimmen immer mehr rechtsgerichtet, die linken Kreise fühlen sich an die Vergangenheit erinnert und schlagen Alarm. Reden wollen sie nicht miteinander. Für die rechten Wähler sind die linken Idealisten, Gutmenschen und blauäugige Idioten, die linken schimpfen die rechten als Nazis, fremdenfeindlich und dumm. Alle, welche gewisse Parteien wählen, kippt man aus der Liste. Alle, welche Flüchtlinge willkommen heissen, beschimpft man und gibt ihnen Mitschuld an allem Bösen, was passiert auf der Welt, seien es Morde, Terroranschläge oder anderes Angsteinflössendes.

Es wird über Mauern diskutiert, welche um die Länder gebaut werden sollen, und man merkt nicht, dass man sie schon im Land selber errichtet hat. Ich befürchte, dass wir genau damit mehr anrichten als zum Guten wenden. Früher hatte man den Dorfplatz. Da wurde politisiert. Die Menschen trafen sich und diskutierten. Klar gab es auch damals unterschiedliche Meinungen und nicht jeder war dem anderen genehm – nicht als Mensch und nicht mit seiner Ausrichtung. Und doch schaute man sich in die Augen und diskutierte. Je kleiner der Ort, desto direkter die Auseinandersetzung – und auch die Notwendigkeit, eine Lösung zu finden, wie man gemeinsam weitermachen kann, denn gerade in kleinen Orten ist man voneinander abhängig – war es zumindest früher noch mehr als wohl heute.

Die Städte sind grösser worden, die Politik anonymer. Social Media setzt dem eine Stufe drauf. Dorfplätze werden kaum mehr genutzt, man tippt in die Tasten, schickt ab und löscht, was nicht passt. Menschen und Meinungen. Wir müssten wieder lernen, miteinander zu reden. Wir müssten lernen, miteinander zu streiten und gemeinsam Wege zu finden. Ja, nicht alle passen allen. Aber so lange wir uns nicht die Mühe machen, den anderen mit seiner Meinung zu verstehen, fehlt uns ganz viel in der Diskussion. Wir müssen nachher seine Meinung nicht teilen, aber wir kennen seine Gründe dafür. Und vielleicht ergibt sich aus den Gründen ein Weg. Vielleicht sieht man auch Verbindendes statt nur Trennendes.

Schlussendlich sitzen wir alle im selben Boot. Was passiert auf dieser Welt, betrifft uns alle. Und es kann uns mehr und mehr auch noch viel unmittelbarer treffen. Das macht Angst und mit Ängsten gehen Menschen unterschiedlich um. Wäre es da nicht besser, wir würden uns gemeinsam diesen Ängsten stellen, statt Mauern zu bauen und dann hinter der Mauer sitzend gegen die ausserhalb der eigenen Mauer zu schiessen? Ist das nicht genau das, was wir eigentlich nicht wollen?

Wie wir unsere Welt an die Wand fahren

Ich bin ja bei Facebook. Ab und an frage ich mich selber, wieso. Aber nun denn. Jüngst lese ich fast nur noch Stimmen gegen Trump. Ach was, es sind keine Stimmen, es sind ganze Chöre. Es sind Jammergesänge. Man könnte Nabucco neu vertonen. Es wäre gewaltig. Die Chöre entspringen dem Frust. Die Singenden kriegten nicht, was sie wollten. Nun jammern sie. Wozu? Hilft das was?

