Ben Ansell: Warum Politik so oft versagt

Und warum das besser wird, wenn wir unseren Egoismus überwinden

«Damit die Demokratie funktioniert, müssen wir lernen, uns auseinanderzusetzen und miteinander zu diskutieren, damit wir herausfinden, wo wir übereinstimmen, und sicherstellen, dass die Verlierer nicht zu ewigen Verlierern werden.»

Ben Ansells „Warum Politik so oft versagt“ ist ein Buch, das einen zentralen Irrtum moderner politischer Erwartungen freilegt: dass Politik vor allem an mangelndem Willen, falschen Akteuren oder schlechter Umsetzung scheitert. Ansell widerspricht dieser Intuition entschieden. Sein Argument ist radikaler und vor allem unbequemer: Politik scheitert oft gerade dort, wo sie rational, legitim und im Interesse vieler handelt. Das Scheitern liegt nicht am Rand, sondern im Kern politischer Ordnungen selbst.

Ausgehend von fünf grundlegenden Politikfeldern – Demokratie, Gleichheit, Solidarität, Sicherheit und Wohlstand – entfaltet Ansell eine systematische Analyse politischer Dilemmata. Diese sind nicht zufällig, sondern strukturell angelegt. In jedem dieser Bereiche stehen legitime Ziele in einem Spannungsverhältnis, das sich nicht einfach auflösen lässt. Demokratie etwa verspricht kollektive Selbstbestimmung, kennt aber keinen einheitlichen „Volkswillen“. Gleichheit ist politisch gewollt, kollidiert jedoch mit individuellen Freiheitsrechten und ökonomischen Anreizen. Solidarität setzt Vertrauen und Nähe voraus, stößt aber in anonymen, pluralen Gesellschaften an Grenzen. Sicherheit verlangt Kontrolle, die wiederum Freiheit einschränkt. Und Wohlstand schließlich basiert auf Kooperation – scheitert aber regelmäßig am kurzfristigen Eigeninteresse der Beteiligten.

Was Ansell hier leistet, ist im Kern eine politökonomische Entzauberung. In der Tradition rationaler Entscheidungstheorie zeigt er, wie individuelles, nutzenorientiertes Verhalten kollektive Ergebnisse hervorbringt, die niemand eigentlich will. Das klassische Gefangenendilemma wird dabei zur Grundfigur des Politischen: Kooperation wäre für alle besser, ist aber für den Einzelnen riskant. Diese Logik durchzieht seine Analyse – vom Klimawandel über Steuerpolitik bis hin zur internationalen Sicherheit.

«Sämtliche Fallen wurden durch den Konflikt zwischen individuellen Interessen und unseren kollektiven Zielen ausgelöst.»

Besonders überzeugend ist dabei die Diagnose der Demokratie. Ansell macht deutlich, dass demokratische Systeme nicht daran scheitern, dass Menschen „falsch“ wählen, sondern dass kollektive Präferenzen grundsätzlich schwer aggregierbar sind. Der Brexit dient hier als paradigmatisches Beispiel: eine klare Entscheidung ohne klare Vorstellung ihrer Konsequenzen. Demokratie produziert Entscheidungen, aber nicht notwendig kohärente oder langfristig tragfähige Lösungen. Dass sie dennoch stabil bleiben kann, erklärt Ansell mit der moderierenden Wirkung politischer Mittepositionen – eine Stabilität, die jedoch angesichts zunehmender Polarisierung brüchig wird.

Auch im Bereich der Ungleichheit zeigt sich diese strukturelle Perspektive. Obwohl ökonomische Ungleichheit wächst und Mehrheiten theoretisch Umverteilung unterstützen könnten, verhindern institutionelle Rahmenbedingungen und individuelle Anreizstrukturen entsprechende politische Maßnahmen. Rechtliche Gleichheit schützt Eigentum – und damit auch Ungleichheit. Versuche der Korrektur stoßen auf reale (Kapitalflucht) wie imaginierte (Angst um das Eigenheim) Widerstände. Politik erscheint hier weniger als Instrument der Gerechtigkeit denn als Austragungsort widersprüchlicher Interessenlagen.

Stärken des Buches liegen zweifellos in seiner Klarheit und Systematik. Ansell gelingt es, komplexe theoretische Zusammenhänge verständlich darzustellen, ohne sie zu simplifizieren. Die Verbindung von historischer Anekdote, empirischem Beispiel und theoretischer Reflexion verleiht dem Buch eine narrative Dynamik, die über eine rein akademische Abhandlung hinausgeht. Zugleich bleibt seine Analyse nüchtern: Es gibt keine einfachen Lösungen, keine politischen Heilsversprechen.

Gerade darin liegt jedoch auch eine gewisse Schwäche. Ansells Perspektive ist stark von einem rational-choice geprägten Menschenbild bestimmt. Politik erscheint primär als Aggregation individueller Interessen, weniger als Raum von Sinn, Urteilskraft oder gemeinsamer Weltgestaltung. Fragen nach politischer Bildung, nach öffentlicher Deliberation im emphatischen Sinn oder nach der Fähigkeit, über Eigeninteressen hinaus zu urteilen, bleiben unterbelichtet. Seine vorgeschlagenen Auswege – Bürgerräte, institutionelle Reformen, internationale Kooperation – sind plausibel, bleiben aber im Rahmen eben jener Logiken, deren Grenzen er zuvor aufgezeigt hat.

So hinterlässt das Buch einen ambivalenten Eindruck: Es klärt auf, ohne zu erlösen. Es schärft den Blick für die strukturellen Bedingungen politischen Handelns, nimmt aber zugleich die Hoffnung auf einfache Verbesserbarkeit. Genau darin liegt seine eigentliche Stärke. Ansell zwingt dazu, Politik nicht moralisch zu überfordern. Wer von ihr erwartet, klare, widerspruchsfreie Lösungen für komplexe gesellschaftliche Probleme zu liefern, wird zwangsläufig enttäuscht.

«Nur wenn wir lernen, die eigene Meinung überzeugend zu formulieren und andere zu tolerieren, werden wir jemals in der Lage sein, Konsens zu erreichen.»

„Warum Politik so oft versagt“ ist damit kein Buch der politischen Resignation, sondern eines der realistischen Nüchternheit. Es zeigt, dass politisches Scheitern kein Betriebsunfall ist, sondern Ausdruck der Bedingungen, unter denen Politik überhaupt stattfindet. Wer das versteht, wird vorsichtiger urteilen – und vielleicht gerade deshalb politisch klüger handeln.

Demokratie lernt man nicht – man übt sie

Demokratie gilt gemeinhin als jene politische Ordnung, die dem Menschen am ehesten entspricht: Sie ermöglicht Freiheit, fordert Verantwortung ein und eröffnet Räume, in denen Menschen als Handelnde wirksam werden können. In ihr ist der Mensch nicht Objekt von Herrschaft, sondern Subjekt gemeinsamen Gestaltens. Und doch zeigt sich – historisch wie gegenwärtig –, dass Demokratie keineswegs ein natürlicher Zustand ist, der sich von selbst einstellt, sobald äußere Zwänge fallen. Im Gegenteil: Sie ist eine anspruchsvolle Praxis. Eine Zumutung.

Diese Zumutung liegt darin, dass Demokratie mehr verlangt als bloße Zustimmung zu einem Prinzip. Der Mensch ist ein Wesen mit Bedürfnissen und sozialen Prägungen. Ihnen folgt er instinktiv. Nicht selten resultieren daraus auch Anpassung und Gehorsam, weil dies von Kind an konditioniert ist. Eine Demokratie aber verlangt Urteilskraft, die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel, die Bereitschaft, Differenz auszuhalten, und nicht zuletzt die Disziplin, eigene Interessen im Lichte eines Gemeinwohls zu reflektieren. All dies ist dem Menschen nicht nur nicht einfach gegeben, es widerspricht oft dem spontanen Verhalten. Die Forderungen der Demokratie, Selbstständigkeit im Denken und Mitverantwortung im Handeln, sind Fähigkeiten, die erlernt werden müssen.

Augenscheinlich wird das bei Gesellschaften nach Transitions to democracy, dem Übergang von autoritären zu demokratischen Systemen. Wo Menschen über lange Zeit daran gewöhnt waren, dass Entscheidungen für sie getroffen wurden, entsteht mit der neu gewonnenen Freiheit nicht selten eine Überforderung. Die Erwartung, sich selbst ein Urteil bilden zu müssen, Verantwortung zu übernehmen und sich aktiv einzubringen, trifft auf mangelnde Erfahrung. Freiheit wird dann nicht als Möglichkeit, sondern als Last erfahren, ein Phänomen, das bereits Erich Fromm in seiner Analyse der „Furcht vor der Freiheit“ beschrieben hat. In dieser Situation erscheint die Rückkehr zu klaren Hierarchien und autoritativer Führung für viele verlockend.

Dieser Befund betrifft nicht nur junge Demokratien. Auch etablierte demokratische Gesellschaften sind keineswegs immun gegen Gefühle der Überforderung und der Sehnsucht nach einfacher Klarheit (auch durch Führung). Der entscheidende Unterschied liegt oft nur darin, dass die mangelnde demokratische Praxis weniger bewusst oder sichtbar ist. Man verlässt sich darauf, dass Institutionen funktionieren, dass Verfahren greifen und „das System“ trägt. Demokratie wird zur Selbstverständlichkeit erklärt, als Selbstläufer gedacht und gerade dadurch verlernt.

Demokratisches Handeln entsteht dort, wo Menschen sich als wirksam erleben, wo sie Entscheidungen treffen, deren Konsequenzen sie tragen. Demokratisches Handeln bedeutet immer auch, Konflikte auszutragen, ohne dass eine übergeordnete Instanz diese sofort auflöst. Es gibt keine einfachen Lösungen, sondern nur bessere oder schlechtere Gründe. In diesem Sinne ist Demokratie weniger ein System als eine Praxisform, eine Weise, in der Welt zu sein und mit anderen zu handeln. Das entspricht auch der Definition Hannah Arendts, für die Politik wesentlich im gemeinsamen Handeln und Sprechen unter Gleichen besteht.

In Anbetracht dessen, dass Menschen mit dem Eintreten in die gesetzliche Mündigkeit auch in der Pflicht stehen, demokratisch zu agieren, liegt es auf der Hand, dass der Lernprozess schon im Kindesalter anfangen müsste. Da wäre das Bildungswesen gefragt.

Schule versteht sich bis heute überwiegend als Ort der Wissensvermittlung, nicht als Raum politischer Praxis. Demokratie erscheint im Lehrplan maximal neben anderen Fächern als Gegenstand, als etwas, das definiert, erklärt und bei einer Prüfung abgefragt werden kann. Dadurch ist ausser vielleicht einer guten Note nichts gewonnen, denn es bleibt beim theoretischen Wissen. Was fehlt, ist die Erfahrung von Demokratie als gelebter Form des Zusammenhandelns. Dabei wäre gerade die Schule ein Ort, an dem diese Fähigkeiten praktisch erprobt werden können.

Folgt man Aristoteles, sollte Bildung das Ziel haben, Schüler zu vernünftigen und tugendhaften (im ethischen, politischen und im Sinne der lebensnotwendigen und dem Zusammenleben dienlichen Fähigkeiten) wachsen zu lassen. Es sollte also nicht nur darum gehen, Wissen zu vermitteln, sondern Haltung und Charakter auszubilden. Davon sind wir weit entfernt. Wer über Jahre hinweg in einem System lernt, das auf Instruktion, Kontrolle und Bewertung durch Autorität basiert, internalisiert genau diese Logik: Es gibt eine richtige Antwort, die von oben kommt; es gilt, Erwartungen zu erfüllen, eigenes Denken ist sekundär gegenüber Anpassung an diese. Ein solcher Erfahrungsraum steht im Widerspruch zu dem, was Demokratie verlangt. Wenn man diesen Gedanken ernst nimmt, muss Schule anders gedacht werden.

Ein demokratisches Bildungssystem würde nicht primär auf Frontalunterricht setzen, sondern Kindern zutrauen, selbstorganisiert zu lernen. Lernen beschränkte sich so nicht auf die Rezeption vorgegebener Inhalte, sondern wäre ein Prozess des Erkundens, Fragens und Aushandelns. Die Lehrperson wäre nicht primär Wissensvermittlerin, sondern Begleiterin eines Prozesses, in dem Schülerinnen und Schüler eigenständig Themen erschließen, Entscheidungen treffen und Verantwortung übernehmen.

Das bedeutet nicht Beliebigkeit. Im Gegenteil: Selbstorganisiertes Lernen stellt hohe Anforderungen: Es verlangt Struktur, Reflexion und die Fähigkeit, sich selbst zu führen. Dabei sind die Kinder nicht allein, sondern werden begleitet, wo und wie sie es brauchen. Wer so gelernt hat, sich Wissen anzueignen, Positionen zu begründen und mit anderen Lösungen zu entwickeln, wird das auch später als Bürgerin oder Bürger tun. Genau diese Fähigkeiten sind es, die in einer Demokratie zentral sind.

