Andere Meinung? Weg damit!

Ich lese immer wieder auf Facebook, dass Menschen aufräumen. Damit meinen sie nicht ihre Wohnung oder ihren Arbeitsplatz, nein, sie sprechen von den Freundschaftslisten. Sie räumen also Menschen auf – oder aus, eliminieren sie aus dem Blickfeld. Grad heute las ich noch den Endkommentar nach einer solchen Aktion: Nun ist es wieder sauber. Man hat also eine Säuberungsaktion durchgeführt. Alle die, welche nicht gleich denken, welche eine andere politische Meinung vertreten, wurden eliminiert.

Ich verstehe den Impuls. Man hat eine Überzeugung und steht dafür ein. Gerade wenn die andere Meinung einem grundsätzlich – und nicht nur ein bisschen – falsch vorkommt, kann es schwer sein, sich damit auseinanderzusetzen. Nur: Wo soll das hinführen? Demokratie lebt doch davon, dass verschiedene Meinungen diskutiert werden und man eine Lösung sucht, für welche die Mehrheit einstehen kann. Wenn jeder nur noch in seinem Kreis diskutiert, die anderen von Ferne aburteilt und ausschaltet, verkommen Diskussionen zum gegenseitigen Schulterklopfen und es findet kein Austausch mehr statt.

Die politische Stimmung der letzten Zeit hat in den meisten westlichen Ländern Unruhe heraufgebracht. Die Länder stimmen immer mehr rechtsgerichtet, die linken Kreise fühlen sich an die Vergangenheit erinnert und schlagen Alarm. Reden wollen sie nicht miteinander. Für die rechten Wähler sind die linken Idealisten, Gutmenschen und blauäugige Idioten, die linken schimpfen die rechten als Nazis, fremdenfeindlich und dumm. Alle, welche gewisse Parteien wählen, kippt man aus der Liste. Alle, welche Flüchtlinge willkommen heissen, beschimpft man und gibt ihnen Mitschuld an allem Bösen, was passiert auf der Welt, seien es Morde, Terroranschläge oder anderes Angsteinflössendes.

Es wird über Mauern diskutiert, welche um die Länder gebaut werden sollen, und man merkt nicht, dass man sie schon im Land selber errichtet hat. Ich befürchte, dass wir genau damit mehr anrichten als zum Guten wenden. Früher hatte man den Dorfplatz. Da wurde politisiert. Die Menschen trafen sich und diskutierten. Klar gab es auch damals unterschiedliche Meinungen und nicht jeder war dem anderen genehm – nicht als Mensch und nicht mit seiner Ausrichtung. Und doch schaute man sich in die Augen und diskutierte. Je kleiner der Ort, desto direkter die Auseinandersetzung – und auch die Notwendigkeit, eine Lösung zu finden, wie man gemeinsam weitermachen kann, denn gerade in kleinen Orten ist man voneinander abhängig – war es zumindest früher noch mehr als wohl heute.

Die Städte sind grösser worden, die Politik anonymer. Social Media setzt dem eine Stufe drauf. Dorfplätze werden kaum mehr genutzt, man tippt in die Tasten, schickt ab und löscht, was nicht passt. Menschen und Meinungen. Wir müssten wieder lernen, miteinander zu reden. Wir müssten lernen, miteinander zu streiten und gemeinsam Wege zu finden. Ja, nicht alle passen allen. Aber so lange wir uns nicht die Mühe machen, den anderen mit seiner Meinung zu verstehen, fehlt uns ganz viel in der Diskussion. Wir müssen nachher seine Meinung nicht teilen, aber wir kennen seine Gründe dafür. Und vielleicht ergibt sich aus den Gründen ein Weg. Vielleicht sieht man auch Verbindendes statt nur Trennendes.

Schlussendlich sitzen wir alle im selben Boot. Was passiert auf dieser Welt, betrifft uns alle. Und es kann uns mehr und mehr auch noch viel unmittelbarer treffen. Das macht Angst und mit Ängsten gehen Menschen unterschiedlich um. Wäre es da nicht besser, wir würden uns gemeinsam diesen Ängsten stellen, statt Mauern zu bauen und dann hinter der Mauer sitzend gegen die ausserhalb der eigenen Mauer zu schiessen? Ist das nicht genau das, was wir eigentlich nicht wollen?