Kaum! Es sind schlicht Parolen, die nun plakativ ins Auditorium geworfen werden. Was soll das helfen? Und wem? Wo ist da IRGENDETWAS Konstruktives? Es ist schlichtes Jammern aufgrund gemachter Aussagen des Herrn Trump, die zwar dumm und doof und unter aller Sau waren, aber damit nur ein Spiegel des Wahlkampfes, der hier geführt wurde. Den hat er nicht alleine geführt. Und schon wieder wird man mich als Trump-Befürworter lesen. Meine erste Reaktion nach seiner Wahl war „holy shit“ – und ich bleibe dabei. Ihre [Clintons – Anmerkung der Redaktion] Wahl wäre aber nicht viel gewinnbringender gewesen. Ich sah ihn immer plastisch als Kandidaten (die Medien sahen das wohl anders und hatten nur Spott und Häme sowie vorgedruckte Siegesartikel für Clinton in der Hand). Der Mechanismus hat ihm in die Hände gespielt. Vielleicht sollte man sich mal echt hinterfragen, was man überhaupt tut?! Einfach einen Kandidaten als Nonsens abzutun, weil er so unter allem ist (aber genau die Ängste und Sorgen derer anspricht, die offensichtlich zur Urne gehen. Der Rest polemisiert ja offensichtlich lieber mit grossen Worten auf FB oder hinterher auf der Strasse), führt offensichtlich in die Irre. Wir können was draus lernen und vor allem begreifen, was Demokratie wirklich wäre: Einen Diskurs zu führen, der alle zu Wort kommen lässt und nicht von oben herab diktieren will, was nun gut und schlecht ist – oder wir werden noch ganz oft solchen Wahlen gegenüber stehen.

Es ist verdammt einfach, nun Trump den Schwarzen Peter zuzuschieben (und ich sage es nochmals: Ich mag ihn nicht, er ist nicht mein Wunschpräsident). Das führt uns einfach schlicht nirgends hin.

Aktuell ist die Demokratie mehr als gefährdet. Daran sind weder Trump noch die AfD schuld. Das ist dem Umstand geschuldet, dass wir das, was eine Demokratie ausmacht, verlernt haben: den offenen Diskurs. Früher ging man hin, sprach miteinander, zoffte auch. Man traf sich auf dem Markt, im Wirtshaus, man setzte sich auseinander. Heute sitzt jeder zuhause, liest sich in den sozialen Medien und bei Gratiszeitungen was an, schart die um sich, die gleicher Meinung sind, degradiert die anderen. Man ruft übers Netz zum Aufstand auf und es treffen sich Menschen, die sich nicht kennen, aber virtuell befeuern.

So fahren wir alle unsere Welt an die Wand. Dazu brauchen wir keinen Donald.

Parteiverbot in einer Demokratie?

In Deutschland entscheidet heute ein Gericht, ob die NPD weiterhin als Partei zugelassen ist oder ob man sie verbieten soll. Grundsätzlich ist die Parteifreiheit ein wesentliches Element einer freien demokratischen Grundordnung. Bedingung ist, dass sie in sich demokratisch organisiert ist. Der Staat darf – ebenso grundsätzlich – keine inhaltlichen Vorgaben oder Einschränkungen machen.

Die NPD positioniert sich sehr weit rechts aussen, ihr Gedankengut erinnert in vielen Punkten an düstere Zeiten der Geschichte. Reicht das, um einen Grundpfeiler einer liberalen Demokratie zu ignorieren?

Die Parteifreiheit wurde ursprünglich eingerichtet, um Vorkommnisse wie im Dritten Reich zu vermeiden. Nie mehr sollte vom Staat vorgegeben werden können, was Menschen zu denken haben. Nie mehr sollte der Staat das Monopol auf eine Meinung haben. Diese Freiheit soll nun beschnitten werden, um genau diese Vorkommnisse nicht nochmals zu ermöglichen.

Was im Zweiten Weltkrieg passiert ist, darf nie mehr passieren. Es ist richtig und wichtig, dass Staaten Verantwortung übernehmen, dass sie Stellung beziehen und klar zeigen: So nicht, nicht nochmals! Es ist Wichtig, Gesetze zu errichten, die Vorstösse, welche Leib und Leben von Menschen aufgrund einiger ihrer Eigenschaften bedrohen, sanktionieren. Rassismus, Diskriminierung, Volksverhetzung und Aufruf zu diesen Handlungen sollten streng geahndet werden.