Unterricht so gedacht eröffnet Erfahrungsräume, in denen zentrale demokratische Kompetenzen eingeübt werden:
– das Formulieren und Begründen eigener Positionen,
– das Zuhören und Verstehen anderer Perspektiven,
– das Aushandeln gemeinsamer Lösungen,
– das Tragen von Verantwortung für Entscheidungen.

Diese Kompetenzen entstehen nicht durch Belehrung, sondern durch Praxis.

Die Absage an den Frontalunterricht ist daher keine didaktische Mode, sondern eine politische Notwendigkeit. Ein Bildungssystem, das auf einseitige Wissensvermittlung setzt, produziert tendenziell Menschen, die auf Anleitung warten. Ein Bildungssystem hingegen, das auf Selbsttätigkeit und Mitgestaltung setzt, fördert Menschen, die sich als Teil eines gemeinsamen politischen Raums verstehen.

Demokratie beginnt nicht an der Wahlurne. Sie beginnt im Klassenzimmer. Wenn wir wollen, dass Menschen die Zumutung der Freiheit annehmen, dass sie bereit sind, Verantwortung zu tragen, Unsicherheit auszuhalten und sich aktiv in das Gemeinwesen einzubringen, dann müssen wir ihnen frühzeitig die Möglichkeit geben, genau dies praktisch zu üben, immer im Wissen: Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit. Sie ist eine kulturelle Leistung und muss wie jede solche gelernt und gepflegt werden. Die Schule ist dafür nicht nur ein möglicher Ort, sie ist der entscheidende.

Ungarn nach Orbán: Hoffnung ist kein Zustand, sondern eine Aufgabe

Die Abwahl von Viktor Orbán markiert einen politischen Einschnitt, der in Europa lange für kaum möglich gehalten wurde. Über Jahre hinweg hatte sich in Ungarn ein System verfestigt, das durch schrittweise Aushöhlung rechtsstaatlicher Strukturen auszeichnete. Wahlen fanden statt – doch ihre Bedingungen waren zunehmend verzerrt. Dass es nun dennoch zu einem Machtwechsel gekommen ist, verweist auf eine Grenze politischer Steuerung: Selbst konsolidierte Machtapparate sind nicht unangreifbar, wenn gesellschaftliche Zustimmung erodiert.

Diese Wahl ist zunächst ein politisches Signal. Sie zeigt, dass auch in sogenannten „illiberalen Demokratien“ die demokratische Substanz nicht vollständig zerstört ist. Es gibt einen Punkt, an dem sich gesellschaftliche Unzufriedenheit trotz institutioneller Hürden, medialer Dominanz und strategischer Eingriffe in das Wahlsystem artikuliert. In diesem Sinne ist die Abwahl Orbáns weniger ein Wunder als ein Ausdruck politischer Sättigung: Ein grosser Teil der Bevölkerung hat entschieden, dass die bestehende Ordnung ihre Legitimität verloren hat.

Aus diesem Signal vorschnell eine demokratische Erneuerung abzuleiten, gliche einer Illusion. Politische Systeme verschwinden nicht mit einer Wahl, noch immer existieren ihre. vorgeprägten Bereiche wie Institutionen, Personalstrukturen und informelle Netzwerke. In Ungarn bedeutet das konkret: Schlüsselpositionen in Verwaltung, Justiz, Medien und staatsnahen Stiftungen sind weiterhin mit Akteuren besetzt, die dem alten Machtgefüge verpflichtet sind. Diese Kontinuität wirkt wie ein strukturelles Trägheitsmoment, sie kann Reformen verlangsamen, umdeuten oder blockieren.

Gerade darin liegt die eigentliche Herausforderung der kommenden Jahre. Demokratischer Wandel ist kein punktuelles Ereignis, sondern ein prozessuales Geschehen. Wahlen eröffnen Möglichkeiten, sie garantieren keine Ergebnisse. Die neue Regierung wird sich nicht nur politisch, sondern auch institutionell bewähren müssen: durch den Wiederaufbau unabhängiger Kontrollinstanzen, durch die Stärkung der Gewaltenteilung sowie durch die Sicherung medialer Pluralität.

Dabei geht es um mehr als um technische Reformen. Es geht um die Rekonstruktion dessen, was man als demokratische Praxis bezeichnen kann: die Fähigkeit einer Gesellschaft, Konflikte öffentlich auszutragen, unterschiedliche Perspektiven auszuhalten und politische Entscheidungen als gemeinsames Projekt zu begreifen. Demokratie ist in diesem Sinne keine stabile Ordnung, sondern eine fortlaufende Tätigkeit, ein „Gestalten“, das von Regierung und Bevölkerung gleichermaßen getragen werden muss.

Gerade hier liegt eine oft unterschätzte Schwierigkeit. Nach Jahren der politischen Polarisierung und der gezielten Schwächung öffentlicher Diskurse ist das Vertrauen in Institutionen und Verfahren häufig beschädigt. Eine neue Regierung kann dieses Vertrauen nicht verordnen. Sie kann lediglich Bedingungen schaffen, unter denen es sich langsam wieder bilden kann. Transparenz, Verlässlichkeit und die Bereitschaft, die eigene Macht tatsächlich zu begrenzen, sind dafür zentrale Voraussetzungen.

Gleichzeitig ist auch die Bevölkerung gefordert. Wer eine zu autoritäre Ordnung abwählt, entscheidet sich nicht automatisch für eine lebendige Demokratie. Diese entsteht erst dort, wo Bürgerinnen und Bürger sich als politisch wirksam begreifen und die Bereitschaft zeigen, sich einzubringen. Die Erwartung, dass „die da oben“ nun alles richten, wäre nichts anderes als die Fortsetzung jener Passivität, die illiberale Systeme begünstigt.

In diesem Spannungsfeld bewegt sich die gegenwärtige Situation Ungarns. Die Abwahl Orbáns eröffnet einen Möglichkeitsraum – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Hoffnung ist berechtigt, solange sie nicht mit Erwartung verwechselt wird. Denn Demokratie entsteht nicht aus einem Akt der Entscheidung, sondern aus der dauerhaften Bereitschaft, diese Entscheidung immer wieder einzulösen.

Vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Bedeutung dieses Moments: nicht in der Gewissheit eines besseren Zustands, sondern in der Wiedergewinnung einer offenen Zukunft. Eine Zukunft, die gestaltet werden kann, aber gestaltet werden muss.

Die neue Form der Unfreiheit

Technologie, Manipulation und die Erosion des Politischen

«Der Imperativ der Transparenz lässt Informationen frei zirkulieren. Wirklich frei sind nicht die Menschen, sondern die Informationen… Die Menschen sind in Informationen gefangen. Sie legen sich selbst Fesseln an, indem sie kommunizieren und Informationen produzieren.» Byung Chul Han

Totalitäre Regime sind historisch durch ein klares Merkmal gekennzeichnet: Sie entziehen dem Menschen systematisch seine Freiheit. Meinungsäußerung, Presse, Wissenschaft und Bildung werden kontrolliert, Abweichung sanktioniert, Konformität erzwungen. Die Macht operiert offen durch Zwang und Gewalt. Wer sich nicht fügt, wird unterdrückt, weil: unsichtbar gemacht.

Das ist nicht neu, es ist vielfach erforscht, leider ohne wirklich sichtbare Umsetzung. Trotzdem stellt uns die gegenwärtige Situation vor eine noch subtilere, schwerer zu fassende Herausforderung. Die klassische Form der Unterdrückung scheint in vielen westlichen Demokratien überwunden. An ihre Stelle tritt jedoch ein Mechanismus, der weniger durch Verbot als durch Lenkung funktioniert. Es ist weniger Gewalt, als viel mehr Gestaltung von Aufmerksamkeit, Wahrnehmung und Entscheidung.

Diese Entwicklung lässt sich als eine Transformation von Macht beschreiben: von der repressiven zur strukturellen, von der sichtbaren zur unsichtbaren. Während totalitäre Systeme den Menschen zwingen, sich systemkonform zu verhalten, erzeugen digitale Technologien zunehmend Bedingungen, unter denen Menschen freiwillig in einer Weise handeln, die fremden Interessen dient, ohne sich dessen bewusst zu sein. Hier liegt die eigentliche Brisanz.

Von der Herrschaft durch Zwang zur Herrschaft durch Steuerung

Die klassischen Analysen totalitärer Systeme, etwa bei Hannah Arendt, betonen die Bedeutung von Ideologie und Terror. Ideologie liefert die scheinbar geschlossene Welterklärung, Terror sorgt für deren Durchsetzung. Beide zusammen erzeugen eine Realität, in der alternatives Denken nahezu unmöglich wird.

Die digitale Gegenwart benötigt keinen Terror mehr, um Wirkung zu entfalten. Ihre Stärke liegt in der Gestaltung von Möglichkeitsräumen. Algorithmen bestimmen, was sichtbar wird und was nicht, welche Themen dominieren und welche verschwinden, welche Emotionen verstärkt und welche gedämpft werden. Dadurch entsteht eine Form von „sanfter Lenkung“, die nicht als solche erkannt wird.

Der entscheidende Unterschied, welcher zugleich zum Verhängnis wird:
Der Mensch glaubt, frei zu entscheiden, nur dass die Bedingungen seiner Entscheidung bereits vorstrukturiert sind.

Die Ökonomie der Aufmerksamkeit als Machtinstrument

Früher war schnell klar: Es geht um den Profit (fast möchte man sagen, zum Glück nur darum).  Es mag noch so scheinen, doch ist der Profit nicht mehr als Ziel, heute geht es um Herrschaft. Die ökonomischen Interessen mögen immer noch bedient werden, doch sind Profitmaximierung, Marktanteile, Wachstum nur noch nette Beigabe. Große Technologieunternehmen verfügen nicht nur über Kapital, sondern über Daten, Infrastruktur und damit über Einfluss auf Wahrnehmung selbst. Diese Macht ist qualitativ neu, weil mit ihr ganz neue Wirkweisen einhergehen:

  • Sie wirkt präventiv, nicht repressiv
  • Sie formt Präferenzen, statt sie nur zu bedienen
  • Sie operiert individualisiert, nicht massenhaft uniform

Der Philosoph Byung-Chul Han beschreibt diese Entwicklung als Übergang von der Disziplinargesellschaft zur „Psychopolitik“. Das Verhalten der Menschen wird nicht mehr durch äußere Zwänge und Verbote, sondern durch innere Steuerung und Optimierung, bestimmt. Dadurch wird er zum „freiwilligen“ Akteur innerhalb eines Systems, das seine Handlungen antizipiert und lenkt.

Die Unsichtbarkeit der Manipulation

«Überwachung schleicht sich in Form von Convenience in den Alltag ein.» Byung Chul Han

Die eigentliche Gefahr liegt nicht allein in der Existenz dieser Mechanismen, sondern in ihrer Unsichtbarkeit. Ein totalitäres Regime kann erkannt werden (auch wenn es oft durch Ignoranz und Gedankenlosigkeit ausgeblendet wird), denn Zensur ist sichtbar, Gewalt erfahrbar und Unterdrückung benennbar. Digitale Manipulation hingegen entzieht sich der Wahrnehmung: Informationen erscheinen als „neutral“, sind aber selektiert, Meinungen wirken individuell, sind aber verstärkt oder abgeschwächt. Unsere Urteile und Entscheidungen, die wir auf deren Grundlage machen, fühlen sich autonom an, sind aber beeinflusst

Dadurch entsteht eine paradoxe Situation: Wir wähnen uns frei, obwohl die Steuerung immer stärker in unsere Gedanken und Entscheidungsfindungen eingreift.

Politische Konsequenzen: Die Gefährdung von Demokratie und Rechtsstaat

Demokratie beruht auf der Annahme mündiger Bürgerinnen und Bürger, die sich eine eigene Meinung bilden, unterschiedliche Perspektiven abwägen und auf dieser Grundlage Entscheidungen treffen. Der Rechtsstaat setzt voraus, dass diese Entscheidungen nicht manipulativ verzerrt sind. Wird jedoch die Grundlage der Meinungsbildung selbst beeinflusst, gerät dieses Fundament ins Wanken. Konkrete Folgen sind bereits sichtbar: Durch die algorithmische Verstärkung extremer Positionen kommt es immer mehr zu Polarisierungen. Zudem führen die isolierten Informationsräume zu einer immer grösseren Fragmentierung der Öffentlichkeit. Wie die jüngere Vergangenheit zeigt, geht der Einfluss aber noch weiter, indem sogar Wahlen und andere politische Prozesse gezielt manipuliert werden.

Die Gefahr besteht nicht nur in einzelnen Eingriffen, sondern in einer strukturellen Verschiebung: Politik wird nicht mehr primär im öffentlichen Raum ausgehandelt, sondern in unsichtbaren digitalen Architekturen vorgeprägt.