6 Gedanken zu “Andere Meinung? Weg damit!

  1. Danke für den Text zum Nachdenken.
    Also wir haben auch schon vor Facebook & Co. unseren Freundeskreis radikal ausgedünnt, wenn wieder irgend welche „dich meine ich natürlich nicht, aaaaaaaaber sonst alle Jugos blablabla“-Sprüche kamen (mein Mann wurde in Kroatien geboren).
    Du hast recht, Diskussionen zwischen verschiedenen Meinungen sind wichtig. Aber nicht immer und nicht jederzeit.
    Ich möchte nicht meine Freizeit mit Menschen verbringen, die andere Menschen, die mir nahestehen, beleidigen. Ich möchte nicht meine Freizeit mit Menschen verbringen, die mir aufgrund ihrer Haltung, aufgrund dessen, was sie sagen und aufgrund dessen, wie sie handeln, unsympathisch sind. Diese Menschen möchte ich weder an meinem Küchentisch noch in meiner Wohnstube. Genau deshalb werfe ich sie auch aus einem Facebook. Denn dort verbringe ich viel Zeit – Zeit, die ich mit Menschen verbringen möchte, die mir sympathisch sind (und nicht in der Nähe wohnen).
    Lädst Du selber Menschen zu Dir nachhause ein, die Dir unsympathisch sind?

    Gefällt 3 Personen

    • Ich verstehe den Ansatz gut und denke mir das auch oft. Ja, auch mir ist es oft zu doof, mit jedem zu diskutieren, vor allem, wenn keine Diskussionskultur da ist, sondern nur Behaupten, Besserwisserei und Abwertung. Das muss ich nicht haben.

      Solchen Stil gibt es sicher auch Aug in Auge, aber ich denke, die Anonymität im Netz hat den Tonfall und die Respektlosigkeit anwachsen lassen in Diskussionen. Man wirft einfach mal was los, man sieht ja nicht, wie es trifft, drum kümmert es weniger – so kommt es mir vor.

      Beleidigen mag ich nicht – weder mich noch andere. Das meine ich aber auch mit Diskussionskultur. Und nein, die will ich weder im Umfeld noch im Wohnzimmer.

      Ich habe Mühe damit, Menschen zu löschen. Ich habe mich auch schon oft gefragt, wieso das so ist. Irgendwie kommt es mir so radikal vor. Ich habe aber lernen müssen, dass mir nicht alles und jeder gut tut und ich mir nicht alles antun muss. Ich warne vor, wenn ich einen Stil nicht mag. Wenn ich mich mehrfach ärgere, dann lösche ich. Allerdings kündige ich das nicht als grosse Säuberungsaktion an. Es ist eher eine Reaktion, wenn ich merke, es passt einfach nicht. Problematisch ist halt, wenn man einerseits politisch diskutiert, andererseits aber nur den eigenen Kreis gelten lässt, andere ignoriert oder gar verdammt, ohne sie wenigstens anzuhören und verstehen zu wollen (was nicht heisst, mit ihnen einer Meinung zu sein). Vermutlich ist FB da nicht immer die richtige Plattform – nur: Wo tun wir es sonst?

      So oder so: Es ist wichtig, seine Freizeit so zu verbringen, dass man Kraft daraus schöpfen kann. Ansonsten wird es wohl auch schlicht eng fürs eigene Wohlbefinden, die eigene Gesundheit.

      Gefällt 2 Personen

      • Ich denke, was Diskussionen im Netz betrifft gilt halt wirklich ein dickes, fettes „Es kommt drauf an“: Mit wem man diskutiert und auch, in welchem Kontext und wo (ist es auf der FB-Page einer Zeitung mit einem Unbekannten oder auf der eigenen Wall mit einem langjährigen Freund?) Ist grundsätzlich Respekt voreinander als Person da oder nicht? Hört mir das Gegenüber zu, lässt es sich auf meine Gedanken ein und äussert es Gedanken, auf die es sich lohnt, sich gedanklich einzulassen oder plappert es nur etwas nach, das es irgendwo im Netz gelesen hat?
        Um zu diskutieren, erwarte ich beispielsweise ein Minimum an Fakten. Mit Hirngespinsten und Verschwörungstheorien beispielsweise mag ich nicht meine Zeit vertublen.

        Gefällt 1 Person

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