Die Frage, die sich – philosophisch – trotzdem stellt: Darf man grundlegende Rechte einer Demokratie negieren? Heiligt der Zweck die Mittel? Schwächt man damit nicht die Demokratie und gibt den Entrechteten neue Argumente in die Hand? Sind die Aussagen und Parolen in einer regulären Partei gesammelt und ausgesprochen nicht besser fass- und behandelbar als nachher in geheimen Verbünden und unter Verschwörer-Deckmantel? Denn: Man wird doch nicht glauben, dass nach Auflösung der Partei die Gesinnung gestorben ist? Sie wird weiterleben und das mit noch mehr Wut im Bauch. Und: Wut ist immer gefährlich.

Demokratie und das Gejammere der Nation

Wir haben gewählt. Also ein Bruchteil von uns hat gewählt. Die Mehrheit dieses Bruchteils war der Meinung, dass die Schweiz dringend gen rechts wandern solle. SVP und FDP kriegten den Zuschlag, die netten Linken schauten in die Röhre (ok, nicht ganz, aber so ein bisschen). Da wir eine Demokratie sind, noch dazu eine direkte, war das der Wille des Volkes und damit alles klar. Könnte man denken.

Es geht erst richtig los. Nun heisst es nämlich: Das war niemals der Wille der Mehrheit. Die Schweiz will das nicht. Wir Schweizer wollen das nicht. Das geht gar nicht. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Gewisse Stimmen gehen so weit, die Demokratie in Frage zu stellen und von einer Diktatur der Mehrheit zu sprechen.

Nun: Eine Demokratie heisst, dass die Mehrheit gewinnt. In der Schweiz wird dieses Prinzip noch mit ein paar Zusatzbedingungen wie dem Ständemehr und anderem angereichert, aber grundsätzlich gilt das Prinzip. Da die Wahlbeteiligung nicht sehr hoch war, kann man schon sagen, dass dieses Wahlergebnis nicht die Mehrheit der Schweiz widerspiegelt. Aber es spiegelt die Mehrheit derer wider, die sich überhaupt die Mühe machten, das Recht zur Wahl wahrzunehmen. Die ganz grosse Mehrheit der Schweizer tat dies nämlich nicht. Die sass zu Hause, politisierte vielleicht am Familientisch, auf Facebook, Twitter oder am Stammtisch. An der Urne taten sie es nicht.

Leider helfen grosse Reden wenig, schon gar nicht, wenn es darum geht, Demokratie zu leben. Es gibt für dieses Wahlergebnis verschiedene Erklärungen:

  • Das Wahlresultat spiegelt wirklich die Mehrheitsmeinung wider. Zwar war die Wahlbeteiligung gering, allerdings würde diese Stichprobe durchaus reichen in der Feldforschung, um ein repräsentatives Ergebnis zu generieren.
  • Das Wahlresultat spiegelt nicht die Mehrheitsmeinung wider, sondern nur die Mehrheit derer, die wählen gingen. Die Frage stellt sich dann: Wieso gingen die anderen nicht wählen? Was hielt sie davon ab?

Im ersten Fall müsste man – sofern man die Demokratie weiterhin als gewünschte politische Form ansieht – das Resultat akzeptieren. Das heisst nicht, dass man es gut finden oder gar seine Meinung ändern und plötzlich SVP-Anhänger werden muss. Man kann sich überlegen, ob man etwas tun kann, konstruktiv, fundiert und mit einer Strategie. Einfach nur jammern hilft wenig.

Im zweiten Fall müsste man sich schlicht an der eigenen Nase fassen, zumindest dann, wenn man selber nicht an die Urne ging. Und wer nun Gründe aufführt, wieso er nicht gehen konnte, dem sei gesagt:

 Wer nicht will, findet Gründe, wer will, findet Wege.

Gratiszeitungen – ein unverschämter Anspruch?

Ein Blogartikel regte mich heute zum Nachdenken an: Soll Musik gratis herunterladen dürfen und ist es legitim, Artikel in Zeitungen gratis lesen zu wollen? In meinen Augen sind das zwei voneinander getrennt zu betrachtende Themen. Im Falle der Musik gehe ich einig, dass es keine zwingende Begründung für den Gratisgenuss gezielter Musikstücke gibt. Ich möchte diesen Teil der Frage nicht weiter behandeln, mich aber dem anderen zuwenden.