Die Rückgewinnung des Politischen

Die zentrale Frage lautet daher:

Wie kann unter diesen Bedingungen Freiheit erhalten werden?

Hier greifen technische Regulierungen, so nötig und wichtig sie sind, weniger als eine kulturelle und geistige Haltung. Es braucht eine Wiedergewinnung dessen, was man mit Immanuel Kant als „Selbstdenken“ bezeichnen könnte: die Fähigkeit, sich nicht bloß leiten zu lassen, sondern sich ein eigenes Urteil zu bilden. Das setzt aber voraus, dass wir zuerst ein Bewusstsein für die Mechanismen digitaler Steuerung entwickeln und scheinbar neutralen Informationsquellen mit einer kritischen begegnen. Zudem ist die aktive Teilnahme am öffentlichen Diskurs jenseits algorithmischer Filter zentral für unabhängige politische Meinungsbildung. Diese fordert einiges, vor allem aber die Bereitschaft, Unsicherheit auszuhalten, denn eigenes Denken bedeutet immer auch, ohne Garantie zu urteilen.

Fazit: Die leise Verschiebung der Freiheit

Wir stehen nicht am Beginn eines neuen Totalitarismus im klassischen Sinne. Die Formen der Macht haben sich verändert. Gerade darin liegt ihre Gefährlichkeit. Zwar ist es wichtig und lehrreich, die Ursachen und Mechanismen anhand früherer Beispiele zu studieren, aber wir müssen neue Bewältigungsstrategien für die heutigen Gefahren und Angriffe auf die Demokratie und damit unsere Freiheit finden. Diese ist nicht mehr durch offenen Zwang bedroht, sondern durch eine schleichende Aushöhlung. Wir stehen nicht mehr an Verboten an, sondern werden gelenkt. Wir unterstehen keiner sichtbaren Herrschaft mehr, sondern bewegen uns in unsichtbaren Strukturen. Die Herausforderung unserer Zeit besteht darin, diese Verschiebung zu erkennen, bevor sie unumkehrbar wird.

Freiheit geht selten plötzlich verloren. Sie verschwindet, Schritt für Schritt. Immer dann, wo Menschen aufhören, selbst zu denken.

Denkzeiten: Empathie als politische Tugend

«Politik handelt vom Zusammen- und Miteinander-Sein der Verschiedenen.» Hannah Arendt

Die Gegenwart ist geprägt von einer eigentümlichen Zuspitzung. Gesellschaftliche Auseinandersetzungen verlaufen zunehmend entlang verhärteter Fronten, Differenzen werden nicht mehr als Ausdruck pluraler Perspektiven verstanden, sondern als Gegensätze, die einander ausschließen. Wo früher Streit als produktiver Bestandteil des Politischen gelten konnte, dominiert heute nicht selten die Logik der Abgrenzung: Man positioniert sich, grenzt sich ab, weist zurück. Aus Dissens wird Distanz, aus Distanz nicht selten Ablehnung. Und manchmal ist das noch nicht mal das Ende, es geht weiter bis hin zu Formen offenen Hasses.

Diese Entwicklung ist kein bloßes Oberflächenphänomen. Sie verweist auf eine tiefliegende Erosion jener Bedingungen, die ein Zusammenleben in Verschiedenheit ermöglichen. Denn das Politische lebt davon, dass Menschen trotz unterschiedlicher Überzeugungen, Erfahrungen und Interessen in einer gemeinsamen Welt stehen. Wird diese gemeinsame Welt fragil, zerfällt auch die Grundlage, auf der Konflikte überhaupt noch ausgetragen werden können.

Ein zentraler Faktor in diesem Zusammenhang ist das Schwinden öffentlicher Räume. Gemeint sind damit nicht nur physische Orte, sondern soziale und politische Konstellationen, in denen Menschen einander begegnen können, ohne bereits durch Zugehörigkeiten, Milieus oder digitale Filter voneinander getrennt zu sein. Solche Räume ermöglichen es, andere nicht nur als Träger von Positionen wahrzunehmen, sondern als Personen, die aus konkreten Lebenszusammenhängen heraus sprechen und handeln.

Hannah Arendt hat diesen Raum als Erscheinungsraum beschrieben: als Ort, an dem Menschen sowohl in ihrer Gleichheit als Handelnde, als auch in ihrer Verschiedenheit als Einzelne sichtbar werden. Öffentlichkeit ist in diesem Sinne keine bloße Bühne für vorgefertigte Meinungen, sondern ein Erfahrungsraum, in dem sich zeigt, dass andere die Welt anders sehen. Wo Begegnung jedoch ausbleibt, werden Differenzen nicht mehr erfahren, sondern lediglich behauptet. Die Perspektive des anderen wird nicht mehr nachvollzogen, sondern vorab bewertet. Urteile entstehen, ohne dass zuvor ein ernsthafter Versuch des Verstehens unternommen worden wäre. In dieser Verkürzung liegt eine wesentliche Quelle jener Verhärtungen, die das politische Klima vielerorts prägen.

An dieser Stelle gewinnt die Fähigkeit der Empathie ihre zentrale Bedeutung. Empathie ist mehr als Mitgefühl, sie ist mehr als zu sagen: «Ich fühle mich dir» oder noch mehr: «Ich fühle dich», wie es irgendwann modern wurde. Empathie bezeichnet die Fähigkeit, sich in die Perspektive eines anderen zu versetzen und zu erfassen, wie sich die Welt aus dessen Sicht darstellt. Sie ist damit keine bloß emotionale Disposition, sondern eine Form der Perspektivenarbeit, die es erlaubt, die eigene Sichtweise zu relativieren und andere in die eigene Urteilsbildung einzubeziehen.

Bereits Immanuel Kant hat diese Bewegung als „erweiterte Denkungsart“ beschrieben: die Fähigkeit, an der Stelle jedes anderen zu denken. Für Kant ist das eine Bedingung der Urteilskraft, ohne bleibt das Urteil partikular und verfehlt den Anspruch auf Allgemeinheit. Auch bei Hannah Arendt findet sich diese Einsicht wieder, wenn sie betont, dass Urteilen nur im Horizont einer pluralen Welt möglich ist, in der unterschiedliche Perspektiven präsent sind.

Empathie erfüllt in diesem Zusammenhang eine doppelte Funktion: Zum einen wirkt sie der Tendenz entgegen, andere vorschnell entlang der eigenen Maßstäbe zu bewerten. Sie eröffnet die Möglichkeit, Differenz als Ausdruck unterschiedlicher Erfahrungszusammenhänge zu begreifen. Zum anderen trägt sie dazu bei, die gemeinsame Welt überhaupt aufrechtzuerhalten. Denn diese Welt entsteht nicht aus Übereinstimmung, sondern aus der Fähigkeit, Verschiedenheit zu vermitteln, ohne sie aufzuheben.

Allerdings ist Empathie keine rein individuelle Leistung. Sie ist auf Bedingungen angewiesen, die sie ermöglichen. Ohne öffentliche Räume, in denen Menschen einander begegnen, bleibt Empathie abstrakt oder reduziert sich auf wohlwollende Vorstellungen ohne reale Grundlage. Erst die konkrete Erfahrung des Anderen – seine Stimme, seine Präsenz, seine Andersheit – schafft den Anlass und die Notwendigkeit, die eigene Perspektive zu überschreiten.

Das bedeutet nicht, dass Empathie Konflikte auflöst oder immer zu Konsens führt, im Gegenteil: Eine lebendige politische Ordnung wird immer von Spannungen durchzogen sein. Empathie zielt nicht auf Harmonie, sondern auf ein Verstehen, das dem Urteil vorausgeht. Sie sorgt dafür, dass Differenzen nicht unmittelbar in Feindschaft umschlagen, sondern als Teil einer gemeinsamen Welt bearbeitet werden können.

In einer Zeit, in der Polarisierung zur dominanten Form politischer Auseinandersetzung zu werden droht, ist diese Fähigkeit von grundlegender Bedeutung. Wo das Verstehen vor dem Urteilen verschwindet, verliert das Politische seinen Raum. Empathie eröffnet die Möglichkeit, diesen Raum zu erhalten nicht, indem sie Unterschiede einebnet, sondern indem sie sie verstehbar macht.

Das Zusammenleben in einer pluralen Gesellschaft verlangt daher mehr als Regeln und Institutionen. Es verlangt eine Praxis der Perspektivenübernahme, die den anderen nicht vorschnell festlegt, sondern ihn zunächst als Träger einer eigenen, sinnhaften Weltsicht anerkennt. Empathie ist der erste Schritt in diese Richtung und vielleicht die entscheidende Voraussetzung dafür, dass aus Gegnerschaft nicht Feindschaft wird.

Politisches: Demokratie muss gelernt und gelebt werden

«Je mehr wir miteinander streiten, desto weniger müssen wir uns empören.» Jörg Sommer

Wir sitzen zuhause vor unseren Bildschirmen, klicken uns durch die sozialen Medien, applaudieren bei denen, deren Meinung wir vertreten, blockieren die, welche uns nicht genehm sind. Idioten sind das, mit denen wollen wir nichts zu tun haben. Wir klagen auf den Staat, der uns Freiheiten streicht, uns ausnimmt, nichts tut für uns, vor allem nicht das, was wir wollen. Wir fühlen uns nicht gesehen und gehört und denken, dass «die da oben» sowieso machen, was sie wollen. Am Sonntag schlafen wir gerne aus, zu Wahlen oder Abstimmungen gehen wir bevorzugt nicht, was zählt schon unsere Stimme. Und wenn dann das Ergebnis nicht in unserem Sinne ist, fühlen wir uns bestätigt.

«Nur die Demokratie kann uns frei machen, weil wir nur in der Demokratie Urheber der Mächte sind, die uns regieren.» Wendy Brown

Wir sind vom Bürger zum Konsumenten geworden, streben nach mehr Geld, Freiheit und Wunscherfüllung, wir sehen den Staat in der Pflicht, zu liefern, ohne dass wir etwas dafür tun. Dass dies nicht der Sinn von Demokratie ist, liegt auf der Hand, dass diese so nicht funktioniert, ist nicht fraglich. Solange wir nicht wissen, dass wir nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten haben, solange wir unsere Aufgabe der Selbstbestimmung und der Teilhabe an politischen Entscheiden nicht ernst nehmen, so lange sind wir Mittäter bei der Zerstörung unserer Demokratie und damit des Staatssystems, das von allen zur Verfügung stehenden doch das sinnvollste wäre.

«Demokratie […] ist eine Form kollektiver Selbstbestimmung, die alle Bürgerinnen und Bürger als gleiche und freie anerkennt. Mit anderen Worten: Demokratie basiert und realisiert Freiheit, Gleichheit und kollektive Selbstbestimmung. Sie ist also Prozess und Ergebnis.» Julian Nida-Rümelin


Was also tun? Wir müssen nicht mal schnell die Welt retten, aber wir sollten damit anfangen, die Demokratie zu retten, indem wir uns wieder als Bürger im Sinne von Citoyen verstehen. Das heisst, wir müssen wieder lernen, aktiv das Gemeinwesen mitzugestalten als Gleiche unter Gleichen und in Anerkennung der Verschiedenheit eines jeden. Oder wie Jean-Jacques Rousseau sich ausdrückte:

„Der Citoyen ist ein höchst politisches Wesen, das nicht sein individuelles Interesse, sondern das gemeinsame Interesse ausdrückt. Dieses gemeinsame Interesse beschränkt sich nicht auf die Summe der einzelnen Willensäußerungen, sondern geht über sie hinaus.“

Nun kommt man nicht einfach als Demokrat zur Welt, Demokratie will gelernt werden und das von klein an. Nur wenn erfährt, was es heisst, als Einzelner Teil eines Ganzen zu sein, mitzubestimmen und mitzugestalten, wird diese Fähigkeiten genügend einüben, um sie dann auch im Hinblick auf das politische Geschehen einzusetzen, so dass wir als pluralistische Gesellschaft unseren Staat und das Zusammenleben darin aktiv gestalten.

Wir müssen demokratische Schulen schaffen, Schulen, die Kindern gerecht werden, in denen sie aktiv beteiligt werden und bei der Umsetzung erfahren, was es heisst, Entscheidungen zu treffen, und die Konsequenzen zu tragen. Sie müssen lernen, Teil eines Ganzen zu sein und als je einzelner in seiner Einzigartigkeit anerkannt sein. Wir müssen Schulen schaffen, die wirklich bilden, nämlich Menschen bilden, die in der Welt, in die sie hineinwachsen, bestehen können, und die sich in dieser als Selbstwirksam erfahren.

Buchtipp:

Julian Nida-Rümelin: Demokratie in die Köpfe. Warum sich unsere Zukunft in den Schulen entscheidet
Wie steht es um unsere Demokratie und was müssen wir tun, um die Demokratie wieder lebendig zu gestalten. Und: Wo müssen wir damit anfangen? Demokratie ist abhängig von demokratischen Bürgern. Demokratisches Verhalten muss gelernt werden und das sollte in den Schulen beginnen – nicht als Wissensvermittlung, sondern durch direkte Erfahrung. Generell bedarf es einer dringenden Umgestaltung unserer Schulen, um diese wieder als Ort des freudigen Lernens für Schüler zu machen, an welchem diese zu demokratischen, selbstwirksamen, aktiven Demokraten werden, die das gemeinsame Leben und die gemeinsame Politik gestalten. Das Buch sollte Pflichtlektüre in Lehrerzimmern, in Schulbehörden und bei Eltern werden.

Zum Autor und Mitwirkenden
Julian Nida-Rümelin lehrt an der Ludwig-Maximilians-Universität in München im berufsbegleitenden Masterstudiengang Philosophie – Politik – Wirtschaft, als Honorarprofessor an der Humboldt Universität Berlin und als Gastprofessor an ausländischen Hochschulen. Er ist Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Berlin und der Europäischen Akademie der Wissenschaften, und Direktor am Bayerischen Institut für digitale Transformation. Er ist Vorstand der Parmenides Foundation. Julian Nida-Rümelin publiziert regelmäßig Zeitungsartikel, Bücher und wissenschaftliche Aufsätze und hält Vorträge in Unternehmen und Verbänden.

Klaus Zierer ist ein deutscher Erziehungswissenschaftler und seit 2015 Ordinarius für Schulpädagogik an der Universität Augsburg. Sein Buch „Ein Jahr zum Vergessen – Wie wir die drohende Bildungskatastrophe nach Corona verhindern können“ versteht sich als pädagogischer Weckruf, der nicht nur die Folgen der Corona-Pandemie in den Blick nimmt, sondern grundsätzlich für eine Weiterentwicklung des Schulsystems entlang humanistischer Grundsätze und empirischer Forschungsergebnisse plädiert.

Angaben zum Buch:
Nida-Rümelin, Julian/ Zierer, Klaus: Demokratie in die Köpfe. Warum sich unsere Zukunft in den Schulen entscheidet, Hirzel Verlag, Stuttgart 2023.

Lesemonat Juli 2023

Der Juli begann im warmen, sonnigen Spanien, ging dann bald in der zuerst warmen, sonnigen, dann kühleren und verregneten Schweiz weiter. Es war ein Monat voller Emotionen, tiefer Gedanken, grosser Lebensfragen und neuer Erkenntnisse. Ich habe mich vier Wochen ziemlich zurückgezogen, habe innerlich und äusserlich aufgeräumt, mich in die Lese- und Schreibarbeit gestürzt, und es wirklich genossen, die Zeit mit mir für mich zu gestalten. Ich bin mir aber bewusst, dass ich dies in der wunderbar privilegierten Position mache, Menschen im Leben zu haben, die da sind, die einen Rahmen und ein Beziehungsgefüge geben, in dem ich aufgehoben bin. Der August steht vor der Tür und damit zieht auch der Alltag wieder ein – und auch das wird wieder schön sein.

Mein Lesemonat war sehr philosophisch-politisch, also ganz so, wie es mir gefällt. Es war teilweise sehr schwere Kost drunter, die so manche Rauchwolke aus dem Hirn aufsteigen liess, aber insgesamt war es ein bereichernder Monat. Ich habe mit Charles Taylor die Quellen des Selbst erforscht, bin dem Ursprung dieses Konstrukts nachgegangen, um nachher mit Franz Wuketits zu fragen, wie viel Moral überhaupt menschlich ist und wie diese zustande kommt. Ich habe mich mit dem Bösen beschäftigt und mit der Freiheit, habe mich des Wertes der Menschenrechte nochmals versichert, die in den Geschlechter- und epistemischen Ungerechtigkeiten sicher oft tangiert werden, habe mich mit Demokratie und der notwendigen Pluralität in dieser befasst, damit, wo und wie wir fremd sein können und andere zu Fremden machen. Und ich bin mit Julian Nida-Rümelin einig gewesen, dass all das in der Schule gelernt und gelebt werden sollte, so dass das letzte Buch eigentlich komplett hätte markiert werden können.

So kann es weitergehen.

Was waren eure Lesehighlights im Juli?

Hier die komplette Leseliste:

Charles Taylor: Die Quellen des SelbstEin Blick auf die Entwicklung der menschlichen Moral und ihren Bezug zum Selbst (-bild) des Menschen. Wie hat sich die Identität des Menschen entwickelt, worauf gründet seine Auffassung dessen, was es heisst, ein handelndes Wesen zu sein. Sehr ausführlich, sehr tief in der Philosophiegeschichte verankert, ab und zu geht der rote Faden gefühlt verloren und es bleibt am Schluss das Gefühl, was nun damit anzufangen sei. Aber: ein Grundlagenwerk, das die verschiedenen philosophischen Standpunkte kompetent zusammenführt. 4
Franz Wuketits: Wie viel Moral verträgt der MenschEine Studie zur Moral, welche nie universal und absolut ist, sondern immer konstruiert von Menschen in bestimmten Gruppen, getrieben von egoistischen Wünschen. Verabsolutierung von Moral zusammen mit Macht wird gefährlich. Viel Geplauder, viel Populismus, einige gute Gedanken, aber mehrheitlich nichts Neues. 3
Bettina Stagneth: Böses DenkenMit Kant und Hannah Arendt auf der Suche nach der Moral, sie zwischen dem radikalen Bösen und der Banalität desselben einpendeln, für eigenes Denken plädieren und Moral als Gefühl der inneren Stimmigkeit sehen, als Hoffnung auf eine bessere Welt, indem wir als aufgeklärte Menschen unseren eigenen Verstand gebrauchen und nicht blinden Gehorsam an den Tag legen. Gute Gedanken in einem Buch über ein spannendes Thema, und doch wurde ich nicht warm damit. Der Sprachstil war zu plauderhaft. 3
Gerhart Baum: FreiheitEin kluges, kleines Buch darüber, was Freiheit bedeutet und was sie von uns fordert. Freiheit ist dem Menschen als Sehnsucht eingeschrieben, wir müssen an einer Welt arbeiten, welche diese möglich macht, eine Welt, in der unsere Werte unser Handeln leiten zugunsten von mehr Gleichheit und Teilhabe, von freiem Leben für alle. Freiheit ist auch eine Verantwortung, nämlich die Missstände zu sehen und dazu beizutragen, sie zu beheben. 5
Gerhart Baum: MenschenrechteEin Blick auf die Menschenrechte, auf ihre Geschichte, auf ihre Notwendigkeit, auf ihre Probleme, und darauf, wie wir für eine bessere Zukunft für die Menschenrechte einstehen müssen. Menschenrechte sind immer Einmischung, aber diese ist notwendig, im die Menschenwürde zu bewahren – für alle. Viele Berichte aus Baums eigener Erfahrung aus seiner Arbeit für die Menschenrechte, aktuelle Analysen. Ab und zu dringt die Parteipolitik durch, aber nie dominant. 4
Scherger, Abramowski, etc.: Geschlechterungleichheiten in Arbeit, Wohlfahrtsstaat und FamilieEine Festschrift für Karin Gottschall mit diversen Aufsätzen zum Thema der Geschlechterungleichheiten. Beleuchtet werden institutionelle, arbeitsmarktstechnische und familiäre Umstände und die jeweiligen Geschlechterverhältnisse. Die Aufsätze sind qualitativ sehr unterschiedlich, von in Wissenschaftssprache verpackten Alltagsweisheiten hin zu analytisch interessanten Erkenntnissen ist alles dabei3
Wendy Brown: Wir sind jetzt alle Demokraten… (in: Demokratie? Eine Debatte)Ist Demokratie zu einer symbolbeladenen leeren Hülse verkommen, in die jeder seine Hoffnungen  stecken kann? Ein Blick auf das Kranken unserer Demokratien, dessen Gründe und die offene Frage: Ist Demokratie wirklich (noch) die richtige Staatsform? Es gilt, genau hinzusehen, was wir wollen, können und was für eine wirkliche Demokratie nötig wäre. 5
Michel Friedman: FremdEine Vergangenheitsbewältigung in Bruchstücken, formal fast lyrisch anmutend, doch es sind mehr Worte. Es sind Fetzen, die sich Zeile für Zeile zu Gefühlen und Bildern formen. Man darf es nicht einfach schnell lesen, sonst lenkt die Form zu sehr vom Inhalt ab. Man muss es langsam, am besten laut (noch besser vorlesen lassen), lesen – und fühlen. Dann berührt es. Tief in der Seele, es bewegt und macht nachdenklich. Und sprachlos.  5
Hadija Haruna-Oelker: Die Schönheit der Differenz. Miteinander anders denkenEin Buch darüber, wie eine Gesellschaft aussehen könnte, die keine Anderen mehr kennt, sondern durch mehr Offenheit, durch die Anerkennung von Menschen in ihrer Diversität, durch gegenseitige Solidarität und Unterstützung ein Verbündetsein von Menschen mit all ihren Verschiedenheiten anstrebt. Dazu bedarf es der Bereitschaft, zuzuhören, Vorurteile, auch eigene, zu entdecken und zu verlernen, um ein neues Miteinander zu lernen. 5
Eva Lohmann: Das leise Platzen unserer TräumeEin Paar, das sich auseinander gelebt hat, er geht schon lange fremd. Doch trennen können sie sich nicht. Eine alleinerziehende Mutter, die Geliebte, denkt an die Frau, deren Mann in ihrem Bett liegt, spricht mit ihr in Gedanken. Lesend gerät man immer tiefer in die Geschichte hinein, denkt mit, fühlt mit, ist gefangen, kann nicht loslassen. Ein Buch, das man nicht aus der Hand legen mag.5
Miranda Fricker: Epistemische UngerechtigkeitBei Ungerechtigkeit dürfe man nicht nur materielle Kriterien gelten lassen, sondern auch die Glaubwürdigkeit von Menschen sei ungerecht verteilt, weil soziale Vorurteile zu einer Marginalisierung bestimmter Gruppen und der Zugehörigen (Frauen, Arme, POC, etc.) führen. Nur indem wir uns dessen bewusst werden, und je einzeln und auch in Institutionen und Systemen die eigenen Vorurteile erkennen und für die Beurteilung von Zeugnissen ausschalten, können wir identitätsstiftende Machtsysteme ausschalten. Alles in allem nichts Neues in eine hochkomplexe Sprache verpackt und (zu) ausführlich mit Argumenten und Verweisen abgestützt. 3
Julian Nida-Rümelin: Demokratie in die Köpfe. Warum sich unsere Zukunft in den Schulen entscheidetWie steht es um unsere Demokratie und was müssen wir tun, um die Demokratie wieder lebendig zu gestalten. Und: Wo müssen wir damit anfangen? Demokratie ist abhängig von demokratischen Bürgern. Demokratisches Verhalten muss gelernt werden und das sollte in den Schulen beginnen – nicht als Wissensvermittlung, sondern durch direkte Erfahrung. Generell bedarf es einer dringenden Umgestaltung unserer Schulen, um diese wieder als Ort des freudigen Lernens für Schüler zu machen, an welchem diese zu demokratischen, selbstwirksamen, aktiven Demokraten werden, die das gemeinsame Leben und die gemeinsame Politik gestalten. Das Buch sollte Pflichtlektüre in Lehrerzimmern, in Schulbehörden und bei Eltern werden.     5+

Klimakrise: Heiligt der Zweck die Mittel oder schaden diese eher der Sache?

Es ist fünf vor Zwölf. Heisst es. Klimakrise. Heisst es. Wir machen unsere Welt kaputt. Wir, das sind die Alten, die, welche schon da waren und den Schlamassel angerichtet haben. Angeklagt werden wir von der jungen Generation. Zu Recht. Sie gehen dafür nicht auf die Strasse, sie kleben sich drauf. Sie zerstechen Pneus, zünden Autos an, bewerfen Bilder mit Kartoffelstock. Und sie kriegen Aufmerksamkeit. Die Medien werden nicht müde, davon zu reden. Die problembewussten Bürger loben das politische Engagement, die Gegner fluchen und verstehen nicht, wie man diese Aktionen gutheissen kann.

«Immerhin kriegen sie Aufmerksamkeit.»

Das ist das Argument, dass dann oft ins Feld geführt wird. Das Engagement mit medienwirksamen Aktionen fällt auf. Und auffallen will man, schliesslich will man die Welt retten.