Ich denke, das Thema ist um einiges komplexer als es auf den ersten Blick scheint und es berührt einige Nebenthemen. Man kann argumentieren, dass Journalisten, welche Artikel zu aktuellen Themen (und anderem) schreiben, ein Anrecht auf eine agemessene Entlöhnung ihrer Arbeit haben. Das ist unbestritten und steht nicht zur Diskussion (auch wenn fragwürdig ist, ob das in allen Fällen wirklich realisiert ist und wie eine „angemessene Entlöhnung“ konkret aussehen würde). Fraglich könnte höchstens sein, wer dafür zu sorgen hat, dass dies passiert: Der Leser, die Zeitung, dritte Möglichkeiten.

Diese Artikel sind berherbergen Information über das Geschehen in der Welt, nah und fern. Sie helfen, Meinungen zu bilden und zu diskutieren. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass Bildung und Informationen in vielen Gebieten des Zusammenlebens und der (sozialen) Gerechtigkeit notwendige Grundlagen sind. Man hat herausgefunden, dass aktuelle Probleme (sozialer) Unegrechtigkeit mit einer breiten Informationsdichte und darauffolgendem öffentlichem Austausch behoben werden könnten (oder man zumindest in diese Richtung kommen könnte). Verschliesst man nun den nicht zahlungskräftigen Mitgliedern einer Gesellschaft den Zugang zu Informationen, schliesst man sie aus diesen Diskussionen aus. Der Kurzschluss, dass sie sowieso nichts Weiterbringendes zu sagen gehabt hätten, greift dabei zu kurz, da a) vorhandene Finanzmittel nichts über die Aussagekraft der Person aussagen und b) für eine wirkliche Gerechtigkeit die Sicht aller in der Gesellschaft interessant ist, da nur so auch die ganze Gesellschaft erreicht wird. Nun kann man sagen, dass eine privatwirtschaftliche Zeitung kein Interesse haben muss, umfassende Information zu gewährleisten und ein ökonomisches Unternehmen zuerst den eigenen Profit im Blick haben muss. Nur fragt man sich dann, wozu es eigenltich Zeitschriften gibt, wenn nicht dazu, eben Informationen zu bringen.

Man weiss (wissenschaftlich belegt), dass in Ländern mit freien Medien und gelebter Meinungsfreiheit Ausnahmezustände wie Hungersnöte, Unterdrückung und ähnliches weniger vorkommt und schneller beseitigt wird als in diktatorischen Ländern. Es gibt kein wirklich demokratisches Land (Demokratie hier weiter verstanden als blosser Blick auf Institutionen, Wahl und Abstimmung, sondern als öffentlicher Vernunftgebrauch – und austausch) Hungersnöte hat. Schaut man zum Beispiel auf die Hungersnot in Indien 1943, welcher zwischen 3-5 Mio. Menschen zum Opfer fiel, so sieht man, dass Indien dieses Problem selber beheben konnte. Zuerst waren nur die Oberen in Indien damit beschäfitgt, unrealistische Zahlen hin und her zuschieben über den Umfang der wöchentlichen Opfer. EIn Leitartikel von „The Statesman“ (Zeitung für Kalkutta) klagte diesen Missstand an und lenkte den Blick auf die Fehlverteilung der Nahrungsmittel, welche Grund für diese Not waren (nicht etwa Mangel an Nahrungsmitteln). Leider war es der inländischen Zeitung nicht möglich, wirklich laut zu werden, so dass keiner reagierte. Erst als ein Chefredaktor sich wagte, wirklich scharfe Artikel zu schreiben mit graphischen Darstellungen, kam Bewegung in die Regierungskreise British-Indiens und Hilsmassnahmen wurden ins Leben gerufen. Im Dezember endete die Hungersnot.*