Die Welt ist in der Tat in einem desolaten Zustand. Wir haben sie benutzt, wir haben sie ausgebeutet, wir lebten, als gäbe es kein Morgen. Weil wir so weit nicht dachten. Und wenn wir daran dachten, hiess es, es sei fünf vor zwölf, wir waren alle entsetzt und machten weiter wie bisher – oder noch schlimmer: Seit über dreissig Jahren ist es nun fünf vor zwölf. Man solle weniger verbrauchen, weniger fliegen, weniger auf Wasser und Strassen verkehren. Die Flieger wurden grösser und mehr, die Schiffe ebenso, die Autoproduktion machte Kosmetik – teilweise mit energiesparenderen Modellen, teilweise nur auf dem Papier.

Haben sie also recht, unsere jungen Klimakleber, wie man sie gerne etwas abschätzig nennt? Ich würde mit einem bestimmten «Jein» antworten. Wir haben es zu weit getrieben, unser Leben in der westlichen Welt kostet zu viele zu viel: Menschen in anderen Ländern, Tiere, die Natur. Aber: Sind das wirklich die Massnahmen, die helfen? Einerseits ist es gut und wertvoll, wenn Demokratie gelebt wird, was immer auch Widerspruch bedeutet. Nur stellt sich die Frage der Mittel. Wären Mittel, die auf positive Weise auf die Missstände hinweisen, nicht sachdienlicher, weil sie weniger Opposition wegen plakativer Aktionen, die man mit wirklich sachlichen Mitteln verurteilen könnte, hervorrufen würden? Zum Beispiel ein Aufruf zum «Tag des Müllsammelns» – diese Massen anschaulich demonstriert wären auch eindrücklich. Dies nur ein Beispiel. Man hätte mit so einer Aktion gleichzeitig auch etwas Gutes getan.

Solche Vorschläge treffen meist auf das Argument, dass damit wenig Aufmerksamkeit generiert würde, sicher weniger als die aktuellen Aktionen. Das mag stimmen. Nur: Was genau bewirken die aktuellen Aktionen? Sie halten Medien, Polizei, Justiz und eventuell Politik in Trab, welche darüber berichten, für Ordnung sorgen, Sanktionen überlegen und Massnahmen gegen die Akteure diskutieren. Die Welt pfeift derweil weiter aus dem letzten Loch. Berechnet man, was all die Aufräumarbeiten und Reparaturen der beschädigten Dinge kosten (an Geld und Ressourcen jeglicher Art), sieht die Bilanz düster aus.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der Aufmerksamkeit als hohes Gut gewertet wird. Likes, Sternchen, Herzchen – je mehr du hast, desto besser bist du. Und dann giltst du was und machst es quasi richtig. Was in den sozialen Medien stimmen mag, verliert leider in einem gelebten, demokratischen Leben, in welchem es darum geht, miteinander in Frieden in einer Welt, die dieses Leben trägt, auszukommen. Da geht es um die Sache. Um Handlung.

Ein kleines Beispiel, wie Klimarettung konkret im Kleinen aussehen könnte:

Sebastião Salgado, ein berühmter Fotograf, wuchs auf einem fruchtbaren Bauernhof auf. Er zog in die Welt, die Eltern wurden alt, der Hof war verlassen, die Erde trocknete aus. Es hörte auf, zu regnen, es war eine unfruchtbare Öde. Salgado zog wieder hin, fing an, Bäume zu pflanzen. Von Hand. Mit seiner Frau, dann mit Helfern. Immer mehr Bäume. Es fing wieder an zu regnen. Das Klima änderte sich. Nachzuschauen ist das im wunderbaren Film «Das Salz dieser Erde».

Wir können nicht alle Bäume pflanzen. Aber wir können etwas bewirken. Auch mit guten und legitimen Mitteln. Diese würden auf mehr Zustimmung auch für die Sache stossen und sicher den einen oder anderen mitbewegen, selbst etwas zu tun. Wir können allein nie die Welt retten. Aber wir können einen Anfang machen. Im Guten. Für die Sache und nicht für blosse Aufmerksamkeit.

Lesemonat Mai 2023

Nachdem im April ein Lesehighlight dem anderen folgte, war der Mai etwas durchzogener. Ich hatte teilweise Mühe, überhaupt zu lesen, fand in viele Bücher nicht rein, unwissend, ob es an mir, an den Büchern, an beiden gelegen hat. Zum Glück besteht das Leben nicht nur aus Lesen, auch wenn das eine wunderbare Sache ist, denn: Ansonsten war es ein grossartiger Monat, der mir unter anderem ein wunderbares Fest mit Musik und Tanz (nur schon beim Drandenken juckt es wieder in den Beinen) auf einem Schiff beschert hat, von dem ich sicher noch lange zehren werde.

Lesend bin ich mit einigen Frauen in deren Vergangenheit gereist, habe mir mit anderen Gedanken über unsere Gesellschaft und die Demokratie gemacht. Ich habe überlegt, was es heisst, am eigenen Platz zu sein und welche Freiheit es ist, da auch bleiben zu dürfen. Ich studierte über soziale Schichten und deren verfügbaren Räume nach, wurde mir einmal mehr darüber bewusst, was es heisst, arm zu sein, und wieso wir als Gesellschaft vor Armut nicht die Augen verschliessen dürfen.

Hier die komplette Leseliste:

Ulrike Draesner: Die Verwandelten – abgebrochenEine tote Mutter, ein adoptiertes Kind, eine Grossmutter, ein Heim der Nazis, viele Namen, manchmal mehrere für eine Person – die Geschichte springt von Person zu Person, von einer Situation zu einer anderen, durch Orte und Zeiten, so dass man kaum einen Zusammenhang findet, geschweige denn einen roten Faden. 
Annika Büsing: Nordstadt – abgebrochenIch-Erzählung einer jungen Frau, flapsig, naiv, mündliche Sprache, spätpubertär-trotzig klingend – es ging mir schlicht auf die Nerven. 
Bruno Heidlberger: Mit Hannah Arendt Freiheit neu denken. Gefahren der Selbstzerstörung von DemokratienEine Darlegung des politischen Denkens Hannah Arendt, die Kritik daran sowie die Gedanken, die auch heute noch aktuell und wichtig sind. Es fehlt ein wenig der rote Faden, doch es ist ein guter und interessanter Überblick, der zeigt, dass diese Denkerin noch wichtig ist.4
Birgit Birnbacher: Wovon wir lebenEine junge Frau aus einem kleinen Dorf geht in die Stadt, um Krankenschwester zu werden. Sie geht in dem Beruf auf, bis ihr ein Fehler unterläuft und sie entlassen wird. Sie geht zurück in ihr Elternhaus, hofft, von ihren Eltern aufgefangen zu werden, doch die Mutter ist nach Sizilien weg und der Vater hofft, von ihr betreut zu werden. Sie ringt körperlich und seelisch nach Luft, sieht sie sich doch all dem, was sie hinter sich gelassen zu haben glaubte, erneut ausgesetzt. Sie ist gefordert, ihren Platz im Leben zu finden. 5
Ulrike Guérot: Wer schweigt, stimmt zu. Über den Zustand unserer Zeit und darüber, wie wir leben wollenEin Aufruf zu mehr Offenheit für andere Meinungen, ein Aufruf für mehr Dialogbereitschaft und Schaffung öffentlicher Räume, um die Demokratie und damit auch unsere Freiheit zu bewahren, statt autoritären Systemen die Hand zu reichen. Im Grundsatz ein guter Ansatz, oft zu populistisch und plakativ, sowie mit fragwürdigen Thesen, welche nirgends abgestützt werden. 3
Bruno S. Frey/Oliver Zimmer: mehr demokratie wagen. für eine teilhabe allerAufbauend auf einer Rede Willy Brandts legen die Autoren ihre Sicht auf die aktuelle Demokratie dar, erklären, wieso Repräsentation und Demokratie nicht gleichzusetzen sind und zeigen Lösungen auf, wie Bürger und Bürgerinnen wieder zu mehr Teilhabe an der Demokratie motiviert werden können. Gute Ansätze, aber mich haben die endlosen Ausführungen historischer Beispiele immer wieder abgehängt. Ein klarerer roter Faden und eine stringentere Argumentation wäre mehr gewesen. 3
Sophie Schönberger: Zumutung DemokratieEin Essay darüber, dass Demokratie auf Gemeinschaft beruht, die dann entsteht, wenn der Einzelne bereit ist, sich mit anderen in diese zu integrieren, die Pluralität anzunehmen und auch auszuhalten. Demokratie ist dann eine Zumutung, wenn der andere nicht verstanden wird, die gemeinsame Basis und das gemeinsame Verbundensein im Staat fehlt. Abhilfe schafft die persönliche Begegnung, die Möglichkeit von sozialen (Kommunikations-)Räumen, die den anderen erfahrbar und dadurch vertrauter machen. 5
Doris Knecht: Eine vollständige Liste aller Dinge, die ich vergessen habeEine alleinerziehende Schriftstellerin mit Zwillingen, die bald ausziehen, erinnert sich an ihr Leben. Sie erinnert in kleinen Episoden an Zeiten aus ihrer Kindheit, aus der Jugend, an ihre Beziehungen. Sie ist sich nie ganz sicher, was davon wirklich erinnert und was vergessen und neu erfunden ist. Und manches ist wirklich vergessen. Es ist eine Zeit des Umbruchs: Die Kinder ziehen aus, ihr Leben allein beginnt – nur wo soll es stattfinden?5
Eva von Redecker: BleibefreiheitWas, wenn Freiheit nicht mehr als Bewegungsfreiheit räumlich, sondern als örtliches Bleiben zeitlich gedacht würde? Wie muss diese Zeit gefasst und gefüllt, wie erfüllt sein, damit sie die Freiheit erlebbar macht, sie überhaupt gewährt? Was, wenn wir das Leben nicht mehr vom Tod her denken, sondern von der Geburt? Wenn in jeder Geburt ein neuer Anfang und damit eine Freiheit des sich neu Erschaffens läge? Wenn wir immer wieder neu geboren und damit frei in der eigenen Gestaltung wären? Das sind die Fragen, denen Eva von Redecker in diesem Buch nachgeht. Es ist ein Sammelsurium an Gedankengängen und Ausflügen, irgendwie fehlt die praktische Relevanz und wirkliche Antwort, aber es ist eine Fundgrube an weiterzudenkenden Ideen und Konzepten.4
Claire Marin: An seinem Platz sein. Wie wir unser Leben und unseren Körper bewohnen.Welchen Platz nehme ich ein auf dieser Welt? Wie stehe ich in der Zeit und im Raum, im Gefüge von Gesellschaft, Familie, Umfeld? Welche Prägungen hinterlassen Räume in uns und gibt es diesen einen, sicheren Platz, der unserer ist? Ein Nachdenken über die Räume unseres Lebens, ausserhalb und in uns selbst. 5
Stine Volkmann: Das Schweigen meiner MutterVier Schwestern treffen sich für die Beisetzung der Urne ihrer Mutter auf Langeoog, der Insel, welche in der Kindheit die schönsten Erlebnisse beheimatete, bis zu einem Sommer, in dem ein Erlebnis alles mit einem Schlag verändert. Waren die vier vorher ein eingeschworenes Team, gingen sie danach innerlich und mehr und mehr auch äusserlich getrennte Wege.Bei diesem Zusammentreffen brechen alte Wunden auf, Vorwürfe, die im Raum stehen, werden ausgesprochen, die Erinnerung wird wieder lebendig. Doch: Hat sie sich in den einzelnen Köpfen wirklich richtig eingenistet? Ein mitreissender Roman mit authentischen Charakteren, einem guten Spannungsbogen in einer flüssig lesbaren Sprache, der gegen Ende etwas an Tempo verliert 4
Franz Xaver Baier: Der Raum. Prolegomena zu eienr Architektur des gelebten RaumsEin tiefer Blick auf die Architektur verstanden nicht als blosse Konstruktion von Häusern, sondern als Schlüssel zur Wirklichkeit. Was macht einen Raum zum Raum, aus welchen Gesichtspunkten heraus ist er wahrzunehmen und was macht diese Wahrnehmung aus dem Raum? Zum Nachdenken anregend, komplex, teilweise verwirrend, originell und Augen öffnend.4
Dieter Lamping: Hannah Arendt. Leben für die FreundschaftDas Porträt von Hannah Arendt aufgrund der von ihr gepflegten Freundschaften. Ihre wichtigsten Freundinnen und Freunde werden vorgestellt und das, was die jeweilige Freundschaft ausmachte anhand von Zitaten und beleuchtet. 3
Brigitte Reimann: Die Geschwister – abgebrochenDie Geschichte einer kleinbürgerlichen Familie in der DDR, von den drei Geschwistern fliehen zwei wegen mangelnder Zukunftsaussichten in den Westen. Ein Bild der gesellschaftlichen Zustände der ehemaligen DDR sowie des Lebens mit Mauern – real und in den Köpfen. Mich hat es zu wenig angesprochen, die verschiedenen Zeitwechsel machten das Lesen zeitweise schwierig. 
Helmuth Plessner: Grenzen der Gemeinschaft. Eine Kritik des sozialen RadikalismusPlessner thematisiert verschiedene Formen menschlichen Zusammenlebens, stellt dabei Gemeinschaft und Gesellschaft gegenüber, indem er der Gesellschaft als offenes System verbundener Menschen, die das Zusammenleben immer wieder neu entwerfen den Vorzug gibt. Es plädiert im Umgang miteinander für Diplomatie und Takt, da dieser zu einem wohlwollenden und feinfühligen Miteinander führt. 4
Esther Schüttelpelz: Ohne mich – abgebrochenEine junge Frau richtet sich nach der Trennung von ihrem Mann wieder neu ein – in ihrer Wohnung und in ihrem Leben. Diese schnoddrige, mit Flüchen und Kakophonien durchsetzte mündlich anmutende Sprache war für mich nicht lesbar. Abbruch nach wenigen Seiten (zweimal versucht mit demselben Ergebnis)
Daniela Brodesser: ArmutDie persönliche Geschichte der Autorin, wie sie und ihre Familie in die Armut gerieten. Zahlen und Fakten zur Armut in Österreich und Deutschland, die Beschreibung, womit betroffene zu kämpfen haben und was Armut aus Menschen und mit Menschen macht. Das Buch versucht, Aufmerksamkeit für ein Thema zu gewinnen, das noch zu sehr als Tabu behandelt und mit Vorurteilen belastet ist. Es fehlt ein wenig die praktische Hilfe, so bleibt es hauptsächlich das Zeugnis einer Betroffenen, das betroffen macht. 3
Pierre Bourdieu: Sozialer Raum und KlassenBourdieu untersucht den sozialen Raum, analysiert, durch welche Kriterien sich Gruppen bilden und was sie zusammenhält. Er thematisiert die verschiedenen Kapitalsorten, welche für die Klassenzuteilung ausschlaggebend sind, und wie sich Repräsentation einer Klasse legitimiert. Die Materie wäre nicht so komplex, wie sie durch die unglaublich unverständliche Sprache dargestellt wird. 3
Katharina Mevissen: Mutters Stimmbruch – abgebrochenEine älterwerdende Frau, deren Mann und Kinder ausgezogen sind, die aber doch als einzige Identität die der Mutter der Erzählerin hat. Herbst ist im Leben und im eigenen Körper, mit beidem kämpft sie und das auf eine so schräge, komische Art, dass es nach einem kurzen Amüsement den Reiz verloren hatte, zumal kein Bezug herzustellen war aus dem eigenen Erleben, Empfinden, aus eigenen Erfahrungen. 
Heinz Bude: Das Gefühl der WeltWorauf gründen Stimmungen in der Welt und wie wirken sie sich aus? Heinz Bude geht diesen Fragen in sehr loser und wenig analytischer Weise eher plaudernd nach, es fehlt ein roter Faden und auch ein Ergebnis. Nett zu lesen, aber es bleibt wenig haften.3

Sophie Schönberger: Zumutung Demokratie

Ein Essay

Inhalt

«Die ‘Herrschaft des Volkes’ setzt voraus, dass sich so etwas wie ein ‘Volk’ im Sinne einer demokratischen Gemeinschaft erst einmal konstituiert und als Kollektiv begreift.»

Eine Demokratie braucht, um wirklich gelebt zu sein, Gemeinschaft. Diese bedarf der Bereitschaft des Einzelnen, sich mit anderen zu verbinden und diese zu bilden. Es geht darum, den anderen als Verschiedenen und doch Gleichen zu akzeptieren und durch eine offene Kommunikation einen Gemeinsinn herauszubilden, der für alle verbindlich ist, auch wenn nicht alle derselben Meinung sind.

Diese Bereitschaft fehlt in der letzten Zeit, die Konfliktfähigkeit hat abgenommen und die Akzeptanz für andere Meinungen schwindet. Wie kam es dazu, dass das Vertrauen in den Staat mehr und mehr schwindet, und was können wir dagegen tun? Wie stark darf der Staat eingreifen in die Kommunikationsmöglichkeiten und -inhalte der Bürger, wo ist die Grenze der Freiheit des Einzelnen im Hinblick auf ein funktionierendes Miteinander?

Diesen und anderen Fragen geht der vorliegende Essay nach.  

Gedanken zum Buch

«Die Hölle sind die Anderen.»

Das wusste schon Sartre und es hat sich bis heute nicht geändert, im Gegenteil. Die anderen, die man nicht versteht, führen dazu, dass es eine Zumutung darstellt, mit ihnen zusammen zu leben. Dieses Nicht-Verständnis führt zu Abgrenzungen, zu Ausgrenzungen, zu Blasenbildungen und Meinungspolaritäten. Dies wird umso mehr verstärkt durch die aktuelle Zeit, in welcher persönliche Begegnungen immer mehr den digitalen weichen.

„Demokratie braucht Gemeinschaft.“

Um da Abhilfe zu schaffen, bedarf es der persönlichen Begegnung. In sozialen (Kommunikations-)Räumen, die den Anderen erfahrbar und dadurch vertrauter machen, entsteht ein besseres Gefühl für die Pluralität und doch Gleichheit der verschiedenen Mitglieder der Demokratie. Aus diesem Verständnis heraus kann sich die Gemeinschaft bilden und entwickelt einen Sinn für gemeinsame Interessen und Ziele für das Zusammenleben.

„Denn die elementaren Mindeststandards des Miteinanderredens, die das Strafrecht vorgibt, müssen auch in Zeiten des Medienwandels effektiv durchgesetzt werden, damit die Kommunikation in der demokratischen Gemeinschaft funktionieren kann. Diese Aufgabe muss der Staat auch als Mittel der Demokratiesicherung selbst wahrnehmen.“

Der Staat hat sich zu lange zurückgehalten bei der Einmischung in die kommunikativen Möglichkeiten und Auswüchse der digitalen Medien. Dadurch ist eine Kommunikationskultur entstanden, in welcher Blasenbildung, Meinungsmanipulation und Aggression sich ausbreiten konnte. Die notwendige Verantwortung für Eingriffe in diese den demokratischen Prozess gefährdenden Auswüchse überliess der Staat bislang zu stark privaten Akteuren. Die Sicherung der Demokratie verlangt aber eine staatliche Regulierung durch klare und rechtlich verbindliche Vorschriften, denn sie sind auch das demokratische Mittel und damit die Sicherung der Demokratiesicherung.

Fazit
Ein wichtiges Buch darüber, was Demokratie bedeutet, woran es heute mangelt und was man dagegen unternehmen kann. Ein Aufruf für mehr Akzeptanz, demokratieförderliche Kommunikation und wirkliche Begegnung.

Angaben zur Autorin
Sophie Schönberger ist Professorin für Öffentliches Recht, Kunst- und Kulturrecht an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und Ko-Direktorin des Instituts für Deutsches und Internationales Parteienrecht und Parteienforschung.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ C.H.Beck; 1. Edition (16. Februar 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 189 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3406800085

Keine Demokratie ohne Dialog

Unsere Gesellschaft ist gespalten. Das hört man in der heutigen Zeit häufig und meistens werden als Grund dafür Corona und die deswegen vom Staat verhängten Massnahmen ins Feld geführt. Ich bin mir nicht sicher, ob dieses die Gründe für die Spaltung sind oder aber sie dieselbe, schon dagewesene, deutlich machten. Neu, davon bin ich überzeugt, ist diese Spaltung nicht, denn Spaltungen gab es immer, sowohl strukturell (arm-reich, das Patriarchat mit der Unterdrückung der Frau, etc.) wie auch in den Gesinnungen der Mitglieder der Gesellschaft. Sie teilen diese immer in zwei Lager: Dafür und dagegen.

Ich bin schon lange der Meinung, dass unser Verhalten einer Demokratie nicht würdig ist, dass wir mit unserer Art des Zusammenlebens die Demokratie gefährden und ad absurdum führen. Wenn man sich anschaut, was Demokratie bedeutet, ergibt sich folgende kurze Definition:

„Als demokratisch im weitesten Sinne bezeichnet man daher heute Machtverhältnisse, in denen Staatstätigkeiten (…) vom Volk durch die Wahl von Vertretern (Repräsentanten) und Vertreterkörperschaften ausgeübt wird, die auf mannigfache Weise (…) zustande kommen und verschieden zusammengesetzt sind. […] Demokratisch nennt man ferner innere Meinungsbildungsprozesse und Beschlussverfahren in Organisationen und Verbänden, zu welchen (analog zur demokratischen Staats- und Gemeindeverfassung) alle Mitglieder chancengleich Zugang haben und in denen sie gleichberechtigt mitwirken können.“ (Wörterbuch der philosophischen Begriffe)

Nun gibt es verschiedene Formen der Demokratie, welche ich hier nicht weiter behandeln möchte. Relevant für mein Thema hier ist nur noch, dass in einer Demokratie freie Menschen frei wählen können und bei solchen Wahlen das sogenannte Mehrheitsprinzip zum Tragen kommt. Das heisst: Bei demokratischen Entscheidungen gilt, was von der Mehrheit der Wählenden (verfassungskonform) bestimmt wird. Dass dies nicht immer befriedigend ist für die Minderheit, die den Entscheid mittragen muss, liegt auf der Hand. Was aber wäre die Alternative? In meinen Augen keine, welche die Vorzüge einer Demokratie behält und etwaige Problematiken beseitigen könnte.

«Die Majorität hat viele Herzen, aber ein Herz hat sie nicht.» Otto von Bismarck

Zentral für eine funktionierende Demokratie ist in meinen Augen ein funktionierender Austausch zwischen denen, welche die Entscheidungsgewalt haben. Nur so kann es gelingen, eine Lösung für Probleme zu erhalten, welche für die grösstmögliche Mehrheit stimmt und für die kleinstmögliche Minderheit trotz allem tragbar ist.

«Demokratie ist, wenn zwei Wölfe und ein Schaf über die nächste Mahlzeit abstimmen.» Benjamin Franklin

Im Wissen darum, dass die überstimmte Minderheit die gefällten Entscheidungen mittragen muss, und in Anbetracht dessen, dass wir auch teilweise über Dinge entscheiden, die gerade die Minderheiten betreffen, ist es wichtig bei solchen Entscheidungen, dass die Minderheiten mit ihren Anliegen mitbedacht werden.

„Man ist gewöhnlich immer desto weniger republikanisch gesinnt, je höher der Rang ist, den man in der Welt bekleidet.» Georg Christoph Lichtenberg

Das Wissen um und das Ausnutzen der eigenen Übermacht ohne Rücksicht und Solidarität sind einer (als sozial verstandenen) Demokratie nicht angemessen. Da fangen die Probleme an, daran krankt in der heutigen Zeit die Demokratie:

Die Fronten sind verhärtet. Es scheint, als ob Menschen nicht mehr an einem Diskurs interessiert sind, als ob Dialektik ein vergessenes Gut und stures Beharren auf der je eigenen Sicht das einzige Anliegen ist. Andere Meinungen werden nicht mehr gehört, sie werden mit eigenen Argumenten in Grund und Boden gestampft. Nützt das nichts, wird der Anders-Denkende als Idiot bezeichnet und bevorzugt zum Schweigen gebracht – in den Sozialen Medien dadurch, dass man ihn ignoriert oder blockiert.

Ausgehend von meiner Hypothese, dass ohne Austausch keine (gelebte und gelingende) Demokratie möglich ist, bedeutet dies den Tod derselben. Wir müssen aber nicht mal in die Politik gehen, obwohl die Staatsform natürlich eine Sicherung der persönlichen Interessen einer Gesellschaft ausdrücken soll (im Idealfall) und damit natürlich relevant ist für den einzelnen Menschen. Schon die Gesellschaft ist eine grosse Gruppe, die oft zu abstrakt klingt. Wir leben darin, aber was ist sie konkret? Schauen wir uns also das Problem im kleineren Rahmen an: Wie gehen wir mit Menschen um, die anders denken? Hören wir uns an, was sie zu sagen haben, wie sie zu ihrer Meinung kommen? Können wir ihre Meinung auch einmal stehen lassen und akzeptieren, dass wir in gewissen Punkten nicht einer Meinung sind? Oder stimmt für uns ein Miteinander nur, wenn einer den anderen überzeugt hat (bevorzugt wir den Anderen)? Die Vehemenz, mit welcher heute Diskussionen ausgefochten (die Kriegsmetaphorik ist bewusst gewählt) werden, besorgt mich.