Nun droht in der Schweiz keine Hungersnot, aber in anderen Ländern schon. Die globale Verantwortung und die Pflicht, zu helfen, sind das eine. Das andere sind die Probleme, die auch die Schweiz selber betreffen und die man in einer Demokratie nur lösen kann (oder es zumindest versuchen), wenn man breit darüber diskutieren kann, worum es geht, welche Gesichtspunkte betrachtet werden müssen und aufgrund dessen eine Deliberation stattfinden kann, welche zu einem durchsetzungsfähigken Resultat zur Verbesserung der Umstände führt. Ist der Zugang zu Informationen eingeschränkt, sogar stark eingeschränkt, werden immer mehr Menschen aus diesem Deliberationsprozess ausgeschlossen. Das Argument, wenn ihnen wirklich daran gelegen wäre, sich zu informieren, würden sie einen Weg finden, greift dabei nur schwach, da es nicht nur in ihrem Interesse ist, das zu tun, sondern eigenltich im Interesse aller sein sollte im Hinblick auf die Notwendigkeit umfassender Information.

So gesehen kann ganz klar immer noch gesagt werden, dass jede Zeitung ihre Artikel teuer verkaufen darf, weil dahinter viel Arbeit steckt. Wenn aber Informationsjournalismus zum Statusobjekt der Schönen und Reichen verkommt, erfüllt er nicht mehr, was er eigentlich soll, sondern verkommt zum Selbstzweck der Selbstdarstellung mit zwar informativem Inhalt, welcher aber nicht mehr das Ziel erfüllt, dem das Ganze eigentlich geschuldet ist. Es wäre im Sinne aller, dass der Zugang zu Informationen über das Geschehen in dieser Welt allen zugänglich ist. Wie man das ermöglichen will, steht auf einer anderen Karte. Es gäbe bestimmt verschiedene Möglichkeiten, die machbar wären und bei welchen immer noch alle auf ihre Rechnung kämen.

*Siehe dazu Amartya Sen, Die Idee der Gerechtigkeit

Peter Sloterdijk: Stress und Freiheit

Eine Zivilisation wie die unsere, die auf der Integration individualistischer Populationen in riesenhaften politischen Grosskörpern beruht, ist eine real existierende Höchstunwahrscheinlichkeit.

Dieser Satz ist in sich schwierig, da etwas als Unwahrscheinlichkeit bezeichnet wird (noch als eine höchste), was real ist. Das ist zwar grundsätzlich möglich, da unwahrscheinlich nicht ganz undenkbar ist, trotzdem stellt sich die Frage, wieso es diesen Satz wirklich braucht, was er streng genommen besagen will. Es soll wohl eine sehr plakative Heraushebung der Schwierigkeit des Status quo unserer politischen Realität sein. Die Frage ist, inwieweit Populationen wirklich individualistisch sind und was genau damit gemeint ist.

Sloterdijk geht weiter, die Stabilität von grossen Gebilden als nicht garantiert zu bezeichnen. Stabilität ist nie garantiert, keine Staatsform hat eine Garantie auf Dauer. Dessen ungeachtet fährt der Autor fort, dass die Gesellschaft ob dieser instabilen Situation in einen Selbsterhaltungsstress gerate, der sie zu ungewöhnlichen Leistungen anhalte. Das Kollektiv befinde sich in einem Unruhe-Tonus, der wiederum als Kitt des Kollektivs fungiere. Damit ist Peter Sloterdijk bei seiner Kernthese angelangt:

Die heutige Gesellschaft ist eine Sorgen- und Erregungsgemeinschaft. Dieser Umstand halte die Gesellschaft auch zusammen, die synchrone Erregung sei ein „Äther der Gemeinsamkeit“ und sorge somit für sozialen Zusammenhalt.  Der benötigte Stressfaktor, welcher für den Zusammenhalt ausreiche, wachse mit zunehmender Grösse des Kollektivs.

Nach einem Exkurs in den römischen Gründungsmythos bei Livius, bei welchem die republikanische Freiheit aus einer kollektiven Empörung resultiert, welche aus einzelnen Bürgern eine verbundene Stressgruppe werden lässt, und einem Blick nach Griechenland und der Freiheitssuche vor Tyrannei in der Besinnung auf die eigenen Traditionen,  werden auch diese Wege in die Freiheit als illusionär abgestempelt.