«Die Demokratie ist die edelste Form, in der eine Nation zugrundegehen kann.» Heimito von Doderer

Was mich ebenso besorgt, ist, dass in solchen Diskussionen nicht nur nicht genau hingehört wird, sondern die Gegenargumente oft auch aus dem Zusammenhang gerissen, falsch wiedergegeben werden und der sie Äussernde durch solche Fehlzuschreibungen verunglimpft wird. Es ist gut und wichtig, eine Meinung zu haben, und eine Meinung muss auch vertreten werden, schliesslich steckt eine Überzeugung dahinter. Was ich aber vermisse, ist die Einsicht, dass wohl keiner allein in jedem Fall immer die ganze Wahrheit sieht oder alles wissen kann. Wer glaubt, Wahrheit erkenne man nur von einem (dem eigenen) Standpunkt heraus, muss auch glauben, dass die Erde eine Scheibe ist – oder hat er die Krümmung gesehen von da, wo er steht? Hinzuhören, wie man etwas auch noch anders sehen kann, oder wie es von einer anderen Warte aus gesehen wird, kann helfen, den eigenen Blick zu weiten. Das kann dazu führen, dass man merkt, dass die eigene Sicht richtig war, weil man im Gedanken des Anderen einen Denkfehler findet, es kann dazu führen, die eigene Sicht zu revidieren oder anzupassen, weil man merkt, dass man etwas nicht bedacht hat, oder es kann zu einer gemeinsamen neuen Meinung führen, welche mehr ist als nur die Summe ihrer Teile, sondern ein ganzheitlicherer Blick auf eine Welt, die so komplex ist, dass einer allein sie kaum je wird erfassen können.

Wenn wir das nun auf die Demokratie anwenden und darauf, wie Menschen, die diese gestalten sollen, agieren müssten, komme ich zu dem Schluss: Es wird uns nur gemeinsam gelingen, die Welt so zu schaffen, dass sie für all die, welche sie bewohnen müssen, eine gute Welt ist, in welcher jeder sich nach seinen Fähigkeiten als Gleichberechtigter entwickeln kann und die Chance hat, zu partizipieren. Dazu bedarf es eines offenen Dialogs unter als gleichwertig Anerkannten, die man als mit sich verbunden sieht, weil sie wie man selber auch, in eine Welt geworfen wurden, die sie sich nicht ausgesucht haben, in welcher sie nun aber ein gelingendes Leben leben möchten.

Philosophisches: Schule machen

Kürzlich las ich ein Interview in „Die Zeit“ mit Wigald Boning, in welchem er folgenden Satz äusserte:

„Ich glaube, wenn man geliebt wird als Kind – dann öffnet das viele Türen.“

Und ich dachte: „Wie wahr!“ Das Gefühl, nicht geliebt zu werden, hängt ein Leben lang nach. Das Gefühl, nicht lieben zu dürfen, weil jede Umarmung von dir zu viel ist, du aber keine kriegst, prägt. Und dann sitzt du irgendwann in deinem Erwachsenenleben und merkst: Ich trau mich nicht. Ich trau mich nicht, darauf zu vertrauen, dass mich jemand lieben kann. Ich trau mich nicht, jemanden zu umarmen, denn meine Umarmungen kommen immer ungelegen. 

Und dann denke ich: Mein Gott, ich hatte das, was man eine behütete Kindheit in einer heilen Welt nennt. Und ich frage mich, wie geht es Kindern, die nicht eine solche Basis haben? Kinder, die Gewalt erleben müssen. Kinder, die aus Familien genommen werden, weil sie misshandelt werden. Kinder, die an einen Ort, in eine Klasse geboren werden, wo sie schon von Anfang an schlechtere Chancen haben – in unserem System. Kindern aus unteren Klassen traut man weniger zu. Experimente haben gezeigt, sie wären zu Gleichem fähig, würde man ihnen das Vertrauen signalisieren, dass sie es schaffen können. Woher sollen sie es nehmen, wenn es ihnen keiner gibt?

Es gibt zum Glück Institutionen, die das auffangen. Und manchmal sind diese richtig gut. Sie schaffen es, dem Kind etwas zu vermitteln, was Liebe heisst. Obwohl es „nur“ Institutionen sind. Sie vermitteln eine Form von Vertrauen:

„Ich glaube an dich!“

Und das Kind kann es glauben, weil eine Beziehung da ist. Und so sollte es in Schulen sein: Jeder kann vieles erreichen. Man muss an ihn glauben, Es ihm mal zutrauen. Keine Schere machen, nicht die Zuwendung nach Klassenzugehörigkeit austeilen. Leider passiert das oft zu wenig. Es gibt private Schulen, doch die können sich viele nicht leisten. Und wenn man landläufig das Modell erklärt, bei Ämtern und staatlichen Schulen vorspricht, kommt als Erstes: 

„Das geht eh nicht.“

Doch, es geht. Es ist sogar finanzierbar. Man müsste es nur wollen. Aber es wäre gefährlich. Plötzlich würden wir Menschen aus allen Schichten bilden, die nachher mündige und fähige Mitbürger wären, die mitsprechen wollen. Plötzlich wäre der eigene Kuchen gefährdet, weil zu viele gelernt haben, ihr Leben in die Hand zu nehmen können, und wissen, dass sie dafür ihre Stimme in einer Demokratie erheben müssen. Das muss man sich erst mal trauen. 

Nur: Wollen wir weiter eine Demokratie haben, die gelebt wird, müssen wir den Weg gehen. Er fängt im Elternhaus an, aber unsere Institutionen sind in der Pflicht. Auf die könnten wir bauen, wenn sie sich dazu entschliessen könnten. Stellt euch vor: Wir bilden plötzlich Kinder aus, die durch diese Ausbildung erfahren, dass sie selber etwas bewirken können, dass sie dadurch eine Verantwortung tragen, das auch zu tun, und die partizipieren wollen an einem gelingenden Miteinander. 

Eine Utopie? Möglich. Aber nur, wenn wir es nicht wagen. Es wäre machbar! Ich glaube dran!

Martha Nussbaum: Königreich der Angst

Gedanken zur aktuellen politischen Krise

Inhalt

„Wenn Menschen Angst voreinander und vor einer unbekannten Zukunft haben, führt dies leicht dazu, dass ein Sündenbock gesucht wird, dass Rachefantasien und ein giftiger Neid auf die Bessergestellten (seien es die Wahlsieger oder die sozial und wirtschaftlich Mächtigeren aufkommen.“

Wir leben aktuell in einer Welt, durch die ein tiefer Riss geht. Die gesellschaftliche Spaltung zeigt sich in verschiedenen Bereichen, sie vergrössert sich in den Verhältnissen von arm und reich, aber auch in den verschiedenen Gesinnungen der Menschen. Menschen bilden Gruppen und stellen sich gegen andere Gruppen, man befeuert sich gegenseitig innerhalb der eigenen Gruppe, der Dialog mit der anders denkenden fällt aus. Das Gefühl eines Miteinanders im Grossen ist schon lange Geschichte und die Gräben werden immer tiefer.

Wie kam es dazu? Was hat dazu geführt, dass sich Menschen immer mehr voneinander entfernen und entfremden? Martha Nussbaum geht diesem Problem auf den Grund und kommt zum Schluss, dass politische Vorgänge immer auf Emotionen gründen, allen voran rangiert die Angst. Menschen sehen sich durch die zunehmende Globalisierung immer machtloser und kleiner, sie fürchten um ihren Platz in der Welt. Aus Angst heraus suchen sie Schuldige für diese Gefühle und finden sie auch: Andere Rassen, Geschlechter, Religionen, etc.

Wir müssen diese Mechanismen erkennen, damit wir sie aus der Welt schaffen und wieder zusammenwachsen können. Martha Nussbaums Buch ist ein guter Weg dahin.

Weitere Betrachtungen

„Die Schuldzuweisung gibt uns eine Strategie an die Hand: Jetzt werde ich meinen Willen mit Toben und Lärmen durchsetzen. Doch sie drückt auch ein ihr zugrunde liegendes Bild von der Welt aus: Die Welt sollte uns geben, was wir verlangen. Wenn Menschen das nicht tun, sind sie böse.“

Niemand ist gerne machtlos, man möchte etwas tun, man möchte sich die eigene Welt sichern und sich in der Welt, in der man lebt, zu Hause fühlen. Aus dieser Hilflosigkeit und Angst heraus begehren wir auf, wir nutzen soziale Medien und die Kraft der Gruppe, um unseren Unmut kundzutun. Wir fühlen uns in der Gruppe stark und gehen gegen die Sündenböcke los. Und bei dem Unterfangen erwarten wir, dass der Staat hinter uns steht. Er soll uns die Welt bereiten, die wir uns wünschen. Tut er das nicht, unterstellen wir ihm falsche Interessen und Prioritäten.

In dieser Haltung zeigt sich eines deutlich: Der Mensch sieht sich als Konsument in einer Welt, die für ihn wie ein Markt funktionieren soll. Während laut Forderungen zur Befriedigung der eigenen Interessen gestellt werden, schwindet die aktive Teilhabe an politischen Vorgängen immer mehr.

„In allen Gesellschaften werden Gruppen von Menschen marginalisiert und als zweitrangig behandelt… Im Gegensatz dazu ist in modernen Demokratien die. öffentliche Norm in der Regel eine des gleichen Respekts und der gleichen Berücksichtigung. Wenn es zur Herabstufung einer Gruppe kommt, verletzt dies die eigenen Gerechtigkeitsnormen der Gesellschaft.“

Die Demokratie ist die Staatsform, in der die Macht beim Volk liegt, sprich, das Volk hat es durch seine Teilhabe in der Hand, die Umstände im Sinne der eigenen Werte zu gestalten. Die Verfassung ist Ausdruck dieser Werte, die Umsetzung kann durchgesetzt werden. Dazu bedarf es aber der aktiven Teilhabe durch staatliche Rechtsmittel, lauter Protest und innerstaatliche Grabenkämpfe sind da wenig hilfreich.

Wir müssen aufpassen, denn:

„Die Demokratie kann zerbrechen, wenn wir der Angst nachgeben.“

Persönlicher Bezug

„Sokratisches Denken ist eine Praxis der Hoffnung, weil es eine Welt des Zuhörens, der leisen Stimmen und des gemeinsamen Respekts vor der Vernunft schafft.“

Ich wünsche mir eine Welt, in der wir wieder miteinander reden und gemeinsam für die gute Sache kämpfen. Ich wünsche mir eine Welt, in der nicht der recht hat, welcher am lautesten schreit, sondern wir durch das Zusammentragen von verschiedenen Stimmen eine gemeinsame Lösung finden. Ich wünsche mir eine Welt, in der wir einander wieder zuhören, voneinander lernen, aneinander wachsen. Ich wünsche mir eine Welt, in der wir uns nicht immer weiter voneinander entfernen, sondern wieder mehr zusammenwachsen.

Fazit
Ein tiefgründiges, differenziertes und doch gut lesbares Buch über das Phänomen der Angst und deren gefährlichen Folgen für die Gesellschaft und die Demokratie. Sehr empfehlenswert.

Autorin
Martha Nussbaum ist Philosophin und Professorin für Rechtswissenschaften und Ethik an der University of Chicago. Mit ihrem umfangreichen Werk hat sie mehrere Literaturpreise und über sechzig wissenschaftliche Ehrengrade erhalten und gilt als eine der profiliertesten Philosophinnen der Gegenwart.

Angaben zum Buch
Herausgeber: wbg Theiss in Wissenschaftliche Buchgesellschaft (WBG); 1. Edition (14. Januar 2019)
Gebundene Ausgabe: 304 Seiten
Übersetzung: Manfred Weltecke
ISBN-Nr.: 978-3806238754

Wie retten wir unsere Demokratie?

Am 24. Juni 1995 wurde Südafrika zum Rugby-Weltmeister gekürt. Rugby war in Südafrika bis dahin der Sport der Weissen gewesen, Schwarze wurden lange Jahre vom Sport ausgeschlossen. Nelson Mandela wollte aufzeigen, dass Sport verbinden kann, er überreichte dem Siegerteam in dessen Trikot die Trophäe und zu Tränen gerührt verkündeten die Spieler, diesen Sieg für ganz Südafrika geholt zu haben. An diesem Abend feierten alle gemeinsam, Schwarze und Weisse, diesen Triumph. Die Springboks, die früher für die Apartheid standen, wurden zu einem Symbol der Hoffnung. Das hätte nach den Jahren der Apartheid mit all ihren grausamen, diskriminierenden Massnahmen gegen die schwarze Bevölkerung der Anfang eines friedlichen Zusammenlebens sein können. Leider fehlte dafür der Mann, der es in die Hand nahm, und die rassistischen Zustände in Südafrika verstärkten sich wieder.

Was Nelson Mandela aufzeigte, war, dass wir verbindende Massnahmen brauchen, keine trennenden, wenn wir einem System Herr werden wollen, das Menschen diskriminiert. Die Menschen weiter gegeneinander aufzuhetzen, um eigene Interessen (so wichtig und richtig sie auch sein mögen) durchzusetzen, wird zu keinem friedlichen Miteinander führen. Leider ist das bis heute in vielen Köpfen nicht angekommen, im Gegenteil:

Immer mehr (mehrheitlich) Linke konzentrieren sich auf eine Identitäts-Politik, indem sie sich auf eine Gruppe von Minderheiten konzentrieren, deren Rechte sie durchsetzen wollen. Zwar ist der Einsatz für benachteiligte Gruppen und deren Gleichberechtigung und Würde zu befürworten, allerdings werden dazu aktuell mehrheitlich Opfernarrative bemüht, welche dazu dienen sollen, sich gegen andere Gruppen zu behaupten. Das führt dazu, dass es zu einer immer grösseren Aufspaltung der Gesellschaft kommt. Die Menschen fühlen sich nicht mehr als Teil der (staatlichen) Gemeinschaft, sondern als Teil einer kleinen Gruppe, welche gegen andere Gruppen kämpft. Die Solidarität untereinander nimmt ab, der Blick aufs Gemeinwohl schwindet zugunsten der Fokussierung auf partielle Interessen. Der Politologe Francis Fukuyama sieht in dieser Bewegung die Gefahr eines neuen Tribalismus.

Dass bei dieser Entwicklung immer auch Menschengruppen durch die Maschen der Aufmerksamkeit fallen, bleibt nicht aus. Vor allem die Arbeiterklasse, mehrheitlich weisse Europäer, Menschen, die finanziell und sozial am unteren Ende der Gesellschaft stehen, fühlen sich nicht mehr beachtet, sie fühlen sich in ihren Sorgen und Nöten nicht mehr wahr- und ernstgenommen und damit in der Gesellschaft und von der Politik nicht mehr repräsentiert. Das spielt populistischen Parteien in die Hände, die sich diesen Menschen annimmt und ihnen versprechen, was sie vermissen. Sie scheinen ihnen so die verloren gegangene Würde zurückzugeben. Diese Tendenz zeigt sich in vielen Nationen, in denen es zu einem deutlichen Rechtsrutsch und zu Erfolgen populistischer Parteien gekommen ist.

Ich denke, in unseren Breitengraden kann man von einer allgemeinen Befürwortung des demokratischen Systems sprechen – welches andere politische System wäre besser? Eine liberale Demokratie gestattet es dem Menschen, in grösstmöglicher Freiheit im Wissen um den Schutz derselben und der eigenen Person und Eigentumsverhältnisse zu leben und an der Steuerung des Landes teilzuhaben durch die demokratischen Mittel, die das Volk gemeinsam in den Händen hat. Nur: Diese Befürwortung verkommt mehr und mehr zur Theorie, die tatsächliche Lage der Nation sieht anders aus.

Wollen wir die Demokratie retten und damit ein Gesellschaftssystem der Teilhabe bewahren, müssen wir den Blick wieder vermehrt auf das Gemeinwohl lenken. Oft wird das mit einem Abbau individueller Rechte und Freiheiten gleichgesetzt, was aber nicht stimmt, eigentlich im Gegenteil. Indem wir uns politisch dafür einsetzen, dass wir ein System realisieren können, in welchem Diskriminierung und Unterdrückung beseitigt werden, in welchem jeder Bürger die gleichen Rechte an der Teilhabe und Möglichkeiten, seine Fähigkeiten zu verwirklichen, hat, verbessern wir die Lage jedes Einzelnen und fördern auch das Gemeinwohl, weil eine Gesellschaft mit weniger Ungleichheiten zugleich eine besser gestellte ist, eine, in welcher Menschen untereinander eine Verbindung spüren und nicht gegeneinander ins Feld ziehen.

Die Grundfragen, die sich stellen, sind immer wieder dieselben:

Was ist ein gutes Leben?
In was für einer Gesellschaft wollen wir leben?

Wenn wir nur darauf fokussieren, was für uns persönlich ein gutes Leben wäre, dabei nicht berücksichtigen, dass wir als Individuen nie ohne die soziale Welt auskommen können, ignorieren wir die Bedingungen, die überhaupt erst ein gutes Leben ermöglichen. Der Blick auf Einzelinteressen wird immer zum Ausschluss der Anderen führen und damit nichts Gutes bringen. Identitätspolitik, die nur die Interessen der eigenen Gruppe vertritt, wird für diese Gruppe und die Gemeinschaft keine gute Welt schaffen. Es wäre an der Zeit, sich wieder mehr auf den integrativen Charakter der Demokratie zu konzentrieren. Wir müssen als Gemeinschaft für gerechte Strukturen innerhalb unseres demokratischen Systems sorgen, wir haben es durch unsere Teilhabe an politischen Entscheiden in der Hand, unser Land mitzugestalten und damit die Lebensbedingungen der Menschen in ihm.

Fukuyamas Lösung für das Problem besteht darin, „größere und einheitlichere nationale Identitäten zu definieren, welche die Mannigfaltigkeit liberaler demokratischer Gesellschaften berücksichtigen“*. Es gilt, ein nationales Bewusstsein zu entwickeln, das auf Rechtsstaatlichkeit, Gleichberechtigung und Menschenwürde baut und nicht durch Volkszugehörigkeit, Rasse, Geschlecht oder Religion bestimmt ist. Dieses einende Bewusstsein könnte auch der Tendenz der letzten Jahre, dass immer weniger Menschen wirklich an der Demokratie partizipieren, entgegen wirken. Dies war nämlich ein weiterer Effekt der vermehrten Individualisierung: Man war kaum mehr bereit, sich für etwas zu engagieren, zu dem man sich nicht zugehörig fühlt.

Um diese Teilhabe wirklich zu befördern, bedarf es einer politischen Bildung, die bereits in der Schule stattfinden müsste. Demokratisches Handeln muss gelernt, Werte und Möglichkeiten müssen vermittelt werden, damit sie umgesetzt werden können. Dazu gehört auch der Blick auf Missstände wie Diskriminierung. Dazu gehört auch der Blick auf historisches Unrecht, das es künftig zu vermeiden gilt. Dazu gehört auch der Blick aufs Ganze, weg vom Einzelnen. Nur wenn wir sehen, dass wir nicht nur vom Staat fordern können, was wir denken, dass es uns gebührt, sondern als Bürger auch etwas zurückgeben müssen, werden wir einen Staat und damit ein Zusammenleben gestalten können, in dem jeder die Anerkennung bekommt, die ihm zusteht, weil er ein Mensch unter Menschen ist und dadurch die gleiche Würde, den gleichen Wert besitzt.

____

*vgl. zu dem Thema Francis Fukuyama, Identität: Wie der Verlust unserer Würde die Demokratie gefährdet

Was kann ich wissen?

„Was kann ich wissen?“

Dies ist nach Kant eine der vier grundlegenden Fragen der Philosophie. Es ist aber nicht nur eine Frage, er drückt damit zugleich aus, dass man wohl nie alles wissen kann, dass das (menschliche) Wissen Grenzen hat. Die Welt ist zu gross, um sie ganz zu erfassen, der eigene Blick ist viel zu eingeschränkt, sogar der Blick der ganzen Menschheit wäre es wohl noch, da es immer Dinge geben wird, die unser Fassungsvermögen übersteigen. Was also von all dem, was es gibt, können wir erkennen, verinnerlichen und zu Wissen erklären?

In den letzten Tagen, Monaten, Jahren schien es auf der Welt immer mehr Menschen zu geben, die alles zu wissen schienen. Sie kannten alle Fakten und Hintergründe, konnten die interpretieren und daraus auch die richtigen Handlungsoptionen ableiten. Mit einer unverwüstlichen Überzeugung riefen sie ihre Meinungen laut in die Welt und waren anderen Argumenten und Meinungen gegenüber verschlossen, denn: Sie wussten es ja besser. Ein Diktum sagt: Wissen ist Macht – und diese Macht sahen sie bei sich.

Etwas wissen zu wollen, zeugt von Neugier, es drückt einen Lerneifer aus, der uns lebendig fühlen lässt, weil wir durch alles, was wir lernen, wachsen. Da wir in einer leistungsorientierten Gesellschaft leben, bekommt Wissen noch eine zweite Komponente: Angehäuftes Wissen in Form von Schulabschlüssen öffnet uns die Bahn in die Arbeitswelt, es verspricht Geld und Ehre. Wir können also stolz sein, wenn wir etwas wissen oder können, denn damit erfüllen wir die Massstäbe unserer Gesellschaft. Im Gegenzug dazu gilt Nicht-Wissen als schändlich. Wir fühlen uns dumm, wenn wir eingestehen müssen: Das weiss ich nicht. Die Blösse geben wir uns ungern.

Es stellt sich nun die Frage: Wenn Wissen Macht ist, bedeutet Nicht-Wissen dann nicht auch eine Art von Ohnmacht? Indem ich etwas nicht weiss, unterliege ich der Macht des Wissenden und diese spielen einige gerne aus, weil sie sich in der Machtposition suhlen wollen. Das haben wir schön gesehen in Fällen, in denen Wissen zu nichts weiterem führt als einer Anerkennung in gewissen Kreisen von Gleichgesinnten, aber: Diese Anerkennung war sicher. Durch das geteilte Wissen, das man den selbst erklärten Nicht-Wissenden vor die Füsse warf, sah man sich selber als den Mächtigen und wuchs damit in der eigenen Anerkennung sowie in der eigenen Gruppe, von welcher man Rückhalt kriegte.

Oft wird für solches Verhalten die Demokratie ins Feld geführt, es heisst, man dürfe seine Meinung sagen. Zudem klagt man gut und gerne mit dieser Meinung die eigene Freiheit und die eigenen Rechte ein, die man nach eigenem Befindet gefährdet, wenn nicht zu stark eingeschränkt oder gar eliminiert sieht. Nun sind die Möchtegern-Wissenden meist in der Minderheit, was nicht per se heisst, dass sie falsch liegen, aber: Eine Demokratie fusst auf der Mehrheitsfähigkeit. Mehr noch: Sie steht auch nur dann sicher, wenn sie auf einem gefundenen Konsens basiert, mit welchem sich alle durch einen Austausch auf Augenhöhe einverstanden erklären können. Wenn wir jedoch Fronten bilden zwischen Wissenden und Nicht-Wissenden (die Kategorien sind oft gegenseitige Zuschreibungen) befinden wir uns nicht mehr auf Augenhöhe und ein Dialog ist nicht mehr möglich, oft nicht mal gewollt.

Es sind meist Krisen, die solche Tendenzen offen legen. Die gefühlte Ohnmacht durch die Umstände, eine gefürchtete Bedrohung, die einen den Halt verlieren lässt, bringt das Bedürfnis nach Halt mit sich. Weil wir verlernt haben, an das grosse Ganz zu glauben, suchen wir Rückhalt in kleinen Gruppen, in welchen wir Solidarität mit den eigenen Ängsten, Nöten und Bedürfnissen sowie den eigenen Meinungen finden. Dadurch geht die Solidarität mit der Gesellschaft als ganze verloren. Je tiefer die Spaltung wird, desto grösser die Verbissenheit, das Beharren auf den eigenen Meinungen, da man sich „den Anderen“ immer fremder fühlt und diese dadurch immer mehr zu Feindbildern werden.

„Was können wir wissen?“

Meist nur das, was uns unser eigener Horizont und die aktuelle Situation zugänglich machen. Wissen ist also nie absolut und auch nie abgeschlossen. War die Erde einst eine Scheibe, ist sie nun eine Kugel. Dies nur einer der Irrtümer aus der Geschichte. Der, welcher ihn aufdeckte, hatte keinen einfachen Stand, weil alle anderen es besser zu wissen glaubten. Wenn wir erkennen, dass unser heutiges Wissen morgen überholt sein kann, wäre das ein erster Schritt zu mehr Offenheit und damit weg von der Verbissenheit des Behauptens.

Rilke schrieb einst:

„Ich kann mir kein seligeres Wissen denken, als dieses Eine: Dass man ein Beginner werden muss. Einer, der das erste Wort schreibt hinter einen jahrhundertelangen Gedankenstrich.“

Im Buddhismus gibt es das, was man Anfängergeist nennt. Es bedeutet, dass man jeden Tag wieder neu in die Welt hinaus gehen und diese wieder mit neuen Augen sehen soll. Erst dann nehmen wir nämlich wahr, was wirklich da ist. Dann ist ein Baum nicht einfach ein Baum, sondern ein ganz spezieller, einzigartiger. Wir sehen die Welt nicht mehr durch den Schleier unserer vorgefassten Meinungen, die alles prägen, sondern in ihrem aktuellen Zustand, der vielleicht anders ist als er gestern noch war. Und ja, vielleicht erweist sich eine Meinung von gestern plötzlich als falsch, vielleicht merkt man, dass man in gewissen Bereichen doch nicht so viel weiss, wie man glaubte. Mit dieser Haltung könnte man auch wieder ins Gespräch kommen, statt dieses gleich im Keim durch eigenes Wissenwollen zu ersticken. Das wäre eine Chance für uns als Menschen und als Gesellschaft. Das wäre ein Weg hin zu mehr Miteinander. Das wäre eine gelebte Demokratie.