Ein weiterer Weg in die Freiheit findet sich aber bei Rousseau: die Träumerei und damit die Loslösung von Leistung und Gesellschaft.

Das Existenzgefühl als solches, von allen anderen Affekten entkleidet, ist durch sich selbst ein wertvolles Empfinden von Frieden und Zufriedenheit.

Beschrieben hat Rousseau das in seinem Fünften Spaziergang der Träumereien. Sloterdijk beklagt nur, dass er in der Folge nicht seine Idee des volonté générale revidiert hat, welcher – so Sloterdijk – Wurzel für den jakobinischen Terror, die Taten der Roten Khmer sowie Gaddafis libyschen Sozialismus war.

Die von Rousseau beschriebene Loslösung findet sich auch in östlichen Philosophien, im Westen zudem bei Schopenhauer, Sartre und Becket. Durch diese Freiheit soll man der Unfreiheit entgehen, die durch die politische Unterdrückung einerseits und durch die Realität andererseits, bedroht ist. Da diese Loslösung aber einer Auflösung der Gemeinschaft gleich käme, gilt es, so die Meinung Sloterdijks, das Subjekt der Träumerei immer wieder in die Realität zurückzuholen und es mit objektiven Sorgen in die Stressgemeinschaft zu integrieren.

Wer von der Freiheit etwas erfahren hat, weiss, dass es weiterhin darum geht, die beiden Tyranneien zurückzudrängen: diejenige, die das Gesicht eines Despoten trägt, und die anonyme, die sich als jeweils herrschende Form des Notwendigen aufzwingen möchte. Wir müssen uns mit der Tatsache abfinden, dass uns die Wirklichkeit zumeist als ein umfassendes Stress-Konstrukt umgibt.

Der Text gibt eine Rede aus dem Jahre 2011 wieder, welche im Rahmen der Berliner Reden zur Freiheit gehalten wurde. Als Rede mag sie gut sein, studiert man über das einzelne gesagte nicht so lange nach, weil schon das nächste kommt.  Klingen tut sie sehr belesen, eloquent, es fallen griffige Begriffe wie Nachhaltigkeit, Krise, Unfreiheit, Tyrannei, Stress und Freiheit. Für jeden etwas dabei, man kennt die Begriffe von überall, sie sind in aller Munde. Das macht sie nicht wahrer und erlaubt auch keine willkürliche Zusammensetzung.  Dass Stress verbindet und als (einziger) Kitt eines gesellschaftlichen Kollektivs fungiert, welches zerbräche, würden sich die Individuen auf sich besinnen, ist eine Hypothese, die nirgends begründet wird. Zwar kann man sich ein Wir-Gefühl aufgrund verbindenden Leids denken, dieses aber als ausreichend für ein Staatsgebilde zu sehen, welches ohne diesen Kollektivstress zerbräche, ist insofern fragwürdig, als man weiss, dass gerade in wirklichen Stresssituationen wie Wirtschaftseinbrüchen, Kriegsgefahren, drängender Armut und Unterdrückung durch herrschende Tyrannen die Unzufriedenheit wächst und Revolutionen drohen.

Fazit:

Das dünne Büchlein zeigt sich eloquent, kreativ argumentierend. Es greift die Schlagwörter der Gegenwart auf und mischt sie neu zusammen. Was fehlt ist eine fundierte Analyse und die Begründung von Behauptungen, die so haltlos im Raum stehen und damit eher unglaubwürdig erscheinen. Kurzweilig zu lesende Gedankenspielerei, der die philosophische Tiefe fehlt.

(Peter Sloterdijk: Stress und Freiheit, Sonderdruck edition suhrkamp, Suhrkamp Verlag, Berlin 2011.)

BildAngaben zum Buch:

Taschenbuch: 61 Seiten

Verlag: Suhrkamp Verlag (2011)

Preis: EUR: 8.00